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Die Mormonen -: Der amerikanische Prophet Joseph Smith und seine Kirche
Die Mormonen -: Der amerikanische Prophet Joseph Smith und seine Kirche
von Michael Blume
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,85

3.0 von 5 Sternen Vielweiberei als innovative Antwort, 6. August 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Als 2008 der Republikaner Mitt Romney in den Wahlkampf um das amerikanische Präsidentenamt eintrat, rückten auch die Mormonen, denen Romney angehört, in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Aufgrund der – letztlich erfolglosen - Kandidatur wurde vereinzelt auch die Ansicht vertreten, diese Sekte krasser religiöse Außenseiter sei inzwischen im Mainstream angekommen. Wer sind diese Mormonen – auch Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (HLT) genannt -, die 1830 aufgrund einer geradezu märchenhaften Offenbarung des “Propheten“ Joseph Smith (1805-1844) gegründet wurde? Eine – wenn auch unvollständige – Antwort liefert der Religionswissenschaftler Michael Blume in “Die Mormonen. Der Amerikanische Prophet Joseph Smith & seine Kirche“.

Religionen fallen nicht vom Himmel, auch die der Mormonen nicht. Blume führt den Leser in die Anfangszeit der noch jungen amerikanischen Republik, als sozio-ökonomische Krisen und das in der Verfassung verankerte Verbot einer Staatskirche jenes spezifische gesellschaftliche Klima heranreifen ließen, aus dem aus einer Vielzahl religiöser Experimente letztlich die Mormonen als eine “innovative Antwort“ auf die Probleme dieser Zeit hervorgingen. Smiths Versprechen ging über die vom christlichen Mainstream gepredigte Aussicht auf Erlösung hinaus und beinhaltete die Chance auf Vergöttlichung eines jeden Gläubigen! Der polarisierende Charakter, der von dieser Botschaft kombiniert mit den merkwürdigen Tempelritualen ausging, war Blume zufolge der Schlüssel zum Erfolg, denn jeder Interessierte “musste Botschaft und Botschafter entweder für einen grandiosen Schwindel oder eine revolutionäre Wahrheit halten.“

Blumes Steckenpferd ist die Religionsdemographie, und die Mormonen bieten ein Paradebeispiel für die These, wonach ausgeprägte Religiosität und Geburtenrate einer Religion einhergehen. In den prekären Zeiten des Joseph Smith war die Familie die einzige Sozialversicherung, deren wichtigstes Kapital die Kinder waren: “Die Sehnsucht nach stabilen, glücklichen und großen Familien durchzog nicht nur das gesamte Leben Smiths, sondern prägte auch die gesamte Lehre der Mormonen.“ Von hier aus ist es eigentlich nur noch ein kleiner Sprung bis zur Vielweiberei, die Smith als religiöse Institution einführte und offiziell 1890 abgeschafft wurde. Leider läßt Blume den Leser darüber im Dunkeln, wie Smith auf diese Idee kam, von der man nicht weiß, ob man sie für gerissen-genial oder grotesk halten soll. Ebenso wie sie sich unter den Mormonen durchsetzen und überhaupt wirtschaftlich tragen konnte.

1890 wurde auf staatlichen Druck hin die mormonische Polygamie abgeschafft, doch kam es in der Frage dieser “heiligen Pflicht“ immer wieder zu Abspaltungen von der Hauptkirche. Blume behandelt diese Ausfransungen wie eine Nebensächlichkeit. Hingegen zeichnet der Pulitzer-Preisträger Jon Krakauer in seiner exzellenten Reportage “Mord im Auftrag Gottes“ (2003) ein deutlich kritischeres Bild der Mormonen und ihrer Abspaltungen, aus denen hochproblematische Parallelgesellschaften ausgewachsen sind. Sie gründeten zahlreiche Orte, in denen fundamentalistische Führer herrschen wie die Taliban in Kabul, auch eng gebunden an religiös inspirierter Gewalt. So können ungestört Lustgreise entgegen allen gesetzlichen Bestimmungen mehrfache Zwangsehen eingehen mit teils 14jährigen Mädchen – sexueller Mißbrauch unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit.

Blume eröffnet in seiner Beschreibung nicht einmal die Spitze dieses Eisberges, und das dürfte kaum der Kürze seines Textes geschuldet sein. Das Problem mit Michael Blume ist, daß er allzu sehr seinem Untersuchungsgegenstand, dem “Faszinosum Religion“, erliegt und dafür zu gerne säkulare Kritiker abwertet. Aber gerade bei den Mormonen liegt der Kern des Problems mit den bedenklichen Ausfransungen im Kern der Religion selbst; Hauptkirche und Sekten sind Fleisch vom selben Fleisch. Denn wo sich einer darauf beruft, Offenbarungen vom Himmel selbst empfangen zu haben, ist das Tor geöffnet für jeden weiteren “spirituellen Visionär“ mit Direktleitung zum lieben Gott. Blume erwähnt diese Seite des Mormonentums nicht. Vielleicht wäre sie ihm bekannt, wenn er Krakauers Report gelesen hätte. Jedenfalls fand sich dieses für das Studium der mormonischen Religion unverzichtbare Werk nicht in seiner Literaturliste.

In seiner Prognose sieht Blume – im Gegensatz zu Krakauer - die Zukunft der Mormonen in einer Phase der Stagnation, da ihre hohen Geburtenraten absinken und das kritische Informationsangebot im Internet zu Absetzbewegungen bei den Mitgliedern führt. Das Internet: nicht nur Rekrutierungsplatz für Spinner aller Art, sondern auch eine der schärfsten Waffen der Aufklärung gegen Aberglaube und religiösen Obskurantismus.

Als Einführung und Einstieg ist Michael Blumes “Die Mormonen“ die geeignete Lektüre, obgleich ihm hinsichtlich der kritischen Aspekte dieser Religion die nötige Tiefenschärfe abgeht. Wer sich allein hierauf beschränkt, wird nie verstehen können, warum die Amerikaner froh sein können, daß der Mormone Mitt Romney eben nicht als Präsident in das Weiße Haus eingezogen ist.


Kindeswohl
Kindeswohl
von Ian McEwan
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,00

5.0 von 5 Sternen Göttliches Gebot und menschliches Recht, 23. Juli 2016
Rezension bezieht sich auf: Kindeswohl (Gebundene Ausgabe)
Eines der Kennzeichen für die zunehmende religiöse Pluralisierung der westlichen Staaten sind die vielfältigen und konfliktträchtigen Auseinandersetzungen ihrer säkularen Gesellschaften mit den Traditionen hochverbindlicher, vormoderner Religionsgemeinschaften. Aktuell entzündet sich die Debatte um die Frage, ob hierzulande auch Bekenner islamischer Konfessionen dazu verpflichtet sind, Lehrerinnen die Hand zu reichen und wie es zu bewerten ist, wenn sie diesen Handschlag verweigern.

Eine besondere Brisanz erfährt diese Problematik, wenn minderjährige Angehörige solcher Gruppierungen den Auslöser solcher Konflikte bilden und sie dabei auch noch juristisches Terrain erreicht. Ein solches Exempel durchspielt plausibel der britische Bestsellerautor Ian McEwan in seinem Roman “Kindeswohl“.

