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Beiträge von Kai Bargmann
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Rezensionen verfasst von
Kai Bargmann "kaibargmann" (München)

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Berühre mich nicht: Roman
Berühre mich nicht: Roman
von Andrea Camilleri
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,00

3.0 von 5 Sternen Verhaltene Entblätterung einer Persönlichkeit, 6. August 2017
Eine junge Autorin, Ehefrau eines bekannten Schriftstellers, verschwindet über Nacht. Kommissar Maurizi setzt sich auf ihre Fährte und fördert nach und nach einiges ans Tageslicht: Dass sie viele Affären hatte, eine hochbegabte Kunsthistorikerin war (die über „Noli me tangere“ (Berühre mich nicht) promoviert wurde, daher der Titel) – und sehr unglücklich mit sich ist.

Nach und nach wird so die Persönlichkeit der Hauptperson entblättert, und dieser Prozess fasziniert und enttäuscht zugleich. Der Autor selbst schreibt sinngemäß im Nachwort, dies sei kein regulärer Krimi und die Hauptperson vielleicht nicht so ungewöhnlich wie man annehmen könnte.

Das sagt fast alles über diesen schmalen Band. Anfangs war ich sehr von der geheimnisvoll und facettenreich angelegten Autorengattin eingenommen und interessiert daran zu erfahren, was es mit ihrem Verschwinden auf sich hat. Je länger es aber dauerte, desto kleiner wurde der Assoziationsraum wieder, so wie man Luft aus einem Heißluftballon lässt, und es blieb am Ende das Bild einer armen verstörten Seele auf Sinnsuche, die in Südamerika ihr Glück sucht und wahrscheinlich dort den Tod findet. (Der Autor deutet auch das im Nachwort an.)

Am meisten hat mich der Bau des Buches beeindruckt, wie die Kapitel kurz, aber genau aneinander passen und logisch aufeinander aufbauen.

Ich habe mit „Streng vertraulich“ ein anderes Buch Camilleris gelesen, das mich weit mehr beeindruckt hat. Die These von der Notwendigkeit einer interessanten Hauptperson und der originellen Handlung bestätigt sich: Die Abenteuer des äthiopischen Prinzen im Italien Mussolinis waren extrem komisch und boten, was diesem Buch fehlt. Wenn Sie noch kein Buch dieses Autors kennen, sollten Sie lieber das lesen.


Verrat: Das dunkle Geheinmis der Familie Agnelet
Verrat: Das dunkle Geheinmis der Familie Agnelet
von Pascale Robert-Diard
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,00

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Eine Familientragödie – mit dem Skalpell seziert, 24. Juli 2017
Endlich braucht jemand keine 800 Seiten, um eine Tragödie in ihrem ganzen Umfang zu erzählen. Nur etwas mehr als 150 Seiten hat dies Büchlein, aber jeder Satz sitzt. Mit wenigen Worten, in kurzen Sätzen, schreibt die Autorin ihren Stoff herunter – ein bemerkenswerter Fall kluger Ökonomie. Man merkt ihr die Erfahrung als Gerichtsreporterin an – sie weiß aus dieser Erfahrung heraus, was man braucht, um eine Person, die Beziehung zwischen Personen oder eine Situation auf den Punkt zu bringen. Nur wenige Striche, und es entsteht ein Bild – und das Ergebnis ist keine Karikatur, sondern ein Porträt. Das ist literarische Kunst.

Diesem Buch liegt ein echter Fall zugrunde, der sich schon 1977 in Frankreich zugetragen hat. Das gibt Relevanz, auch wenn es lange her ist, dadurch fiebert der Leser besonders mit. Der Inhalt ist es weit mehr als ein Who dun it. Es ist ein präzises Psychogramm einer Familientragödie, des Zerfalls und des Bruchs. Wir erfahren nur wenig über den Hergang der Tat, denn sie ist nicht der Gegenstand des Buches.

Entscheidend ist die Dynamik des Zerfalls, die Sprengkraft, die in der Tat liegt – ein zeitloses Thema. Was wie hundertmal erzählt klingt, ist aus zwei Gründen heraus einzigartig und lesenswert.

1. Der Bruch wird durch einen Mord hervorgerufen – das ist selten. Der Vater, ein bekannter Anwalt, hat seine Geliebte, eine reiche Erbin, Tochter seiner Mandantin, umgebracht, wird aber mangels Beweisen nicht überführt, sondern leugnet seine Tat über Jahrzehnte. Was setzt das im Familienverband in Gang?

