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Rezensionen verfasst von
Karsten Schmieder "soundcloud.com/quint" (Dresden)
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The Bends
The Bends

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Radiohead - The Bends, 17. Oktober 2010
Rezension bezieht sich auf: The Bends (Audio CD)
Es gibt nur wenige Bands denen ich für eine Platte eine glatte 11 verleihen möchte. Radiohead gehören auf jeden Fall dazu - aber nicht mit diesem Album. Denn obwohl die Medien es nach deftiger Schelte beim Erscheinen neuerdings zum frühen Meisterwerk der Band hochstilisieren (z.B. Platz 110 der 500 Greatest Albums of All Time im Rolling Stone weit vor Kid A - und das nach einer damaligen 2 von 5-Sternen Bewertung!), fehlt mir hier noch ein bischen die Identität und das Unverwechselbare, das Radiohead später ausmachen sollte. Man muss natürlich zugeben, dass die Platte für ein zweites Album (nach dem eher durchwachsenen aber durchaus mit einigen Highlights bepackten Debüt Pablo Honey) doch ziemlich erwachsen klingt. Aber romantisiert man bei anderen Bands die Spontanität und Frische ihrer Anfangstage, vermisse ich bei The Bends doch gerade das Durchkomponierte, das nie zuvor gehörte, die Suche nach Neuem, derer sich Radiohead schon auf dem Nachfolger und absoluten Meilenstein OK Computer verschrieben hatten. Und auch heute noch scheint sich die Band der Zwiespältigkeit dieser Platte bewusst zu sein. Werden absolute Klassiker wie Just oder Planet Telex noch immer live gespielt, redet über Songs wie Sulk heute keiner mehr. Und damals?

Zynisch bis aufs Mark durch die Medienreaktionen- und Reduktionen auf den Hit Creep (den sie danach lange lange nichtmehr live spielen wollten), machte man sich Ende 1994 an die Aufnahmen von The Bends. Zynisch durfte man auch sein, war doch vorallem Sänger Thom Yorke Zielscheibe der Medien (und wir wissen ja, wie es so ist mit den britischen Medien) die aus ihm einen (imagemäßig) zweiten Cobain machen wollten. Das Fass zum überlaufen brachte schließlich ein Artikel im NME in dem Yorke einige eindeutige Vergleiche im Zusammenhang mit kurz vorher verstorbenen Nirvana-Sänger ertragen musste und indirekt bereits auch sein Tod prophezeit wurde (wohl anhand der nicht gerade erbaulichen Lyrics der meisten Radiohead-Songs). Doch später wusste man: je mehr Isolation, je mehr Rückzug, desto besser für eine Radiohead Platte. Und auch wenn es im ersten Absatz vielleicht Anderes vermuten lässt, dieses Album ist schon wahnsinnig gut! Der Opener Planet Telex, von Yorke angeblich nach einer nächtlichen Kneipentour etwas besäuselt eingesungen, vermittelt eine selten zur Schau gestellte Leichtigkeit und könnte auch die abgespeckte Version eines OK Computer-Songs sein. Vorallem zeigt er Yorkes Stimme erstmals so ausgebildet, wie sie bis heute diskutiert wird. Ist sie jetzt quäkig nervend oder klassisch genial? Der folgende Titeltrack schlägt dann eher in die Kerbe des Vorgängeralbums und manifestiert Radiohead hörbar als 3-Gitarren-Band - man könnte fast ketzerisch sagen: Stadion-Rock...naja aber nur ein kleines Stadion! Das schon von einer vorhergehenden EP (sehr empfehlenswert!) bekannte My Iron Lung schlägt in eine ähnliche Kerbe. High and Dry klingt in meinen Ohren dann schon weniger spannend und mit Black Star, Nice Dream und Sulk verliert sich die Band doch schon etwas im unpointierten Gesäusel. Die gewisse Faszination, die Aura die sich Radiohead später aufgebaut haben, fehlt hier eben. Aber sie arbeiten daran: Fake Plastic Trees, Just und Street Spirit (Fade out) sind 3 absolute Klassiker und ziehen das Album aus dem "Schön aber hör ich relativ selten"-Pool. Mit Just machte sich Jonny Greenwood im Handumdrehen vom unauffälligen Lead-Gitarristen mit den komischen Haaren zum Gitarrenhelden einer ganzen Generation (und später zum kongenialen Multiinstrumentalisten und schüchternen Publikumsliebling der die Band auf neue Pfade führen sollte). Eine derartige Dichte an genialen Passagen gepaart mit Yorkes nonchalantem Gesang - genau die richtige Mischung aus "alten" und "neuen" Radiohead. Und Street Spirit ist schließlich das erhabene Schlussstück und deutet unnachgiebig in Richtung Zukunft. Auf einmal klingen Radiohead kernig, sie bündeln ihre Stärken und schreiben mit dieser simpel-genialen Melodie (die wahrscheinlich jeder schonmal gehört hat) sogar einen Single-Hit. Diese Songs sind wohl der Grund dafür, dass nicht wenige Fans The Bends sogar als ihr Lieblingsalbum nennen. Doch dass ich, während ich diese Rezension schreibe, schon darüber nachdenke, wie ich OK Computer oder Kid A beschreiben würde, spricht für sich. Aber andersrum: Spricht es nicht für eine Band, wenn sie ein so geniales Album wie The Bends noch toppen kann?


The Woods
The Woods
Preis: EUR 16,99

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sleater-Kinney - The Woods, 17. Oktober 2010
Rezension bezieht sich auf: The Woods (Audio CD)
Das Jahresresümee des Rolling Stone für 2005 war ziemlicher Unsinn. Neben ein paar fragwürdigen Platzierungen in den Jahrescharts, lassen einen Listen wie die "schwulsten Momente des Jahres" schonmal die Nase rümpfen. In einer Hinsicht ist dem Ganzen aber nichtsmehr hinzuzufügen: Der Aufnahme von The Woods in die 25 besten Platten des Jahres (Platz 19!) und der Bemerkung, das Album klänge wie ein "übersteuertes Led Zeppelin-Bootleg". Höchstens noch die Feststellung eines Users auf Sonicyouth.com: "Thats how a guitar should sound like!". Mein Einwurf dazu wäre, dass The Woods eines der Alben ist, für die man seine hellhörige Mietwohnung aufgibt und sich in einer verlassenen Waldhütte einnistet um das Album endlich in gebührender Lautstärke hören zu können.