Seine Protagonistin ist Fiona Maye, eine renommierte Familienrichterin am Londoner High Court. Ausgerechnet während sie in einer ernsten Ehekrise steckt, wird sie mit einem komplexen Streitfall konfrontiert, der die Grenzen der Medizinethik sprengt: darf ein Krankenhaus seinem schwerkranken Patienten Adam, einem an der Schwelle zur Volljährigkeit stehenden Zeugen Jehovas, auch gegen dessen erklärten Willen – und dem seiner Eltern - als lebensrettende Therapiemaßnahme Bluttransfusionen verabreichen? Oder anders gesprochen: Steht dem erst 17jährigen Adam ein medizinisches Selbstbestimmungsrecht zu, das ihm die Freiheit gibt über sein Leben und seinen Tod zu entscheiden?

Das Blutverbot der Zeugen Jehovas reicht weit über Regeln der Esskultur hinaus. Es geht um mehr als Blutwurst. Drei Bibelstellen definieren den kategorischen Ausschluß der Zeugen Jehovas von Fremdblut als solchem zu medizinischen Zwecken. Damit wird das Blut geheiligt als “Essenz des Menschen, vom wahren Wort Gottes“. Wer es trotzdem zu sich nimmt, verunreinigt sich und seine Seele.

Eile ist in Adams Fall geboten. Und so macht sich die von Zweifeln geplagte Richterin Maye ein eigenes Bild von Adams Persönlichkeit. Sie trifft im Krankenhaus auf einen für sein Alter außergewöhnlich reifen und intelligenten Jugendlichen, der seinen Standpunkt eloquent zu verteidigen weiß. Obwohl Adam Fiona als Satans Vehikel verwirft, die ihn zum Bruch des göttlichen Blutgebots verführen soll, wird diese Begegnung für ihn zur schicksalhaften Wendung.

In ihrem Urteil zeigt sich Fiona überzeugt von Adams Reife. Doch treffend arbeitet sie heraus, daß Adam aufgrund seiner religiösen Sozialisation gar nicht in der Lage ist, eine reflektierte Entscheidung über die Bluttransfusion zu treffen, da es innerhalb der Zeugen Jehovas “keine Kultur der offenen Diskussion oder des Widerspruchs“ gibt. Es ist dies das entscheidende qualitative Merkmal, das den Schädlichkeitscharakter einer Religion bestimmt! Zum Wohle Adams, zum Schutz “vor seiner Religion und vor sich selbst“ gestattet sie die lebensrettende Transfusion.

Einerseits gerettet, entfremdet sich Adam von seiner Religionsgemeinschaft. Sein sicher geglaubtes Weltbild liegt in Trümmern. Aber auch sein zelebriertes Siechtum entlarvt sich im Nachhinein als pubertärer Narzissmus. In dieser Leere wirft er sich Fiona zu, die ihm das Tor zu einer anderen Welt geöffnet hat, und der jedoch dabei ein entscheidender, tragischer Fehler unterläuft.

Ian McEwan geht es nicht explizit um eine Auseinandersetzung mit den obskuren Lehren der Sekte der Zeugen Jehovas. Es gibt noch mehr Gruppierungen wie sie, die in ihrem fundamentalistischen Selbstverständnis in einer tiefen Kluft zum Rest der Welt stehen. In solchen abgeschlossenen Religionssystemen sind die hineingeborenen Kinder die schwächsten Glieder und tragischsten Opfer, wenn ihr Glaube sich zum lebensbedrohenden Wahn steigert. Er macht auf der anderen Seite deutlich, wie gefährlich es sein kann, am Glaubensgebäude eines Menschen zu rütteln, das zentral für dessen Selbstkonzept ist. Ist es bis auf die Fundamente zerstört, so ist der sich darüber ausbreitende Nihilismus für den menschlichen Geist oft unerträglich. Hier nicht mit Bedacht zu agieren, kann ebenso lebensbedrohliche Folgen haben wie der religiöse Wahn selbst.


Sekten - Darstellung der psychologischen Manipulation
Sekten - Darstellung der psychologischen Manipulation
Preis: EUR 12,99

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Niemand muß verrückt sein, um in eine Sekte zu geraten, 12. Juli 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Was macht Sekten so attraktiv? Wie gelingt es ihnen, neue Mitglieder anzuwerben, obwohl oftmals schon auf dem ersten Blick obskure Lehren jeden vernunftbegabten Menschen abstoßen müßten? Die instinktive Erklärung “die sind doch verrückt“ reduziert das Problem auf eine Frage des mentalen Zustands und wird der komplexen Wirksamkeit psychologischer Mechanismen, mit der Sekten Interessierte einwickeln, bei weitem nicht gerecht. Aufklärung ist nötig, nicht allein, um den Sekten die Gewinnung neuer Mitglieder zu erschweren, sondern auch um die so “Eingeschlossenen“ vor allzu ungerechten Verdammungsurteilen der Außenwelt zu schützen.

Einen guten und informativen Überblick über die theoretischen Grundlagen jener manipulativen Techniken, mit denen Sekten arbeiten, hat Petra Schweitzer in ihrer wissenschaftlichen Arbeit “Sekten – Darstellung der psychologischen Manipulation“ zusammengestellt. Frau Schweitzer unterscheidet darin zwischen Gruppen mit und ohne religiösen Konzept, deren destruktiver Charakter darin besteht, daß sie “die Freiheit des Einzelnen einschränken oder dessen Persönlichkeit und Identität angreifen.“

Die Vereinnahmung erfolgt durch Methoden der Gehirnwäsche, Bewußtseinskontrolle und Indoktrination, die eingehend erklärt werden. Als soziale Wesen haben Menschen das Bedürfnis nach Anerkennung durch die Gruppen, in denen sie eingebunden sind. Im Falle einer Sekte bedeutet das, daß sich der Klient unbemerkt dem Konformitätsdruck einer Gruppe anpasst, je tiefer er in sie hineingeht. Dies erfolgt auch durch die Unterwerfung unter einer akzeptierten Autorität. Beides sind psychologische Mechanismen, die durch das Milgram-Experiment und dem Linien-Experiment von Solomon Ash hinreichend belegt sind.

Besonders aufschlußreich ist das fünfstufige Modell der Indoktrination, anhand dessen Frau Schweitzer den Weg eines Klienten von der Anwerbung bis zur Festigung in einer Sekte anschaulich beschreibt und erklärt. Darüber hinaus kommen aber auch andere mit dem Thema im engen Zusammenhang stehende Begrifflichkeiten wie “sensorische Deprivation“, “Autosuggestion/Suggestion“, “Konditionierung“ und “Kognitive Dissonanz“ nicht zu kurz.

Besonders hilfreich auch für Angehörigen von Sektenmitgliedern dürfte das Kapitel “Hilfestellung für Aussteiger“ sein: “Der wichtigste Punkt ist der, den Kontakt zum Mitglied zu halten“ und die persönliche Beziehung so zu gestalten, daß die Sekte außen vor bleibt. Darüber hinaus wird das dreistufige Ausstiegsmodell des auf Sekten spezialisierten Psychologen Dieter Rohmann vorgestellt.

Frau Schweitzer bleibt überwiegend auf der theoretischen Ebene. Nur gelegentlich werden die vorgestellten Methoden veranschaulicht und mit namentlich genannten Gruppen in Verbindung gebracht. Diesen Transfer muß der Leser selber leisten. Frau Schweitzer gelingt es vorbildlich, ihr Anliegen so verständlich zu transportieren, daß auch Laien ohne akademischen Hintergrund mitkommen können. Lediglich der Abschnitt zu “Kognitive Dissonanz“ ist etwas zu abstrakt gehalten.

