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am 25. August 2017
Diese Kurzgeschichten möchte man alle auf einmal lesen. Sehr spannend und auch nicht schnulzig wie ein flacher Liebesroman. Ich werde noch weitere Bücher von Alice Munro verschlingen.
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am 17. Januar 2014
Liebes Leben, auf Englisch Dear Life, was sich richtiger als "Das nackte Leben" als mit dem deutschen Titel übersetzen ließe, präsentiert 14 Stories, die nach dem Willen der Autorin ihre letzten sein werden.

Es sind erzählerische Juwelen; scharfkantig, hart, funkelnd. Munro packt ganze Leben in die wenigen Seiten. Ich empfand es fast als magisch, wie sie den Eindruck zu vermitteln versteht, dass ihre Figuren existiert haben, bevor die Geschichte beginnt, und dass sie ihr Leben danach fortsetzen werden. Sie gibt quasi vor, lediglich einen entscheidenden Moment dieses Lebens zu beleuchten; einen, in dem sich etwas zuspitzt oder das Blatt sich wendet. Diesen Moment breitet sie vor uns mit bestechender Klarheit aus. Das, was sie dabei auslässt, ist ebenso gehaltvoll wie das, was gesagt wird, und in den Leerräumen zwischen Gesagtem und Ungesagtem bleibt reichlich Raum für Resonanz. Ihr Blick scheint, einem Scheinwerfer gleich, den Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit gnadenlos zu erhellen, ist aber nie ohne Mitgefühl. In ihrer knappen, polierten Komplexität klingen Munros Geschichten lange nach und wollen sich erst setzen, bevor die nächste Geschichte in Angriff genommen wird.

Der Titel des Bandes hilft, den gemeinsamen Nenner der Geschichten zu finden. Alle spielen im ländlichen Ontario; die Erzählzeit ist die Zeit der 30er und 40er Jahre. Es geht um die Frustrationen eines Frauenlebens, aber auch um die Last, Ehemann und Vater zu sein. Es geht um Tod und Verlust, um Stolz, Verrat, Enttäuschung, Verletzung, Versagen. Immer aber geht es um die Unberechenbarkeit des Lebens, das unsere Pläne durchkreuzt, die Karten neu mischt, uns überrascht, herausfordert und manchmal fast zerstört.

"Train" ist der Titel der Geschichte, die mich am meisten beeindruckt hat. Wie oft verurteilen wir das Verhalten von Menschen? Wir finden ihre Handlungsweise seltsam, herzlos, unmoralisch. Wir sagen: Wie kann man nur? Ja, wie? Munros Erzählung eines heimkehrenden Soldaten, der scheinbar grundlos vor seinem Heimatbahnhof vom Zug springt und bei der ersten Frau bleibt, die er trifft, macht klar: Nur wenn du die Geschichte eines Menschen ganz kennst, kannst du ihn verstehen. Aber verstehen wirst du ihn. Also urteile nicht. Und das ist nur eine der Geschichten, und nur eine von vielen möglichen Deutungen; ich bin sicher, dass andere Leserinnen noch ganz andere Sichtweisen beitragen könnten.

Die letzten 4 Stories nehmen eine Sonderstellung ein. Sie sind, so lässt uns die Autorin vorweg wissen, die ersten und einzigen autobiografischen Geschichten, die sie willens sei zu schreiben. Stilistisch fallen die autobiografischen Erzählungen gegenüber den fiktiven deutlich ab: Sie sind nicht so stringent, poliert und glänzend wie sie. Sie sind, wie sie einmal sagt, "nur das Leben", nicht die Fiktion, die mehr Aussagekraft hat als die sachliche Wahrheit. Trotzdem sind sie bedeutsam in Bezug auf das Phänomen Alice Munro.

