Öle & Betriebsstoffe für Ihr Auto Jetzt informieren PR Evergreen Cloud Drive Photos UHD TVs Mehr dazu HI_PROJECT Mehr dazu Mehr dazu Jetzt bestellen AmazonMusicUnlimitedEcho FußballLiveAmazonMusic Sportartikel

Kundenrezension

TOP 500 REZENSENT
9. März 2019
Im Vorwort gibt Keane einen ungemein interessanten Einblick in das Schreiben einer Biographie und seiner Herangehensweise. «Dieses Buch enthält mehr als die genauen Einzelheiten eines bemerkenswerten Lebens in einem glücklosen Land während eines ausserordentlichen Jahrhunderts. Die Biographie versucht, mit dem Stil der Stücke, Gedichte, Essays und Reden Havles Schritt zu halten, und entwickelt dabei ihre eigene Form.» (19)

Keane blickt sowohl aus internationaler Perspektive wie aus dem Blickwinkel der tschechischen Landsleute auf das Monument Havel und stellt fest, dass sein Ruf zwar gerechtfertigt, jedoch unvollständig sei. «Viele wichtige Episoden aus Havels Leben sind bisher unbekannt.» Erschienen während der Präsidentschaft Havels (1999), sah er dessen zweite Wahlperiode als politische Tragödie. Er behindere die Konsolidierung und sei zu krank für einen Staatsmann. Er schwanke zwischen Depression und Wut.

Der Autor bettet die Biografie in die Geschichte des 20. Jahrhunderts ein und sieht Havel als tragische Figur eben dieses Jahrhunderts. Die Globalisierung des wirtschaftlichen Lebens war gekoppelt mit der «Kunst des gewaltsamen Missbrauchs der Macht». Über den Begriff der Macht finden sich denn immer wieder Bezüge und Erörterungen. Havel selbst sei von dessen Missbrauch nicht ausgenommen. Letztlich sei ihm der Erfolg in die Quere gekommen: Dass er letztlich vom Kritiker zum Herrscher aufgestiegen sei.

Havel wird in seiner Profession und Leidenschaft stets als Theatermann heraus verstanden. Er ist Mitbegründer des postmodernen absurden Theaters. Die Postulate dieser Inszenierungen waren, mehr Fragen aufzuwerfen als zu beantworten, zu stören und aufzuwecken statt zu beruhigen, also auf demokratische Weise aus der Ruhe bringen.
So durchschreitet der Leser die wichtigen Wegmarker von Havels Leben inmitten der europäischen Geschichte: 1938 mit der schrittweisen Annexion Tschechiens durch Nazi-Deutschland und dem folgenden Krieg («Der junge Prinz», 1936-45); der roten Dämmerung durch die Übernahme des totalitären kommunistischen Regimes («Rote Dämmerung», 1945-1956); die langen Schatten nach Stalins Tod, die zu einer Verschärfung der kommunistischen Herrschaft führten («Stalins Schatten», 1956-1968); der langen Phase nach der Besetzung durch sowjetische Truppen («Spätsozialismus», 1969-1989); die samtene Revolution (1989) sowie der anschliessend beobachtete Niedergang (1990-1999).

Die Aussagen der Theaterstücke werden sorgfältig auseinandergenommen. Keane beschäftigt sich beispielsweise mit der eigenwilligen Rede Havels im Schlüsseljahr 1956 vor dem tschechischen Schriftstellerverband, wo Havel die These aufstellte, dass Kunst und Wahrheit ein glücklich verheiratetes Paar seien (152). Er benennt die Hintergründe seines frühen Stücks «Sie haben Ihr ganzes Leben noch vor sich», 1959), das in der Rebellion zum sinnlosen Militärdienst heraus entstand (173). «Autostop» (1961) war Havels erstes Stück im Theater, eine absurde Satire über das Automobil (183).

Havel heiratete in erster Ehe Olga, aus Sicht seiner behoben bürgerlichen Herkunft ein Mädchen «zweifelhafter sozialer Herkunft», die es versäumt hatte, «sich akademisch auszuzeichnen» (187). Bei der Heirat gab es weder kirchliche noch bürgerliche Zeichen für die Ehe. Das Paar engagierte sich mit Leib und Seele in die Theaterproduktion. «Das Gartenfest» (1964) fand ihre Entsprechung auf dem Landgut, welches das Paar 1968 kaufte und zum Mittelpunkt der tschechischen Protestkultur werden liess.

