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Rezensionen verfasst von
Martin Püsch

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Schläft ein Lied in allen Dingen: Texte zum Film
Schläft ein Lied in allen Dingen: Texte zum Film
von Dominik Graf
  Taschenbuch
Preis: EUR 19,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Dominik Grafs ganz besonderer Führer durch die internationale Kino-Landschaft, 18. September 2016
Dominik Graf, vielfach preisgekrönter Filmemacher, ist nicht nur eine Ausnahme-Erscheinung unter den deutschen Film-und Fernsehregisseuren, der seit Jahren für ein besseres deutsches Kino und für anspruchsvolles Fernsehen kämpft. Dass auch in Deutschland immer noch großes Fernsehen möglich ist, hat er nicht zuletzt mit dem Zehnteiler "Im Angesicht des Verbrechens" wieder einmal eindrucksvoll bewiesen. Er, der sich im Thriller und im Polizeifilm am wohlsten fühlt, aber auch schon manches andere Genre als Regisseur erfolgreich inszeniert hat, ist auch Cineast mit Leib und Seele. In seinem wundervollem Buch, das der mittlerweile verstorbene Filmkritiker und gute Freund Grafs, Michael Althen, 2010 herausgegeben hat, vereint Graf selbst geschriebene Texte über von ihm besonders geschätzte Perlen des internationalen Kinos und Fernsehens. Die Texte sind zum großen Teil in den 2000er Jahren in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Süddeutschen Zeitung und anderen Quellen erschienen, ein paar Texte stammen noch aus den späten Neunzigern. Althen eröffnet das Buch mit einem Vorwort, dann folgt ein Prolog, der auf eine besondere Szene aus Melvilles "Die Millionen eines Gehetzten" näher eingeht. Gegliedert ist das Buch in mehrere große Blöcke, die sich mit dem deutschen, englischen, französischen, italienischen, amerikanischen und dem osteuropäischen Kino beschäftigen, mit Filmen, die Graf besonders bewegt und fasziniert haben (und es bis heute tun), mit Kollegen, deren Arbeit nicht nur Graf selbst geprägt hat, sondern die auf ihre Art Besonderes für das Kino geleistet haben. Dabei geht es um Filme so unterschiedlicher Regisseure wie Jean Becker, Carlo Lizzani, Alain Resnais, Lucio Fulci (sein berüchtigter Gangster-Thriller "Das Syndikat des Grauens" wird in einem eigenen Text behandelt), Max Ophüls, Andrzej Wajda, Zbynek Brynych, Jean Pierre Jeunet, Mike Figgis, Claude Sautet, Wolfgang Büld, Donald Cammell, Alfred Vohrer, Klaus Lemke, Alain Tanner oder Robert Aldrich.

Graf widmet sich Werken unterschiedlichster Genres, vom Liebes-Melodram über Damiano Damianis legendäre Mafia-Thriller, dem Detektiv-Film (wobei Arthur Penns "Die heiße Spur" (1975) und Robert Altmans "Der Tod kennt keine Wiederkehr" (1973) seine Favoriten sind) bis zum trashigen Horrorfilm. Eine zusätzliche persönliche Note bekommen seine Texte, wenn er erzählt, wie die Filme beim ersten Ansehen auf ihn gewirkt haben, damals als junger Kinogänger oder bei der Fernseh-Ausstrahlung. Er wirft, geschliffen und mit hintergründigem Humor, einen speziellen Blick auf einzelne Filme berühmter, teilweise aber auch bis heute nur wenig bekannter, oft leider völlig in Vergessenheit geratener Filmemacher, die sich während ihrer Karrieren meist weit abseits des gängigen Mainstream-Kinos bewegt haben und mit ihren Ideen von großem Kino in einer an leicht verdaulicher Konfektionsware und Profit orientierten Industrie (Graf gebraucht in diesem Zusammenhang ein paar Mal das Wort "Drecksgeschäft") nicht selten brutal gescheitert sind, die uns aber in diesem Prozess Filme hinterlassen haben, welche oft lange Zeit kaum oder gar nicht von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wurden (manche werden es bis heute nicht!), jedoch als Meisterwerke gelten können, ja, gelten müssen. Manchmal wird auch, wie im Falle von Nicholas Roeg oder Jean Eustache das Gesamtwerk eines besonders geschätzten Kollegen beleuchtet. Graf spricht anhand präzise ausgesuchter Beispiele auch über filmische Mittel wie Musik, Schnitt, Kamera und Lichtsetzung, über Erzähltempo, Gewalt im Film, Chronologie und den Gehalt von Dialogen.

Viele der besprochenen Filme waren zum Zeitpunkt ihres Erscheinens keine großen Erfolge, im Gegenteil. Einige waren kolossale Flops, manche superteuer, skandalös, geschmäht vom Publikum und von der Kritik verrissen, vom Studio oder Verleih manchmal umgeschnitten und damit verstümmelt. Kommerzielle Desaster, die manchmal ganze Karrieren beendeten, wobei nicht nur Regisseure schwer zu leiden hatten, (nach "Lola Montez", den Graf zu seinen persönlichen Lieblingsfilmen zählt, hieß es in der Branche: Vor Ophüls wird gewarnt!). Auch viele großartige Schauspieler sind in der Versenkung verschwunden. Solche Flops beschädigten Laufbahnen nachhaltig auch dahingehend, dass die Regisseure zwar noch jahrelang Filme drehten, aber immer mehr Probleme bekamen, ihre Projekte zu finanzieren. Dominik Graf kennt das, ohne in diesem Buch darauf einzugehen, aus eigener Erfahrung. Als 1996 sein ambitionierter Polizeifilm "Die Sieger" im Kino völlig unterging, wandte er sich verstärkt dem Fernsehen zu und dreht seitdem nur noch sporadisch fürs Kino, oft nur mit sehr knappen Budgets. Und doch sind es, dies macht Graf in seinen Texten wieder und wieder deutlich, oft gerade die großen Flops der Filmgeschichte, die es besonders wert sind, wiederentdeckt zu werden. Graf begründet dies stets schlüssig und nachvollziehbar. Er fordert im Kino ein Recht auf das Scheitern leidenschaftlich ein, als sei vermeintlicher künstlerischer und allzu realer finanzieller Schiffbruch in vielen Fällen geradezu eine Pflicht .

Graf ergreift Partei für ein Kino abseits der vor allem von Hollywood vorgelebten Blockbuster-Mania, ein Kino, das sich quer zu den gängigen Vorlieben und Konventionen stellt. Er zeigt immer wieder seine Zuneigung für experimentelle Filme und sogenanntes Genre-Kino, auch mit Hang zum Trash. Solange er Substanz hat, darf ein Film ruhig auch teuer sein, manchmal muss es das sogar. Besonders liebt er Filme, deren Macher es virtuos verstehen, mehrere Genres miteinander zu kreuzen. Er entwirft ebenso zärtlich wie hingebungsvoll eine besondere Landkarte für Kino-Liebhaber, eine Landkarte, die von den Stummfilmen Friedrich Wilhelm Murnaus über den italienischen Giallo der 60er und 70er Jahre bis zum heutigen amerikanischen Kino eines Steven Spielberg reicht. Von vielen Filmen, die in seinen Texten zur Sprache kommen, haben, genau wie von manchen Regisseuren, wohl die Wenigsten schon einmal gehört, geschweige denn, dass sie die Filme gesehen haben. Hier geht es eben nicht nur um Filme, die heute zu den großen Klassikern des internationalen Kinos zählen, sondern sehr oft vor allem um kleine intellektuelle Werke, echtes Independent-Kino. sowie dreckige Low-Budget-Produktionen, die zum Teil bis heute ein Dasein im kineastischen Untergrund fristen. Und wenn Graf sich berühmten Regie-Kollegen wie Fassbinder, Robert Altman, Sydney Pollack oder George Roy Hill zuwendet, wird schnell klar, dass er deren heute bekannteste Filme vom rein künstlerischen Standpunkt aus betrachtet, nicht immer für ihre besten hält. Dafür verteidigt er immer wieder vehement deren kaum bekannte Werke. David Cronenbergs "The Dead Zone" wird etwa in einem längeren Text unter die Lupe genommen. Man sollte die wahre Klasse eines Films eben nicht an der Anzahl der Preise festmachen, die er gewonnen hat, oder am Erfolg an der Kinokasse.

Graf scheint eine besondere Liebe mit dem französischen Kino zu verbinden, jedenfalls nehmen die Frankreich-Texte, in denen er auch ausführlich die Nouvelle Vague behandelt, sowie auf von ihm verehrte Kollegen eingeht, (er widmet sich auch dem jahrelangen Streit zwischen den einstigen Freunden Godard und Truffaut), einen besonders breiten Teil des Buches ein. Immer wieder kommt Graf, der oft selbst für die musikalische Untermalung seiner eigenen Filme sorgt, natürlich auch auf die Verwendung von Ton und Musik in seinen Lieblingsfilmen zu sprechen. Ein Kapitel beschäftigt sich mit den vier Komponisten, mit denen Truffaut bevorzugt zusammengearbeitet hat. Der Enthusiasmus, der aus solchen Texten strömt, ist regelrecht ansteckend.

Doch egal, mit welcher Art von Filmen und mit welchem Regisseur sich Graf gerade auseinandersetzt, seien es auch Größen wie Coppola, Rossellini, Dokumentarfilmer Chris Marker oder Billy Wilder: Nie ergeht sich Graf in purer Lobhudelei, egal wie sehr er manchmal auch ins Schwärmen geraten mag (gut, es gibt auch für ihn Filme, die über jeden Zweifel erhaben sind), sondern er analysiert immer mit wachem, kritischem Blick, sich nicht scheuend, selbst mit noch so sehr von ihm bewunderten Kollegen auch mal hart ins Gericht zu gehen und Schwächen selbst in Monumenten der Filmgeschichte wie "Apocalypse Now" aufzuzeigen. Mehr als einmal gibt er, wenn er über ganze Karrieren reflektiert, offen seinem Unbehagen darüber Ausdruck, wie mit großartigen Filmemachern, die den ganz großen Durchbruch nie geschafft haben, umgegangen wurde, wobei er stets seine Bewunderung durchschimmern lässt über das Werk, welches sie dem System abtrotzen konnten, auch wenn manchmal nur ganz wenige wirklich große Filme dabei herauskamen. Andererseits merkt er sehr kritisch an, dass Regisseure, wie zum Beispiel Robert Altman, zwischenzeitlich vom Weg, der ihre frühen Filme so einzigartig machten, abgekommen sind. Vielleicht auch gezwungenermaßen, um ihre Karrieren überhaupt über einen bestimmten Punkt hinaus fortsetzen zu können.

Der letzte große Block des Buches hat den Titel Deutsche Karrieren. Darin finden sich neben einem Lob auf Schauspieler Peter Lohmeyer auch die rührenden Nachrufe Grafs auf viel zu früh verstorbene Weggefährten, wie den Kameramann Martin Schäfer, der mit Graf 1987 dessen bis heute erfolgreichsten Kinofilm "Die Katze" drehte, Tonmeister Milan Bor, der ebenfalls an diesem Film mitgearbeitet hat und 1982 für "Das Boot" Oscar-nominiert war, Kameramann Helge Weindler, mit dem Graf mehrere Folgen von "Der Fahnder" drehte, und den Star dieser wegweisenden, von Graf mitentwickelten deutschen Krimiserie: Klaus Wennemann.

