Kundenrezension

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7. Mai 2018
*** Ich stehe auf S. 900 und bilde mir ein, jetzt langsam eine Ansage zum Buch machen zu können. ***

Die Moderne hat die Tendenz die ‘Religion’ (in irgendeinem Sinne des Wortes) zu unterdrücken oder zu verdrängen. «Dagegen habe ich nichts einzuwenden; ja, in einem bestimmten Sinn bin ich einverstanden. Eines der Hauptziele, die ich in diesem Buch verfolge, besteht darin, dass ich diesen Sinn genauer bestimmen möchte.» (715)
«Heutzutage ist es nötig, darauf (auf die Entwicklung neuer Formen des Glaubens und des Unglaubens mit Idealen und Gegenidealen der moralischen Ordnung der Gesellschaft) hinzuweisen, denn wir im Westen scheinen die Zeit, für die es das galt, weitgehend hinter uns gelassen zu haben, obwohl ein Blick auf die islamische Gesellschaft zeigt, dass es sich keineswegs überall so verhält. Im Westen jedoch hat eine Art von Entkopplung stattgefunden, die für viele unserer Vorfahren undenkbar gewesen wäre…» (699)

Für eilige Leser

Der kanadische Religionsphilosoph Charles Taylor (*1931) legt in einem epochalen Werk den Wandel von einer Lebenswelt um 1500, für die ein Gott die naheliegendste Überlegung war, zur Umgebung des Westens, die sich von dieser Vorstellung abgewendet bzw. für die es eine mögliche Option unter vielen anderen valablen darstellt.

Wie ist das Werk entstanden?

Das Werk basiert auf den 1999 gehaltenen Gifford Lectures, die er in den folgenden Jahren erweiterte. Gemäss eigener Aussage fehlten ihm zum Zeitpunkt der Vorlesungen noch Zeit und Voraussetzungen zum gesamten Werk. Ein tröstliches, weil realistisches Zugeständnis. Der Schwerpunkt des seit Jahrzehnten lehrenden Forschers liegt auf der Moralphilosophie.

Die Säkularisierungstheorie «in einer Nussschale»

Taylor differenziert zwischen drei Strängen (vgl. S. 703):
Säkularität 1: Rückgang der Religion im öffentlichen Leben
Säkularität 2: Niedergang des Glaubens und der religiösen Praxis
Säkularität 3: Veränderungen der Bedingungen des Glaubens

Das Leseerlebnis

„Ich möchte eine Geschichte erzählen: die Geschichte dessen, was man normalerweise die ‚Säkularisierung‘ des neuzeitlichen Abendlands nennt.“ (9) Erzählend und tastend (18) arbeitet sich Taylor in einer „Reihe ineinander verschränkter Essays“ (9) vor.
Im Bild gesprochen begeben wir uns auf eine breite Strasse, dessen schlängelnder Verlauf sich im Horizont verliert. Der Leser muss diesem Verlauf folgen, um das nächste Wegstück in den Blick bekommen zu können.

Wie man ein solches Mammutwerk anpackt

1. Nimm dir 100 Seiten aufs Mal vor. Lege das Buch nachher eine Zeit weg, um es wieder hervor zu nehmen.
2. Achte sorgfältig auf die Inhaltsangaben pro Kapitel (Taylor nennt sie), ebenfalls auf Zusammenfassungen.
3. Verbeisse dich nicht in einzelnen Nebenarmen. Lies weiter, irgendwann bist du wieder im Fluss.
4. Benütze ein Sekundärwerk zur Hinführung. Ich empfehle einen «Reader» zum Einstieg. Auf Wikipedia ist eine sorgfältige abschnittsweise Zusammenfassung des Buches erhältlich. Zudem bieten sich die Sekundärwerke «Our Secular Age: Ten Years of Reading and Applying Charles Taylor» (ed. Collin Hansen) und «How (Not) to be Secular: Reading Charles Taylor» von James K. A. Smith an.

Von grossem Interesse
waren für mich die Beschreibungen zu den soziologischen Umbrüchen vor und nach der Reformation (S. 110f; 123-127; 151; 155f; 166; 182; 197).

Dritte Stimme
Zum Ausklang ein Kommentar aus christlicher Weltsicht. D. A. Carson, ein Theologe und Kulturkritiker, schreibt:
(Nach Taylor leben wir) in einem "Zeitalter der Authentizität", in dem jedes Individuum meint, alles nach Belieben tun und lassen zu können. Denn das sei es schliesslich, was seine "Authentizität" begründe. … Nichts und niemand darf mir mein Recht auf Authentizität rauben. Aus christlicher Sicht ist dies nichts anderes als der Sirenengesang des Obersten aller Götzen – unseres Ichs. … Interessanterweise gehen diese Stimmen, die nach der Annullierung tradierter Werte und dem Konstrukt einer neuartigen Realität schreiben, äusserst selektiv mit Autoritäten um. Autoritäten, die mein Recht auf "Authentizität" scheinbar schneiden wollen, sind schlichtwegs antiquiert, überholt, altmodisch, aufklärungsfeindlich und überhaupt bigott. Diejenigen, die jedoch dem neuen Konsens zustimmen und sich des Einflusses der Medien und kulturell geprägter Vorstellungen bedienen, um bestimmte Überzeugungen gezielt und selektiv zu fördern, werden als prophetisch, weise, befreiend und zeitgemäss gepriesen.
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