Problematisch für den Anspruch einer wissenschaftlichen Arbeit sehe ich allerdings die Internet-Recherche bei Wikipedia; etwas was im akademischen Studium aus guten Gründen eigentlich nicht akzeptiert wird. Extrem schwer lesbar wird der Druck durch den sehr kleinen Schriftgrad des Textes. Dieses Problem hätte man mit einem beidseitigen Druck der Seiten umgehen können, um durch den so gewonnen Raum auf einen größeren Schriftgrad zuzugreifen.

Frau Schweitzer stellt klar, daß die vorgestellten Methoden nicht nur bei Sekten Anwendung finden, sondern auch in der Psychotherapie, allerdings ohne das “Selbstkonzept eines Menschen“ zu zerstören. Aber auch jene obskuren Seminare mit ihren Versprechungen auf Selbstoptimierung greifen gerne auf diese Techniken zurück, eben mit den gleichen Folgen, die ein Sekteneinstieg mit sich bringt. Der Schritt in eine Sekte, er kann schneller erfolgen als man denkt.


Endzeit ohne Ende: Die Geschichte der Zeugen Jehovas
Endzeit ohne Ende: Die Geschichte der Zeugen Jehovas
von M James Penton
  Taschenbuch

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wie aus einem Bibelkreis eine der größten Sekten der Welt wurde, 10. Juli 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Abgesehen von den Fallstricken sexueller Unmoral warnt die Führungsriege der Jehovas Zeugen ihre "Schäfchen" vor nichts mehr als den Anfechtungen, die eine akademische Ausbildung mit sich bringen kann. Gerrit Loesch, Mitglied des engsten Führungszirkels der Sekte, bemühte gar den bizarren Vergleich mit einem Kopfschuß, den man durchaus auch überleben könne. Es ist offensichtlich, was diese Funktionäre tatsächlich hier bewegt: die uneingestandene Angst, daß Mitglieder der Zeugen Jehovas auf der Universität mit einem geistigen Rüstzeug versehen werden, das ihren religiösen Glauben und die kruden Doktrinen der Jehovas Zeugen in Frage stellen könnte. Wie berechtigt diese Sorge ist, beweist der Fall von M. James Penton.

Aufgewachsen in einer Zeugen-Familie studierte der Kanadier Penton (Jahrgang 1932) Geschichtswissenschaften und diente sich zum Ältesten seiner Gemeinde hoch. 1980 wurde er wegen seiner Kritik an bestimmten doktrinären Grundsätzen aus der Glaubensgemeinschaft ausgeschlossen. Nur wenige Jahre später erschien die erste Ausgabe von "Apocalypse Delayed: The Story of Jehovah's Witnesses". Es dauerte noch bis 2010, bis der sektenkritische Verein Ausstieg e.V. das Buch in aktualisierter, deutscher Übersetzung unter dem Titel "Endzeit ohne Ende" dem deutschsprachigen Publikum zugänglich machte.

Penton zeichnet die Geschichte der Jehovas Zeugen von ihren Anfängen und theologischen Wurzeln in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach, als der amerikanische Kaufmann Charles Taze Russell (1852-1916) erste als Bibelforscher bekannte Kreise gründete und 1881 die Wachtturm-Gesellschaft ins Leben rief. Russel formulierte die ersten bis heute für die Jehovas Zeugen kennzeichnende Glaubenslehren wie die von Loskaufopfer Jesu' Christi und die eschatologische Ausrichtung seiner Gruppierung. Seine Schriften erreichten ein weltweites Publikum. Doch war der Charismatiker Russell in seinen Absichten weit davon entfernt, so etwas wie eine organisierte Religionsgemeinschaft analog zu den etablierten Kirchen gründen zu wollen.

Diesen Weg beschritt sein Nachfolger Joseph Franklin Rutherford (1869-1942), der aus den Bibelforschern jene hierarchisch strukturierte, autoritäre Organisation schuf, die sich 1931 in einem "Meisterstück an falscher Logik und schlechter Auslegung" den Namen "Jehovas Zeugen" gab. Es war der Autokrat Rutherford, "der Zeugen Jehovas zu dem machte, was sie heute sind". Rutherford formte die Organisation zu einer Theokratie, die sich als "Gottes Regierung auf Erden" verstand, und der jeder Anhänger Gehorsam schuldete. Weiterhin führte er den für jeden Zeugen Jehovas verpflichtenden Missionsdienst ein und inszenierte spektakuläre Massenveranstaltungen, was für ein beständiges Wachstum der Gemeinschaft sorgte. Ebenso hatte in dieser Phase die Entfremdung der Zeugen von der Allgemeingesellschaft ihren Beginn.

Diese frühe Entwicklung der Zeugen Jehovas unter Russel und Rutherford bestätigt somit wiederum ein historisches Muster, das seit den Anfängen des Christentums anhand von Jesus Christus und dem Apostel Paulus beobachtbar ist: Über die Zukunft einer neuen Religionsgemeinschaft entscheidet weniger das Wirken ihres Gründers als das seines Nachfolgers.

Zeugen Jehovas werden den Vergleich empört zurückweisen, jedoch arbeitet Penton ausführlich die auffälligen Parallelen ihrer zentralistischen, von oben nach unten strukturierten und auf Effizienz getrimmten Organisation zur ihnen besonders verhassten katholischen Kirche plausibel heraus. Für Penton ist diese Entwicklung keineswegs überraschend, "da die Zeugen Jehovas schon so lange und mit solcher Vehemenz die Kirche von Rom als ihren religiösen Hauptgegner betrachtet haben, (...) dass ihre Fixierung darauf sie veranlasst hat, unbewusst vieles von ihrem Organisationsaufbau, ihren Praktiken und ihrem traditionellen Weltbild zu kopieren".

Das hervorstechendste Merkmal im Lehrgebäude der Zeugen Jehovas ist ihre eschatologische Ausrichtung, also die kurzfristige Erwartung des blutigen Gerichtstages Gottes, auch Harmagedon genannt, der der Wiederherstellung des Paradieses vorangehen soll. Merkwürdigerweise haben die Zeugen aber trotzdem ein großes Problem damit, als "Endzeitsekte" charakterisiert zu werden. In diesem Zusammenhang geht Penton ausführlich den Ereignissen nach, in denen die Führung der Zeugen Jehovas das Weltende - offenkundig falsch - terminierten, so 1914, 1925 und vor allem 1975. Hatten Russell und sogar Rutherford noch zu ihren peinlichen Fehlern gestanden, so belegt Penton, wie die Organisation nach 1975 zum Schutz der eigenen Autorität die Schuld für den von ihr selbst induzierten Endzeit-Hype auf die Anhängerschaft ablud.

Geschadet haben solche Vorkommnisse den Zeugen Jehovas nie. Immer wieder kam es zu Schismen, doch die Mehrheit der Gläubigen verarbeitete das Erlebte in kognitiver Dissonanz. Auf das innig ersehnte Ende warten die Zeugen immer noch, obgleich ohne konkretes Datum. Und allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz haben einschneidende Lehränderungen das Weltende in eine zeitlich entferntere Distanz entrückt.