Die White Stripes haben es ja vorgemacht: die Reintegration von Bluesstandards in moderne Rockmusik. Ganz diesen Kurs fahren Sleater-Kinney dabei zwar nicht, doch eine gehörige Portion Sixties-Appeal lässt sich nicht verstecken. Wo die Stripes sehr reduziert und minimalistisch zu Werke gehen und das berühmte Rumpelschlagzeug eigentlich reicht um die Blues-Licks voranzutreiben, backen Sleater Kinney lieber nochmal 10cm Noise-Schnittkäse über die Sache und verstecken sich hinter verzerrten Vocal-Spuren und voll aufgedrehten Höhen. Naja gut, was heißt verstecken? Eine Sängerin die sich bereits im ersten Song, dem alles vernichtenden The Fox, mit einem mehr als beeindruckenden Vibrato in der Stimme in die Gitarrenspuren haut, versteckt sich vermutlich nicht wirklich. Überall scheppert es, eine zweite Stimme wimmert im Hintergrund, der Song bremst langsam ab. Was war das? Anlage kaputt oder was? Wieso rauscht das so?! Man möchte den Produzenten umarmen für diese Glanzleistung! Nächster Song: Wilderness. Die von mir geliebte 2-Kanal-Gitarren-Abmischung (eine Gitarre in der linken-, eine in der rechten Box) macht hier erstmal deutlich wie wunderbar sich die Band die Bälle zuspielt - ok Sleater-Kinney spielen auch schon eine ganze Weile zusammen, haben unzählige (ok: es sind 7!) Alben miteinander aufgenommen - trotzdem! Ein rückwärts abgespieltes Gitarrensolo bei Whats Mine is Yours - wann gab es sowas das letzte mal seit Hendrix? Sicher, die Band bedient sich alter Tricks, hat aber einen derartigen Charme und eine Kraft, dass man ihnen selbst die plumpste Kopie nicht übelnehmen würde. Kann man auch gar nicht, denn die Songs sind dermaßen clever arrangiert, dass mir erst gar keine Kritik einfällt. Der Wechsel zwischen weiblicher Betroffenheits-Lyrik und dem unglaublichen Melodiebogen den Sängerin Corin Tucker daraufhin herrausschreit in Jumpers ist einer der vielen Beweise dafür. Diese ganzen Details im Sound die man erst nach etlichen Durchläufen bemerkt! Und im besinnlichen Modern Girl schließlich noch die bitterste Textzeile des letzten Jahres "my whole life looked like a picture of a sunny day!". Außerdem gibt es tonnenweise einprägsame Melodien und noch-mal-bitte!-Momente an jeder Ecke. Schade ist nur, dass Sleater-Kinney ihr größtes Versprechen leider nicht ganz einlösen: Let's call it love. Beim Blick auf die ehrfurchterregende Länge von 11min und den ersten, Großes versprechenden, Gitarrenklängen läuft man schon fast über vor Freude. Leider kann das Stück die Erwartungen aber nicht ganz erfüllen. Als 4min-Song - Grandios! Aber auf 11 Minuten gestreckt lässt es die Aufmerksamkeit das ein oder andere mal abschweifen - dafür passiert einfach nicht genug. Bloß gut, dass sie sich das geniale Night Light (selten klang ein Song so dermaßen nach seinem Titel!) als Schlusslicht aufgespart haben und nochmal alles auf den Punkt bringen, was das Album ausmacht: Leidenschaft, enorme Spielfreude und einen Sound nah an der Perfektion!


Album Of The Year
Album Of The Year
Preis: EUR 19,68

4.0 von 5 Sternen The Good Life - Album of the Year, 17. Oktober 2010
Rezension bezieht sich auf: Album Of The Year (Audio CD)
The Good Life ist in erster Linie Tim Kasher. Wer sich ein bischen im Saddle Creek-Universum auskennt, weiß, dass er eine Art Übervater für die ganzen anderen großartigen Bands (Bright Eyes, The Faint, Azure Ray um mal die bekanntesten zu nennen) darstellt. Legenden zufolge habe er Connor Oberst das Gitarre-spielen beigebracht, das Label mitbegründet, usw. Kasher singt sowohl bei The Good Life als auch bei Cursive, dem etwas drahtigeren, schrägeren, gitarrenlastigeren Bandzweig. Nach deren 2003er Veröffentlichung The Ugly Organ und natürlich dem Bright Eyes Meisterwerk Lifted, stand die Indie-Welt Kopf und im Jahre 2004 hörte man keinen Namen öfter in der Presse als Saddle Creek. Umso sträflicher und vorallem unverständlicher, dass diese LP offenbar völlig außen vor gelassen wurde. Man hatte die Welt mit der flotten Lovers need Laywers EP auf den Super-Gau vorbereitet und nun? Nicht dass auch andere die Qualität der Band nicht erkannt hätten - der Rolling Stone gab 4 von 5 Sternen, die beiden Konzerte im Dresdner Starclub waren ordentlich besucht - vielleicht war einfach der Schatten des damaligen Bright Eyes-Erfolgs zu groß?

Umso mehr ein Grund das Album hier mal vollends zu würdigen! Es ist keine Platte die einen sofort anspringt - eigentlich sogar ganz im Gegenteil. Die Instrumentierung ist zwar liebevoll, aber doch sehr reduziert, die Produktion aufs Nötigste beschränkt. Die Textlawinen drohen einen erstmal zu erdrücken - selbst wenn hier eigentlich gar nix verschleiert wird! Bereits das Coverartwork und die Songtitel deuten an - hier begleiten wir ein Pärchen durch ein Jahr Trennung - von April bis März - ein richtiges Konzeptalbum also! Im ersten Track Album of the Year erzählt uns Kasher wie er sein Mädchen damals kotzend auf der Damentoilette kennengelernt hat- sie nimmt sich ein Herz und ihn mit heim ("She said she'd never seen someone so lost, I said I'd never felt so found"). Und am Ende des Songs gehen sie bereits getrennte Wege - und damit ist auch sofort schonmal der Grundtenor des Albums vorgegeben. Musikalisch sieht das ungefähr so aus: die ersten 3 Minuten bestreitet Kasher allein mit Gitarre bis der Song plötzlich von einer wahnwitzigen Bongo-Figur weggetragen wird (ungefähr da, wo es anfängt traurig zu werden...). Wer The Good Life einmal live gesehen hat wird wissen, dass der Mann ein unglaubliches Erzähltalent hat und wie man es mit den Songtexten zu halten hat. Im Folgenden ist die Platte natürlich eine Berg-und Talfahrt (emotional, nicht qualitativ!) wie es eben so ist wenn man sich trennt. Das mit der Trennung im Einvernehmen klappt doch nicht so richtig und der Protagonist will sein Mädchen zurück ("October Leaves"), das Mädchen hat schonwieder jemand anderen ("A New Friend" - übrigens mit dermaßen herzzereißender Lead-Gitarre von Ryan Fox!). Beim aus Perspektive der Frau gesungenen Inmates gibt es gefühlte 20 Seiten Lyrics die nochmal alle Dämme brechen und entgültig zeigen, dass man das Textblatt auch als Gedichtssammlung veröffentlichen könnte. Soviele Details und zitierwürdige Zeilen gab es selten und doch wirkt es, als würde dir Kasher persönlich alles, am Boden zerstört, am Tresen erzählen. Gerade dieser Song zeigt trotz seiner instrumentalen Kargheit, wie komplex das Album angelegt ist - man muss es sich quasi erarbeiten und hat am Ende fast das Gefühl als hätte man wirklich was geschafft (jetzt nicht im negativen Sinne). Zusammenfassend bleibt eigentlich nur zu sagen, dass Album of the Year zwar nicht ganz so von den Socken haut wie z.B. die letzten Bright Eyes-Werke, sich aber dennoch ganz und gar nicht verstecken braucht. Sperriger aber später erfüllender geht nicht. Und ich muss hier einfach nochmal darauf hinweisen, dass man The Good Life unbedingt live sehen sollte (vielleicht MUSS um Feuer zu fangen) wenn man die Möglichkeit hat!


