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Rezensionen verfasst von
F. Grossmann
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Das geheime Leben der Bäume: Was sie fühlen, wie sie kommunizieren - die Entdeckung einer verborgenen Welt
Das geheime Leben der Bäume: Was sie fühlen, wie sie kommunizieren - die Entdeckung einer verborgenen Welt
von Peter Wohlleben
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

37 von 41 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Soziologie des Waldes, 31. August 2015
Dass es ein Buch über den Wald auf Platz 2 einer Bestsellerliste schafft, ist wohl ein typisch deutsches Phänomen. "Der Wald hat sozusagen etwas Sakrales für die Deutschen", so Christopher Clark ("Die Schlafwandler") in seiner "Deutschland Saga". Schon Tacitus habe sich gewundert, dass die Germanen keine Tempel hatten. Der Wald sei eben ihr Tempel gewesen. Die Deutschen, so Clark, "lieben die Tiere, aber v.a. die Bäume, die schon die alten Germanen verehrten." Für die sei der Wald Schutzraum, Nahrungs- und Materiallieferant gewesen. Der Wald war das Terrain, auf dem sie unbezwingbar waren. "Hier besiegten die "Wilden", die "Barbaren", die Römische Zivilisation" - die Geburtsstunde eines "deutschen Urmythos".

In keinem anderen europäischen Land gäbe es eine solche Naturverbundenheit wie in Deutschland, so der in England lebende australische Historiker. - In Deutschland wurde aber auch die Forstwirtschaft erfunden. Da die Deutschen ihre Bestände so lieben, nahm man die Ausdünnung der Kronen in den Nadelwäldern in den 80er Jahren hier mit besonderer Erschütterung wahr und wurde zum Vorreiter bei entsprechenden Gegenmaßnahmen. Der Begriff "Waldsterben" ist einer der wenigen Germanismen, die weltweit Verbreitung fanden.

Nur logisch also bei all dem, dass es auch einem deutschen Autor gelingt, so etwas Entlegenes wie die neuesten Erkenntnisse der Forstwissenschaft lektüremäßig so aufzubereiten, dass es zum Renner auf dem Buchmarkt wird. - Der Autor nimmt den Leser mit auf eine Entdeckungsreise. Was hat der stolze Wald uns kleinen Menschen zu erzählen?

Ein Forstingenieur wird darauf getrimmt, Waldbestände unter ökonomischen Gesichtspunkten zu betrachten. So ging es auch Peter Wohlleben. Doch je mehr er sich für das "geheime Leben der Bäume" zu interessieren begann, desto öfter offenbarte der Wald seine Geheimnisse. Er machte Beobachtungen, die ihn zur Recherche motivierten und stieß auf Forschungsergebnisse, die seine Beobachtung schärften.

Bäume, so der Autor, sind liebevoll zu ihrem Nachwuchs, aber weit davon entfernt, diesen zu verzärteln. Zwar schirmen und päppeln sie ihn (durch Wurzelverflechtung), aber sie schotten eben auch durch ihre Kronen das Sonnenlicht ab. Bei bis auf 3% gedimmter Strahlung wachsen die Nachkömmlinge nur sehr langsam. Eine Buche wird ' unter natürlichen Bedingungen - in 100 Jahren gerade einmal mannshoch, ist dann aber immer noch spindeldürr. Allerdings entwickeln sie so eine Zähigkeit, die schnell wachsende, forstwirtschaftlich begründete Bestände nicht besitzen. Erst wenn die Baummutter stirbt, hat der Nachwuchs genug Licht für einen kräftigen Wachstumsschub. Allerdings nicht lange - in etwa 20 Jahren haben die umliegenden Bäume das Loch in der Kronenlandschaft wieder geschlossen. Das bedeutet für die kommende Generation: Geduld - bis der nächste ausscheidet und man eine weitere Ebene vorrücken kann.

Bei Bäumen gibt es keine "Überbevölkerung". Statistisch wird jeweils ein Baum durch einen anderen ersetzt. Die Nachkommenszahl in einem Lebenszyklus variiert von einigen Millionen bei der Buche bis zu einigen Milliarden bei der Pappel. Allein das nötigt bei der Betrachtung jedes Baumes fast eine gewisse Ehrfurcht ab ' er ist jeweils der eine, der sich unter Abertausenden durchgesetzt hat. Viele "Baumembryonen" sind allerdings für andere Bewohner des Ökosystems Wald unentbehrlich. Der Schwarzkittel etwa würde ohne Eicheln und Kastanien alt aussehen. Viele Vögel picken Samen aus den Zapfen. Die Bäume - so der Autor - stellen ihr Nahrungsangebot im perfekten jahreszeitlichen Timing bereit.

So wie Eltern sich via Wurzelgeflecht unter Einbezug kooperierender Pilzarten mit ihren Nachkommen vernetzen, so auch die Nachkommen untereinander. Selbst unter erwachsenen Bäumen bilden sich Freundschaften. Nicht nur Artgenossen werden einbezogen, sondern auch Fremde; nicht nur starke, sondern auch kränkelnde Bäume. Allerdings - die "Retortenbabys" aus der Baumschule scheinen den Sinn für ein vitales Miteinander verloren zu haben. Die Vereinzelung und Entsolidarisierung macht auch vor dem Wald nicht halt. Der Autor führt das u.a. auf die Verletzungen im Wurzelbereich zurück, die von Menschen gepflanzte Bäume erfahren - frühkindliche Traumata eben.

Bäume "kommunizieren" tatsächlich. Wenn Gefahr droht - etwa durch Insektenbefall - stehen sie ohnehin zusammen "wie ein Mann". Sie entwickeln Abwehrstoffe, die so manchen Borkenkäfer oder Springrüssler die Mahlzeit kräftig vergällen. Deren Artgenossen kratzen aufgrund der so ausgesandten Duftstoffe mitunter schon in weiter Distanz die Kurve. Noch erstaunlicher ist allerdings, dass über Wurzel- und Pilzgeflechte auch elektrische Signale ausgesendet werden - ein umfassendes Frühwarnsystem, dass Forscher nicht umsonst als "Wood Wide Web" bezeichnen. War der Wald der Menschheit hier etwa Jahrtausende lang voraus?

Der Rezensent ist u.a. auch gelernter Forstwirt. Seit mehr als zwei Jahrzehnten nicht mehr in diesem Beruf tätig, staunt er bei der Lektüre des Buches nicht schlecht, was Wissenschaft in der Zwischenzeit so zutage gefördert hat. Gerade dort, wo man es nicht vermutet, tritt sie hingegen auf der Stelle. Wie etwa gelangt das Wasser aus der Erde in den Baumwipfel? Kapillarkräfte, Osmose, Transpiration? Das alles reicht eben zur Erklärung nicht aus. Kaum zu glauben, aber wahr ' die Forschung steht hier nach wie vor vor einem Mysterium.

Natürlich ist auch der Wald keine heile Welt. Wie es unter Menschen solche und solche gibt, so auch unter Bäumen. Ein Blick in die Kronen zeigt - die einen versuchen protzig andere zu verdrängen; andere breiten sich würdevoll nur bis dorthin aus, wo sie den Lebensraum der anderen berühren. Sie sind es wohl, die den türkischen Dichter Nazim Hikmet zu den Versen inspirierten: "Leben wie ein Baum, einzeln und frei, und brüderlich wie ein Wald, das ist unsere Sehnsucht". Etwas hinterlistig gar geht die Buche in benachbarten Beständen anderer Art vor. Selbst die als so robust geltende Eiche hat hier schlechte Karten. Die kleinen Buchen entwickeln sich als Schattholzart immer noch besser als die eigenen Eichensprösslinge (Lichtholzart). Wenn sie sich schließlich nach langer Zeit zur Höhe der "Erwachsenen" vorgearbeitet haben, werden diese gnadenlos verdrängt.

Wie der Mensch, neigt auch Bruder Baum mitunter zu exzessivem Verhalten. Nicht immer etwa ist Wasser ausreichend vorhanden. Die sonstige Nahrungsmittelproduktion ist weit weniger problematisch - die Photosynthese läuft auf Hochtouren, solange die Sonne scheint. Aber ohne flüssiges Nass läuft eben nichts und so kann man es verstehen, dass bei ausreichendem Zugang so mancher Baum den "Stamm nicht voll bekommen kann". Das rächt sich jedoch - bis hin zum Aufplatzen des Holzes. Wer dann nicht gerade wie die Eiche über ein gutes Abwehrsystem verfügt, hat hinfort für lange Zeit mit schädlichen Eindringlingen zu kämpfen. Doch der Baum lernt aus solchen Erfahrungen und zügelt hinfort sein Verlangen.

Dies wirft die Frage auf, wie solche Informationen abgespeichert bzw. vermittelt werden. Für die Forscher richtet sich das Augenmerk dabei zunehmend auf das Wurzelwerk. Besonders die Wurzelspitzen, so der Autor, wiesen informationsverarbeitende Strukturen auf, die denen niederer Organismen aus der Tierwelt nahe kommen. Haben Bäume also auch Gefühle, wie im Klappentext postuliert? Im Laufe des Buches wird deutlich, dass der Autor dies nicht ganz so ernst meint; so manches bleibe eben undurchschaubar.

Die von Wohlleben betriebene Anthropomorphisierung des Waldes ist trotzdem mehr als nur humoristisch-romantische Einkleidung. Er macht deutlich, dass alles Lebendige ähnliche, sinnvolle Strukturen zur Grundlage hat bzw. zur Ausprägung bringt. Damit befördert er ein gesundes Gefühl der Verbundenheit mit der natürlichen Umwelt, und trägt zur ökologischen Sensibilisierung bei. Dass auch neuheidnische und esoterische Phantastereien hier ihre Aufhänger finden, wird sich wohl nicht vermeiden lassen.


Warum ich kein Christ sein will - Mein Weg vom christlichen Glauben zu einer naturalistisch-humanistischen Weltanschauung
Warum ich kein Christ sein will - Mein Weg vom christlichen Glauben zu einer naturalistisch-humanistischen Weltanschauung
von Uwe Lehnert
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,95

7 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Atheistische Katechese, 24. August 2015
Das Vorwort zur neuen Auflage des Buches „Warum ich kein Christ sein will“ von Uwe Lehnert weckt hohe Erwartungen. Er hätte auf verschiedener Leute Rat hin Fehler korrigiert und da und dort die „unnötige Schärfe“ entfernt, so der Autor. Umso enttäuschter ist man dann beim Lesen. Denn auch wenn sich Lehnerts Grundthesen durchaus klar vermitteln – auf Ungereimtheiten stößt man beim Lesen nur allzu oft. Das ist ärgerlich, denn auch wenn man die Ansichten und Schlussfolgerungen des Autors an vielen Stellen nicht teilt, wäre eine gut fundierten Darstellung eines säkular-humanistischen Weltbildes sowie eine ernstzunehmende und qualifizierte Auseinandersetzung mit dem Christentum sicherlich eine interessante Lektüre. So aber ist das Buch eher dem Genre „neuatheistische Propagandaliteratur“ zuzuordnen. Im folgenden einige Beispiele die diese Feststellungen illustrieren sollen.

Dass der Autor die Bibel als vernunftfeindlich darstellt, trotzdem in ihrer Weisheitsliteratur oder auch im Johannes-Evangelium Gott und Vernunft (Logos) geradezu gleich gesetzt werden, war in einem so betitelten Text kaum anders zu erwarten. Den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse im Buch Genesis macht er geradewegs zum Baum des Erkenntnisgewinns. Erstaunt ist man hingegen, dass ein emeritierter Prof. einer deutschen Universität Augustinus und Luther zu Bildungs- und Vernunftfeinden macht.

Aus Sicht des Augustinus ist die Suche nach esoterischem Geheimwissen – wie für alle Kirchenväter - ein Groll. Das in dieser Hinsicht reichhaltige antike Schriftgut fiel weitgehend der Vernichtung anheim. Dies betraf jedoch nicht das saubere wissenschaftliche Arbeiten. Hier intensivierte Augustinus nach seiner Bekehrung im Sommer 386 gerade sein Wirken – auch sein publizistisches. Dazu kam eine intensive Auseinandersetzung mit philosophischen Themen. Er initiierte eine Enzyklopädie der Freien Wissenschaften, die Grammatik, Dialektik, Rhetorik, Musik, Geometrie, Arithmetik und Philosophie umfassen sollte - von der aber mit Ausnahme der sechs Bücher „De Musica“ nur Grundbestände erhalten geblieben sind.

Augustinus ist einer jener Größen der abendländischen Geistesgeschichte, die in säkularen Kreisen regelmäßig völlig fehlinterpretiert werden, weil ganz einfach das Hintergrundwissen nicht mehr da ist und man bereits die von ihm verwendete Terminologie (wie eben auch die der Bibel) völlig missversteht. Wie weit der Horizont des Bischofs von Hippo war und welches charakterliche Format er in der damaligen intellektuellen Auseinandersetzung zeigte, wird u.a. deutlich in seiner Bewertung des Porphyrios, einer jener Denker, die bereits im 3. Jh. Bibel und Christentum mit sehr viel mehr Scharfsinn kritisierten, als dies heutigen neu-atheistischen Agitatoren gelingt. Augustinus (ebenso andere Kirchenväter) entgegnet selbstverständlich seiner gegen das Christentum gerichteten Argumentation; nichts desto trotz zitierte und rezipierte er ihn in anderen Wissensgebieten ausgiebig und nannte ihn den „gelehrtesten der Philosophen“.

Ähnlich wie mit Augustinus geht es dem Autor mit Luther. Des Reformators Äußerungen die Verführbarkeit menschlicher Vernunft betreffend, haben gerade in Anbetracht der Geschehnisse der letzten Jahrhunderte sicherlich nichts an Aktualität eingebüßt. Uwe Lehnert liest hier allerdings hinein, dass alles was der Mensch wissen müsse, Sonntags von der Kanzel verkündigt werde. Doch – und das gehört nun eigentlich zur Allgemeinbildung - Luther erweiterte das elitäre Bildungskonzept der Humanisten sogar hin zur Schulbildung für alle (auch Mädchen wurden endlich einbezogen). Besonders seine rechte Hand Melanchton brachte noch einmal ebenso viel Schwung in die höhere, universitäre Bildung.

Des Autors „Quote Mining“ setzt sich fort in seinen Ausführungen zur neuzeitlichen Geistesgeschichte. Galileo Galilei zitiert er so, dass der Eindruck entsteht, dieser hätte eine Gegensätzlichkeit zwischen Ratio und Credo, eine Überlegenheit der Vernunft über das Christentum vertreten. In Wirklichkeit sagt Galileo, dass christlicher Glaube und Vernunft sich nicht widersprechen können, da schließlich beides von Gott gegeben ist. Dies tut er keinesfalls nur öffentlich, sodass man opportunistische Absichten vermuten könnte. „Da die Heilige Schrift und die Natur ihren Ursprung gleichermaßen im göttlichen Wort haben — diese ist diktiert vom Heiligen Geist, jene führt die Befehle Gottes höchst aufmerksam aus ...“ schreibt er in sehr privater Korrespondenz an Christina di Lorena.

In betont atheistischen Publikationen haben es Leute wie Descartes und Voltaire, Kant und Popper generell schwer, sich den Vereinnahmungsversuchen zu widersetzen. Erläutert man Atheisten, dass Descartes eine Neuauflage eines der gängigsten scholastischen Gottesbeweises versuchte, Aufklärer wie Kant und Voltaire das vertraten, was wir heute dem „Intelligent Design“ zuordnen und selbst ein (erst zum Lebensende hin) erklärter Atheist wie Diderot das Enzyklopädie-Projekt nur von einem kathol. Geistlichen, dem Abbé Jean Paul de Gua de Malves, übernommen hatte, fallen sie regelmäßig aus allen Wolken.

Popper als der aktuellste muss natürlich besonders für eine Untermauerung eigener Denkansätze herhalten. Doch hatte auch dieser in Wirklichkeit zumindest mit einem naturalistischen Reduktionismus a la Lehnert nicht viel am Hut. Popper sah die Welt dreidimensional: Welt 1 bezeichnet die physische Realität, Welt 2 die Welt der Wahrnehmung und des Bewusstseins, Welt 3 die Welt des Geistes und der Kultur. Welt 3 muss man sich Welt 2 gegenüber ebenso emergent vorstellten, wie Welt 2 der Welt 1 gegenüber.

Der Begründer des „kritischen Rationalismus“ beschäftigte sich bekanntlich auch recht intensiv mit gesellschaftlichen, kulturellen und sozialethischen Fragestellungen. Anders als unserem Autor war ihm allerdings sehr bewusst, dass der Versuch, das Wesen des Menschen rein biologisch zu erschließen, scheitern muss. Menschliches Dasein hat längst eine Ebene erreicht, in der völlig neue Kategorien ins Spiel kommen: Sinn, Werte, Kultur. Der evolutionäre Vorteil bietet hier keine ausreichende Erklärung mehr. Popper hatte die Vision einer offenen, friedlichen und solidarischen Gesellschaft vor Augen, die er - wie er in "Alles Leben ist Problemlösen: Über Erkenntnis, Geschichte und Politik" schreibt – bereits im Neuen Testament beschrieben sah.

Nun kokettiert Lehnert verschiedentlich geradezu mit seiner nur begrenzten Kompetenz in geistes- und sozialwissenschaftlichen Fragen. Er schreibe eben für einfache Menschen, nicht für Philosophen oder Theologen. Abgesehen davon, dass dies nicht die verzerrte Darstellung anderer Positionen und Denker rechtfertigt (er hätte ja auch einfach persönliche Gedanken darlegen und es dabei belassen können) - das Buch überzeugt auch dort nicht wirklich, wo der Autor sein eigentliches geistiges Zuhause verortet - im Bereich der Naturwissenschaften.