Somit wird den Zeugen Jehovas also noch eine lange Zeit in diesem ungeliebten "System der Dinge" beschieden sein. Penton zeigt sich angesichts einer geistig sklerotischen Führung skeptisch, ob es den Zeugen Jehovas gelingt, sich hierin den veränderten Bedingungen anzupassen, obwohl "noch immer viel Leben in dieser Bewegung [ist], die viele Wechselfälle erlebt hat". Auffallend in unserer Zeit sind der Abfall der Jugend und vor allem solcher, die der Organisation über viele Jahrzehnte loyal verbunden waren. Die zeugen-eigenen Statistiken vermitteln Penton zufolge das Trugbild eines weltweiten Wachstums, welches in Wahrheit schon längst in Stagnation übergegangen ist. Bisherige Missionsaktivitäten wie der Dienst von Haus-zu-Haus verlieren an Wirksamkeit. Die verschärfte Form des Umgangs mit Ausgeschlossenen deutet an, wie sehr die Sekte von innen her unter Druck steht. Es dürfte daher die Angst vor sozialer Isolation sein, die eine Vielzahl der innerlich enttäuschten Anhänger bei der Stange hält. Einen Ausweg aus dieser Lage sieht Penton nur einem dem Zweiten Vatikanischen Konzil vergleichbaren Reformakt.

Die Eigendarstellungen der Zeugen Jehovas sind verständlicherweise von Schönfärberei und Geschichtsklitterung eingetrübt, die ihre idealisierte Selbstsicht stützen. James Pentons Standardwerk '"Endzeit ohne Ende" sorgt für die nötige Transparenz, um trotzdem ein umfassendes Verständnis über die Zeugen Jehovas zu erlangen. Pentons exzellent recherchierte Monographie beleuchtet detailliert die grundlegendsten Aspekte dieser Glaubensgemeinschaft aus sozialer, psychologischer und historischer Perspektive, ohne sich dabei zu verzetteln. Der wissenschaftliche Anspruch seiner Arbeit ist dabei vollkommen gewährleistet, denn der Autor verfällt nicht in die Neigung vieler Aussteiger zu verbitterter Überzeichnung und persönlicher Abrechnung. Im Gegenteil, ist seine frühere Mitgliedschaft sogar von Vorteil, um sich dem Thema in all seinen verborgenen Facetten anzunähern. Selbst in der Beschreibung der historischen Charaktere weiß er alle deren Stärken und Schwächen angemessen und ausgewogen darzustellen. Wer dieses Buch gelesen hat, weiß mehr über diese Religionsgemeinschaft als der Durchschnitts-Zeuge selbst.

Gewiss, man kann die Beschäftigung mit den Zeugen Jehovas als "Orchideen-Thema" abkanzeln. Denn ihre besten Zeiten als "die am schnellsten wachsende Religion der Welt" hat sie hinter sich. Doch in einer sich religiös immer weiter auffächernden Gesellschaft mit teils hochproblematischen Gruppen bieten die Zeugen immer noch hervorragendes und zuweilen auch faszinierendes Anschauungsmaterial. Daher sollte "Endzeit ohne Ende" nicht nur Pflichtlektüre für Aussteiger der Sekte sein oder solche, die Angehörige darin haben, sondern auch interessantes Quellenmaterial für Religionswissenschaftler, die wissen wollen, wie aus einem Bibelkreis eine der größten Sekten der Welt wurde.


Kirche, Macht und Geld
Kirche, Macht und Geld
Preis: EUR 15,99

4.0 von 5 Sternen Die Kirchen werden sich ändern - müssen!, 3. Juli 2016
Rezension bezieht sich auf: Kirche, Macht und Geld (Kindle Edition)
Der 1803 eingeleiteten Säkularisierung zum Trotz ist das Verhältnis zwischen Kirchen und Staat ein kompliziertes, das immer wieder für kontroversen Gesprächsstoff sorgt. Zuletzt erinnerte im Mai 2017 die AfD-Politikerin Beatrix von Storch in einem Schlagabtausch mit dem Mainzer Bischof, Kardinal Karl Lehmann, an das Reichskonkordat zwischen dem Dritten Reich und dem Vatikan, der die rechtliche Grundlage für bis heute bestehende Kirchenprivilegien darstellt. Von Storch empfahl den Kirchen den Abschied von den Privilegien, denn "eine staatlich unabhängige Kirche, die konsequent den Glauben lebt, ist besser als eine abhängige, privilegierte Kirche, die sich zum Sprachrohr der Regierung macht".

2013 nahm der SZ-Journalist und katholische Theologe Matthias Drobinski den Skandalfall des Limburger Bischofs Tebartz-Van Elst zum Anlaß, in "Kirche, Macht und Geld" eine Bestandsaufnahme über das Verhältnis von Kirche, Staat und Gesellschaft aufzunehmen und der Frage nachzugehen, inwieweit sich dieses Verhältnis in der Zukunft gestalten wird.

Drobinskis Überlegungen sind weit entfernt vom Schwarz-weiß-Denken der neo-atheistischen Kirchenkämpfer wie Carsten Frerk ("Violettbuch Kirchenfinanzen"). Er sieht in dem - dem apostolischen Armutsideal entgegenstehenden - materiellen Reichtum der Kirchen an sich nichts schlimmes, weil "sie in einer der reichsten Gesellschaften der Welt die größten Institutionen sind". Ein Reichtum, der aus seiner Sicht aber auch erforderlich ist, um die von Staat und Gesellschaft gewünschte Funktion der Kirchen als "Schmierstoff der Gesellschaft, Wertevermittler und Kulturträger" zu erfüllen.

Doch die Kirchen sind auch der größte nichtstaatliche Arbeitgeber. Drobinski beschreibt ausführlich wie die Kirchen als Sozial- und Bildungsträger unter den veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und dem ökonomischen Wettbewerbsdruck zwangsläufig in Konflikt mit ihren Idealen und den Ansprüchen der Gläubigen geraten. Ausführlich erörtert Drobinski das den Kirchen eigene Tarif- und Arbeitsrecht, daß ihnen als Tendenzbetriebe Zugriffsrechte gegenüber ihren Beschäftigten bis in das Privatleben ermöglicht, aber in der Gesellschaft immer weniger Akzeptanz findet, zumal der Betrieb von kirchlichen Krankenhäusern, Kindergärten und Schulen nicht aus Kirchensteuern finanziert wird, sondern von der Allgemeinheit.

In der engen Verflechtung mit den Parteien sieht Drobinski die Kirchen geschützt vor allen Versuchen, den gegenwärtigen Status Quo aufzukündigen, um mit einem radikalen Schnitt die endgültige Trennung von Kirchen und Staat zu vollziehen, so wie sie im französischen Modell der Laizité Anwendung findet. Dennoch sieht Drobinski langfristigen Reformbedarf, der sich schon allein zwingend aus dem Mitgliederrückgang der Kirchen ' und damit dem Ausfall von Kirchensteuern ' ergibt.