The Times They Are A-Changin'
The Times They Are A-Changin'
Preis: EUR 5,99

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Bob Dylan - The Times they are a-changing, 17. Oktober 2010
Rezension bezieht sich auf: The Times They Are A-Changin' (Audio CD)
Wenn es je einen Preis für das "trockenste" Album aller Zeiten geben sollte, dann würde ihn The Times they are a-changing ganz sicher einheimsen. Trocken und Ernst. Mindestens so ernst wie Bobs Blick auf dem Cover. Kein Schimmern der ätzenden Ironie, welche er auf seinen späteren Alben entdeckt und so puristisch arrangiert und instrumentiert wie irgendwie möglich. Der Stempel "Protestsänger" den er sich mit seinen Auftritten, seinem vorhergehenden, zweiten Album The Freewheelin' Bob Dylan und vorallem mit dem obligatorischen Blowing in the Wind eingebracht hat, trifft hier noch vollends zu. Das Album war binnen 6 Tagen eingespielt, was für Dylan damals eine relativ lange Zeit war (der Nachfolger Another Side of Bob Dylan entstand später 1964 in einer Nacht). Er war ja auch unabhängig, musste noch keine Band koordinieren. Demzufolge gibts auf dieser LP auch wirklich 100% Dylan - Stimme, Akustikgitarre und Mundharmonika. Auf einem der Outtakes der Sessions gibt es (veröffentlicht auf The Bootleg Series vol. 2) ein minimalistisches Piano in Paths of Victory zu hören - der einzige instrumentale Ausreisser aus diesem kargen Schema.

Im Titeltrack klampft sich Dylan durch den gefühlten Nachfolger von Blowing in the Wind - kein anderer Song dieses Albums wurde ähnlich populär und geht so plakativ ("plakativ" natürlich in Dylan-Maßstäben) an die Sache ran. Außerdem ist er der einzige, in dem er so etwas wie Gesang einbringt. Der Ear-Catcher des Albums sozusagen. Song Nr. 2 Ballad of Hollis Brown erzählt dann schon direkter die Geschichte einer verarmten Familie, deren Oberhaupt (Hollis Brown - ein ausnamsweise fiktiver Charakter) sein letztes Geld schließlich für 7 Schrotkugeln ausgibt. Schluck. Es gibt dann zwar auch weniger politische bzw. sozialkritische Songs auf der LP wie bspw. One too many Mornings, doch diese tonnenschwere Ernsthaftigkeit ist ständig präsent. Einige Kritiker bezeichneten es als geradezu "depremierendes Werk, welches man nur in kleineren Dosen zu sich nehmen sollte". Insgesamt könnte man über die musikalische Qualität sagen, dass sich für das nebenherhörende Ohr alles ziemlich ähnlich anhört. Bei Boots of Spanish Leather verwendet Dylan sogar dieselbe Melodie wie beim, nur 1 Jahr zuvor auf The Freewheelin' Bob Dylan erschienenen Hit (!) Girl from North Country. Er bedient sich bei jedem Song (außer eben bei Times they are a-changing) einer beiläufigen Art des Storytellings, trifft aber textlich immer den Punkt. Seine Gitarre spielt ständig neben der Stimme. Und für heutige Verhältnisse ist es ziemlich unglaublich, dass sich auf der ganzen Platte kein einziger Schlagzeugtakt befindet. Doch diese kühle Strenge und Kargheit in Verbindung mit den anklagenden Texten hat irgendwie auch seinen besonderen Reiz. Ausgestattet mit einem atemberaubenden Reimschema immer eine Spur neben dem Takt - Only a Pawn in their Game - auch so ein Texthammer, vorallem wenn man die Zusammenhänge dieser Geschichte über den ermordeten Bürgerrechtler Medgar Evers kennt (Wikipedia!). Überhaupt sollte man schon einiges Verständnis für die Ängste und Nöte dieser Zeit haben um zu begreifen, welche Sprengkraft eine solche Platte damals hatte. Dass ein Song wie With God on your Side dabei manchmal etwas (!) zu simpel und populitistisch gerät (was ihm natürlich nix von seiner Wahrheit nimmt) ist eben dem Geist der Zeit zuzuschreiben. Nur war es damals nicht nur ein kurzlebiger Modetrend, sich als Musiker gegen die Regierung zu äußern. Es sollte die letzte LP werden auf der Dylan mit derartig erhobenem Zeigefinger von sich weg (in alle möglichen Richtungen!) zeigt. Und wahrscheinlich auch die letzte, die die Folkies, die eingeschworene Protestgemeinde, zu 100% zufriedenstellen konnte.


Murray Street
Murray Street
Preis: EUR 7,79

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sonic Youth - Murray Street, 17. Oktober 2010
Rezension bezieht sich auf: Murray Street (Audio CD)
Wenn es eine Band gibt die ich bis zum Erbrechen studiert und erforscht habe, bei der ich die Tracklist jeder limitierten Single herunterbeten könnte, und die tatsächlich am häufigsten in meiner Sammlung auftritt, dann ist es wohl Sonic Youth. Und einfach nur deswegen gibts hier auch schon meine vierte Rezension von ihnen! Ein anderer Grund dafür ist, dass ich seit dem Erscheinen des Albums, der Murray Street-Periode, Fan bin. Dass der Besuch meines ersten (und leider bisher einzigen) Sonic Youth-Konzertes auf der Murray Street-Tour war. Und weil hier vom Cover bis zum letzten Ton bei Sympathie for the Strawberry alles durchtränkt ist von positiven Erinnerungen und Gedanken.