2. Das Buch beschreibt den familiären Zerfall über mehr als 30 Jahre – klar und präzise, wie mit dem Skalpell seziert, statt, wie sonst so oft in „Familienromanen“, diffus und ausgewalzt. Es erzählt davon, wie der älteste Sohn, lange vehementester Verteidiger seines Vaters, am Ende zu dessen Ankläger wird – und damit zu dessen Richter. Diesen Wechsel der Fronten genau zu beleuchten und zu begründen, und das auch noch spannend, nachvollziehbar und glaubhaft – darin liegt das Verdienst des Buches.

Was bedeutet der Titel? (Achtung, Spoiler): „Verrat“ ist das, was der Sohn am Vater begeht – aus Sicht von Vater und Familie. Aus Sicht des abtrünnigen Sohnes ist es eine Reinwaschung – und die genaue Darstellung der unterschiedlichen Sichtweisen macht dies Buch so spannend.

Fazit: Große Literatur in kleinem Format, unbedingt lesen. Einziger Kritikpunkt: Man könnte einwenden, es handele sich um die aufwendige Psychologisierung des Täters, statt das Opfer zu beleuchten. Dieser Einwand ist schwer zu entkräften, er liegt im Konzept begründet. Abgesehen davon ist es schade, dass dieser Band nur bei Zsolnay und nicht beim großen Bruder Hanser erscheint – so wird er weniger Leser finden als er verdient.


Brüder und Schwestern: Die Jahre 1989-2001. Roman
Brüder und Schwestern: Die Jahre 1989-2001. Roman
von Birk Meinhardt
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 26,00

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wiedervereinigung aus Ost-Sicht, 17. Juni 2017
Ich lernte Birk Meinhardt vor ein paar Jahren bei einem Freund auf einer privaten Lesung kennen. Ob ich unkonzentriert war oder die gelesene Passage tatsächlich nicht so spannend war, kann ich nicht mehr genau sagen, jedenfalls war ich vom ersten Band von „Brüder und Schwestern“ nicht übermäßigt beeindruckt. Vielleicht lag es am harten Gestühl, an der halligen Akustik – Tatsache ist: Ich langweilte mich, meine Gedanken schweiften ab. Dass ich mich mit dem Autor danach noch lange gut unterhielt, steht auf einem anderen Blatt. Als jetzt der zweite Band mit den Vorgängen um 1989/1990 bis 2001 herauskam und ich diese Zeit noch aus eigener Anschauung lebendig vor Augen hatte, wollte ich erfahren, wie Meinhardt das Thema wohl angepackt hat.

„Brüder und Schwestern“ ist eines der Bücher, die am stärksten verlieren, wenn man ihren Inhalt angibt. Dann müsste man nämlich sagen, dass es ein Familienroman ist, der das Schicksal dreier Ostgeschwister nach der Wende beschreibt. Das klingt lahm – ist es aber nicht. Ganz im Gegenteil: In erster Linie hat mir als Westler der ungewohnte Perspektivwechsel gefallen – die Wende wird aus Sicht der ostdeutschen Hauptpersonen geschildert, die sich wie eine Übernahme darstellt. Das war für mich neu, ich kannte bisher nur Uwe Tellkamps „Turm“, der die vertraute Sicht aus Westperspektive schildert. Die Mentalitätsunterschiede nach vier Jahrzehnten Kapitalismus hier und Kommunismus dort kommen sehr gut zum Vorschein. Dies ist auch der Tatsache geschuldet, dass die Milieus genau beobachtet und beschrieben sind, zahlreiche typische Situationen der Ossis verarbeitet werden, das Buch wirkt durch und durch authentisch und glaubwürdig.

Der Roman hat mich vor allem auch stilistisch immer wieder überzeugt: Birk Meinhardt persifliert stilsicher Hiphop-Verse, den gedrechselten Ton von Reportagen und den Berliner Dialekt. Sprachlich gefiel mir weiter, wie der Autor die Sprache der Personen variiert hat, was ja oft eine Schwäche in Romanen ist. Überhaupt sind die Dialoge gut, insgesamt habe ich den Eindruck, dass der Text sehr genau gearbeitet wurde. Mehr und mehr, bedingt vor allem auch durch die konkreten Lebenssituationen, die genaue Charakterisierung der Personen und die detaillierte Schilderung von Gefühlen und Entwicklungen, entstand in mir der Eindruck, eine Art Thomas Mann-Roman der Jahrtausendwende zu lesen. Sprachlich und gedanklich vielleicht nicht so brillant oder unverkennbar, aber doch sehr eindrucksvoll in Bau und Darstellung.

