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Kundenrezension

am 14. September 2015
Kurz zu meinem Hintergrund. Ich bin seit vielen Jahren Tierärztin in eigener Praxis, befürworte das Barfen (barfe sogar meinen eigenen Hund) und habe damals in der Tierernährung promoviert. Viele meiner Kunden barfen Ihre Tiere und ich überweise sie regelmäßig zu Kollegen zur Rationsüberprüfung, wenn ich den Eindruck habe, dass die Ration unausgewogen sein könnte. Ich musste durchaus schon einem Hund ein Stück rohen Knochen aus dem Darm entfernen und kann eine Menge Welpen aufzählen, die durch (falsches) Barfen Wachstumsprobleme hatten. Auch lasse ich des öfteren den Kot meiner gebarften Patienten untersuchen und bin nicht immer erfreut, was sich für Keime darin finden. Ich sehe also regelmäßig, was auch mal schief gehen kann beim barfen, daher finde ich eine fundierte, umfassende und neutrale Aufklärung über diese Fütterungsmethode sehr wichtig.
Auf der Suche nach empfehlenswerter Literatur habe ich mir da natürlich auch das Buch von Frau Wolf zugelegt.

Positiv finde ich die optische Aufmachung und Strukturierung des Buches.

Allgemein inhaltlich vermisse ich allerdings Informationen zur Verdauungsphysiologie sowie ein Register zum Nachschlagen.

Das 'Fatalste' an dem Buch ist, ist dass Frau Wolf eine sehr gute Schreibweise hat, sehr verständlich und vor allem nachvollziehbar und damit in sich logisch erklärt, so dass kaum einem normalen Leser auffallen dürfte, wie viele Fehler in den Aussagen, Herleitungen, Erklärungen usw. sind. Und es leider sind wirklich viele (daher nur zwei Sterne).

Jeder, der jemals wissenschaftlich gearbeitet hat, wird sofort erkennen, dass dies bei Frau Wolf nicht der Fall gewesen sein dürfte.

Zunächst einmal sind die Quellen nicht vollständig angegeben, man findet lediglich Name, Jahr und Titel. Daher kann man auch nicht gleich erkennen, ob es sich bei der Quelle um eine wissenschaftlich fundierte sprich geprüfte Primärliteratur (peer-reviewed) handelt oder um populärwissenschaftliche Sekundärliteratur (non peer-reviewed), bei der auf gut deutsch gesagt jeder schreiben kann, was er meint (dieses Buch wäre hierfür eine typisches Beispiel). Der entscheidende Unterschied liegt zwischen Beweis und Behauptung.

Wenn man sich mit seinen Aussagen soweit aus dem Fenster lehnt wie Frau Wolf sollte man gute Beweise für seine Behauptungen haben. Dieses fehlen allerdings.
Darüber hinaus werden in dem Buch Studien völlig falsch zitiert und oft fragt man sich, ob die Autorin diese überhaupt selbst gelesen hat, denn anscheinend kennt sie manche Studien/Sachverhalte gar nicht richtig oder hat sie einfach nicht verstanden oder zu interpretieren gewußt. Das Frau Wolf als BWLerin meint, es besser zu wissen, als ein unabhängiges Gremium von internationalen Ernährungswissenschaftlerin (National Research Council)) grenzt schon fast an Größenwahn.