Zur Hirnforschung etwa schreibt er, es würden immer neue Belege für die Entstehung des Geistes durch materielle Prozesse erbracht. Wäre es nur in einem einzigen Fall so – es wäre wohl nicht nur die Cover-Story jedes Science Magazines. - Computerprogramme würden zeigen, wie Geist entsteht. Nun gab es zwar tatsächlich vor einigen Jahren eine Diskussionen darüber, ob das Internet bereits eine Art Bewusstsein entwickelt hätte. Doch nahm solche Phantasmen wohl kaum jemals wirklich jemand ernst. Im Prinzip wird hier bisher etwas ganz anderes erkennbar. Wie komplex vom Menschen kreierte materielle Prozesse auch sind, so etwas wie eine emergente Entstehung von Geist, Selbstreflexivität, Bewusstsein bleibt aus. Behält also Kant Recht, der hier eine epistemologische Barriere sah, die nie zu überwinden sein wird? Was immer die Hirnforschung auch an neurophysiologischen Prozessen verstehbar macht, es ist immer auch ohne Geist und Bewusstsein denkbar. Sowohl der monistische als auch der dualistische Standpunkt bleibt mit den Hard Facts kompatibel; gleichermaßen plausibel wie unbewiesen.

Auch des Autors Darstellung der Evolutionstheorie ist eher schlicht. Außer Mutation, die er zuweilen schwungvoll als „Umgruppierung des genetischen Materials“ beschreibt und Selektion, erfährt man bei ihm kaum etwas über Evolutionsfaktoren. Von inhärenten genetischen Mechanismen, die unabhängig von den zumeist ohnehin eher schädlichen Zufalls-Mutationen organismische Anpassungsprozesse auslösen können, von Gendrift und Genshift ist bei ihm nichts zu finden – obwohl gerade solche Details doch seine – freilich nicht falsche These – von der philosophischen und anthropologischen Bedeutung der Naturwissenschaften – bestens illustrieren und untermauern könnten. Potenziell selektionspositive Mutationen würden emergent (!) neue, sinnvolle Eigenschaften erzeugen. (Den Begriff Emergenz verwendet er geradezu inflationär – selbst für thermostatreguliert beheizte Raumluft.) An kommende Generation weitergegeben würden Erbgutveränderungen, wenn (!) sie positive Wirkung zeigen, schreibt er an einer Stelle.

Bei seinen Erörterungen bezieht sich Lehnert sinniger Weise auf Konrad Lorenz, der sich als Rassenkundler den Nazis angedient hatte, die „Ausmerzung ethisch Minderwertiger“ als Notwendigkeit betrachtete, weil sie wie "Zellen einer bösartigen Geschwulst" "den Volkskörper durchdringen würden". Vom "Ausmerzen" redet er 1973 nicht mehr, aber immer noch von kriminellen Jugendlichen als Ergebnis genetischer Verfallsprozesse, die "asozialen Zellen" und "Parasiten" gleichen und die Gesellschaft in "schwerste Gefahr" versetzen. In einem Interview auf seine NS-Vergangenheit angesprochen, bedauert er, sich der „Sprache des Naziregimes“ bedient zu haben, betont aber ansonsten die Kontinuität seiner Grundüberzeugungen.

Für Prof. Lehnert ist die Evolutionstheorie v.a. eins - das schwerste wissenschaftliche Geschütz gegen den Theismus überhaupt. Es erübrigt sich sicher, hier näher zu erörtern, dass weder Kirchen noch die meisten Wissenschaftler hier Inkompatibilitäten sehen. Niemandem, der einigermaßen up to date ist, erzählt man damit etwas Neues. Dennoch an dieser Stelle ein Zitat des renommierten atheistischen Philosophen Norbert Hoerster, der als ehem. Mitglied der GBS-Führungsriege auch nur zu gut die Innenperspektive des extrem-atheistischen Milieus kennt:

"Wieso widerlegt die Darwinsche Evolutionstheorie, ihre Richtigkeit vorausgesetzt, den Gottesglauben? Was diese Theorie widerlegt, ist doch lediglich der biblische Schöpfungsbericht - sofern wörtlich verstanden. Ich sehe nicht, wieso ausgerechnet die Evolutionstheorie den Gottesglauben widerlegen, ja ersetzen kann. Gibt es etwa eine Letzterklärung für die Existenz des Universums? Worauf gehen die Evolutionsgesetze denn ihrerseits zurück? Könnten sie ihrerseits nicht an ein intelligentes Ordnungsprinzip der Welt gebunden oder gar das Ergebnis eines bewussten Schöpfungsaktes sein? Wieso ist die Welt denn so programmiert, dass das Leben ausgerechnet den Evolutionsgesetzen folgt? Ist es nicht sehr vordergründig, überhaupt von einer Einzelwissenschaft eine Letzterklärung allen Lebens zu erwarten?“ (FAZ 26.11.2011, Nr. 276, S. 36)

Am ehesten gelungen und durchaus interessant zu lesen sind die Ausführungen unter der Überschrift „Raum und Zeit – Unbegreiflich in Dimension und Wesen“ sowie zur Quantentheorie. Allerdings - so wie Lehnert bei der Behandlung der ET genau die Aspekte ausblendet, die sein reduktionistisches Weltbild in Frage stellen könnten (Stichwort Evolutionsfaktoren)
so "übersieht" er auch die Erschütterung, die die Zeitenwende in der Physik am Beginn des 20. Jh. für den Materialismus bedeutete. Nicht umsonst waren die Väter der Quantenmechanik – wie auch der Begründer der Relativitätstheorie – samt und sonders zumind. philosoph. Idealisten, die eine geistige Grundstruktur des Universums als dem materiellen Sein vorgelagert ansahen. Heisenberg nahm eine philosophische Einordnung seiner Theorie der Unschärferelation u.a. wie folgt vor: "die kleinsten Einheiten der Materie sind tatsächlich nicht physikalische Objekte im gewöhnlichen Sinn des Wortes; sie sind Formen Strukturen oder - im Sinne Platos - Ideen, über die man unzweideutig nur in der Sprache der Mathematik sprechen kann." Für Max Planck war „Geist der Urgrund allen Seins“. Einstein bezog sich immer wieder auf den Pantheismus Spinozas.

Fast alle Protagonisten - selbst dann, wenn sie eher dem Atheismus zuzuordnen waren - setzten sich in einer Art und Weise mit philosophischen und theologischen Fragen auseinander, die völlig frei war von der geistigen Enge, die für Lehnerts Buch so kennzeichnend ist. Planck vertrat zumindest über weite Strecken seines Lebens einen christlich-theistischen Standpunkt. Religion, wo sie den Menschen in einen authentischen Gottesbezug führt, befreit das Denken und erweitert den Horizont um eine neue Dimension. Sie kann zu einer Lebenserfüllung führen, wie sie nirgends sonst zu finden ist. Der Mensch werde "durch das feste Bündnis mit Gott" "des reinsten Glücks" und "des inneren Seelenfriedens" teilhaftig, schreibt Planck in "Naturwissenschaft und Religion". Erwin Schrödinger beklagt in "Meine Weltansicht", dass die Menschheit zwar in Wissenschaft und Technik ungeahnte Fortschritte mache, insbesondere durch den zunehmenden Mangel an Spiritualität aber in den "Egoismus der Urzeit" zurückfalle.Der Niedergang des Christentums gehe mit einem Niedergang von Ethik, Moral und Kunst einher. Vergleichbar sei das mit dem Abstieg der Kultur des Altertums, an den sich ebenfalls eine Epoche des technischen Fortschritts anschloss, die von den Lehren des Aristoteles geprägt war. - Bohr, einem praktizierenden Christentum im Laufe seines Lebens offensichtlich in wachsendem Maße entfremdet, schreibt nichts desto trotz in "Physiks and Beyond": "The fact that religions through the ages have spoken in images, parables and paradoxes means simply that there are no other ways of grasping the reality to which they refer. But that does not mean that it is not a genuine reality."

Ein Kapitel für sich ist Uwe Lehnerts Umgang mit Andersdenkenden. Zwar begibt er sich nicht auf das in ähnlich gelagerten Publikationen übliche Niveau aber auch er spricht ihnen grundsätzlich ausreichende Fähigkeiten zum eigenständigen Denken ab. In stramm-atheistischen Gedankenwelten kann es eben nur einen Grund dafür geben, dass ansonsten intelligente Menschen religiös sind – die „frühkindliche Indoktrination“. U.a. trifft Lehnerts ad hominem-Bannstrahl im Buch den populären Physiker Harald Lesch, der als evangelischer Christ allerdings ganz sicher mehr für die Verbreitung naturwissenschaftlichen Wissens getan hat, als die gesamte deutsche Neu-Atheisten Szene zusammengenommen.

Nun muss man nicht unbedingt die neusten Pew Research Studien zum Thema kennen, die da besagen, dass es in einer zunehmend enttraditionalisierten Welt längst eine beständige Fluktuation zwischen weltanschaulichen Lagern gibt. Ein Blick in die eigenen gottlosen Reihen könnte reichen, um zu sehen, dass religiös indoktrinierte im Erwachsenenalter besonders oft ins Gegenteil kippen. Man könnte natürlich auch über die Frage nachdenken, wie Religionen überhaupt in die Welt kamen. Christen im Umfeld des Rezensenten hatten/haben überwiegend einen atheistischen oder zumind. eher areligiösen Hintergrund. Oft ging ihrer Entscheidung für das Christentum ein langer und gründlicher Prozess der Auseinandersetzung voraus. Weltweit wächst gerade das Christentum längst in erster Linie durch Bekehrungen, nicht durch Geburtenraten und zwar auch in Regionen, die weltanschaulich, religiös bzw. kulturell ganz anders geprägt sind. Gerade dort, wo es noch traditionell im Kindesalter vermittelt wird, bricht es hingegen weg. Und wie ist es in diesem Zusammenhang eigentlich einzuordnen, wenn der Autor schreibt, dass ihn der „Gegenstand dieses Buches“, die Frage „Wie halte ich es mit der christlichen Religion?“, „zeitlebens bewegt und beschäftigt hat“? Eine solch tiefgreifende und lang andauernde geistige Auseinandersetzung führt ein Mensch – zumal seines intellektuellen Kalibers - doch wohl nicht mit einer Sache, deren Unsinnigkeit so ohne Weiteres auf der Hand liegt.

Man könnte lange fortfahren, es würde jedoch den Rahmen einer Rezension sprengen. Zu weiten Teilen rennt der Autor auch ganz einfach gegen selbst kreierte Probleme an. Willensfreiheit, wie er sie definiert, kennt die Bibel nicht. Der Unfreie Wille ist ja gerade zentrales Merkmal des gefallenen Menschen und gerade hier setzt die Erlösungstheologie des NT an (Vgl. Römer 7). Das von Lehnert so vehement kritisierte Konzept ist – soweit es in dieser Form überhaupt von irgendjemandem vertreten wird – viel eher ein Produkt humanistischen Denkens. Sehr schön nachvollziehbar ist das an Hand der Auseinandersetzung zu diesem Thema zwischen Erasmus („De libero arbitrio“) und Luther („De servo arbitrio“).

Wenn das Gros engagierter Christen die Bibel so interpretieren würden wie der Autor oder seine Vorstellungen über den Gott der Bibel teilen würde, gäbe es i.d.T. ein Problem. Doch ist Lehnerts mit viel Mühe stets ins Negative verdrehende Bibelexegese eben bedeutungslos; seine atheistische Fangemeinde orientiert sich nicht an der Bibel und Christen nicht an atheistischen Interpretationen. In Fachkreisen löst er damit ohnehin nur Kopfschütteln aus. - Wohl kaum ein Christ wird sich überhaupt in dem wiederfinden, was aus Lehnerts Sicht Christsein ist. Die Christentums-Karikatur, die er ablehnt, lehnt man als Christ noch viel mehr ab. Warum nur, so fragt man sich, setzt sich der Autor nicht mit den tatsächlichen Standpunkten seiner weltanschaulichen Kontrahenten auseinander?

In seinen kulturhistorischen Ausführungen ist nicht alles falsch, aber insgesamt ist die Darstellung so vereinseitigt, verdreht und oft auch überholt, dass der Erkenntniswert gegen Null tendiert. Lehnert bezieht sich fast durchweg auf Außenseiter mit Extrempositionen: den "Historiker" Bergmeier, einem außerhalb der neo-atheistischen Szene kaum wahrgenommenen, ehem. Bundeswehroffizier; die im Konflikt mit ihren Kirchen befindlichen Theologen Ranke-Heinemann und Lüdemann, den in vielem längst widerlegten K. Deschner und dessen schärfsten Kritiker J. Kahl, den er aus alten Werken seiner „wilden Jahre“ zitiert. Ohne an dieser Stelle ins Detail zu gehen, sei auf das die jüngere Forschung in diesem Bereich bestens zusammenfassende Werk des Kirchenhistorikers Arnold Angenendt „Toleranz und Gewalt“ verwiesen. Das Buch brachte selbst einen der prominentesten deutschen Kritiker des Christentums, Herbert Schnädelbach, bezüglich seiner Einschätzung der historischen Bedeutung des Christentums zum Umdenken. Den Autor ließ er wissen: "Ihre kulturgeschichtlichen Argumente haben mich überzeugt."

Bei Lehnerts Ausführungen zur Nazi-Zeit kommt ein ebenso dumpfer Geschichtsrevisionismus zum tragen, wie man ihn z.T. in der neuheidnischen rechten Szene findet. Er suggeriert praktisch, dass die Vernichtung der Juden der Gipfelpunkt einer Entwicklung gewesen sei, die mit dem jüdischen Monotheismus ihren Anfang nahm. Sozioökonomische Zusammenhänge, zeitgeistige Entwicklungen (Sozialdarwinismus, Eugenik, Rassentheorien), grundlegende historische Hintergründe – die Einbettung des Holocaust in ein Vernichtungsprogramm, dass ebenso auch andere als „minderwertig“ eingestufte Rassen, Behinderte und andere Menschengruppen umfasste - finden keine Erörterung. Immerhin ringt er sich dazu durch, den Widerstand der Bekennenden Kirche zu würdigen. Von hier aus hätte er eigentlich weiter denken und recherchieren können: Wenn die Bibel Judenhass motiviert, wie er meint – warum kam der Widerstand dann gerade aus bibeltreuen Kreisen, nicht aus liberalen? Warum setzten sich die Pietisten zu einer Zeit für die Judengleichberechtigung ein, als Aufklärer wie Kant, Herder, Voltaire und Lichtenberg sich in antisemitischen Tiraden ergingen? Warum fanden ausgerechnet im evangelikal geprägten Amerika Juden Heimat und Solidarität wie kaum irgendwo sonst, während sie im vergleichsweise liberalen Deutschen Reich (1937- 39 gab es weit mehr Kirchenaustritte als 2012-14) einem schrecklichen Schicksal entgegen sahen? Warum musste das Land der Dichter und Denker von Soldaten aus dem Bible Belt befreit werden?

Warum erkämpfte der Bischof von Galen ungeachtet aller Risiken den Abbruch der Aktion T4, während der Begründer des evolutionären Humanismus, J. Huxley "the virtual elimination of the few lowest and most degenerate types" anriet? - Auch das Thema Rassismus und Sklaverei spricht Lehnert an. Warum erkämpften ausgerechnet Evangelikale um W. Wilberforce im britischen Parlament die Abschaffung des Sklavenhandels, während „aufgeklärte“ Geister wie Jefferson und Washington selbst Sklaven hielten? - Bruno, Hume, Voltaire, Haeckel, Gobineau, von dessen Lehren Hitler stark beeinflusst war - sie alle waren Verfechter des Polygenismus, einer von der Kirche vehement abgelehnten Lehre, die davon ausging, dass es innerhalb der Menschheit verschiedene Abstammungslinien gäbe – und entsprechend schlimme Rassisten.
Die Auseinandersetzung mit den Entgleisungen der Kirchengeschichte und kritischen Entwicklungen in der Gegenwart kann und darf man Christen nicht ersparen. Jede Weltanschauung muss sich selbstkritisch mit eigenen, spezifischen Gefährdungen auseinandersetzen. Das gilt aber nun auch für einen Vulgär-Naturalismus, der u.a. zum Nährboden der rassenhygienischen Konzepte der Nazis wurde. Es gilt für den säkularen Humanismus, der insbesondere in seiner stalinistischen oder maoistischen Variante in wenigen Jahrzehnte alles von den Kirchen in zwei Jahrtausenden verursachte Leid in den Schatten stellte. Die für säkulare Weltbilder so charakteristische Verbindung aus Utilitarismus und irdischen Paradiesvorstellungen prägt noch heute Staaten wie China, Burma oder Vietnam – mit entsprechenden Konsequenzen für die gegenwärtige Menschenrechtssituation und die zukünftige Weltpolitik. Im weltweiten Terror-Ranking rangiert der säkular-humanistische nach dem islamistischen noch immer auf Platz 2 (FARC, ELN, Leuchtender Pfad, New People's Army, Naxaliten, PKK).

Auch der von Lehnert gegen Ende des Buches geradezu zur Heilslehre stilisierte „Neue Humanismus“ ist nicht so harmlos, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Die Risiken, die damit einher gehen, dass man wie er sozialdarwinistische Denkansätze neu aufleben lässt, scheinen ihm in keiner Weise bewusst zu sein. Ein Blick auf den GBS-prämierten Philosophen Peter Singer, zu dem zuletzt selbst „Deutschlands Chef-Atheist“ Schmidt-Salomon auf Distanz ging, sollte hier eigentlich geeignet sein, Nachdenklichkeit, wenn nicht gar ein heilsames Erschrecken auslösen. Natürlich ist Lehnert weit von rassistischem oder eugenischem Gedankengut entfernt. Vielmehr erschließt sich für ihn aus der Soziobiologie das Ideal der Fairness. Dieser Gedanke ist natürlich abwegig, weil die Natur bestenfalls so etwas wie kooperative Ingroupstrukturen kennt. Dennoch läuft seine Interpretation zumindest für ihn auf eine kommunikativ ausgehandelte Ethik hinaus. Die haben wir allerdings im öffentlichen Raum in einer Demokratie ohnehin.

