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Wiska

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Pardon, ich bin Christ. Meine Argumente für den Glauben (ABCteam-Taschenbücher - Brunnen)
Pardon, ich bin Christ. Meine Argumente für den Glauben (ABCteam-Taschenbücher - Brunnen)
von Clive Staples Lewis
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Das Böse ist nur das verdorbene Gute." - Rezension zu C.S. Lewis "Pardon, ich bin Christ. Meine Argumente für den Glauben", 20. November 2013
"Pardon, ich bin Christ" von C. S. Lewis ist eine hervorragende, anschaulich geschriebene theologisch-philosophische Einführung in das christliche Glaubenssystem. Hier soll besonders auf die grundlegenden Kapitel (I. Recht und Unrecht, Wegweiser zum Sinn des Universums" und "II. Vom Glauben des Christen") eingegangen werden - in der Hoffnung nicht nur zum intensiven Studium dieser Kapitel anzuregen sondern auch zur Lektüre der weiteren Kapitel ("III. Gebrauchsanweisung für den Menschen" und "IV. Jenseits der Persönlichkeit oder Deutungsversuche der Trinitätslehre").

Mit überzeugenden Argumenten verteidigt Lewis die Lehre des Christentums, dass es ein in der menschlichen Natur begründetes universales Sittengesetz (Naturrecht) gibt, das sich dem gesunden Menschenverstand durch die Lebenserfahrung (empirisch) erschließt. (S. 27f) Lewis: "Das Gesetz der menschlichen Natur dagegen sagt, was die Menschen tun sollten und nicht tun. ... Das Gesetz der menschlichen Natur oder von Recht und Unrecht muß etwas sein, das jenseits der Tatsachen der menschlichen Verhaltens steckt." (S. 29, 32) Wir haben also Grund zu der Annahme, dass hinter diesem Gesetz eine geheimnisvolle geistige Kraft steckt, die uns zum rechten Handeln anhält. (S. 36f) Und Lewis weiter: "Durch das sittliche Gesetz erfahen wir mehr über Gott als durch die äußere Welt, genauso wie wir mehr über einen Menschen erfahren, wenn wir uns mit ihm unterhalten, als wenn wir uns ein Haus ansehen, das er gebaut hat." (S. 39)

C. S. Lewis geht also vom traditionellen Christentum aus, welches das Sittengesetz als eine der Vernunft zugängliche absolute Wahrheit über die Welt betrachtet. Oder philosophisch-theologisch ausgedrückt: "Das Gute" ist ein abstrakter Begriff (Universalie) mit einen objektiven inhärenten Sinn, den jeder Mensch beim Nachdenken erkennen kann. Gegen diese Position des "Inhärentismus" wendet sich seit über sechs Jahrhunderten der "Konstruktivismus", der behauptet, dass abstrakte Begriffen wie "das Gute" von jedem Menschen mit Sinn gefüllt werden könnten - wobei heute allerdings kaum noch jemand auf heiligen Geist vertraut. (Universalienproblem: Inhärentismus, Essentialismus oder Realismus contra Konstruktivismus mit Subjektivismus, Anti-Essentialismus, Relativismus, Voluntarismus, Dezisionismus, Utilitarismus, Konsequentialismus usw.)

In Kapitel "II. Vom Glauben der Christen: Rivalisierende Vorstellungen von Gott, Gutes und Böses in der Welt" warnt Lewis seine Leser vor den irreführenden und falschen Weltbildern, denn die Wirklichkeit sei ganz anders, als wir uns einbilden. (S. 48f) So gibt es etwa Philosophen, die sich gedanklich über "Gott" emporschwingen, um ihn von oben herab als Weltenschöpfer und Weltregenten zu definieren. Nach einem solchen Weltbild wäre die Welt ein göttliches Machwerk mit guten und schlechten Eigenschaften, ein Weltenherrscher würde entweder autoritär unter Androhung von Strafe ein strenges Sittengesetz erlassen (Dezisionismus) oder aber als ein "lieber Gott" keinerlei moralische Vorschriften machen und alles verzeihen (Werte-Nihilismus, S. 46f). Das philosophische Hirngespinst, Gott entscheide willkürlich, was in unserer Welt gut und schlecht sei (Voluntarismus), hat manchen absolutistischen Herrscher darin bestärkt, sich auf ein selbstherrliches "Gottesgnadentum" zu berufen, anstatt sich demütig einem universal gültigen Sittengesetz zu unterwerfen. Theologen sollten wissen, dass Christen nicht zwei Herren gleichzeitig dienen können und dass sie am Ende aller Tage nach ihrem Dienst am Nächsten beurteilt werden - und nicht nach ihrer Dienstbeflissenheit gegenüber den Mächten dieser Welt.

Gott erkennen bedeutet das Gute tun

Wer dagegen "Gott" als subjektives tiefenpsychologisches Kraftfeld definiert, das bei individuellen, allzu menschlichen Bedürfnissen und existentiellen Ängsten hilfreich sei, macht "Gott" offensichtlich (zumindest nach christlicher Auffassung) zum Komplizen der eigenen Selbstsucht. (S. 37) Wenn nun aber das Böse eine Realität in der Welt ist, dann bleibt dem Stoiker und Pantheisten nur die Möglichkeit zur Weltflucht in sein Innerstes - um doch immer nur bei sich selbst zu bleiben. Vielleicht könnte ich mich ja als materialistischer Atheist stoisch damit abfinden, dass meine Vorstellung von Gerechtigkeit lediglich eine belanglose private Idee sei. (S. 46) Aber das Erleiden des Bösen und Ungerechten in dieser Welt drängt doch die meisten zu der Frage: "Warum lässt Gott das Böse zu?" (S. 45) In dieser Anklage steckt jedoch die stillschweigende Annahme, "Gott" sei etwas, über das man Bescheid wissen könnte. Erst wenn wir darüber nachgedacht haben, was gutes Handeln in dieser Welt bedeutet, kann offenbar werden, dass "Gott erkennen" gleichbedeutend ist mit "Das Gute tun". Priorität hat also die Beantwortung der Frage: (1) "Was ist das Gute und was das Böse?" Erst danach können wir uns der Frage zuwenden, was "Gott" mit unserem Weltbild zu tun haben kann: (2) "Was bedeutet Gottes Liebe zum Guten für diese Welt?"

(1) Was ist das Gute und was das Böse?
C. S. Lewis verteidigt den ontologischen Realismus, er ist davon überzeugt, dass das Gute eine Tat-Sache und wirksame Wirklichkeit in dieser Welt ist und keine subjektive oder gegenstandslose metaphysische Idee.

Lewis: "Man kann allein um der Güte willen gut sein, aber beim Bösen geht das nicht. Wir können etwas Gutes tun, auch wenn uns nicht danach zumute ist und wir keinen Nutzen davon haben; einfach weil das Gute recht ist. Aber niemand hat je eine Grausamkeit begangen, einfach weil Grausamkeit schlecht ist, sondern vielmehr weil es Vergnügen bereitet oder Nutzen bringt. Dem Bösen gelingt es nicht einmal, auf die gleiche Weise böse zu sein, wie das Gute gut ist. Das Gute ist sozusagen "es selbst". Das Böse ist nur das verdorbene Gute. Und es muss zuerst etwas Gutes geben, ehe es verdorben werden kann." (S. 50)

(2) "Was bedeutet Gottes Liebe zum Guten für diese Welt?"
"Gott ist die Liebe" bedeutet, dass Gottes Handeln Liebe zum Guten ist. Gottes übernatürliche Liebe (Agape) zur Welt ist mehr als ein intimes Gefühl, sie ist eine für Menschen unerreichbare Harmonie aus Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Der einzelne Mensch erkennt in Demut, dass er nicht allein leben kann. Wer in Einklang mit Gott leben will, versucht SEINE Liebe nachzuahmen, indem er nach dem absoluten Guten strebt. Wer diese Kernbotschaft des Christentums mit der Lehre anderer religiöser Glaubenssysteme vergleicht, wird erkennen, dass jene sich vom Christentum in der Bewertung des Guten und bei der Ermutigung zu guten Taten erheblich unterscheiden.

Lewis: "Die erste dieser Vorstellungen, die Gott jenseits von Gut und Böse glaubt, nennt man Pantheismus. Der große Philosoph Hegel bekannte sich zu ihm, und soweit ich beurteilen kann, tun es auch die Hindus. Die andere Anschauung wird von den Juden, Mohammedanern und von den Christen vertreten. -- Im Zusammenhang mit diesem grundlegenden Unterschied zwischen Pantheismus und christlicher Gottesidee begegnet uns noch eine Verschiedenheit. Die Pantheisten glauben, Gott beseele sozusagen die Natur wie die menschliche Seele den Leib; ja die Natur sei gewissermaßen Gott, und wenn es sie nicht gäbe, dann existiere auch Gott nicht; alles was sich in der Welt befinde, sei ein Teil von Gott. -- Die christliche Vorstellung ist ganz anders. Die Christen glauben, dass Gott die Welt erdachte und schuf, wie ein Künstler ein Bild erschafft oder eine Melodie komponiert. Ein Maler ist kein Bild, und er stirbt nicht, wenn sein Bild vernichtet wird. Man kann zwar sagen, er habe viel von sich in das Bild hineingelegt; aber das bedeutet nur, dass aller Zauber und alle Schönheit aus seinem Inneren gekommen sind. Seine Geschicklichkeit ist nicht so sehr in dem Bild selbst zu finden als vielmehr in seinem Kopf und vor allem in seinen Händen. Ich denke, es ist klar, wie eng diese Vorstellung mit dem oben erwähnten Unterschied zwischen Pantheismus und Christentum zusammenhängt. Wer den Unterschied zwischen Gut und Böse nicht sehr ernst nimmt, kann leicht sagen, alles auf dieser Welt sei ein Teil von Gott. Wer aber manche Dinge für wirklich schlecht hält, Gott dagegen für wirklich gut, muss anderer Meinung sein. Er muss glauben, dass Gott von der Welt zu unterscheiden ist und dass vieles in der Welt seinem Willen widerspricht." (S. 44f)

Fazit:

Gottgläubige und Atheisten sind verbittert, wenn sie das Böse erleben und die Ungerechtigkeit und Schlechtigkeiten dieser Welt ertragen müssen. Atheistische Materialisten glauben an einen von der "seelenlosen" Materie vorgezeichneten Weg des Fortschritts, den es in "fortschrittlicher Gesinnung" und mit rationalem und innerweltlich nützlichem Handeln zu verfolgen gelte. Für den Pantheisten ist Gott jenseits von gut und böse. Dagegen glauben Christen, dass Gott die Liebe ist: Deshalb vertrauen sie auf die Vernunft und Güte Jesu Christi, dem sie auf dem Weg in eine unbekannte Zukunft nachfolgen wollen, indem sie SEINE guten Taten nachahmen. Weit mehr als die materialistische Ideologie und die pantheistischen Religionen fordert offensichtlich das Christentum von den Gläubigen unablässig nach dem rechten Weg und nach der Wahrheit zu suchen, um ein aktives und gutes Leben zu führen. In Freiheit folgen sie Jesus Christus nach, denn ER ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. (Joh 14,6)

Man kann also die Gottesfrage darauf zuspitzen, ob wir die Freiheit haben, innerweltlich nützlich zu handeln - oder ob wir das absolut Gute tun sollten. Jeder steht vor der Gewissensfrage, ob er sein Handeln kompromissbereit an subjektiven, möglicherweise irrigen, innerweltlichen Nützlichkeiterwägungen ausrichtet, oder ob er mit Herz und Verstand nach dem unerreichbaren absoluten Guten strebt - mit einer Liebe, die gleichermaßen Barmherzigkeit und Gerechtigkeit ist. Seit der Mensch Selbstbewusstsein hat, steht er vor dem unüberbrückbaren Gegensatz zwischen dem Ich und den anderen. Wie sollen wir denn gleichermaßen uns selbst und dem Nächsten gerecht werden? Schon Thomas von Aquin lehrte: "Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit ist Grausamkeit, und Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit ist die Mutter der Auflösung."


Ketzer: Eine Verteidigung der Orthodoxie gegen ihre Verächter. Ein Plädoyer gegen die Gleichgültigkeit (insel taschenbuch)
Ketzer: Eine Verteidigung der Orthodoxie gegen ihre Verächter. Ein Plädoyer gegen die Gleichgültigkeit (insel taschenbuch)
von Gilbert Keith Chesterton
  Taschenbuch

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Über Menschen, deren Weltbild absolut gediegen, absolut schlüssig und absolut falsch ist. Rezension zu G K Chesterton "Ketzer", 15. November 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
"Das Wort >Rechtgläubigkeit< bedeutet nicht nur nicht mehr, dass man recht hat; es heißt praktisch, dass man im Unrecht ist." (G.K. Chesterton, "Ketzer" S.11)

Gilbert Keith Chesterton (1874-1936) ist nicht nur ein begeisternder Erzähler, wie wir ihn von den unvergleichlich scharfsinnigen Pater Brown Detektivgeschichten kennen und ein von Geist und Witz sprühender, begnadeter Essayist. Er war auch ein leidenschaftlicher Kritiker des Modernismus. (Der marxistische Philosoph Ernst Bloch sagte einmal, Chesterton sei einer der gescheitesten Männer, die je gelebt haben.) Indem Chesterton stets mit klarsichtigem Scharfsinn auf die Denkfehler der Moderne hinwies (Denkfehler, die in der Postmoderne noch offensichtlicher geworden sind), hat er uns auch heute viel zu sagen.

Wer G. K. Chesterton "Heretics, Ketzer: Eine Verteidigung der Orthodoxie gegen ihre Verächter, Ein Plädoyer gegen die Gleichgültigkeit" (erschienen 1905) zur Hand nimmt, darf kein "frommes", religiöses Buch über den ultramontanen christlichen Glauben erwarten (oder eine Abhandlung über die Inquisition), sondern viel mehr eine Analyse des Weltbilds moderner Schriftsteller, denen es offensichtlich nicht mehr gelingt, das Leben in seiner ganzen Fülle zu begreifen. Chesterton bedient sich hier, "erfüllt von der vagen Hoffnung etwas zustande zu bringen", eines geradezu experimentellen Kritikverfahrens, das heute leider zur Rechthaberei verkommen ist: der doktrinellen Methode des 13. Jahrhunderts. Als dogmatischer, unantastbarer Beurteilungsmaßstab dient ihm dabei der traditionelle vernunftgemäße Glaube an die Wirklichkeit des absolut Guten. Gleichzeitig erinnert er die Feinde der Religion an ihren "bescheidenen" dogmatischen Reduktionismus, denn auch deren Vorstellung von der Wirklichkeit ist weder rational, logisch oder naturwissenschaftlich zu beweisen: "Die einen vertreten das unbeweisbare Dogma von der Existenz Gottes; die anderen das nicht beweisbare Dogma von der Existenz des Nachbarn." (S. 257) (Eine gute Einführung in die Erkenntnistheorie siehe Reclamheft 8637, Was bedeutet das alles? , S. 9-17. Das Fazit des atheistischen Philosophen Thomas Nagel: "Wenn man nicht beweisen kann, dass außerhalb unseres Bewusstseins etwas existiert, darf man gleichwohl weiterhin an die Aussenwelt glauben?" S. 17) Chesterton folgert daraus, dass unter den Attacken christenfeindlicher Autoren, den Christen jetzt erst richtig bewusst werde, wie viel gesunder Menschenverstand im Mysterium des Christentums steckt. (S. 258) Religiöse Überzeugungen seien zwar gefährlich wie Feuer, doch gegen Bigotterie und Fanatismus könne man sich nur wirksam schützen, indem man sich "durchtränken lasse mit Philosophie und vollgesogen sei mit Religion". (S. 253) Denn nur so könne man die immer lauernden gegenläufigen Gefahren - Bigotterie, eine blinde Wut ohne feste Meinung, und Fanatismus, eine allzu große Fixierung auf Ideen - bekämpfen. Chesterton macht klar (siehe auch Orthodoxie: Eine Handreichung für die Ungläubigen), dass wir den Anforderungen dieser Welt nur gerecht werden, wenn wir auf den gesunden Menschenverstand (Vernunft) vertrauen: mit Herz und Verstand, mit Nächstenliebe (Feindesliebe) und Humor, mit Logik und Empirie (Hinnahme der "dummen Tatsachen").