Ich nenne ein paar Beispiele:
- Phytinsäure behindert, wenn überhaupt, die Aufnahme von Phosphor aber nicht von Calcium.
- Der Wolf frisst weder absichtlich den Magen-Darm-Inhalt noch das Fell (es sei denn, es ist nichts anderes da). Selbst für den normalen Menschenverstand sollte es unlogisch erscheinen, dass sich ein Wildtier mit unverdaubarem Futter = 'Ballast' den Magen vollknallt.
- Die Studie nach der Hunde durch Fertigfutter kürzer leben (Lippert & Saby) ist keine geprüfte Studie und sollte daher sehr vorsichtig interpretiert werden. Darüber hinaus wurde auch hier 'nur ein Fragebogen' eingesetzt, welcher nach Frau Wolf ja gerade in vielen Ernährungsstudien ein Problem ist (S. 20).
- S. 19ff. ALLE der Studien sind geprüft und sie 'wollen' nicht beweisen, dass selbstzusammengestelltes Hundefutter häufig nicht bedarfsgerecht ist, sondern sie zeigen dies ganz einfach, was den Schluss erlaubt, dass man sich von einem Fachmann beraten lassen sollte, wenn man das Futter selbst zusammenstellen möchte. Was bitte ist daran falsch oder gar verwerflich? Es steht ja nicht, dass man Fertigfutter geben muss.
- Studie zur angebliche besseren Zinkverfügbarkeit in Fleisch (S. 25): hierbei handelt es sich um eine Studie mit Küken, die gezeigt hat, dass die Bioverfügbarkeit genauso gut ist wie bei anorganischem Zinksulfat und sogar unabhängig davon, ob Phytate im Futter enthalten waren oder nicht. Wenn Frau Wolf schon einerseits behauptet, dass man keine Rückschlüsse zu den Bedarfszahlen von anderen Tieren auf Hunde übertragen kann, wieso macht sie es dann hier selbst?
- Studie als Beweis zum angeblichen niedrigeren Kaliumbedarf von gebarften Hunden (S. 25): hier ging es um den Einfuß von unverdaubarer Cellulose auf die Verdaulichkeit von Stärke, Fett und Eiweiß (nicht primär ums Kalium). Stärke ist im Gegensatz zu Cellulose verdaubar, daher beweißt ein Gleichsetzen von Stärke=Cellulose nicht (wie die Autorin es schreibt), dass Kohlenhydrate per se die Kaliumverfügbarkeit senken. Das gilt nur für pflanzliche Cellulose in sehr hohen Mengen (was im Übrigen dem Magen-Darm-Inhalt von pflanzenfressenden Beutetieren gleich käme'.)
- Mangan (S. 25): Wenn man dem Konzept von Frau Wolf folgen würde, enthielte Barf sehr wohl viele Faserstoffe/Unverduabares (nämlich 20%), außerdem ist Fleisch ja wohl sehr eisenreich und Knochen calciumreich. Somit dürfte wohl kaum ein geringerer Manganbedarf für gebarfte Hunde bestehen, zumindest nicht nach dieser Argumentation.
- S. 27: Salmonellen sind durchaus säureresistent, werden also im Magen nicht abgetötet. Das gleiche gilt für viele andere Keime. Und da gebe ich der Autorin Recht, sie werden ausgeschieden! Was ist dann mit dem Menschen, der damit Kontakt haben kann?
- S. 28: Anmerkung zu den angeblich bedenklichen Zusatzstoffen: zugelassene Zusatzstoffe sind nicht gesundheitsschädlich, sondern werden einem aufwendigen Prüf-/Zulassungsverfahren unterzogen. Zudem sind es meist die gleichen Zusatzstoffe, die auch in der Humanernährung eingesetzt werden. Also bitte keine übertriebene Panikmache.
- S. 52 die Studie (Straßen 2007), die angeblich beweisen soll, dass Kokosöl Katzen von Spulwürmern befreit, wurde tatsächlich mit Gerbils (Rennmausart) durchgeführt (außerdem wurden Extrakte untersucht)'.
- S. 71 Zwiebeln und Knoblauch enthalten kein Enzym, welches eine Anämie hervorrufen kann, sondern bestimmte Schwefelverbindungen.
- nach Frau Wolf enthält Gemüse nur 1% Ballaststoffe, gemäß dem Beutetierprinzip sollte die Ration aber 20% unverdaubare Bestandteile enthalten. Was ist dann mit den restlichen 19%? Und worin bestünde der Unterschied zu den'wertlosen Füllstoffen', die angeblich im Fertigfutter eingesetzt werden?
- Thema Umstellung: erstmal fasten lassen und dann tief durchatmen, wenn der Hund Durchfall bekommt (oder kotzt), weil das eine normale Entgiftungsreaktion ist? Wie kann das bitte tatsächlich empfohlen und anscheinend Ernst gemeint sein? In meinen Augen unseriös.