Ein kleiner Epilog, der in die ganz frühe Phase von Grafs Regie-Karriere zurückführt schließt die Textsammlung ab. Doch Dominik Graf setzt noch einen drauf: In einer eigenen Rubrik schwelgt er, wie bereits vielfach in den Texten, in seinem persönlichen DVD-Universum, das leider immer noch viele Lücken hat. Aus seinem Ärger über die oft sträflich vernachlässigte Veröffentlichung vieler großartiger Filme macht Graf keinen Hehl. Und bietet so, fein gegliedert und mit teils sehr witzigen Erläuterungen versehen, eine erstklassige Kaufhilfe Faszinierend, wie abwechslungsreich auch diese Liste ausgefallen ist. Auch hier weist Graf explizit darauf hin, dass die meisten Filme bei ihrem Erscheinen absolutes Kassengift waren. Sie enthält einige echte Klassiker wie "Rio Bravo" (1959) und "Blade Runner"(1982) und einige echte Geheimtipps wie "Malastrana" (1971) oder "Hitch Hike" (1976). Dabei spart er auch von ihm geschätzte Dokus und Fernsehserien nicht aus. Der ersten Staffel von "Allein gegen die Mafia" hat er sogar einen eigenen Text gewidmet, der sich im Italien-Block findet,

Dieses Buch, das als Titel den ersten Vers des Eichendorff-Gedichts "Wünschelrute" trägt, ist ein Muss für jeden echten Filmliebhaber und eignet sich wunderbar als Geschenk für Gleichgesinnte. Eine Entdeckungsreise ist diese Sammlung, eine echte Fundgrube, die den Blick auf das Kino schärft. Man verschlingt die extrem kompetenten, auch humorvollen Texte förmlich, und lernt einiges dabei, zum Beispiel, wie sehr das deutsche Kino, das aus verschiedenen Gründen auf dem großen Parkett bislang nur ganz selten konkurrenzfähig war, heute internationalen Ansprüchen hinterherhinkt, (schönen Gruß an Til Schweiger und Konsorten), dass man sich auch in Filme verlieben kann, die eigentlich etwas misslungen sind, und andere entdecken kann, die zu Unrecht als misslungen gelten. Man bekommt riesige Lust, sich die vielen, zumeist wenig oder gar nicht bekannten Filme auf DVD zu besorgen sofort und in den Player zu legen. Danke, Dominik Graf!

"Schläft ein Lied in allen Dingen,
die da träumen fort und fort,
und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort."


Verblendung: Die Millennium-Trilogie 1 - Roman
Verblendung: Die Millennium-Trilogie 1 - Roman
von Stieg Larsson
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Millenium-Trilogie Band 1, 5. August 2016
VERBLENDUNG bildet den Auftakt zu Stieg Larssons großartiger Roman-Reihe um den Journalisten Mikael Blomquist und die Hackerin Lisbeth Salander. Durch die folgenden Bände VERDAMMNIS und VERGEBUNG wurde die Reihe zur Trilogie und als solche zum Welterfolg, den der Autor leider nicht mehr erlebte, da er noch vor der Veröffentlichung des ersten Bandes 2005 mit nur 50 Jahren an einem Herzinfarkt starb. Angelegt war das Ganze ursprünglich auf zehn Bände. Bei Larssons Tod waren nur die genannten drei Bücher fertig, das vierte war noch unvollendet, von Nummer fünf und sechs existierten damals nur Exposees.

Larsson war selbst Journalist und Herausgeber des Magazins EXPO, dem realen Vorbild für das Millennium-Magazin, dessen Teilhaber und Mitherausgeber Mikael Blomquist ist, und dem die Trilogie ihren Namen verdankt. Er war einer der weltweit führenden Experten in Sachen Rechtsextremismus und Neonazismus, deren Auswüchse er besonders in seiner Heimat Schweden überaus kritisch beobachtete und immer wieder anprangerte, wodurch er sich natürlich viele Feinde machte. Er und Menschen die ihm nahestanden wurden immer wieder bedroht und in ihren Recherchen behindert. Vieles von dem, was Stieg Larsson erlebte, sei es als Journalist, politischer Aktivist oder Privatmensch, findet seinen Widerhall in seinen Romanen. Larsson zeichnet von Anfang bis Ende bereits in VERBLENDUNG ein düsteres Bild von Schwedens besserer Gesellschaft: Korruption, Waffenhandel, Rechtextremismus, Sadismus, Perversion, Serienmord, Vergewaltigungen, religiöser Wahn, Politiker unter dem Einfluss mächtiger Wirtschafts-Bosse, Veruntreuung von Staatsgeldern, totale Überwachung, Verantwortung der Medien, die Schattenseiten der Globalisierung, inklusive waghalsiger Spekulationsgeschäfte an den Börsen der Welt auf Kosten braver Steuerzahler. All das verknüpft Larsson virtuos und erschafft damit ein Werk, das so viel mehr ist als ein normaler Krimi oder Thriller. Die Millennium-Trilogie ist ein großer Gesellschaftsroman.

Mittendrin in diesem hochkomplexen, dicht und packend erzählten Konstrukt aus Abgründen finden sich zwei faszinierende Anti-Helden, durch die der alte Krimi-Baustein vom ungleichen Ermittler-Duo auf ein neues Level gehoben wird. Mikael Blomquist, ein integrer Enthüllungs-Journalist Mitte 40, geschieden, mit recht liberalem Sexleben und die 24-jährige Programmiererin und geniale Hackerin Lisbeth Salander, die infolge ihrer traumatischen Kindheit und Jugend nur sehr schwer soziale Bindungen eingehen und positive Gefühle für andere Menschen entwickeln kann. Zu ihrer Schwester Camilla hat sie keinen Kontakt mehr, ihre Mutter lebt in einem Pflegeheim. Was es mit ihrem Vater auf sich hat, erzählen erst die beiden folgenden Bücher, die sich ganz um Lisbeth drehen und weiter in ihre Vergangenheit und Psyche eintauchen. Lisbeth, die wie eine punkige Gothic-Braut von 14 Jahren aussieht, schwarze Lederkleidung trägt, im Gesicht Piercings und am spindeldürren Körper mehrere Tätowierungen hat, darunter ein Drache auf Schulter und Rücken, was den englischen Buch-und Filmtitel THE GIRL WITH THE DRAGON TATTOO erklärt, verbrachte bereits früh einige Zeit in der Kinderpsychiatrie, wurde später per Gutachten für geschäftsuntüchtig erklärt und steht seit ihrem dreizehnten Lebensjahr unter der Vormundschaft des Anwalts Holger Palmgren, zu dem sie ein für ihre Verhältnisse sehr positives Verhältnis pflegt. Palmgren gelang es tatsächlich, die junge Frau wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Lisbeth arbeitet für die Stockholmer Sicherheitsfirma Milton Security. Ihrem Chef, Dragan Armanskji, ist sie in ihrem ganzen Wesen mit ihren eigenen Vorstellungen von Ethik und Moral zwar suspekt, jedoch mag er sie durchaus. Armanskji gehört zu den wenigen Menschen, von denen Lisbeth so akzeptiert wird, wie sie ist. Er weiß, was er an ihr hat, denn Lisbeth ist eine erstklassige Ermittlerin, die stets äußerst gründlich arbeitet und nichts mehr liebt, als Geheimnisse-vor allem schmutzige-ans Tageslicht zu bringen. Lisbeths Motto in Bezug auf ihre Arbeit lautet: Jeder Mensch hat Geheimnisse. Man muss sie nur herausfinden.

Als wir Mikael und Lisbeth kennenlernen, steht jeder für sich an einer Art Wendepunkt und bis sich beide erstmals wirklich begegnen, vergehen gut zwei Drittel des Romans. Mikael wurde gerade wegen angeblicher Verleumdung des Großindustriellen Hans-Erik Wennerström zu drei Monaten Knast plus saftiger Geldstrafe verurteilt. Er hatte von seinem alten Schulfreund Robert Lindberg Hinweise darauf erhalten, dass Wennerström, der im Roman nie direkt auftritt, sondern immer im Hintergrund bleibt, in dunkle Geschäfte verwickelt ist. Tatsächlich ist der Magnat ein Verbrecher mit besten Verbindungen zur internationalen organisierten Kriminalität, doch waren die Beweise und vermeintlich sicheren Quellen allesamt raffiniert inszeniert, so dass Mikael sich übertölpelt sah. Wennerström hatte vermutlich einen Informanten in der Redaktion. Nun droht auch infolge der finanziellen Repressalien durch den verlorenen Prozess auch dem Millennium-Magazin Ungemach. Mikael und seine Mit-Teilhaber Erika Berger und Christer Malm machen sich auf das Schlimmste gefasst. Da erhält der geleimte Journalist ein Angebot: Er soll für Henrik Vanger, 82-jähriger Patriarch des weit verzweigten, seit langem kriselnden Vanger-Konzerns im Laufe eines Jahres eine schonungslos ehrliche Familienchronik schreiben und endlich das Rätsel um Henriks geliebte Großnichte Harriet klären, die im September 1966 spurlos verschwand. Henrik erhält seitdem jedes Jahr an seinem Geburtstag ein Geschenk, wie er es immer von Harriet bekommen hat. Alles spricht aber dafür, dass Harriet ermordet und die Leiche beseitigt wurde. Der alte Mann glaubt, dass der Mörder ihm die Geschenke geschickt hat, um ihn in den Wahnsinn zu treiben. Er vermutet den Täter in der eigenen Sippe, in der es von zwielichtigen Typen, Nazis, Judenhassern und anderen Unsympathen wimmelt. Mittelsmann bei Henriks Kontaktaufnahme zu Mikael ist sein langjähriger Anwalt Dirk Frode, der den Journalisten zuvor von Lisbeth hatte durchleuchten lassen. Lisbeth, die den Wennerström-Prozess verfolgt hat, ist überzeugt, dass Mikael unschuldig ist. Dieser lehnt Henriks Auftrag zunächst ab, da er das Rätsel um das verschwundene Mädchen für unlösbar hält. Der alte Vanger ködert ihn nicht nur mit einer fürstlichen Entlohnung, sondern verspricht ihm auch, Beweise gegen Wennerström, der seine Karriere einst im Vanger-Konzern begann, zu beschaffen und Millennium unter die Arme zu greifen, wodurch Mikaels Ruf und der des Magazins wieder hergestellt wären. Mikael nimmt Quartier in einem Gästehaus und stürzt sich im frostigen Norden Schwedens in die Arbeit. Während die Chronik langsam Gestalt annimmt, lernt Mikael den Vanger-Clan genauer kennen. Er rekonstruiert mit Hilfe von Henriks eigenen Unterlagen und einer Reihe von Fotos penibel die letzten Stunden vor Harriets Verschwinden und stößt tatsächlich auf kleine Details, die den Fall in einem neuen Licht erscheinen lassen...

Während Mikael in die Abgründe der Industriellen-Familie Vanger eintaucht, deren Geschichte seit Generationen durchzogen ist von völliger emotionaler Kälte, Alkoholismus, Habsucht und Unterdrückung, und zwischendurch seine Haftstrafe absitzt, steht auch Lisbeth vor neuen Abgründen. Ihr väterlicher Freund und Vormund Holger Palmgren hatte einen schweren Schlaganfall und liegt im Koma, wodurch sein Kollege Niels Bjurman zu Lisbeths neuem Betreuer bestellt wurde. Bjurman entpuppt sich als Sadist, der die Notlage der jungen Frau ausnutzt, sie demütigt, missbraucht und schließlich brutal vergewaltigt. Doch der perverse Typ wird seine Strafe bekommen, denn nichts ist grausamer-und nachhaltiger-als die Rache einer Lisbeth Salander. Sie tötet ihn nicht und geht auch nicht zur Polizei, sondern zerstört ihn auf ihre ganz eigene Weise...

