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am 30. April 2013
Von Zeit zu Zeit stößt man unversehens auf ein Buch, eines das nicht bereits durch die Marketingmaschine allerorten angepriesen wurde, eines das einen auf unerklärliche Weise anspricht und einnimmt, wenn man die Grundzüge des Plots aus dem Klappentext entnommen und einige Zeilen gelesen hat.
Rober Seethalers „ Der Trafikant“ ist für mich eines dieser seltenen Exemplare, ein Buch dessen Beginn mich sofort überzeugt hat weiterlesen zu wollen und in das Leben von Franz Huchel einzutauchen, von dem Seethaler so wunderbar erzählt.
Die Sprache und Komposition des Romans, der leise Humor, die Melancholie, die Wärme, das Bodenständige und das Poetische, das der Autor so scheinbar mühelos und leichtfüßig in seinem Text erzeugt, darüber kann nicht genug erzählt werden.
Seethalers Sprache ist unverstellt, schnörkellos und ungemein lesbar.
Stimmungsvoll wird hier vom unbedarften Franz erzählt der ein wenig naiv aber ganz offen sein Leben in Wien Ende der 30iger Jahre beginnt. Seine erste Liebe erlebt und, natürlich, unglücklich ist und dann mit Sigmund Freud einen ebenso unwahrscheinlichen wie überforderten Ratgeber in Liebesangelegenheiten findet. Freuds Anwesenheit als Romanfigur ist so beiläufig und überzeugend eingeflochten, das es eine Freude ist. Seethaler erliegt zum Glück auch nie der Versuchung Freud als Figur über Gebühr auszuschlachten. Zentrum der Geschichte bleibt Franz.
Dessen Entwicklung, seine Gespräche mit dem Trafikanten, die Erlebnisse von zunehmender Judenfeindlichkeit, den Veränderungen in der Stadt die durch die Nazis entstehen und was das mit den Menschen und im Leben macht. Seine erste große Liebe, seine Verwirrung und Wut lassen Ihn wachsen aber nicht verzweifeln. Dieser ein wenig verträumte und doch bodenständige, grundehrliche Kerl bewahrt sich seine Menschlichkeit in zunehmend unmenschlicheren Zeiten.
Das alles ist jederzeit überzeugend im Ton erzählt und keine Zeile zu lang. Schon gar nicht langweilig. Ein wunderbarer Roman mit einer Hauptfigur die gewöhnlicher nicht sein könnte und doch so ungewöhnliche Größe beweist.
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am 28. Oktober 2012
"Ich habe seit Jahren kein schöneres Buch gelesen..." sagt die Redaktion Buchkritik des SWR - und ich stimme dem uneingeschränkt zu! Robert Seethalers neuer Roman sticht aus der langen Reihe der Herbstneuerscheinungen leiuchtend heraus. Die Geschichte ist melancholisch, dabei aber spannend und abschnittweise auch humorvoll erzählt. Mühelos schafft es der Autor, dem Schrecklichen und Unfassbaren mit erzählerischer Leichtigkeit und Sensibilität nachezukommen. Der Roman erzählt von den Ereignissen des Jahres 1938, kurz vor dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Der junge Bauernbub Franz wird von seiner Mutter nach Wien geschickt und beginnt dort seine Lehrzeit in einer "Trafik" einem Zeitungs- und Tabakladen. Schon in der ersten Woche trifft er auf den Begründer der Psychoanalyse (und passionierten Zigarrenraucher!) Sigmund Freud - und das Wundersame geschieht: zwischen den beiden höchst unterschiedlichen M;ännern entwickelt sich so etwas wie eine ungewöhnliche Freundschaft. Als Franz sich in die böhmische Varietétänzerin Anezka verliebt, sucht er immer wieder Rat und Beistand bei dem alten Professor. Doch beide bleiben hilflos vor dem großen Mysterium Frau. Währenddessen spitzt sich die Lage in Wien zu - die Nazis gewinnen an Macht - und die Geschichte um Franz, Freud, Anezka und dem alten, einbeinigen Trafikanten Otto nimmt ihren unaufhaltsamen Lauf...

