Die Beiträge dieses Buches werden von zwei ineinandergreifenden Thesen eingeklammert: Kindheit, so wie wir sie hier und heute vorfinden ist ein gesellschaftliches Ordnungsverhältnis, dass durch die Schaffung spezifischer Orte (Schule, Kinderzimmer usw.), Artikulation von Expertendiskursen, Durchführung religiöser Rituale und politischer Debatten hergestellt wird. Dabei erscheint das Kind als ein natürliches und vor allem unschuldiges Wesen, das als emotional wie normativ überhöht erscheint. Die zweite These behauptet, dass das unschuldige Kind seinerseits von der Politik als Medium bzw. als Chiffre verwendet wird, um die soziale Ordnung aufrecht zu erhalten - so. z.B. in den Debatten um Strafrechtsverschärfungen oder in den Wahlplakaten der Parteien, die das Kind immmer wieder als Figur in Anschlag bringen.
Unter den einzelnen Beiträgen stechen für mich vor allem vier heraus:
- Claudine Vassas veranschaulicht an katholischen Riten in den romanischen Ländern, wie über bestimmte Spiele und Riten (z.B. das Judas verbrennen, an denen Kinder beteiligt werden, das Herrschaftsverhältnis der Christen über die Juden aufrechterhalten wird. Eine zentrale Rolle spielen dabei auch die Chorknaben, die zwar immer als eneglsgleich und unschuldig dargestellt wurden, die gleichzeitig aber auch über das Recht der "Jagd auf den Juden", d.h. sie zu beschimpfen und zu demütigen.
- Grischa Müller zeig anhand der politischen Plakate im 20. Jahrhundert, wie von allen Richtungen (von den Nationalsozialisten über das bürgerliche Lager bis zu den sozialtischen/kommunitischen Parteien) das Kind als Figur verwenden, um einerseits die generationale Ordnung von Kindheit und Erwachsenen aufrechtzuerhalten, andererseits aber auch an die Moral und sopziale Zugehörigkeit der Wähler (zur Nation, zum Führer, zur Arbeiterklasse etc.) zu appellieren. Ausgewählte Plakate zu diesem beitrag bilden dann auch die Illustration des Buches.
- Der Beitrag von Robert van Krieken, der die morlaiche Konstruktion des Kindes in den Debatten um die doli incapax-Klausel in Australien und Großbritannien bzw. die Strafunmündigkeit in Deutschland nachvollzieht, in der das Kind entweder als frech oder als schuldig qualifiziert wird.
- Der Beitrag der Herausgeberin, die sich die politische Debatte um die Verschärfung des Sexualstrafrechts im Zuge der Dutroux-Vorfälle herauspickt, will zeigen, wie Kinder und vor allem "die kleine Natalie" dafür herhalten mussten, um eine eigentlich nur noch der Umsetzung harrenden Reform politisch zu legitimieren. Dabei fand nicht nur eine "doppelte Opferung" des Kindes statt, sondern es trat auch eine Tendenz zur Entpolitisierung der Politik zu Tage, die den Parteienstreit zu Gunsten des "köstlichsten Gut eines Volkes" in ablösen sollte.
Alle versamelten Beiträge kreisen also darum, wie in den verschiedenen sozialen Institutionen und Diskursen das Kind in Anspruch genommen wird, um eine soziale Ordnung zu legitimieren, die das Kind als unschuldig, schutzbedürftig und natürlich konstruiert. Dass in einer solchen Konzeption eine große Macht steckt, ist mehr als einleuchtend, auch wenn auch der Begriff der Chiffre leider nicht explitziert worden ist. Dafür wartet das Buch mit einigen wirklich guten Beiträgen zum aktuellen Stand der Kindheitssoziologie auf, die nicht mit dem moralischen Zeigefinger winken, vielmehr aber eine allzuhäufig der Pädagogik überlassene Problematik ins Visier nimmt, ohne dass Gesellschaft, so wie sie heute funktioniert, nicht denkbar wäre. Es ist deswegen wohl das größte Verdienst dieses Buches, Kindheit sowohl als Herrschaftsverhältnis wie auch als dessen Objekt deutlich vorzuführen
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