Die Metarmophose der Band vom nihilistischen Noise-Monster, über die hitfähigen "Grunge-Erfinder" (das stammt nicht von mir!) der Dirty-Ära, hin zur verschlafenen (gar nicht mal negativ gemeint) Jam-Band der heutigen Zeit über die Dauer von 25 Jahren war immer spannend und erstaunlich ausfallsfrei. Aber dass Sonic Youth gerade im Herbst ihrer Karriere noch ein paar besondere Juwelen veröffentlichen (eigentlich ist alles seit Washing Machine 1995 Gold wert), damit wahr wohl nicht zu rechnen. Aber man kann dennoch nicht leugnen, dass sie etwas gemütlicher geworden sind, altersweise fast. Am deutlichsten wurde das für mich bisher mit diesem Album. Dass ein Großteil der Songs von Thurston Moore auf der Akustikgitarre geschrieben wurden merkt man sofort, klingen die Opener doch wie elektrifizierte Folk Songs (und so sind sie natürlich angemessen überzeugend als echte Akustikversionen, mitgeschnitten in einer Bandsession des Radiosenders WERS - unbedingt mal suchen!). Das schönste an diesem Album ist jedoch seine Unbefangenheit, seine Mut zur kleinen versöhnlichen (The Empty Page) und zur großen umarmenden (Rain on Tin) Geste. Hier spielt eine Band die wirklich nichts mehr zu beweisen hat, die ihre kuschlige Ruhe im bandeigenen Studio/Bandmuseum Echo Canyon gefunden hat (welches leider vor einiger Zeit der Immobilienarmut in New York City zum Opfer fiel und geräumt werden musste - ironischerweise hatte das Studio sogar den, in unmittelbarer Nähe stattfinden, Terrorangriff am 11.9.01 überlebt!). Beweisen wollen sie uns aber trotzdem was. So wird Kim Gordon im finalen Sympathy for the Strawberry von der exalierten No-Wave-Lady zur stillen Märchenerzählerin - Thurston vom coolen, redseligen Sympathieträger zum Romancier an der kaum verzerrten Picking Gitarre. Nur Lee ist immer noch der notorische Trauerkloß der in Karen Revisited alle Weltschmerz-Register zieht - aber dafür lieben wir ihn ja! Schwierig wird es schon, die Beiträge des zu diesem Zeitpunkt gerade fest eingestiegenen Jim O'Rourke auszumachen. Er spielt sich zwar um Kopf und Kragen, doch bei solch präzisen Gitarristen wie Renaldo und Moore es sind, ist es schwer aus dem Schatten zu treten. So bleibt er dabei was er am besten kann und macht den Splitpart von Karen durch seine bekannten, vorallem im Solowerk verwurzelten Ambient-Einschübe zum Ereignis ohne das ganze zum blanken Noise verkommen zu lassen. Also fassen wir es jetzt mal ganz respektlos zusammen: nach einem Indie-Superhit (The Empty Page), drei atemberaubenden, verhuscht jazzigen Mini-Sinfonien (Disconnection Notice, Rain on Tin(!), Radical Adults lick Godhead Style), einem überlangen Ambientschmachter (Karen Revisited), einem krächzenden Totalausfall (Plastic Sun) und dem wohlig-versöhnlichem Ende (Sympathy for the Strawberry) (das sind gerade mal 7 Tracks!) zeigen uns Sonic Youth wie man einen Klassiker bastelt und in Würde altert. Und um jetzt doch nochmal etwas Leidenschaft reinzubringen, preise ich einfach mal Rain on Tin. Es wird schwierig im Sonic Youth-Komos ein ähnlich brillantes Stück zu finden, dass so lyrisch und mitreissend wirkt. Und dabei meine ich keineswegs die Lyrics! So eine dermaßen perfekt durcharrangierte Großtat hat die Band nie wieder hingekriegt und allein schon deswegen verzeihe ich den Plastic Sun-Ausreisser und gebe dem Album die Höchstnote. Einfach so!
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 28, 2012 7:08 AM MEST


XTRMNTR
XTRMNTR
Preis: EUR 9,53

5.0 von 5 Sternen Primal Scream - XTRMNTR, 17. Oktober 2010
Rezension bezieht sich auf: XTRMNTR (Audio CD)
Es gibt Bands, denen nimmt man einfach so gut wie gar nichts übel, die kommen ihr Leben lang mit allem durch und müssen sich für nichts rechtfertigen. The Fall z.B. haben seit 30 Jahren einen ähnlichen Sound, man muss die Unterschiede schon mit der Lupe suchen...aber man will doch auch gar keine andersklingende Fall-Platte, oder?! - weiter so Mark! Im Normalfall läuft es allerdings so: Nehmen wir mal an, eine Band steht kurz davor nach 2 relativ gleichförmigen Alben ihre dritte Platte zu veröffentlichen. Die Presse schreit nach Veränderung, nach Weiterentwicklung - die Fans wollen natürlich noch mehr Hits und müssen bei Laune gehalten werden. Die Lösung dafür ist dann leider meistens die einfachste; "Naja, machen wir halt n bischen was elektronisches mit rein!". Und so darf man sich in Interviews später verteidigen: "Wir sind mit unserem dritten Album viel elektronischer geworden - ein mutiger Schritt!". Hm. Primal Scream hingegen ist eine Band, die sich nie davor gescheut hat, ihren ganzen Sound umzustülpen und auch nach todsicheren Hitalben das auszuprobieren, was niemand erwartet hätte. Und auch die Sache mit der Elektronik nehmen sie etwas ernster. Sie belassen es nicht dabei, ein paar niedliche Drum Patterns und das gelegentliche Puckern eines Synthies zwischen die Songs zu kleistern sondern schaffen es tatsächlich als eine der wenigen Bands überzeugend, Elektronik und Rock lückenlos zu verschmelzen.