Dieses kleine Buch ist ein Wunder an Erzählkunst, zart, poetisch und doch voller Kraft erzählt es von der Liebe und vom unbändigen Willen zu Überleben. Wie auch in Seethalers letzten Büchern, sieht man die Ereignisse wie in einem Kinofilm an sich vorbeiziehen. Tolle Literatur!
44 Kommentare| 126 Personen fanden diese Informationen hilfreich. War diese Rezension für Sie hilfreich?JaNeinMissbrauch melden
am 4. Januar 2013
Diese unglaublich spannende, berührende, humorvolle und tragische Geschichte hat mich nicht mehr losgelassen. Eines der wenigen Bücher, zu denen du greifst, in jeder freien Minute, um weiter und weiter und weiter zu lesen, nur um dann innezuhalten, denn die 250 Seiten sind endendwollend, und man möchte doch immer noch weiter und weiter und weiter lesen .
Ich schreibe hier nichts über den Inhalt, ich verrate nichts über Franz, nichts über den Professor und nichts über Anezka, kauft, und lest, macht euch selbst ein Bild.
Ich verspreche euch aber, dass ihr große Literatur lesen werdet, ein berührendes Buch, dass scheinbar bodenständig daherkommt.
Weshalb Seethaler es allerdings noch nicht auf die Bestenliste des ORF geschafft hat, bleibt ein Geheimnis.
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am 8. April 2015
Ich habe das Buch auf Grund einer Empfehlung gelesen, die hervorgehoben hatte, dass darin sehr gut beschrieben wird, wie sich die Verbreitung faschistischen und nazionalsozialistischen Gedankenguts um 1938 im Alltagsleben, in diesem Fall Wiens, ausgewirkt hat.
Für Seethaler bildet dies den Hintergrund zu einer Geschichte, in der ein 17-jähringer junger Mann, Franz Huchel, aus Nußdorf am Attersee, von dessen plötzlich mittellos gewordener Mutter nach Wien geschickt wird, um dort Trafikant zu werden.
Im Laufe der Erzählung entwickelt Franz Beziehungen zu drei Personen, seinem Arbeitgeber Otto Trsnjek, zu Prof. Freud, der Kunde in dessen Trafik ist und zu einem böhmischen Mädchen namens Anezka. Aber leider bleiben die Personen der Handlung wie auch deren Beziehungen so papieren, konstruiert und unglaubwürdig, dass mir das das Vergnügen an der Lektüre stark beeinträchtigt hat. Ich möchte das an einigen kurzen Beispielen verdeutlichen:
Am Ende der ersten Begnung mit Freud sagt der Trafikantenlehrling Franz zu ihm: "Aber ich werde mir ihre Bücher kaufen und sie lesen. Und zwar alle von vorne bis hinten!" Freud antwortet: "Hast du nichts besseres zu tun, als die angestaubten Schinken alter Herren zu lesen?" Und weiter: "Geh an die frische Luft. ... Such dir ein Mädchen." Und wie ist nun die Reaktion des Burschen? Man glaubt es kaum:
"Franz sah ihn mit großen Augen an. Ein Zittern lief ihm durch den ganzen Körper. Ja, dachte er, ja, ja,ja! Und im nächsten Moment brach es aus ihm heraus: 'Ein Mädchen!', rief er derart gellend, dass die drei alten Damen, die sich auf der anderen Straßenseite zu einer kurzen Gassentratscherei zusammengerottet (!) hatten, verschreckt ihre kunstvoll ondulierten Köpfe nach ihnen umdrehten." (Von Freud berichtet der Autor im Wesentlichen, dass er in der Berggasse Nr. 19 wohnte, Zigarren rauchte, dass eine wichtige Couch in seiner Wohnung und er selbst sehr alt und gebrechlich war.)
Unvermeidlicherweise lernt Franz auf diesen Rat Freuds hin tatsächlich Anezka kennen und hat mit ihr sein erstes sexuelles Erlebnis. Was bedeutet das für den jungen Mann vom Lande? "Das Feuer, das jetzt zwischen seinen Schenkeln entzündet war, brannte lichterloh und würde nie mehr zu löschen sein, so viel war ihm klar. Dabei - ... - gab es noch so viel zu lernen. Zu kurz war diese Nacht gewesen, selbst ein komplettes Leben schien nicht auszureichen, um das Mysterium Frau in seiner ganzen schrecklichen Schönheit begreifen zu können." Glaubwürdig? Realistisch?
Vielen der Rezensenten, scheint sowas zu gefallen. Mir eben nicht. Ist offenbar Geschmackssache.
Weiter hinten im Roman beobachtet ein kleiner Bub einen Zug, der mit vierhundertzweiundfünfzig politischen Gefangenen vom Westbahnhof nach Dachau abfährt: "...(er) legte die Hand über die Augen. Noch von Weitem, als der Zug sich allmählich im Gegenlicht der Morgensonne(!) auflöste, sah er aus wie ein riesiger, davonkriechender Wurm mit unzähligen winkenden Gliedern." Der Zug fuhr nach Westen - ins Gegenlicht der Morgensonne. "Realismus" pur!
Dennoch enthält der Roman einige beklemmende Stellen, die den sich immer offener gebärdenden Antisemitismus, die Bestürzung über den Anschluss und die Willkür der Gestapo darstellen. Gegen Ende, wenn auch die Emigration Prof. Freuds nach England beschrieben wird, gewinnt der Roman sogar noch einen gewissen Zug und die dargestellten Ereignisse an Tragik.
Ich kann hier nur raten: bevor Sie das Buch kaufen, lesen Sie ein paar Seiten. In einer Buchhandlung oder auch hier bei amazon, das auf der Buch-Webseite ("Blick ins Buch"-Ansicht) den Service "Hier reinlesen und suchen" anbietet. Geben Sie dort z.B. das Suchwort "Freud" ein (oder auch "Gestapo") und es werden Ihnen ein paar Stellen aus dem Roman angeboten, die Ihr Suchwort enthalten. Dann sehen Sie ja, ob Ihnen sowas grad gefällt.
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TOP 500 REZENSENTam 14. Dezember 2012
Wer kleine feine Bücher liebt, die einfach gut geschrieben sind, etwas wie ein Schmunzeln beim Leser genauso auszulösen vermag, wie ihn durch seine Geschichte nachdenklich zum machen ist hier genau richtig. Vor allem die Sprache ist es dann doch, die einen neugierig auf diesen Autor werden lässt, denn man merkt sehr bald, dass Robert Seethaler mehr als eben nur damit umgehen kann, er schreibt glänzend hinreissende Passagen, die den Leser im Herzen treffen und berühren können, was für mich die eigentliche Qualität und Atmosphäre dieser beeindruckenden Geschichte ausmacht.