Sexuelle Gewalt, insbesondere gegen Frauen, ist eines der vielen Themen, die Stieg Larsson zeitlebens beschäftigt haben. Nicht von ungefähr stellt der Autor jedem Hauptkapitel des Romans eine Statistik zu diesem Thema voran. Es verwundert daher nicht, dass VERBLENDUNG im schwedischen Original folgenden Titel hat: MÄNNER, DIE FRAUEN HASSEN. Larsson wurde als Jugendlicher einmal Zeuge einer Vergewaltigung und machte sich seitdem Vorwürfe, nicht eingegriffen zu haben. Insofern trägt nicht nur der Journalist Mikael Blomquist Züge seines Schöpfers. All die maßlose Wut und das Verlangen gegen gesellschaftliche Mißstände anzukämpfen, die Schweine dranzukriegen, die Wehrlosen Gewalt antun, fanden auch Eingang in die Figur der unnahbaren, ebenso harten wie verletzlichen Lisbeth. Während diese sich an ihrem Peiniger rächt und sich sozusagen ein Stück ihres Lebens zurückholt, kommt Mikael der Wahrheit um Harriet Vanger gefährlich nahe. Gelegentlichen Besuch in Hedestad bekommt er von seiner engsten Mitarbeiterin bei Millennium, besten Freundin und gelegentlichen Geliebten Erika Berger. Doch ausgerechnet seine Tochter Pernilla, die Mikael in ihrer religiösen Schwärmerei an Harriet erinnert, stößt ihn, als sie ihn nach seiner Haftentlassung kurz besucht, eher zufällig auf die wahre Bedeutung kryptischer Notizen in der Bibel und im Nachlass der Verschollenen. Mikael nimmt Kontakt zu Lisbeth auf, was den Beginn einer stürmischen Beziehung markiert. Aus ihrem Dossier über ihn erkennt er ihre überragenden Fähigkeiten als Hackerin und bittet sie, ihn bei seinen Recherchen zu unterstützen. Er braucht Hilfe von außen, da er glaubt, einem Serientäter auf der Spur zu sein und mit normalen Methoden nicht weiterzukommen. Mikael und Lisbeth gelingt es tatsächlich, das Rätsel um Harriet zu entwirren, doch sie stoßen auf dem Weg zur Lösung auf unfassbare Grausamkeiten. Seit Jahrzehnten ermordet ein Irrer, offenbar aus dem Umfeld der Familie Vanger, Frauen. Prostituierte, Tramperinnen und andere, nach denen nicht lange gesucht wird und die von niemandem vermisst werden. Er vergewaltigt seine Opfer und foltert sie zu Tode. Die beiden ungleichen Spürhunde geraten bald selbst ins Visier des Psychopathen...

VERBLENDUNG ist zwar der erste Teil einer Trilogie, da einige Elemente in den beiden Folgebänden wieder aufgegriffen werden, ist aber, was die Handlungsstränge um die Familie Vanger sowie Mikaels Abrechnung mit Wennerström durch Lisbeths Mithilfe angeht, in sich relativ abgeschlossen, während die beiden anderen Romane nur zusammen Sinn ergeben. Lange wird in VERBLENDUNG parallel erzählt, was beide Protagonisten erleben, wobei Mikael zunächst etwas mehr Raum einnimmt. Später arbeiten beide zusammen. Lisbeth wird im letzten Drittel immer mehr zur eigentlichen Hauptfigur. Der Fokus liegt ganz klar auf ihrem Charakter. Während Mikael mit Erikas Hilfe Wennerströms Maulwurf enttarnt und die Verbindungen zum organisierten Verbrechen offenlegt,, spielt Lisbeth mit dem Industriellen ihr eigenes Spiel. Die hier vorliegende Taschenbuch-Ausgabe zum zehnjährigen Jubiläum bietet als Anhang noch eine Leseprobe aus dem zweiten Buch.


Die schwarze Dahlie 1/2. Audiobook. 4 Cassetten
Die schwarze Dahlie 1/2. Audiobook. 4 Cassetten
von James Ellroy
  Hörkassette

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die schwarze Dahlie: Das Hörspiel, 16. Juli 2016
Dieses im Jahre 1996 im Auftrag des WDR entstandene Hörspiel nach dem gleichnamigen Roman von James Ellroy wurde von Walter Adler geschrieben und inszeniert, der unter anderem auch Isabell Allendes "Das Geisterhaus", Karl Mays sechsbändigen Orient-Zyklus und Stieg Larssons Millennium-Trilogie Verblendung, Verdammnis und Vergebung in spektakuläres Ohren-Kino verwandelt hat.

Das Hörspiel gliedert sich in sechs Teile:

1. FEUER UND EIS
2. ECKE 39th UND NORTON
3. SKLAVENMÄDCHEN AUS DER HÖLLE
4. ENSENADA
5. HOLLYWOODLAND
6. ELIZABETH

Jeder Teil dauert etwa 55 bis 56 Minuten. Bei insgesamt gut fünfeinhalb Stunden Laufzeit könnte man meinen, das Hörspiel sei vielleicht zu lang und damit langweilig geraten, aber kein Grund zur Sorge. Es fesselt von der ersten bis zur letzten Minute. Es stimmt einfach alles. Erstklassige Sprecher, passende Geräuscheffekte, tolle Musik mit viel Jazz, was perfekt zu den Figuren und zum Los Angeles der 40er Jahre passt, und eine packende Dramaturgie, die dem auf einem wahren, bis heute ungelösten Mordfall basierenden Roman voll gerecht wird. Den Machern gelingt das Kunststück, nicht nur durchgehend die Atmosphäre der Zeit, in welcher die Geschichte spielt, richtig einzusetzen und die Beklemmung spürbar zu machen, die den Roman von der ersten bis zur letzten Seite prägt, sondern sich dabei so eng wie im Medium Hörspiel möglich, an die unglaublich dichte, komplexe Buchvorlage zu halten, ohne sich in den zahlreichen Handlungssträngen zu verzetteln.
Ein weiterer Pluspunkt ist, dass Adler in seinem Hörspiel-Drehbuch praktisch nichts geglättet oder beschönigt hat. Vor Sex und Gewalt der Vorlage schreckt er ebenso wenig zurück, wie vor Ellroys harter Sprache. Schließlich soll nicht unerwähnt bleiben, dass der Ich-Erzähler des Buches durchgehend erhalten bleibt, was den Film-Noir-Charakter noch unterstreicht.

Erzähler ist der Cop Dwight "Bucky" Bleichert", der mit seinem Partner Leland "Lee" Blanchard den Mord an der 22-jährigen Elizabeth Short aufzuklären versucht. Auf die weitere Handlung des Romans möchte ich an dieser Stelle nicht mehr eingehen, zumal ich das Buch hier bereits ausführlich rezensiert habe.

Bleichert wird von Sylvester Groth gesprochen, der mit Abstand den umfangreichsten Part hat und aus einer erstklassigen Besetzung, zu der noch weitere bekannte Namen zählen, herausragt. Als Lee Blanchard ist Tatort-Kommissar Dietmar Bär zu hören. Bettina Engelhardt spricht Madeleine, während Corinna Kirchhoff Kay Lake ihre Stimme leiht. Außerdem hören wir Herbert Knaup in der Rolle des Russ Millard, Leiter der Mordkomission, Christoph Eichhorn als Bezirks-Staatsanwalt Ellis Loew und Rolf Schult, bis zu seinem Tod die deutsche Stimme von Robert Redford, als Chief Thad Green. Madeleines Eltern sprechen Hans-Peter Hallwachs und Ingrid Andree. Selbst in kleineren Nebenrollen tummeln sich Namen wie Dietmar Mues, Paul Faßnacht oder Peter Fricke.

Wer den Roman nicht kennt: Die Schwarze Dahlie ist als Hörspiel der Vorlage absolut ebenbürtig. Besser als jede Verfilmung! Es ist herausragendes Kino für die Ohren, das leider bis jetzt nur auf MC erschienen ist, die mittlerweile vergriffen sein dürfte. Es wird höchste Zeit, dass diese Perle endlich auf CD erscheint. Aber Vorsicht: Dieses Hörspiel spart nicht mit grausigen Details. Im Kopf entstehen beim Hören teils heftige Bilder. Hart, kompromisslos und packend. Nur für Erwachsene!


Die glorreichen Sieben (Ultimate Gold Edition)
Die glorreichen Sieben (Ultimate Gold Edition)
DVD ~ Yul Brynner

3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen The Magnificent Seven, 26. August 2014
John Sturges genialer Western-Klassiker aus dem Jahre 1960 verlegt die Handlung von Akira Kurosawas Jahrhundertwerk "Die sieben Samurai" (1954) in den Wilden Westen. Kurosawa selbst war von diesem Remake äußerst angetan und gratulierte seinem US-Kollegen Sturges, indem er ihm ein Samuraischwert schenkte. War das japanische Original ein tiefgründiges Epos mit den Dimensionen der großen Shakespeare-Dramen und ein entscheidender Wegbereiter für das modene Actionkino, gilt ironischerweise das Western-Remake heute als einer der einflussreichsten Filme, die Hollywood je hervorgebracht hat. Der Einfluss von The Magnificent Seven geht weit über das Western-Genre hinaus. Der Film wurde mit seinem archetypischen Grundmuster zur Blaupause für zahllose Nachahmer und ist in dieser Hinsicht durchaus mit John Fords "Stagecoach" (1939) vergleichbar.

Kurosawas Original spielt im vom Bürgerkrieg erschütterten feudalen Japan des 16. Jahrhunderts. Räuberbanden ziehen umher und bringen die hart arbeitende, friedliche Landbvölkerung Jahr für Jahr mit Gewalt um einen Großteil ihrer Ernten. Die Bauern, die ohnehin unter hartem Frondienst und hohen Steuern leiden, drohen zu verhungern. Um die Banditen loszuwerden heuern die Bewohner eines kleinen Dorfes nach dem Rat des weisen Dorfältesten Samurai-Krieger an, die den Kampf für sie führen sollen.

The Magnificent Seven indes spielt in der Grenzregion USA/Mexiko in der Pionierzeit nach dem amerikanischen Bürgerkrieg. Drei mexikanische Bauern, deren Dorf jedes Jahr von dem Banditen Calvera (Eli Wallach) und seiner Bande heimgesucht und geplündert wird, kommen in ein US-Grenzstädtchen, um dort Waffen zu kaufen. Der Revolverheld Chris (Yul Brynner) rät ihnen, doch besser erfahrene Männer für den Kampf zu engagieren. Die seien billiger als Gewehre. Chris selbst erklärt sich auf Bitten der drei Hilfesuchenden bereit, die Männer zu rekrutieren. Der coole Drifter Vin (Steve McQueen), der Bürgerkriegs-Veteran Bernard O`Reilly (Charles Bronson), der wortkarge Messerwerfer und Meisterschütze Britt (James Coburn), der elegante Lee (Robert Vaughn), der Glücksritter Harry Luck (Brad Dexter), ein alter Freund von Chris, sowie der junge, hitzköpfige Mexikaner Chico (Horst Buchholz), der von Chris anfangs noch abgelehnt worden war, reiten nach Mexiko und nehmen, angeführt von Chris selbst, den Kampf auf...