Doch Reformbedarf im Verhältnis Religion-Staat sieht Drobinski schon allein durch die Etablierung des Islam als "Teil Deutschlands". Aber leider bleiben seine Überlegungen von der Komplexität des Problems entfernt. Dies ergibt sich nicht allein aus der institutionellen Verfasstheit des Islams, die überhaupt nicht anwendbar ist auf das deutsche Staatskirchenrecht. Der sich seit Veröffentlichung dieses Buches verschärfte Kultur- und Wertekonflikt beweist mit jedem weiteren Terroranschlag, jedem weiteren Sonderrecht für Muslime, entgegen allem Politikergeschwätz aufs Neue, daß die Frage, ob der Islam wirklich Teil Deutschlands sein kann, nach wie vor unbeantwortet ist, in zwar nicht nur im Sinne seiner physischen Präsenz, sondern als Teil seiner Werte- und Rechtsordnung.

Wie auch immer, die Kirchen sieht Drobinski auf dem Weg zu den NGOs vergleichbaren Akteuren, die wie jede andere Organisation um ihre Anliegen werben und kämpfen müssen. "Fröhlich verarmen" ist der Ratschlag, den Drobinski den Kirchen mit auf den Weg gibt und damit den Gedanken von Papst Benedikt XVI. von der "Entweltlichung der Kirche" weiterentwickelt.

Man mag sich Matthias Drobinskis von Verständnis geprägter Herangehensweise an das leidige Thema "Kirche, Macht und Geld" nicht anschließen. Doch kann man ihm nicht absprechen, abwägend geurteilt und umfassend recherchiert zu haben. Als Leser kann man auf der Basis seiner vielfältigen Informationen immer noch den Schluß ziehen, die endgültige Trennung von Kirche und Religion ist das Beste für die Zukunft unseres Landes. Die Zeiten ändern sich ' auch für die Kirchen in ihrem Verhältnis zum Staat. Man darf gespannt sein, wie sie sich darauf anpassen werden.


Ein langer, langer Weg
Ein langer, langer Weg
von Sebastian Barry
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,00

5.0 von 5 Sternen Irlands verlorene Helden, 2. Juli 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Ein langer, langer Weg (Gebundene Ausgabe)
1916 ist in der irischen Geschichte DAS Schicksalsjahr, in dem sich die Zukunft der grünen Insel auf zwei Schlachtfeldern entschied; jenem in der Dubliner Innenstadt zum Zeitpunkt des Osteraufstands und jenem anderen auf Flanderns Feldern, in der Schlacht an der Somme. In der Folge beider Ereignisse schied Irland wenige Jahre später aus der britischen Fremdherrschaoüft aus und teilte sich in den unabhängigen, irischen Freistaat und das nach wie vor zum britischen Königreich zugehörige Nordirland.

Der Osteraufstand wurde rasch zum Gründungsmythos des unabhängigen Irland erhoben, während der Beitrag irisch-katholischer Freiwilliger im Ersten Weltkrieg auf der Seite des britischen Empire in der 16. Division als "König Georges Lämmer" an der Westfront standen und später verschämt beschwiegen wurden. Dem irischen Schriftsteller Sebastian Barry wird eine Besessenheit darin nachgesagt, dieses Thema aufzuarbeiten. Das Produkt dieser Besessenheit ist sein Roman "Ein langer, langer Weg". Obgleich bereits 2014 in deutscher Übersetzung erschienen, zählt es zu den Büchern, die man als deutscher Interessierter an irischer Geschichte in diesem Gedenkjahr, dem 100. Jahrestag des Osteraufstands und der Somme-Schlacht, unbedingt lesen sollte.

Es ist 1915, und der Stellungskrieg fährt bereits blutige Ernten ein, als sich Willie Dunne als einer dieser jungen Iren mit gerade einmal 19 Jahren freiwillig zum Kriegseinsatz meldet. Es ist vor allem Mannesstolz, der den für den Polizeidienst zu klein geratenen motiviert, aber auch die Aussicht auf irische Selbstverwaltung, mit der Großbritannien als Belohnung die Iren lockt. Kurioser Weise ist es die schroffe Ablehnung dieser Selbstverwaltung, die im Gegensatz dazu tausende unionistischer Protestanten aus der Ulster-Provinz in König Georges Armee zieht.

Barry schickt seinen blutjungen Helden Willie in einen Krieg voller Härte, mit den Nahkämpfen in den Gräben, den Giftgasangriffen und Artillerieattacken. Anstatt der vielgepriesenen Kameradschaft erfährt Willie bittere Enttäuschung, wird Zeuge eines Kriegsverbrechens, welches Barry so geschickt konstruiert, daß es keiner Seite zuzuordnen ist. In Willies Soldatenleben findet sich kein Platz für Glorifizierung, keine Spur von "Stahlgewitter"-Romantik.

Doch den tiefsten Einschnitt markiert für Willie ein Erlebnis an der Heimatfront, als er während eines Fronturlaubs in Dublin in den Osteraufstands involviert wird. Nachhaltig verstörend wirkt auf ihn die Konfrontation mit einem irisch-republikanischen Rebellen seines Alters. Willie fällt es zunehmend schwerer, das Vaterland zu identifizieren, für das er sein Leben riskiert. Seine Unsicherheit entfremdet ihn von seinem Vater, einem hohen, pro-britischen Polizeibeamten. Derweil schafft in der Heimat die Dynamik des Osteraufstands eine neue Situation, in der es den Briten in der Mobilisierungskrise immer schwerer fällt neue "Lämmer" zu rekrutieren, sich die Iren immer bockiger gegen das zunehmend verhasste Empire stellen. Willie spürt, daß Irland von der Einlösung des Versprechens auf Selbstverwaltung weiter entfernt ist denn je. Am Ende werden die Iren nicht darauf warten, daß England ihnen die Freiheit schenkt; sie werden sie sich selbst erkämpfen.

Willies Geschichte wird so die einer Kette von tragischen Verlusten; erst den seiner Verlobten, dann seines Vaters und letztlich den des Vaterlandes. Barrys Roman läuft an diesem Punkt zur Höchstform auf, als er über diesen Verlust räsonieren: "Wie konnte ein Mann in den Krieg ziehen und für sein Land kämpfen, wenn dieses Land sich hinter ihm auflöste wie Zucker im Regen? Wie konnte ein Mann seine Uniform lieben, wenn eben diese Uniform diese Männer auf dem Gewissen hatte? Wie konnte ein Mann wie Willie, genau wie sein Vater vor ihm, genau wie der Vater seines Vaters, genau wie der Vater seines Vaters seines Vaters, England und Irland gleichermaßen ins Herz schließen, wenn ihn jetzt beide Länder einen Verräter nannten, obwohl sein Herz klar und rein war, so rein, wie ein Herz nach drei Jahren des Gemetzels nur sein konnte?"

Wie in einem Gnadenakt erspart Barry seinem Protagonisten die demütigende Rückkehr in eine fremdgewordene Heimat, die sich Helden wie seiner schämen würde. Nur kurz vor dem Ende des Weltkriegs fällt Willie im Alter von 21 Jahren an der Westfront.

Barrys Roman verzichtet auf jede Anklage gegen Irland, in dessen Narrativen Männer wie Willie nicht vorkamen. Erst vor wenigen Jahren fanden die Iren einen Platz in ihrem historischen Gedächtnis für die irischen Soldaten des Zweiten Weltkriegs und beförderten damit jene Veränderungen des gesellschaftlichen Klimas, die die Aussöhnung zwischen der Republik Irland und Nordirland beförderte. Sebastian Barrys Arbeit war ein Teil dieses Klimawandels. "Ein langer, langer Weg" ist sein bewegendes, literarisches Denkmal für alle jene verlorenen Schicksale, die im Räderwerk der damals komplexen historischen Phase Irlands untergegangen sind.