Wir sind in Wien 1938, der siebzehnjährige Franz Huchel kommt vom Salzkammergut zum Geldverdienen in einen Trafikladen (Kiosk), wo er bei Otto Trsnjek als Lehrling angetellt wird. Die Nazis beeinflussen immer mehr die Atmosphäre der Grossstadt, für Juden wird es immer ungemütlicher, eine beginnende Ähra, die Ungutes nur erahnen lässt und für Viele nicht wirklich einzusschätzen ist. Franz verliebt sich unglücklich in die Böhmin Anezka, die einen herrlichen Dialekt spricht:"Und jetzt will ich dich Burschi!" Allerdings verlieren sich beiden wieder aus den Augen und Franz versucht seine Fragen die er an die Liebe hat, mit Freud zu besprechen, den er eines Tages im Kiosk (Trafikladen) kennenlernt und sich die beiden anfreunden. Ein junger siebzehnjähriger und ein achtzigjähriger philosophieren über die Liebe und die Frauen, die wohl für beide wenig zu begreifen, schon gar nicht zu verstehen sind.

Der politische Einfluss der Hitleranhänger geht auch den beiden Trafikanten nicht vorbei, denn Otto Trsnjek der Trafikladenbesitzer wird eines Tages von der Gestapo abgeholt, Sigmund Freund bereitet seinen Umzug nach London vor, und Franz versucht vergeblich Anezka aufzufinden, obwohl er sich zwischenzeitlich in einem Cabaret entdeckt und bewundert hat. Obwohl es von einem ernsten und präkären Hintergrund erzählt ist, ist Robert Seethalers Roman erstaunlich ausgeglichen gehalten und geschrieben. Die darin geschilderten Menschen beginnt man zu mögen, zu verstehen, ja nach zu empfinden.

Ein berührend geschriebenes Buch über Menschen und dem was sie damals unter den gegebenen Umständen beeinflusst und beschäftigt hat. Eine Geschichte von unerfüllter Liebe, vom Verschwinden von Menschen in einer Gesellschaft erzählt, die immer mehr von einem neuen politischen Regime durchdrungen wird. Robert Seethaler ist ein Autor, der es versteht sich in seine Protagonisten einzufühlen, subtile Empfindungsebenen zu formulieren und in vorzüglicher Sprache umzusetzen vermag. Die Sprache ist trotz ernstem Hintergrund mit einer gewissen Leichtigkeit verfasst, als Leser wird man davon berührt, wie sich diese Menschen im hier zusammengetragenen Plot trotz allem so etwas wie innere Werte und den Zugang zum eigenen Herzen bewahrt haben. Toll geschrieben und volle Punktzahl für einen Autor, der Lust auf mehr macht.

Klare Leseempfehlung.
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Schon ein wenig gewöhnungsbedürftig dieser "Burschi", der Franz, der der Held in dem vorliegenden Buch ist. Er kommt aus der österreichischen Provinz, aus der landschaftlichen Idylle des Attersees nach Wien und wird hier als Lehrling eines Trafikanten (Zeitungen, Rauchwaren, Süßigkeiten) unvermittelt in die politische Umbruchsituation des österreichischen "Anschlusses" an Nazi-Deutschland hineingeworfen, ohne irgendetwas zu verstehen. Weder von der Politik, noch von der Liebe. Franz, ein Simpel, dem aber immer das Herz überfließt, ist mit einem prominenten Trafik-Kunden, Sigmund Freund, ins Gespräch geraten. Von diesem geheimnisumwitterten "Deppendoktor" erhofft sich Franz die Lösung seiner Probleme, z.B. seiner zunehmenden sexuellen Unruhe. Freuds Ratschlag lautet: "Such dir ein Mädchen!"

Gefunden wird Anezka, eine mollige tschechische Illegale, die mit dem offenen, vertrauensseligen Franzl allerdings ganz nach ihrem Belieben umspringt. Franz erfährt zwar mit ihr einige Male das Glück sexueller Erlösung, wird aber im Ganzen heftig vor den Kopf gestoßen.
Das Buch lässt sich angenehm und unterhaltsam lesen. Die Atmosphäre jener politischen Umbruchsituation wird gut und leicht nachvollziehbar gemacht. Allerdings hält es mäkliger näherer Betrachtung wenig stand.

Es lebt von Klischees. Das Wien jener Zeit entsteht wie aus einem nostalgischen Bilderbuch. Dann haben wir immer nur die ganz Guten und die ganz Bösen. Den guten alten Trafikanten z.B., der ein Bein im 1.Weltkrieg verloren hat, und für seine Überzeugung ohne Weiteres in den Tod geht. Sein Peiniger ist der bullige Nazi-Fleischhauer von gegenüber, der den Trafik mit Tierblut und Innereien verunziert, aber beschämt den Blick senkt, als der nur gute Franz ihn mutig ob solcher Untaten anklagt. Franz' Großtat: Er holt eine der drei Nazi-Standarten in der Stadtmitte herunter und hisst die einbeinige Hose des toten Trafikanten. Ein anderer guter Kommunist klettert auf ein Hausdach, enthüllt ein Plakat mit allem, was die Österreicher gerade im Begriff sind zu verraten, und stürzt sich in den Tod.