Kann der menschliche Geist Fortschritte machen? (Kapitel XX)

Wer nicht sicher ist, ob er dieses Buch lesen will, könnte zunächst mit dem Schlusskapitel XX beginnen. (Seite 242-256) Die "Schlussbemerkung: Warum ist Orthodoxie so wichtig?" ist nämlich ein hinreißender Essay über die Bedingungen des menschlichen Geistes, der ja aus einer untrennbaren Einheit von Glauben (Ideen und Dogmen) und Vernunft lebt. Chesterton schreibt: "Die Frage, ob der menschliche Geist Fortschritte machen kann oder nicht, wird viel zu wenig diskutiert; denn nichts könnte riskanter sein, als unsere Sozialphilosophie auf die Theorie zu gründen, über die, obgleich sie strittig ist, nie gestritten wir. Einmal angenommen, in der Vergangenheit habe es tatsächlich so etwas wie Zunahme oder Höherentwicklung des menschlichen Geistes gegeben oder es werde sie in Zukunft geben, dann müssen wir wenigstens gegen die heutige Form dieser Höherentwicklung schärfsten Protest einlegen. Das Ungute an der modernen Vorstellung vom geistigen Fortschritt besteht darin, dass dieser durchweg mit dem Sprengen von Fesseln, dem Beseitigen von Schranken, dem Abschaffen von Dogmen assoziiert wird. Wenn irgend es aber geistige Entwicklung geben soll, dann muss sie eine Entwicklung zu immer mehr festen Überzeugungen, zu immer mehr Dogmen meinen. Das menschliche Gehirn ist eine Maschine, die den Zweck hat, Schlüsse zu ziehen; kann sie das nicht, ist sie eingerostet. ... Der Mensch lässt sich kaum - wie es bei Carlyle geschieht - als Werkzeuge verfertigendes Tier definieren; Ameisen und Biber und viele andere Tiere fertigen gleichfalls Werkzeuge an, sie bauen sich eine Vorrichtung. Definieren lässt sich der Mensch hingegen als Dogmen verfertigendes Tier. In dem Maß, wie er Lehrsatz auf Lehrsatz und Schlussfolgerung auf Schlussfolgerung setzt, um die gewaltige Ordnung einer Philosophie oder Religion zu schaffen, wird er - in dem einzig legitimen Sinn, den das Wort haben kann - immer mehr zum Menschen." (S. 242f)

Chestertons "doktrinelle" Analyse der Moderne (Kapitel I)

Chesterton beginnt seine Verteidungsschrift für das Dogma mit der verblüffenden Feststellung, dass sich moderne Haeretiker für Aufklärer halten, obwohl sie nie geklärt haben, was sie da eigentlich ablehnen: "Die christlichen Dogmatiker wollten eine heilige Herrschaft errichten und bemühten sich deshalb vordringlich um die Feststellung, worin wahre Heiligkeit bestand. Unsere modernen Erziehungstheortiker dagegen streben nach Einführung religiöser Freiheit, ohne vorher geklärt zu haben, was Religion oder was Freiheit überhaupt ist. Wenn in alten Zeiten die Priester der Menschheit ein Dogma aufzwangen, dann gaben sie sich wenigstens vorher Mühe klarzustellen, wovon es handelte. Den Horden der Anglikaner und Nonkonformisten blieb es vorbehalten, den Stab über eine Glaubenslehre zu brechen, ohne auch nur zu klären, was sie beinhaltet.
Aus diesen und vielen anderen Gründen bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass es not tut, aufs Grundlegende zurückzukommen. Das ist die leitende Idee, der sich das vorliegende Buch verdankt. Ich möchte mich mit meinen hervorragendsten Zeitgenossen auseinandersetzen, nicht auf persönliche Weise oder in bloß literarischer Form, sondern im Blick auf das wirkliche Lehrsystem, das sie vertreten. Mr. Rudyard Kipling interessiert mich nicht als lebendiger Künstler oder als kraftvolle Persönlichkeit; er interessiert mich als ein Häretiker - das heißt als ein Mensch, der die Dreistigkeit besitzt, eine Sicht der Dinge zu kultivieren, die von der meinen abweicht. Mr. Bernard Shaw interessiert mich nicht als jemand, der zu den brillantesten und ehrlichsten Menschen zählt, die es derzeit gibt; er interessiert mich als ein Häretiker - das heißt als ein Mensch, dessen Weltbild absolut gediegen, absolut schlüssig und absolut falsch ist. Ich kehre zu den doktrinellen Methoden des 13. Jahrhunderts zurück, erfüllt von der vagen Hoffnung etwas zustande zu bringen." (S.21)

Das absolut Gute und die Zweifel der Skeptiker (Kapitel II - XIX)

In den folgenden 18 Essays überprüft Chesterton nun mit seiner "doktrinellen Methode" den "negativen Geist" der Moderne. Es geht ihm um das Wahre und absolut Gute. "Natürlich gibt es Wahrheiten bei Kipling und Wahrheiten bei Shaw und Wells. Erkennen können wir sie aber nur in dem Maße, in dem wir eine feste Auffassung von dem, was Wahrheit ist, in uns tragen. Es ist lächerlich zu behaupten, je skeptischer wir seien, desto mehr sähen wir das Gute in allem. Das Gute in allem sehen wir um so mehr, je sicherer wir sind, was das Gute ist." (S.249)

Ein Auszug aus dem II. Essay "Über den negativen Geist", möge dazu anregen, die weiteren Kapitel zu studieren. Chesterton geißelt hier die Sinnentleerung des modernen Werterelativismus und Utilitarismus, er führt drastisch vor Augen, dass Schlagworte wie "Wahrheit", "Gerechtigkeit", "Freiheit", "Fortschritt" und "Erziehung" nur dann mehr sind als Worthülsen, wenn man an die Realität des absolut Guten glaubt: "Jedes der gängigen modernen Schlagworte und Ideale ist ein Kniff, um der Frage auszuweichen, was gut ist. Wir reden gern von "Freiheit"; indem wir das tun, vermeiden wir, uns mit der Frage auseinanderzusetzen, was gut ist. Wir reden gern von "Fortschritt"; damit entziehen wir uns der Auseinandersetzung mit dem Problem, was gut ist. Wir reden gern von "Erziehung"; damit weichen wir der Auseinandersetzung mit dem Problem aus, was gut ist. Der Mensch der Moderne sagt: "Lassen wir all die willkürlichen Normen fallen und entscheiden wir uns für die Freiheit." Sinngemäß übersetzt, heißt das: "Entscheiden wir nicht, was gut ist, sondern erklären wir für gut, wenn darüber nicht entschieden wird." Er sagt: "Weg mit euren alten Moralvorschriften; ich bin für den Fortschritt." Sinngemäß übersetzt heißt das: "Kümmern wir uns nicht darum, was gut ist, sondern kümmern wir uns darum, dass mehr herausspringt." Er sagt: "Weder in der Religion noch in der Moral liegt die Hoffnung der Menschheit, sondern in der Erziehung." Klar ausgedrückt bedeutet das: "Wir können nicht entscheiden, was gut ist; überlassen wir die Sache unseren Kindern." (S. 30)

Fazit:

Chesterton stellt die Frage nach der Realität des absolut Guten, welches die Denker der Moderne aus dem Blick verloren haben. Wer unsere Welt verstehen will, sollte sich also auf G.K. Chesterton einlassen, denn nur wer die richtigen Fragen stellt, kann gute und vernünftige Antworten erhalten. Offensichtlich lebt jeder Mensch mit Herz und Verstand, mit stillschweigenden Annahmen aber auch mit Vorurteilen.
Und Chesterton resumiert: "Wahrheiten werden zu Dogmen, sobald über sie gestritten wird. ... Alles wird man bestreiten. Alles wird zu Glauben werden." (S.258)


Gotteserfahrung heute: Mit einem Geleitwort von Karl Kardinal Lehmann
Gotteserfahrung heute: Mit einem Geleitwort von Karl Kardinal Lehmann
von Andreas R. Batlogg
  Broschiert

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die existentielle Erfahrung des ontologischen Realismus - Rezension zu K. Rahner "Gotteserfahrung heute", 13. November 2013
"So könnte und müßte man fortfahren, um in tausend Abwandlungen das eine Urerlebnis des Menschen anzudeuten, in dem die Offenheit seines Daseins in das unbegreifliche Geheimnis hinein aufgeht, in dem er merkt, daß er nur dann der Gefangene seiner erschreckenden Endlichkeit ist (die es gibt, die grausam quält), wenn er an der unendlichen Unbegreiflichkeit vorbeisieht, die ihn überall umgibt, oder wenn er sich vor ihr fürchtet, weil sie schweigend und unverfügbar alles durchwaltet." (S. 36)

Anno 1969 hielt Karl Rahner seinen Vortrag "Gotteserfahrung heute" in den Theologischen Akademien Köln, Essen, Koblenz, Frankfurt am Main und Berlin. (siehe: Schriften zur Theologie, Band IX, Einsiedeln 1970, S. 161 - 176) Stilistisch überarbeitet liegt der Vortragstext jetzt als Monographie vor - allerdings ohne das Schlusswort. (Siehe Audio-CD: Karl Rahner, "Gotteserfahrung heute": Mitschrift unten in dieser Rezension.)

Der zeitlos gültige Vortrag "Gotteserfahrung heute" des großen Theologen und erfahrenen Seelsorgers Karl Rahner ist keine leichte Kost. Doch es lohnt auch für den theologischen Laien, sich intensiv damit zu befassen. Rahner Sprache ist von großer Eindringlichkeit. Man spürt förmlich, wie ihn die Sorge um unser aller Seelenheil antreibt.

Was wir "Gott" nennen, sei nicht der Gegenstand einer philosophischen Erkenntnis oder empirischen Erfahrung. Ausgehend von einem immer schon falschen "christlichen Weltbild" glaubt man heute behaupten zu können, dass Gott nicht existiere oder zumindest dass er für die Welt belanglos sei. "Der Mensch von früher ordnete Gott eben als ein Stück in seine Welt ein, auch wenn er dabei sagte, das dieses "Stück" das Höchste und Vollkommenste sei, von dem alles andere abhänge, auch wenn die Philosophen und Theologen in ihren theoretischen Aussage ihn darüber belehrten, dass es eigentlich dem "Wesen" Gottes und der Gotteserfahrung widerspreche, so von Gott zu denken. Gott wurde doch als Teil der Welt erlebt in der Welt, nicht als ihr Grund und Abgrund, der von vorneherein nicht mit ihr selbst verrechnet werden darf. Gott war eine partikuläre Wirklichkeit in der Welt (so sehr gesagt wurde, dass er alles verursacht habe), eine Teilursache, die mit den übrigen Wirklichkeiten in einer dauernden gegenseitigen Wechselwirkung steht. So war Gott "verständlich" und die Lehre von ihm leicht von jedermann praktikabel: der "liebe" Gott, der als Weltregent für Moral sorgt und auch wieder gnädig sein kann. Was man im allerletzten meinte, stimmte zwar schon, aber dass, wie man es meinte, nicht stimmt, das merken wir erst heute deutlich. Denn jetzt ist auch dem Durchschnittsmenschen (der früher auch noch im hohen Denker bei der Praxis steckte) deutlich geworden, dass es diesen Gott nicht gibt, dass sein Himmel nicht über den Wolken ist, dass Wunder nicht zur Behebung von Störungen der Weltmaschinerie dienen, sondern dass er, mit der Welt absolut inkommensurabel, nicht als Einzelposten in unsere Kalkulation eingesetzt werden kann. ... Es ist aber in Wahrheit so: Die rationale Durchschauung der Welt, die diese entgöttlicht, ist durchaus legitim, vorausgesetzt nur, dass diese Entgöttlichung der Welt langsam immer mehr erfahren wird als getragen von jener Transzendierung von Welt und endlichem Subjekt, in der die wahre Gotteserfahrung geschieht."

Die Grundvoraussetzung jedes Gottesglaubens, darauf weist Rahner eindringlich hin, ist eine anonyme, natürliche und gnadenhafte Transzendenzerfahrung: "Die Gotteserfahrung ist ... die letzte Tiefe und Radikalität `jeder` geistig-personalen Erfahrung (der Liebe, Treue, Hoffnung und so fort) und ist somit gerade die ursprünglich eine Ganzheit der Erfahrung, in der die geistige Person sich selbst hat und sich selbst überantwortet ist." Während diese Gotteserfahrung früher aus dem Staunen über die Welt erwuchs, sei sie heute eine existentielle Erfahrung: Im Angesicht des Todes, im Bewusstsein von quälender Einsamkeit, von unerbittlicher Verantwortung in Freiheit oder von unbedingter Liebe, erfahre der Mensch das unsagbare Geheimnis, das in jedem Leben waltet. Er erfährt so, wie das eigene Bewusstsein aus seiner objektiven Begrenztheit eine Erfahrung von Unendlichkeit erlebt.

Un so umschreibt Karl Rahner diese allen Menschen zugängliche Transzendenzerfahrung: "Diese ursprüngliche, durch nichts anderes begründete, wenn auch durch die Erfassung eines konkreten Gegenstandes vermittelte Erfahrung kann eigentlich durch nichts anderes als durch sich selbst erklärt werden. Sie ist die Erfahrung des Geheimnisses das bleibt, immer schon gegeben und gerade so das Unbegreifliche und allein Selbstverständliche zumal ist. Die Dynamik dieser unbegrenzten Bewegung und an ihr Woraufhin werden natürlich in einem erfahren und darin auch unterschieden. Aber weil das "Woraufhin" dieser Bewegung per definitionem `nicht` ein "Gegenstand" derart ist und sein kann, wie er sonst in Erkenntnis und Freiheit angezielt wird, um ihn als vorläufige Etappe dieser Bewegung untertan zu machen, um ihn in das Koordinatensystem an einer bestimmten Stelle einzuordnen, weil dieses Woraufhin `in` und `an` der unendlichen Bewegung des Geistes erfahren wird, wenn auch gerade als das diese Bewegung selbst eröffnende und Tragende, darum ist es letztlich eine zweitrangige Frage, ob man sagt, der unendliche Raum, der sich in dieser Bewegung ohne Grenze und Ende öffnet, sei das Leere, das, um sein zu können, auf eine unendliche Fülle verweise, weil das Nichts, wenn dieses Wort ernst genommen wird, sich nicht als Raum der Möglichkeit dieser Bewegung ausspannen könne, oder ob man sagt, dieses Woraufhin selbst sei als die unendliche Fülle angezielt." (S. 32f)

Aus dieser sowohl natürlichen als auch gnadenhaften existentiellen Gotteserfahrung erwachse dem Christen - in der Nachfolge Jesu Christi - die Kraft für seinen nüchternen, demütigen, selbstlosen Dienst in dieser Welt.

Man dürfe "diese Gotteserfahrung nicht verbannen in eine bloße religiöse Innerlichkeit des Menschen. Sie habe auch eine wirkliche, letzte sehr radikale politische gesellschaftliche öffentliche Relevanz und Bedeutung, aber eben nur dann, wenn sie echt und lebendig gemacht wird. Der Christ lebe aus einer wirklichen, echten, in jedem von uns gegebenen, wenn vielleicht auch verdrängten, anonymen, nicht beachteten Gotteserfahrung heraus. Leben sei nicht nur theoretische Spekulation und bloßes Gefühl. Die immer tiefere Verwurzelung in der Gotteserfahrung solle den modernen Menschen die Kraft zur vernünftigen Tat, zum demütigen nüchtern selbstlosen Dienst an der Gemeinschaft geben.

Was jedoch Karl Rahner zum Zeitpunkt des Vortrags nur ahnen konnte: Ein neues säkulares Weltbild verführt seit Mitte der 1970-er Jahre die Menschen (auch innerhalb der Kirche) zu einer nicht für mögliche gehalten militanten Gottesfeindlichkeit. Existentielle Menschheitsfragen betrachtet man heute, im Rausch eines naiven fortschrittsgläubigen Machbarkeitswahns als obsolet. Jedes Denken, das nicht mit naturwissenschaftlichen Methoden falsifizierbar ist, sei Fundamentalismus und gefährliche Illusion. Glaube sei keine Wahrheit sondern ein gefährlicher Wahn. Sehr wahrscheinlich seien die Welt, wie sie geworden ist, und das Schicksal der Menschheit nur Resultate des blinden Zufalls.