Der bis ins heutige Kino spürbare Einfluss dieses Westerns erklärt sich einerseits aus der simpel wirkenden und doch einnehmenden Story, in der, einem uramerikanischen Mythos folgend, aufrechte Cowboys armen Unterdrückten gegen gemeine Banditen beistehen, andererseits aus dem Trupp der Sieben selbst: Unterschiedliche Persönlichkeiten, jeder mit besonderen Fähigkeiten und eigenen Motiven für sein Handeln, begeben sich auf eine Mission, die letztlich unter Verlusten zu einem erfolgreichen Ende geführt wird. Anleihen finden sich also nicht nur in vielen Western, sondern unverkennbar auch in Filmen wie "Die Kanonen von Navarone" (The Guns Of Navarone, 1962) oder "Das dreckige Dutzend" (The Dirty Dozen, 1967), bis zu Quentin Tarantinos "Inglorious Bastards" (2009). Nicht zu vergessen natürlich der ebenfalls von John Sturges inszenierte Klassiker "Gesprengte Ketten" (The Great Escape, 1963).

Wenn man das japanische Original, das zunächst unter dem späteren Western-Titel The Magnificent Seven in amerikanischen Kinos lief, kennt, kommt man kaum umhin, Vergleiche anzustellen. Der Anführer der Sieben ist bei Kurosawa ebenfalls weise und ein guter Stratege, aber viel älter. Einer der Samurai ist extrem schweigsam und virtuos mit dem Schwert, was zu Britt und seinem Messer passt. Ein anderer verdient sich wie O`Reilly anfangs sein Brot mit Holzhacken. Chico, der Jüngste in der Truppe, ist eine Mischung aus dem jungen, seinem Meister folgenden Lehrling, der sich in ein Bauernmädchen verliebt, und dem von Toshiro Mifune verkörperten, leicht verrückten Samurai, der ebenfalls aus einem Bauerndorf stammt. Echte Entsprechungen für Vin, Lee und Harry finden sich bei Kurosawa zwar nicht, jedoch ist der auf Ehre, Pflicht, Stolz und Verantwortung fußende Kodex, nach dem die Samurai handeln, zumindest in Teilen dem eines Cowboys und Gunslingers nicht unähnlich. Der Anführer der Banditen nimmt bei Sturges mehr Raum ein, dafür gibt es bei Kurosawa komplexere Nebenhandlungen, etwa die Geschichte des Bauern Rikichi, dessen Ehefrau von den Banditen als Geisel gehalten wird. Die entscheidende Schlacht erstreckt sich über drei Tage und gipfelt in einem wahren Gemetzel bei strömendem Regen. Die Liebesgeschichte zwischen dem jüngsten Samurai und dem Bauernmädchen ist viel tiefgründiger. Bestimmte Eigenheiten der japanischen Kultur und Gesellschaftsordnung lassen sich eben nicht eins zu eins in einen amerikanischen Western übertragen.

Will man die gesamte Komplexität von Kurosawas Epos erfassen, sollte man sich übrigens unbedint an die ungekürzte japanische Langfassung mit Untertiteln halten, die im Vergleich zur deutsch synchronisierten Kinofassung gut 50 Minuten länger ist.

The Magnificent Seven spricht durch seine Figuren Themen an, die bis dahin so in einem US-Western noch nie behandelt wurden. Es geht um das Leben als Revolverheld und seine Folgen, um Einsamkeit, die Sehnsucht nach einem wirklichen Zuhause, echte und falsche Tapferkeit, das Streben nach Glück und Ruhm, die Angst und den Tod, der manchen am Ende wie eine Erlösung ereilt. Wie das Cowboy-Dasein hier entromantisiert wird, ist auch heute, mehr als 50 Jahre später, noch beeindruckend. Wenn man bedenkt, dass nur wenige Jahre später die Italo-Western mit ihren zumeist nur auf den eigenen Vorteil bedachten "Helden" die Leinwände zu erobern begannen, wird deutlich, welch signifikante Stellung ein Film wie The Magnificent Seven im eigenen Genre einnimmt.

Vier der Sieben bezahlen ihren Kampf mit dem Leben, eine weitere Gemeinsamkeit beider Filme. Während Kurosawa jedoch offenlässt, ob der junge Samurai am Ende im Dorf bleibt, kehrt Chico gewissermaßen zu seinen Wurzeln zurück. Chris und Vin ziehen allein weiter, ohne Familie, ohne ein echtes Zuhause. Das Ende gehört für mich zu den stärksten Momenten. Chris räumt endgültig mit der Glorifizierung des Cowboy-Lebens auf, indem er zu Vin sagt: "The old man was right. Only the farmers won. We lost. We always lose."

Die erste Disc bietet den Film in sehr guter Bild-und Tonqualität mit Audio-Kommentar. Sprachen: Englisch, Deutsch. Untertitel: Deutsch, Englisch. Man sollte diesen Film unbedingt auf Englisch sehen! Die Dialoge sind brilliant und wirken um Klassen cooler als in der deutschen Synchronisation, obwohl die keineswegs schlecht ist. Der Ton liegt Englisch und Deutsch in Dolby Digital 5.1, auf Deutsch zusätzlich sogar in DTS vor. Bildformat: 1.2:35/ 16:9 Breitbild anamorph.

Die restlichen Extras befinden sich auf der zweiten Disc: Ein tolles Making-Of, in dem man viel Interessantes über die Athmosphäre am Set, die Auflagen durch die Zensur und die Probleme hinter den Kulissen erfährt, diverse Trailer, ein eigenes Feature über Elmer Bernsteins legendäre Filmmusik und ein nach Jahrzehnten wiederentdecktes Album mit seltenen Fotos, die während der Dreharbeiten entstanden.

The Magnificent Seven ist nicht nur einer der besten Vertreter seines Genres überhaupt, sondern wie sein japanisches Vorbild ein zeitloses, unsterbliches Meisterwerk mit Tiefgang. Virtuose Regie, unvergessliche Charaktere, tolle Schauspieler, ein Drehbuch voller genialer Dialoge, eine der besten Filmmusiken aller Zeiten und ein furioser Showdown. Bis in alle Ewigkeit mein absoluter Lieblings-Western!


Fort Apache - John Wayne [UK Import]
Fort Apache - John Wayne [UK Import]

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Fort Apache, 18. Januar 2014
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Rezension bezieht sich auf: Fort Apache - John Wayne [UK Import] (DVD)
"Fort Apache" (deutscher Titel: Bis zum letzten Mann) aus dem Jahre 1948 ist der erste Film aus John Fords berühmter Kavallerie-Trilogie mit John Wayne, die als solche eigentlich nicht geplant war. Es folgten "Der Teufels-Hauptmann" (She Wore A Yellow Ribbon, 1949) und "Rio Grande" (1950). Vorlage für das Drehbuch zu "Fort Apache" war die Geschichte "The Massacre" von James Warner Bellah. Die vernichtende Niederlage der 7. Kavallerie unter General George Armstrong Custer gegen die Sioux am Little Big Horn im Juni 1876 diente für diesen Film unverkennbar als authentische historische Basis. Bezeichnend ist dafür auch der Beginn des zweiten Filmes der Trilogie mit den Worten "Custer is dead!"

Alle drei Filme spielen zur Zeit der großen Indianer-Kriege nach dem amerikanischen Bürgerkrieg. Bereits John Fords nicht nur für das Western-Genre wegweisendes Schlüsselwerk "Stagecoach" (1939) war in dieser Periode angesiedelt. Die Handlung von "Der Schwarze Falke" (The Searchers, 1956) reicht in die Dekade um 1870 herein. Bereits Teile seines großes Western-Epos der Stummfilm-Zeit, "The Iron Horse" (Das Eiserne Pferd/Das Feuerross, 1924) spielen in dieser Zeitspanne. Ford wird später in "Der schwarze Sergeant" (Sergeant Rutledge, 1960) und in "Cheyenne" (Cheyenne Autumn, 1964), seinem letzten Western und großartigem Alterswerk, in diese Nachkriegs-Epoche zurückkehren.

Anspielungen, vor allem auf "Stagecoach" gibt es mehrere, unter anderem die eröffnende Szene mit Owen und Philadelphia Thursday in der Kutsche und der spätere Indianer-Angriff auf eine zurückkehrende Patroullie. Sogar die Kamera-Perspektiven ähneln sich stark. Musikalisch bietet bereits der Vorspann einige Elemente, die das Titel-Thema im zweiten Film ausmachen werden. Es tauchen im Verlauf noch weitere musikalische Motive auf, die später in der Trilogie wieder verwendet werden.

John Fords Kavallerie-Trilogie zeigt die Armee als warmherzige Ersatz-Familie, in der die einst verfeindeten Nord-und Südstaatler ihre Differenzen weitgehend überwunden haben und neue Rekruten jedweder Couleur einem zwar harten, doch niemals unmenschlichen Drill unterzogen werden. Viele Soldaten haben denselben Weg eingeschlagen wie ihre Vorfahren. In vielen Familien wird seit Generationen Militärdienst geleistet. Die Betreffenden sind zum Teil schon so lange dabei, dass sie und ihre Angehörigen ein Leben außerhalb der Armee gar nicht mehr kennen.

Die Armee erscheint im Vergleich zu späteren Ford-Filmen in einem idealisierenden Licht. Viele Motive und Themen aus "Fort Apache" wird Ford in den beiden anderen Filmen variieren, wobei er, seiner damaligen Haltung entsprechend, zuweilen doch sehr zur Glorifizierung der Männer in Uniform neigt. Doch spart der Meister, insbesondere in diesem ersten Film, auch ernste Töne nicht aus. So wird hier nicht nur die Rolle der Regierung im Umgang mit den Indianern kritisch beleuchtet. Weiter zeichnet Ford ein insgesamt sehr positives, von Respekt und Sympathie geprägtes Bild der leidenden amerikanischen Ur-Einwohner. Erstmals in einem US-Western darf sich ein Indianer auch verbal verteidigen. Zudem werden weniger sympathische Seiten innerhalb der Familie der US-Army wie Standes-Denken und Abhängigkeiten innerhalb der Hierarchie durchaus nicht verleugnet. Dieser und weitere kritische Ansätze, die Ford in einigen weiteren Filmen der 50er und 60er Jahre wieder aufgreifen und in einem anderen, deutlich pessimistischeren Kontext vertiefend behandeln wird, machen "Fort Apache" zu einem geradezu richtungsweisenden Werk.