Jubilee und die anderen fiktiven Orte Munros stehen für Wingham, den Geburtsort der Autorin in Southwestern Ontario. Ihre Heimat war und ist geprägt von einer für uns Europäer unvorstellbaren Ländlichkeit. Eine Gegend, die sich zwischen Lake Huron und Lake Erie über Hunderte von flachen, eintönigen Kilometern Landwirtschaft erstreckt, unterteilt von seichten Strömen; in den kleinen Städten entlang der Flüsse eine einengende Gesellschaft, deren christlich geprägte Kultur weniger den Glauben, als vielmehr eine Lebenshaltung diktiert. Wie Munro ihre Mutter beschreibt, diese Frau, die sich um jeden Preis von ihrem bäuerlichen Herkunftsmilieu emanzipieren will, lässt ahnen, wie schwer es für Munro gewesen sein muss, ihren Weg zu gehen. Dabei hat sie die Last und Eigenart ihres Ursprungs benutzt, um aus ihren Erfahrungen etwas Großartiges, Neues, aber gleichzeitig auch Allgemeingültiges zu destillieren. Was ihre Figuren fühlen, erleiden, wie sie handeln, was ihnen wichtig ist: Das ist überall auf der Welt ganz genau so. Eben dies macht die große Weisheit von Alice Munro aus.
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am 25. März 2016
Ich kann mich den Lobeshymnen über Alice Munro nicht anschließen.
Manche Geschichten sind schon ganz fesselnd, aber es sind auch viele belanglose Alltagserzählungen darunter, die kaum eine unterschwellige Spannung aufbauen.
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am 16. Januar 2016
Ich kaufte das Buch wegen einer Rezension, die mich komplett ansprach.
Es sind Kurzgeschichten, die den Leser komplett fesseln, aber derart nüchtern geschrieben sind, dass man direkt schockiert ist. Der Titel "Liebes Leben" passt für mein Empfinden gar nicht, denn die Helden der Geschichten gehen alles andere als lieb oder gar zärtlich und mitfühlend miteinander um. Keine der Geschichten endet gut. Oder sie ist mittendrin ganz beiläufig entsetzlich grausam, dass das plötzliche eher nichtssagende Ende schockiert.
Meine Lieblingsgeschichten waren "Amundsen" und "Nacht". Das Leben der 40er Jahre in Ontario war sicher entsprechend hart. Aber so etwas sicher daheim in der warmen Stube zu lesen war recht schwierig für mich.
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VINE-PRODUKTTESTERam 12. September 2015
Mit diesen Erzählungen aus dem Jahr 2012, einige davon betreffen ihr eigenes Leben („Es sind „die ersten und die letzten Dinge, die ich über mein eigenes Leben zu sagen habe“.“), verabschiedet sich eine Meisterin der knappen Geschichten von ihren Lesern. Dieses sechs CDs umfassende Hörbuch (in der dem Buch ähnlicheren Pappausführung; Plastik ist bei mehr als zwei CDs auf Dauer meist ein Ärgernis) bietet nur eine Auswahl an, man wird also nicht umhin kommen, sich auch das gedruckte Buch zuzulegen. Dennoch hat es seinen ganz eigenen Reiz, sich diese Kleinode, am besten mehrfach, vorlesen zu lasen. Christian Brückner und Sophie Rois, beide versierte Sprecher, meistern diese Aufgabe sehr gut, besonders Sophie Rois, von der ich mir nicht alles vorlesen lassen möchte, weil sie zum Theatralischen tendiert, hat sich hier so zurückgenommen, dass sie eine passende Interpretin ist. Etwas anderes würde zu der stillen Wucht, die Munros Geschichten entwickeln, auch nicht passen.