Stets hat Karl Rahner eindringlich gewarnt: Der Mensch verliert sein Selbst, wenn man ihm nur noch Pragmatismus und rein innerweltlich nützliches Denken zugesteht. Im Sinne von Rahner muss immerzu verkündet werden, dass der Mensch nur Mensch ist, wenn er aus seiner Gotteserfahrung heraus unserem Herrn Jesus Christus tapfer und demütig nachfolgt. Wer in Versuchung gerät, das Heil der Kirche in der Säkularisierung zu suchen, lasse sich nochmals durch Karl Rahners mahnendes Schlusswort aufrütteln (Leider nur auf der Audio-CD: Karl Rahner, Gotteserfahrung heute):

"Lassen Sie mich ein letztes Wort sagen: Heute in der katholischen Kirche, überhaupt und auch in Deutschland, wird unendlich viel über Kirchenreform, über Demokratie in der Kirche, über Bischöfe und Päpste, über ihr richtiges oder falsches Verhältnis gestritten und geredet, wird viel gesagt über die Weltaufgabe, die das Christentum hat, über seine Verantwortung für die profane Welt usw. Alle diese Dinge sind wichtig. Sie können nicht übergangen werden. Aber ich meine, all das würde doch zu einem entarteten Betrieb, bei allem Reformwillen zum entarteten Betrieb einer religiösen Institutionalität entarten, die gräulich ist, auch dann wenn sie großen Lärm und Geschrei macht und stolz ist auf ihren Reformwillen, wenn dieser ganze Betrieb nicht letztlich immer wieder erkennen würde, dass er dazu da ist, den Menschen anzuleiten, diese ursprüngliche Gotteserfahrung in sich zu entdecken, vorzulassen, für sich selbst in einem gewissen Sinne wenigstens zu objektivieren, diese ursprüngliche Gotteserfahrung anzunehmen, in Freiheit sie wachsen zu lassen, sich immer radikaler zu ihr zu bekennen, in dieser Gotteserfahrung frei zu werden, von sich, von den versklavenden Mächten der Welt, des Lebens, der innerweltlichen Utopien, des Todes usw.

Religion, Reden darüber, institutionalisiertes Christentum, so wichtig alle diese Dinge sind, sind nur dann nicht noch einmal ein neuer Götze, den der Mensch sich entrichtet, wenn all das immer wieder den Menschen hinführt zu einer letzten ursprünglichen, unausweichlichen, immer gegebenen, wenn auch noch so anonymen Erfahrung, dass wir immer und überall schon umgeben, getragen, angenommen, befreit und erlöst sind von jenem unsagbaren Geheimnis, das wir Gott nennen. Und ich meine, in all den heutigen kirchlichen, theologischen, dogmatischen Kämpfen und Auseinandersetzungen, die heute die Kirche durchtoben, sollten wir das nicht vergessen: Wir sind im Grunde genommen eben doch nur Christen, wenn wir uns vertrauend, hoffend, arglos, ohne letzte Angst, ohne letztes Misstrauen hinein fallen lassen in das Geheimnis unserer Existenz, das größer ist wie wir, das uns umgibt, das sich uns immer zusagt als Gnade, als Heil, als ewiges Leben.

Man darf, wie ich schon betont habe, diese Gotteserfahrung nicht verbannen in eine bloße religiöse Innerlichkeit des Menschen. Ich habe schon gesagt: Sie hat auch wirklich eine letzte sehr radikale politische gesellschaftliche öffentliche Relevanz und Bedeutung, aber eben nur dann, wenn sie echt und lebendig gemacht wird, wenn wir alle, wenn ich einmal das so sagen darf, die Mystiker dieser Gotteserfahrung sind, die wir alle haben und die wir meistens übersehen, an der wir uns, weil wir sie nicht manipulieren können, nur zu gern vorbeischleichen, zu den Dingen des Alltags, die übersichtlicher, manipulierbarer, verständlicher sind. Aber wir leben dieses klare Dasein des Alltags letztlich eben doch umfasst und von jener Tiefe des Geheimnisses her, das wir Gott nennen. Wir leben aus einer wirklichen, echten, in jedem von uns gegebenen, wenn vielleicht auch verdrängten, anonymen, nicht beachteten Gotteserfahrung heraus, und die Geschichte unseres Lebens sollte nicht in einer theoretischen Spekulation und nicht bloß in einem Gefühl, sondern in der Tat des Lebens, die Geschichte des Wachstums und der Annahme und der immer tieferen Verwurzelung dieser Gotteserfahrung sein."

Anmerkung:
Auch wenn die modernen materialistischen Ideologien uns das ausreden wollen, sind wir im Grunde doch ontologische Realisten, die daran glauben, dass es zwischen Himmel und Erde mehr gibt, als wir uns je vorstellen können. Und wir sind doch auch gläubige Existentialisten, die sich nicht ausreden lassen, dasss unsere Ängste und Hoffnungen Substanz haben und Wirklichkeit sind - und nicht nur tröstliche Illusionen.

Vielleicht anschaulicher und plastischer als der "trockene" Religionsphilosoph Karl Rahner hat der große Physiker, Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal in seinen Aphorismen und "Gedanken" auf die existentielle Gotteserfahrung - "den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, nicht der Philosophen" - hingewiesen:
"Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt."
"Es ist das Herz, das Gott fühlt, und nicht der Verstand."
"Im Herzen eines jeden Menschen befindet sich ein von Gott geschaffenes Vakuum, das durch nichts Erschaffenes erfüllt werden kann als allein durch Gott, den Schöpfer, so wie er sich in Christus offenbart.
"Gott hat gewollt, das die göttlichen Wahrheiten nicht durch den Verstand ins Herz, sondern durch das Herz in den Verstand eingehen. Denn die menschlichen Dinge muss man kennen, um sie zu lieben, die göttlichen muss man lieben, um sie zu kennen."


Gotteserfahrung heute
Gotteserfahrung heute
von Karl Rahner
  Audio CD

5.0 von 5 Sternen K. Rahner: Institutionalisiertes Christentum ist ein Götze, so es die Realität radikaler Liebe, Treue und Hoffnung verschweigt, 12. November 2013
Rezension bezieht sich auf: Gotteserfahrung heute (Audio CD)
Am 22.10.1969 hat Karl Rahner seine Vortrag "Gotteserfahrung heute" in der damaligen Theologischen Akademie Koblenz gehalten. Das Manuskript hat er dann in den 'Schriften zur Theologie, (Band IX, Einsiedeln 1970, S. 161 - 176) veröffentlicht. Dieser zeitlos gültige Vortrag eines großen Theologen und erfahrenen Seelsorgers ist keine leichte Kost. Doch es lohnt auch für den theologischen Laien, sich damit zu befassen. Die Sprache Rahner ist hier von geradezu beschwörender Eindringlichkeit. Man spürt förmlich, wie ihn die Sorge um unser aller Seelenheil antreibt.

Junge moderne Menschen seien stark mit Alltagsroutine beschäftigt, weshalb existentielle Fragen oft nicht vorgelassen werden. Und ausgehend von einem offensichtlich schon immer falschen "christlichen Weltbild" (vom "lieben" Gott, der als Weltregent für Moral sorge und auch wieder gnädig sein kann) glaube man heutzutage (ohne zu wissen, was mit dem Wort "Gott" wirklich gemeint ist) Gott als irrelevant oder sogar als nicht existent abtun zu können. Dazu Karl Rahner: "Es ist aber in Wahrheit so: Die rationale Durchschauung der Welt, die diese entgöttlicht, ist durchaus legitim, vorausgesetzt nur, dass diese Entgöttlichung der Welt langsam immer mehr erfahren wird als getragen von jener Transzendierung von Welt und endlichem Subjekt, in der die wahre Gotteserfahrung geschieht."

Die Grundvoraussetzung jedes Gottesglaubens sei die anonyme, natürliche und gnadenhafte Transzendenzerfahrung: Es gehe hier keineswegs um ein subjektives Gefühl, sondern und das radikale Vertrauen auf die absolute Realität unserer geistig personalen Erfahrung von Liebe, Treue, Hoffnung, Verantwortung in Freiheit, Gerechtigkeit und so fort. Während diese transzendentale Gotteserfahrung früher aus dem Staunen über die Welt erwuchs, sei sie heute eine existentielle Erfahrung: Im Angesicht des Todes, im Bewusstsein von quälender Einsamkeit, von unerbittlicher Verantwortung in Freiheit oder von unbedingter Liebe erfährt der Mensch das "unsagbare Geheimnis, das in jedem Leben waltet". Aus seiner gnadenhaften existentiellen Gotteserfahrung erwachse dem Christen - in der Nachfolge Jesu Christi -. die Kraft für seinen nüchternen, demütigen Dienst in dieser Welt.

Karl Rahners eindrucksvolles, leidenschaftliches und kritisches Schlusswort möge anregen, den ganzen Vortrag zu studieren:

"Lassen Sie mich ein letztes Wort sagen: Heute in der katholischen Kirche, überhaupt und auch in Deutschland, wird unendlich viel über Kirchenreform, über Demokratie in der Kirche, über Bischöfe und Päpste, über ihr richtiges oder falsches Verhältnis gestritten und geredet, wird viel gesagt über die Weltaufgabe, die das Christentum hat, über seine Verantwortung für die profane Welt usw. Alle diese Dinge sind wichtig. Sie können nicht übergangen werden. Aber ich meine, all das würde doch zu einem entarteten Betrieb, bei allem Reformwillen zum entarteten Betrieb einer religiösen Institutionalität entarten, die gräulich ist, auch dann wenn sie großen Lärm und Geschrei macht und stolz ist auf ihren Reformwillen, wenn dieser ganze Betrieb nicht letztlich immer wieder erkennen würde, dass er dazu da ist, den Menschen anzuleiten, diese ursprüngliche Gotteserfahrung in sich zu entdecken, vorzulassen, für sich selbst in einem gewissen Sinne wenigstens zu objektivieren, diese ursprüngliche Gotteserfahrung anzunehmen, in Freiheit sie wachsen zu lassen, sich immer radikaler zu ihr zu bekennen, in dieser Gotteserfahrung frei zu werden, von sich, von den versklavenden Mächten der Welt, des Lebens, der innerweltlichen Utopien, des Todes usw.

Religion, Reden darüber, so wichtig alle diese Dinge sind, sind nur dann nicht noch einmal ein neuer Götze, den der Mensch sich entrichtet, wenn all das immer wieder den Menschen hinführt zu einer letzten ursprünglichen, unausweichlichen, immer gegebenen, wenn auch noch so anonymen Erfahrung, dass wir immer und überall schon umgeben, getragen, angenommen, befreit und erlöst sind von jenem unsagbaren Geheimnis, das wir Gott nennen. Und ich meine, in all den heutigen kirchlichen, theologischen, dogmatischen Kämpfen und Auseinandersetzungen, die heute die Kirche durchtoben, sollten wir das nicht vergessen: Wir sind im Grunde genommen eben doch nur Christen, wenn wir uns vertrauend, hoffend, arglos, ohne letzte Angst, ohne letztes Misstrauen hinein fallen lassen in das Geheimnis unserer Existenz, das größer ist wie wir, das uns umgibt, das sich uns immer zusagt als Gnade, als Heil, als ewiges Leben.

Man darf, wie ich schon betont habe, diese Gotteserfahrung nicht verbannen in eine bloße religiöse Innerlichkeit des Menschen. Ich habe schon gesagt: Sie hat auch wirklich eine letzte sehr radikale politische gesellschaftliche öffentliche Relevanz und Bedeutung, aber eben nur dann, wenn sie echt und lebendig gemacht wird, wenn wir alle, wenn ich einmal das so sagen darf, die Mystiker dieser Gotteserfahrung sind, die wir alle haben und die wir meistens übersehen, an der wir uns, weil wir sie nicht manipulieren können, nur zu gern vorbeischleichen, zu den Dingen des Alltags, die übersichtlicher, manipulierbarer, verständlicher sind. Aber wir leben dieses klare Dasein des Alltags letztlich eben doch umfasst und von jener Tiefe des Geheimnisses her, das wir Gott nennen. Wir leben aus einer wirklichen, echten, in jedem von uns gegebenen, wenn vielleicht auch verdrängten, anonymen, nicht beachteten Gotteserfahrung heraus, und die Geschichte unseres Lebens sollte nicht in einer theoretischen Spekulation und nicht bloß in einem Gefühl, sondern in der Tat des Lebens, die Geschichte des Wachstums und der Annahme und der immer tieferen Verwurzelung dieser Gotteserfahrung sein."


Meditation über das Wort "Gott": Mit einem Geleitwort von Karl Kardinal Lehmann
Meditation über das Wort "Gott": Mit einem Geleitwort von Karl Kardinal Lehmann
von Albert Raffelt
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 8,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Was meinen Sie, wenn Sie "Gott" sagen?", 2. November 2013
Buchautor: Karl Rahner.

Anno 1969 hatte Karl Rahner diese seine "Meditation über das Wort >Gott<" den Hörern des Süddeutschen Rundfunks vorgetragen. Rahners "Meditation" wurden schon damals in gedruckter Form herausgegeben (Sammlung von immer noch lesenswerten 23 Manuskripten der damaligen SR-Sendereihe, u.a. Joseph Ratzinger, Schöpfungsglaube und Evolutionstheorie):
Wer ist das eigentlich - Gott?
(hier Karl Rahner, Meditation über das Wort „Gott“, Seite 13–21)

Bemerkenswert ist, dass Karl Rahner diesen Text auch in sein Lehrbuch der Theologie aufgenommen hat:
Grundkurs des Glaubens: Einführung in den Begriff des Christentums (hier Zweiter Gang, Der Mensch vor dem absoluten Geheimnis, Seite 48-55)

Meditationen über das Wort „Gott“, diese theologische und sprachphilosophische Kostbarkeit liegt jetzt als Monografie vor. Karl Rahners Überlegungen machen deutlich, wie oft man das Wort „Gott“ in den Mund nimmt – areligiöse und religiöse Menschen – ohne zu bedenken, was es mit diesem seltsam „blinden“ Wort, diesem „Wort kurz vor dem Verstummen“ auf sich hat. Gefragt nach der Zukunft dieses Wortes gibt es nur zwei Möglichkeit, entweder der Sinn des Worts verschwindet vollkommen, die Intelligenz des Menschen wird wieder „tierisch“ funktional, wobei er das Gefühl für das Ganze der Wirklichkeit verliert – oder das Wort bleibt und der Mensch behält ein Bewusstsein für das unfassbare Geheimnis seines Daseins und seines Schicksals: „Es gibt einen guten amor fati. Diese Entschlossenheit zum Geschick heißt aber lateinisch eigentlich „Liebe zum zugesagten Wort“, das heißt zum fatum, das unser Schicksal ist. Nur die Liebe zum Notwendigen befreit unsere Freiheit. Dieses “fatum“ ist im letzten das Wort “Gott“.“

Wer über den eindrucksvollen Essay „Meditation über das Wort Gott“ von Karl Rahner nachdenkt, wird erkennen, wie wenig gemeinhin über die Bedeutung des Wortes »Gott« nachgedacht wird – und dass man heute kaum noch verstanden wird, wenn man dieses „Wort kurz vor dem Verstummen“ ausspricht, weil es kaum noch einen allgemein akzeptierten Sinngehalt hat. Man fühlt sich da an Goethes Mephistopheles erinnert: „Den eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein, mit Worten lässt sich trefflich streiten, mit Worten ein System bereiten, an Worte lässt sich trefflich glauben, von einem Wort lässt sich kein Jota rauben.“

Im Judentum ist das Wort ein geheiligter Eigennamen, den nur ein hoher Priester ganz selten und hochfeierlich aussprechen darf. Dagegen fand ich neulich in der „theologischen Handreichung“ einer katholischen Institution das Wort „Gott“ zweihunderteinundvierigmal auf lediglich 31 Seiten, mehr im Sinne einer politischen Botschaft: „Als Volk Gottes auf der Suche nach dem [ganz diesseitigen und freien demokratischen] Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit“. Ganz abgesehen davon sind heute weite Kreise von jener positivistischen Abwertung des Begriffs durch Bertrand Russell fasziniert, die Richard Dawkins so leidenschaftlich predigt: dass man sich unter „Gott“ allenfalls ein so unwahrscheinliches Objekt, wie eine im Universum ihre Bahnen ziehende Teekanne vorstellen könne – und dass der Glaube an deren Existenz und weltgeschichtliche Bedeutsamkeit doch nur Irrsinn sein könne.

Wer heute von "Gott" sprechen will, sollte sich vorher vergewissern, wie sein Gesprächspartner "es mit der Religion hält". Entweder spricht man dann wie Karl Rahner über „die Liebe zum zugesagten Wort“ oder mit Befreiungstheologen über politische Weltverbesserung oder mit Rationalisten über Lächerlichkeiten ("die höchste Form der Boing 747", „die im Weltraum kreisende Teekanne") – oder man bereitet mit performativen Worthülsen "trefflich ein System", im Geiste des Mephistopheles.

Was soll man sich also unter "amor fati - Liebe zum zugesagten Wort" vorstellen?

Rahners "Meditation über das Wort Gott" soll natürlich nur die Einstimmung in eine Reflexion des Christentums sein - zur Vortragsreihe "Wer ist das eigentlich - Gott" (Herausgeber Hans Jürgen Schultz) als auch zu Karl Rahner "Grundkurs des Glaubens". Es ist einsichtig, dass "Liebe zum zugesagten Wort" nicht mit der materialistischen Idee vereinbar ist, dass das menschliche Leben als Ganzes, vom Anfang bis zum Ende, nur der Spielball einer sinnfreien Materie sei: "Geburt und Tod als sinnloses Spiel der Natur, als blinde Zufallsverfügung". (Max Seckler, S. 190, "Wer ist das eigentlich Gott?")