Ford wurde und wird immer wieder Rassismus unterstellt und vorgeworfen, er habe zu spät und halbherzig damit begonnen, ein positiveres Indianer-Bild in seinen Western zu zeichnen und das alte Schema Guter Weißer-Böser Indianer zu durchbrechen. Das, was Ford in "Fort Apache" (1948) tut, und was sicher auch Einfluss auf wegweisende Genre-Klassiker wie "Der gebrochene Pfeil" (Broken Arrow, 1950) oder "Hondo" (1953) hatte, wäre 10 Jahre zuvor in Hollywood-Western wie "Stagecoach" (1939) undenkbar gewesen. Bestenfalls konnte er einen sympathischen Indianer kontrapunktisch zur dramatischen Handlung für etwas Humor sorgen lassen, was er in "Trommeln am Mohawk" (Drums Along The Mohawk) bereits 1939 in der Figur des zum Christentum bekehrten Blueback auch tut. Er arbeitete im Studio-System der Goldenen Ära und musste sich lange gewissen Schemata unterwerfen. In der Folge begann sich das gesellschaftliche Klima zu wandeln. Die Zensur in Hollywood lockerte sich, so dass Ford sich in seinen Filmen mit Themen wie Rassismus und der leidvollen Geschichte der großen Indianerstämme viel differenzierter und ambivalenter auseinandersetzen konnte. Ford selbst hat im Laufe seiner Karriere eine bemerkenswerte Wandlung hinsichtlich seiner persönlichen Überzeugungen durchgemacht. Seine Filme machen diese Wandlung spürbar. John Ford war in vielerlei Hinsicht kein einfach zu fassender Charakter. Er war eine komplexe Persönlichkeit, aber sicher kein Rassist!

Neben Veteranen wie John Wayne, Henry Fonda und Ward Bond greift Ford auch diesmal wieder auf viele Schauspieler zurück, die zu seinem legendären Fundus immer wiederkehrender Darsteller zählen. Victor McLaglen gehört ebenso dazu wie Pedro Armendariz, George O`Brien, Jack Pennick, Anna Lee, Mae Marsh, Grant Withers und einige andere. Auch mit Shirley Temple hatte Ford schon einmal gearbeitet. Als sie noch ein Kinderstar war, hatte sie mit Ford "Rekrut Willie Winkie" (1937) gedreht.

Fords Inszenierung ist gewohnt sorgfältig und betont visuell. Die Dialoge sind geschliffen und werden oft, auch das ist ein Markenzeichen Fords, reduziert oder ganz weggelassen. Informationen und Emotionen transportiert Ford so ganz über die Kraft der Bilder. Die Kamera bewegt er nur in besonderen Momenten. Wann immer möglich lässt er vor allem in geschlossenen Räumen mehrere Charaktere in einer Einstellung agieren, schneidet punktgenau und nutzt Großaufnahmen nur dann, wenn es unbedingt geboten ist. Bei Szenen unter freiem Himmel bedient er sich genial der majestätischen Aura des Monument Valley. Zudem sind die Action-Szenen spektakulär. Gestorben wird gegen Ende reichlich, doch oft abseits des Bildes. Ford zeigt nur das Nötigste. Es ist nicht seine Art, ein solches Massaker voyeuristisch auszuschlachten. Die damalige Zensur tut ein übriges.

Colonel Owen Thursday (Henry Fonda) wird nach Fort Apache versetzt, einen entlegenen Außenposten der Armee mit maroder Telegraphen-Verbindung. Begleitet wird der Witwer von seiner Tochter Philadelphia (Shirley Temple). Für Thursday, der bereits eine beachtliche Karriere in der Army gemacht hat und lange Abgesandter in Europa war, kommt der neue Posten einer Degradierung gleich. Der arrogante Paragraphenreiter, der keinerlei Erfahrung mit dem Kommando eines Regiments mitten im Indianer-Territorium hat, will seine Karriere mit Ruhmestaten wieder in Schwung bringen. Andere Befehlshaber führen Kampagnen gegen die großen Indianerstämme und bekommen auch medial entsprechend viel Aufmerksamkeit. Doch Ruhm kann man als Kommandant von Fort Apache kaum ernten. Dazu kommen die internen Spannungen zwischen Thursday und seinem alten Akademie-Kameraden Captain Sam Collingwood (George O`Brien), der selbst auf den Kommando-Posten und die damit verbundene überfällige Beförderung gehofft hatte und nun desillusioniert auf die Bewilligung seiner Versetzung an die Militär-Akademie wartet. Philadelphia hat sich zudem in den feschen Leutnant Michael O`Rourke (John Agar) verliebt, was auf Gegenseitigkeit beruht. Michael hat gerade West Point absolviert. Sein Vater, Michael senior, (Ward Bond), ebenfalls Offizier in Fort Apache, und seine Mutter (Irene Rich) platzen vor Stolz, doch dass seine Tochter einen Soldaten mit niederem Dienstgrad heiratet kommt für Colonel Thursday nicht in Frage. Hatte er anfangs noch eine recht hohe Meinung von dem schneidigen, disziplinierten jungen Mann, ist dieser nach einem ungefragten Ausritt mit Philadelphia bei deren gestrengem Herrn Papa erst mal unten durch.

Dass der vor allem in Sachen Dienstvorschriften und Kleiderordnung penible Thursday für den familiären Zusammenhalt im Fort und damit für den Fortbestand des Regiments eine ernsthafte Bedrohung darstellt, wird schon bei seiner Ankunft klar. Als er den Raum betritt unterbricht die Musik, die nicht, wie er glaubte, ihm zum Willkommen galt, sondern man sei, wie Captain Kirby York (John Wayne) ihm mitteilt, zu Ehren des Geburtstages von General George Washington zusammengekommen, ein Gedenktag, der dem Colonel leider vollkommen entfallen war. Später im Film wird Colonel Thursday einen Tanzabend mit dem Befehl beenden, das Regiment zum Abmarsch im Morgengrauen vorzubereiten. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Dieser Vorgesetzte wirkt von Anfang an wie ein Fremdkörper in der Gemeinschaft und eckt auch bei den altgedienten Offizieren an. Man folgt ihm zwar, wirklichen Respekt genießt er mit seiner pedantischen Art aber kaum, während seine charmante, kokette Tochter sich vor allem mit den Ehefrauen der Offiziere bestens versteht und herzlich umsorgt wird. Die Ford-typischen Tanz-und Gesangseinlagen stehen stellvertretend für Fords Sicht auf das Leben als Abfolge von Ritualen, besonders beim Militär. Ebenso gilt dies in witzigem Kontext, etwa wenn Michael O`Rourke junior zur Begrüßung in der kleinen Poststation Hassayampa (Hasenpfeffer, oder so ähnlich!) herzhaft der Hintern versohlt wird.

Bei ihrem Ausritt waren Philadelphia und Michael auf zwei tote Soldaten gestoßen. Eine Gruppe von Apachen unter Führung des Unterhäuptlings Diablo hat sich vom Rest des Stammes abgespalten und macht marodierend die Gegend um das Fort unsicher. Der ganze Stamm wurde von der Regierung in dem ihnen zugewiesenen Gebiet einfach sich selbst überlassen. Geschäftemacher wie der schmierige Händler Silas Meacham (Grant Withers) nutzen dies aus und betrügen die Indianer seit Jahren nach Strich und Faden. Meacham ist eigentlich als Vertreter der Regierung in das Gebiet geschickt worden. Anstatt seine Schützlinge mit ausreichenden Fleisch-Rationen, warmen Decken und anderem Lebensnotwendigen zu versorgen, dreht er ihnen wertlosen Ramsch an, zerstört ihre Familien mit Alkohol und verschachert unter der Hand sogar Winchester-Gewehre an die Indianer. Und die Schreibtischtäter in Washington sehen tatenlos zu.

Die Szene in Meachams Warenlager ist ein typisches Beispiel, wie Ford ein Kompendium komplexer Themen mit Charakterzeichnung kombiniert und das Ganze im richtigen Moment mit Comic Relief-Elementen würzt. Nicht nur dass er bei der Konfiszierung von gepanschtem Schmuggel- Whiskey in einer mit der Aufschrift "Bibles" markierten Kiste dem steifen Thursday mit "Sergeant, pour me some scripture" wunderbar beiläufig einen der besten Sprüche des Filmes in den Mund legt und das Gesöff von Sergeant Festus Mulcahey (Victor McLaglen), dem Patenonkel des jungen O`Rourke, der mit den Kameraden Shattuck (Jack Pennick), Quincannon (Dick Foran) und Beaufort (Pedro Armendariz) ein trinkfestes Quartett bildet, testen lässt. Die Order an die vier, was sie mit dem im wahrsten Sinne brandgefährlichen Fusel tun sollen, ist ebenfalls glasklar: "Destroy it!" Nun ja, das tun die Herren dann auch, auf ihre Weise...

Um dem Teufelskreis im Reservat zu entkommen, sah Häuptling Cochise (Miguel Inclan) nur den Ausweg, das Gebiet zu verlassen und mit seinem Volk über den Rio Grande nach Mexiko zu ziehen, was einem Bruch des mit Washington geschlossenen Vertrages gleichkommt. Thursday wittert die Chance, sich als der Mann zu profilieren, der Cochise zurückbrachte. Bei den Unterhandlungen mit Cochise und den Vertretern der anderen Apachen-Stämme, unter ihnen Geronimo, zeigt sich schließlich seine ganze Unfähigkeit. Der Colonel besitzt zwar ein enzyklopädisches Wissen hinsichtlich militärischer Geschichte und theoretischer taktischer Manöver, jedoch beurteilt er jede noch so diffizile Lage nach denselben Parametern. Er ist kein völliger Unsympath. Seine Tochter liebt er über alles und auch großzügige Gesten zeigt er hin und wieder. Jedoch haben sein Ehrgeiz und seine rigide, unflexible und daher für Konfliktsituationen in der Praxis vollkommen ungeeignete Art sein Amt auszuüben verheerende Konsequenzen. Er verachtet Leute wie Silas Meacham zutiefst, und doch deckt er ihn gegen die erhobenen Anschuldigungen. Seinem Wertesystem zufolge hat ein "Wilder" und Vertragsbrecher keine Ehre und daher kein Recht, sich einem Regierungsvertreter zu widersetzen. Cochises zu erwartende Weigerung, in das Reservat zurückzukehren, ist für Thursday der willkommene Vorwand zum Angriff. Selbst als alles verloren ist, reitet er, anstatt zu kapitulieren, bereits schwer verwundet wieder in den Kampf. York schafft es nicht, ihn zurückzuhalten.

Captain Kirby York kennt sich mit der angespannten Situation, der Kultur der Indianer und ihrer Notlage in allen Facetten bestens aus. Er hat Häuptling Cochise als Ehrenmann kennengelernt. York mahnt immer wieder zur Vernunft und ist ein Verfechter der Diplomatie. Er beißt bei seinem engstirnigen Vorgesetzten, dem jedes Einfühlungsvermögen im Umgang mit einer fremden Kultur fehlt, aber letztlich auf Granit. York wird von Thursday sogar dazu missbraucht, Cochise zurück auf amerikanischen Boden zu locken. Thursday glaubt, die stolzen Apachen leicht in Schach halten und militärisch besiegen zu können. Ein verhängnisvoller Irrtum. Doch selbst als das Regiment sich auf fremdem Terrain einer Übermacht gegenübersieht weicht der Colonel nicht zurück. Erst in der Schlacht selbst beginnt er seine Irrtümer einzusehen, doch seine durchaus ehrlich gemeinten Entschuldigungen kommen zu spät. Die Katastrophe ist nicht mehr aufzuhalten. Auch Collingwood, der um die Kampfkraft der Apachen weiß, aber es wie all die anderen nicht über sich brachte, im entscheidenden Moment den Gehorsam zu verweigern, reitet mit ihm dem Untergang entgegen, just als seine Frau Emily (Anna Lee) ein Telegramm bekommt. Die Versetzung wurde bewilligt! Anstatt ihn zurückzuholen, lässt sie ihn ziehen. "Sam is no coward. Keep this for the Captain`s return." Doch kaum sieht sie das Regiment am Horizont verschwinden, beginnt sie Schlimmes zu ahnen: "I can`t see him. All I can see is the flags"...