Interessenausgleich allein ermöglicht – selbst wo dieser gelingt – bestenfalls ein friedliches Nebeneinander, aber längst noch kein gelungenes, vitales Miteinander. Genau diese Problematik tut sich in den westlichen Gesellschaften in wachsendem Maße auf, und wird auch von atheistischen Philosophen längst ausgiebig thematisiert. Jürgen Habermas etwa warnt vor der „Verwandlung der Bürger wohlhabender und friedlicher liberaler Gesellschaften in vereinzelte, selbstinteressiert handelnde Monaden, die ihre subjektiven Rechte nur noch wie Waffen gegeneinander richten“. Offensichtlich häufen sich die Probleme mit zunehmender Säkularisierung gleich auf verschiedenen Ebenen (Vereinzelung und Entsolidarisierung, Erosion des Sozialkapitals, Konsumismus, Verflachung des Bildungsniveaus, nachlassender Leistungswille, moralischer Verfall in der Wirtschaft, Erziehungsnotstand, rapides Zunehmen psychischer Erkrankungen, massive demografische Schieflagen). Gleich mehrere prominente säkulare Intellektuelle befassen sich mit solchen Entwicklungen in ihren jüngsten Publikationen (John Gray "Raubtier Mensch", Peter Sloterdijk "Die schrecklichen Kinder der Neuzeit", George Packer, "Die Abwicklung", Niall Ferguson "Der Niedergang des Westens", Richard Sennett "Together", Michael Sandel "Gerechtigkeit"). - In der simplizistischen Weltsicht des Prof. Lehnert finden solche Diskurse hingegen keinen Raum. Für ihn hat alles Übel dieser Welt eben irgendwie mit Religion zu tun.
Kommentar Kommentare (71) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 1, 2016 9:38 PM CET


Im Namen der Menschlichkeit: Rettet die Flüchtlinge!
Im Namen der Menschlichkeit: Rettet die Flüchtlinge!
von Heribert Prantl
  Taschenbuch
Preis: EUR 3,99

7 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Shame on You … EU!, 4. Juni 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Heribert Prantls zuweilen etwas theatralische Auftritte mögen nicht jedermanns Sache sein. Dennoch ist sein Aufruf zur Menschlichkeit in der Flüchtlingsfrage sehr zu begrüßen. Hier ein paar Fakten zum Thema, die leider auch in seinem Büchlein nicht zu finden sind:

Die Operation Mare Nostrum wurde 2013 von Italien im Alleingang initiiert. Es hatte ein Budget von 9-10 Mio. Euro pro Monat, wobei die EU einmalig "pralle" 1,8 Mio. zuschoss. Zum Einsatz kamen - bis zu 15 Seemeilen vor Libyscher Küste - zwei U-Boote, 5 Hochseeschiffe, 2 Helikopter, 2 Flugzeuge, 3 Drohnen, das EUROSUR System, 920 Italo-Marines. Der EU gefiel das Programm nicht, man befürchtete Pull-Effects und - jetzt noch einmal bestätigt - wurde Mare Nostrum im November 2014 von der Frontex-Operation Triton abgelöst. Von der EU wurde ein Budget von 3 Mio. Euro pro Monat bereit gestellt. Zum Einsatz kamen von nun an - bis zu 30 Seemeilen vor der italienischen Küste - 3 Hochseeschiffe, 4 Patrouillenboote, 1 Helikopter, 2 Flugzeuge, das EUROSUR System, 65 Mitarbeiter aus EU-Ländern plus italienischer Grenzschutz. Bei Mare Nostrum ging es darum, Menschen von den maroden Schiffen zu retten, auf die sie zumeist wie Vieh eingepfercht sind und gleichzeitig gegen die Schleuser vorzugehen. Bei Triton geht es einfach darum, abzuwehren und den Zutritt zu versperren.

Schiffbrüchige sollen natürlich auch im Rahmen der EU-Operation gerettet werden. Doch ist es dann, wie wir jüngst sahen, für viele längst zu spät. Von November 2014 bis April 2015 wurden etwa 19.000 Flüchtlinge von Handelsschiffen geborgen, von Frontex hingegen nur etwa 1700. Deshalb hat die EU auf ihrem "Flüchtlingsgipfel sich jetzt zumindest zu der Großtat durchgerungen, den Aktionsradius von Frontex wieder auf bis zu 138 Seemeilen vor italienischer Küste auszuweiten.

So manches ist zu diesem Thema zu lesen, was zunächst recht vernünftig klingt. Die Menschen sollten schon Anlaufstellen in ihren Herkunftsländern oder der nordafrikanischen Küste nutzen, um ihre Asylfähigkeit prüfen zu lassen und auf legalem Wege einzureisen – wohl gemerkt quotiert, sodass sie in den Aufnahmeländern auf eine für sie vorbereitete Situation (Arbeit, Wohnung, Schule, Sprachkurse etc.) stoßen. Dies schreibt in etwa Dirk Schümer in einem WELT-Artikel als Entgegnung auf Prantls Buch. Doch schaut man sich die Herkunftsländer der Flüchtlinge an, sieht man, dass dieser Vorschlag in vielen Fällen völlig unpraktikabel ist.

2014 kamen rund 170.000 Menschen über das Mittelmeer, davon 42.000 aus Syrien, wo die Bewohner zwischen Assad, Al Nusra, Hisbollah und IS zerrieben werden; ein Krieg in dem bisher 220.000 Menschen starben. Aus Eritrea, wo Menschen unter dem Terror des Despoten Isaias Afwerki seufzen, kamen 34.000 Flüchtlinge, aus dem "Failed State" Somalia 5.800. Aus Mali, wo ebenfalls islamistische Extremisten toben, kamen knapp 10.000 Menschen; aus Nigeria aus ähnlichen Gründen etwa 9.000; aus dem bettelarmen Gambia 8700; aus Palästina etwa 6000. In Bezug auf die drei letztgenannten Regionen mag man geteilter Meinung sein. Bei den erstgenannten dürfte jedoch klar sein, dass ein geregeltes Prozedere völlig undenkbar ist. Die nordafrikanischen Transit-Länder haben Mühe, die Nachwehen der Arabellion und die Hinterlassenschaften der gestürzten Diktatoren zu regulieren. In Libyen herrscht Chaos und gerade deshalb wurde das Land zum Tor der Schleuser. Keine Behörden behindern sie hier.

Sind unter den Flüchtlingen aber denn nicht wirklich so einige, die ganz und gar keine Asylkandidaten sind? Importieren wird nicht sogar auch Hardcore-Muslime, die christlichen Flüchtlingen selbst in hiesigen Unterkünften noch das Leben schwer machen? Ja leider, doch das alles rechtfertigt nicht, auch all denen die wirklich in größter Not sind, den Zugang zu verwehren. Zynisch bei genauerem Hinsehen auch das oft vorgebrachte Argument, dass wer den Schleuser bezahlen kann, doch wohl nicht zu den ganz so Elenden zählen könne. Menschen in Kriegsgebieten veräußern oft Hab, Gut, Haus und Hof, um die Überfahrt zu finanzieren.

Das Asylrecht - von Heribert Prantl gar nicht näher erörtert - hat sehr eng gefasste Bedingungen. Menschen müssen aufgrund ihrer politischen Einstellung, Religion, Rasse o.ä. ernsthaft und außergewöhnlich bedroht sein - und zwar staatlicher- oder - siehe IS -quasi-staatlicherseits. Es gibt immer wieder spektakuläre Abschiebungsfälle. Asyl für eine chinesische Familie mit 3 Kindern, die aufgrund von Pekings 1-Kind-Politik mit schweren Repressalien zu rechnen hat – Fehlanzeige! Ein Iraner, der vom Islam zum Christentum konvertierte – kein Asyl, denn wenn er sich im Mullah-Land ruhig verhält und mit seiner Bekehrung nicht zu offen umgeht, droht ihm auch kein Gefängnis und keine Hinrichtung. Ägyptische Kopten, deren Kirchen von Islamisten niedergebrannt werden und bei jeder Zusammenkunft um ihr Leben bangen müssen - keine staatliche Verfolgung und somit kein Asylgrund! - Eine "Überfremdung" durch Asylsuchende muss also niemand fürchten. So Flüchtlinge überhaupt einen Aufenthaltstitel erhalten, ist dieser zumeist nur temporär.

Hier werden also oft Probleme in die Debatte projiziert, die eigentlich mit Zuwanderung bzw. Einbürgerung zu tun haben, nicht jedoch mit dem Thema Asyl. Bei den Flüchtlingen geht es um Menschen in akuter Not. Ihnen die Hilfe zu verweigern und auf legale Einreise zu bestehen, ist schlicht zutiefst inhuman.

Prantls Vorschlag, die ankommenden Menschen in das Land gehen zu lassen, für das sie sich selbst entscheiden, ist im Prinzip so unsinnig nicht. Es würde Griechenland und Italien enorm entlasten. Deutschland muss sich hier sicher auch nicht übermäßig fürchten. Menschen mit französischen Sprachkenntnissen, werden sicher eher Frankreich ansteuern; solche mit englischen Britannien. Mit der Idee, Afrikaner mit den Erfahrungen ihrer „uralten Subsistenz-Landwirtschaft“ das Ackerland Meckpoms bestellen zu lassen, liefert der Autor seinen Kritikern allerdings nur eine satirische Steilvorlage. Mehr als Bäuche halten und Köpfe schütteln, bleibt da i.d.T. nicht. Natürlich wird zu Recht ganz neu angemahnt, sich endlich des Themas Entwicklungshilfe auf eine ihm gebührende, wirklich qualifizierte Art und Weise anzunehmen. Dazu gehört aber eben gerade auch, dass Menschen in Afrika Unterstützung bei der Einführung moderner, Ertrag steigernder Agrarmethoden geboten wird. Prantl selbst prangert im Buch die Agrar-Subventionen der EU an. Den auf ostdeutschen Feldern am Scharpflug schwitzenden Afrikanern will er sie dann aber doch zukommen lassen.

Dass man im Endeffekt Mittel spart, wenn man mehr in eine schnelle, effektive Antragsbearbeitung investiert, und so zudem auch die Spreu vom Weizen trennt, leuchtet hingegen ein. Unterm Strich hat Prantl Recht – die Türkei, die Hunderttausenden Syrern und Irakern Aufnahme gewährt; der Iran, bei dem - wenn auch durchaus mit großen Spannungen verbunden – bisher etwa drei Millionen Afghanen Zuflucht fanden; der selbst krisengebeutelte Libanon, der unter großen Opfern Flüchtlinge in der Größenordnung eines Viertels der eigenen Bevölkerung beherbergt – sie alle beschämen das satte, sich so gern mit seinen humanitären Idealen brüstende Europa.
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Der Afrika-Boom: Die große Überraschung des 21. Jahrhunderts
Der Afrika-Boom: Die große Überraschung des 21. Jahrhunderts
Preis: EUR 16,99

3 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Rethinking Africa, 28. Mai 2015
Noch immer assoziieren die meisten Menschen mit Afrika vor allem Problematisches – Afrika, der „verlorene Kontinent“, in dem milliardenhohe Entwicklungshilfetransfers versickern wie in einem Fass ohne Boden; Hunger, Kriege, Seuchen, Überbevölkerung, Flüchtlingselend, Umweltkatastrophen; wirtschaftliche Unterentwicklung, korrupte Politiker, fehlende Bildung, hohe Kriminalitätsraten; neuerdings zu allem Unglück auch noch der sich ausweitende radikal-islamische Terror.

Für Frank und Andreas Sieren ist gerade diese sehr einseitige Sicht mittlerweile selbst zu einem großen Entwicklungshindernis geworden. Sie hält Regierungen ab, ihren einstigen Zusagen in Bezug auf die Höhe finanzieller Unterstützungen (OECD-Länder 0,7% des BNE) nachzukommen, obwohl diese – intelligent und konditioniert platziert – durchaus effektiv ist. Sie bewirkt die von Hilfsorganisationen immer wieder beklagte „Afrika-Müdigkeit“ der ansonsten durchaus nach wie vor gebefreudigen deutschen Spender. Sie hält Anleger ab, in Afrika zu investieren; Unternehmen, in Afrika zu produzieren oder Handelsbeziehungen aufzubauen. Sie sorgt dafür, dass in der internationalen Politik Afrika als Partner bzw. Gegenüber nicht für voll genommen wird. Insgesamt kreiert das einseitig negative Bild ein Stereotyp, dem sich Afrikaner in der globalisierten, medial vernetzten Welt überall ausgesetzt sehen.

Das Bild, das Afrikaner von ihrem Kontinent haben ist ein ganz anderes. Mit Stolz sehen sie, wie sich Dinge entwickeln. Sie spüren, wie der Wohlstand in ihren Gesellschaften langsam aber doch stetig zunimmt. Sie nutzen neue Möglichkeiten und ergreifen Initiative. Sie blicken überwiegend zuversichtlich in die Zukunft. Sehr zu Recht, meinen die Autoren und begründen das, indem sie in ihrem Buch – ohne die durchaus gravierenden Missstände, Probleme und Herausforderungen, die nach wie vor bestehen, zu ignorieren – ein beeindruckendes Panorama des Fortschritts, dem man mittlerweile vielerorts in Afrika begegnet, zeichnen. Im Folgenden dazu einige Fakten.

In den letzten Jahren ist die Schlüsselrolle der Landwirtschaft für die Entwicklung von Staaten ganz neu in den Focus gerückt. Von großer Bedeutung ist dabei die Förderung der kleinen Farmer, denn oft genug steht hinter Hungersnöten nicht der Mangel an Nahrungsmitteln, sondern Verteilungsprobleme. Eine stabile und nachhaltige regionale Selbstversorgung aufzubauen, ist deshalb die Devise. Durch qualifizierte Methoden gibt es eine kontinuierliche Ertragssteigerung. Wo Überproduktion erzielt wird, können zusätzliche Maschinen angeschafft und die Produktion weiter gesteigert werden. Kinder können in die Schule geschickt werden; ihr Bildungszuwachs wird sich in der nächsten Generation auswirken. Ein positiver Kreislauf kommt in Gang. Gesamtwirtschaftlich werden die Voraussetzungen für den Ausbau der Infrastruktur, von Handwerk und Produktion geschaffen.

Mehr als zwei Drittel der in Afrika lebenden Menschen verdienen ihren Lebensunterhalt direkt oder indirekt mit der Landwirtschaft. Laut Weltbank wirkt sich Wachstum im Agrarbereich im Hinblick auf den Abbau von Armut zweieinhalb mal so stark aus wie Wachstum in anderen Sektoren. Neuere Studien in 20 schwarzafrikanischen Ländern ergaben sogar den Faktor 11. Regierungen, die mindestens ein Zehntel ihres Budgets in den Ausbau der Agrarwirtschaft investieren, sind demzufolge auf dem sicheren Weg zum Wachstum. In wie weit die in Asien recht erfolgreiche Green Revolution auch ein Modell für Afrika sein sollte, darüber scheiden sich bisher noch die Geister.

Hunger bzw. Mangelernährung ist das größte Gesundheitsrisiko weltweit. Es sterben jährlich noch immer mehr Menschen an Hunger als an AIDS, Malaria und Tuberkulose zusammen. In Afrika gab es bezüglich der Ernährungssituation durchaus ermutigende Fortschritte. Die Herausforderungen bleiben jedoch groß, zumal das immer noch starke Bevölkerungswachstum – wie in allen anderen Bereichen - die Erfolge oft einholt. Die Zahl der an Unterernährung leidenden Menschen lag in Gesamt-Afrika 1990 bei 181,7 Mio. (27,6%), 2015 bei 232,5 Mio. (20%). In Nordafrika liegt der Anteil seit Jahren konstant bei etwa 5%, in Subsahara-Afrika waren es 1990 175,7 Mio. Menschen (33,2%), 2015 220 Mio. (23,2%). (Zum Vgl.: weltweit 1990 1.010,6 Mio. - 18,6%, 2015 794,6 Mio. - 10,9%) Besonders kritisch ist die Situation gegenwärtig in Zentralafrika - 58,9 Mio. (41,3%), aber auch in Ostafrika - 124,2 Mio. (31,5%). In Südafrika entspricht die Situation in etwa der im Norden. Die deutlichsten Fortschritte gab es in Westafrika - 1990 44,6 Mio. (24,2%), 2015 33,7 Mio. (9,6%).

Die Bildungssysteme afrikanischer Länder verbessern sich. Nie gingen so viele Kinder in der Schule – gegenüber 2005 21 Mio. mehr. Es gibt noch viel zu tun, aber rund zwei Drittel der über 15jährigen sind in Schwarzafrika alphabetisiert, in Nordafrika knapp drei Viertel. Im Dachverband afrikanischer Universitäten (Association of African Universities) sind mehr als 200 Hochschulen organisiert. Allerdings genießen afrikanische Unis (ausgenommen Südafrika) nach wie vor keinen sehr guten Ruf – die Lehrkräfte sind oft unterqualifiziert, der Anteil der Schüler, die ein Studium beginnen ist relativ klein, die Zahl der Studienabbrecher hoch.

Die Gesundheitsversorgung hat sich verbessert. Malariaerkrankungen wurden in letzter Dekade – u.a. durch einfache Maßnahmen wie die Verteilung von Netzen - um 33% gesenkt; die Zahl der HIV-Infektionen reduzierte sich in vielen afrikanischen Ländern seit 2005 um 50%. 9 Mio. Menschen in Sub-Sahara-Afrika erhalten lebensrettende Aids-Medikamente. Ebola hat 11.000 Menschen das Leben gekostet. Die Seuche habe, so die Autoren, die betroffenen Länder Sierra Leone, Guinea und Liberia zwar vorübergehend geschwächt, aber nicht aus der Bahn geworfen. Die Säuglingssterblichkeit sank in Schwarzafrika seid 2005 um knapp ein Fünftel auf 38 pro 1000. Auch bei älteren Kindern sank die Sterblichkeit infolge breitflächiger Impfungen signifikant. Sinkende Kindersterblichkeit ist – so stellten Experten überall auf der Welt fest – kontraintuitiv ein bedeutender Faktor zur Senkung des Bevölkerungswachstums. Je weniger Eltern befürchten müssen, dass ihr Nachwuchs nicht überlebt, desto weniger Nachkommen zeugen sie. Eine gute Gesundheitsversorgung ist ebenfalls einer jener Faktoren, deren zentrale Bedeutung erst in den letzten Jahren gebührend wahrgenommen wird. Krankheiten beeinträchtigen nicht nur unmittelbar das persönliche Wohlergehen. Grasiren weniger Krankheiten, sind Menschen lern- und leistungsfähiger. Untersuchungen zeigen einen engen Zusammenhang zwischen effizienter Gesundheitsversorgung und gesellschaftlicher sowie wirtschaftlicher Dynamik.