"Amor fati - Liebe zum zugesagten Wort" impliziert, dass wir unser Schicksal (fatum) nicht als blind zufällig, sondern im Vertrauen auf eine uns tragende Wahrheit erleben sollen: Wir vergleichen unser Schicksal - in Analogie - als getragen vom Wohlwollen einer über den Dingen der Welt stehenden Person, von der wir im tiefsten Grunde abhängig sind. Die Einsicht in die radikale Abhängigkeit von unserem Schicksal, das wir durch unser Handeln nur in Grenzen modifizieren können, führt zu einer existentiellen Demut und zum Vertrauen auf einen im Letzten guten Ausgang unseres Schicksals - trotz der eklatanten Widerwärtigkeiten des Lebens in dieser Welt. Zweifellos ist für Karl Rahner das Schicksal Jesu Christi im seinem ganzen Leben und in seinem Sterben der Weg, die Wahrheit und das Leben. Doch: "Diejenigen, die das fürchterliche Bild eines geschundenen Unschuldigen nicht als die Wahrheit der Geschichte erkennen, sind wahrscheinlich Anhänger jenes begeisterten Aberglaubens an den grenzenlosen menschlichen Fortschritt." (Terry Eagleton in "Fuchteln, dreschen danebenhauen", discorsi.de)


Der Naturwissenschaftler vor der religiösen Frage
Der Naturwissenschaftler vor der religiösen Frage
von Pascual Jordan
  Gebundene Ausgabe

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Naturwissenschaftler vor dem Unbegreiflichen, 12. März 2013
"Der Naturwissenschaftlicher vor der religiösen Frage" von Pascual Jordan war in den 1960-iger Jahren ein Bestseller. Durch das Wiederaufleben eines militanten Evolutionismus erhält das Buch neue Aktualität. Der Verfasser, ein renommierter theoretischer Physiker schreibt: "Thema des Buches ist die Klärung der logisch-sachlichen Beziehungen zwischen naturwissenschaftlicher Erkenntnis und religiöser Gedankenwelt - dieses Thema suche ich zu verfolgen durch verschiedene Teilgebiete der Naturwissenschaft, welche dazu Beziehung haben." (Quantenphysik und Astrophysik) Die materialistische Philosophie habe mit Hilfe der älteren Naturwissenschaft eine Mauer aufgebaut, und das naturwissenschaftliche Denken vom geistigen Bereich religiösen Glauben abgeschottet.

Der moderne Mensch war von den Erkenntnissen der älteren Naturwissenschaften (insbesondere die Mechanik des kopernikanischen Weltbilds) so euphorisiert, dass er den Naturwissenschaften alles zutraute. Man war davon überzeugt, dass der Mensch prinzipiell alles über die Welt erforschen könnte. Es wurde nur noch spekuliert, ob das Gesamtwissen vom Universum endlich oder unendlich sei. Die neuen Naturwissenschaften haben aber Unvorgesehenes erbracht, indem sie offenbarten, dass der Mensch an Grenzen des Verstehens kommt. Denn Menschen können die unstrittig richtigen abstrakt mathematisch formulierten modernen Theorien der Quantenphysik und der Relativitätstheorie nicht mehr verstehen. (Überlegungen zur Quantenbiologie als Konsequenz der Quantenphysik steht noch in den Anfängen.) Ohne jeden Zweifel gilt also: Philosophie, Theologie und Naturwissenschaften stoßen trotz so unterschiedlicher Zugangswege - Rationalität, Emotionalität und Empirie - auf das gleiche Problem: das Unbegreifliche, das absolute Geheimnis.

Aufgrund des unumkehrbaren Erkenntnisstands der neuen Naturwissenschaften stellt der Naturwissenschaftler (siehe Nachwort) gemeinsam mit dem religiös gläubigen Menschen die Frage: "Und wo stehst Du?" und beide Antworten zusammen: "Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt." (121. Psalm)

Hier nun einige charakteristische Beispiele für Pascual Jordans Argumentation:

"Ist die Determinierung endgültig widerlegt?" (Seite 194 ff):
"Wir haben in sechs Abschnitten die moderne Physik der Atome, Quanten, Elementarteilchen durchwandert, ohne uns vor unwegsamem oder gebirgigen Gelände zu scheuen. ... Die oft vorgebrachte Besorgnis Fernstehender, die sich noch nicht entschließen möchten, das ihnen noch verhältnismäßig sicher scheinende Bollwerk der Irrelevanztheorie [heute würde man vielleicht NOMA: Nonoverlapping Magisteria sagen] zu verlassen, kann etwa so ausgedrückt werden: "Kann man wirklich glauben, dass die heutige Ablehnung kausaler Determinierung mehr ist als eine wissenschaftliche Tagesmode? Ist es denkbar, dass Physiker der übernächsten Generation, indem sie wiederum zu neuen, tieferen Erkenntnissen gelangen, eine Wiederherstellung vollständiger Determinierung in ihrem physikalischen Naturbild vollziehen und alle diejenigen widerlegen werden, die den Indeterminismus als weltanschaulich bedeutsam anerkennen werden? ...
Die kausale "Ergänzung" oder "Vervollständigung" der heutigen physikalischen Theorie ist deshalb ausgeschlossen, weil diese Theorie bereits vollständig ist - in dem Sinne, dass sie zuständig ist auch für jedes zukünftige Experiment, welches in der Absicht einer Wiederentdeckung von Kausalität unternommen werden könnte."

"Riemannsche Geometrie" (Seite 286 ff):
"Als Riemann seine neuartige Geometrie schuf, war es sich durchaus bewusst, Vorarbeit zu leisten für spätere physikalische Forschungen. Es war nicht etwa sein Absicht, bloßen logischen Möglichkeiten mathematischer Abstraktion nachzugehen; sondern er zielte auf den wirklichen Raum des Naturgeschehens, auf den Raum der Physik. Er war überzeugt, dass die geometrischen Eigenschaften des Raumes, seine Krümmungseigenschaften, ein Ausfluss physikalischer Kräfte seien.
Aber erst Einstein erkannte, dass es sich dabei um die Schwerkraft handelt, dass Schwerewirkungen und Trägheitswirkungen mit der Geometrie unlöslich verbunden sind. Er konnte für die Präzisierung dieser Erkenntnis freilich nicht einfach die Riemannsche dreidimensionale Geometrie in ihrer fertigen Form übernehmen, sondern musste noch einen Schritt abstrakter Verallgemeinerung vollziehen: Wir haben ja im zweiten Kapitel bei der Besprechung der speziellen Relativitätstheorie die vierdimensionale "Welt" der Raum-Zeit-Punkte erwähnt - dieser vierdimensionalen Mannigfaltigkeit wird in Einsteins Theorie eine vierdimensionale Geometrie Riemannscher Art zugeschrieben:
Erst auf dieser Höhe der Abstraktion gewinnt das Relativitätsprinzip volle, nicht mehr eingeschränkte Gültigkeit. Zugleich vereinigen sich die Gesetze der Trägheit und der Schwerewirkung in dem umfassenden Galilei-Einsteinschen Trägheitsgesetz, dessen grandiose Einfachheit und mathematische Schönheit freilich erst dann gewürdigt werden kann, wenn wir Einstein ganz auf der Höhe dieser schwindelerregenden Abstraktion gefolgt sind. ...
Die Überzeugungskraft, welche Einsteins Theorie für jeden Sachkundigen besitzt, beruht vor allem in der zwingenden Einfachheit des Gedankengangs, die durch die Kompliziertheit zugehöriger mathematischer Entwicklungen hindurchscheint. ...
[Der alten Newtonschen Vorstellung von Raum und Zeit] steht seit Einstein die neue, tiefere Erkenntnis gegenüber, dass Raum und Materie in Wechselwirkung stehen; dass der Raum gewissermaßen das Gewand der Materie ist. ... Das seit Kopernikus und Bruno entstandene Problem der "Wohnungslosigkeit" Gottes gewinnt ein verändertes Gesicht. Sofern wir mit der Möglichkeit rechnen, dass gewisse außerordentliche Ereignisse den Rahmen der gewohnten und bekannten Gesetze der Materie überschreiten können, müssen wir folgerichtig auch damit rechnen, dass dabei die uns gewohnten Raumverhältnisse Abwandlungen unbekannter Art erfahren könnten."


Wer ist das eigentlich - Gott?
Wer ist das eigentlich - Gott?
von Hans Jürgen. Schultz
  Broschiert

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Wort "Gott" bedeutet letzlich "Liebe zu unserem Schicksal"., 10. März 2013
Rezension bezieht sich auf: Wer ist das eigentlich - Gott? (Broschiert)
Das Buch "Wer ist das eigentlich - Gott?" (Herausgeber Hans Jürgen Schulz) enthält die Manuskripte von 22 bemerkenswerten, hochkarätigen und inspirierenden Vorträgen eines Senderzyklus des Süddeutschen Rundfunks aus dem Jahre 1969. Die religionsphilosophischen Vorträge sind in drei Rubriken angeordnet: Durchblicke durch die Gegenwart, Rückblicke der Geschichte, Ausblicke auf die Zukunft. Diese Beiträge sind auch deshalb so interessant, weil in ihnen noch nichts von der wenige Jahre später einsetzenden Postmoderne mit ihrer aggressiven Geistfeindlichkeit zu spüren war. Damals gab es wohl noch genügend Zuhörer des öffentlich rechtlichen Rundfunks, die sich mehr für die uralten Menschheitsfragen interessierten als für Strukturreformen der Kirchen. Als Religionsgegner kam der Atheist Jean Amery mit dem Thema zu Wort: "Provokation der Atheimus" Sein Vortrag endet mit einem bemerkenswert konstruktiven und versöhnlichen Schlusswort: "Die Zukunft gehört der christlich-atheistischen Zusammenarbeit an der Errichtung einer befriedeten Welt."

Schon das Einführungskapitel "Meditationen über das Wort »Gott«" des großen Theologen Karl Rahner ist eine Kostbarkeit: Karl Rahners sprachphilosophische Überlegungen machen deutlich, wie oft man das Wort »Gott« in den Mund nimmt - als areligiöser oder religiöser Mensch - ohne zu bedenken, was es mit diesem seltsam "blinden" Wort, diesem "Wort kurz vor dem Verstummen" auf sich hat. Gefragt nach der Zukunft dieses Wortes gibt es nur zwei Möglichkeit, entweder der Sinn des Worts verschwindet vollkommen, die Intelligenz des Menschen wird wieder "tierisch" funktional, wobei er das Gefühl für das Ganze der Wirklichkeit verliert - oder das Wort bleibt und der Mensch behält ein Bewusstsein für das unfassbare Geheimnis seines Daseins und seines Schicksals: "Es gibt einen guten amor fati. Diese Entschlossenheit zum Geschick heißt aber lateinisch eigentlich "Liebe zum zugesagten Wort", das heißt zum fatum, das unser Schicksal ist. Nur die Liebe zum Notwendigen befreit unsere Freiheit. Dieses "fatum" ist im letzten das Wort »Gott«." (vergleiche Grundkurs des Glaubens: Einführung in den Begriff des Christentums, Zweiter Gang, Der Mensch vor dem absoluten Geheimnis)

Hier nun in willkürlicher Auswahl die Kernthesen einiger Vorträge:

Albert Görres "Gesichtpunkte der Tiefenpsychologie"
Kernthese: "Einleuchtend bliebe die christliche Gotteslehre, wenn es die Welt nicht gäbe. ... Ein böser Gott aber ist unerträglich und absurd. Also kann es keinen Gott im alten Sinn geben; er ist leider mit Recht verstorben. Allenfalls lässt sich ein jenseits von Gut und Böse befindlicher, ein unpersönlicher metaphysischer Urgrund denken. Es ist im Grunde gleichgültig, ob wir diesen Urgrund Materie, Sein, Transzendenz, Evolution oder Zufall nennen oder ob wir ihm sonst irgendeinen gelehrten und verblasenen Namen zulegen. ... Gott kann weder erkannt noch geglaubt, weder geliebt werden noch Vertrauen finden, solange nicht jene notwendige Stufe eines menschenähnlichen Gottes, die alles Fragwürdige am Menschen in das Gottesbild mitnimmt, auf einen göttlichen Gott hin überschritten wird. Dieser eine und einzige Schritt ist vielleicht das eine und einzige Notwendige, das der Mensch lernen muss, der in einer reifen, erwachsenen und intellektuell verantwortbaren Weise nicht nur an Gott glauben, sondern ihn lieben will."

Max Seckler, "Kommt der christliche Glaube ohne Gott aus":
Kernthese: "Man kann Geburt und Tod als sinnloses Spiel der Natur, als blinde Zufallsverfügung betrachten. Dafür spricht weiß Gott viel. Man kann es als Los des Menschen ansehen, erst zum Dasein und dann, ein zweites Mal, zum Tode verdammt zu sein. Fragt sich nur, wie man das Spiel mitspielt und was man daraus macht. Eine Möglichkeit und ein Modell wird hier angeboten. Wer diese Möglichkeit glaubend ergreift, darf darauf vertrauen, in Übereinstimmung mit unserer Bestimmung zu leben, und kann dieses uns Bestimmende, das so vielfältig interpretiert werden kann, »Gott« und »Vater« nennen. Das ist wenig und doch viel - eigentlich alles. Kommt also der christliche Glaube ohne Gott aus? Ich sage nicht ja und nicht nein, sondern frage zuerst: Was meinen Sie, wenn Sie »Gott« sagen?"

Und Josef Ratzinger hielt den sehr bedeutsamen Vortrag: "Schöpfungsglaube und Evolutionstheorie" (der übrigens auch in Audioform verfügbar ist: Schöpfung oder Evolution? Vorträge. O-Ton Wissenschaft).
Kernthese:"Wenn der Mensch nur das Produkt der Entwicklung ist, dann ist auch der Geist ein Gebilde des Zufalls. Wenn aber der Geist sich entwickelt hat, dann ist die Materie das Erste und der genügende Ursprung alles Weiteren. Und wenn das ist, entschwindet Gott und so auch Schöpfer und Geist von selbst. ... Der Geist ist [jedoch nach christlichem Glauben] kein Zufallsprodukt der Entwicklung. Der Glaube behauptet von ersten Menschen nicht mehr als von jedem von uns und umgekehrt von uns nicht weniger als vom ersten Menschen. Jeder Mensch ist nicht nur Produkt von Erbanlage und Umwelt, keiner resultiert allein aus den errechenbaren innerweltlichen Faktoren, das Geheimnis der Schöpfung steht über jedem von uns. ... Die Behauptung, der Mensch sei in einer spezifischeren, direkteren Weise von Gott geschaffen als die Naturdinge, bedeutet, etwas weniger bildhaft ausgedrückt, einfach dies, dass der Mensch in einer spezifischen Weise von Gott gewollt ist, nicht bloß als ein Wesen, das "da ist", sondern als ein Wesen, das ihn kennt; nicht nur ein Gebilde, das er gedacht hat, sondern eine Existenz, die ihn wieder denken kann. Dieses spezifische Gewolltsein und Gekanntsein des Menschen von Gott nennen wir seine besondere Erschaffung. ... Evolution hebt den Glauben nicht auf, sie bestätigt ihn auch nicht. Aber sie fordert ihn heraus, sich tiefer selbst zu verstehen und so den Menschen zu helfen, sich zu verstehen und mehr und mehr zu werden, der er ist: das Wesen, das in Ewigkeit zu Gott Du sagen soll."


Gott: Eine kleine Geschichte des Größten
Gott: Eine kleine Geschichte des Größten
von Manfred Lütz
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Gott erkennen bedeutet Gottes Liebe zum Guten nachahmen - Rezension zu Manfred Lütz "Gott ", 8. März 2013
Wer "Gott: Eine kleine Geschichte vom Größten" von Manfred Lütz zur Hand nimmt, sollte wissen, worauf er sich einlässt: auf eine anregende, humorvolle, gut lesbare, facettenreiche und unverkürzte Hinführung zum christlichen Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel (das er übrigens auf S. 239f vollständig zitiert). Es ist für das Christentum seit über eineinhalb Jahrtausenden verbindlich. Lütz betont, dass dieses Glaubensbekenntnis "nicht nur in seinen Begriffen, sondern auch in seinen Bildern den menschgewordenen Gott verkündet, ohne ihm zu nahe zu treten. ... Alles andere [in seinem Buch] können Sie vergessen." (S. 239f)

Sehr anregend und informativ analysiert Manfred Lütz den Idealismus der modernen atheistischen Theorien aus Philosophie, Psychologie und Naturwissenschaften. All diese Theorien sind, wie ihre Urheber wissen, gedankliche Konstrukte. (Idealismus oder Ideologie: Grundsätzlich stehen Erkenntnistheoretiker immer vor der Frage: Skeptizismus oder Heroismus, wann sie zweifeln müssen und wann sie - ohne Bodenhaftung zu verlieren - "heldenhaft" in den Bereich des Unbekannten vorstoßen dürfen.) Für den gläubigen Christen Manfred Lütz steht fest, dass der Glaube des Christentums keinerlei logische Widersprüche enthält, dass er der Vernunft und dem gesunden Menschenverstand gerecht wird – und dass er jene existentielle Wahrheit verkündet, die das Handeln der Menschen bestimmt: „Der Geist war nicht ein Nebenprodukt der Materie, er war deren beherrschende Struktur. Das erkennende menschliche Denken war nur ein Nachdenken des schon Vorgedachten.“ (S. 134) Es geht hier offensichtlich um das, was im Evangelium des Johannes der Logos, das Wort ist, das in Jesus Christus Fleisch geworden ist, das Wort, das der Weg und die Wahrheit und das Leben ist - das Wort, ohne das niemand zum Vater kommt. (Dagegen steht die Wortfolge: Irrweg, Lüge und Tod.)