Dass Ehefrauen und andere Angehörige zusehen, wie ihre Männer heroisch der Gefahr entgegen reiten, ist eines dieser klassischen John Ford-Motive, das später in "The Searchers" (1956) auf bitterste Art ironisch ins Gegenteil verkehrt werden wird. Dort sind es letztlich die Daheimgebliebenen, denen Gefahr droht. Und auch sie wird das Unheil mit voller Wucht treffen.

"Fort Apache" ist ein in letzter Konsequenz durchaus bitterer Film über falsches Heldentum, blinden Ehrgeiz, Gehorsam, die Wertigkeit von Pflichterfüllung und die Macht verlogener (amerikanischer) Mythen. Owen Thursday, der für die Vernichtung eines ganzen Regiments verantwortlich war, wurde posthum zum General befördert. Er gilt, vergleichbar mit dem authentischen General Custer, nach seinem Tod in der Schlacht als Held. Selbst York, der das Massaker als einer der wenigen überlebt hat und sein Nachfolger geworden ist, macht, obwohl er wie der Zuschauer die Wahrheit kennt, auch Jahre danach, als er vor dem Beginn eines Feldzuges gegen Geronimo steht, einigen Reportern gegenüber keine Anstalten, an dieser vielleicht von oben verordneten Legende, die sich mittlerweile im Bewusstsein auch nachfolgender Generationen manifestiert hat, zu kratzen.

Michael O`Rourke junior, dessen Vater ebenfalls gefallen ist, und Philadelphia Thursday haben mittlerweile geheiratet und sind Eltern eines Sohnes. Schon bei der Wahl des Namens bleibt kein Zweifel, in wessen Fußstapfen der kleine Windelträger einmal treten wird. Yorks pathetischer Monolog als er am Fenster steht und sich darin das in Linie vorbeiziehende neu formierte Regiment spiegelt, erhöht noch die Ironie. Die Musik setzt dem Ganzen die Krone auf: Bei Yorkes Monolog erklingen einige Takte aus "His Truth Is Marching On."

Mit der Wirkung eines falschen Helden-Mythos auf die Psyche einer ganzen Nation und der Rolle der Medien wird John Ford sich Jahre später in seinem genialen Alterswerk "Der Mann, der Liberty Valance erschoss" (The Man, Who Shot Liberty Valance, 1962) noch viel tiefgründiger beschäftigen.

Bei der hier vorliegenden DVD handelt es sich um einen Import aus England. Die Disc bietet lediglich eine englische Tonspur in 2.0 Mono. und hat nur englische Untertitel. Der Film liegt im Vollbild-Format in der ungekürzten Original-Fassung vor und präsentiert sich in einer exzellenten Qualität. Offenbar wurde für den Transfer ein komplett restauriertes Master verwendet. Das Bild ist, berücksichtigt man das Alter des zugrunde liegenden Materials, wirklich beeindruckend ruhig, scharf und kontrastreich. Der Ton klingt sehr klar und sauber. Defekte und störendes Rauschen sind praktisch nicht vorhanden. Extras gibt es nicht.

Die deutsche Kinowelt-DVD bietet neben der ungekürzten Original-Version auch die deutsche Fassung, jedoch ist diese um mehr als 30 Minuten gekürzt und indiskutabel synchronisiert. Obendrein sind bei der deutschen DVD vor allem bei der Original-Version die Bild-und Tonqualität alles andere als optimal. "Fort Apache" ist ein Film, den man in der Original-Version sehen muss(!), wenn man seine ganze Komplexität erfassen und die Charaktere verstehen will. Wer dieses Werk nicht nur in voller Länge, sondern auch in angemessener technischer Umsetzung genießen will und ohne deutsche Untertitel auskommt, sollte zu der englischen Import-DVD greifen!

"Fort Apache" ist ein Film von leider zeitloser Relevanz, in dem gerade aus heutiger Sicht ein viel komplexerer Subtext steckt, als John Ford es sich Anno 1948 wahrscheinlich selbst hätte träumen lassen. Doch gerade diese zeitlose Komplexität macht die Filme Fords auch für spätere Generationen zu einem wertvollen Gut, das man immer wieder neu entdecken kann. Militärisches wie menschliches Versagen durch Selbstüberschätzung, die Unfähigkeit, sich anderen Kulturen zu öffnen und sinnlose Interventionen mit hohem Blutzoll, auch aufgrund wirtschaftlicher Interessen, gab und gibt es, vor allem in der Geschichte der USA, immer wieder.

Beeindruckend gefilmt im Monument Valley, unterfüttert mit typischem John Ford-Humor und bis in die Nebenrollen großartig gespielt. Henry Fonda ist klasse gegen den Strich besetzt. John Wayne gibt wunderbar subtil den aufrechten Pragmatiker, der das Unheil kommen sieht, es aber nicht verhindern kann. John Agar überzeugt in seinem Filmdebüt als junger Idealist. Und nicht zu vergessen John Agars damalige Ehefrau, die zuckersüße Shirley Temple! Ein immer wieder sehenswerter Klassiker!
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 8, 2016 3:49 PM MEST


Weites Land [Blu-ray]
Weites Land [Blu-ray]
DVD ~ Gregory Peck

7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen The Big Country auf Bluray!, 30. Dezember 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Weites Land [Blu-ray] (Blu-ray)
James McKay (Gregory Peck), der Sohn eines reichen Reeders von der Ostküste, kommt in den Westen, um Patricia Terrill (Carroll Baker), die Tochter des einflussreichen Ranchers Major Henry Terrill (Charles Bickford) zu heiraten. Der Neuankömmling sieht sich in der für ihn ungewohnten Umgebung nicht nur wegen seiner Kleidung zunächst einigem Spott und mancher Feindseligkeit ausgesetzt. Vor allem Steve Leech (Charlton Heston), der Vorarbeiter und Ziehsohn Major Terrills, macht aus seiner Abneigung gegen den feinen, auf den ersten Blick etwas steif wirkenden Herrn aus dem Osten keinen Hehl. Die Tatsache, dass Leech selbst in Patricia verliebt ist, von ihr aber zurückgewiesen wurde, verstärkt die Spannungen noch.

James McKay jedoch ist alles andere als ein Weichling. Er ist jahrelang unter großen Entbehrungen zur See gefahren, hat so ein gutes Stück von der Welt gesehen und gelernt, sich zu behaupten. Er schließt Freundschaft mit dem mexikanischen Pferdeknecht Ramon (Alfonso Bedoya) und es gelingt ihm sogar, Old Thunder, das widerspenstigste Pferd auf der Ranch, zu zähmen.

Henry Terrill führt seit vielen Jahren eine Fehde mit dem Rinder-Baron Rufus Hannassey (Burl Ives). Es geht um das alleinige Recht der Nutzung des Gebietes Big Muddy, das genug Weideland für das Vieh und vor allem einen Flusslauf als Tränke bietet. Eigentümerin dieses Gebietes ist Patricias beste Freundin, die Lehrerin Julie Maragon (Jean Simmons). Auf diese hat es wiederum Buck (Chuck Connors), der missratene Sohn des alten Rufus abgesehen, jedoch will Julie nichts von ihm wissen. Seit Julies Großvater nicht mehr lebt, droht der Konflikt um Big Muddy zu eskalieren. Julie selbst befindet sich in einem Dilemma. Sie liebt dieses Land, doch die Situation ist ihr eine Bürde. Aber sie will und kann ihr Erbe nicht einfach an eine der verfeindeten Parteien abtreten, denn dies würde zwangsläufig zu Blutvergießen führen. James McKay versucht, zu vermitteln. Er gerät dabei zwischen die Fronten. Seine pazifistische Einstellung führt letztlich zum Bruch mit dem unbelehrbaren, machthungrigen Major Terrill, besonders aber mit seiner Verlobten Patricia, die denselben Hass auf die Hannasseys hegt wie ihr Vater.

Major Henry Terrill, der mitunter den Eindruck vermittelt, als wolle er seinen Gegner bei lebendigem Leibe fressen, nutzt jede Gelegenheit, Hannasseys Rinder vom Wasser fernzuhalten und ihn zu provozieren. Steve Leech steht seinem Ziehvater loyal zur Seite. Dass Rufus Hannassey der Konfrontation nicht ausweicht und gleichsam auf seinem Standpunkt beharrt, ist ganz in Terrills Sinne. "What I appreciate even more than a devoted friend is a dedicated enemy"...

Rufus Hannassey, eine nicht nur körperlich imposante Erscheinung, lebt nach einem alten Ehrenkodex, der besonders bei dem Pistolen-Duell zwischen Buck und James McKay zum Tragen kommen wird, Als Vater hat er, wie er sich zunehmend eingestehen muss, aber versagt. Buck, der sich von seinem Vater so manche Demütigung gefallen lassen muss, ist nicht nur ein verrohter Prolet, sondern auch ein Feigling. Der alte Mann empfindet Henry Terrill wiederum als skrupellosen Emporkömmling und Heuchler.

Hannassey, der Julies Großvater Clem Maragon als wahren Gentleman schätzte und respektierte, sieht seit dessen Tod sein Imperium akut bedroht. Auch er lässt, je mehr der Konflikt sich zuspitzt, nichts unversucht, die junge Frau dazu zu bringen, ihm allein das Land zu überschreiben. Doch Julie hat längst eine eine Entscheidung getroffen, denn Big Muddy ist mittlerweile im Besitz von James McKay, der den Entschluss gefasst hat, sich dort niederzulassen. Vor allem aber will er auf diese Weise für Frieden sorgen und gleichzeitig sicherstellen, dass Julie de facto das Gebiet behalten kann. Wie zu Lebzeiten des alten Maragon sollen die Terrills und die Hannasseys gleichberechtigt das Wasser nutzen dürfen.

Trotz der Bemühungen McKays ist die Konfrontation der unversöhnlichen Patriarchen letztlich nicht abzuwenden. Die beiden Erzfeinde hassen sich so sehr, dass der Konflikt endet, wie ein Konflikt dieses Ausmaßes enden muss.

Regie-Altmeister William Wyler drehte dieses fast drei Stunden lange Epos 1958 nach dem gleichnamigen Roman von Donald Hamilton. Gregory Peck, der mit Wyler bereits den Klassiker "Ein Herz und eine Krone" (Roman Holiday, 1953) gedreht hatte, spielte hier nicht nur die Hauptrolle, sondern war auch als Co- Produzent an Bord, was zwischen beiden zu diversen Reibereien führte. Die Produktionsgeschichte von "Weites Land" war insgesamt schwierig. Besonders am Drehbuch wurde lange gefeilt. Herausgekommen ist allerfeinstes Breitwand-Kino der alten Schule.

Wyler nutzt die atemberaubenden Landschafts-Panoramen nicht nur als reines Augenfutter, sondern erzählt dank genialer Kamera- Arbeit, psychologisch fein gezeichneter Figuren und mit exquisiter Regie eine sorgfältig aufgebaute, zeitlos packende Geschichte über Hass, Gier, Ehre, falsche und echte Loyalität, die einem William Shakespeare aus der Feder geflossen sein könnte, und die von begnadeten Darstellern zum Leben erweckt wird. Dazu kommt natürlich noch die Musik von Jerome Moross, die zu den berühmtesten im Western-Genre gehört.