Freud wird auf menschliches Normalmaß reduziert: ein etwas griesgrämiger, alter Mann, der seine Ruhe haben möchte, aber von dem frischen Buben angetan ist, nicht zuletzt, weil dieser ihm immer eine gute Zigarre mitbringt. Wir erleben sogar eine Sitzung des Dr. Freud mit einer fetten, hysterischen amerikanischen Patientin mit, die dann dem Gelächter des Lesepublikums preisgegeben wird, indem Freud ihr rät, nicht so viele Torten zu essen.

Franzl, der Naturbursch, erweist sich als überraschend beredt und einsichtig. Ebenso seine Mutter, die ihm am Attersee, als er gegen seine Verschickung nach Wien protestieren wollte, noch einfach eine Ohrfeige versetzt, und kaum mit dem Jungen spricht. Später in den Briefen erweist sie sich dagegen als ebenso beredte und weise Frau, die ihren ratlosen Sohn mit guten Ratschlägen fürs Leben versorgt.

Zum Schluss: Warum zieht es Anezka, die herzlose Anezka, 1945 zum Trafik zurück, wo sie eine der rührenden, kleinen Traumgeschichten am Fenster des verlassenen Trafiks vorfindet, die Franz noch auf den Rat Freuds aufgeschrieben hatte und dann öffentlich aushing? (Übrigens eine typische Idee aus unserer Zeit, ebenso wie die einbeinige Hose an der Fahnenstange). Soll mit der zurückgekehrten Anezka etwa angedeutet werden, dass es doch eine tiefer gehende Geschichte zwischen den beiden war? Das hieße, am Schluss die kitschige Bedeutungskeule rauszuholen. Da war nichts. Sie mochte ihn nur ein bisschen wegen seines ansehnlichen "Poscherl".
Also, ein hübsches, freundliches Buch. Aber offen für die Kritik.
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am 31. Juli 2013
Der 17-jährige Franz Huchel verlässt seine Heimat Nußdorf im Salzkammergut, um im fernen Wien eine Lehre als Trafikant anzutreten. Es wird das Jahr 1937 geschrieben. Noch unbeleckt von den politischen Umbrüchen, entdeckt Franz das Großstadtleben und seine vermeintlich unsterbliche Liebe zur böhmischen Varietétänzerin Anezka. Wie so oft liegen Freud und Leid dicht beieinander. Diesmal durchaus im wörtlichen Sinne, denn der junge Franzl lernt Sigmund Freud, Zigarrenliebhaber und Stammkunde der Trafik, kennen.

Zwischen den beiden entwickeln sich zarte Bande einer wunderlichen Freundschaft – von Freud aus eher zögerlich, umso enthusiastischer von Franz vorangetrieben. Doch bald bricht die braune Pest auch in das kleine Leben des jungen Mannes ein und die Liebe zu Anezka schlägt schmerzhafte Kerben in sein Herz. Vollends wird Franzens Alltag auf den Kopf gestellt, als er plötzlich allein die Trafik führen muss und Freud seine Abreise nach England plant.

Der österreichische Autor Seethaler (Die weiteren Aussichten) legt mit diesem Buch seinen vierten Roman vor. Wieder einmal gelingt ihm ein vortreffliches Stück Literatur. Wie der Text so leicht daher kommt, die Worte betörend dahin fließen und dann mit voller Wucht ihre Wirkung entfalten, ist eine Lust. Seethaler schafft es, mit fragilen Formulierungen den brutalen Schrecken der Zeit nachhaltig zu beschreiben. Und wie er den Franzl in dessen grenzenloser Naivität Fragen an den großen „Herrn Professor“ stellen lässt, dass Freud beinah an seinen eigenen Thesen zu zweifeln beginnt, ist so kunstvoll wie witzig, denn Seethalers Meisterhaftigkeit besteht – auch – darin, elegant eine Brücke zwischen Ernst und Humor zu schlagen. Ein schmaler Band, in dem die Weisheit von 1.200 Seiten Wälzern steckt.
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VINE-PRODUKTTESTERam 28. August 2013
Den Jungen, der dem Leser zu Beginn des Romans „Der Trafikant“ begegnet, wird es am Ende des Buches so nicht mehr geben. Selten war die Entwicklung eines Charakters in letzter Zeit spannender zu lesen.