Onychophagie: Erscheinungsformen und mögliche Ursachen des Nägelkauens
Onychophagie: Erscheinungsformen und mögliche Ursachen des Nägelkauens
von Isabel Strömer
  Taschenbuch
Preis: EUR 49,00

5.0 von 5 Sternen Angstschrei der Seele, 2. Juli 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Onychophagie ist ein sehr sperriges, fast unaussprechliches Fremdwort. Es bezeichnet die zwanghafte Veranlagung mancher Personen, an ihren Fingernägeln zu kauen. Auf Außenstehende wirkt dieses Verhalten oftmals abstoßend und selbst Betroffene empfinden es als peinlich. Oftmals beginnend in der Kindheit, setzt sich diese Praxis bei vielen bis ins Erwachsenenalter fort. Hilflos wirken Therapieversuche durch übelschmeckenden Nagellack. Und obwohl fast jeder in seinem Umfeld mindestens einen Nägelkauer kennt, ist diese Zwangshandlung bislang kaum in den Fokus psychologischer Forschung geraten.

Die Psychologin Isabel Strömer kann sich daher zuschreiben, mit ihrer Diplomarbeit "Onychophagie. Erscheinungsformen und mögliche Ursachen des Nägelkauens" Pionierarbeit auf diesem Gebiet geleistet zu haben. Ihre auch für Laien lesbare Studie geht dem Phänomen in einer bislang unerreichten Tiefenschärfe auf den Grund und untersucht den dabei beunruhigenden Aspekt, ob es sich bei dem Nägelkauen um eine selbstverletzende Handlung handelt, vergleichbar dem blutigen Hautritzen mit einer Rasierklinge.

Zugrundeliegend sind Interviews mit sechs Betroffenen, die übereinstimmende Faktoren in die Praxis des Nagelkauens sowie der biographischen und charakterlichen Hintergründe der Probanden freilegen. Auffallend sind hierbei eine problembesetzte Kindheit mit einem schwierigen Eltern-Kind-Verhältnis, von Unsicherheit geprägte Charaktere und das Unvermögen, sich unerwarteten Situationen und Herausforderungen anzupassen und nicht zuletzt der Drang nach Stimulation. Eines wird deutlich: das Nägelkauen ist ein Symptom für ein tiefer sitzendes Leiden der Seele.

Leider bietet Frau Strömer keinen konkreten Vorschlag zur Psychotherapie an, wie ein Betroffener sich das Nägelkauen abgewöhnen kann. Doch immerhin läßt sich aus ihrer Studie zumindest ein erkenntnisreicher Ansatz ableiten, wo der Kern des Problems ist, an dem anzusetzen ist. Gerade Betroffene können hieraus einen enormen Gewinn an Selbsterkenntnis erzielen. Dabei sollte sie auch der hohe Kaufpreis von fast 50,- Euro nicht abschrecken. Dieses Geld ist im Hinblick auf das Ziel ' ein Ablegen dieses häßlichen Verhaltens ' mehr als eine lohnende Investition. Denn das Nägelkauen, so Strömer, ist "für die Betroffenen nicht nur unangenehm, sondern zum Teil ein erhebliches Problem, nicht nur körperlich, sondern auch für ihr Selbstwertgefühl und seelisches Gleichgewicht".


Die vaterlose Gesellschaft: Eine Polemik gegen die Abschaffung der Familie
Die vaterlose Gesellschaft: Eine Polemik gegen die Abschaffung der Familie
von Matthias Matussek
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

5.0 von 5 Sternen Eine feurige Wutschrift gegen den feministischen Winterfrost, 1. Juli 2016
Es gibt eine Vorgeschichte, wie ich an Matthias Matusseks "Die vaterlose Gesellschaft. Eine Polemik gegen die Abschaffung der Familie" gekommen bin, die ich meiner Rezension voranstellen möchte. Im vergangenen Jahr war ich zu Gast bei der Verleihung des Gerhard-Löwenthal-Preises in der Zitadelle Spandau, bei der Matthias Matussek die Laudatio auf den Preisträger Heimo Schwilk hielt. Die Veranstaltung fiel zeitgleich auf die spektakuläre Entlassung von Matussek aus den Diensten des Springer Verlag. Seine brillante Rede war der glanzvolle Höhepunkt der Veranstaltung, voller unterhaltsamer Selbstironie und brisanter Einblicke in den Journalismus-Betrieb. Auf dem Büchertisch dort fand ich eben dieses Buch, "Die vaterlose Gesellschaft", das perfekte Andenken dieses gelungenen Abends.

Die vorliegende Fassung ist eine aktualisierte Neuausgabe aus dem Jahr 2006, und angesichts dieser zeitlichen Distanz könnte man meinen, sie sei veralter Stoff. Von wegen! Die Thematik ist aktueller denn je, die darin beschriebenen Mißstände ohne jede Besserung!

Es ist nicht das männliche Geschlecht an sich, für das Matussek eintritt. Ihm geht es in erster Linie um die Väter. Der feministische Siegeszug hat nicht allein die Befreiung der Frauen aus vermeintlich patriarchalischen Verhältnissen erbracht, sondern auch die Entrechtung von Vätern gegenüber dem Umgang mit ihren Kindern nach der oftmals traumatischen Erfahrung der Ehescheidung. Matussek sieht Deutschland "wie erfroren in einem feministischen Winterfrost, wenn es um die Rechte von Vätern und den Schutz von Familien geht".

Matussek beschreibt in treffsicherer Polemik, wie eine aggressive Frauenbewegung zur Zerrüttung des Geschlechterverhältnisses geführt hat. Emanzipation, das ist heute die "Entlassung des Vaters, (') kulturell, institutionell und rechtlich abgesichert". Väter haben in diesem System keine Rechte mehr, nur noch (finanzielle) Pflichten. Matussek belegt, wie die alleinerziehende Frau zu einem bevorzugten Rollenmodell beworben wird. Mit Erfolg: inzwischen wächst jede vierte Familie ohne Väter auf. Überwiegend ist es die Ehefrau, die aus kaum nachvollziehbaren Gründen die Beziehungsflucht aus der Ehe antritt, als eine "Lifestyle-Option, die ohne Rücksicht auf die Kinder wahrgenommen wird". Der Mann hat zu zahlen, selbst wenn die Frau das Umgangsrecht des Vaters mit seinen Kindern sabotiert. Vor Gericht hilft ihm keiner und Jugendämter sind oftmals mit jenen durchsetzt, die aus ideologischen Gründen auf Seiten der Frauen stehen - Scheidungsindustrie eines feministisch inspirierten Frauenegoismus. "Wo gibt es was zu holen? Im Zweifel immer beim Mann", so das traurige Resümee Matusseks. Und ist der Mann pleite, springt der fürsorgliche Sozialstaat an die Stelle des Zahlesels ein.

Der Feminismus ist eine Ideologie, die jeden Diskurs über die realen Verhältnisse im modernen Geschlechterverhältnis erfolgreich unter Kontrolle hat. Umso gewagter, ja geradezu grenzverletzend gegen die feministischen Tabus erscheinen Matusseks Einlassungen über emotionalen und sexuellen Kindesmißbrauch durch Mütter und vor allem über männliche Gewalt gegen Frauen, in denen er geschlagene Frauen zitiert, die freimütig bekennen, ihre Männer dazu provoziert zu haben.