Es ist spätestens seit der Aufmerksamkeit, die der Nobelpreis mit sich bringt, bekannt, dass die mittlerweile hochbetagte Schriftstellerin ihre Geschichten am Küchentisch schrieb und niemals ein Arbeitszimmer besessen hat. Sie schrieb „heimlich“, also, wenn sie für sich war, trotzte sich die Zeit dafür vom Alltag ab, weil, wie sie selbst sagte, Männer zu ihrer Zeit Schriftsteller waren, Frauen jedoch nicht. Eine Frau war, sofern sie ein konventionelles Leben, noch dazu in den ländlichen Weiten der kanadischen Provinz mit Mann und Kindern führte, völlig unabhängig davon, was sie sonst so trieb, unabwendbar und vor allem eine Hausfrau. So wollte es der öffentliche Blick und meist auch der der Familie. Und so präsentieren ihre Geschichten mit unschuldiger blanker Miene oft den ruhigen, genauso oft aber den von Untiefen beherrschten Fluss der Lebenssituationen, in denen sich ihre Protagonisten, meist Protagonistinnen, scheinbar befinden. Scheinbar deshalb, weil das Innenleben eines jeden Menschen anderen eben nicht zugänglich ist. Mit sparsamen und doch immer passenden Worten (einer effizient waltenden Hausfrau) greift sie nach ihren Figuren, holt sie heraus aus ihren Schubladen, präsentiert sie uns und legt sie anschließend unerbittlich sanft an den Platz zurück, den sie einzunehmen haben. Dass sich manche von ihnen in schwierigen, ja schwierigsten Lebenssituationen befinden, von Verlust und Todesnähe, von Ängsten aller Art bedroht werden, ändert nichts an dem gelassenen Ton in dem Alice Munro schreibt. So ist das Leben eben, findet euch damit ab, scheint sie uns mitteilen zu wollen, aber das ist alles Oberfläche: Die Wucht des Ungesagten zeigt sich in der Resonanz beim Leser, der dafür anfällig ist. In diesen Geschichten hausen in den Kellerräumen des Alltags Freud’ und Leid, Glück und Unglück. Auch wenn diese Keller nicht betreten werden, bleibt das Wissen darum, was sich dort im Dunklen verbirgt, vorhanden und prägend. Nichts ist rückgängig zu machen, die Vergangenheit kann man nicht ändern und manchmal ist heute wegen gestern geschlossen.

Verankert sind Munros Kurzgeschichten in den 1950er- und 1960er-Jahren, als die Kriegskinder erwachsen geworden waren. Es ist auch Alice Munros Zeit, die 1931 geboren wurde und ein ähnliches Leben führte, wie die meisten Frauen in ihren Alltagsgeschichten. Aber auch das Innenleben von Kindern und Alten und das der meist schweigsamen Männer sind ihr vertrautes Terrain. „Liebes Leben“, der selbst schon zweideutige Titel mit noch mehr Spielraum für Interpretationen, bietet ein breites Spektrum. Vor allem die Geschichten aus ihrer Kindheit berühren sehr. Geschichten aus längst vergangene Zeiten, wie jeder alte Mensch sie in sich trägt, sind das. Das Kind, das man war, das einen nie ganz verlassen wird, solange man lebt, will einfach nicht schweigen. Es sind universelle Geschichten, denn Gefühle sind immer gleich, sie ändern sich nicht, der Mensch passt sich immer nur seiner Zeit und seinen Umständen an und einige eben nicht, sie brechen aus und häufig stimmt es eben nicht, dass dies ganz plötzlich über sie gekommen ist. Vielleicht haben sie endlich ihren Mut zusammengenommen, die Kellertüren weit aufgemacht, sind hinuntergestiegen und mussten feststellen, dass sie in diesem Haus nicht mehr leben wollen oder können.

Munro-Leser wissen, welcher Sound sie hier erwartet. Er ist so unverwechselbar wie einzigartig und es macht wehmütig, dass es keine neuen Kompositionen mehr geben soll. Aber so ist das im Leben eben. Nichts ist für immer.