Die existentielle Gotteserfahrung Abrahams, Isaaks und Jakobs: Vertrauen auf Gottes Liebe zum Guten

Nach Zurückweisung von rational konstruierten (idealistischen) Gottesbildern des "Gottes der Wissenschaftler, Psychologen und Philosophen“ führt uns Manfred Lütz zur existentiellen Glaubenserfahrung. Das ist der "Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, nicht der der Philosophen" (S. 180) zu dem sich der bedeutender Mathematiker, Physiker, Literat und Religionsphilosoph Blaise Pascal bekannte: "Wir erkennen die Wahrheit nicht mit der Vernunft allein, sondern auch mit dem Herzen. -- Gott hat gewollt, das die göttlichen Wahrheiten nicht durch den Verstand ins Herz, sondern durch das Herz in den Verstand eingehen. Denn die menschlichen Dinge muss man kennen, um sie zu lieben, die göttlichen muss man lieben, um sie zu kennen." Ein frommer Existentialist würde das heute vielleicht prosaischer so ausdrücken: Es gibt in dieser Welt mehr als wir uns vorstellen können. Wir sollten deshalb unsere Zukunftsängste erst nehmen und uns freuen, wenn sich diese auf geheimnisvolle Weise in überzeugte Hoffnung und Zuversicht für die Gemeinschaft aller Menschen verwandeln.

Nach der jüdisch-christlichen Lehre kommt bekanntlich nicht derjenige ins Heil, der meint die Wahrheit zu besitzen, sondern nur wer die Wahrheit tut. Jeder sollte das universale Gebot der Nächstenliebe nach seinen Kräften in alltägliche Praxis umsetzen: Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten. (Matthäus 7,12) Die Wahrheit von der Liebe Gottes zum Guten verfehlt, wer es versäumt, in dieser Welt Gottes Liebe nachzuahmen. (Dagegen polemisiert der Sozialdarwinist Richard Dawkins: Er bezeichnet den "Drang zur Nächstenliebe" als "Fehlfunktion im darwinistischen Sinn". "Der Gotteswahn", S. 306)

Gotteserfahrung: Kunst als existentieller Beweis für die Realität des Immateriellen

Sehr lesenswert sind die eindrucksvollen Kunstbeschreibungen, mit denen der Psychotherapeut Lütz die Einsicht vermittelt, dass der Mensch nicht auf die natürliche, irdische Psyche beschränkt ist, dass er vielmehr eine Seele hat, die auf eine geheimnisvolle Wirklichkeit hin angelegt ist, die weit mehr umfasst als unsere diesseitige vergängliche Welt. Lütz: "Musik ist der existentielle Beweis, dass es etwas Immaterielles gibt und dass das gut sein und Bestand haben kann." Selbst Lenin habe von Beethoven "Appassionata" gesagt: "Ich kann sie nicht hören, sonst bringe ich die Revolution nicht zu Ende."

Das Thema Schuld und Vergebung erläutert Lütz an Jacopo Tintorettos Meisterwerk "Jesus und die Ehebrecherin". Und bei der Frage nach Leid und Erlösung verweist er auf die wunderbare Pieta des Michelangelo: "Sie ist ein Andachtsbild, denn mit dem linken Arm lädt die Madonna uns voller Anmut ein, mit ihr zusammen diesen Christus Gottes Sohn anzubeten. Wer dieser Einladung folgt ist Christ. Die Pietà des tieffrommen Michelangelo gehört zu den Kunstwerken, bei deren Anblick man Christ werden kann." (ausführlichere Leseproben siehe unten)

Gotteserfahrung: Der Weg zur Wahrheit und zum Leben

Doch wie kommen Menschen zum Glauben an Gott? Lütz erklärt das am Beispiel der atheistischen Philosophin Edith Stein, einer Mitarbeiterin von Edmund Husserl, dem Begründer der Phänomenologie. Das "kindliche" Staunen über die Welt und jenes metaphysische Philosophieren, dass die Welt da ist und dass sie schön ist, hatte Edith Stein bereits verinnerlicht, als sie von der Ehefrau eines Kollegen tief beeindruckt wurde, die den Tod ihres Ehemanns im christlichen Glauben ertrug. Dann wurde sie, bei "zufälliger" Lektüre von den tiefen Gedanken einer Kirchenlehrerin, der heiligen Theresa von Avila ergriffen. Damit aber ist für Lütz bei weitem nicht alles erklärt. Deuten solche Bekehrungen doch darauf hin, dass wir eine geheimnisvolle, das Übernatürliche berührende Seele haben. Wir können also die Seele nicht wie selbstverständlich als naturgegeben, innerweltlich, tiefenpsychologisch, irrational oder wahnhaft abtun. Viel sei darüber diskutiert worden, ob Heilige „geisteskrank“ sind. Doch bei gründlichen wissenschaftlichen Untersuchungen bestätige sich immer wieder, dass Heilige geheimnisvolle Besonderheiten aufweisen, doch niemals psychisch krank sind. Heilige haben immer eine ungewöhnliche Offenheit für Welt, Natur, Menschen und Gott, während psychisch Kranke sich der Welt verschließen.

Fazit:

Ein anregendes Buch, das den Leser auf jene prinzipiell allen Menschen zugängliche, universale existentielle Gotteserfahrung aufmerksam machen will - die man beim Nachdenken über den tiefsten Sinn von Vertrauen, Treue, Hoffnung und Liebe machen kann. Der marxistische Psychoanalytiker Erich Fromm hält die Gotteserfahrung für eine "Definitionsfrage", denn er glaubt, dass eine solche “X-Erfahrung“ generell bei allen Menschen, Gottgläubigen und atheistische Humanisten, die Motivation zur Nächstenliebe sei. Nächstenliebe ist kein individuelles intimes Gefühl, es ist vielmehr eine soziale Verpflichtung für die Weltgemeinschaft. Wir Menschen sollten uns nicht zu rechthaberischen Diskussionen über „Gott und die Welt“ hinreißen lassen – zumal auch Atheisten zu wissen glauben, was das Wort „Gott“ nicht bedeutet. Wenn wir Gott erkennen und wirklich wie Gott sein wollen, dann müssen wir in unserem Leben Gottes Liebe zum Guten nachahmen. Oder negativ formuliert:

"Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüßte und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts." (1.Kor 13,2)

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Anhang:
Gott - Eine kleine Geschichte über das Größte: (I.) Philosophische Prämissen des Monotheismus und (II.) Leseproben aus diesem Buch

I. Philosophische Prämissen des Monotheismus:

Der Kulturkritiker Terry Eagleton weist in "Der Sinn des Lebens" darauf hin, dass es gegenwärtig für die Glaubens-Fragen nach Sinn und Bedeutung des Lebens keine einvernehmlichen Antworten gibt. Während die Anhänger der Moderne im zwanzigsten Jahrhunderts verzweifelt nach einer naturwissenschaftlichen Problemlösung suchten, lehnen die Vertreter der Postmoderne jedes Nachdenken über den Sinn des Lebens ab. (Postmoderne bekämpfen im Namen ihres elitären Freiheitsbegriffs die Mehrheitsmeinung der universalen "großen Erzählungen oder Glaubenssysteme" um gleichzeitig "Gerechtigkeit" für den Subjektivismus und Partikularismus von unzähligen Minderheitskulturen zu fordern.) Hier seien nun einige Aspekte des monotheistischen Glaubenssystems dargestellt.

1. Leib-Seele-Problem:
"Der Geist war nicht ein Nebenprodukt der Materie, er war deren beherrschende Struktur. Das erkennende menschliche Denken war nur ein Nachdenken des schon Vorgedachten." (S. 134) Unter dieser Prämisse ist es einsichtig, wenn auf die Frage des Thomas nach der Zukunft der Menschheit: Herr wir wissen nicht wohin du gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen? Jesus zu ihm sagte: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich. Wenn ihr mich erkannt habt, werdet ihr auch meinen Vater erkennen. (Johannes 14,5-7)

2. Ontologischer Realismus:
"Der Realismus ist, wenn wir ihn auf eine einfache Formel bringen, die Auffassung, dass die Welt von unserem Geist unabhängig ist. … Ein solches Weltbild enthält uns Menschen zwar als Bestandteile der Welt, die in der Lage sind, ein Stück von ihr objektiv zu erfassen, aber ein wesentlicher Ausschnitt der Welt könnte uns aus konstitutionell bedingten Gründen für immer unzugänglich bleiben." (Der Atheist und philosophische Realist Thomas Nagel in „Der Blick von nirgendwo“ S. 47ff, 157, 181) Für Christen geht es beim ontologischen Realimus nicht nur um dieses philosophische Kalkül, sondern vielmehr um die existentielle Erfahrung, dass Ängste, Hoffnungen, Gemeinschaftsgefühl, Vertrauen, Treue und Liebe der intuitive Zugang zu dieser unfassbaren ontologischen Realität sind.

3. Ethischer Realismus:
Letztlich geht es schlicht und einfach darum, ob folgende besondere objektive Voraussetzung für unseren gesunden Menschenverstand wirklich eingängiger und "glaubhafter ist als ihre Negation: dass erstens unser Bewusstsein, die Welt statte uns mit Gründen für unser Wirken aus, nichts als eine subjektive Täuschung ist, die darauf zurückgeht, dass wir unsere eigenen präexistenten Motive in die Welt hineinprojizieren, und dass es zweitens aus objektiver Sicht für unser Wirken keine Gründe gibt - obgleich es freilich `Motive` gibt, die teilweise ihrer Form nach solche normativen Gründe imitieren." (Der Atheist und ethische Realist Thomas Nagel in „Der Blick von nirgendwo“, S. 246f) Dieser moralische Realismus wird als intuitiv empfundenes Gewissen dem Handeln zugrunde gelegt.

4. Transzendenzerfahrung (Ist Gott tot?):
Der marxistische Philosoph, atheistische Psychoanalytiker und hervorragende Kenner der Bibel Erich Fromm rät uns, wir sollen die Frage „Ist Gott tot?“ nach zwei Aspekten angehen: „Ist die Gottesvorstellung tot, oder ist die Erfahrung, auf welche diese Gottesvorstellung hinweist, und ist der höchste Wert, der darin zum Ausdruck kommt, tot? – Im ersten Fall könnte man die Frage auch formulieren: Ist Aristoteles tot? Man könnte das deshalb tun, weil es hauptsächlich dem Einfluss des Aristoteles zu verdanken ist, dass Gott als gedankliche Konzeption diese Bedeutung gewann und die Theologie ihren Aufschwung nahm. … Wenn wir andererseits die Frage stellen wollen, ob die Erfahrung tot ist, dann sollten wir – statt zu fragen ob Gott tot ist – lieber fragen, ob der Mensch tot ist. Er läuft Gefahr, zu einem Ding zu werden, die wirklichen Probleme der menschlichen Existenz aus den Augen zu verlieren und sich nicht mehr für diese zu interessieren. Wenn der Mensch in dieser Richtung weitergeht, wird er selber [geistig] tot sein, und das Problem von Gott als Vorstellung oder als poetisches Symbol des höchsten Wertes wird kein Problem mehr sein.“
Dieser profunde Kenner des Juden-Christentums fasst zusammen: "In der Überlieferung von der Bibel bis Maimonides bedeutet Gott erkennen und wie Gott sein, Gottes Wirken nachzuahmen und nicht, über Gottes Wesen Bescheid zu wissen." Fromm ist fest davon überzeugt, dass es für alle Menschen verbindliche, universale moralische Gesetze gibt. (S. 153) Sein "Wert X als höchster Wert“" entspricht einer Hoffnung auf das Gute, als die "dem Gottesbegriff zugrunde liegende Realität der Erfahrung". (Erich Fromm, "Ihr werdet sein wie Gott", S. 61, S. 194f)

5. Die Wahrheit in analoger Begrifflichkeit und symbolhafter Erzählung:
Das christliche Glaubensbekenntnis verkündet "nicht nur in seinen Begriffen, sondern auch in seinen Bildern den menschgewordenen Gott, ohne ihm zu nahe zu treten." (S. 239f)
Der marxistischer Katholik und Literaturwissenschaftler Terry Eagleton stellt klar, dass man Wahrheit in Sinnfragen nicht an naturwissenschaftlichen Erkenntnissen messen kann: "Es ist als hätte eine homöopathische Natur uns mit dem Gift auch das Heilmittel geschenkt, und beide trügen den Namen “Bewusstsein“. Wir können düstere Spekulationen darüber anstellen, warum die Natur in ihrem rücksichtslosen Streben nach Erhaltung der Art dem einzelnen Leben gegenüber gleichgültig ist. Oder wir können unseren Verstand dafür verwenden, lebensspendende Mythologien wie Religion, Humanismus und dergleichen zu ersinnen, die uns einen gewissen Status und eine gewisse Bedeutung innerhalb eines unwirtlichen Universums zuweisen. Solche Mythologien mögen aus wissenschaftlicher Sicht nicht wahr sein. Aber vielleicht überbewerten wir die wissenschaftliche Wahrheit, wenn wir sie für die einzige Wahrheit halten, die es gibt. Wie bei den Geisteswissenschaften generell, so können wir auch von diesen Mythen sagen, sie enthielten eine Wahrheit eigener Art, die eher in ihren Wirkungen als in ihren Aussagen liegt. Falls sie uns möglich machen, mit einem Gefühl von Wert und Ziel zu handeln, sind sie für unsere Ansprüche vielleicht wahr genug." (Terry Eagleton, "Der Sinn des Lebens", S. 76f)

6. Die unerschütterliche Hoffnung auf die Erlösung:
Gemeinsam haben Marxismus und Juden-Christentum die Hoffnung auf Erlösung. Der Atheist Erich Fromm stellt fest: "Man darf den Messias nicht herbeizwingen, aber man muss ihn jeden Augenblick erwarten. Die richtige Einstellung ist weder stürmische Ungeduld noch passives Abwarten; richtig ist eine dynamische Hoffnung. Diese Hoffnung ist in der Tat paradox. Sie setzt eine Haltung voraus, die mit der Möglichkeit rechnet, dass das Heil in eben diesem Augenblick eintritt, während wir gleichzeitig bereit sind es hinzunehmen, dass es zu unseren Lebzeiten und vielleicht in vielen künftigen Generationen nicht zur Erlösung kommt. Dieses Paradoxon der Hoffnung hinzunehmen, ist nicht leicht, wie es ja nie leicht ist, ein Paradoxon irgendwelcher Art zu akzeptieren. Wir neigen natürlicherweise dazu, die beiden widerstreitenden Seiten des Paradoxons auseinanderzureißen. Eine Hoffnung, die ihre unmittelbare Erfüllung im Hier und Jetzt nicht erwartet, entartet zu einem passiven Abwarten; das ersehnte Ziel wird in ferne Zukunft verlagert und verliert all seine Kraft. Diese Entartung der Hoffnung zu einem passiven Abwarten ist in vielen Religionen und politischen Bewegungen zu beobachten. Während viele gläubigen Christen noch immer auf die Wiederkunft Christi warten, ist diese Hoffnung für die meisten Christen in ferne Zukunft gerückt." ("Ihr werdet sein wie Gott" S. 133f)