In der Rückschau erscheint Matusseks Frohlocken über eine mögliche Änderung der Verhältnisse in Form einer Rückbesinnung auf die Väter als Fehlschluß. Im Gegenteil, zehn Jahre später muß man konstatieren, daß der Geschlechterkampf unvermindert weitergeht und sich sogar neue Schlachtfelder aufgezogen hat. Die Schwachsinnsideologie des Gender Mainstreaming hat inzwischen erfolgreich (Alt-)Parteien und öffentliche Institutionen durchseucht und allen Ernstes werden jenseits von Mann und Frau neue Geschlechteridentitäten definiert! Und was die Scheidungsväter angeht, so warf ein Artikel aus der FAZ vom 15.5.2016 ein kritisches Schlaglicht auf ihre beschämende Situation, die sie nach wie vor ideell und finanziell benachteiligt. Wir sind weit entfernt von einem Frühling, der den feministischen Winterfrost bricht.

Matthias Matusseks antifeministische Polemik kann als erster Schlag einer Reihe von Wutschriften gelesen werden, denen die von Birgit Kelle und Akif Pirincci folgen sollten. Sie erhält aber auch vor dem Hintergrund von Matusseks außerordentlicher Karriere als Top-Journalist eine besondere Note. "Die vaterlose Gesellschaft" schrieb er auf einem seiner beruflichen Höhepunkte beim SPIEGEL, den er 2013 verließ. Und jeder, der dieses Buch liest, muß sich unwillkürlich fragen, wie es beide überhaupt so lange miteinander aushalten konnten? Wie auch immer, es ist sehr zu hoffen, daß uns Matussek trotz seines Rauswurf aus dem Springer Verlags und seiner nachfolgenden Ausgrenzung aus dem Mainstream - und damit aufgestiegen in die Liga der "wütenden alten weißen Männer" - auch weiterhin als eine kräftige kritische Stimme erhalten bleibt.


Mainstream: Warum wir den Medien nicht mehr trauen
Mainstream: Warum wir den Medien nicht mehr trauen
von Uwe Krüger
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,95

8 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Es gibt keine Lügenpresse, aber..., 16. Mai 2016
In meinem Umfeld gab es vor einigen Monaten folgende Begebenheit: Nach der Kündigung des Zeitungsabonnement erfolgte die übliche telefonische Nachfrage beim Kunden, warum er denn die Zeitung nicht mehr lesen wolle. Neben einer Reihe von inhaltlichen Beschwerden war dem Leser vor allem die sehr negative Berichterstattung zu Pegida ein Dorn im Auge. Daraufhin der Verlagsangestellte: "Wieso? Das machen doch alle so'".

"Das machen doch alle so" - dieser eine Satz bündelt das Kernproblem des bundesdeutschen Journalismus, von dem immer mehr Leser den unangenehmen Eindruck haben, er bewege sich in seiner Berichterstattung in einem engeren, einseitigen und gleichförmigeren Korridor, im dem wesentliche Fakten unterschlagen werden. Und zwar so sehr, daß der Kampfbegriff "Lügenpresse" zu einer weitgehend akzeptierten Vokabel unter den Deutschen geworden ist. Die mit diesem Eindruck einhergehende Glaubwürdigkeitskrise des deutschen Qualitätsjournalismus zieht immer weitere Kreise; sein Ansehen ist auf einem nie dagewesenen Tiefpunkt.

Der Medienwissenschaftler Uwe Krüger spürt in seinem Essay "Mainstream. Warum wir den Medien nicht mehr trauen" dieser Krise und ihrer Ursachen nach. Den Begriff der "Lügenpresse" lehnt Krüger aufgrund seiner NS-Belastung und innewohnenden Aggressivität ab und spricht an seine Stelle neutraler von "Mainstream-Medien". Den Eindruck der Einseitigkeit und selektiven Auswahl der Fakten, der tendenziösen Verfälschungen durch die Mainstream-Medien bestätigt er an zahlreichen Beispielen, insbesondere anhand der Berichterstattung des Ukraine-Konfliktes, die er in seiner Studie "Meinungsmacht" eingehend untersucht hat. Dennoch sieht Krüger im Gegensatz zu vielen mißtrauisch gewordenen Mediennutzern keine generelle Einflußnahme von außen als Ursache dieser Tendenzen, sondern verortet diese vor allem als sozialpsychologische Effekte, verstärkt durch den ökonomischen Druck, den sich viele Presseorgane durch den drastischen Auflagenschwund ausgesetzt sehen.

Zum einen sind da Arbeitsverdichtung und Aktualitätsdruck, dem Journalisten mehr denn je ausgesetzt sind. Für aufwendige Recherche bleibt immer weniger Zeit. Die Angst um den eigenen Arbeitsplatz formt automatisch ein konformistisches Verhalten, denn wer will schon negativ anecken, wenn es den eigenen Arbeitsplatz kosten könnte.

Den Eindruck der Regierungsnähe in der Berichterstattung erklärt sich leicht aus der Angst vieler Journalisten, bei zu kritischer Berichterstattung von ihren Quellen ausgegrenzt zu werden, eine geradezu tödliche Falle im immer härteren Konkurrenzgeschäft. Gewiss, Medien können nach oben Druck ausüben. Aber niemand sollte vergessen, daß dieser Druck keineswegs irreversibel ist. Welcher Alphajournalist kann es sich schon leisten, beim nächsten Hintergrundgespräch vor der Tür zu sitzen? Damit einhergehend rücken gerade Alpha-Journalisten immer weiter weg von ihren Nutzern hin zu den Eliten, auf deren Nähe sie zwecks Informationsbeschaffung angewiesen sind und lassen sich so leicht dazu instrumentalisieren, "das angeblich alternativlos-pragmatische Krisenmanagement der eigenen Regierung zu unterstützen und es nicht mit Kritik zu konterkarieren".

Des Weiteren macht Krüger auch eine personelle Homogenität unter den Journalisten verantwortlich für den medialen Konformismus. In ihrer Herkunft bilden Redakteure kaum noch einen repräsentativen Querschnitt zu ihren Lesern und lassen sich zu einem großen Teil dem liberal-intellektuellen Milieu der Mittelschicht zuordnen. Die Journalistenschulen verstärken mit der Auswahl ihrer Schüler aus Mittelschicht-Kindern diese Tendenz: "Es gibt eine überdurchschnittlich starke soziale Selektion an den Journalistenschulen." Aspiranten mit dem "falschen Stallgeruch" haben kaum die Chance zum Einstieg in den Journalistenberuf.

An dieser Stelle hat es mich gewundert, daß Krüger in seinen Betrachtungen nicht mehr Tiefenschärfe angesetzt hat. Es ist ja offensichtlich, daß nicht allein die relativ homogene Milieuherkunft seiner Protagonisten problematisch für den Journalismus geworden ist. Auffallend ist auch seine zunehmende Feminisierung! In dem Maße, in dem Männer infolge der ökonomischen Krise der Medien lukrativere Beschäftigungen suchen, rutschen Frauen ins Feld, um sich durch "irgendwas mit Medien" selbst zu verwirklichen und ihrer kruden Weltsicht von "Gender, Greenpeace und Gerechtigkeit" Geltung zu verschaffen. Ganze Journalistenseminare sind nur noch voller Frauen. Wohin das im Endeffekt führt, kann jeder in seiner Lokalzeitung lesen: die rührendsten Homestories über "Flüchtlinge" stammen fast ausschließlich aus einer von einer Frau geführten Feder. Ist Krüger dieses keineswegs unwesentliche Detail entgangen? Oder vielleicht ist es ihm durchaus bewußt, aber er schweigt darüber aus Furcht vor dem Furor der Gender-Fraktion an seiner Leipziger Uni?