Seit XTRMNTR sind Primal Scream nun auch noch zur Indie-Supergroup geworden: Mastermind Bobby Gillespie hat Anfang der 80er den Jesus and Mary Chain-Klassiker Psychocandy eingetrommelt, Bassist Mani brachte bereits die Stone Roses mit seinen Trademark-Basslicks in die Charts und Produzent/Livegitarrist Kevin Shield war Frontmann der vergötterten Noisetruppe My Bloody Valentine (die Creation Records mit ihrem letzten Album Loveless fast ruiniert hätten - umso ironischer, dass er jetzt quasi wieder da unter Vertrag steht!). Dass diese Band aber trotz diesem Line up und unzähliger Hits (besonders zu Screamedelica-Zeiten) niemand so richtig auf dem Schirm hat, liegt wohl vorallem an ihrer radikalen Einstellung. Gillespies politische Statements und sein ausufernder Drogenkonsum taugen eben nicht für ein Image als Everybodys Darling. Die Verbindung all dieser Extreme, die Radikalität und die Kreativität der 3 erwähnten Mitglieder ist es, die XTRMNTR (sprich: Exterminator) schließlich ausmacht. Lange Zeit war es für mich das Album, welches man unter keinen Umständen in einem Rutsch durchhören kann. Das liegt natürlich erstmal an der unheimlichen Reizüberflutung die einen bei den ersten Durchgängen ereilt - überall fiept es, Tonnen von Noise und Sequenzern begraben den Gesang, meist spielen ein Live-Schlagzeug und eine Drummachine parrallel verschiedene Beats. Und wird im Opener Kill all Hippies (Hit!) noch kultiviert Schicht auf Schicht gelegt, fällt das folgene Accelerator mit der Tür ins Haus und ist einfach nur mal laut. Wieviele Gitarrenspuren da wohl übereinandergelegt wurden? Swastika Eyes (Deutscher Singletitel: War Pigs...) wird zum siebenminütigen Acid-Rave und...zum Hit! Pills spielt mit Einflüssen von OldSchool-HipHop, mit Keep Your Dreams wirds etwas beschaulicher (später großartig kopiert auf ihrem nächsten Album Evil Heat als Space Blues #2). Die drei Fast-Instrumentals Shoot Speed Kill Light, Blood Money und MBV Arkestra (steht MBV eigentlich für My Bloody Valentine?) rauben einem schließlich gänzlich den Atem und machen klar, was hier eigentlich für unglaubliche Musiker und Komponisten am Werk sind (und natürlich wie gut Kevin Shields der Band tut!). XTRMNTR ist einfach ein unglaublich lautes und tanzbares, begeisterndes Werk. Und man muss es auch mal würdigen: Mani streut hier dermaßen simple aber griffige Basslines ein, die durchaus an seine Arbeiten mit den Stone Roses anknüpfen, und bereichert damit den Sound von Primal Scream unheimlich. Dieses pointierte Spielen ist einfach mal eine Klasse für sich - ganz toll! Einziger Wehrmutstropfen: Der Remix von Swastika Eyes der Chemical Brothers, der hätte einfach mal nicht sein müssen. Sie machen sich den Song zwar durchaus zu eigen, aber besonders erhellend ist das im Albumkontext nicht. Auch dass das tolle (wenn auch eher auf Give out but dont give up passende) I'm five years ahead of my time es nicht auf die UK-Version von XTRMNTR geschafft hat ist ein bischen schade. Das alles hindert mich aber nicht daran (schon wieder!) die Höchstwertung zu vergeben.


Pornography (Remastered)
Pornography (Remastered)
Preis: EUR 7,79

11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen The Cure - Pornography, 17. Oktober 2010
Rezension bezieht sich auf: Pornography (Remastered) (Audio CD)
Denkt man heute an The Cure, erinnert man sich häufig erstmal an Mainstream Superhits wie Boys don't cry, A Forest, Close to me oder Friday i'm in Love. Und die Tatsache, dass die Band von vielen nur als 80er Band wahr- und nicht besonders ernstgenommen wird, ist ja auch nicht zu leugnen. Robert Smith ist für die meisten eben nur der etwas dickliche, mit den komischen Haaren und dem verschmierten Lippenstift. Dass The Cure aber mal eine wirklich ernsthaft verstörende und innovative Band waren, daran erinnern sich meist nur die Fans. Und tatsächlich: Wenn ein Cure-Album eine Rezension verdient hat, dann ist es nicht das häufig mehr geschätzte Disintegration oder das zweite Album 17 Seconds, sondern höchstens das Spätwerk Bloodflowers, aber im ganz besonderen eben die 82er LP Pornography.

1982 hätte Robert Smith wahrscheinlich nie gedacht, dass er genau 20 Jahre später mal im Berliner Tempodrom stehen würde und mit seiner Band (von deren Original Line-Up inzwischen nur noch er und Bassist Simon Gallup übrig waren) die "Dark Trilogy" bestehend aus Pornography, Disintegration und Bloodflowers spielen würde. Den Begriff und den angeblichen Zusammenhang zwischen den Platten hatte er sich zugegebenermaßen extra für dieses Konzert ausgedacht - der wahre Grund war wohl eher, dass man den Fans zum 25jährigen Bandjubiläum das geben wollte, was sie wollten. Denn war Bloodflowers eher eine (zu Unrecht!) etwas ungeliebte Herzensangelegenheit von Smith, sind Disintegration und Pornography seit jeher die Fan Favorites. Und hätte er sich 1982 vorstellen können, dass nur wenige Jahre später etliche Fans so aussehen wie er und sich zu den Klängen seines gerade entstehenden Albums in Grufti-Tänzen vor der Bühne winden? Um das Ganze mal etwas zu entzaubern: Smith und Gallup waren damals ziemliche Drogenfreaks (und das hört man auch auf dem Album), der damalige Drummer Laurence Tolhurst hatte zwei linke Hände (weswegen Gallup die meisten Patterns für Pornography einspielte bzw gleich die Drum-Machine rausholte und Tolhurst ans Keyboard verscheuchte, wo er nur ab und zu mal eine andere Taste drücken musste - und selbst das nur mit Smiths Hilfe). Unter den zahlreichen Geschichten die in Interviews mit Smith zum Albumjubiläum ans Licht kamen waren u.a. Schilderungen von Acid-Trips nach denen er sich am nächsten Morgen mit Zahnstochern durchbohrt wiederfand (!) - doch eigentlich erinnere man sich sowieso nicht mehr allzu gut. Auch war die Atmosphäre im Studio wohl nicht die beste - Gallup ging nach der Veröffentlichung erstmal eigene (wahrscheinlich nicht gerade gesunde) Wege und stieg erst 1985 zu Head on the Door-Zeiten wieder ein. Aber selbst wenn das Album themenmäßig einem apokalyptischen Manifest gleicht, hört man der Instrumentierung erfreulicherweise nicht an, wie um es die Band damals bestellt war. Der Vorgänger Faith war zwar schon nah am Trademark-Cure-Sound aber mit Pornography hatten sie es endlich: Smiths Geheul (das ist es nunmal gewissermaßen) war nie dramatischer, die Texte nie wieder so bildhaft. Man wußte, dass man sich nur auf Gallups Basslines verlassen musste und einen Hit hatte. Wobei Hit natürlich relativ ist, denn eigentlich war das Album 1982 ein ziemlicher, fast unhörbarer Hammer. Der 1980er Hit A Forest klingelte noch in den Ohren und sogar Faith hatte noch 2 schnellere Tanzflächentracks zu bieten. Hier jedoch lautet die erste Textzeile "It doesn't matter if we all die", Smith, Gallup und Tolhurst blicken als bizarr verschwommene Gestalten vom Cover und die ganze Atmosphäre machte die Band zu...ja, den Paten der Gothic-Bewegung (und diese ganze Entwicklung in nur 4 Jahren seit der Veröffentlichung der ersten, noch deutlich auf der Punkwelle mitreitenden Single Killing an Arab!). Dass das Album aber trotzdem mehr ist als sein Mythos liegt an seinem tollen und tatsächlich einzigartigen, nie kopierten Sound, der sich im Vergleich zu den Vorgängern deutlich weiterentwickelt hat (so z.B. ein Cello in Cold, Sprach-Samples in Pornography, ...). Alles wirkt so zeitlos, keine Spur des typischen 80er Klangs, welcher viele Alben aus der Zeit so antiquiert klingen lässt.