Helga Kurz
12. September 2015
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TOP 500 REZENSENTam 16. Dezember 2013
Sie sind konzentriert wie ein Destillat, komprimiert, und manchmal kaum zu greifen. Keine leichte Lektüre für 'mal zwischendurch. Die Erzählungen in diesem Band variieren zwischen 16 und 46 Seiten. Literatur könnte nicht dichter geschrieben sein. Alice Munro gibt mit dem vorliegenden Erzählband ihren literarischen Abschied, den sie bereits bekannt gab. Gleichzeitig ist er so etwas wie eine Krönung ihres Schaffens, prämiert durch den kürzlich vergebenen Nobelpreis für Literatur. Alice Munro zu lesen, bedeutet sich auf anspruchsvollen Stoff einzulassen, der ebenso geschrieben ist. Eine Literatin die sich dem Unscheinbaren, dem Unsicheren, dem Flüchtigen verschrieben hat, ihre Botschaft liegt nicht selten zwischen den Zeilen, einzelne Sätze wirken manchmal so, als ob sie in ihrer wirklichen Dimension nur wage einzuschätzen sind. Ihre Erzählungen kreisen um Träume, um Sehnsüchte, um ganze Lebensdramen. Alice Munro erzählt von Unsicherheiten, von Ängsten, von Befürchtungen, von Ungewissheiten und der vergeblichen Bemühung, seinem Leben eine glückliche Wendung zu geben. Viele ihrer Figuren stehen im Spannungsfeld von Neubeginn und einem gescheiterten Leben, zwischen Einsamkeit und Unwirklichkeit. Hier wird völlig unscheinbar und alltäglich erzählt, unspektakulär und undramatisch nähert sich Alice Munro ihren Lebensdramen an, leise, umeinschätzbar, manchmal flüchtig. Alice Munro erzählt Provinzgeschichten, oft von einfachen Menschen. Menschen die manchmal in ihren Umständen, ihren Geschichten wie gefangen scheinen, wo der stille Schrei nach einem Ausbrechen nicht zu überhören ist und doch: Manche ihrer Charaktere sich wie ihrem Schicksal zu ergeben scheinen. Weil für mich vieles wie nicht greifbar war, habe ich viele Geschichten 2x hintereinander gelesen, manche Passagen sogar öfter. Als ob sich eine Alice Munro in ihrer Vollendung dem Leser nur langsam erschliessen würde. Oft erst beim zweiten Lesen, das gebe ich ehrlich zu, hat sich so etwas wie ein "erstes Erfassen" eingestellt. Wie ein Echo hallt so manche Erzählung nach - unmöglich nach dem Beenden, sofort eine Neue zu beginnen. So erweist sich AM einmal mehr, als ein reichhaltige Kost, die es zum Einen erst einmal zu erfassen und danach noch zu verdauen gilt. Den vorliegenden Band, empfinde zumindest ich als reichhaltiger, konzentrierter und anspruchsvoller, als zwei andere Bände die ich bereits von ihr las. Wenn ich mit etwas Mühe hatte, war es das Nicht-Fassbare. Doch den Leser in einer gewissen "Ungewissheit" zu lassen, öffnet auch Räume für das Eigene..

In DAS AUGE erzählt Munro aus der Ich-Perspektive von der eigenen Kindheit und einem damals siebzehnjährigen Kindermädchens namens Sadie. Sadie wird für die Ich-Erzählerin Identifikationsfigur und Vorbild. Als Sadie zu Tode kommt, wird auch die Ich-Erzählerin auf eine ganz eigene Art- und Weise durch ihren Tod berührt...In DOLLY erzählt Munro von einem Pensionärspäärchen, das den eigenen Tod vorbereiten will. Als eines Tages an der Haustür eine Frau Kosmetik verkaufen will, stellt sich heraus, dass sie den Mann der Ich-Erzählerin von früher kennt....In ZUG erzählt Munro von Jackson, einem Vagabunden und Kriegsheimkehrer. 60er Jahre. Er freundet sich mit Belle an, hilft ihr auf ihrem Hof, renoviert und repariert. Als Belle ins Krankenhaus kommt um eine Operation vorzunehmen, scheint sie sich völlig für ihn zu öffnen. Doch dann trifft Jackson Illeane die er von früher kennt, Munro erzählt von ihrer gemeinsamen Geschichte. Irgendwie scheint es für Jackson mit den Frauen nicht zu klappen. Munro erzählt von seiner Kindheit, seiner Prägung von seiner Stiefmutter. Als es ihm emotional zu eng wird, haut er ab, reisst seine Zelte ab. Waren er und Illeane wohl ein richtiges Paar? In CORRIE erzählt uns Alice Munro eine verbotene Liebe zwischen Howard und Corrie. Als das Hausmädchen Liliane die Liebschaft der beiden entdeckt, zahlen sie ihr Geld, um ihre Liaison zu verschweigen. Doch als Liliana stirbt, und beide auf ihrer Beerdigung sind, werden die beiden von Neuem auf eine ganz eigene Art und Weise, von ihrem Schicksal das sie mit Liliana verbindet berührt...Und schliesslich in KIES beschreibt ein Ich-Erzähler seine Kindheit mit seiner Schwester Caro und seinen Eltern. Als seine Mutter jedoch von Neal, also einem anderem Mann als seinem Vater schwanger wird, zieht die Familie in den Wohnwagen von Neal. Die Mutter erhofft sich mit dem neuen Mann - ein neues Leben. Als Neal von der Schwangerschaft erfährt - sucht er das Weite. Als dann auch noch Caro zu Tode kommt - scheint das familiäre angestrebte Glück völlig erschüttert. Doch wie Caro zu Tode kommt - lässt Munro lediglich in subtilen Andeutungen. Der Ich-Erzähler versucht bis zum Schluss eigentlich, nachzuempfinden - was mit seiner Schwester wirklich geschah...