7. Das Vertrauen auf die Zukunft:
Der Christ handelt nach einer absoluten ethischen Richtlinie in Freiheit geschichtlich ungewiss - im Glauben an eine absolute Wahrheit, die er nur ahnen kann. Der religionskritische Philosoph Karl Jaspers weist darauf hin: "Die Frage: Wo stehen wir heute? … kann meinen: Wo stehen wir im Ganzen einer erkennbaren Weltgeschichte? Oder sie meint: Wo stehen wir im undurchdringlichen Horizont des Geschehens, dessen Gang sich unserem Blick entzieht. Die erste Frage will den Standort auf dem zu erkennenden Weg wissen; die zweite will die Situation erhellen, in der wir uns finden, ohne deren Herkunft und Ziel im Ganzen und ohne den Weg zu kennen. Der Sinn der Frage hat eine in beiden Fällen verschiedene Motivation des eigenen Handels zur Folge. Will ich den Standort auf dem an sich vorgegebenen, zu erkennenden Weg wissen, so möchte ich mit meinem Tun auf dem einzigen allein möglichen Weg mitgehen, meine Sicherheit in der Hingabe meines Daseins an die erkannte Notwendigkeit des Ganzen haben. Will ich dagegen die Situation, in der wir uns finden, erhellen, so weiß ich selber mich als noch mitverantwortlich für das keineswegs als notwendig vorgegebene Geschehen; es liegt auch an mir, was aus der Welt wird. -- Im ersten Fall habe ich nur die Wahl entweder des Mitmachens, das mir Daseinsberechtigung gibt, oder des Gegenagierens, das mich nichtig werden lässt. Dort wachse ich als lebenswürdig mit der Macht des Ganzen, hier werde ich ausgelöscht als lebensunwert, werde zugleich vernichtet und verachtet. Daher gehorche ich und wage nichts aus eigener Verantwortung. Wage ich mein Dasein, gehorsam im Dienst, so gelte ich für den Befehlenden und dadurch für mich selbst als "Held", denn ich sterbe als Glied der als notwendig erkannten Geschichte. -- Im zweiten Fall dagegen will ich wirken für das, was aus eigener, sich ständig prüfender, in Kommunikation mit meinen Freunden reifender Einsicht als gut begreife, ohne das Ganze zu wissen.“ (Der Philosoph Karl Jaspers in „Wo stehen wir heute?“ Hrsg Hans Walter Bähr)

8. Die existentiellen Grenzen der Freiheit:
Liebe ist nicht göttlich, vielmehr ist Gott die Liebe. ER ist die "Bedingung der Möglichkeit allen Seins". Der Mensch ist also nur bedingt frei, denn Freiheit kann nicht Freiheit zur Unvernuft und zum Unsinn bedeuten. Gottes Liebe zum Guten stellt unserer Freiheit Bedingungen:
"Eine sich selbst setzende Aktivität, die das Menschsein allein aus Eigenem leisten will, ist ein Widerspruch zu seinem Wesen. Louis Evely hat diese Einsicht einmal großartig formuliert: Die ganze Geschichte der Menschheit wurde irregeführt, bekam einen Bruch wegen Adams falscher Gottesvorstellung. er wollte wie Gott werden. Ich hoffe, dass ihr niemals die Sünde Adams hierin saht. ... Hatte Gott ihn nicht dazu eingeladen? Adam hat sich nur im Vorbild getäuscht. Er glaubt, Gott sei ein unabhängiges, autonomes, sich selbst genügendes Wesen; und um wie er zu werden, hat er sich aufgelehnt und Ungehorsam gezeigt. Aber als Gott sich offenbarte, als Gott erweisen wollte, wer er war, erschien er als Liebe, Zärtlichkeit, als Ausströmen seiner selbst, unendliches Wohlgefallen in einem anderen, Zuneigung, Abhängigkeit. Gott zeigte sich gehorsam, gehorsam bis zum Tode. Im Glauben, Gott zu werden, wich Adam völlig von ihm ab. Er zog sich in die Einsamkeit zurück, und Gott war doch Gemeinschaft." ("Joseph Ratzinger, Einführung in das Christentum: Vorlesungen über das apostolische Glaubensbekenntnis", S. 251)

9. Das Paradoxon der Liebe
Die wahre Liebe strebt nach dem absolut Guten. Wir sollen Gott lieben, indem wir den Nächsten lieben, wie uns selbst. Jesus Christus sagt: "Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebet einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt." (Johannes 13,34-35) Dabei stehen wir vor dem innerweltlich unlösbaren Problem, gleichermaßen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit walten zu lassen. Auf diese Dialektik der wahren Liebe hat uns Tomas von Aquin hingewiesen: "Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit ist Grausamkeit. Liebe ohne Gerechtigkeit ist die Mutter der Auflösung."

10. Zurückweisung der Theodizee-Frage:
Die Lehre des Christentums ist – wie schon der hl. Paulus in seinem "Brief an die Römer" darlegte - keine Rechtfertigung Gottes. Der Christ vertraut in Gott auf ein letztlich gutes Schicksal, trotz aller Widrigkeiten seiner Geschichte. Er betrachtet die Theodizee-Frage als ein für die Philosophie letztlich unlösbares Problem. (Aporie)

II. Leseproben aus „Gott - Eine kleine Geschichte des Größten“

1. Manfred Lütz – Die traditionelle christliche Glaubenswahrheit:
"In der Regierungszeit des Kaisers Augustus wird in Palästina der Jude Jesus geboren. Er ist ein ganz normaler Mensch, lebt, lehrt, dass Gott die Liebe ist und die Menschen von aller Not befreien will, wird unschuldig zum Tode verurteilt und stirbt am Kreuz. Dieser Mensch Jesus wird zugleich als Sohn Gottes verehrt und er steht vom Tode auf. Er betet zu Gott seinem Vater und sagt, dass der eine Gott selbst als Heiliger Geist bis ans Ende aller Tage bei den Menschen bleiben wird. Für diesen Befund gibt es eine einfache Erklärung. Wenn man jemand anderem seine Liebe erklären will, kann man dafür keinen Vertreter schicken, das muss man schon selber machen. Und wenn es eine ganz uneingeschränkte Liebe ist, dann ist man bereit, für diesen geliebten Menschen ganz ernsthaft sogar sein Leben einzusetzen. … Gott musste bereit sein sogar zu sterben.“ (S. 215)

2. Manfred Lütz - Kunstbetrachtung zu Schuld und Vergebung:
"Kein Maler hat den Umgang Jesu mit der Schuld besser darzustellen vermocht als Jacopo Tintoretto in seinem großartigen Werk "Jesus und die Ehebrecherin", das sich heute im Palazzo Barberini in Rom befindet. Die biblische Geschichte ist bekannt: Die Schriftgelehrten zerren eine Ehebrecherin vor Jesus und fragen ihn, was sie mit ihr machen sollen. Es ist eine Falle, denn Jesus weiß und sie wissen, dass in den Schriften steht, man solle sie steinigen. Was sich nun abspielt, ist von dichtester Dramatik. Jesus blickt den auf ihn eindringenden Schriftgelehrten ins Gesicht und – schweigt. Dann beugt er sich langsam nieder und malt mit dem Finger ruhig in den Sand. Die Schriftgelehrten sind verblüfft. Erneut dringen sie in ihn. Doch Jesus malt ungerührt weiter im Sand. Nun fühlen sie sich provoziert und bestehen auf einer Antwort. Da richtet sich Jesus auf und spricht die berühmten Worte: „Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“, beugt sich nieder und malt ruhig wieder in den Sand. Und dann schreibt die Bibel, dass nach und nach alle weggingen. Nach einiger Zeit blickt Jesus auf und sieht, dass alle weg sind. Vor ihm steht nur noch die Ehebrecherin. -- Und was nun folgt, hat Tintoretto meisterhaft dargestellt. Man sieht Jesus auf einem Stein sitzen, den Körper ein wenig nach vorne gebeugt und einen Blick höchst intensiv – liebevoll, aber ernst – nur auf einen Menschen gerichtet, auf die in eitler Kleidung und in diesem Moment geradezu erstarrte Ehebrecherin. Die um sie her schemenhaft wegeilenden Menschen, die sie völlig isoliert und allein zurücklassen, nimmt Jesus gar nicht wahr. Fast hypnotisch schaut er die Frau an mit einer freundlich einladenden Geste der Hand und sie schaut ihn an. In diesem Augenblick scheint es nur diese beiden Menschen zu geben. Und was Jesus jetzt sagt, hat die Bibel überliefert: „Hat dich denn keiner verurteilt?“ Sie sagt: „Keiner Herr.“ Und nun antwortet Jesus: „Dann will auch ich dich nicht verurteilen. Geh hin und sündige nicht mehr." -- Das ist der Gott der Liebe, nicht der liebe Gott aus dem christlichen Schlussverkauf. … Das ist wirksame Vergebung der Schuld, aber auch die ernsthafte Aufforderung, künftig nicht zu sündigen. Und aus dem Munde Jesu ist das noch viel mehr, es ist geradezu eine Berufung. Dass Jesus gerade Schwache und Schuldige beruft, ist ein besonderer Hinweis darauf, dass er die Erlösung aller Menschen verkündet."

3. Manfred Lütz - Kunstbetrachtung zu Leid und Erlösung:
"Und Michelangelo schuf ein Kunstwerk von ewiger Gültigkeit, das einzige, das er bis zur Politur vollendete. Die Pietà, die heute in der ersten Seitenkapelle in Sankt Peter in Rom steht, ist der berückende und erschütternde sinnliche Ausdruck des christlichen Glaubens an den menschgewordenen, mitleidenden und erlösenden Gott. In den unruhigen Gewandfalten Mariens scheint noch das quälende Leid nachzuklingen, doch je mehr es dem Gesicht zugeht, desto ruhiger werden die Linien, und im wunderbar schönen jugendlichen Antlitz der Madonna ist alle Not und alles Leid überwunden. Dieser Gesichtsausdruck ist nicht rätselhaft wie bei der Mona Lisa des Leonardo, er ist voll geheimnisvollen Wissens. Gefasst, ja fast lächelnd richtet sie den Blick auf ihren toten Sohn im Schoß. -- In diesem herrlich modellierten toten Christus hat Michelangelo mit aller Kunst seiner Zeit und seines Genies den Menschen schlechthin dargestellt – den Menschen, dieses wunderbare Geschöpf Gottes, das aus einer Mutter geboren wird, das leidet und stirbt – und um dessen gewisse Auferstehung das Lächeln der Madonna schon weiß. Menschwerdung Gottes, Leiden, Tod und Auferstehung – die Pietà umfasst das ganze Christentum. Doch die Pietà ist kein stilles Zwiegespräch zwischen Mutter und Sohn. Sie ist ein Andachtsbild, denn mit dem linken Arm lädt die Madonna uns voller Anmut ein, mit ihr zusammen diesen Christus Gottes Sohn anzubeten. Wer dieser Einladung folgt ist Christ. Die Pietà des tieffrommen Michelangelo gehört zu den Kunstwerken, bei deren Anblick man Christ werden kann." (S. 283f)


Lebenslust: Wider die Diät-Sadisten, den Gesundheitswahn und den Fitness-Kult
Lebenslust: Wider die Diät-Sadisten, den Gesundheitswahn und den Fitness-Kult
von Manfred Lütz
  Taschenbuch

4 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Warum die Worte: 'Ich kenne dich ganz genau', so respektlos sind., 2. März 2013
"Lebenslust" von Manfred Lütz ist vordergründig ein sehr humorvolles Buch über Sinn und Unsinn unseres Strebens nach ewiger Jugend und Schönheit, Gesundheit und langem Leben, Wohlbefinden und Glückseligkeit. Doch: "Gesund ist der Mensch, der mit seinen Krankheiten einigermaßen glücklich leben kann." (S. 23) Schönheit, Gesundheit und Lebenslust sind letztlich etwas Geheimnisvolles (S. 51), und über Geheimnisse kann man leider wenig Humorvolles sagen. Wenn wir über Lebenslust und Glück nachdenken, kommen wir - oft widerstrebend - mit der Metaphysik in Berührung. (Man kann nicht sinnvoll fragen, warum man denn glücklich sein will.) Ist Glück nur ein Hirngespinst, ein Täuschung, die sich in der Evolution als nützlich herausgestellt hat? Darf sich unter Glück jeder vorstellen was er will, oder ist Glück etwas Allgemeines, das für alle Menschen gilt?

II. Über Wirkungen: Was theoretischen Wein (subjektives Glück) von wirklichen Wein (reales Glück) unterscheidet. (S. 211)

Der Schlüssel zum Verständnis von "Lebenslust" ist das Kapitel "Unfehlbare Utopien über Gott und die Welt" (S 211ff). Manfred Lütz stellt als ausgewiesener Fachmann auf dem Gebiet der Psychotherapie fest: "Gerade das aber, was der Psychoanalyse wissenschaftstheoretische Schwierigkeiten bereitet und ihre Entwicklung zu mehr Effizienz behindert, nämlich dass sie als Wahrheitslehre und totale Weltdeutung missverstanden wird, ausgerechnet dafür gibt es einen unbegrenzten Markt. Denn danach sehnen sich die Menschen zur Auffüllung ihres religiösen Vakuums mit ungestümer Glaubenskraft." (S. 211) Auch wenn sich das nicht so humorvoll anhört, wie der vorangehende Text, sollte man dieses wichtige Kapitel aufmerksam studieren. Man könnte sich vielleicht diese Worte einzuprägen, um darüber nachzudenken: "Wenn jemand zu seiner Ehefrau sagt: "Ich kenne dich ganz genau", ist das ausgesprochen respektlos, denn er billigt ihr keine wirkliche Lebendigkeit mehr zu. Die Achtung vor der Würde eines Menschen beruht nicht zuletzt darauf, in jedem wirklichen Menschen ein letztes Geheimnis zu respektieren." Ohne jemals ernsthaft darüber nachgedacht zu haben, gehen inzwischen viele stillschweigend davon aus, dass dank wissenschaftlicher Erkenntnisse das Denken, Fühlen und Wollen aller Menschen wie ein aufgeschlagenes Buch sei. Doch wenn wir uns selbst beobachten, wie Erinnerungen, Ideen und Motivationen spontan aus dem Unbewusstsein auftauchen, erleben wir täglich, dass uns die Erfahrung etwas ganz anderes sagt, dass nämlich Menschen in ihrem Denken und Tun immer für Überraschungen gut sind. Energisch weist Manfred Lütz die weit verbreitete Irrlehre vom unfreien und berechenbaren (determinierten) "gläsernen" Menschen zurück.

Doch der Kampf seriöser Psychologen gegen Vorurteile gleicht einem Kampf gegen die Flügel von Windmühlen. "Institutionen sind allenthalben in der Krise. Da kommen die Psychoideologien gerade recht. Solche Psychotheorien geben nicht nur Sicherheit, sie entwickeln, wie alle Ideologien, in sich eine gewisse Plausibilität, so dass ihre Vertreter oder Anhänger oft ein Hochgefühl des Einblicks ins Eigentliche gewinnen. Sie wähnen sich im Besitz des Herrschaftswissens, das alles und jedes zu erklären scheint." (S. 214) Suggestive esoterische Glaubenssysteme und Psycholehren und großartige Psychotherapien geben vor, alles zu wissen und das Ganze erklären zu können. "Wissenschaftlich kommen diese Elaborate daher, aber wissenschaftlich sind sie nicht. Denn derartige Lehren sind unwissenschaftlich, weil sie niemals widerlegbar sind." Seit den Arbeiten von Karl Popper ist jedem Wissenschaftler klar, dass wissenschaftliche Theorien immer falsifizierbar (widerlegbar) sein müssen. Dagegen pflegen sich Psycho-Gurus bei ihren Misserfolgen mit unwiderlegbaren Schuldzuweisungen zu rechtfertigen, dass ihre Patienten "nicht ausreichend therapiemotiviert" oder "nicht ausreichend introspektionsfähig" seien.

Ideologien sind definitionsgemäß trostspendende Illusionen ohne Wahrheitswert. Jeder sollte sich darüber klar werden, ob er an die Existenz einer objektiven Wirklichkeit glaubt oder ob er glaubt, dass alles was geschieht auf blindem Zufall beruht und dass er seinem Leben mit Unterstützung eines esoterischen Gurus irgendeinen beliebigen Sinn geben kann, unabhängig von der Welt, der Natur und der übrigen Menschheit. "Eine seriöse wissenschaftliche Theorie ist demgegenüber immer eine sekundäre Reflexion auf die Wirklichkeit: Die Wirklichkeit ist das Erste und die Theorie denkt darüber nach." (S. 216)

Manfred Lütz führt uns, von den meisten Rezensenten kaum beachtetet, zu der Einsicht, dass der Sinn des Lebens die zwecklose, vernünftige und gemeinschaftliche Verwirklichung der Lebenslust in Einklang von Körper und Geist ist. (Terry Eagleton sagt in seinem Bestseller (Der Sinn des Lebens) Vergleichbares, ebenfalls von den Rezensenten kaum gewürdigt.)