So habe ich „Brüder und Schwester“ sehr gern gelesen, und hoffe, ich werde eines Tages die Gelegenheit haben, Birk Meinhardt persönlich davon zu berichten. So viel steht nach der Lektüre fest: Es ist ein mühevoller Weg zum gegenseitigen Verständnis, unsere ostdeutschen Landsleute sind noch längst keine Brüder und Schwestern. „Brüder und Schwestern“ hilft zu verstehen, warum. Daher: Pflichtlektüre.


Unterleuten: Roman
Unterleuten: Roman
von Juli Zeh
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein köstliches zeitgenössisches Sittengemälde, 25. Mai 2017
Rezension bezieht sich auf: Unterleuten: Roman (Gebundene Ausgabe)
Wenn es stimmt, dass Unterleuten deshalb nicht für den deutschen Literaturpreis nominiert war, weil es schon genug verkauft hatte, muss man über diese Entscheidung der sog. Jury den Kopf schütteln. Es sagt viel über das falsche Selbstverständnis dieser sog. Influencer, wenn sie nicht das beste Buch küren, sondern sich als Förderverein für unbekannte Literaten halten, der zugleich nicht als Marketingmaschine für einen bereits erfolgreichen Titel dienen möchte. Quelle malheur, denn Unterleuten war einer der besten zeitgenössischen deutschen Romane der letzten Zeit, die ich gelesen habe.

Das Buch hat etwas ganz Klassisches. Vom Bau, von der Moral. Das mag manchen nicht progressiv genug sein, aber mir hat es sehr gefallen. Wir lesen die Geschichte vom Bau von zehn Windrädern in einem kleinen Dorf in Brandenburg, formal streng gegliedert: In jedem Kapitel kommt ein anderer Beteiligter zu Wort: Dorfbewohner, der Investor, Zugereiste. Ich habe es sehr genossen, die Beweggründe der Personen zu lesen, die Beziehungen zu verstehen. Julie Zeh hat das sehr pointiert geschrieben und raffiniert angelegt. So entsteht ein facettenreiches Bild der Lage; und die Technik treibt die Handlung untypisch, aber wirkungsvoll voran. So entsteht zugleich ein wunderschönes Bild der zeitgenössischen deutschen Öffentlichkeit: Ein vielstimmiges Konzert widerstreitender Meinungen, die allesamt um Gehör, Anerkennung und Einfluss ringen. Ich meine, dass die Befindlichkeiten, die Denkweise der Romanfiguren sehr treffend die deutsche Realität 2010 spiegeln. Das Faszinierende und die eigentliche literarische Leistung besteht darin, wie gut die Autorin die Perspektive jedes Beteiligten in ihrer Subjektivität schildert. Jeder hat auf seine Art recht.

Bemängelt wurde unter anderem, die Charaktere hätten alle die gleiche Erzählstimme, es fehlen ihnen Tiefe, sie seien schablonenhaft. Dies ist ein nicht ganz von der Hand zu weisendes Argument, m.a.W. vordergründig stimmt das. Aber erstens wird im letzten Kapitel aufgelöst, warum es so ist – (Achtung: Spoiler) Unterleuten ist eigentlich eine verlängerte Reportage, und da hat ein Erzähler die Fäden in der Hand. Zweitens ist dieser vermeintliche Mangel nicht der entscheidende Punkt: Denn in Unterleuten steckt soviel über die Menschen, die Deutschen und die Gegenwart drin. Und die Handlung ist so spannend und überraschend, dass diese gewaltigen Vorteile den vermeintlichen Nachteil weit überwiegen. Drittens kann erst durch das karikierende Element der Interessenkonflikt zwischen den Parteien noch besser herausgestellt werden.

Und so ist Unterleuten ein Panoptikum der heutigen Welt (vielleicht sogar der Welt wie sie immer war) und vor allem auch ein Spiegelbild der deutschen Gesellschaft. In jedem der Charaktere finden wir sehr schön die unterschiedlichen Typen widergespiegelt. Ich traue mich kaum, das große Wort in den Mund zu nehmen: In Unterleuten steckt soviel Wahrheit drin. Ausnahmsweise gebe ich die Elke: Unbedingt lesen.