Der Opener 100 Years ist bis heute ein unangreifbarer Klassiker - auch wenn man immer nocht nicht so genau weiß, worüber Smith da eigentlich gerade singt. Gleiches gilt für Hanging Garden - auch so ein Track dem man sofort anhört, dass er 100%ig intuitiv entstanden sein muss. Die Monotonie die Songs wie Siamese Twins zugrunde liegt, ist dann auch der Hauptträger des Sounds und lässt einen nicht selten an elektronische Musik denken. Ein besonderes Lob muss man Robert Smith wirklich mal für sein Gitarrenspiel machen. Er leistet hier zwar keine Höchstleistungen was die Spieltechnik angeht, trifft aber mit seinen minimalistischen, kaum verzerrten Licks immer den Nerv des Songs (siehe z.B. A Strange Day mit der charakteristischen Instrumental Bridge). Und Tracks wie Cold und das auch heute noch gern gespielte The Figurehead sind an Intensität eigentlich kaum zu überbieten. Der sample-beladene Titeltrack ist schließlich noch einmal die Bestätigung, dass The Cure gewissermaßen ihrer Zeit vorrauswaren und hier ein unglaubliches Klangbild zeichnen, dass entfernt sogar an Bands wie Boards of Canada erinnert - nur eben "etwas" düsterer. Nach einem solchen Brocken sah Smith seine Band schon am Ende und komponierte eher "zum Spaß" bzw. aus Trotz und vorallem um den Mythos Cure zu zerstören, unfehlbare Pop-Hits wie Let's go to Bed und The Lovecats, welche allesamt zu Singlehits für das ganz große Publikum wurden. Einen größeren Stilbruch hat es in der Musikwelt vielleicht nie gegeben - auch wenn natürlich auch diese Songs einen heftigen Sarkasmus durchschimmern ließen (man schaue sich nur mal die Videos an!). Als es vor ein paar Jahren offenbar "in" war sich als junge Band für The Cure zu begeistern und sogar ein "MTV Icon: The Cure" ausgestrahlt wurde (mit Ehrerbietungen von u.a. The Rapture, Hot Hot Heat, Blink 182, Deftones und Razorlight), wurde auch Pornography als wiederentdeckter Klassiker gefeiert und sogar mit einer, durchaus hörenswerten, CD-Reissue geehrt. Natürlich war dieser neue Ruhm nur von kurzer Dauer, Pornography wird aber vermutlich immer der ewige Klassiker der Band bleiben (auch für mich!).


A Thousand Leaves
A Thousand Leaves
Preis: EUR 11,91

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sonic Youth - A Thousand Leaves, 16. Oktober 2010
Rezension bezieht sich auf: A Thousand Leaves (Audio CD)
Das wievielte Sonic Youth Album A Thousand Leaves denn nun ist? Keine Ahnung! Wenn man die millionen EP's, Soundtracks, das Sonic Death-Livealbum und das Best of der Blast First Labeljahre Screaming Fields of Sonic Love weglässt, sollte es das 11te sein. Das ist halt so Ansichtssache. Fest steht aber, sie waren niemals zuvor und auch nie mehr danach so reif, so erwachsen, so im Jazz verwurzelt. Bei näherer Betrachtung könnte man es fast als konservatives Album betrachten. Natürlich nicht konservativ im Folk-Sinn. Oder gar im politischen. Eher konservativ in der Instrumentierung, in der Gemäßigtkeit der Aufnahmen. Klar befindet sich auch hier der ein oder andere Rocker, zu dem sich Sonic Youth (manchmal muss man sagen leider) seit Goo und Dirty offenbar verpflichtet fühlen. Doch größtenteils dominieren die leisen Töne, die langen Improvisationen, die ausgeklügelten Arrangements. Und diesmal wollen diese Tracks einfach nicht nach den Straßen New Yorks klingen (wie z.B. noch mustergültig auf Daydream Nation), sondern erinnern eher an einen stickigen, dampfenden Südstaaten-Moor, nach Erinnerungen an Blues und New Orleans Jazz.

Ausgerechnet der erste Track ist dann aber doch dermaßen von der Rolle, dass er eigentlich so gar nicht zum Rest des Albums passen will. Contre le Sexisme ist eigentlich nur eine Vocal-Improvisation getragen von...ja was? Geräuschen! Könnte glatt von einer der SYR-EP's stammen, welche die Band in diesen Jahren in Eigenvertrieb unter das Volk brachte. Doch so befremdlich der Song wirkt (Freunde der Dirty-Ära werden schon die Ohren angelegt haben), er ist der perfekte Opener für das Nachfolgende. Sunday haut anschließend plötzlich so beherzt in die Saiten, dass man sich wundert, dass die besungene Alltagstragik, die Hassliebe zu Sonntagen, die besungene Melancholie trotzdem 100%ig glaubhaft bleibt. Der anschließende Noise-Ausbruch bleibt gemäßigt, regt höchstens das Tanzbein, verblüfft mit Rhytmik - was ist hier nur auf einmal los? Das war dann auch schon quasi das Pop-Wunder von A Thousand Leaves.

Bleiben noch die erwähnten Rocker (French Tickler, The Ineffable me) welche im Kontext zwar einigermaßen deplaziert wirken, einzeln aber natürlich trotzdem Spaß machen, sowie die Herzstücke des Albums. Wenn ich von den Herzstücken spreche meine ich Wildflower Soul, Hoarfrost, Hits of Sunshine, Karen Koltrane und Snare Girl. Sonic Youth ist jetzt nicht unbedingt die Band, die mit gefühlvollem Songwriting und emotionalen Texten berühmt geworden ist. Sie waren eher Die, welche Noise aller Art ein Stückchen in Hörweite der Pop/Rockmusik geschoben haben. Damit meine ich keineswegs, dass die Band ein emotionaler Eisklotz war. Wish Fulfillment, Winner's Blues oder Little Trouble Girl waren in der Vergangenheit gute Beispiele für tiefergehende Songs. Doch so umfassende Manifeste wie Hoarfrost (welches dabei noch etwas kühl klingt) oder Hits of Sunshine (welches dann entgültig die Fensterläden aufreißt und in der Morgensonne tief Luft holt) gab es vorher nie. Und bei aller Liebe zu den Nachfolgern NYC Ghosts & Flowers (dessen überwältigende Qualitäten jedoch woanders liegen) und Murray Street - solche Gefühle gab es auch danach nichtmehr. Man hat fast das Gefühl sich an der Platte wärmen zu können.