Gregory Peck glänzt wie so oft als die Integrität in Person und auch der in vielen anderen Filmen oft hölzern agierende Charlton Heston bietet eine exzellente Vorstellung. Auch die anderen Darsteller spielen grandios. Hestons Zusammenarbeit mit William Wyler in diesem Film trug ihm kurz darauf die Hauptrolle in "Ben Hur" (1959) ein, die ihn, wiederum unter Wylers Regie, weltberühmt machte. Alfonso Bedoya ist vor allem als mexikanischer Bandit Gold Hat in John Hustons "Der Schatz der Sierra Madre" (The Treasure Of The Sierra Madre, 1947) unvergessen.

Nebenbei liefert dieser Film in der mittlerweile legendären Auseinandersetzung zwischen James McKay und Steve Leech eine der besten Prügeleien der Filmgeschichte. Besonders bemerkenswert ist, wie dieser Faustkampf inszeniert wurde. Indem die Kamera immer wieder so weit wie möglich von den Kontrahenten entfernt steht und sie oft nicht größer als Ameisen zeigt, verdeutlicht Wyler die Sinnlosigkeit von Gewalt beim Lösen von Konflikten. Bezeichnend ist, dass der Kampf dann auch keinen wirklichen Sieger findet. McKay bringt es am Ende auf den Punkt, als er seinen Gegner fragt: "What have we proven?"

Überhaupt rückt Wyler die Gewalt in seiner Inszenierung wiederholt gezielt in den Hintergrund, beziehungsweise aus dem Blickfeld des Betrachters, eben um den Irrsinn des Konfliktes zu betonen. Besonders eindrucksvoll gelingt ihm dies auch bei dem finalen Showdown im Blanco Canyon.

Burl Ives erhielt zu Recht einen Oscar und einen Golden Globe für seine Darstellung des alten Hannassey. Eine weitere Oscar-Nominierung gab es für die Musik. William Wyler wurde immerhin von der Director`s Guild Of America (DGA) als bester Regisseur des Jahres nominiert.

Auf Bluray erstrahlt "The Big Country" in einer im Heimkino bisher bei diesem Film nicht gekannten Pracht! Der Film wurde mit Hilfe der Academy Of Motion Pictures Arts And Sciences in Bild und Ton sorgfältig restauriert. Auf früheren DVDs war das Bild oft von unscharfen Passagen und Defekten gekennzeichnet. Vor allem in der Titelsequenz waren am Bildrand Streifen zu sehen, die von einem beschädigten Negativ herrührten. Auch der Ton war auf DVD eher flach. Solche Mängel sind nun in der HD-Version endlich beseitigt worden.

Schade, dass die Disc außer einem kurzen Feature von den Dreharbeiten, einem TV-Spot und dem Original-Trailer keine weitern Extras bietet. Ein Making-Of oder ein Audio-Kommentar wären toll gewesen, aber man kann nicht alles haben.

Das Bild liegt im korrekten Format 16:9 (2:35.1 Letterbox) vor. Es gibt mehrere Optionen für Tonspuren und Untertitel. Der Mono-Ton wurde in DTS aufbereitet. Besonders das amerikanische Original klingt hervorragend, aber auch der deutsche Ton und die anderen ausländischen Fassungen können sich hören lassen! Ich empfehle, den Film möglichst auf Englisch zu schauen. Die deutsche Synchronisation ist zwar nicht schlecht, aber die Dialoge wirken im Original einfach viel tiefgründiger und eingängiger!

"Weites Land" ist wie zum Beispiel "Lawrence von Arabien" einer dieser Filme, die ihre volle Wucht eigentlich nur auf der ganz großen Leinwand entfalten. Im Heimkino hat man, obwohl wie gesagt das Format korrekt und der Bildausschnitt vollständig ist, leider bei solchen Filmen immer die unvermeidlichen schwarzen Balken oben und unten. Daher gilt: Je größer der Fernseher, desto besser!

"Weites Land" ist ein Film, für den die Bezeichnung Edel-Western erfunden worden sein könnte. In epischer Breite mitreißend inszeniert, perfekt besetzt und durch die Bank großartig gespielt! Auf Bluray kann man ihn nun zu Hause endlich in angemessener Qualität genießen!
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 23, 2014 12:39 AM MEST


Spuren im Sand (Neue Sprachversion)
Spuren im Sand (Neue Sprachversion)
DVD ~ John Wayne
Wird angeboten von rekommandera
Preis: EUR 26,59

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Three Godfathers, 16. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Spuren im Sand (Neue Sprachversion) (DVD)
John Ford inszenierte diesen Film, der zu den persönlichsten des legendären Regisseurs gezählt werden kann, im Jahre 1948. Ford hatte diese Geschichte nach einer Vorlage von Peter B. Kyne schon einmal in der Stummfilm-Zeit verfilmt. Hauptdarsteller in dem 1919 entstandenen Film "Marked Men" war Harry Carey, der große Western-Held jener Jahre. Er und Ford drehten insgesamt 26 Filme miteinander. Als Harry Carey starb, drehte Ford "Three Godfathers" (deutscher Titel: Spuren im Sand) ihm zu Ehren. Der Film ist Harry Carey gewidmet.

"Three Godfathers" ist nicht nur ein Tonfilm-Remake eines früheren Ford-Films, er wurde auch in satten Technicolor-Farben gedreht. Kameramann war Winton Hoch, der mit Ford später noch weitere Klassiker wie "Der Teufelshauptmann" (She Wore A Yellow Ribbon, 1949), "Der Sieger" (The Quiet Man, 1952) und natürlich "Der Schwarze Falke" (The Searchers, 1956) drehte.

Auch diesmal greift Ford bei der Besetzung wieder auf viele bereits aus früheren Filmen bekannte Gesichter zurück. Nahezu alle Cast- Mitglieder gehören bei diesem wie gesagt sehr persönlichen Projekt seiner legendären "Stock-Company", der Riege aus regelmäßig in seinen Filmen auftretenden Darstellern an.

Dieser Film ist einer der wenigen von John Ford, deren Handlung nicht explizit auf ein Schlüsselereignis oder besonderes Datum in der Geschichte der USA Bezug nimmt. Trotzdem ist es ein typischer Ford-Film. Als Western taugt die Story hier nur bedingt. Das Setting dient, charakteristisch für Ford, lediglich als poetischer Hintergrund für eine Geschichte, in der die Charaktere im Fokus stehen. Elemente wie die Eisenbahn, die im Western-Genre stets mehr als nur ein bloßes Mittel der Fortbewegung und des Transports darstellt, verankern die Ereignisse in der Ära der großen Pionierzeit der Vereinigten Staaten nach dem Bürgerkrieg. Ford wird diese Nachkriegs-Epoche in späteren Western wie dem großartigen "Der Mann, der Liberty Valance erschoss" (The Man, Who Shot Liberty Valance, 1962) viel pessimistischer zeichnen als er es hier noch tut. Seine Sympathie für einfache Leute, besonders für Außenseiter der Gesellschaft, denn nichts anderes sind letztlich die drei Protagonisten in "Three Godfathers", zieht sich wie ein roter Faden durch Fords filmisches Schaffen. Natürlich zelebriert der Regisseur, hier in einem weihnachtlichen Kontext, auch wieder die Weihen der Zivilisation und der familiären Gemeinschaft, wie es so charakteristisch für seine Filme dieser Periode ist.

Robert Marmaduke Hightower (John Wayne), der Mexikaner Pedro Roca Fuertes (Pedro Armendariz) und der junge, etwas naiv wirkende William Kearney (Harry Carey jr.), auch bekannt als The Abilene Kid, kommen kurz vor Weihnachten in das idyllische Bilderbuch-Städtchen Welcome in Arizona. Die drei liebenswerten Galgenvögel wollen die dortige Bank ausrauben. Der Überfall geht schief. William bekommt eine Kugel in die Schulter. Nur mit knapper Not kann das Trio den wehrhaften Bürgern entkommen. Und Sheriff Pearly "Buck" Sweet (Ward Bond) hat mit seinen Deputys bereits die Verfolgung aufgenommen...

Da "Buck" Sweet an allen Stationen im Umland mittlerweile seine Männer postiert hat, bleibt den drei Bankräubern nur der Fluchtweg Richtung Wüste. Leider hat der schlitzohrige Sheriff auch noch den größten Wasserbeutel der Flüchtigen zerschossen. Er hofft, Hightower und seine Freunde schnell fassen zu können, sobald ihnen die Verpflegung ausgeht. Doch die drei riskieren es, das Wüstengebiet zu durchqueren, obwohl ihr Trinkwasser immer knapper wird. Als sie am nächsten Morgen nach einem Sandsturm wieder zu sich kommen, sind auch noch ihre Pferde verschwunden. Sie müssen zu Fuß weitergehen und stoßen in einer Talsenke auf einen Planwagen mit einer Schwangeren darin, die kurz vor der Niederkunft steht...

Die werdende Mutter (Mildred Natwick) wurde von ihrem nichtsnutzigen Ehemann zurückgelassen. Dieser hatte mit Dynamit herumgespielt und dadurch den einzigen verfügbaren Wasserspeicher unbrauchbar gemacht. Wahrscheinlich hat ihn auf der Suche nach Wasser längst ein unvermeidliches Schicksal in der Wüste ereilt. Nachdem, vor allem dank Pedros Hilfe, das Baby gesund zur Welt gebracht wurde, müssen die Männer der sterbenden Frau versprechen, für den Kleinen zu sorgen. Mit den verbliebenen Reserven an Dosenmilch und Wasser, das sie aus einigen Kakteen gepresst haben, machen sich die drei Paten, so die korrekte Übersetzung des Original-Titels, mit dem Säugling auf den Weg nach New Jerusalem...

Das Begräbnis der Mutter ist natürlich eine für Ford charakteristische Sequenz. Beerdigungen sind ein in seinen Filmen immer wiederkehrender christlicher Ritus, der sich bereits in seinen Stummfilmen findet, etwa in "Drei ehrliche Banditen" (Three Bad Men, 1926), in dem drei Outlaws, eine interessante Parallele zu den Three Godfathers, einem jungen Mädchen zu Hilfe kommen, nachdem deren Vater getötet wurde.

Dass es in einem John Ford-Film Querverweise und Anspielungen auf eines oder mehrere seiner früheren Werke gibt, ist für diesen Regisseur absolut typisch. Als Hightower und seine Freunde in die Stadt einreiten, kurz nach ihrem Gespräch mit dem Sheriff und seiner Gattin, bei dem über Eierschalen im Kaffee und andere Kleinigkeiten gefachsimpelt wurde, kommt gerade eine Postkutsche mit einigen Passagieren in Welcome an, darunter eine junge Dame (Dorothy Ford) aus dem Osten, mit der Hightower anscheinend anbandelt. Freilich entwickelt sich letztlich keine Romanze wie zwischen dem ebenfalls vom Duke verkörperten Ringo und Dallas (Claire Trevor) in "Stagecoach" (1939), jedoch ist die Szene eindeutig eine Variation auf diesen Klassiker. Und John Ford benutzt für die Ankunft der Kutsche ein musikalisches Motiv, das bereits damals zum Einsatz kam.

In "Der Teufels-Hauptmann" (She Wore A Yellow Ribbon, 1949) dem mittleren Teil der Kavallerie Trilogie, den er nach "Three Godfathers" drehte, findet sich dann zu Beginn in anderem Kontext erneut visuell wie musikalisch ein Verweis auf Fords wegweisendes Schlüsselwerk, ebenso wie im Vorgänger "Bis zum letzten Mann" (Fort Apache, 1948).