Den meisten unbekannt - Afrika liegt im Trockenheitsranking der Kontinente nicht an der Spitze, sondern auf Platz 2 - nach Australien. Dies macht bereits deutlich - es gibt auch für trockene Regionen sehr wohl Möglichkeiten eine effizienten Wasserversorgung. Es geht auch hier - ebenso wie beim eng verlinkten Thema Sanitäranlagen - voran, wenn auch noch sehr viel langsamer, als es zu wünschen wäre. Seid 1990 verbesserte sich die Situation nur für 5% der Afrikaner nachhaltig. Für rund zwei Drittel der Bevölkerung ist der Zugang zu sauberem Wasser und Sanitäranlagen nach wie vor problematisch. Immer noch sterben stündlich 115 Menschen aufgrund von Krankheiten, die mit schlechter Hygiene und verunreinigtem Wasser zu tun haben.

Zuverlässige Institutionen sind für die Entwicklung einer Gesellschaft unverzichtbar. Nachdem Afrika in Sachen „Good Governance“ jahrzehntelang als hoffnungsloser Fall galt, agieren Regierungen nun tendenziell zuverlässiger und nehmen vermehrt westliche Hilfe zum Aufbau effizienter Verwaltungsstrukturen und Rechtssysteme an. Ein regelrechter Image-Wettbewerb zwischen verschiedenen Staaten sei diesbezüglich inzwischen entbrannt, so die Autoren. Das von der AU installierte Programm „African Peer Review Mechanism“ zur gegenseitigen Evaluation des Regierungshandelns scheint Wirkung zu zeigen; ganz sicher aber auch, dass westliche Regierungen Hilfszahlungen vermehrt an Vorleistungen der entsprechenden Regierungen knüpfen. Sicher, man sollte auch hier keine Augenwischerei betreiben. Korruption und Vetternwirschaft stellen nach wie vor ein nicht zu unterschätzendes Entwicklungshindernis dar. Seit 8 Jahren wird in Afrika der prestigeträchtige, mit 5 Mio. USD dotierte Mo-Ibrahim-Preis für gute Regierungsführung verliehen. Nur dreimal fanden sich allerdings Kandidaten, die in ihrer Amtszeit auch nur die Mindeststandards für den Preis erfüllten. Zuletzt wurde der namibische Staatschef Hifikepunye Pohamba geehrt.

Der Aufbau stabiler Staatlichkeit mit Gewaltmonopol wirkt sich auch hinsichtlich der Befriedung des Kontinents aus. Nach wie vor gibt es bewaffnete Konflikte im Ostkongo, Mali, Mosambik, Nigeria (Boko Haram), Somalia, Sudan und der Zentralafrikanische Republik. Wahr ist aber auch, dass es signifikante Fortschritte gibt: Afrika war in den letzten 200 Jahren nie so friedlich wie heute.

Derzeit leben etwa 1,1 Milliarden Menschen in Afrika, bis 2050 können es 2 Milliarden sein. Der Kontinent ist jung – die Hälfte der Afrikaner sind 18 Jahre alt oder darunter. Die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch. Solche Youthbulge-Phänomene bergen bergen ein nicht zu unterschätzendes Krisenpotenzial. Prinzipiell gibt es aber keinen Grund zur Panik. Jugend und Bevölkerungswachstum birgt auch Chancen – Dynamik, Optimismus, Innovation. Wie überall auf der Welt sinkt zudem auch in Afrika die Geburtenrate kontinuierlich. Frauen bekommen dort heute im Schnitt 4,7 Kindern, zwei weniger als noch 1970. Die sinkende Fertilität wird zunächst natürlich durch die steigende Lebenserwartung kompensiert. Irgendwann wird sich die demografische Situation Afrikas jedoch der Europas annähern. Gut ernähren könnte der Kontinent seine Bewohner auch in den kommenden Jahrzehnten allemal - nur rund ein Fünftel der zum Teil sehr fruchtbaren, landwirtschaftlich nutzbaren Fläche wird bisher bearbeitet.

Afrikas Wirtschaft wächst kräftig, mit im Schnitt 5% jährlich. 300 Millionen Afrikaner gehören mittlerweile der Mittelklasse an, jährlich kommen 5 Millionen dazu. In fünf Jahren wird die Kaufkraft der afrikanischen Mittelschicht laut McKinsey bereits 1400 Mrd. USD betragen. Damit wird Afrika auch als Markt für westliche Unternehmen zunehmend attraktiv.

Der Mark für Mobiltelefone verzeichnet in Afrika Wachstumsrate von 40% jährlich. Im Jahr 2014 nutzten 37% der Bevölkerung ein Handy - 328 Mio. Menschen. Damit verbunden ist auch der zunehmende Gebrauch von Mobile Banking (z.B. Vodafone-Angebot M-Pesa), das auch Menschen die zu arm sind, um ein Bankkonto zu eröffnen oder die abseits in ländlichen Regionen leben, adäquate Möglichkeiten des Bankverkehrs (Sparen, Transfer, bargeldloses Zahlen, Kredite etc.) eröffnet. Damit werden auf Transfer- und Bankgebühren, Transportkosten zu größeren Städten etc. gespart. 2016 wird das Transaktionsvolumen etwa 160 Mrd. USD betragen.

Für die Entwicklung Afrikas gewann, so die Sieren-Brüder, in den letzten Jahren die „Süd-Zusammenarbeit“ deutlich an Bedeutung gegenüber der „Nord-Süd-Hilfe“. Die BRICS-Staaten beschlossen 2014 sogar, eine Konkurrenz zur Weltbank aufzubauen. Diese wird dann 43% der Weltbevölkerung vertreten, 3 Mrd. Menschen. Schätzungen zufolge werden die BRICS-Länder 2050 G8, die dann noch 14% der Weltbevölkerung vertritt, an Wirtschaftskraft überholt haben. Besonders China engagiert sich in Afrika und zwang damit die USA und EU, sich ganz neu mit dem Kontinent zu befassen. Peking hat das Hauptquartier der Afrikanischen Union in Addis Abeba gestiftet (200 Mio. USD), eröffnete Konfuzius Institute in vielen Hauptstädten. CCTV sendet aus Nairobi in den Kontinent. Die Industrial and Commercial Bank of China hält 20% der Standard Bank of South Africa - mit 4,3 Mrd. größte Einzelinvestition in Afrika.

Der Weltbank zufolge hat etwa jeder zweite Afrikaner noch immer keinen Zugang zu Strom. 40% der geernteten Nahrungsmittel würden verrotten, weil es an Straßen fehlt, die auch in der Regenzeit passierbar sind, an Lagerungsmöglichkeiten usw. Der jährliche Investitionsbedarf im Bereich Infrastruktur wird von der Weltbank auf 93 Milliarden USD beziffert. Eine Reihe von Mega Vorhaben ist in diesen Bereichen geplant oder bereits am Laufen.

Zwischen Mombasa – Kigali entsteht eine Eisenbahnstrecke über eine Länge von fast 3000 km - Kosten 13,5 Mrd. USD. - Eine 1400 km langen Railway-Strecke wird quer durch das Ölboomland Angola gebaut. - Für 1,2 Mrd. USD soll zwischen der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba und dem Hafen Doraleh in Dschibuti eine 650 km lange Eisenbahnstrecke gelegt werden. - Durch die Kalahari Wüste wird ebenfalls bald eine Trasse führen - die Mmamabula-Walvis-Bay-Trans-Kalahari-Railway verbindet dann auf 1500 km Strecke Namibia mit Botswana.

In Lagos der Hauptstadt Nigerias ist das erste U-Bahn-Netz Subsahara-Afrika (Südafrika ausgenommen) im Bau - Kosten etwa 1,2 Mrd. USD. Für 8 Mrd. USD entsteht zwischen Lagos und Abidjan, über Ghana, Togo und Benin, eine Autobahn. - Chinesische Firmen bauen in Bagamoyo, Tansania für mehr als 10 Mrd. USD den größten Hafen Afrikas - pro Jahr sollen 20 Mio. Container verladen werden.

Im Kongo ist der Megastaudamm „Grand Inga Dam“, der einst mehr als 40.000 Megawatt an Strom produzieren und so 500 Millionen Afrikaner mit Strom versorgen soll, in Planung. Die Kapazität würde die Leistung des bisher größten Wasserkraftwerks der Welt, des Drei-Schluchten-Staudamms in China, noch einmal verdoppeln. Geschätztes Investitionsvolumen: 80 Milliarden US-Dollar! Ein Damm-Projekt, dass sich vergleichsweise bescheiden ausnimmt, ist in Äthiopien bereits im Bau. Der Grand Renaissance Dam wird voraussichtlich 4,7 Milliarden US-Dollar kosten und den Blauen Nil aufstauen. Äthiopien gehört mit im Schnitt gut 10% Wachstum pro Jahr im letzten Jahrfünft zu den afrikanischen Wirtschaftswunderländern.

Auch wenn das Solarprojekt Desertec in Nordafrika aus Sicherheitsgründen gescheitert ist – in Schwarzafrika sind beachtliche Projekte im Bereich erneuerbare Energien in Planung – so bspw. das „Jasper Project“ in Südafrika, das nach Fertigstellung 96 Megawatt Strom produzieren soll oder das „Lake Turkana Wind Power Project“ in Kenia, Afrikas größter Windpark mit einer Kapazität von 300 Megawatt.

In Kenia, das als ökonomisches Schwergewicht Ostafrikas gilt, soll 64 Kilometer südlich von Nairobi bei einem Investitionsvolumen von rund 9 Mrd. USD ein afrikanisches Silicon Valley - „Konza Techno City“- entstehen. Dieses Zentrum des Informations-, Kommunikations- und Technologiesektor soll einst ein Geschäftsviertel, Wohnquartiere, Stadtparks sowie eine Universität umfassen und 100.000 neue Arbeitsplätze schaffen.

Die Landfläche Afrikas übersteigt die von den USA, China, Indien, Japan und Europa zusammen.
Afrika ist ein Kontinent reich an Bodenschätzen. Umfangreiche Kupfervorkommen bspw. finden sich in der DR Kongo und in Sambia; Diamanten- und Gold insbes. in Südafrika, Botswana, Angola, Liberia, Sierra Leone; Öl in Nigeria und Angola. Rund ein Zehntel des Bedarfs an Erdöl deckt die Weltwirtschaft mittlerweile durch Afrika. In Guinea befindet sich die größte Eisenerzmine mit einer angepeilter Produktion von 450 Tonnen. Die multinationale Bergbaufirma Rio Tinto investiert hier 20 Mrd. Afrika könnte wahrlich reich sein. Wie sich immer wieder zeigt, erweist sich Rohstoffreichtum jedoch keineswegs automatisch als Segen. Da das Geld mühelos fließt, wird leicht der Aufbau einer substanziellen wirtschaftlichen Basis vernachlässigt. Beim Volk kommt jedoch oft nur wenig von den Erträgen aus den Bodenschätzen an. Interne und externe Kräfte streiten – nicht selten mit Waffengewalt - um Abbaurechte. Unbeholfene, schwache Regierungen werden von internationalen Konzernen immer wieder gnadenlos über den Tisch gezogen. Der Kongo etwa verlor durch Verschleuderung von Ressourcen Schätzungen zufolge allein zwischen 2010 und 2012 1,36 Mrd. USD. Durch Steuerhinterziehung gehen Entwicklungsländern Unsummen verloren; insges. jährl. 120-160 Mrd. USD. Gerade Bergbaugesellschaften spielen hier offenbar eine sehr unrühmliche Rolle – die 10 weltgrößten haben rund 6000 Niederlassungen, viele davon in Steueroasen. Sie stehen weit weniger als Konsumgüterproduzenten im öffentlichen Rampenlicht und müssen nicht um die Gunst der Käufer bangen.

Die Rede von Afrika darf - wie oben bereits gezeigt - eines nie vergessen lassen: Die Unterschiede auf dem Kontinent sind oft gravierend – von Land zu Land, innerhalb von Ländern zwischen Regionen aber auch von Land zu Stadt. Aber auch in vielen Städten Afrikas ist die Kluft zwischen arm und reich so groß, wie kaum irgendwo sonst auf der Welt. World Class Hotels und Nobel Restaurants, Mega Malls und Wolkenkratzer, Pools und Cinemas hier - bittere Armut, fehlende Sanitäranlagen, in engen Räumen eingepferchte Familien dort. Hier fließt Champagner in Strömen - wenige Straßen weiter sterben Menschen durch verunreinigtes Trinkwasser. Nirgends, so die Autoren, werde das so krass sichtbar wie in Luanda, der Hauptstadt Angolas. Ein Zwei-Zimmer-Appartment im Stadtzentrum würde im Schnitt 6700 USD kosten, ein Mittagessen im Restaurant 28 USD, ein halber Liter Vanilleeis 30 USD. Gleichzeitig leben in den riesigen Slums der Stadt rund 3 Mio. Menschen mit weniger als 2 USD am Tag. Angola ist nach Nigeria das Ölreichste Land Afrikas mit einer Fördermenge von ca. 2 Mio. Barrel pro Tag. Doch davon profitieren nur sehr wenige. Laut World Wealth Report der Beratungsfirma Capgemini gab es in Afrika 2013 vier Prozent mehr Millionäre als im Jahr zuvor. Sie vereinten ein Vermögen von 1,3 Bio. USD. Laut Forbes gibt es auch bereits 55 Milliardäre - angeführt vom Nigerianer Aliko Dangote (21,6 Mrd.).

Fehlendes soziales Gewissen, Korruption, Misswirtschaft, ineffiziente Steuersysteme – das alles spielt also eine große Rolle dabei, dass dieser an sich reiche Kontinent mit seinen vitalen, lebensfrohen Menschen sich nicht noch viel dynamischer entwickelt als bisher. Die Herausforderungen auf allen Ebenen sind nach wie vor immens. Doch die gute Botschaft ist: Es bewegt sich etwas, die Stagnation gehört der Vergangenheit an, der Einsatz lohnt sich!

„Von nun an“, so die Sieren Brüder, „ist Afrika ein wichtiger Spieler der wirtschaflichen Globalisierung. Bestenfalls wird es sogar einer ihrer Motoren. In jedem Fall ist Afrika selbstverständlich gleichberechtigt auf globaler Ebene. Die internationale Politik kommt an Afrika damit nicht mehr vorbei. Afrika hat nun das Gewicht, das ihm, längst zusteht, als nach Asien zweitgrößter Kontinent der Welt“


Zum Weltfrieden: Ein politischer Entwurf
Zum Weltfrieden: Ein politischer Entwurf
von Michael Wolffsohn
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,90

4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen World without borders, 18. Mai 2015
Michael Wolffsohn vollzieht in seinem neuen Buch einen radikalen Paradigmenwechsel. Er vertritt die Ansicht, dass viele Konflikte sich auflösen würden, wenn den unterschiedlichen Völkern bzw. Volksgruppen nur weitestgehende Autonomie gewährt würde. Ethnien würden sich durch eine gemeinsame Geschichte, kulturelle Prägung und Sprache konstituieren. Daraus ergibt sich ein gewisses Zugehörigkeits- und Gemeinschaftsgefühl. Geografie und Demografie sind allerdings selten deckungsgleich. Deshalb sind die gegenwärtigen Nationalstaaten mit ihren starren Grenzen und zentralen Regierungen Kunstprodukte, die dem natürlichen Drang der Völker bzw. ethnischen Gruppierungen nach Selbstbestimmung nicht gerecht werden.

Beispiele für Konflikte, die sich durch das Nationalstaatskonzept ergeben, gibt es, wohin man auch schaut. Auf dem Balkan mündete das mit dem Vertrag von Trianon 1920 gestartete Experiment des Vielvölkerstaates Jugoslawien in blutige kriegerische Auseinandersetzungen. Die Ukraine leidet unter den Nachwehen der Trennung von der Sowjetunion 1991. Der ukrainisch bevölkerte Westen steht dem auch von viele Russen besiedelte Ostteil des Landes gegenüber. Nicht weniger Konfliktpotenzial birgt der Kaukasus. Zuletzt wurde dies in Georgien bzw. Ossetien sichtbar. In Middle East ist die mehr oder weniger willkürliche Grenzziehung im Anschluss an das Sykes-Picot-Abkommen 1916 für den dortigen Dauerkonflikt mitverantwortlich. Neben dem Krisenherd Israel/Palästina sind besonders Spannungen zwischen Schiiten und Sunniten ein Thema. Mit dem Islamic State ist ein Großteil der letzteren nun dem schiitischen Regime in Bagdad und dem alewitischen in Damaskus entzogen. In Teheran träumt man nach wie vor von einem persischen Großreich, dass u.a. die schiitischen Bevölkerungsteile des Irak und Saudiarabiens einschließen würde.