Der siebzehnjährige Franz Huchel wird von seiner alleinerziehenden Mutter im Jahr 1937 aus dem beschaulichen Nußdorf im Salzkammergut nach Wien geschickt. Dort in der brummenden und brodelnden Hauptstadt soll er zum Mann werden und als Trafikantenlehrling einen Beruf ergreifen.
Doch nicht nur die Hauptstadt beschäftigt den Jungen, auch die Bekanntschaft mit Sigmund Freud und die Liebe in Form der Böhmin Anezka wirbeln sein Leben gehörig durcheinander. Und als dann auch noch die politische Wetterlage umschlägt, muss Franz schneller erwachsen werden, als ihm lieb ist.

Mit „Der Trafikant“ gelingt Robert Seethaler ein beeindruckendes Porträt eines Landes im Umbruch und ein Entwicklungsroman, der zu den stärksten und eindringlichsten der letzten Zeit zählt. Er erzählt vom Verlust der Unschuld, denn sowohl Franz als auch das ganze Land Österreich muss erkennen, dass die „gute alte Zeit“ wohl unwiderbringlich vorbei ist.
Seethaler zeigt, wie die Stimmung in den österreichischen Gassen kippt, wie das Volk die Ablösung Schuschniggs und die Machtergreifung Hitlers erlebt und wie das Leben der „kleinen“ Leute beeinflusst wird. Dies geschieht angenehm beiläufig, immer wieder baut Seethaler kleine Passagen ein, die besser als viele Dokumentationen ein Gefühl des damaligen Zeitgeists vermitteln.
Auch die Entwicklung Franz' vom verträumten und unschuldigen Dorfkind hin zu einem Jungen, der gezwungen ist, auf eigenen Beinen zu stehen, ist eindrücklich geraten und mehr als gelungen. Man fühlt mit diesem Jungen mit und sehnt sich auch ein klein wenig nach diesem unschuldigen Gefühl der Kindheit, das in „Der Trafikant“ allmählich verloren geht.

Spielend bedient sich Robert Seethaler verschiedenster stilistischer Erzählformen und vermengt das Ganze traumwandlerisch sicher zu einem beeindruckenden Roman, der aufgrund seiner Qualität besticht.
Es ist ein stilles und kleines Büchlein, das doch so viel mehr zu sagen hat und größer ist als viele andere Romane der letzten Zeit.
„Der Trafikant“ lässt den Leser wehmütig und mit einem nostalgischen Gefühl zurück und schafft ein Miniaturuniversum, das so komprimiert in der deutschen Literatur länger nicht zu lesen war.
Mit diesem Buch etabliert sich Seethaler als einer der interessantesten jungen Autoren Österreichs und lässt auf weitere - nicht unbedingt dicke - große Bücher hoffen.
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am 20. April 2016
SEETHALER, Robert: „Der Trafikant“, Zürich Berlin 2015
Es ist ein Stil, wie man ihn bei heutigen Dichtern nicht findet. Vielleicht sogar so wie vor 50 Jahren. Aber er ist schön. Beschreibend. Detailliert. Robert Seethaler geht mit seiner Schreibweise neue Wege.
Im Roman „Der Trafikant“ geht er ins Jahr 1938 zurück, einem Jahr mit vielen Änderungen, die er aber auf wenige Personen herunterbricht und so anschaulich macht.
Ein Bub aus dem Salzkammergut kommt als Lehrling nach Wien zu einem Trafikanten. Er lernt Sigmund Freud kennen und befreundet sich. Daneben sein erstes Liebeserlebnis mit einer jungen Böhmin.
Seethaler erzählt den „Umbruch“ praktisch an Hand von 4 Personen: dem Lehrling Franz aus dem Salzkammergut, seinem Chef, dem Trafikanten, dem Psychotherapeuten Sigmund Freud und der Geliebten von Franz.
„Der Professor hingegen war dermaßen klug, dass er sich die Bücher, die er lesen wollte, gleich auch selber schreiben konnte.“ (Seite 127)
Zum Altwerden sagt der kleine Franzl als er den Professor so anschaut: „Das Altwerden ist doch eigentlich ein einziges Elend … Was nützte die ganze Gescheitheit, wenn einen die Zeit ja doch irgendwann erwischte?“ (Seite 127)
Freud lässt er sagen „Immerhin ist diese Erkenntnis der erste Schritt im steilen Stiegenhaus der Weisheit“. (Seite 130)
„Je länger sich die Tage ziehen, desto kürzer kommt einem das Leben vor. … was tun die Leute um sich das Leben zu verlängern und die Tage zu verkürzen? Sie reden. Sie reden, plappern, plaudern und erzählen.“ (Seite 237)
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am 29. September 2014
Über den begeistert rezensierten Roman Seethalers "Ein ganzes Leben" bin ich auf "Der Trafikant" aufmerksam geworden. Überschwängliche Rezensionen und ein interessantes Thema (Wien, 30er Jahre, Sigmund Freud) ließen mich dann den Roman lesen. Und ich kann die Begeisterung teilen.