Das perfekte Leben des William Sidis
Das perfekte Leben des William Sidis
von Morten Brask
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,00

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Vorhersehbar: Ein Wunderkind leidet und scheitert, 12. April 2017
Im Nachwort des Romans schreibt der Autor: „Die Erzählung stützt sich auf das Leben des Amerikaners William James Sidis. Die meisten Ereignisse, Personen, Gedanken und Gespräche wurden durch seine eigenen Bücher, Artikel und Briefe angeregt.“ Dazu gibt es Tagebücher, Gerichtsprotokolle, Erinnerungen Dritter, eine Biografie namens „The Prodigy“, die „für dieses Buch entscheidend war“. Kurz: Das Leben des Mathematikers William Sidis wurde bereits umfangreich erforscht und beschrieben. Was zu der elementaren Frage führt: Wozu dieses Buch? Aber auch: Warum schreibt ein Däne über einen Amerikaner mit ukrainischen Eltern?

Um es feuilleton-klischeehaft zu formulieren: Es ist die viel zitierte „behutsame Annäherung“ an die Person und der Blick hinter die Kulissen. Den Titel muss man wohl in Anführungszeichen lesen: Das Unperfekte am vermeintlich perfekten Leben des Hochbegabten soll gezeigt werden. Offenbar gibt es ein pädagogisches Anliegen: Es soll rauskommen, wie einer trotz bester Voraussetzungen leidet und scheitert. Der Autor stellt dafür viele kurze Szenen zusammen, die Facetten von Sidis zeigen und ein ganzes Bild ergeben sollen. Brisk schreibt im Präsens mit vielen Verben und kurzen Sätzen, sodass Sidis Leben für den Leser plastisch und lebendig wird.

Brisk bringt, was von einem skandinavischen Autor zu erwarten ist: Eine typische Überhöhung des Individuums, das an den bösen gesellschaftlichen Umständen zerbricht, weil es anders ist. Vor allem der böse Kapitalismus ist schuld. Das sagt auch Sidis selbst, der in Boston den Armen und Arbeitslosen hilft. Während jedoch Sidis astronomische Gedanken in einem Kapitel dargelegt werden, gibt es für die Behauptung von der vorprogrammierten Revolution und der folgenden Arbeiterherrschaft keinen einzigen Beleg – außer dass Sidis, der natürlich auch Pazifist ist, „Das Kapital“ gelesen hat und glaubt, dass Marx recht hat. Dabei hat er sich doch nur in eine süße Sozialistin verliebt, die er in der Hilfsorganisation kennengelernt hat. Und da ist noch mehr, was Brisk interessiert haben dürfte: Sidis hat ein schrulliges Hobby, er sammelt Bahnfahrkarten. Und er macht sich nichts aus beruflichem Erfolg, sondern will still und bescheiden leben.

Indem Sidis, der wegen seiner außergewöhnlichen geistigen Begabung schon als Teenager in Harvard studieren darf, auf einer Demo der sozialistischen Bewegung verhaftet wird, bekommt sein bis dahin öffentlich bewunderter Lebensweg einen Knacks. Aus Sicht des Autors wird Sidis Schicksal nun endgültig zum Beleg für die These von der Gesellschaft, die den Einzelnen an der Entfaltung seines Talents abhält, ja ihn kaputtmacht, wenn er sich nicht anpasst. Das ist dann schon ziemlich vordergründig, um nicht zu sagen platt. Albert Einstein, der etwa zur selben Zeit lebte, hat es doch auch geschafft.

Der Stoff ist gut gegliedert und geschrieben. Wenn man Sidis nicht kennt, leidet die Lektüre unter den erwähnten pädagogischen Einschränkungen, bringt aber Person und Lebensweg durchaus nahe. Alle, denen Sidis bereits ein Begriff ist, können sich den Roman sparen.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 4, 2017 10:08 PM MEST


Wunder
Wunder
von Raquel J. Palacio
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ausgrenzung als Jugendlicher – nah, echt und mit Witz, 19. Februar 2017
Rezension bezieht sich auf: Wunder (Gebundene Ausgabe)
Ein Buch über einen behinderten Jungen – das klang nicht besonders einladend. Vielleicht sogar abschreckend, weil langweilig oder gefühlsdüselig. Aber ich wollte ausprobieren, was meine Tochter so begeistert gelesen hatte. Und ich stellte fest: Das alles ist bei „Wunder“ gar nicht der Fall.