In Afrika wurden die Länder auf Basis der Aufteilung auf der von Bismarck gemakelten „Kongokonferenz“ (1884/85) kreiert. In Ruanda hat das Hunderttausenden das Leben gekostet, in Südnigeria, von der Öffentlichkeit Anfang der 1970er Jahre noch weniger wahrgenommen, gingen manchen Schätzungen zufolge die Opferzahlen noch weit darüber hinaus. In Westafrika können wichtige Pipelineprojekte, die zusätzlich Milliarden in die Region brächten, nicht umgesetzt werden, weil aufgrund ethnischer und religiöser Spannungen Sabotage und Terror drohen. Man könnte mit der Aufzählung lange fortfahren. Wie korrespondiert es mit natürlichem Rechtsempfinden, dass den Kurden, einem unter vier Ländern aufgeteiltem Volk keine Vereinigung und Autonomie gewährt wird und wie viele Opfer hat dieser Konflikt bereits gefordert? Wie sehr würde es es den Kampf gegen die Taliban erleichtern, wenn das zwischen Afghanistan und Pakistan aufgeteilte Pashtunistan, in dem diese Rückzug und Deckung finden, mit den Extremisten nicht die Hoffnung auf Selbstbestimmung verbinden würde?

Viele dieser Konflikte schwelen seit sehr langer Zeit und entflammen immer wieder aufs Neue. Trotzdem tut sich die Weltgemeinschaft schwer, entsprechende Lehren zu ziehen. Gerade in den letzten Jahren versuchte man sich immer wieder an Nation Building Projekten im alten Stil. Doch die Bilanz ist mager bis verheerend. Nicht anders ist das Ergebnis, wenn die Nationalstaats-Denkschablone bei der Lösung von Konflikten - wie etwa derzeit in der Ukraine – zur Anwendung kommt. Es sei sinnlos, so der Autor, „falsches Denken immer weiter zu betonieren. Was nicht richtig gedacht wird, kann nicht richtig gemacht werden. Im 19. Jahrhundert mag das Konzept des Nationalstaats für eher einheitliche Gesellschaften richtig gewesen sein. Die Übertragung auf ethnisch, religiös, sprachlich oder kulturell extrem vielschichtige Gesellschaften ist falsch gedacht, sie funktioniert nicht. Dieses falsche Denken im völkerrechtlich gesetzten Rahmen unantastbarer, souveräner, dauerhafter Nationalstaaten, die faktisch Kunstgebilde sind, die auseinanderbrechen und auseinanderbrechen werden, muss man überwinden. Das ist die Aufgabe von Wissenschaft, Medien und Politik. Wenn dieses edel gewollte, doch unter den beschriebenen Rahmenbedingungen falsch gedachte Völkerrecht unser Denken und Handeln weiter bestimmt, sind Kriege und Konflikte dauerhaft programmiert."

Wie aber könnte das Autonomieprinzip konkret umgesetzt werden? „Das Schlüsselwort“, so Wolffsohn, „heißt Föderalisierung. Hier muss man zwischen zwei Grundformen unterscheiden: der territorialen und der personalen Selbstbestimmung der jeweiligen Gemeinschaften. Wo gemeinschaftliche Strukturen innerhalb eines Staates territorial zuzuordnen sind, bietet sich die Gründung eines Bundeslandes x, y oder z innerhalb einer Bundesrepublik A an. Es versteht sich von selbst, dass in dem Bundesland Minderheitenschutz garantiert werden muss. - Auch koordinierende Strukturen zwischen Bundesländern verschiedener Staaten bzw. Bundesrepubliken wären in Form einer Föderation der Bundesländer denkbar, die jedoch keinen Staat darstellt. Das wäre eine Variante zu den bekannten Staatenbünden bzw. Konföderationen.“

In vielen Fällen sind Ethnien längst territorial so verwoben, dass man die Grenzen nicht einfach neu ziehen könnte. Es ginge aber in erster Linie um „Kommunikationsgemeinschaften“. Das klassische Beispiel bildet Israel/Palästina. Eine halbe Mio. jüdischer Siedler gewaltsam aus dem Westjordanland zu entfernen, käme, so Wolffsohn, einer ethnischen Säuberung gleich und wäre somit moralisch und politisch völlig inakzeptabel. Höchstwahrscheinlich käme es zu einem Bürgerkrieg. Sinnvoller wäre es, sie einfach über ihre Staatszugehörigkeit entscheiden zu lassen. Würden sie Bürger Israels bleiben wollen, müssten sie bezüglich Bau- und Grundstücksfragen bei den Palästinenser-Behörden vorstellig werden. Das von Palästinensern bewohnte Jordanien, ohnehin ein sehr wackeliger Staat, könnte in die Umstrukturierung zum förderalen Bundesstaat oder Staatenbund einbezogen werden.

„Wo Selbstbestimmung der Gemeinschaften territorial nicht möglich ist, wäre sie unabhängig vom Wohngebiet der jeweiligen Gruppe deren Mitgliedern personal zu gewähren. Mischformen sind dabei ebenso denkbar wie noch mehr Kennzeichen von und für die Quasistaatlichkeit eines Bundeslandes. Ich denke jenseits von Polizeikräften zum Schutz im Innern etwa an Teil-Streitkräfte zum Schutz nach außen; mit oder ohne internationale Garantien. Diese müssen freilich mehr wert sein als das Papier, auf das sie gedruckt würden.“

Wer sich mit dem kürzlich erschienenen neuen Buch von Politik-Altmeister Henry Kissinger („Weltordnung“) befasst hat, wird unwillkürlich Vergleiche ziehen. Kissinger bewegt sich noch völlig in den alten Strukturen. Er sieht in der Welt neue Machtzentren heranwachsen, die die Supermacht USA zunehmend infrage stellen. Wenngleich der USA in absehbarer Zeit noch eine moderierende Funktion zukäme, die auch militärische Interventionen als Ultima Ratio nicht ausschließt, gelte es doch, sich endgültig vom Unilateralismus zu verabschieden und im Rahmen eines ausgewogenen internationalen Regelwerks ein Kräftegleichgewicht zu schaffen, bei dem man sich auf gleicher Augenhöhe begegnet und wechselseitig elementare Interessen berücksichtigt. Der Versuch Russland im Ukraine-Konflikt in die Knie zu zwingen, sei bspw. kontraproduktiv. Man müsse vielmehr dessen Sicherheitserwägungen an der Peripherie respektieren und nicht mit einer noch weitergehender NATO-Osterweiterung unnötig provozieren.

Wolffsohns Konzept geht im Prinzip in die gleiche Richtung – eine Weltordnung die von wechselseitigem Respekt statt von Lagerdenken und Hegemoniebestrebungen geprägt ist – aber natürlich gegenüber Kissinger um Meilen weiter. Unrealistisch ist es nicht, es lässt aber viele Fragen offen. Für radikalislamische Bewegungen etwa spielt das Thema Grenzen oft nur bedingt eine Rolle. Die Hardliner in Hamas und Hisbollah werden kein jüdisches Machtzentrum in Palästina akzeptieren und weiter Terroranschläge verüben. Der IS läuft bisher zwar i.d.T. „nur“ auf eine Vereinigung der Sunniten im Irak und Syrien hinaus. Ob die Extremisten die Absicht haben, sich damit zufrieden zugeben, erscheint jedoch fraglich. Auch in Nord- und Westafrika scheint der Autor die Sprengkraft religiöser Motive zu unterschätzen. Die These, dass in Nigeria Frieden einziehen würde, wenn man dem christlichen Süden die seit Langem angestrebte Autonomie gewährt, überzeugt nicht wirklich. - In einem Land wie dem Kongo wiederum spielen ethnische oder religiöse Motive eine zumindest untergeordnete Rolle. Hier geht es primär um die Oberhoheit über Coltan-, Gold- und Diamantminen, die – im Unterschied zur Erdölförderung - kurzfristig und mit Riesenprofiten ausgebeutet werden können. Wäre hier nicht eher der entgegengesetzte Weg – eine starke, zentrale Staatsmacht, die unterstützt von internationalen Beobachtern und Sicherheitskräften eine humane und dem Land zugute kommende Rohstoffindustrie aufbaut bzw. sichert – sinnvoll?

Allerdings betont Wolffsohn auch, dass er nicht den Anspruch hat, mit seinem Ansatz das Paradies auf Erden zu schaffen. Sein Buch ist trotz aller Fragen und Zweifel, die sich auftun, hochinteressant zu lesen - schon allein deshalb, weil es mit viel Sachkenntnis die Krisenherde dieser Welt samt historischem Hintergrund, aktueller wirtschaftlicher und politischer Vernetzung Revue passieren lässt. Vielleicht wäre letztendlich das Gebot der Stunde, dass man sich von umfassenden, globalen Konzepten ganz verabschiedet und jeweils passgenaue Lösungen für unterschiedliche Konfliktkonstellationen sucht. Wolffsohns Vision könnte dabei als Leitstern dienen, dem man folgt, solange die Umstände es hergeben. Das Buch ist allemal geeignet, alte Denkmuster aufzubrechen und neue Perspektiven zu eröffnen. Von daher kann man ihm nur breite Beachtung wünschen.


Selbststeuerung: Die Wiederentdeckung des freien Willens
Selbststeuerung: Die Wiederentdeckung des freien Willens
von Joachim Bauer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

10 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen De libero arbitrio, 18. Mai 2015
Joachim Bauer, renommierter, an vielen internationalen Spitzenforschungsprojekten beteiligter Mediziner, Neurobiologe und ordentlicher Professor der Uni Freiburg, schreibt seit Jahren immer wieder viel beachtete und kontrovers diskutierte Bücher. Für besonders viel Wirbel sorgte „Das kooperative Gen: Abschied vom Darwinismus“. Besonders Atheisten fürchteten um das, was sie als DEN Counter Punch gegen religiöse, insbesondere theistische Weltbilder ansehen: die Darwinsche Evolutionstheorie. Dass zudem ihr Säulenheiliger Richard Dawkins verspottet wurde, konnten Sie Bauer nicht verzeihen. Vor lauter Aufregung entging dabei vielen, dass Bauers Hinweis auf inhärente genetische Mechanismen, die unabhängig von den zumeist ohnehin eher schädlichen Zufalls-Mutationen organismische Anpassungsprozesse auslösen können, die Evolutionsphilosophie vom aller Entwicklung zugrunde liegenden gnadenlosen Konkurrenzkampf infrage stellen wollte, nicht etwa die wissenschaftlich fundierte Evolutionsforschung. Sein neues Buch zielt in eine ähnliche Richtung. Auch hier entlarvt er die Art und Weise, in der solide Forschungsergebnisse für eine vulgär-naturalistische Schmalspur-Anthropologie missbraucht werden.

Ein noch bis vor einiger Zeit oft zitierter neurowissenschaftlicher Versuch zeigte, dass die Entscheidung für die Ausführung einer Handlung im Nachhinein von Versuchspersonen rationalisierend erklärt bzw. begründet wurde, obwohl sie auf die Stimulierung bestimmter Hirnareale zurückzuführen war. Dies wertete man als Indiz oder gar Beweis für den rein konstruktivistischen Charakter unseres Denkens sowie dafür, dass es keinen freien Willen geben könne.

Der Hirnforscher Wolf Singer äußerte sich seinerzeit wie folgt dazu: "Die Annahme [...], wir seien voll verantwortlich für das, was wir tun, weil wir es ja auch hätten anders machen können, ist aus neurobiologischer Perspektive nicht haltbar. Neuronale Prozesse sind deterministisch. Gibt man der nichtsprachlichen Hirnhälfte einen Befehl, führt die Person diesen aus, ohne sich der Verursachung bewusst zu werden. Fragt man dann nach dem Grund für die Aktion, erhält man eine vernünftige Begründung, die aber mit der eigentlichen Ursache nichts zu tun hat. Wir handeln und identifizieren die vermeintlichen Gründe jeweils nachträglich." (DIE ZEIT 50/2000)

Man muss nicht lange darüber nachdenken, bis einem klar ist, dass Generalisierungen dieser Art Unsinn sind. Wenn alle Entscheidungen völlig unabhängig vom Bewusstsein fallen würden, könnte man sämtliche Entscheidungsfindungsprozesse in Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Alltag einstellen. Allerdings zeigt die Erfahrung, welch problematische Auswirkungen schon kleine Nachlässigkeiten in diesen Bereichen haben: eine ärztliche Fehldiagnose, ein fahrlässiges Agieren im Betriebsmanagement, eine aus Befangenheit resultierende parteiliche richterliche Entscheidung etc. Fahrlässig muss man es deshalb nennen, wenn aus solch voreilige Interpretationen einzelner Tests sofort weitreichende Konsequenzen für die Gesellschaft abgeleitet werden (Pädagogik, Strafrecht).

Verteidiger des „Unfreien Willens“ bauen oft mit sehr extremen Deutungen des Begriffs „Willensfreiheit“ einen Popanz auf, den sie dann mit allen Mitteln zu bekämpfen versuchen. Doch, so Joachim Bauer im NZZ-Interview, „einen freien Willen zu besitzen, bedeutet nicht, dass wir aus der Realität aussteigen können. Unser Leben spielt sich innerhalb eines Korridors ab, der durch innere und äußere Gegebenheiten, vor allem aber durch biologische und soziale Bedingungen begrenzt ist. Innerhalb dieses Korridors können gesunde Menschen in einer gegebenen Situation jedoch innehalten und antizipieren, was die Folgen der jetzt zur Wahl stehenden Handlungsmöglichkeiten sind, und dann entsprechend Entscheidungen treffen. Um innehalten, um reflektieren, antizipieren und wählen zu können, braucht der Mensch ein funktionsfähiges Stirnhirn, also einen gut trainierten präfrontalen Cortex.“

Auf einer deskriptiven, objektivierenden Ebene mag ein Willensbildungsprozess - je nach Weltbild – determiniert erscheinen oder auch nicht. Einvernehmen sollte jedoch darin bestehen, dass wir gar nicht anders können, als uns dabei als willensfrei im Sinne der Fähigkeit, zwischen verschiedenenen Handlungsoptionen abwägen und wählen zu können, zu erleben. Wer die monistische Perspektive einnimmt, muss also eine andere Lösung für die Problematik der Selbststeuerung/Verantwortung finden - sei es über unterschiedliche Sprachmodi oder ontologische Kategorien. Unlogisch wird es wenn man zwar das Konzept der Subjektivität aufrecht erhalten möchte, Willensfreiheit aber ablehnt. Auch das „Ich“ ist schließlich aus Sicht reduktionistischer Hirnforscher nur eine Illusion - ein neurofunktionales Zuschreibungsbündel.

Eine Selbstdefinition des Menschen nach dem Motto "Ich bin mein Gehirn" hat schwerwiegende Folgen. Viele der uns plagenden sog. Zivilisationskrankheiten, so Bauer, hätten ihre Ursache in einem ungesunden Lebensstil - falsche Ernährung, zuwenig körperliche Aktivität. Aber auch das Fehlen von Strategien der Stressbewältigung ist eine Folge. Wo die Selbststeuerungskompetenz zu sehr eingeschränkt ist, wird es auch im Umgang mit anderen Menschen schwierig - am Arbeitsplatz, in der Partnerschaft bei der Kindererziehung. Insgesamt hat ein gutes Lebensgefühl weit mehr mit dem Vermögen zu tun, sich selbst den eigenen Wertvorstellungen entsprechend im Griff haben und treu bleiben zu können, als mit materieller Bedürfnisbefriedigung.

„Mit Selbststeuerung lässt sich im Leben vieles, ohne sie nichts erreichen. Ihre wahre Bedeutung liegt jedoch nicht in der Ansteuerung hehrer oder spektakulärer Ziele. Ihr tiefer Sinn liegt darin, unser ganz eigenes, wahres Leben zu leben und zu uns selbst, zu unserer ureigenen Identität zu finden. Wer — wie es ein Kleinkind tut — nur seinen spontanen Impulsen nachgibt oder unvermittelt und ohne Sinn und Verstand nach allem greift, sich alles einverleibt oder alles haben muss, was ihm, hingehalten wird, hat kein Selbst. Die Weisheit unserer Sprache verrät es: Wir können uns selbst verlieren. Wir können uns nicht nur an unsere Impulse und Affekte verlieren, sondern auch an Dinge, Waren und an die auf uns einwirkenden Reize. Ein Selbst, auch das kann man am sich entwickelnden Kleinkind beobachten, entsteht erst dann, wenn wir etwas Abstand zu unseren Emotionen, zu den Objekten und den Reizen der uns umgebenden Welt gewinnen, wenn wir innehalten und darüber nachdenken können, was wir wirklich wollen. Zum Selbst gehört also, einen Plan zu haben und auf dieser Grundlage etwas besonders Beglückendes zu tun, nämlich für sich eine eigene, ganz individuelle Zukunft zu entwerfen“, so der Autor.