Übrigens: Mussten diese ideologischen Expermimente an Schamgefühl und Gewissen wirklich sein, und muss erst noch ein kluger Wissenschaftler uns zur Einsicht bringen, damit solche desaströsen Sozialexperimente abgebrochen werden? "Das sexuelle Experiment mit der freien Liebe in den sechziger und siebziger Jahren ist komplett gescheitert. Sexuelle Untreue ist die sicherste Methode, eine Partnerschaft zu ruinieren." (S. 60)


Der Gotteswahn
Der Gotteswahn
von Richard Dawkins
  Taschenbuch

5 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Dawkins` "wissenschaftliches" Dogma: Geist ist Ausdrucksform der Materie - und Vernunft ein Zufallsprodukt von Genmutationen, 24. Februar 2013
Rezension bezieht sich auf: Der Gotteswahn (Taschenbuch)
Richard Dawkins: "Ich bin wie die meisten Naturwissenschaftler ... ein Monist [, der] glaubt, dass Geist eine Ausdrucksform der Materie ist. - Die Nervenimpulse, durch die wir denken und uns Vorstellungen machen, beruhen auf Vorgängen - in der kleinen Welt der Atome und Elektronen." (S. 250f, 513)

Dawkins hält sich an den aufgeklärten Religionskritiker Voltaire: "Wer dich veranlassen kann, Absurditäten zu glauben, der kann dich auch veranlassen, Gräueltaten zu begehen." Die große Stärke von Richard Dawkins "Der Gotteswahn" liegt in der Brandmarkung bigotter Unvernunft. Sollte Wahrheit die Liebe zum Guten sein, dann schließt das jede unselige Vorliebe für Irrationalität, Unvernunft und Eigennutz aus. Vernünftige Atheisten und Theisten wissen, dass es böse Taten nach sich zieht, wenn man sehr irdischen Dingen eine falsche Transzendenz verleiht und Unsinn mit falschem Pathos und sinnlos erhabenen Gefühlen begründet. (C.S. Lewis)

Doch wo Licht ist, da ist auch Schatten: Das Buch ist eine zwar inspirierende aber wenig überzeugende Werbung für das Glaubenssystem des materialistischen Monismus, dass Geist eine Ausdrucksform der Materie sei. Um Missverständnissen vorzubeugen, hätte Dawkins klar sagen müssen, dass Vernunft und Moral nicht durch Naturwissenschaft und Evolutionsforschung zu beweisen sind - und dass man mit ihnen die Gottesfrage nicht aus der Welt schaffen kann. Mit raffinierten Suggestivfragen wirbt er für einen liberalen Sozialdarwinismus: Dawkins: "Wäre es denkbar, dass unser Drang zur Nächstenliebe ebenfalls eine solche Fehlfunktion ist, wie bei dem Teichrohrsänger, dessen Elterninstinkt in die Irre geht, wenn der Vogel sich für einen kleinen Kuckuck abrackert? ... Ich muss aber sofort hinzufügen, dass ich den Begriff `Fehlfunktion` hier nur in streng darwinistischen Sinn gebrauche." (S. 306) Für Richard Dawkins ist also die traditionelle Ethik der Menschheit ein geistige Fehlleistung. Stattdessen glaubt er ganz unwissenschaftlich an die evolutionäre Kraft von Hegels "ethischem Zeitgeist". Dawkins: "Genauer zu erklären, warum der ethische Zeitgeist sich so umfassend und einheitlich wandelt, übersteigt die Möglichkeiten meiner amateurhaften Psychologie und Soziologie." (S.377)

Fazit: Nach der Lektüre dieses Buches bleibt also die besorgte Frage: Haben sozialdarwinistische Theorien nicht schon genug Unheil in der Weltgeschichte angerichtet, indem sie pseudowissenschaftliche Argumente für Skrupellosigkeit und Hybris der Mächtigen lieferten?

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Leitfaden zu Richard Dawkins "Der Gotteswahn"

Wissenschaftsdogmatismus

Neodarwinisten wie Richard Dawkins sind leidenschaftliche Verfechter eines wissenschaftlichen Dogmatismus, welcher das Mentale (Bewusstsein, Denken, Wollen und Handeln) auf Nervenimpulse und naturgesetzliche Vorgängen der Teilchenphysik reduziert. (S. 250f, 513) Nach dieser Theorie wäre das Bewusstsein lediglich eine intuitive Veranschaulichung von naturgesetzlichen Abläufen. Doch: "Wenn der Geist mechanisch ist, kann das Denken nicht sonderlich aufregend sein." (G. K. Chesterton, Orthodoxie: Eine Handreichung für die Ungläubigen, S. 241, 75) In neodarwinistischer Begeisterung am Theoretisieren, übersieht Dawkins die Dialektik seines Strebens nach Erkenntnis: Er verlässt sich stillschweigend (a priori) auf die Vernunft, um deren Verlässlichkeit mit der neodarwinistischen Theorie in Frage zu stellen: Sollten unsere Motive zufällige nützliche Mechanismen sein, dann wären wohl auch die Gedanken und Ideen zufällig - nur das Handeln begleitende Illusionen oder Wahnvorstellungen, die sich im Kampf ums Dasein als nützlich erwiesen haben. (So kann es auch nicht verwundern, dass Dawkins den Altruismus als "Fehlfunktion ... in einem streng darwinistischen Sinn" abtut. S. 306)

Wenn Dawkins glaubt, die Naturwissenschaft könne die Welt erklären (S. 480), hat er natürlich auch die anti-reduktionistischen atheistischen Philosophen gegen sich. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein drückte es so aus: „Es ist die große Täuschung der Moderne, dass die Naturgesetze uns die Welt erklären. Die Naturgesetze beschreiben die Welt, sie beschreiben die Gesetzmäßigkeiten. Aber sie erklären uns nichts.” (zitiert nach R. Spaemann) In Einklang mit den großen Religionen ist Wittgensten davon überzeugt, dass ethische Maximen unveränderlich sind, nicht aber abhängig vom evolutionären Fortschritt, vom Erkenntnisstand der Naturwissenschaften oder von der Enthüllung irgend eines anderen Geheimnisses. Das ergebe sich schon daraus, "dass man auch zu der Zeit leben können muss, wo diese "Lösung" noch nicht gefunden ist." (zitiert nach Der Sinn des Lebens, S. 75) Wie sollte man sich auch vorstellen, dass etwas vor 2000 Jahren logisch und gerecht war, was heute unlogisch bzw. ungerecht ist? (War Sklaverei jemals moralisch vertretbar?)

Leib-Seele-Monismus

Das Leib-Seele-Problem, das Richard Dawkins in "Der Gotteswahn" so sehr beschäftigt, erklärt der rationalistische Philosoph Bertrand Russell in unnachahmlicher Manier. Er fragt: „Was können wir überhaupt über den Menschen sagen? Ist er nur ein krabbelndes Staubkörnchen auf einem kleinen unwichtigen Planeten? Oder ist er, wie die Chemiker vielleicht meinen, nur ein Haufen von chemischen Elementen, zusammengesetzt auf mancherlei geschickte Weise? Oder ist der Mensch letzten Endes – wie er Hamlet erschien – voll edler Vernunft und unendlichen Fähigkeiten? Oder alles zusammen?“ (Denker des Abendlandes: Eine Geschichte der Philosophie, S. 18)

Bei unserem gegenwärtigen Wissensstand kann über das Geist-Körper-Problem nur ganz theoretisch spekuliert werden. Der atheistische Philosoph Thomas Nagel: „Könnte man das Bewusstsein selbst mit irgendeinem physikalischen Zustand identifizieren, so hätte man freie Bahn für eine vereinheitlichte physikalische Theorie von Geist und Körper, und daher vielleicht auch für eine physikalische Einheitswissenschaft vom Universum. Das Gewicht der Argumente gegen eine rein physikalische Theorie des Bewusstseins macht es jedoch wahrscheinlich, dass eine physikalische Theorie der gesamten Wirklichkeit nicht möglich ist. Die Naturwissenschaften verdanken ihren Fortschritt der Tatsache, dass sie das Psychische aus dem Gebiet dessen aussparen, das sie zu erklären suchen, doch womöglich gibt es zwischen Himmel und Erde mehr, als man mit den Mitteln der Naturwissenschaften erklären kann.“ (Was bedeutet das alles?, S. 33)

Obwohl die Existenz mathematischer Logik, verlässlicher Vernunft und dauerhafter naturgegebener ethischer Werte gegen die neodarwinistische Theorie von der langsamen zufälligen Entwicklung des Geistes aus der Materie spricht (S. 78ff), versucht Dawkins dieses Problem zu verschleiern. Allein mit der historischen Beschreibung eines (denkbaren) Sachverhalts (Dawkins nennt das irreführend "Antithese"), dass die Menschheit im Laufe von Jahrtausenden allmählich kreativer geworden sei (S. 46), lässt sich jedenfalls der ontologische Realismus, dass es auch vor und jenseits der menschlichen "kreativen Intelligenz" Geist gibt, nicht widerlegen. Alles, was nicht in sein darwinistisches Denkschema passt, versucht Dawkins als unwissenschaftlich, naiv oder religös abzutun, als "Fehlfunktion ... im streng darwinistischen Sinn". (S. 306) Sein Gottesbild von einer "himmlischen Teekanne" (S. 77ff: "Gott" als winziger Bestandteil des Universums) oder der "höchsten Form einer Boeing 747"(S. 157: "Gott" als extrem unwahrscheinliches Zufallsprodukt der Materie), ist ja alles andere als wissenschaftlich seriös.

Doch sobald es um das eigentliche Geist-Körper-Problem geht, beginnen für jeden Materialisten die theoretischen Schwierigkeiten: Einerseits vertritt Dawkins den materialistischen Monismus, dass "Geist eine Ausdrucksform der Materie ist" ( S. 250) und andererseits vermutet er, dass der gesunde Menschenverstand eine beliebig programmierbare Software sei, die auf der physikalisch determinierten Hardware namens Gehirn betrieben wird. (S. 250f, 267ff, 282, 304ff, 516) Dawkins scheint zu glauben, dass die "Bewusstseins-Software-Algorithmen" mit irgendwelchen "elektromagnetischen Vorgängen im Gehirn-Computer" identisch seien, denn er zieht nicht mal in Erwägung, dass sich der Geist im Laufe der Evolution von der Materie emanzipiert haben könnte.

Offensichtlich ist die neodarwinistische Theorie (S. 198) hoch spekulativ, wenn sie das Leben mit der Selektion und Separierung zufälliger Genmutationen erklären will. Dawkins schreibt, dass der Mensch nach dieser Theorie das Resultat "additiver natürlicher Selektion" und zahlreicher "erstaunlicher Glücksfälle" sei. Das "anthropische Prinzips der Milliarden Planeten" habe das Fundament gelegt, und die "Emergenzen": Ursprung des Lebens, Entstehung der Eukariontenzellen, Entstehung des Bewusstseins, Emergenz der Kognition und Emergenz des Werterealismus seien "Alles-oder-Nichts-Ereignisse" mit denen "Evolutionslücken überbrückt wurden". Im treuen Glauben an den Evolutionismus schreibt Dawkins, dass die Menschwerdung "garantiert wurde" - durch zahlreichen unkalkulierbare, extrem unwahrscheinliche und erstaunliche Glücksfälle und "Alles-oder-Nichts-Ereignisse".

Und so lautet dann Dawkins` materialistisches Glaubensbekenntnis: "Gestaltung funktioniert für das Lebendige sicher nicht." (S.198) Doch bei seinem "sicheren" Beweis gegen Gott hat er sowohl den großen Philosophen Immanuel Kant gegen sich, der erkannte, dass Gott durch logisches Denken weder beweisbar noch widerlegbar ist, und den Wissenschaftstheoretiker Karl Popper, der feststellte, dass naturwissenschaftliche Hypothesen nicht bewiesen, sondern nur widerlegt (falsifiziert) werden können. Gerade weil Dawkins so großen Wert auf Wahrscheinlichkeiten legt (S. 77f, 155 ff), kann er auch folgender Schlussfolgerung des renommierten atheistischen Philosophen Thomas Nagel (siehe oben) nichts Überzeugendendes entgegensetzten: "Das Gewicht der Argumente gegen eine rein physikalische Theorie des Bewusstseins macht es jedoch wahrscheinlich, dass eine physikalische Theorie der gesamten Wirklichkeit nicht möglich ist." (In "Geist und Kosmos" schlägt Thomas Nagel übrigens eine Ergänzung der materiellen Evolutionstheorie um das geistige Prinzip der Zielstrebigkeit vor.)

Sozialdarwinismus: Relativierung von ethischen Werten

Geht es um das moralisch Gute, dann gibt es prinzipiell drei verschiedene Einstellungen: 1.) Es gibt ein natürliches Sittengesetz, das sagt was wir tun sollen - aber nicht tun. (Nobody ist perfect.) Wir streben nach dem Ideal des absolut Guten. (Werterealismus) 2.) Was als gut betrachtet wird, ist relativ und subjektiv. (Das Bessere ist der Feind des Guten.) Wir gehen von einer "zeitgemäßen" Moral aus und hoffen, dass die Ethik im Laufe der Zeiten immer besser wird. (Werterelativismus, Wertesubjektivismus, Utilitarismus) 3.) Wir betrachten die Moral als eine Illusion, die darüber hinwegtäuscht, dass der Wille naturgesetzlich determiniert ist. Dann wäre eine moralische Bewertung der natürlich selektierten Motivationen wenig sinnvoll. (Wertenihilismus) Allerdings wird das ungehemmt egoistische Zweckdenken von Anarcho-Libertariern (S. 317) nur von wenigen Menschen akzeptiert.

Ausführlich erläutert der atheistische Philosoph Thomas Nagel, dass der Werterealismus keineswegs (wie Dawkins meint) eine metaphysische Lehre ist, und er liefert überzeugende Argumente, weshalb der Wertesubjektivismus nicht plausibel ist. (Geist und Kosmos: Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist, S. 145, 180) Nagel weist darauf hin, warum Darwinisten meist Anhänger des Wertesubjektivismus sind, denn nur dieser Subjektivismus passt in ihre darwinistische Denkschablone. Vorausgesetzt die neodarwinistische Evolutionstheorie wäre vollständig, dann wäre nur die Entwicklung subjektiver Instinkte, Motivationen und Dispositionen mit additiver natürlicher Selektion erklärbar, nicht jedoch die Existenz beständiger, zutreffender und objektiver Werturteile. So verwundert es nicht, dass Dawkins für den Wertesubjektivismus eintritt. (S. 324; Seine Moralvorstellung: "Der Zweck der Evolution heiligt die Mittel" bezeichnet er als "Konsequentialismus".) Er irrt also gewaltig, wenn er behauptet, dass der Werterealismus, den er als "ethischen Absolutismus" verteufelt, eine metaphysische (religiöse) Theorie sei. Dawkins schreibt: "Die absolutistische Ethik nicht religös, sondern anders zu begründen, ist schwierig." Es muss also widersprochen werden, wenn Dawkins den Werterealismus und die Pflichtenethik (Deontologie) als "absolute Moral meist aus irgendeinem heiligen Buch" oder "alternativ" als "patriotischen Eifer" definiert. (S. 324f) Zudem übersieht er geflissentlich, dass auch seine Ethik des "Konsequentialismus" weder logisch noch experimentell beweisbar ist.

Getreu seiner naturwissenschaftlichen Denkschablone, die alles Geistige als Ausfluss der Materie betrachtet, geht Richard Dawkins davon aus, dass auch Moral "eine Ausdrucksform der Materie", das "psychologische Nebenprodukt" von Naturvorgängen sein müsse. (S. 250, 296f) Und als Evolutionsbiologe glaubt er wohl, dass ihm eine besondere moralische Kompetenz zukomme, weil moralisches Handeln mit "Vorgängen in der Welt des Allerkleinsten", der Atome und Elektonen und Gene zusammenhänge. (S. 513) Dagegen ist für den großen Philosophen Immanuel Kant die Suche nach unveränderlichen und objektiven ethischen Maßstäben genauso wie für den atheistischen Rationalisten und Humanisten Bertrand Russell eine „Haupttriebfeder philosophischer Überlegungen“. Bertrand Russell: „Aber der Mensch als Glied einer Gesellschaft ist nicht nur daran interessiert, die Welt zu erkennen – eine seiner Aufgaben ist, auch darin zu handeln. Die Wissenschaft bezieht sich auf die Mittel – wir hier auf Ziel und Zweck. Hauptsächlich wegen seiner gesellschaftlichen Bedingtheit sieht der Mensch sich ethischen Problemen gegenübergestellt. Die Wissenschaft kann ihm sagen, wie gewisse Ziele am besten zu erreichen sind. Was sie ihm aber nicht sagen kann, ist, dass er ein Ziel eher als ein anderes verfolgen sollte.“ Russell betont, dass ethische Prinzipien von allgemeinster Geltung sein müssen (Werterealismus: "Auffassung von der Bruderschaft aller Menschen") und stellt fest, dass gewissenhaftes ethisches Handeln nicht sinnvoll hinterfragt werden kann: „Warum aber Grausamkeit schlecht ist, dafür kann ich nicht mit Sicherheit befriedigende Gründe liefern. Das sind schwierige Fragen, deren Regelung Zeit beansprucht. Vielleicht kann einmal eine Lösung gefunden werden.“ (Bertrand Russell "Denker des Abendlandes", S. 424) Es bleibt festzuhalten, dass ethisches Handeln unverzichtbar ist und dass wir uns nicht mit der Behauptung aus der Verantwortung stehlen können, unser Verhalten sei durch die Natur vorgegeben (Sozialdarwinismus) oder es gäbe "nicht mit Sicherheit befriedigenden Gründe", warum wir ethisch handeln sollten.