Auch die Absurditäten des kommunistischen Regimes werden im Buch plastisch dargestellt, zum Beispiel so: «Jede Woche erhielt das durchschnittliche Präsidiumsmitglied etwa 500 Seiten Informationsmaterial für die planmässige Dienstagssitzung. Papier in dieser Menge hatte, ob beabsichtigt oder nicht, eine einschüchternde Wirkung auf die Präsidiumsmitglieder, die Plattheiten von sich gaben oder aus Angst, als die unwissenden Idioten dazustehen, die viele von ihnen waren, einfach den Mund hielten. Wenn also ein Punkt auf der Tagesordnung der Dienstagssitzung abgehakt wurde, versuchte der Erste Sekretär die Argumente jedes Sprechers in einem mündlichen Kompromissvorschlag (usnesení) zu berücksichtigen. Anschliessend wurde jedoch nicht abgestimmt, um die vorgeschlagene Verfügung zu bestätigen, und die endgültige schriftliche Fassung, die später vom Ersten Sekretär und seinen Mitarbeitern entworfen wurde, hatte häufig nicht das Geringste mit dem zu tun, was zuvor diskutiert und mündlich gebilligt worden war.» (196)

Havel beeinflusste schon 1965-67 die Funktionäre der Partei massiv. Er begann sie zu bedrängen und mit Eingaben zu bombardieren, um die sich abzeichnende Liberalisierung zu unterstützen (200). So wurde er zum antisozialistischen Kollaborateur. In dieser Zeit entstand die Satire «Die Benachrichtigung», die den «Duft konfuser Scheinheiligkeit» wiederzugeben suchte (207). Die Inszenierung lebte von einer «rein totalitären Ordnung, in welcher die Ausübung von Macht nicht mehr legitimiert zu werden braucht, weil niemand mehr im Stande ist, mit dem anderen zu reden und zu interagieren.» (209) 1968 war auch das Jahr, in dem er international durch den Aufenthalt und Auftritt in den Medien an Profil gewann. Zu Hause war er als Ghostwriter in der Zeit des Widerstandes gegen die sowjetische Besatzung ebenfalls in einer Schlüsselrolle (244). Es war das Jahr, in dem vollends in das Visier der Behörden geriet. «Der souveräne Staat kann und muss wie ein Diktator handeln.» (288) Sie steht dem Mut gegenüber, die zur Hauptquelle ziviler Macht wird, weil sie frei handeln kann (294).

Wichtige Essays werden thematisiert, darunter «On the Theme of an Opposition» (1968) und den von Keane als wichtigsten politischen Essay bezeichneten «Versuch in der Wahrheit zu leben». Havel stellt darin u. a. «die antipolitische Haltung des grinsenden Zynikers» in Frage (306). Natürlich auch die «Charta 77», die Havel Verhöre und Verurteilung brachten. Er selbst hatte die erste Fassung der Erklärung zu Papier gebracht (281). Sie ebnete den Weg zu seiner Verhaftung 1979.

Das Buch scheut sich nicht, unangenehme Stellen aufzudecken. Dieser Ankündigung wird Keane gerecht. Zum Beispiel «Havels Hang, sich wie eine Primadonna mit handverlesenen Vasallen zu geben und über die Köpfe von Parlament und Gerichtshof hinweg einzelkämpferische Appelle ‘an die Bürger’ zu richten» (316). Die Jugend schon hatte die Grundsteine dafür gelegt: Havel wuchs als bewunderter Liebling in einer grossbürgerlichen Familie, gestützt durch eine selbstbewusste Mutter auf. «Wie können Bürger vor den steten Gefahren der Korruption und des infernalischen Aufstiegs und Falls von Staaten bewahrt werden? Kann eine andere Form der Organisation von Macht gefunden werden, die sie von Hybris befreit?» (320) Eine wirkliche Antwort auf diese Frage, die Keane im Hintergrund laufend erwägt, fehlt. Letzten Endes kann sie befriedigend nur aus biblischer Weltsicht erklärt werden: Diese berücksichtigt die Sünde als Grundproblem des Einzelnen ebenso wie Begrenzung des Bösen durch die souveräne Herrschaft Gottes, die 1989 dem kommunistischen totalitären Regime ein Ende setzte.
2 Personen fanden diese Informationen hilfreich
0Kommentar Missbrauch melden Permalink

Produktdetails

5,0 von 5 Sternen
2
17,99 €+ Kostenfreie Lieferung mit Amazon Prime