Auch für die Prophylaxe und Behandlung psychischer Probleme spielt die Haltung zum Thema Willensfreiheit eine zentrale Rolle. Das gilt sogar für den Bereich psychotischer Erkrankungen. Ein prominentes Bsp. bildet der an einer Schizophrenie erkrankte Mathematiker und Nobelpreisträger John Nash, dessen Krankheitsbewältigung gerade damit begann, dass er erkannte, dass er viel mehr als sein Gehirn ist und so eine innere Distanz zu seinen Wahnvorstellungen entwickeln konnte. I.d.T. ist dies ein ganz wesentlicher Punkt in jeder guten Therapie - das Vermögen der Selbstdistanzierung gegenüber extremen emotionalen Zuständen, bedrängenden Gedanken, destruktiven Triebwünschen. Die Entwicklung von Autonomie und Selbststeuerungskompetenz hängt wesentlich davon ab. Am schönsten hat es vielleicht Viktor Frankl, der Vater der Logotherapie auf den Punkt gebracht, wenn er von der Trotzmacht des Geistes redet". Wenngleich alles Psychische bzw. Geistige zweifellos sein neurophysiologisches Korrelat hat - der Mensch ist keine Marionette seiner Dispositionen, Prägungen oder der Biochemie seines Gehirns - zumindest solange er nicht vermeintlichen "Neuro-Experten" auf den Leim gegangen ist und fest daran glaubt.
Kommentar Kommentare (22) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 15, 2015 10:44 PM MEST


Why Civil Resistance Works (Columbia Studies in Terrorism and Irregular Warfare)
Why Civil Resistance Works (Columbia Studies in Terrorism and Irregular Warfare)
von Chenoweth
  Taschenbuch
Preis: EUR 19,95

4.0 von 5 Sternen Proving Gandhi Right, 18. Mai 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Erica Chenoweth (University of Denver) untersucht in ihrem in US stark beachteten Buch gemeinsam mit Maria J. Stephan vom US Department of State die Frage, ob bewaffnete oder gewaltlose Proteste, Erhebungen, Aufstände, Revolutionen erfolgreicher sind. Deutlich inspiriert sind die Autorinnen dabei von der Arbeit Gene Sharps, dessen Buch "From Dictatorship to Democracy" in den letzten gut zwei Jahrzehnten in vielen Teilen der Welt Aufstandsbewegungen als Inspirationsquelle diente. Dem akademischen Diskurs, der das Thema in jüngerer Zeit vermehrt aufgegriffen hatte, galt das Prinzip Gewaltfreiheit dennoch eher als Ideal, dem man in der Praxis nur selten gerecht werden könne. Selbst dort, wo gewaltfreie Bewegungen scheinbar obsiegten, hätte die Furcht vor Gewaltausbrüchen oder externer militärischer Unterstützung eine zentrale Rolle gespielt, so die vorherrschende Meinung:

„Indeed, debates about the strategic logic of different methods of tradtional and nontradtional warfare have recently become popular among security studies scholars (Abrahms 2006; Arreguin-Toft 2005; Byman and Waxman 1999, 2000, Dashti-Gibson, Davis, and Radcliff 1997, Drury 1998; Horowitz and Reiter 2001; Lyall and Wilson 2009; Merom 2003; Pape 1996, 1997, 2005; Stoker 2007). Implicit in many of these assessments, however, is an assumption that the most forceful, effective means of waging political struggle entails the threat or use of violence. For instance, a prevailing view among political scientists is that opposition movements select terrorism and violent insurgency strategies because such means are more effective than nonviolent strategies at achieving policy goals (Abrahms 2006; Pape 2005). Often violence is viewed as a last resort, or a necessary evil in light of desperate circumstances. Other scholarship focuses on the effectiveness of military power, without comparing it with alternative forms of power (Brooks 2003; Brooks and Stanley 2007, Desch 2008; Johnson and Tierney 2006)“

Chenoweth und Stephan wollten es nun genau wissen und gingen entsprechend akribisch vor. Jeder Aspekt der Thematik wurde schließlich mit umfangreichem Datenmaterial unterlegt. Das ergibt eine eher trockene, sehr akademische Lektüre; vielleicht ein Grund dafür, dass das Buch nicht ins Deutsche übersetzt wurde. Die Materie selbst, so wie die Ergebnisse der Untersuchung sind jedoch höchst spannend und bedeutsam.

Gewaltfreie Bewegungen – so fanden die Politikwissenschaftlerinen heraus - waren zwischen 1900 und 2006 doppelt so häufig erfolgreich wie gewalttätige (323 Fälle wurden insges. untersucht). Bei angestrebtem Regime Change erreichten Nonviolent Campaigns zu 59% ihr Ziel. In 24% der Fälle führten sie zumind. zu Teilerfolgen, zu 17% scheiterten sie. Bei gewaltsamen Aufständen ist das Verhältnis 27%, 12%, 61%. Widerstand gegen Besatzung war bei Nonviolent Campaigns zu 35% erfolgreich, führte in 41% der Fälle zu Teilerfolgen und scheiterte in 24% der Fälle. Bei gewaltsamen Aufständen ist das Verhältnis 36%, 10%, 54%. War das Ziel eine Abspaltung (Volksgruppe von bestehendem Staat) waren die Erhebungen von vornherein signifikant häufiger gewalttätig (etwa Faktor 10). In nur vier der untersuchten Fälle fand ein gewaltfreier Versuch statt; sie alle scheiterten. Gewalt führte hier immerhin in 10% der Fälle zum Erfolg, bei 22% zu Teilerfolgen, 68% der gewalttätigen Sezessionsversuche scheiterten.

Wie ist der Erfolg der Gewaltlosigkeit zu erklären? Zum Einen, so die Autorinnen, könne gewaltfreier Widerstand sehr viel mehr Menschen mobilisiert. Er sei aber auch geeigneter, internationale Unterstützung zu generieren. Außerdem schrecken Regime davor zurück, gegen friedliche Bewegungen militärisch vorzugehen. Die Nachhaltigkeit der Resultate ist schließlich weitaus größer, der Aufbau politisch stabiler, demokratischer Strukturen gelingt sehr viel besser. Gewaltfreie Kampagnen gehen i.d.R. mit vermehrter zivilgesellschaftlicher Organisation, mit breiter politischer Sensibilisierung und Bewusstseinsbildung in der Bevölkerung einher. Das ist ein Kapital, von dem man längerfristig profitieren kann. Ist Gewalt im Spiel münden Aufstände allzu oft in Bürgerkriege.

Bürgerkriege dauern im Schnitt zehnmal so lange wie zwischenstaatliche Konflikte. Die Auswirkungen sind oft auch nach Beendigung des Krieges noch lange Zeit zu spüren: Flüchtlingsströme, Epidemien, Zerstörung, tiefe Spaltungen zwischen den verfeindeten Bevölkerungsgruppen bzw. Kriegsparteien, durch Kriegsgräuel traumatisierte Menschen, marodierende Gruppierungen, die sich Broterwerb nicht anders als den mit der Waffe vorstellen können, körperliche Verstümmelungen, getötete Familienmitglieder. In jedem zweiten Bürgerkriegsland bricht innerhalb von zehn Jahren nach Konfliktende ein neuer Krieg aus.

Ein häufig vorgebrachtes Argument gegen Gewaltlosigkeit ist – wie bereits oben angedeutet - dass sie nur und bestimmten Bedingungen realistisch sei. Die Ostblock-Regime etwa wussten darum, dass sie ökonomisch auf verlorenem Posten standen und mussten zudem mit Gegenreaktionen des Westens rechnen. Nicht anders die verhältnismäßig schwachen, ohnehin wackligen Regime, auf die die „Colour Revolutions“ zielten (Serbien 2000, Georgien 2003, Ukraine 2004, Libanon und Kirgisistan 2005). Doch was ist mit Terror-Diktaturen wie etwa denen unter Stalin und Hitler? Die Autoren lassen den Einwand nicht gelten:

"The claim that nonviolent resistance could never work against genocidal foes like Adolph Hitler and Joseph Stalin is the classic straw man put forward to demonstrate the inherent limitations of this form of struggle. While it is possible that nonviolent resistance could not be used effectively once genocide has broken out in full force (or that it is inherently inferior to armed struggle in such circumstances), this claim is not backed by any strong empirical evidence (Summy 1994). Collective nonviolent struggle was not used with any strategic forethought during World War II, nor was it ever contemplated as an overall strategy for resisting the Nazis. Violent resistance, which some groups attempted for ending Nazi occupation, was also an abject failure.

However, scholars have found that certain forms of collective nonviolent resistance were, in fact, occasionally successful in resisting Hitler's occupation policies. The case of the Danish population's resistance to German occupation is an example of partially effective civil resistance in an extremely difficult environment (Ackerman and DuVall 2000). The famous case of the Rosenstraße protests, when German women of Aryan descent stood for a week outside a detention center on the Rosenstraße in Berlin demanding the release of their Jewish husbands, who were on the verge of being deported to concentration camps, is a further example of limited gains against a genocidal regime brought about by civil resistance. The German women, whose numbers increased as the protests continued and they attracted more attention, were sufficiently disruptive with their sustained nonviolent protests that the Nazi officials eventually released their Jewish husbands (Mazower 2008; Semelin 1993, Stoltzfus 1996).“

Ein weiteres Beispiel wäre hier das NS-Euthanasieprogramm T4. Es wurde aufgrund des wachsenden Widerstandes in der Bevölkerung, Proteste seitens der Kirche, insbesondere einer Predigtreihe des Bischofs August Graf von Galen 1041 zu weiten Teilen eingestellt. Friedrich von Bodelschwingh d. jüngere, Leiter von "Bethel" hatte bereits zuvor erreicht, dass die Umsetzung in seiner Anstalt gestoppt wurde.

„Of course“, so die Autorinnen weiter, „the civil resistance to Nazi occupation occurred in the context of an Allied military campaign against the Axis powers, which was ultimately decisive in defeating Hitler. Regardless, the notion that nonviolent action can be successful only if the adversary does not use violent repression is neither theoretically nor historically substantiated. In fact, we show how, under certain circumstances, regime violence can backfire and lead to the strengthening of the nonviolent challenge group."

Das Buch wurde u.a. von der "American Political Science Association" mit dem "Woodrow Wilson Foundation Award" ausgezeichnet, ebenso mit dem "Grawemeyer Award for Ideas for Improving the World Order" der University of Louisville. Das Politmagazin Foreign Policy nahm Chenoweth 2013 in die Liste der "Top 100 Global Thinkers of the year" auf, da sie den Nachweis erbracht hätte, dass Gandhis Strategie tatsächlich den Strategien der Falken dieser Welt überlegen sei.

Gewaltfreier Widerstand – das sollte man bei allem allerdings nicht vergessen – ist nichts desto trotz - wie Gene Sharp es ausdrückt - „a powerfull weapon“. Diese Waffe in den Händen der falschen kann sehr viel Schaden anrichten. Die Strategie kann auch von Bewegungen genutzt werden, um eine Gesellschaft, die eigentlich auf einem guten Kurs ist, zu lähmen oder gar vernünftige Regierungen zum Rücktritt zwingen. Auch auf den Seiten der ägyptischen Muslim-Bruderschaft bspw. konnte man zu Zeiten der „Arabellion“ Gene Sharps Buch downloaden. Es dürfte außer Zweifel stehen, dass diese Bewegung längerfristig nicht den Aufbau einer demokratischen, individuelle Grundrechte garantierenden Gesellschaft zum Ziel hatte. Vorerst ist die islam.-theokratische Gefahr in Ägypten durch das Eingreifen des Miltärs gebannt – auf eine Art und Weise bei der dem westlichen Beobachter freilich auch wiederum nicht wohl sein konnte.

Generell zeigte der sog. „Arabische Frühling“ leider überdeutlich, wie anfangs gewaltfreie Kampagnen eben trotz allem auch zu Gewalteskalationen schrecklichster Art führen können. Die Staatsmacht reagierte u.a. in Syrien und Libyen mit dem Versuch, den Aufstand brutal niederzuschlagen. Dies und die allgemeine Destabilisierung (in Libyen nach Intervention des Westens) rief wiederum bewaffnete Oppositionsgruppen auf den Plan, deren Absichten denen der Initiatoren der friedlichen Revolution völlig zuwider laufen. Letztendlich ist es in vielen Fällen wohl verheißungsvoller, innerhalb der gegebenen Strukturen auf dem Weg des zivilgesellschaftlichen Engagements auf Veränderungen hinzuarbeiten.


Reformiert euch!: Warum der Islam sich ändern muss
Reformiert euch!: Warum der Islam sich ändern muss
Preis: EUR 8,99

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Reformgeist und Radikalismus im Gegenwarts-Islam, 11. Mai 2015
Ayaan Hirsi Ali findet in ihrem neuen Buch gewohnt deutliche Worte: "Es ist schlicht töricht zu behaupten, wie unsere Politiker und Staatschefs es jedes Mal tun, die Gewaltakte radikaler Islamisten ließen sich von den religiösen Idealen trennen, von denen sie inspiriert sind. Wir müssen vielmehr erkennen, dass hinter diesen Gewaltakten eine politische Ideologie steht, eine Ideologie, die im Islam selbst verwurzelt ist. [...] Lassen Sie es mich ganz einfach formulieren: Der Islam ist keine Religion des Friedens."

Die Autorin lässt die Geschichte des Islam Revue passieren und reflektiert grundlegende Unterschiede zum Christentum. Zwar hätte es auch in letzterem furchtbare kriegerische Exzesse gegeben, jedoch seien diese dem Wesenskern der Religion des NT fremd. Dschihad als kriegerische Expansion des Islam war hingegen über Jahrhunderte ein tragendes Konzept in der islamischen Theologie und Politik.

Diese Einschätzung entspricht im Prinzip akademischem Konsens. Selbst die graue Eminenz der Islamwissenschaften, der trotz allem sehr islamfreundliche Oxford -Prof. Bernard Lewis, schreibt in '"The Middle East: A Brief History of the Last 2000 Years'": '"Even the Christian crusade, often compared with the Muslim jihad, was itself a delayed and limited response to the jihad and in part also an imitation. But unlike the jihad it was concerned primarily with the defense or reconquest of threatened or lost Christian territory ['...] The Muslim jihad, in contrast, was perceived [by Muslims] as unlimited, as a religious obligation that would continue until all the world had either adopted the Muslim faith or submitted to Muslim rule.[,,,']The object of jihad is to bring the whole world under Islamic law.'"

Tilman Nagel, einer der renommiertesten deutschen Islamwissenschaftler (Uni Göttingen) schreibt: "'Jenseits jeglicher Polemik ist festzustellen, dass Koran und Sunna die Anwendung von Gewalt gegen Andersgläubige ausdrücklich befürworten, vor allem wenn sie den Interessen der «besten je für die Menschen gestifteten Gemeinschaft» (Sure 3, 110) dienlich ist. Die muslimische Gesetzesgelehrsamkeit hält an diesem Grundsatz unbeirrbar fest und billigt, um ein Beispiel zu nennen, nach wie vor die Tötung desjenigen, der vom Islam zu einer anderen Religion übergetreten ist. Im Neuen Testament dagegen wird die Gewalt gebrandmarkt, und zwar gerade auch dann, wenn sie von der eigenen Seite ausgeht. Die Gewaltlosigkeit nimmt in der Verkündigung Jesu einen breiten Raum ein; es genüge hier der Hinweis auf die Bergpredigt. Normative Text vergleichbaren Inhalts fehlen im Koran. Das häufig angeführte Tötungsverbot in Sure 5, Vers 32 meint nur die Angehörigen der eigenen ' muslimischen ' Solidargemeinschaft; ihnen darf allein im Rahmen eines Blutracheverfahrens das Leben genommen werden" (NZZ, 23.3.2005)

Erst als die islamische Welt vor etwa 150 Jahren gegenüber dem Westen endgültig in die Defensive geraten war und der allgemeine Druck moderner zivilisatorischer Erwartungen immer größer wurde, begann sich ein eher defensives Dschihad-Verständnis durchzusetzen. Doch entstanden bald auch neue Bewegungen, die auf andere Weise die Adaption von Klassik und Moderne suchten, repräsentiert durch die Väter des sog. 'Islamismus' - Hasan al-Banna, Sayeed Abdul A'la Maududi, Sayyid Qutb.

Andere problematische Inhalte -' Unterdrückung oder zumind. Benachteiligung von Andersgläubigen, die Todesstrafe für Apostaten, die strikte Unterordnung der Frau, die inhumanen Hadd-Strafen etc. - haben sich in weiten Teilen der islamischen Welt bis heute erhalten. Auf die Abkehr vom Islam steht noch immer in verschiedenen Ländern die Todesstrafe und dies keineswegs als aufoktroyierte Doktrin totalitärer Regime, sondern mit z.T. sehr hohen Zustimmungswerten in der Bevölkerung (Lt. Pew Research 2013 im "befreiten" Afghanistan 79%, in Pakistan 76%, aber selbst im ob seiner Liberalität und Fortschrittlichkeit so gern vorgezeigten Malaysia 62%, in Ägypten 86%). Dass eine Frau ihrem Mann immer gehorchen müsse meinen in gleicher Untersuchung 94% der Befragten in Afghanistan, 92% im Irak, 96% in Malaysia, 88% in Pakistan, 62% in Ägypten. Zwangs- und Kinderehen sind in weiten Teilen der islamischen Welt gang und gäbe.

Die Steinigung von EhebrecherInnen halten 82% der befragten Ägypter für angemessen, 70% der Jordanier, 42% der Indonesier, 82% der Pakistanis, 84% der Palestinenser. Auspeitschungen und Handabhacken bei Diesbstahl favorisieren in Ägypten 77%, im Palästinensergebiet 76%, in Indonesien 36%, in Pakistan 82%, in Nigeria 65% der Befragten.

Dennoch ist die Autorin optimistisch, und hält eine Entwicklung hin zu einem entpolitisierten Islam für möglich. Vorreiter einer Reformbewegung sieht sie in mutig engagierten Bürgern, wie dem Ägypter Kareem Amer, dem Palästinenser Walid Husayin, der Türkin Aylin Koraman, der Pakistanerin Luavut Zahid, den Saudis Ralf Badawi und Hamza Kashgari oder Taslima Nasrin aus Bangladesh. Als Dissidenten nennt sie u.a. Maajid Nawaz (GB), Samia Labidi (FR), Afshin Ellian, Ehsan Jami (NL), Naser Khader (DK), Hamed Abdel Samad, Yunis Qandil (D), Raheel Raza (CA), Ibn Warraq, Asra Nomani, Zuhdi Jasser, Saleem Ahmed, Nonie Darwish, Wafa Sultan (US). Auch Reform-Geistliche wie etwa der Imam Jassin Elforkani (NL) würden mutige und unentbehrliche Beiträge leisten.

Insbesondere müsse es um fünf Schwerpunkte gehen:

- Bei der Koran-Exegese müsse sich endlich ein historisch-kritischer Ansatz durchsetzen
- Die Jenseitsorientierung müsse der Diesseitsbejahung weichen. Sie befördere die Todesverachtung der Terroristen, sowie den Fortschritt hemmenden Fatalismus, der für islamische Gesellschaften oft so charakteristisch sei.
- Nicht die Menschenrechte dürften der Scharia untergeordnet werden, wie das in den beiden alternativen Menschenrechtserklärungen durch maßgebliche Repräsentanten der islamischen Welt geschah bzw. geschieht, sondern umgekehrt müsse sich Scharia-Recht den Standards der Humanität unterordnen
- Die Praxis, dass einigen herausragenden Imamen das Privileg vorbehalten sei, in Form von Fatwen vorzugeben, was Recht und Unrecht ist, müsse aufgegeben werden.
- Das Konzept des Dschihad als notfalls auch gewaltsamer Kampf für die Ausbreitung des Islam müsse verworfen bzw. umgeschrieben werden.