Woran liegt das? An einem geschickten Kunstgriff: Die Autorin lässt uns an ihrer Geschichte durch die Augen der Hauptperson teilhaben. Und wir stellen fest: August, genannt „Auggie“, ist ein ganz normaler Junge. Mag Star Wars, Computerspiele und liebt den Hund der Familie. Doch eine seltene Erbkrankheit hat ihn schwer entstellt. Jetzt kommt Auggie, der bisher privat von seiner Mutter unterrichtet wurde, in eine Schule. Wir erleben en detail, welche Hölle die anderen einem Behinderten bereiten können. Der Hauptgegenstand des Buches ist, wie die anderen auf jemanden mit einer schweren Entstellung reagieren. Dass Kinder besonders grausam sein können, ist nicht neu, hier aber wird es dem Leser noch einmal eindringlich vor Augen geführt. Doch Auggie erlebt nicht nur Gemeinheiten – er erfährt nach einer großen Krise Zuspruch und Freundschaft.

Bestünde das gesamte Buch aus der Schilderung von Auggies Perspektive, wäre das eintönig und einseitig. Das war wohl auch der Autorin klar. So wechselt sie nach ein paar Kapiteln und lässt die Personen übernehmen, die bis dahin schon eingeführt sind: Die Schwester, den Freund der Schwester, den guten Freund etc. pp. Gut hat mir gefallen, dass jede Stimme einen eigenen Ton hat und dieselben Ereignisse durch die wechselnde Perspektive eine neue Bewertung erhalten. Diesen Teil ihres Handwerkes beherrscht die Autorin sehr gut; wie so oft zeigt sich, dass amerikanische Autoren sich mehr für ihre Figuren interessieren als deutsche und daher ihren Stoff besser durcharbeiten, lebendiger und glaubwürdiger erzählen.

An diesem Buch stimmt fast alles: Die Dialoge, die Lebenswelt und die Familie, das Tempo, die Gefühlslage – wir kommen nah an Auggie und sein Leben als Außenseiter heran, aber es ist nie kitschig. Außer vielleicht ganz am Ende, als er nach dem ersten Schuljahr sogar einen Preis erhält. Darauf muss man sich ebenso einlassen wie auf die Ausgangslage, dass Auggie an einer extrem seltenen Erbkrankheit leidet: Wie oft kommt das vor? Wie relevant ist der Ansatz also?

Fazit: Ich war insgesamt sehr angetan. Dieses Buch lohnt sich auch für Erwachsene, weil sich wieder einmal zeigt, wie locker, nah und humorvoll Amerikaner auch heikle Themen erzählen können. Die Härte sozialer Ausgrenzung konnte ich sehr gut nachvollziehen. Jugendliche Leser können ohne erhobenen Zeigefinger Rücksichtnahme und Einfühlungsvermögen lernen.


Spione
Spione
von Marcel Beyer
  Gebundene Ausgabe

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Uninspiriert durchdekliniert, 28. Januar 2017
Rezension bezieht sich auf: Spione (Gebundene Ausgabe)
Ich habe mich bei Marcel Beyer schon einmal profund gelangweilt: Das war bei „Kaltenburg“, der fiktionalisierten Geschichte eines Biologen. Als Beyer im vergangenen Jahr den Büchnerpreis erhielt, dachte ich, vielleicht habe ich ihm Unrecht getan und sollte es noch einmal mit ihm probieren. „Flughunde“, das ihn bekannt machte, hatten wir nicht, dafür fand ich die „Spione“ im Regal. Na, dann los.

Also: Die „Spione“ haben etwas akademisch Gespreiztes, das Buch liest sich wie eine Idee, die systematisch entwickelt wurde: Das Wort Spione wird in allen denkbaren Bedeutungen verwendet und das Prinzip des Spionierens auf die wichtigen vorkommenden Beziehungen einer Familie im Buch angewendet. Eine solche Systematik muss nicht schlecht sein, sie ist sogar konsequent, doch es liegt darin auch ein Mangel an Inspiration, es fehlt Frische, die Geschichte wirkt bemüht, konstruiert und überraschungsarm.