Munro erzählt von äusseren Dramen und inneren Charakterwelten, die nicht immer ausgedrückt werden, sich doch aber erahnen lassen. Obwohl es manchmal so scheint, als ob wir als Leser keinen Zugang zu den beschrieben Personen bekommen, eröffnet sich paradoxerweise oft ein Zugang im Leser selbst, der betroffen über die erzählten Vorkommnisse nachzusinnen beginnt. Gerade das Nichtausgedrückte zumindest scheint es so, ermöglicht es dem Leser, eine eigene Reflektion zu machen. Das Innere im Verhältnis zum Äusseren steht bei Munro immer in einem gewissen Verhältnis, genauso, wie darin vorkommende Zeit die der Vergänglichkeit überdeutlich anheim fällt. Egal ob Gegenwart, Vergangenheit oder Zukunft, Munro packt ganze Dekaden auf gerade mal 30 Seiten rein, erzählt ganze Lebensverläufe, ganze Leben. Hier werden Menschen in ihrer stillen Suche nach Liebe beschrieben, manchmal zaghaft, manchmal bescheiden, manchmal unerfüllt, manches bleibt im Angedeuteten und Unerfüllten. Munro schafft es den Leser an Ortschaften und in Zeitabschnitte zu führen, wo Lebensschicksale wie aufeinander zulaufen. Es ist der Schmerz von unerfüllter Liebe, die dieses Werk still durchzieht, manchmal tröstend, manchmal traurig. Das Verhältnis zu den eigenen Eltern, der Wunsch fremd zu gehen, Kindheits- und Jugenderlebnisse sind es, die Munro hier ins Licht rückt. Trotz ihren Sehnsüchten leiden die Menschen, oft sind es Frauen die hier beschrieben werden, an ihren (Liebes-)Entbehrungen die manchmal unerfüllbar erscheinen. Die 83-jährige Autorin aus Kanada, packt ihre ganze Lebenserfahrung rein, geht zeitmässig bis an den Rand des zweiten Weltkriegs.

Jedoch ihr Werk und ihre Art zu schreiben in seiner Bau- und Konstruktionsweise analysieren zu können, dürfte schwierig werden - Alice Munro ist schwer einzuschätzen und auszuloten, selbst in manchen letzten Sätzen oder Absätzen einer Erzählung, weiss man im Grunde nie, ob man als Leser auf einer Falltür steht - die sich plötzlich noch nach unten aufreisst und vielleicht mit etwas konfrontiert wird, dass einem den Boden unter den Füssen wegzieht - im freien Fall- versteht sich. Selbst zu den vier letzten Erzählungen die mit der Überschrift "Finale" beginnen und stark autobiographisch vor allem über die eigene Kindheit erzählen wollen, schreibt sie: "Ich glaube, sie sind die ersten und letzten - und die persönlichsten - Dinge, die ich über mein Leben zu sagen habe." Selbst hier sind Andeutung und Nichtgewissheit - wie übrigens im ganzen Buch spürbar. Irgendwie werde ich einfach das Gefühl nicht los, dass Alice Munro eine Autorin ist, die sich erst einem nach und nach erschliesst, als ob sie in ihren Erzählungen kaum unmittelbar zu erfassen wäre. Ihre Erzählungen sind wie ein stiller Ton, der von der Vergänglichkeit des Lebens erzählen möchte. Wer sich Zeit nimmt, hat Aussicht auf etwas, das die Kraft hat, im Leser noch lange nachzuwirken. Wer es aushält, das Nichtgreifbare hinzunehmen, gibt sich die Möglichkeit - eine neue Dimension von etwas zu erfahren, zu was Literatur überhaupt fähig ist. Nicht umsonst hat Alice Munro, die grösste Auszeichnung für ihr literarisches Schaffen bekommen - für was ein Werk überhaupt ausgezeichnet werden kann.