Große Hoffnungen setzt die Autorin auf die globale Vernetzung: "Ich halte es für wahrscheinlich, dass das Internet für die islamische Welt im 21. Jahrhundert das bewirkt, was die Erfindung des Buchdrucks für das Christentum bewerkstelligte."

"Reformiert Euch" wird sehr kontrovers diskutiert. Dass konservative Vertreter des Islam nicht begeistert sind, ist verständlich. Ebenso überrascht der Gegenwind aus dem Lager der Kulturrelativisten nicht. Doch auch Kommentatoren, die der Autorin eigentlich wohl gesonnen sind, melden Zweifel an. Was bliebe von einem entpolitisierten Islam ohne Scharia noch übrig? Kann der islamische Raum überhaupt die Kulturgeschichte des christlich geprägten adaptieren?

I.d.T. ist der Versuch, Analogien zur westlichen Reformation und Aufklärung herzustellen problematisch. Die Reformation hatte mit einer Relativierung christlicher Primärquellen, mit der sie regelmäßig assoziiert wird, wenig zu tun. Im Gegenteil - die Bibellektüre wurde zuvor Jahrhunderte lang von der katholischen Kirche unterdrückt. Die Liturgie wurde auf Latein abgehalten. Die Reformation setzte nun das Schriftprinzip ('Sola Scriptura') gegen das Traditionsprinzip - ' für das Christentum ein Segen, doch für den Islam?

Auch die Aufklärung konnte letztlich selbstverständlich keine allgemeingültige oder gar eine - ' von der Autorin ersehnte - säkulare Weltanschauung zutage fördern und intendierte dies auch gar nicht. Die Aufklärung brach das Deutungsmonopol der Kirchen endgültig auf und förderte eine eigenständige Auseinandersetzung mit weltanschaulichen und religiösen Fragen, die hinfort zu einem zuvor so nie dagewesenen Pluralismus der Antworten führte.

Doch trotz Reformation ist nach wie vor mehr als jeder zweite Christ katholisch. Trotz Aufklärung ist der am schnellsten wachsende Zweig der Christenheit zutiefst von der Überzeugung getragen, dass die Bibel Gottes Wort und die Orientierung an ihren Prinzipien -' genau den Prinzipien eben, die bereits die Christen des ersten Jahrhunderts als maßgeblich ansahen - konstitutiv für das Christsein ist. Daraus erwächst natürlich keine Gefahr. Im Gegenteil: Überall auf der Welt entstehen so Bewegungen, die ein glaubwürdiges Modell gelebter Mitmenschlichkeit darstellen und die in Ländern wie China oder Vietnam oft ' - ebenso wie einst unter dem NS oder im Ostblock '- Vorposten der Demokratisierung sind. Jedoch - man stelle sich eine analoge Situation für den islamischen Raum vor! Selbst innerhalb des Salafismus,' eigentlich noch am ehesten die Entsprechung zum ursprünglichen Protestantismus, ' lehnt man heute - glücklicherweise - mehrheitlich das klassische Dschihad-Konzept ab.

In gewisser Weise ist die islamische Welt längst mit hinein genommen in einen - wenn man so will - globalen Aufklärungsprozess. Jede Kultur folgt aber in ihrer Entwicklung einer eigenen Logik. Individuelle Grund- und Freiheitsrechte sind mit christlicher Anthropologie höchst kompatibel, ja im Grunde '- wenngleich unter der Dominanz der institutionellen Kirche über Jahrhunderte kaum etwas davon zu spüren war ' - zwingend aus ihr abzuleiten. Sie stellen ein historisches Novum dar, und entstanden nicht umsonst gerade im christlich geprägten Kulturkreis. Zum Islam hingegen, wie er sich in seinen Primärquellen darstellt - verhalten sie sich fast schon konträr. Die Umma ist eine politisch-spirituelle Einheit. Außerhalb derselben kann es für Menschen aus klassisch-islamischer Sicht keine Gleichberechtigung geben, sondern bestenfalls ein friedliches Zusammenleben unter der Voraussetzung der Unterordnung der Nicht-Muslime.

Worin aber liegt dann die Hoffnung? Und: Was könnte der Westen eventuell beitragen? - Vermutlich sind es die 'weichen Faktoren', die in der gesamten Debatte am sträflichsten vernachlässigt werden. Doch wie kam es im Laufe der Geschichte zu ideellen und kulturellen Umbrüchen? Was setzte wirklich nachhaltige Entwicklungen in Gang? - Dass sich Neues durchsetzt und Altes verblasst, hat '- zumal wenn Zwang als Option ausscheidet ' - offenbar viel mit gesellschaftlicher Praxis zu tun; damit, dass das Neue glaubwürdiger und menschlicher erlebt wird. Diskurse sind wichtig; aber das rationale Moment wird oft überschätzt.

Das freiheitliche Gesellschaftsmodell des Westens besitzt eine große Attraktivität für viele Menschen auf der Welt. Dennoch zeichnet sich seit Längerem eine Legitimitätskrise ab und zwar keineswegs nur in der islamischen Welt. Es macht Sinn darüber nachzudenken, woran dies liegt und Schritte zu unternehmen, an dieser Situation etwas zu ändern.

Das bedeutet natürlich nicht, dass die islamische Welt aus ihrer Verantwortung zu entlassen wäre. Eine ehrliche Kultur-, System-, Religions- und Ideologiekritik ist unverzichtbar. Doch sollte diese konstruktiv und respektvoll geschehen. Wo Islamkritik in Islambashing übergeht, wird das Ganze kontraproduktiv. Ebenso untauglich sind Abschottung, Ressentiments und Feindseligkeiten wie sie zu Teilen von populistischen oder rechten Parteien oder Bewegungen transferiert werden. Was nötiger ist als je zuvor, ist vielmehr einladende Offenheit und Aufgeschlossenheit.

Unabdingbar ist mithin eine realistische Sicht auf das Gewalt- und Konfliktpotenzial des Islam, das im Blick behalten, eingedämmt, als Ultima Ratio möglicherweise da und dort immer wieder auch bekämpft werden muss. Auf bisher unabsehbare Zeit, wird man sich mit immer wieder auftauchenden extremistischen Strömungen auseinandersetzen müssen. Hätte man den Realisten früher Gehör geschenkt, hätte es ganz sicher keine Invasion in Afghanistan, Irak oder Libyen gegeben. Die US-Regierung hätte nicht überall auf der Welt arglos islamistische Gruppierungen instrumentalisiert und finanziert. In Europa hätte man nicht einen Mann wie den Ayatollah Khomeini unterstützt und aufgebaut. Man hätte sich längst unabhängiger von Öllieferungen aus dem Mittleren Osten gemacht und nicht ein Regime wie das saudische hochgezüchtet und militärisch ausgerüstet. Man hätte hingegen die Notwendigkeit, möglichst viel zu tun, damit sich diese Region vorwärts entwickelt, sehr viel deutlicher wahrgenommen; hätte weit mehr in die wirtschaftliche und zivilgesellschaftliche Zusammenarbeit - insbesondere mit den progressiven Kräften - investiert.

Ayaan Hirsi Alis Buch ist ein wertvoller Beitrag zur Sensibilisierung und Schärfung des öffentlichen Bewusstseins für die Herausforderungen, die sich im Zusammenhang mit dem Islam stellen. Aktivisten wie sie, die sich als Muslime unter Inkaufnahme großer persönlicher Risiken für positive Entwicklungen einsetzen, verdienen unsere Solidarität und Unterstützung.


Führen Sie schon oder herrschen Sie noch?: Eine Anleitung zum fairen Management
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Preis: EUR 14,99

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5.0 von 5 Sternen Wertorientiertes Management, 4. Mai 2015
Es ist eine viel diskutierte Frage: Wo den Hebel ansetzen, um etwas an der derzeitigen Art und Weise zu wirtschaften zu verändern, ohne dabei – wie es marxistische Ansätze tun – das Kind mit dem Bade auszuschütten? Umstrukturierungen im Finanzsektor stehen hier häufig ganz oben auf der Agenda. Viele ökologische oder kapitalismuskritische Bewegungen heben auf die Macht des bewussten Konsumenten ab. Tatsächlich kann ein jeder seinen kleinen Teil dazu beitragen, dass sich das System in eine gute Richtung entwickelt. Der ehem. Chefökonom der Weltbank Josef Stiglitz meint, das Umdenken müsse schon an den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten einsetzen. Der Ansatz des vorliegenden Buches stellt zu all dem gewissermaßen die perfekte Ergänzung dar, indem es die Managerkaste bei Ehre, Vernunft und Gewissen packt.

In „Führen Sie schon oder herrschen Sie noch“ beschreibt Heinz Siebenbrock, Professor für Wirtschaft an der Hochschule Bochum, ein Management-Model, dass sowohl in ethischer Hinsicht vorbildlich als auch praxistauglich ist. Er geht dabei von dem Grundgedanken aus, dass sich das Potenzial von Mitarbeitern gerade dann voll entfaltet, wenn in diese Vertrauen investiert wird, sie sich respektiert und positiv wahrgenommen erleben, sich sowohl im Team als auch von der Leitungsebene aus in gute, kollegiale Bezüge eingebettet erfahren. Hier geht es nicht etwa um Kuschelatmosphäre; Leistungs-, Effizienz- und Exzellenzerwartungen bestehen durchaus. Doch macht es einen Unterschied, ob diesbezüglich intrinsische Motivation aufgebaut wird, d.h. sich der Mitarbeiter aus eigenem inneren Antrieb und mit voller Identifikation seinen Aufgaben widmet oder der Ansporn rein extrinsisch – durch Konkurrenzdruck, Sanktionserwartungen, Angst vor Jobverlust, Verminderung von Aufstiegschancen etc. entsteht.

Hier spielt selbstverständlich auch eine zentrale Rolle, ob Dienstleistungen oder Produkte tatsächlich als sinnvolle Bereicherung für das Leben anderer Menschen gesehen werden können; aber auch, ob Geschäftspraktiken, Produktionsbedingungen usw. als fair und nachhaltig betrachtet werden. All dies entscheidet darüber, ob Beschäftigte Unternehmensphilosophie und -ziele zu ihrer eigenen Sache machen können.

Wie gut, wenn Manager im Beschäftigten nicht nur einen betriebswirtschaftlichen Faktor sehen, sondern den Menschen; den authentischen Bezug zu ihm suchen, ehrliches Interesse signalisieren, ein Blick für Potenziale haben, die nicht selten verschüttet ihrer Entwicklung harren, weil der Betreffende ganz einfach nicht so eingesetzt wird, dass er sich seinen persönlichen Stärken entsprechend einbringen kann.

Mitarbeiter wollen mehr sein als Auftragsempfänger und Dienstboten. Sie wollen in Unternehmensentscheidungen einbezogen werden, und die Unternehmensführung ihrerseits tut gut daran, auf ihren vielfältigen kreativen Input nicht zu verzichten. Mitarbeiter benötigen auch in ihren alltäglichen Aufgaben Spielräume des eigenständigen Denkens, Entscheidens, Handelns. Zentralismus und Dirigismus würgen nicht nur Kreativität und Innovation ab, sie verhindern auch Optimierungsprozesse, die sich daraus ergeben, dass jeder in Bezug auf sein Aufgabenfeld „am nächsten dran“ ist und oft genug über eine Expertise und ein Gefühl für aktuelle Entwicklungen und Erfordernisse verfügt, die Führungskräfte „am grünen Tisch“ unmöglich haben können.

Das alles bedeutete nicht, dass Manager die ihren Mitarbeitern in der beschriebenen Art und Weise begegnen, blauäugig wären. Wo mehr Freiräume gegeben werden, können diese selbstverständlich auch missbraucht werden. Kompetenzdefizite kommen u.U. stärker zum Tragen. Selbst Innovation bedarf mitunter einer gewissen Enge und eines gewissen Drucks („geht nicht, gibt es nicht“). Controlling ist bis zu einem gewissen Grad also ebenso wichtig, wie Konsequenzen bei mutwilligem Vertrauensmissbrauch. Kompetenz muss zunächst unter Beweis gestellt werden. Fehler müssen ggf. konstruktiv und positiv aufgearbeitet werden. Entscheidungen muss zu guter Letzt die Führungsperson verantworten, deshalb wird diese mitunter auch Widerstand aushalten müssen.

Es mag durchaus Situationen geben, in denen die Unternehmensführung die Mitarbeiterschaft zunächst nicht überzeugen und mitnehmen kann und trotzdem Führungsstärke zeigen und Veränderungen angehen muss. Dennoch wird es sich langfristig auszahlen, dass sie es zumindest intensiv versucht und niemanden leichthin übergangen hat.

Der Autor stellt in seinem Buch das betriebswirtschaftliche Geschehen wieder vom Kopf auf die Füße. Statt sämtliche Betriebsabläufe vom obersten Ziel der Gewinnmaximierung aus zu organisieren, ermutigt er zu primär wertorientiertem Handeln auf allen Ebenen. Langfristig gesehen wird dies einem Unternehmen nur zum Vorteil gereichen, denn es wird sich konzeptionell so entwickeln, dass jeder wirklich mit Überzeugung dahinter stehen kann. Mitarbeiter werden in beschriebener Weise zu höheren, kreativeren und nachhaltigeren Leistungen motiviert.

Krankenstände sinken, man wird sich in harten Zeiten bereitwilliger zusätzlich einbringen oder ggf. auch Verzicht leisten. Die Belegschaft wird mit Teamgeist und Begeisterung bei der Sache sein. Die Reputation des Unternehmens wird steigen, die Absatzchancen sich möglicherweise erhöhen. Im gesellschaftlichen Umfeld wird man Unternehmen mit sozialem Gewissen im Zweifelsfall eher entgegenkommen. All zumal sind die Effekte positiv, wenn man die gesamtgesellschaftliche Perspektive einnimmt.

Im hinteren Teil des Buches geht der Autor noch der Frage nach, was die Politik aus seiner Sicht beitragen könnte, um Auswüchsen des Systems entgegen zu wirken. Ein bedingungsloses Grundeinkommen (Götz Werner hat das Vorwort zum Buch verfasst) würde Arbeitnehmer von dem Zwang befreien, notfalls auch zu eigentlich inakzeptablen Konditionen arbeiten zu müssen und umgekehrt den Druck auf Unternehmen erhöhen, attraktive Arbeitsbedingungen zu schaffen. Ein weiteres Anliegen ist die Überarbeitung des Gesellschaftsrechts. Die GmbH bspw. sei, so der Autor, eine fragwürdige Einrichtung. Es müsse um eine Individualisierung von Verantwortung, eine Personalisierung von Risiken gehen. Weitere Ideen sind verpflichtende Ökobilanzen für Unternehmen (besser noch wären aus Sicht des Rezensenten vielleicht Gemeinwohlbilanzen, wie sie bspw. Christian Felber vorschlägt und sie bereits von hunderten Firmen freiwillig erstellt werden) und Parallel- bzw. Regionalwährungen, die dazu beitragen können, dass Geld zirkuliert, dort bleibt wo es erwirtschaftet wurde, statt über Banken oder andere Anlagenvermittler zu Teilen in die ohnehin völlig aufgeblähte Finanzindustrie zu fließen; kleinen und mittelständischen Unternehmen zu Gute kommt, statt börsennotierte Großunternehmen noch größer zu machen.

Auch wenn man da und dort etwas anders sehen mag, ist das Buch doch sehr empfehlenswert und angefüllt mit wertvollen oder zumindest sehr bedenkenswerten Anregungen und Ideen. Der Autor belässt es nicht bei abstrakten Entwürfen, sondern erörtert, wie sein Management-Konzept in verschiedenen betriebswirtschaftlichen Situationen und Branchen konkret zur Anwendung kommen kann. Dabei kann er aus einem reichen Erfahrungsschatz schöpfen, denn neben seiner Lehrtätigkeit begleitet er seit längerem Führungskräfte im Rahmen eines Management-Coachings, dass er gemeinsam mit dem Pädagogen Michael Schürkamp anbietet.


Inside IS - 10 Tage im 'Islamischen Staat'
Inside IS - 10 Tage im 'Islamischen Staat'
von Jürgen Todenhöfer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,99

116 von 174 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen "Die Inhalte des IS sind im Mainstream-Islam angelegt", 28. April 2015
.. so der Titel eines kürzlich in der ZEIT veröffentlichten Interviews mit Ahmad Mansour, der Mitte 2014 in Anbetracht seines hervorragenden Engagements in der Arbeit mit Migranten sowie seiner brillanten Beiträge zur interkulturellen Verständigung mit dem "Moses-Mendelssohn-Preis für die Förderung der Toleranz gegenüber Andersdenkenden und zwischen den Völkern und Religionen" geehrt wurde. Mansour – in Israel aufgewachsener Palästinenser und studierter Psychologe – ist eine jener differenzierten, versöhnlichen, aber doch klaren und aufklärenden Stimmen, die wir in der gegenwärtigen Islamdebatte so dringend brauchen.

Das Buch von Jürgen Todenhöfer bleibt hinter einem solchen Anspruch weit zurück. Dennoch ist es durchaus interessant zu lesen. Die erste Hälfte besteht aus Skype-Interviews, die der Autor von Deutschland aus im Vorfeld geführt hat. Hier werden auch Differenzen sichtbar zwischen den verschiedenen islamischen Gruppierungen, die sich insbesondere in Syrien untereinander bekriegen, obgleich das Assad-Regime ihr gemeinsamer Feind ist. Wer solide Information zum politischen Geschehen sucht, wird bei JT allerdings kaum fündig. Das Buch schildert die Erlebnisperspektive sowohl einiger Kämpfer wie auch des Autors während seiner Reise. Insgesamt wird deutlich, dass es sowohl im IS wie auch in anderen militanten Gruppierungen nicht um blinde, soziopathische Gewalt geht, wie es in den Medien oft dargestellt wird. Man hat das Ziel einer „gerechteren“ islamischen Gesellschaft vor Augen und folgt bei der Umsetzung bestimmten Regeln.