Da geht's zunächst um Türspione als Allegorie: sie zeigen uns nämlich nur einen Ausschnitt aus der Realität, nie aber die Wirklichkeit. Inhaltlich geht es dann um Geschwister in den Sechzigern, die ihre Familiengeschichte ergründen wollen, und dabei selbstredend über die deutsche Vergangenheit stolpern, die auch mit eingearbeitet wurde – was pflichtschuldig wirkt, weil sonst „Spione“ kein kulturell bedeutendes, gehalt- und anspruchsvolles Werk geworden wäre, sondern man es vielleicht für einen Thriller gehalten hätte. So lesen wir vom Großvater, der zu Nazizeiten Spion war, und dessen zweite Frau wiederum ihn ausspioniert. Der Mann war in der Legion Condor, was er vor seiner Frau geheimhält. So geht das weiter: Die Figuren erhalten eine Geschichte, feine Beobachtungen sind durchaus enthalten, doch es wirkt so wie am Reißbrett entworfen, lahm, spannungslos. Zumal auch nur indirekt in Erinnerungen der Generationen erzählt wird. So habe ich mir Marcel Beyer ein weiteres Mal angetan – mit identischem Ergebnis.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 21, 2017 10:54 PM CET


Heimatmuseum,
Heimatmuseum,
von Lenz
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen Die Summe unserer Erinnerungen, 14. Januar 2017
Rezension bezieht sich auf: Heimatmuseum, (Taschenbuch)
Ich habe keine große Bindung an meine norddeutsche Heimat. Doch gerade das machte mich neugierig, ein Buch über dieses Thema zu lesen, denn jeder von uns hat eine Heimat, und sie prägt unsere Identität. Inzwischen weiß ich, dass dies auch bei mir so ist, nur dass sie geistiger Art ist, nicht geographischer. Vor diesem Hintergrund war ich erpicht darauf, diesen Roman Siegfried Lenz’ wiederzulesen. So viel vorab: Ich kann mir kaum eine komplexere und differenziertere Darstellung zu diesem schwierigen Begriff darstellen. Ich habe daraus viel lernen können, vor allem, dass nichts falsch daran ist, auch eine geografische Heimat zu haben (was ja für Deutschland und die im Krieg an Polen verlorenen Ostgebiete nicht selbstverständlich ist.)

Das führt zum zweiten Punkt, den ich an diesem Buch bemerkenswert finde. Ohne dass Lenz reaktionär oder revanchistisch wirkt, legt er dar, wie tief die Heimat in seiner Hauptfigur Zygmut Rogalla, einem masurischen Teppichweber, angelegt ist. Der sammelt schon von Jugend Gegenständen, die später zu einem Heimatmuseum werden. Rogalla geht es dabei um etwas, was er Zeitzeugenschaft nennt. Nach einer Reise nach Masuren im Frühjahr habe ich mir das Buch ein zweites Mal vorgenommen. Dieses Mal fand ich es noch viel besser, weil ich vor Ort war und genauer beurteilen kann, wovon Lenz erzählt: Einerseits von der schönen Landschaft mit ihrer wechselvollen Geschichte, andererseits von dem schwierigen Verhältnis der deutschstämmigen Masuren zu ihren polnischen Nachbarn. Diese Aspekte werden hier sorgfältig hergeleitet und vielschichtig dargestellt. Als der Heimatverein, der das Museum finanziert, den früheren Nazi-Statthalter zum Vorsitzenden macht, beschließt Rogalla, das Heimatmuseum zu verbrennen. Dabei wird er selbst schwer verletzt. Vom Krankenbett aus erzählt Rogalla seinem Schwiegersohn in weitschweifigen Etappen von seinem Leben in Masuren, Jugend, Beruf, Ehe, Familie, soziales Leben in Lucknow, seinem Heimatort, dann Flucht und Vertreibung im zweiten Weltkrieg. Das Heimatmuseum ist der Ort, an dem Rogallas Leben ausgestellt wird, es ist er.

Ich nicht verstehe, wie jemand dieses Buch langweilig finden kann. Gelegentlich wird das beklagt. Sicher, es sind (in der Taschenbuch-Ausgabe) 650 eng bedruckte Seiten. Sicher, Lenz erzählt sehr detailliert, genau und ausführlich. Und sicher behandelt er die Geschichte seiner Heimat Masuren. Doch er hat doch diese Geschichte mit soviel Leben gefüllt. Er erzählt so geschickt, ausschließlich von Menschen. Vielleicht klingt einfach nur der Titel „Heimatmuseum“ trocken und nach einer leblosen Ansammlung von Gegenständen? Was jedenfalls an Schicksal und Scheitern, Erfolgen und erstaunlichen Wendungen, Erfahrungen und Erinnerungen, Not und Elend, Angst, Schrecken und Verzweiflung bei Flucht und Vertreibung in diesem Buch steckt, ist so reichlich, dass es gar nicht mehr sein dürfte, weil es anderenfalls kitschig und überladen wäre. Für mein Empfinden hat Lenz hier eine sehr gute Balance gefunden.