Sicher man kann die Platte auch anders hören. Man kann die langgezogenen Songs bemängeln (Hits of Sunshine bringt es auf über 11min) oder finden, dass sie genau die richtige Länge haben. Man kann damit argumentieren, Sonic Youth wären früher viel visionärer, viel aufregender gewesen oder aber man liebt einfach die neue Entspanntheit, das sich-nichts-mehr-beweisen-müssen. Für Jene, die offen sind und die Fusion von Impro Jazz und Noise-Rock hören wollen und die Komplexität der neuen Sonic Youth schätzen, kann diese Platte aber nur ein Meilenstein sein.


Lifes Rich Pageant - The I.R.S. Years Vintage 1986
Lifes Rich Pageant - The I.R.S. Years Vintage 1986
Preis: EUR 7,79

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen R.E.M. - Lifes Rich Pageant, 16. Oktober 2010
Egal was die Leute sagen, ob R.E.M. nun mit dem Wechsel zum Major Label Warner und ihrem Wandel zu einer der größten Rockbands der Welt ab dem 88er Album Green nun musikalisch tatsächlich kommerzieller geworden sind oder nicht - ihr 1986 erschienenes, inzwischen 4tes Album (in 4 Jahren!) Lifes Rich Pageant ist eindeutig ein Schritt in eine eingängigere Richtung (vorallem nach dem zerwürfelten Vorgänger Fables of the Reconstruction). Und auch wenn das Publikum erst bei The One I love, dem Top 20-Hit vom 87er Document aufhorchte - Dieses hier ist vielleicht wirklich ihre verträglichste LP. Aber das macht doch nichts!

Mitte der 80er war die US-Indiewelt noch in Ordnung: R.E.M. waren eine der gefragtesten Bands des Landes, lieferten ihrem mittelgroßen Indielabel IRS Records jedes Jahr ein kostengünstiges, begeisterndes Album, kehrten ihm aber trotz etlichen Major-Angeboten und stetig wachsender Fanbase auch mit ihrem vierten Album nicht den Rücken. Ganz ohne Veränderungen ging das Ganze natürlich trotzdem nicht vor sich. Aus Michael Stipes gemurmelten, so gut wie unverständlichen Texten am Anfang der Karriere, war längst ein, gelinde gesagt, emotional gefärbter und einfach nur mitreissender Gesang gewurden. Der modrige Südstaatencharme der Instrumentierung war insgesamt einem breitformatigeren Sound gewichen...ja, Lifes Rich Pageant ist vielleicht das erste Album, dass sowohl dem genialen Gitarrenspiel von Peter Buck produktionstechnik die gebührende Ehre erweist, als auch die Geheimwaffe der Band besonders zum Vorschein bringt - backing vocals by Mike Mills.

Auch wenn das düstere Cover, welches die unglaublichen Augenbrauen von Drummer Bill Berry mit einer Horde Büffel zusammenschneidet, eine eher introvertierte Platte verspricht, precht Begin the Begin schon mit einer angemessenen Kraft nach vorne. So genau konnte ich die R.E.M.-Magie ja noch nie beschreiben. Und tatsächlich sind es immer recht einfache Elemente aus denen sich die Songs zusammensetzen - doch egal was einen nun so sehr daran fesselt, dieser Song hat alles davon! Mit These Days (übrigens Bill Berrys Lieblingstrack der IRS Years) geht es dann auch sehr rockistisch weiter, wobei die Band eine dermaßen riesige Dynamik entwickelt, klingt als würden sie schon 20 Jahre zusammenspielen und sich blind die Bälle zuwirft. Irgendwie erinnert der Track mit seinen ständigen Breaks und verschiedenen Gesangstempi an einen Besuch in einer Hüpfburg. Anschließend wird das ganze dann etwas ausgebremst. Sehr melodiös und sogar ein bischen politisch (aber nicht U2-politisch!) dreht sich Fall on Me (besonders schön hier: Mike Mills Gesangsbridge) um sauren Regen, während Cuyahoga offiziell die Verschmutzung des gleichnamigen Flusses thematisiert (für mich war der Song allerdings irgendwie eher ein Statement gegen die Vertreibung/Ermordung der Amerikanischen Ureinwohner..hm naja!). Hyena reisst mit seinem Ein-Wort-Refrain dann nochmal absolut die Wurst vom Teller und zeigt vorallem wie wichtig Bill Berrys Drumming für den Gesamtsound ist (man höre sich unter diesem Eindruck nochmal These Days an). Wieviel Strangeness REM immer noch besaßen beweisen Underneath the Bunker, Just a Touch und das absolut unfassbar komische, hornbrillige Superman-Cover (LEAD-vocals by Mike Mills!) am Ende der Platte. Ob diese Songs nun bewusst schräge Einsprengsel sind um einem eine absolut perfekte Pop-Platte zu "vermiesen", oder ob sie einfach nicht anders konnten sei mal dahingestellt. Für den Einen Skip-Tracks, für den Anderen liebgewonnene, nerdige Zwischenschübe. Etwas kauzig auch das Honkey!-Banjo am Anfang vom absolut brillianten I Believe und die perlende Gitarre auf The Flowers of Guatemala. What if we give it away fällt vielleicht als einziger Track trotz toller Bassline und irgendwie faszinierendem Refrain etwas ab (aber nur vielleicht!) - ein bischen unmotiviert tönen R.E.M. hier - ein krasser Gegensatz zum Rest der Platte. Wäre noch Swan Swan H, der akustische, etwas gruselige Fast-Alleingang von Stipe der hier zwar nicht zur Höchstform aufläuft, dafür aber einen Text im Gepäck hat, der mehr als nur bizarr ist ("Hey captain, don't you want to buy, some bone chains and toothpicks?"). Was bleibt also noch zu sagen? Sicher gibt es ausgereiftere Alben der Band, den Charme von Lifes Rich Pageant macht es aber einfach aus, absolute Pop-Meisterwerke neben betrunkenen Quatsch zu stellen und einem Songs wie Superman als Hits (und Single!!) zu verkaufen. Bei mir hat es jedenfalls funktioniert! Absoluter Klassiker und eine der allerbesten LPs der 80er!