Die Biografien der Jugendlichen, die in den Kampf ziehen, sind dabei recht unterschiedlich. Ungebildet, uniformiert oder indoktriniert wirken sie in den Interviews nicht. Die Kritik am Westen ist an vielen Stellen durchaus nachvollziehbar und deckt sich mit linker Gesellschaftskritik, wo es um „Kriegspolitik“, „Ausbeutung“, „Gier nach Ressourcen“ usw. geht und mit konservativer Gesellschaftskritik, wenn der „allgemeine Sittenverfall“ thematisiert wird.

Die Eindrücke aus dem Territorium des IS entsprechen dann zu weiten Teilen dem, was man durch bisherige Recherchen, die hervorragende VICE-Doku usw. kennt. Das oft wiederholte Eigenlob des Autors, er sei der erste und einzige westliche Journalist, der authentisch aus der Höhle des Löwen berichten könne, entbehrt natürlich der Grundlage. Grundsätzlich wird der IS von der einheimischen Bevölkerung keineswegs als „unislamisch“ empfunden. Eher schon als ZU islamisch, denn man ist sich durchaus dessen bewusst, dass die losen Sitten die sich allerorten eingeschlichen hatten - „leichte“ Kleidung, westliches Entertainment, Alkohol etc. - nicht den muslimischen Vorschriften entsprechen. Die Sittenwächter des IS gehen nun konsequent – aber doch auch wohlwissend, dass sie mit zu viel Härte nur Widerstand provozieren würden - dagegen vor. Vieles wird durchaus positiv erlebt – das neue Engagement für Menschen in Notlagen, die Bekämpfung von Korruption. Die alten Juristen wurden offenbar vollständig aus dem Dienst entfernt. Als Richter fungieren nun Laien mit hoher Kompetenz in Schariah-Law. Anträge bei den Stadtverwaltungen werden reibungsloser bearbeitet. - In der Verschmelzung mit der Bevölkerung liegt eines der großen Probleme bei der Bekämpfung des „Islamic State“.

Das Islamverständnis des IS lehnt sich eng an die klassische Lesart an, wie sie Jahrhunderte hindurch von maßgeblichen Gelehrten vertreten wurde und so auch das Dschihad-Verständnis. Den Menschen der zu erobernden Territorien wird die Entscheidung eingeräumt, sich zum Islam (in der klassischen, sunnitischen Variante) zu bekehren. Tun („verweltlichte“, schiitische oder anderweitig „sektiererische“) Muslime dies nicht, müssen sie sterben. Christen und Juden haben die Wahl als „Dhimmi“ entweder die Jizya - eine Sondersteuer - zu zahlen, sich zum Islam zu bekehren oder auszuwandern. Wenn sie all dies verweigern, werden sie getötet. Den Tod verdient hat aus Sicht des IS selbstverständlich auch, wer die Vertreter des „wahren Islam“ bekämpft bzw. einen solchen Kampf unterstützt. Potenziell gilt das in den westlichen Demokratien aus radikalislamischer Sicht für jeden Bürger, denn die Regierung repräsentiert hier ja den Willen des Volkes. Auch Muslime seien eigentlich verpflichtet, die Hidschra zu vollziehen, da sie im Westen überall diskriminiert würden, auf Arbeit bspw. nicht die Gebetszeiten einhalten, nicht ungehindert Moscheen bauen und zum Gebet rufen dürfen, unislamischen Gesetzen folgen müssen, allerorten rücksichtslos mit westlicher Dekadenz und Unmoral konfrontiert werden etc. Jesiden gelten nicht als „Schriftbesitzer“ und dürfen aus Sicht des IS deshalb versklavt werden. Minderjährige sind weder von Hinrichtungen ausgenommen, noch von Versklavung oder Zwangsverheiratungen. Selbst letzteres geschieht in dem Bewusstsein, dass man dem Vorbild des „Propheten“ folge. Man orientiere sich eben an den Altersgrenzen des Koran und der Sunna. Aischa, die Lieblingsfrau Mohammeds, war bei Vollzug der Ehe 9 Jahre alt.

All diese urislamischen Prinzipien wurden die Jahrhunderte hindurch mit recht unterschiedlicher Konsequenz beachtet und umgesetzt. Über weite Strecken orientierte man sich eher an den zivilisatorischen Richtlinien umliegender Kulturen. In Bagdad oder Al Andalus gab es zeitweise ein gelassenes, sogar recht fruchtbares Neben- und Miteinander der Religionen und Kulturen, dass man zu Recht immer wieder als beispielhaft vor Augen führt. In diesen Zeiten entstanden in Kooperation zwischen nestorianischen und byzantinischen Christen, Persern, die weiterhin der Religion ihrer Väter anhingen, Juden und Muslimen wissenschaftliche Neuerungen, von denen auch Europa profitierte.

Der Koran selbst ist widersprüchlich und lässt - wenn man so will - offen, was er als generalisierte Vorschrift oder im historischen Kontext verstanden wissen möchte. Ein universelles Nächsten- oder gar Ferindesliebegebot wie im NT finden sich hier nicht. Im in Mekka verfassten Teil klingt vieles friedlich und versöhnlich. Islam-Apologeten – so auch Jürgen Todenhöfer - zitieren vornehmlich hieraus. Im später in Medina verfassten Part - Mohammed war aus zuvor untergeordneter Position inzwischen zu politischer Macht gelangt – schlägt der „Prophet“ dann aber zunehmend martialische Töne an. Hierher gehört auch die Sure 9 (insbesondere Vers 5 und 29) mit ihren Kampfaufrufen gegen Un- und Andersgläubige. Diese wurden dann vom theologischen Mainstream - da als Revision früherer Aussagen verstanden (Abrogation) - als maßgeblich für die Ummah interpretiert. Ebenso wurde in den Hadithen vieles konkretisiert, was im Koran noch eher vieldeutig erscheint. So liest man bspw. in Sahih Al-Bucharyy Nr. 25 folgendes, allgemein als zuverlässig erachtetes Mohammed-Zitat: „Mir wurde befohlen, dass ich die Menschen solange bekämpfe, bis sie bezeugen, dass kein Gott da ist außer Allah, und dass Muhammad der Gesandte Allahs ist".

Das Konzept des bewaffneten Dschihad – der weltweiten, militärischen Expansion des Islam – entstand bzw. verfestigte sich. Es findet sich hinfort bei islamtheologischen Autoritäten wie Abu Yusuf, Shaybani, Al-Shafi’i, Abi Zayd al-Qayrawani, Al Ghazali, Averroes, Ibn Qudama, Ibn Taymiyya, Ibn Qayyim, Ziauddin Barani, Ibn Kathir, Ibn Khaldun, Muhammad al-Amili, Sirhindi, Al-Majlisi, Shah Wall-Allah – um nur einige Namen zu nennen – und natürlich, wie Geschichte und die heutige Landkarte zeigen, in der Politik muslimischer Herrscher. Erst als die islamische Welt vor etwa 150 Jahren gegenüber dem Westen endgültig in die Defensive geraten war und der allgemeine Druck moderner zivilisatorischer Erwartungen immer größer wurde, begann sich ein eher defensives Dschihad-Verständnis durchzusetzen. Doch in der Folge des „Reformators“ Muhammad ibn Abd al-Wahhab entstanden auch neue Bewegungen, die auf andere Weise die Adaption von Klassik und Moderne suchten, repräsentiert durch Vordenker wie Hasan al-Banna, Sayyid Qutb und Sayeed Abdul A’la Maududi, die Väter des sog. „Islamismus“.

All dies ist kein Geheimnis, sollte es insbesondere für den Autor, der doch vorgibt, sich besonders intensiv mit dem Islam befasst zu haben, nicht sein. Man kann es bei so gut wie sämtlichen Kapazitäten auf dem Gebiet der Islamwissenschaft nachlesen – sei es bei Hartmut Bobzin (Universität Erlangen-Nürnberg) oder bei Rudolph Peters (Universität Amsterdam), ob bei Khaled Abou El Fadl (University of California), Bernard Lewis (Oxford), Albert Hourani, (Harvard), Bassam Tibi (Princeton) oder Majid Khadduri (Johns Hopkins University), ob bei Albrecht Noth (Hamburg), Martin Rhonheimer (Universität Santa Croce), Tilman Seidensticker, (Jena) oder Egon Flaig (em. Collège de France), ob bei Christine Schirrmacher (Universität Bonn) Ludwig Hagemann, (Mannheim), Adel Th. Khoury (em. Münster), Mohammed Arkoun (Paris, Princeton, Rom), Abdel-Hakim Ourghi (Freiburg) oder Tilman Nagel (em. Universität Göttingen), um auch hier einige Namen zu nennen. Auch die Bundesregierung klärt über die Bundeszentrale für politische Bildung die Bevölkerung über kritische Inhalte des Islam auf. Im dort online gestellten Islamlexikon heißt es bspw. zum Stichwort Jihad (Dschihad): “Gemäß dem islam. Recht müssen bei der Ausrufung des Jihad bestimmte Regeln eingehalten werden: Zunächst ein Aufruf an die Ungläubigen, den Islam anzunehmen bzw. an die Juden und Christen, die Herrschaft der Muslime anzuerkennen. Nach einer Bedenkzeit wird dann der Krieg begonnen.” Im dortigen Dossier zum Thema Islamismus heißt es: “Im Koran finden sich Aussagen, die einen Absolutheitsanspruch für den eigenen Glauben und Ausgrenzungstendenzen gegenüber Andersgläubigen zum Ausdruck bringen. Hierzu gehören auch abwertende und diffamierende Worte über die Juden”. Des Weiteren ist von einer “Islamismuskompatibilität des Islam” die Rede; die Islamisten verträten “eine mögliche Deutung des Islam”.

Es ließe sich folglich sagen, dass der IS eine weitaus extremere Variante des Islam vertritt als die breite Masse friedlicher Muslime. Wenn die islamische Klassik jedoch der Maßstab ist, ist es gewiss nicht der IS, der „unislamisch“ ist. Manch ein Leser dieser Rezension wird spätestens an dieser Stelle einwenden: Gibt es denn da aber nicht die theologische Erklärung zum “Islamischen Staat”, ein Offener Brief an Terror Chef Al Baghdadi, unterzeichnet von über 120 namhaften Islam-Gelehrten? - Ja, die gibt es, und man kann Interessierten nur dringend empfehlen, dieses regelmäßig ins Feld geführte Schreiben einmal wirklich zu lesen. Es ist richtig, dass hier die brutalen Exzesse des IS gegeißelt werden. Bezüglioch der wesentlichen Prinzipien und Ziele – Wiedererrichtung des Kalifats, Sturz nichtmuslimischer Regenten in islamischen Ländern, Überlegenheit des Islam, Legitimität der mittelalterlichen Hadd-Strafen, des bewaffneten Dschihad, wenn die freie Entfaltung des Islam behindert wird usw. - ist man jedoch durchaus auf einer Linie.

Wenn JT schreibt, dass er auf seinen Reisen kaum irgendwo soviel Wärme, Gastfreundschaft, Nächstenliebe usw. erlebt hat, wie in muslimisch geprägten Ländern, ist das zunächst einmal durchaus nachvollziehbar. Jeder, der in islamischen Ländern war, muslimische Freunde oder Bekannte hat wird von ähnlichen „unter die Haut gehenden“ Erfahrungen, Eindrücken und Erlebnissen berichten können. Trotzdem ist das Bild einseitig, nicht zuletzt auch deshalb, weil man als Reisender aus Europa zu eine privilegierten Gruppe von Menschen gehört und die Begegnungen in einem bestimmten Rahmen stattfinden. Die Erlebnisperspektive von Kopten in Ägypten, Juden oder armenischen Christen im Iran, Katholiken in Pakistan ist bereits eine ganz andere. Sicher – auch sie lebten oft über Jahrhunderte recht friedlich inmitten einer muslimischen Gesellschaft und sehen sich erst in jüngerer Zeit extremistischen Übergriffen ausgesetzt. Wirklich im Vollsinn gleichberechtigt waren sie hingegen so gut wie nirgendwo.

Die Probleme im islamischen Kontext sind vielfältig. Und hierbei – das sei betont – geht es nicht darum Menschen anzufeinden, sondern um System- und Ideologiekritik. Muslime sind in ganz unterschiedlicher Art und Weise und in sehr unterschiedlichem Maß in das geistige System Islam involviert. Doch sei hier noch auf einige Schwerpunkte hingewiesen die besonders deutlich werden lassen, dass vieles, was der IS betreibt, tatsächlich nur einer konsequenteren, extremeren Umsetzung von Inhalten entspricht, die auch im Mainstream-Islam überall zu finden sind.

Auf die Abkehr vom Islam steht noch immer in verschiedenen Ländern die Todesstrafe und dies keineswegs als aufoktroyierte Doktrin totalitärer Regime, sondern mit z.T. sehr hohen Zustimmungswerten in der Bevölkerung (Lt. Pew Research 2013 im "befreiten" Afghanistan 79%, in Pakistan 76%, aber selbst im ob seiner Liberalität und Fortschrittlichkeit so gern vorgezeigten Malaysia 62%, in Ägypten 86%). Dass eine Frau ihrem Mann immer gehorchen müsse, meinen in gleicher Untersuchung 94% der Befragten in Afghanistan, 92% im Irak, 96% in Malaysia, 88% in Pakistan, 62% in Ägypten. Zwangs- und Kinderehen sind in weiten Teilen der islamischen Welt – keineswegs nur im IS also - gang und gebe.

Die Steinigung von EhebrecherInnen halten 82% der befragten Ägypter für angemessen, 70% der Jordanier, 42% der Indonesier, 82% der Pakistanis, 84% der Palestinenser. Auspeitschungen und Handabhacken bei Diesbstahl favorisieren in Ägypten 77%, im Palästinensergebiet 76%, in Indonesien 36%, in Pakistan 82%, in Nigeria 65% der Befragten.

Rassismus ist ebenso tief im Islam verwurzelt – siehe bspw. die abfälligen Bemerkungen des „Propheten“ über Schwarze in den Hadithen - wie Antijudaismus, mit dem bereits der Koran angefüllt ist. Gemäß einer kürzlich in der Washington Post veröffentlichten Studie, die entsprechende Daten des World Value Survey auswertet, zählt der Mittlere Osten und Nordafrika noch immer zu den rassistischsten Regionen der Welt. Der jahrhundertelange muslimische Sklavenhandel hat hier ebenso einen Ursprung, wie die gegenwärtig von zentralafrikanischen Ländern beklagte Arabisierung, Konflikte in Darfur oder im Sudan oder auch die von Menschenrechtsorganisationen immer wieder beklagte Situation von Fremdarbeitern in den reichen Ölstaaten. Antisemitische Einstellungen finden sich im Mittleren Osten und Nordafrika bei 74% der Bevölkerung (Antisemitismus Index 2014, ADL GLOBAL 100), signifikant häufiger als im Rest der Welt. Wer den Koran gelesen hat weiß, dass dies keineswegs nur auf den Israelkonflikt zurückzuführen ist.

Ein weiteres Themenfeld bilden schließlich die großen Integrationsprobleme, die es in Deutschland bzw. Europa gerade mit muslimischen Migranten gibt. Eine Studie des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) aus dem Jahr 2013 kommt nach repräsentativen Umfragen unter europäischen Muslimen u.a. zu folgenden Ergebnissen: "Fast 60 Prozent der befragten Muslime lehnten Homosexuelle als Freunde ab, 45 Prozent denken, dass man Juden nicht trauen kann, und ebenso viele glauben, dass der Westen den Islam zerstören will." Ebenso stimmen rund 60 Prozent der Aussage zu, „dass Muslime zu den Wurzeln des Islam zurückkehren sollten; 75 Prozent meinen, dass nur eine Auslegung des Korans möglich ist, an die sich alle Muslime halten sollten; und 65 Prozent sagen, dass ihnen religiöse Regeln wichtiger sind als die Gesetze des Landes, in dem sie leben. Durchgängig fundamentalistische Überzeugungen mit der Zustimmung zu allen drei Aussagen finden sich bei 44 Prozent der befragten Muslime.“

Betrachtet man die jüngeren Untersuchungen zu diesem Thema – Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen & BMI, Wissenschaftszentrum Berlin, Bertelsmann-Stiftung, Pew Research – fällt auf, dass diese stellenweise durchaus unterschiedlich ausfallen. Sie sind sich jedoch in einem Punkt sehr einig: je mehr muslimisch geprägte Religiosität, desto weniger Zustimmung zu unseren Grundwerten, desto größere Integrationsprobleme, desto mehr durchschnittliche Gewaltbereitschaft (was natürl. nicht bedeutet, dass jeder tief religiöse Muslim gewaltbereit wäre; die statistische Häufigkeit steigt jedoch signifikant).

Das sind die Fakten, über die theatralisches Gutmenschentum nicht hinwegzutäuschen vermag. Wenn der Autor also all diese Probleme unterschlägt und stattdessen als Apologet und Promoter der „Religion des Friedens und der Liebe“ auftritt, fällt er nicht nur all jenen innermuslimischen Reformern in den Rücken, die sich - nicht selten unter Inkaufnahme erheblicher Risiken - für Veränderungen einsetzen, er macht sich auch mitschuldig an Unterdrückung und Leid unzähliger Menschen. Natürlich muss Ideologiekritik, wo sie den Islam zum Thema macht, stets einher gehen mit konsequenter Parteinahme und Solidarität für muslimische Mitmenschen, Eintreten gegen jede Form der Fremdenfeindlichkeit usw. Mit der Unterdrückung einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Islam tut man jedoch Muslimen sowenig einen gefallen, wie man es Chinesen mit der Unterdrückung von Marxismuskritik oder Westlern mit der Diffamierung von Kapitalismuskritikern täte.
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