Beim zweiten Durchgang gefiel mir das „Heimatmuseum“ noch besser als beim ersten Mal. Ich weiß nun, dass auch ich eine Heimat habe. Ich weiß aber auch, dass Heimat nichts für die Ewigkeit ist, sondern wie alles mit unseren Erinnerungen vergeht, wenn wir sie nicht bewahren. Nichts weniger hat Lenz hier geleistet.


Heinz G. Konsalik: Wer stirbt schon gerne unter Palmen / Der Vater
Heinz G. Konsalik: Wer stirbt schon gerne unter Palmen / Der Vater

1.0 von 5 Sternen Holzschnitt, Kitsch und Pathos, 28. Dezember 2016
Dieses Buch erschien in den Siebzigern Jahren und war wie viele Konsalik-Romane ein Riesenerfolg, inkl. Buchklubausgabe wie dieser, die ich las. Ich hatte keine Ahnung, wovon es handelt, und hoffte, es möchte prophetisch um die Frage gehen, wie es ist, im Alter irgendwo im warmen Süden zu leben (Thailand! Mallorca!) und mit der Frage konfrontiert zu sein, ob man dort sterben möchte oder doch lieber in der Heimat.

Weit gefehlt: Hier kämpft ein wackerer deutscher Ingenieur, Werner Bäcker, nach einem Schiffbruch ums Überleben. Wie das Leben so spielt, wird nach einem weiteren Sturm noch ein Pärchen auf dieselbe Insel gespült, wodurch Liebe und Drama ins Spiel kommen, da die Frau unter Mordverdacht steht und Bäcker sich in sie verliebt. Und, wie es damals wohl noch üblich war, in einem dritten Handlungsstrang bekommt ein Reporter einer Illustrierten Wind von dem Verschollenen und spürt ihn auf.

Auffällig ist zunächst, wieviel Weltkriegsromantik immer noch in dem Buch steckt. Es liest sich, als sei es bereits in den Fünfzigern geschrieben worden. Da ist zunächst Bäcker als tapferer Einzelkämpfer, den nichts schreckt, das Meer als übermächtiger Feind, und es gibt einen treuen Kameraden – in Form eines Albatros, der Bäcker mysteriöserweise begleitet. Die Botschaft: Mit deutschen Werten wie Willenskraft, Disziplin und Sauberkeit (!) bekommt man selbst eine aussichtslose Lage in den Griff.

Dass die Frau wunderschön ist, ihr Begleiter blond und muskulös, kurz: dass die Figuren vor Klischeehaftigkeit nur so strotzen und holzschnittartig angelegt sind – geschenkt. Wahrscheinlich muss man es so sehen, dass hier Idealtypen entworfen werden sollten, in die das Publikum bestmöglich Sehnsüchte projizieren können sollte. Ich kann mir gut vorstellen, dass Konsalik die Bedürfnisse seiner Leserschaft mit diesem Sujet hervorragend bedient hat. Zum einen das Bedürfnis nach Erlebnis, das dem eigenen Leben fehlt. Zum anderen, durch den exotischen Ort der Handlung, die Fernweh, die sich seit den Sechziger Jahren als Massentourismus Bahn gebrochen hatte. Und drittens das Bedürfnis nach Ausgleich, konkret: dass man als Deutscher gegen widrige Umstände bestehen kann.

Verleidet hat mir das Buch tatsächlich die Sprache. Ich mag dichte Sprache, doch dieser Text ist vollkommen überfrachtet und viel zu laut. Die Verben sind so stark, und so vieles ist „verflucht“ wie allgemein die Adjektive durchweg laut sind, dass sich der Druck der Verzweiflung, die hier wohl zum Ausdruck kommen soll, auch auf mich als Leser übertrug. Das ist als schriftstellerische Leistung an und für sich positiv, denn der Text ließ mich nicht kalt, doch die Folge war in diesem Fall negativ: Ich verstehe, dass früher noch anders gedacht und geschrieben wurde, doch es wurde mir schnell zuviel: Ich konnte das Pathos nicht mehr ertragen. Das ist insofern bemerkenswert, als ich ein geduldiger Leser bin, der einiges über sich ergehen lässt, bevor er ein Buch aus der Hand legt.