Summer Sun
Summer Sun
Preis: EUR 9,99

5.0 von 5 Sternen Yo La Tengo - Summer Sun, 16. Oktober 2010
Rezension bezieht sich auf: Summer Sun (Audio CD)
Die liebsten Platten sind mir eigentlich die, die klingen als wären sie in einer kleinen Waldhütte aufgenommen wurden. Oder die wirken, als würde die Band im Nebenraum aufnehmen. Also sozusagen Rock-Kammermusik - naja nicht wirklich, aber Ihr wisst was ich meine! Bonnie Prince Billys The Letting Go ist z.B. so eine. Oder die And all that could have been-Bonus Disc Still von den Nine Inch Nails. Und obwohl Summer Sun gar nichts von der Seelenstriptease der beiden genannten Alben hat, schaffen es Yo La Tengo hier mit jedem Song, eine unglaublich intime Atmosphäre aufzubauen. Sie bleiben eher unauffällig, tauchen unter - was fast bezeichnend ist für ihre ganze Karriere, denn diese Band gibt es tatsächlich schon seit 1984! Und? Wer kennt sie? Still und heimlich veröffentlichen sie seit einigen Jahren Klassiker für Klassiker und kaum jemanden kümmerts! Ihr 1997er Aufbruch in die Stilvielfalt mit I can hear the Heart beating as One (vorher konnte man die Band um das Ehepaar Georgia Hubley und Ira Kaplan schon eher als klassische Noise-Rock-Truppe deklarieren) öffnete zwar viele Ohren (vorallem die der Kritiker), doch insgesamt blieben Yo La Tengo zu unscheinbar um irgendwo außerhalb ihrer devoten Fanbase Aufmerksamkeit zu erregen. Zum Reinhören empfehle ich allerdings auf jeden Fall das 2006er, etwas beherzter zupackende Album I'm not afraid of you and I will beat your Ass, vor allem das wunderschöne I feel like going home und das absolut absolut absolut unglaubliche Pass the Hatchet, I think I'm Goodkind.

Und wenn man sich diese beiden Tracks anhört, erkennt man eigentlich auch gleich den (eventuellen...) Nachteil an der riesigen Stilvielfalt die die Band besitzt. So kann auf eine Piano-Ballade nach der man sich am liebsten begraben lassen möchte, durchaus ein funkiger Hüftenschwinger mit Fallsettgesang folgen - und so sehr ich das auch schätze, es ist dann eben nicht immer so harmonisch wie es sein könnte. Schlüssiger ist da Summer Sun, setzt das Album doch fast ausschließlich auf ruhige, irgendwie hypnotische Songs. Viel viel Hall, endlose Wiederholung der rhytmischen Schemen zu breiigen Gitarrensoli und natürlich der überaus schläfrige Gesang der beiden (Nicht-)Sänger Ira und Georgia machen das ganze zu einer ziemlich psychedelischen, ja irgendwie fast schläfrig machenden Reise. Das Ganze fühlt sich an, wie wenn man in der Heuschnupfen-Zeit mit (pardon) verkrusteten Augen aufwacht, sich stöhnend aus dem Bett schält, die Jalousien hochmacht und sich am frühen morgen von der Sonne röntgen lässt. Hmmm...das klingt jetzt doch schon etwas negativ! Dabei beginnt das Album nach dem, tatsächlich etwas zähen, Intro Beach Party Tonight mit dem flotten Little Eyes. Und trotz einer wirklich eingängigen Melodie und allem was dazu gehört, merkt man sofort, dass das Album einen herausfordern wird. Dass das erst der erste Akt ist auf einer Platte, die einem Titel wie How to make a Baby Elephant float an den Kopf knallt, durchaus nicht vor ellenlangen (!) Instrumentalpassagen zurückschreckt und kurz vor schluss noch mal einen über 10minütigen fast-Free-Jazz-Track rausholt. Doch die erste der beiden Platten ist eher beschaulich! Mit Nothing But You and Me folgt ein ruhiger Ira-Track der allerdings eher nicht zu den Highlights des Albums gehört. Da schon eher das Dreigespann aus Season of the Shark mit seinen grandiosen 60s-Harmonien, Today is the Day, dass in einer früheren EP-Version zwar noisiger und druckvoller daherkam, hier aber deutlich durchschlagender mit Schlafzimmerstimme und Slide Guitar (verfehlt seine Wirkung sowieso nie) betört und Tiny Birds, einer länglichen, von Bassist James McNew gesungenen Gitarrensinfonie (so muss man es jetzt einfach mal nennen!). Auf den folgenden Stücken verstärken sich Yo La Tengo um diverse Heimorgeln und hauen einige ultrarythmische und relativ kurze Stücke raus die irgendwie sehr vergänglich wirken. Liest man allein die Titel, fällt die Zuordnung doch relativ schwer - hört man aber die ersten Takte fällt einem erstmal auf wie lang der Song einen bereits begleitet hat, wie oft er Teile des Altags bereichert hat in dem er plötzlich (z.B. damals als Zivi beim Laub kehren) wieder im Gedächtnis aufgetaucht ist und einen an Sonnenstrahlen erinnert die vielleicht gerade im Moment nicht zu sehen sind. Georgia vs Yo La Tengo ist so einer, Winter A-Go-Go ein anderer und Don't have to be so sad vielleicht der schönste! Wie einem hier der Text ins Ohr geflüstert wird, das rückwärts abgespielte Schlagzeug immer wieder um sich selbst kreist und am Ende die eigentlich unspektakuläre aber doch irgendwie befriedigende Lead-Gitarre ihren Weg aus dem Soundmatsch findet, gehört einfach zu den ganz großen Momenten. Und wenn Let's be still anschließend nochmal an die besten Momente aus Sonic Youths Free City Rhymes erinnert, auf einmal in ein absolut überzeugendes Klanggewitter aus besagten Free Jazz Bläsern und (absolut unnervigen) Flöten umschlägt und auf eine komische Art trotzdem sehr meditativ bleibt, versteht man auch das wissende Grinsen von McNew auf dem Cover. Und da es bei Yo La Tengo fast schon Tradition hat, versöhnliche Coverversionen (siehe My Little Corner of the World auf I can hear the Heart beating as One) ans Ende zu stellen, verdient sich als 13ter Track das von Georgia gesungene, wieder einmal wunderschöne, Big Star-Cover Take Care einen einsamen Ehrenplatz. Und danach kann man eine Wand anstarren und sich überlegen was man jetzt macht, mit diesen ganzen neuen Eindrücken und Inspirationen im Kopf.


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