Fairerweise möchte ich noch sagen, dass Frau Wolfs Barf-Konzept für ausgewachsene Hunde durchaus mehr oder weniger aufgeht (so wie es Frau Wolf ja auch schreibt, denn die rechnerisch unterversorgten Nährstoffe sind für sie kein Problem, da sie ja der Meinung ist, die Bedarfzahlen gelten nicht für gebarfte Hunde.)
Dass eine fettreiche Fütterung, wie von ihr empfohlen, aber durchaus eine Pankreatitis (Entzündung der Bauchspeicheldrüse) auslösen kann und wenig Kohlenhydrate im Futter z.B. zu einer Insulinresistenz, Magenübersäuerung oder Dysbiose im Darm führen können, erwähnt sie leider nicht. Ich sehe das relativ häufig in meiner Praxis, daher sollten Barfer auch darüber aufgeklärt werden.

Die Autorin weist wiederholt darauf hin, dass es darauf ankommt, sich genau an das 'Barf-Konzept' (Beutetierprinzip) zu halten und alle, die das nicht tun, füttern einfach nur roh. Für mich ist das Begriffsspalterei und hilft auch Leuten, die "nur" roh füttern wenig weiter. Und für Welpen und laktierende Hündinnen funktioniert ihr Konzept schlicht und ergreifend nicht, ist gesundheitlich bedenklich und definitiv nicht zu empfehlen.

Das Buch hinterlässt den Gesamteindruck, Wissenschaftler seien gekauft, Studien damit allesamt falsch, Tierärzte wollen den Tieren eher schaden als ihnen helfen und jeder echte (!) Fachmann ist gegen das Barfen, welches doch dem Buch nach immer nur gesund, einfach, unbedenklich und das einzig Wahre ist. Für mich ein Touch zu wenig Realität.

Gerade weil mir als Tierarzt die Gesundheit meiner tierischen Patienten sehr am Herzen liegt, mache ich mir die Mühe diese ausführliche Rezension zu schreiben. Persönlich finde ich Barfen eine tolle Sache, vorausgesetzt, es wird richtig gemacht.

##### Update zur Rezension:

- Phytinsäure (Phytat) bindet die IN der Pflanze enthaltenen Stoffe, so dass diese nicht gut aufgenommen werden können (es sei denn man behandelt den Rohstoff entsprechend, z.B. durch Zugabe eines Enzyms). Es hat also keine Auswirkung auf die allgemeine Aufnahme von z.B. Calcium aus anderen Quellen wie Knochen(mehl), die auch im Futter sind. Dann müsste man schon Phytinsäure als Reinsubstanz hinzusetzen.
In der Tierernährung relevant ist dies für die Aufnahme und Bedarfsformulierung von Phosphor, welches im Gegensatz zu Calcium etc. in nennenswerten Mengen im Getreide enthalten ist und spielt unter praktischen Aspekten eine Rolle in der Schweine- und Geflügelfütterung, und nicht für die Fütterung von Hunden (Quelle: z.B. Supplemente zur Tierernährung oder Meyer/Zentek Ernährung des Hundes, NRC).
Abgesehen davon führt ein hoher Fettgehalt im Futter (wie im Buch empfohlen) zu einer reduzierten Verfügbarkeit von Calcium, da sich Calciumseifen bilden, die ausgeschieden werden (steht ebenfalls. u.a. im Meyer/Zentek).

Wenn man Fachliteratur zur Hand hat, muss man diese auch ganz lesen und im Gesamten verstehen (z.B. Phytinsäure). Einzelne Sätze rauspicken und daraus falsche Schlussfolgerungen ziehen, ist eines meiner Hauptkritikpunkte an dem Buch.

- Unterschiede zu Arten von Literatur besser auch erklärt im Kommentar von Maxe.

PS: Dass meine Meinung als Tierarzt zu dem Inhalt des Buches zu Anfeindungen und Unterstellungen führt, wundert mich nicht wirklich. Schade finde ich es trotzdem.

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Fazit: Vieles in dem Buch erinnert an Pippi Langstrumpf 'Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt'. Das Buch ist für mich ein Fall von klarer Selbstüberschätzung mangels besseren (fachlichen) Wissens.
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