Dazu kommt schließlich, dass mir vieles an Lösungen, die Bäcker zum Überleben entwickelt, hanebüchen vorkam. Allen voran sein gebrochenes Bein, dass er mit nassem Sand „eingipst“, der dann trocknet und das Bein schienen soll. Wer einmal eine Sandburg am Strand gebaut hat, weiß was, passiert, wenn die Nässe geht und der Sand trocknet: Er bröselt und gibt alles andere, aber keinen Halt.

Eins sei zugunsten Konsaliks gesagt: Als er das Buch schrieb, war er der Pionier, der dieses Feld zum ersten Mal entdeckte und beackerte. Ich als Nachgeborener kam in den Genuss von „Castaway – verschollen“. Wer an dem Sujet des Überlebens auf einer einsamen Insel nach einem tragischen Unglück interessiert ist, wird dort besser bedient: Hollywood kann’s.


The Girls: Roman
The Girls: Roman
von Emma Cline
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,00

4.0 von 5 Sternen Vorsichtige Entblätterung verwirrter Gefühle, 11. Dezember 2016
Rezension bezieht sich auf: The Girls: Roman (Gebundene Ausgabe)
Der Titel ist harmlos – die Mädchen. Doch dieses Buch handelt – in verschlüsselter Form – von Charles Manson und den Morden seiner Sekte in den späten Sechzigern des letzten Jahrhunderts in Kalifornien. Ganz schön schlimme Mädchen also, formal betrachtet.

Doch keine Angst, dies ist kein brutaler Schlitzerroman, der roh von Morden und Massakern erzählt. Ganz im Gegenteil – die längste Zeit geschieht äußerlich nur wenig. Dafür nehmen wir am reichhaltigen Innenleben der Teenagerin Evie Boyd teil und erleben ihre Entfremdung und Selbstfindung mit. Dies in alltäglichen Situationen: Streitgespräche der Eltern vor der Scheidung, Langeweile und innere Leere im Umgang mit Freundinnen, die Unzufriedenheit mit sich. Dies ist Evies Alltag, durch den sie in die Fänge der Sekte gerät.

Das Buch leistet also nichts weniger, als gegen den formalen ersten Eindruck inhaltlich abzuleiten, wie es dazu kommen konnte, dass ein augenscheinlich normales, bürgerliches (nach US-Maßstäben) Mädchen sich zur Beteiligung an derartigen Tagen hinreißen lassen kann. M.a.W. „Girls“ ist in erster Linie ein Coming-of-Age-Buch über Evie, die anfangs noch kindlich unschuldig ist, schüchtern Jungs gegenüber und dann ihre erwachende Sexualität spürt; die Verwirrung der Gefühle, als sie mit Frauen experimentiert und ihre Macht über Jungs und Männer erfährt; Evie, die erstes Begehren, Verlangen, Ablehnung und Abscheu erlebt.

Hier kommen wir zum besten an diesem Buch: Wie die Autorin das Innenleben entblättert, die Gefühle, Beobachtungen, wie sich Evie langsam aber sicher aus dem bürgerlichen Leben löst und nach anfänglicher Vorsicht die Faszination des Aussteigens erlebt, das ist sprachlich absolut meisterhaft. Das Beste dieses Besten ist, dass die Beobachtungen und Beschreibungen so klischeefrei sind, leise und doch eindringlich – was sie so echt und überzeugend macht. Die meisten von ihnen habe ich zum ersten Mal gelesen, was mich umso mehr wundert, als sie so zutreffen. Wie sie Situationen interpretiert und Gesten deutet, wie zum Schluss eines Kapitels trockene rationale Pointen folgen, wo kurz vorher noch der Teenager seine Gefühle schilderte – das hat mir stilistisch sehr imponiert, weil es so auf den Punkt war.

Warum also nur vier Sterne? Die Poesie der Sprache hätte mehr verdient, die psychische Anlage der Protagonistin auch. Für die Tatsache, dass es sich um ein Debut handelt, auch. Es ist allein der Gegenstand des Buches: Manson, freie Liebe, Kalifornien, die Sechziger – das alles ist eine Weile her und liegt außerhalb des Fokus meines Interesses. Dafür kann die Autorin nichts, aber ein stichhaltiger Grund ist es für meine Beurteilung ist es trotzdem.


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