Gegenüber dem Vorwurf einer "linken Einseitigkeit im klassische Sinne" nimmt Krüger den Berufsstand der Journalisten in Schutz, aber "worin der mediale Mainstream tatsächlich rot-grün oder vielmehr grün ist, kann am ehesten mit 'pluralistischen Relativismus' umschrieben werden: Multikulturalität und Vielfalt, Weltoffenheit und Toleranz, Gleichstellung und Minderheitenschutz, Antidiskriminierung und Gender Mainstreaming ' und gleichzeitig Ablehnung und Bekämpfung von allem, was in diesem Sinne nicht 'politisch korrekt' ist."Da fragt sich der Rezensent, was da eigentlich noch übrig bleibt? Wetterbericht und Kochrezepte??

Es ist jedenfalls offensichtlich, daß so im Laufe der Zeit Mediennutzer und Redaktionen zwei vollkommen verschiedene Welten bilden mußten, deren Lebenserfahrung und Weltbild einander ausschließen und daher vielleicht auch zwangsläufig in Konflikt geraten müssen. In einem Online-Kommentar hieß es so zuspitzend und doch treffend, die Zeitungen hätten ihren Lesern den Krieg erklärt. Jetzt versteht man schon besser, woher der Eindruck kommt.

Uwe Krügers "Mainstream" ist eine exzellente und differenzierende Arbeit über die Ursachen der Glaubwürdigkeitskrise des bundesdeutschen Qualitätsjournalismus, der eine ebenso weite Verbreitung zu wünschen ist wie Udo Ulfkottes "Gekaufte Journalisten". Mag sein, die Lügenpresse gibt es nicht. Aber jeder, der das scheinbare Unwort schreit, wird sich darin in seiner Sicht, daß etwas faul ist in der "vierten Gewalt", wiederfinden. Aber nicht nur kritische Mediennutzer sollten sie unbedingt lesen. Auch und vor allem Journalisten, Redakteure und Herausgeber, um einen längst überfälligen Blick auf die "blinden Flecken" ihres Berufsstandes zu werfen. Doch daß Krügers fundierte Kritik hier auf dankbare Annahme trifft, ist bislang nicht zu sehen. Das auffallende Schweigen aus den Medien läßt nur einen Rückschluß auf die Haltung des Mainstream zu: "Verwirr' mich nicht mit Fakten!"


Königliches Blut - Isabella: Band 2.
Königliches Blut - Isabella: Band 2.
von Thierry Gloris
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,80

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Isabella von Frankreich: Triumph und Tragödie der Wölfin, 16. Mai 2016
Das Cover ist in seiner Botschaft deutlich: Isabella von Frankreich, auch „die Wölfin“ genannt, hat sich im zweiten und abschließenden Teil des Biopic-Comics zum Triumph erhoben über ihren englischen Gemahl, König Edward II. Auf ihrem Arm trägt sie ihren Jagdfalken Nemesis (Nemesis: die strafende, ausgleichende Gerechtigkeit), der das zerfledderte Löwenbanner ihres Mannes in den Klauen hält. Ihr Umhang ziert das Symbol der französischen Lilie, auf dem Kopf trägt sie die englische Krone. Und als auffallendstes Detail ihre offen, frei wehende Haarpracht. Eigentlich geht es weniger um den persönlichen Konflikt eines Herrscherpaars. Es sind Frankreich und England, welcher hinter Isabella und Edward stehen. Und so wird am Ende deutlich: es ist das Vorspiel zum Hundertjährigen Krieg, der diese zwei Feudalreiche zu Nationalstaaten reifen ließ.

Doch bis sie an ihrem Ziel angelangt ist, muß sie noch einige schwere Demütigungen durch Edward und seine Günstlinge, die Despenser, ertragen. Abwartend bleibt sie im Hintergrund und erträgt geduldig alle Erniedrigungen, bis endlich ihre Stunde gekommen ist und sie dem Widerstand gegen den König den entscheidenden Impuls gibt. Sie bekommt ihre Rache, mittelalterlich grausam serviert - und sie genießt sie kalt. Doch auf dem Höhepunkt ihrer neu gewonnenen Macht offenbart sich auch ein tragisches Moment, als sie erkennen muß, selbst Teil einer Ranküne gewesen zu sein.

Dem Team um Thierry und Marie Gloris sowie Jaime Calderon ist mit dem Biopic „Isabella“ ein realistisch gezeichnetes Mittelalterepos gelungen. Für viele ist Geschichte oft ein dröge vermitteltes Schulfach. Hierin wird sie dem Leser spannend und lebendig in unsere Zeit transportiert. Isabella wird gezeigt als eine vielschichtige Frau mit vielen Facetten: selbstbewußt, aber auch selbstgerecht – verletzbar, aber auch eisig – mitfühlend, aber auch grausam.

Die Geschichte ist mit zwei Bänden überschaubar; ein Vorteil im Hinblick auf die oft gehandhabte Praxis der sich über Jahre hinziehenden Veröffentlichung vieler Serien, ohne daß der Leser weiß, wann endlich das Schlußalbum kommt. Allerdings ist sie im Hinblick auf die historischen Fakten etwas verkürzt dargestellt. Zwischen dem ersten und den zweiten Band klafft eine zeitliche Lücke, ohne daß dies von den Verfassern kenntlich gemacht wird. Mancher kleinliche Mediävist mag darüber die Nase rümpfen. Doch wer sich für mittelalterliche Geschichte interessiert, der wird „Isabella“ von der ersten bis zur letzten Seite trotzdem genießen.

An dieser Stelle ein Appell an den Splitter-Verlag: in Ihrem Programm finden sich zahlreiche Serien über historische Themen, nicht nur über das Mittelalter. Nach dem Biopic „Isabella“ steht der Nachfolger der Eleonore von Aquitanien schon in den Startlöchern. Auffallend ist, daß der Schwerpunkt der Themen stark außerhalb der deutschen Geschichte liegt. Mir ist natürlich klar, daß hierzulande keine dem Fankobelgischen entsprechende Comic-Tradition vorliegt und man als deutscher Verlag natürlich „gezwungenermaßen“ Serien zur Auswahl hat, wo die Zeichner aus den geschichtlichen Fundus ihrer Heimat herausgreifen. Aber es wäre schön, wenn der Splitter-Verlag ähnliche Projekte anstoßen könnte, die auch deutsche Geschichte behandeln. Gewiss, Frankreich hat mit Isabella von Frankreich und Eleonore von Aquitanien zwei herausragende Frauengestalten des Mittelalters aufzubieten. Aber Adelheid, die Gemahlin des ersten deutschen Kaisers Otto I., und ihre Schwiegertochter Theophanu bieten einen ebenso spannenden Unterhaltungsstoff, der sich dahinter nicht zu verstecken braucht.


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