Zitat: "Es gab mehrere Menschen in der Stadt, die ungewöhnlich aussahen, und vielleicht hätte ich sie für einen davon gehalten. Da war der Bucklige, der jeden Tag die Türen des Rathauses wienerte und, soweit ich weiss, nichts sonst tat. Und die völlig ordentlich aussehende Frau, die unablässig laut mit sich selbst redete und Leute ausschimpfte, die nirgendwo zu sehen waren." (339)
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am 7. März 2014
"Mit Seeblick": Eine Frau merkt, dass sie alt und vergesslich geworden ist und beschließt deswegen, 20 Meilen entfernt einen Facharzt aufzusuchen. Als sie in dem kleinen Ort ankommt, kann sie die Arztpraxis nicht finden. Ein hilfsbereiter Mann geleitet sie zu einem Altenheim, in dem der gesuchte Arzt vielleicht praktiziere. Es ist Abend, das Altenheim ist menschenleer. Als sie es wieder verlassen will, kann sie die Ausgangstür nicht öffnen. Sie sitzt im Foyer das Altenheims fest. "Sie macht den Mund auf, um zu schreien, aber es will kein Schrei herauskommen. Sie zittert am ganzen Körper, und sosehr sie sich auch bemüht, sie schafft es nicht, Luft in ihre Lunge zu bringen ... Ruhig. Ruhig. Atmen. Atmen." (S.269). Epilog: Nancy erwacht in dem Altenheim; sie hat von früher geträumt, als ihr Mann noch lebte und sie noch Auto fuhr. Eine Geschichte wie von Franz Kafka: Merkwürdig, verwirrend, beklemmend. Es wird immer enger und auswegloser. Doch dann die überraschende Auflösung: Nancy lebt schon längst in einem Altenheim und hat im Traum noch einmal ihre (und unsere) Ängste vor dem Altwerden durchlebt: Vergesslich werden. Die Eigenständigkeit aufgeben müssen. Sich von Ärzten untersuchen lassen. Irgendwann unfreiwillig in einem Altenheim landen, mit fest verschlossener Ausgangstür. Wer will das schon?

Meisterhaft, wie die 80jährige Alice Munro in diesem Juwel von einer Geschichte das ganze Problem des Altwerdens auf den Punkt bringt. Und jede einzelne der 14 Kurzgeschichten ist so gut, so dicht, so bewegend wie diese.
"Amundsen": Eine junge Lehrerin verliebt sich in den leitenden Arzt eines Heims für tuberkulosekranke Kinder.
"Heimstatt": "Die wichtigste Aufgabe einer Frau ist es, ihrem Mann eine Heimstatt zu bereiten."
"Corrie": Eine gehbehinderte Frau lässt sich auf eine Liebesgeschichte mit einem verheirateten Mann ein; spannend, was die beiden in dieser Geschichte voneinander denken, was sie einander geben und was sie vom anderen nehmen ...
"Nacht": Eine 14jährige träumt davon, wie sie ihre kleine 9jährige Schwester erwürgt. Sie kann nicht mehr schlafen, bekommt Angst vor ihren eigenen Gedanken, vertraut sich ihrem Vater an. Der sagt: "Tja. Menschen haben manchmal solche Gedanken." (S. 328) Und das war's, die 14jährige ist geheilt: "Von da an konnte ich schlafen."