Im Jahr 1937 verlässt der 17-jährige Franz Huchel gezwungenermaßen sein österreichisches Heimatdorf. Er kommt nach Wien, um als Lehrling in einer Trafik, einem Tabak-und Zeitungsgeschäft, sein Glück zu suchen. Eher unbedarft geht er an das Leben heran, hat er doch bisher nicht viel kennengelernt. Eines Tages begegnet er dem Stammkunden Sigmund Freud und es entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft. Franz leidet zudem an Heimweh, als er sich Hals über Kopf in Anezka verliebt. Sein Leben steht nun Kopf, zumal er sich den gesellschaftlichen Umwälzungen jener Zeit nicht mehr entziehen kann. Und Dr. Freud weiß auch nicht wirklich, was zu tun ist.

Aus meiner Sicht bezieht das Buch seine Stärken aus Franz' Geschichte (mit seinem Kontakt zu Dr. Freud) und den politischen Umständen im Wien 1937. Privates Leben kann nicht mehr von der Gesellschaft getrennt werden, sosehr Franz es auch versucht.
Wie die Entwicklung von Franz Huchel beschrieben ist, liest sich schon großartig. Man spürt, wie er in und an der großen Stadt wächst und dabei lernt, sich eine eigene Meinung zu bilden. Und wenn man sich eine eigene Meinung bildet, die eben nicht der gängigen Auffassung entspricht, hat man es schwer. Man gerät zwischen die Fronten, auch wenn den Gegenspielern manchmal gar nicht klar ist, was sie tun. Aber Franz verzagt nicht an seinem Leben, sondern kämpft unverdrossen weiter. Um sein Leben, seine Liebe und seine Freundschaft zu Dr. Freud.

Ich kann diesen Roman nur empfehlen. Geschichte, persönliche Schicksale, dramatische Wendungen, Humor, Liebe. Und das alles in einer Sprache, die fast immer den Nagel auf den Kopf trifft. Teils poetisch, teils erschreckend realistisch brutal. Auch wenn es nicht die Sprache ist, sondern vielmehr die Ereignisse, die einfach schonungslos beschrieben werden. Gegen Ende ändert sich Sprache des Textes. Sie wird etwas künstlerischer. Dies soll wohl die Entwicklung Franz Huchels nachempfinden, aber aus meiner Sicht wäre das gar nicht mehr nötig gewesen. Aber die „neue“ Sprache stört nicht den Lesefluss.

Eine sanfte Melancholie durchzieht den Roman. Eine unterschwellige Lust am Leben. Ein innerer Widerstand gegen alles Ungerechte, gegen die Last die Lebens. Das Buch hallt lange nach.

Hier gilt also: Lesen!
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