Der Wertesubjektivismus passt also ins materialistische Weltbild von Richard Dawkins: Er bekennt sich zum Konsequentialismus (S. 324), einer Variante des wertesubjektivistischen Utilitarismus. Man fragt sich, wie Dawkins als Konsequentialist die Konsequenzen seines Handelns vorhersehen kann, wenn er gleichzeitg als Neodarwinist davon ausgeht, dass die Zukunft durch "erstaunliche Glücksfälle" geprägt wird? Zudem verschweigt er, dass seine relativistische Position unter Philosophen schon immer umstritten war: Im philosophischen Universalienstreit geht es seit über 600 Jahre u.a. um die Frage, ob in abstrakten Gegenständen oder Begriffen (Universalien) wie z. B. Moral ein fester Sinn innewohnt (Inhärentismus) oder ob dieser Sinn vom Menschen erdacht wird (Konstruktivismus). (Universalienproblem: Realismus bzw. Inhärentismus contra Anti-Realismus bzw. Konstruktivismus, Nominalismus, Anti-Essentialismus, Subjektivismus, Relativismus, Utilitarismus mit Konsequentialismus, Voluntarismus als Kult des Willens, Dezisionismus als willkürliche gesetzgeberische Festlegung) Als Vertreter des moralischen Realismus (wie Aristoteles, Thomas von Aquin, Immanuel Kant, Bertrand Russell, Thomas Nagel) belehrt Terry Eagleton die subjektivistischen Darwinisten, dass der Mensch - nachweislich und fernab jeder Religiosität - eine natürliche, artspezifische und ganz reale ethische Eigenart hat: "Es kann durchaus sein, dass die menschliche Evolution ein Zufallsprozess war. Daraus folgt nicht notwendig, dass der Mensch kein eigentümliches Wesen besäße. Und gutes Leben könnte in der Entfaltung dieses Wesens bestehen. Auch Bienen haben sich zufällig entwickelt, trotzdem kann man sagen, dass sie eine bestimmte Natur haben. Bienen tun bienenhafte Dinge. Im Fall des Menschen ist das weniger offenkundig, da es anders als bei den Bienen zu unserem Wesen gehört, dass wir Kulturtiere sind, und Kulturtiere sind hochgradig unbestimmte Geschöpfe. Dennoch dürfte klar sein, dass die Kultur unser artspezifisches Sein oder unsere biologische Natur nicht einfach aufhebt. So sind wir von Natur aus soziale Tiere, die kooperieren müssen, wenn sie nicht sterben wollen. Aber wir sind auch individuelle Wesen, die nach ihrer eigenen Erfüllung streben. Dass wir Individuen sind, ist eine Folge unseres 'artspezifischen Seins', kein Gegensatz dazu. So wäre sie undenkbar ohne die Sprache, die mir nur deshalb gehört, weil sie zuerst einmal der Spezies Mensch gehört. Was wir Liebe (Agape) genannt haben, ist die Art und Weise, in der wir unser individuelles Streben nach Erfüllung mit der Tatsache versöhnen, dass wir soziale Wesen sind.“ (Terry Eagleton, "Der Sinn des Lebens", S.139)

Sozialdarwinismus: Ablehnung des Altruismus

Der dogmatische Neodarwinist Dawkins kann nicht begreifen, dass "lebensspendende Mythologien wie Religion und Humanismus uns einen gewissen Status und eine gewisse Bedeutung innerhalb dieses unwirtlichen Universums zuweisen, die aus naturwissenschaftlicher Sicht nicht wahr sein mögen. Sie enthalten, wie Geisteswissenschaften generell, eine Wahrheit eigener Art, die eher in ihren Wirkungen als ihren Aussagen liegt." (nach Terry Eagleton, "Der Sinn des Lebens" S. 76) Weltanschaulich auf Progressivismus und eine subjektivistische Ethik der kollektiven Nützlichkeit (Konsequentialismus) festgelegt, vermag Richard Dawkins nicht zu erkennen, dass es bei der atheistisch humanistischen und ebenso bei der christlichen Ethik nicht um evolutionäre "Fehlfunktionen" geht, sondern, wie Bertrand Russell feststellt, um vernünftiges Handeln aufgrund von keineswegs subjektiven "ethischen Prinzipien von allgemeinster Geltung", obwohl er als Rationalist, wegen der Kontingenz (Zufälligkeit) der menschlichen Wesensart, dafür "nicht mit Sicherheit befriedigende Gründe liefern kann". Auch der marxistische Kulturkritiker Terry Eagleton fordert ein an der Menschennatur ausgerichtetes Sozialverhalten (Werterealismus): "Das Gebot der Liebe [Agape] ist ganz und gar unpersönlich. Ihr Vorbild ist die Liebe zu Fremden und nicht zu Menschen, die man begehrt und bewundert. Sie ist eine Praxis der Lebensweise und kein Gemütszustand. Sie hat nichts mit warmherzigen Gefühlen oder persönlicher Intimität zu tun.“ (Terry Eagleton, "Der Sinn des Lebens", S.137)

Sofern es um das philosophisch unlösbaren Theodizee-Problem geht ("Warum ist das Schlechte in der Welt?"), vertraut der liberal gesinnte Dawkins auf den Hegelschen „Zeitgeist“ (S.377), der automatisch dafür sorgt, dass wir alle, "trotz regional und zeitlich begrenzter Rückschläge", immer freundlicher und zivilisierter werden. (S. 376) Diese Ideologie des „blinden Progressivismus“ und „Antirealismus“ ist deshalb so besorgniserregend, weil sie Untätigkeit predigt, wo Gefahren drohen, die nur durch radikale, tief greifende Veränderungen ins Lot gebracht werden können. Uns drohen „die Verwüstung unseres Planeten, die Gefahr eines Kernwaffenkonflikts, die katastrophale Ausbreitung von Aids und anderen tödlichen Viren, neoimperialer Glaubenseifer, Massenmigration der Besitzlosen, politischer Fanatismus, eine Wiederkehr wirtschaftlicher Ungleichheit viktorianischen Ausmaßes und zahlreiche andere potentielle Katastrophen“. (Terry Eagleton, Das Böse, S.189f)

Richard Dawkins vertritt die fragwürdige darwinistische Hypothese von der "Evolution der Religion" als "Nebenprodukt mit Fehlfunktion" in gestalt "kultureller Entsprechungen der Gene". Trotz seines grenzenlosen Vertrauens auf den geheimnisvollen evolutionären "Zeitgeist" (S. 375f) glaubt er gleichzeitig an die Herrschaft der menschlichen Rationalität über den Willen, ohne sich seiner logischen Inkonsequenz bewusst zu sein, denn der evolutionäre Naturalismus impliziert, keine unserer Überzeugungen wirklich ernst zu nehmen - auch nicht das naturalistische Weltbild. (Thomas Nagel "Geist und Kosmos" S. 45) Als Atheist betrachtet er die Vernunft als "Erzfeind der Religion" (S. 263ff), weil "Glaube sehr sehr gefährlich sein kann" (S. 430). Er verschweigt dabei aber geflissentlich, dass es ein logischer Fehlschluss wäre, die Verlässlichkeit der Vernunft darwinistisch zu begründen. (S. 505) "Die Vernunft selbst ist eine Sache des Glaubens. Davon auszugehen, dass unsere Gedanken überhaupt in einer Beziehung zur Wirklichkeit stehen, ist ein Glaubensakt", belehrt uns der Dialektiker G. K. Chesterton: "Gewiß, religöse und philosophischen Überzeugungen sind gefährlich wie Feuer, und nichts vermag ihnen diese gefährliche Schönheit zu rauben. Aber gegen die von ihnen ausgehende extreme Gefahr gibt es nur einen einzigen Schutz: Wir müssen durchtränkt sein mit Philosophie und vollgesogen mit Religion“. (C. K. Chesterton, "Orthodoxie", S. 73 bzw. Ketzer: Eine Verteidigung der Orthodoxie gegen ihre Verächter. Ein Plädoyer gegen die Gleichgültigkeit (insel taschenbuch) S. 253)

Dawkins diskreditiert jede vernunftgeprägte Gewissensbildung von Kindern als "Verführung" (S. 452), obwohl er doch wissen müsste, dass menschliche Gemeinschaft nicht nur vom "natürlich selektierten" instinktiven, sondern auch vom erworbenen kulturellen Sozialverhalten geprägt ist. Vermeintlich vorurteilsfrei und rein hypothetisch argumentiert er gegen die Erziehung zur "Nächstenliebe", weil nach seiner "Vermutung" der Altruismus ein "Irrweg" und eine "Fehlfunktion der Evolution" sein könnte. Dawkins behauptet zwar: "Im streng darwinistischen Sinn ... beinhaltet [das zwar] keinerlei Abwertung". (S. 306), was ihn aber keineswegs von seinem Feldzug gegen "unseren Drang zur Nächstenliebe" abhält, da der Werterealismus nach seiner (irrigen) Überzeugung eigentlich nur religiös zu begründen sei. (S. 324) Offensichtlich bestärken Dawkins "stichhaltige darwinistische Gründe, warum Individuen untereinander altruistisch, großzügig oder moralisch handeln" (S. 304), in seiner Überzeugung, dass "unser Drang, freundlich zu sein" nach einem Wandel der sozialen Verhältnisse zu einer nicht mehr zeitgemäßen "Fehlfunktion im streng darwinistischen Sinn" (S. 306) geworden sei. Mit anderen Worten: Richard Dawkins ist ein Sozialdarwinist.

Wenn also Dawkins - als Epigone des Sozialdarwinismus von Ernst Haeckel und Herbert Spencer - von "stichhaltigen darwinistischen Gründen" gegen ein bestimmtes ethisches Verhalten spricht, geht er offensichtlich weit über das naturwissenschaftlich gesicherte Wissen hinaus. Wohl niemals wird uns die Naturwissenschaft vorschreiben, was wir tun sollen und niemals wird die Naturwissenschaft in der Lage sein, den uralten Universalienstreit: Werterealismus gegen Wertesubjektivismus zu beenden. Dawkins vertritt hier im Ungeist des Sozialdarwinismus eine gefährliche ethische Außenseiterposition. Darwinisten versuchten aus der Natur "wahnwitzige Grausamkeit" und Inhumanität, "wahnwitzige Gefühlsduselei" und "groteske Humanität" zu rechtfertigen, nie aber Menschlichkeit. (G. K. Chesterton, "Orthodoxie", S. 214)

Survival of the Fittest: Liebe zum Wahren und Guten oder Streben nach dem Nützlichen

Um es nochmals zu sagen: Die Vernunft urteilt autonom (a priori) und ohne Rückgriff auf irgendwelche Theorien. Wer wie Dawkins glaubt, die Verlässlichkeit des Gewissens (Wissen um Recht und Unrecht) und der Vernunft (gesunder Menschenverstand) mit Darwins Deszendenztheorie beweisen zu können (S. 505), verfällt einem logischen Zirkelschluss. (Naturalistischer Fehlschluss) Dawkins macht einen fatalen Denkfehler, wenn er glaubt den gesunden Menschenverstand mit "stichhaltigen darwinistischen Gründen" gleichsetzen zu können, um so die Religion als Quell allen Übels zu verteufeln. Moralische Gesetze sind vernunftgeprägte Kulturprodukte, welche die zufällig (kontingent) von der Natur festgelegte "animalische" Eigenart des Menschen berücksichtigen. Das Gute darf nicht so einfach mit Religiosität in Form von Bigotterie gleichgesetzt werden, selbst wenn das in "einem heiligen Buch" aufgezeichnet ist. (S. 364)

Dawkins verweist auf den Appel an die Vernunft des rationalistischen Religionskritiker Voltaire: "Wer dich veranlassen kann, Absurditäten zu glauben, der kann dich auch veranlassen, Gräueltaten zu begehen." Doch das wissen auch Christen. So belehrt uns etwa C. S. Lewis, dass Unsinn, gerade wenn er mit falschem Pathos und mit sinnlosen erhabenen Gefühlen begründet wird, böse Taten nach sich zieht. "Dingen die sehr irdisch sind, wird eine falsche Transzendenz verliehen" (Was man Liebe nennt. Zuneigung, Freundschaft, Eros, Agape., S. 35) Wenn nun Gottes Wahrheit die Liebe zum Guten ist, dann schließt das jede unselige Vorliebe für Irrationalität, Unvernunft und Eigennutz aus. (Was würde Voltaire zu Dawkins` neodarwinistischer Ideologie sagen, nach der Vernunft nur ein fragwürdiges Zufallsprodukt von geistloser Materie ist?)

Brandgefährlich wird es offensichtlich, wenn ganz irdische Interessenkonflikte religiös verbrämt werden, wenn hehre patriotische Gefühle für Staatspolitik, imperiale Machtgier und sinnlos böses Streben missbraucht werden, wenn Widersprüche zwischen dem natürlichen gewissenhaften Verhalten gegenüber fremden Menschen und einem vermeintlich göttlichen Willen konstruiert werden - und wenn tiefliegende Ängste und instinktives Misstrauen gegenüber Fremden instrumentalisiert werden. (Herrschaftsinstrumente von Hitler und Stalin: S. 378ff) Die Tatsache, dass viele Religionsgemeinschaften schlimmste moralische Verfehlungen begingen, lässt keineswegs den Umkehrschluss zu, dass sich der Mensch von Natur aus stets gewissenhaft verhält oder dass, wie Dawkins "vermutet" (S.307), die Ethik der "Nächstenliebe" eine vernunftwidrige evolutionäre "Fehlfunktion" sei. (S. 306) Leider viel zu oft wurde die moralische Forderung, Gefühle und Instinkte in die Sozialstrukturen zu integrieren, von den Anhängern der Religionen missverstanden und egoistisch missbraucht. Es ist deshalb verdienstvoll, wenn Menschen wie Richard Dawkins das skandalöse Fehlverhalten mancher religiösen Gruppierungen als "Gotteswahn" anprangern.(S. 426)

Hat Richard Dawkins nun recht, wenn er darauf besteht, dass der Mensch keine metaphysische Motivation braucht, um in Freiheit das Gute oder das Richtige zu tun? Liberale Hegelianer wie Dawkins streben nach dem Nützlichen und vertrauen dabei auf die Immanenz eines "Zeitgeists" in der Natur. Ihr Weltbild, wonach der Wille des Einzelnen Anteil an jenem sich selbst entfaltenden ethischen Weltgeist habe (S. 377), verführt zu Passivität, ethischen Indifferenz, Selbstgefälligkeit und Intoleranz. Auch marxistische Hegelianer hoffen darauf, dass der Fortschritt naturgegeben sei, allerdings als Resultat immerwährender Kämpfe zwischen den Interessengruppen. Und agnostische Humanisten verlassen sich bei ihrem Streben, das Gute zu tun, auf ihre Willenskraft, auf ihre Vernunft, auf ihr angeborenes Wohlwollen und auf ihr natürliches Gewissen - jenes Wissen um richtig und falsch, das uns erst zu Menschen macht.

Christen sind gläubige Humanisten. Sie suchen nach dem absoluten Guten, mit Glauben und Vernunft, in einem übernatürlichen Gefühl von Demut, dass sie nicht aus sich heraus in die Welt gekommen sind, und dass sie niemals ganz aus sich heraus leben könnten. Aus christlicher Sicht ist das wesentliche ethische Defizit des Menschen (die "Ursünde"), dass er seine existentielle Bedürftigkeit nicht von Natur aus im Herzen trägt. Den Christen wurde eine geheimnisvolle Liebe zum Guten offenbart, die alle Schrecken der Welt tröstlich überstrahlt, eine Liebe, der sie vertrauen und die ihnen die Freiheit und Kraft zu einem gedeihlichen Leben in der Gemeinschaft gibt. Existentielles Urvertrauen auf ein gutes Schicksal bis in den Tod, überwindet die Urangst vor dem Launen des Geschicks. (Es geht hier nicht um Rationalität sondern um eine existentielle Erfahrung.) Christen sollten wissen, dass der Gegensatz von Nächstenliebe und Selbsterhaltungstrieb nicht innerweltlich lösbar ist: Viele ganz irdische Konflikte können letztlich nur durch zweckfreien Verzicht, im Leiden an der Liebe zum Guten versöhnt werden.

Was also soll "Survival of the Fittest" bedeuten?
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 27, 2013 3:16 PM CET


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