Mein drittes Buch von Alice Munro, meine dritte bewegende Lese-Erfahrung mit dem Sprachgefühl, der Tiefe, der Kraft dieser fröhlichen, lebendigen Literaturnobelpreisträgerin aus Kanada. Unbedingt lesenswert!
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am 8. Dezember 2013
Vielleicht liegt es an der Magie der Vorweihnachtszeit. Vielleicht an den langen Abenden bei Tee und Kerzenlicht.
Ganz sicher aber liegt es an der magischen Erzählkraft von Alice Munro, dass ich die letzten Tage wie im Rausch verbracht habe.
Dabei bin ich ganz sicher kein Leser von Erzählungen. Weil 20 Seiten zu schnell vorbei sind. Und mit der nächsten Story wieder neue Personen, neue Orte auftauchen.
Ein wahrer Leser liest Romane! Dachte ich. Bis zu dem Tag, an dem ich mich auf Munros Erzählungen eingelassen habe.

Mit jeder ihrer Geschichten wird man versetzt in eine Zeit und an Orte, die sehr fern sind. Immer sind es kleine Städte in den unendlichen Weiten Kanadas.
Oft sind es die 30er, 40er oder 60er Jahre. Man gewinnt beim Lesen das Gefühl, neue Freunde und Freundinnen gefunden zu haben. Egal, ob Greta und Harris, Nachtwächter Ray, das Mädchen Caro und sein Hund Blitzee oder die vergessliche Nancy - ihre Erlebnisse und Schicksale lassen einen nicht unberührt. Man nimmt sie mit in den Tag, sie hallen lange nach.
Meist sind sie eher unspektakulär, doch jede für sich einzigartig schön.
Weil sie von der Unvorhersehbarkeit des Lebens erzählen. Von den kleinen Alltäglichkeiten und den großen Verletzungen.
Von der Hoffnung, dass ein Brief den Liebsten erreicht.
Oder, umgekehrt, von dem Wunsch, ein bereits abgeschickter Abschiedsbrief möge nach einer Versöhnung mit dem Geliebten nie eintreffen.

Und am Ende dann die vier autobiographischen und sehr persönlichen Geschichten!
Von dem Mädchen mit den Korkenzieherlocken, dass sich sehnlichst Rollschuhe wünscht.
Das sich für einen glücklichen Menschen hält, trotz Armut, harter Lebensbedingungen, einer kranken Mutter....
Mit fünf Jahren ist sie beim Vorlesen zu Tränen gerührt, wenn Alice im Wunderland als riesiges Mädchen im Kaninchenloch gefangen ist.
Sie liebt es, mit den Füßen im warmen Backofen zu sitzen und Romane wie "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" oder "Zauberberg" zu verschlingen, ohne sie wirklich zu verstehen.
Es ist wundervoll, einer so großen Autorin für wenige Momente so nah sein zu dürfen.
Und es ist irgendwie tröstlich, dass es neben "Liebes Leben" ja noch all die anderen Erzählbände von ihr gibt.
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VINE-PRODUKTTESTERam 13. Juni 2015
(Hörbuchfassung)

Jedoch aus dem unterschiedlicher Frauen im letzten Jahrhundert in Kanada. Ich denke mal, dass die Autorin nicht nur in den explizit autobiografisch angehauchten Kurzgeschichten aus ihrem Lebensumfeld berichtet. Die Themen der Geschichten sind recht unterschiedlich, doch alle werden aus der Perspektive einer Frau erzählt. Es geht um Liebe, Schmerz und Verlust und auch um die Alltäglichkeiten, die einen Unterschied machen.

Auf dem Hörbuch gibt es insgesamt 10 Kurzgeschichten, dementsprechend fehlen 4 aus der Romanveröffentlichung.

Die ersten 6 Erzählungen liest Christian Brückner:

Japan erreichen
Abschied von Maverley
Stolz
Corrie
Zug
Mit Seeblick

Die letzten 4 Sophie Rois, diese werden von der Autorin als explizit autobiografisch bezeichnet und spielen in den 30/40iger Jahren:

Das Auge
Nacht
Stimmen
Liebes Leben

Insgesamt 6 CDs mit ca. 7 Stunden.

Natürlich war ich neugierig auf mein erstes Werk der Literatur-Nobelpreisträgerin von 2013. So richtig vom Hocker gerissen hat es mich jedoch nicht. Munro erzählt sehr alltagsnah und für meine Begriffe ziemlich unspektakulär. So flogen die Geschichten ein wenig an mir vorbei und viel hängengeblieben ist nicht.
Nun ja, ich habe ja auch nicht selber gelesen, sondern mir vorlesen lassen. Bei Christian Brückner haben ich immer das Bild von Robert De Niro vor Augen, den er synchronisiert. Das erscheint nicht immer hilfreich. Sophie Rois ausgefallene Stimme mag ich sehr. Doch sie hat auf dem Hörbuch den weit geringeren Anteil. Außerdem liest sie die Geschichten, die ich insgesamt vom Inhalt am uninteressantesten fand.
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am 9. Februar 2014
Typisch für Alice Munros Erzählungen, und auch für die hier im Buch vereinten, sind der nüchterne Stil, die fehlende Sentimentalität, die man vielleicht in Geschichten über die Liebe und Lebensträume vermuten würde. Tatsächlich vereint die vierzehn Werke - oder zumindest die ersten zehn, die nicht autobiografisch sind - eher das Scheitern von Beziehungen als die Liebe selbst. Es geschehen kleine Verrate und Betrügereien, die ebenso schmerzhaft sind wie große, es gibt falsche Erwartungen, unterdrückte Gefühle, verleugnete Partner und mangelnde Zuneigung zuhauf. Die Grundstimmung ist durchaus melancholisch zu nennen; häufig folgt spät in der Erzählung eine gemeine kleine Enthüllung, die den Leser und die Handelnden gleichermaßen ernüchtert und nicht nur die gesamte Beziehung in Frage stellt, sondern den getroffenen oder erträumten Lebensentwurf selbst. Immer sind die Figuren, die Alice Munro entwirft, sehr realititätsnah und dadurch enorm menschlich.

Moral spielt häufig eine Rolle, ohne dass die Autorin direkt das Handeln ihrer Romanfiguren bewertet - eine Frau, die auf einer Zugfahrt spontan ihren Ehemann betrügt; ein Mann, der den Kontakt zu seiner krebskranken Freundin einfach abbricht und die Flucht ergreift, ohne sie noch einmal zu besuchen; ein Arzt, der einer Frau die Hochzeit verspricht und sie dann schäbig sitzen lässt. Wie im wahren Leben eben, muss man zugeben, und bedauert es doch, dass die Episoden kein Happy End besitzen, sondern in den meisten Fällen ein sehr offenes und oft genug entzaubertes Ende.
Unaufgeregt sind die Geschichten, und doch gehen sie tief, wirken noch lange nach, nachdem man das Buch schon wieder zugeklappt hat. Die Nüchternheit, mit der Alice Munro ihre Figuren betrachtet, lässt auch für den Leser eine Betrachtung aus großer Distanz zu, und dennoch kommt er den Protagonisten sehr nahe, weil die Autorin kunstvoll kleine Aspekte und Eigenheiten einfließen lässt, die für Lebendigkeit und Glaubhaftigkeit sorgen. Hat man sich einmal eingelesen in eine Geschichte, landet man in einem eigenen kleinen Mikrokosmos und glaubt am Ende, die Personen selbst zu kennen, so genau ist das Bild, das Munro von ihnen und ihrem Leben entwirft. Diese Fähigkeit, ein ganzes Leben auf teilweise lediglich 20 Seiten zu komprimieren und fühlbar zu machen, gehört zu den großen Stärken von Alice Munro.

Mit "Liebes Leben" hält der Leser vierzehn Kurzgeschichten in Händen, die einerseits einen scharfen Blick auf die Unberechenbarkeit des Lebens und seine Widrigkeiten werfen und andererseits einen entzaubernden Blick auf die Liebe und wie die Menschen mit ihr umgehen. Der zeitliche Rahmen - überwiegend die 1930er und 1940er Jahre, oft wird der Zweite Weltkrieg erwähnt, wenn auch nur am Rand - birgt einen zusätzlichen Reiz, die Handlungsorte - häufig der sehr ländlich geprägte Südosten Kanadas (Alice Munro wurde in Ontario geboren) - ebenso.
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