John Ford erzählt die Geschichte der drei vom rechten Wege abgekommenen Männer, die ihre Bestimmung finden, mit gewohnt liebevoller Zeichnung der verschiedenen Charaktere. Die drei Protagonisten wachsen einem wirklich ans Herz. Insgesamt ist die Inszenierung in den richtigen Momenten auch angemessen subtil. Die Bildsprache vermeidet jede Effekthascherei oder Voyeurismus, was einerseits an Fords typischem Stil liegt, der vieles der Vorstellungskraft des Zuschauers überlässt, andererseits in gewissen Momenten auch den seinerzeit üblichen Auflagen durch die Zensur geschuldet sein dürfte. So zeigt er uns etwa die Mutter des Babys erst nach der Entbindung im Bild, während man zuvor nur ihre Stimme hört. Ihren Baby-Bauch und die Geburt selbst, sehen wir nicht.

Die Parallelen zur Weihnachtsgeschichte sind nicht nur unübersehbar, sondern ganz klar beabsichtigt. John Ford, ein gläubiger Katholik, dessen Familie gegen Ende des 19. Jahrhunderts aus Irland nach Amerika emigriert war, versucht gar nicht erst, die religiöse Symbolik zu verstecken. Bezeichnend ist der Dialog vor dem Aufbruch: "Which way is Jerusalem?" "This way. Can`t you see the star?" Eine Bibel, die sich unter diversen Baby-Utensilien findet, dient wiederholt als Quelle der Inspiration, und gegen Ende steht ausgerechnet vor dem völlig erschöpften Hightower, der mit den entsprechenden Bibelstellen bis dahin so gar nichts anzufangen wusste, auch noch wie aus dem Nichts eine mit Proviant bepackte Eselin samt Jungtier.

Um ein Abdriften in melodramatischen Kitsch zu vermeiden, würzt Ford die Geschichte zwischendurch mit ausreichend typischem Humor. Er baut einerseits in gewohnter Manier kauzige, schrullige Nebenfiguren wie Miss Florie (Jane Darwell) oder Deputy Curly (Hank Worden) ein, um zu verhindern, dass alles insgesamt zu pathetisch gerät, andererseits stellt er auch die Hauptfiguren vor manche Aufgabe, die dem Zuschauer mehr als nur ein Schmunzeln entlocken. Einfach genial, wenn die drei Helden Themen wie Säuglingspflege, Kleidung, Fütterung und Toiletten erörtern und den kleinen Wonneproppen namens Robert William Pedro in Ermangelung einer geeigneten Lotion mit Wagenfett einreiben! Und einen Saloon kurzerhand zum Gerichtssaal umzufunktionieren, in dem der Richter (Guy Kibbee) nach der Urteilsverkündung gleich mal eine Runde schmeißt... Hut ab!

Ebenso hält Ford in diesem Film einmal mehr die Balance zwischen Humor und Tragik, Tod und Leben. Das Kind, ein Symbol der Hoffnung und der Zukunft, wird genau am Weihnachtsabend wie versprochen der Zivilisation zugeführt. Mit letzter Kraft schleppt Hightower sich in den Saloon. Der Klavierspieler stimmt "Stille Nacht, heilige Nacht" an. Das Baby wird in liebende Hände kommen, doch der Weg dorthin hat Opfer gefordert. Die Mutter des Neugeborenen war, wie sich im Verlauf der Geschichte zeigen wird, die Nichte von Sheriff Sweet. Er und seine Frau (Mae Marsh) hatten eigentlich zu Weihnachten ihren Besuch erwartet. Der eigentlich herzensgute Gesetzeshüter macht nun irrtümlich die Flüchtigen für ihren Tod verantwortlich. Er will die vermeintlichen Mörder tot sehen. Opfer bringen auch die drei Bankräuber selbst, die ihr Patenkind ins Herz geschlossen haben und nun alles daran setzen, ihre Mission zu erfüllen...

Der überlebende Hightower, der noch im Saloon von Sheriff Sweet verhaftet worden war, kann letztlich nachweisen, dass er und seine Freunde niemanden ermordet haben, doch muss er natürlich trotzdem eine kurze Strafe absitzen. Die Bewohner von Welcome feiern ihn dank des geretteten Babys als Helden. Er empfindet den Kleinen mittlerweile als sein leibliches Patenkind. Absolut rührend ist in diesem Zusammenhang auch die Szene, in der es zwischen Hightower und dem Ehepaar Sweet beim gemeinsamen Frühstück um die Adoption des kleinen Robert William Pedro geht.

Die DVD bietet zwar keine Extras, dafür liegt der Film erstmals in der ungekürzten Fassung vor. Bild-und Tonqualität sind, gemessen am Alter, ausgezeichnet. Bildformat: 4:3/1:33.1. Tonformat: Deutsch und Englisch, jeweils in Dolby Digital Mono. Untertitel: Deutsch.

Ich persönlich schaue mir Filme von John Ford grundsätzlich lieber im amerikanischen Original an, daher ist die deutsche Tonspur für mich nicht sonderlich interessant. Den vielen Fans aber, die kein Englisch können und sich den Film-Genuss nicht durch anstrengendes Mitlesen von Untertiteln kaputtmachen lassen wollen, hat man hier definitiv keinen Gefallen getan, genauso wenig wie all denen, die diesen Film aus Kino und Fernsehen schon immer mit der Original-Synchronisation verbinden, auch wenn bei dieser natürlich 10 bis 12 Minuten fehlen. Diese wenigen Minuten hätte man auf der DVD ja im amerikanischen Original mit festen Untertiteln belassen können. Nichts gegen eine vollständige deutsche Tonspur, aber eine komplett neue Synchronisation mit derart unpassenden Stimmen? Thomas Danneberg als deutscher Stimme von John Wayne ... Autsch!

Die beiden einzigen Argumente, die bei einem Film wie diesem eine neue deutsche Fassung rechtfertigen, wären rechtliche oder technische Probleme bei der Verwendung der Original-Synchronisation. Vielleicht war das Master nicht verfügbar, oder es war so stark beschädigt, dass es nicht mehr verwendbar war. Falls das deutsche Original doch in gutem Zustand verfügbar und verwendbar war, ist diese Neu-Synchronisation in meinen Augen Betrug! Daher: Den Film möglichst auf Englisch ansehen!

"Three Godfathers" ist ohne Zweifel einer der schönsten Filme, die John Ford je gedreht hat. Witzig, warmherzig und ergreifend, auch mit traurigen Momenten, großartig gefilmt mit wunderbaren Schauspielern. John Wayne, Pedro Armendariz und Harry Carey jr., der hier im Gedenken an seinen Vater seine erste große Filmrolle spielt, glänzen als die Heiligen Drei Könige des Wilden Westens. Immer ein Wiedersehen wert, nicht nur zu Weihnachten!
Kommentar Kommentare (5) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 7, 2014 9:18 AM CET


Ist das Leben nicht schön? [Blu-ray]
Ist das Leben nicht schön? [Blu-ray]
DVD ~ James Stewart
Preis: EUR 8,54

11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen DER Klassiker unter den Weihnachtsfilmen: restauriert in HD, 10. November 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Frank Capras unsterbliches Meisterwerk aus dem Jahre 1946 gehört heute mit Recht zu den beliebtesten Filmen weltweit und ist seit vielen Jahren nicht nur in Deutschland fester Bestandteil des weihnachtlichen Fernsehprogrammes. "It`s A Wonderful Life" wurde seinerzeit für fünf Oscars nominiert, unter anderem für den Besten Film des Jahres, die Beste Regie und den Besten Hauptdarsteller, ging aber leer aus. Das Drehbuch schrieben Frank Capra, Frances Goodrich und Albert Hackett unter Mitwirkung einiger weiterer Autoren wie Dalton Trumbo und Clifford Odets, die jedoch im Vorspann nicht genannt werden, basierend auf der Geschichte "The Greatest Gift" von Philip Van Doren Stern.

"It`s A Wonderful Life" wird gerne als absoluter Wohlfühl-Film empfunden. Auf den ersten Blick mag das stimmen, doch sieht man genauer hin, erscheint unter der Bilderbuch- Oberfläche eine düstere Fabel über Gier, Ausbeutung, Verzweiflung und zerplatzte Träume. Der Held dieser Geschichte ist ein hochanständiger, fleißiger amerikanischer Durchschnittstyp, der im Laufe seines Lebens mehr als einmal von Wut und Unzufriedenheit beseelt, mit sich und seinem Schicksal hadern wird, bis zu dem Punkt, an dem unglückliche Umstände ihn an den Rand der Selbstzerstörung treiben.

George Bailey (James Stewart), Inhaber der "Baileys Building & Loan", einer kleinen Bausparkasse, die den Bürgern des beschaulichen Städtchens Bedford Falls bei Erwerb und Finanzierung eines Eigenheims zur Seite steht, ist am Heiligabend 1946 so verzweifelt, dass er sich das Leben nehmen will. Doch die himmlische Administration ist alarmiert, denn seine Familie und all die Menschen, die ihm so viel zu verdanken haben, wissen um seine unverschuldete Notlage und beten für ihn. Und so naht Rettung in Gestalt des kauzigen Clarence (Henry Travers). Clarence, den George zunächst nur für einen normalen älteren Herrn hält, ist ein Engel, der seit 200 Jahren vergeblich versucht, sich seine Flügel zu verdienen...

George Bailey, verheiratet mit seiner Jugendliebe Mary Hatch (Donna Reed) und Vater von vier Kindern, hat sein ganzes Leben in Bedford Falls verbracht. Als Junge bewahrte er einmal den Apotheker Mr. Gower vor einem tödlichen Fehler. George rettete auch seinen Bruder Harry vor dem Ertrinken in einem eiskalten Teich und verlor dadurch das Hörvermögen in seinem linken Ohr, was später auch dazu führte, dass er nicht zum Militär eingezogen werden konnte.

Als noch junger Erwachsener nahm er nach dem plötzlichen Tod seines Vaters dessen Platz in der kleinen Sparkasse ein, um den Betrieb vor der Übernahme durch den gierigen Aktionär Mr. Potter (Lionel Barrymore) zu bewahren. Dadurch und durch die Hochzeit mit Mary gab er seine eigenen Zukunftspläne auf.

Durch Georges Geschäftssinn, seine Umsicht und Hilfsbereitschaft, übersteht Bedford Falls die Weltwirtschaftskrise und den Zweiten Weltkrieg, in dem sein Bruder Harry zum Helden wird. Auch sein eigenes kleines Unternehmen bleibt bestehen. George Bailey ist nicht kleinzukriegen, sehr zum Ärger von Mr. Potter. Der alte Geizhals kontrolliert bald auch die Bank des Städchens. Die Chance, seinen geschäftlichen Konkurrenten George Bailey zu vernichten und sich auch noch die "Baileys Building & Loan" unter den Nagel zu reißen, scheint gekommen, als Georges schusseligem Onkel Billy (Thomas Mitchell) ein folgenschweres Missgeschick unterläuft...

George und seine Firma stehen vor dem Ruin. Ihm selbst droht wegen angeblicher Veruntreuung von Kapital und frisierter Bilanzen sogar Gefängnis. Um ihm seinen Lebenswillen zurückzugeben, greift Clarence zu einem Trick: Er zeigt George, was aus Bedford Falls und seinen Einwohnern geworden wäre, wenn George nie gelebt hätte...

Frank Capra erzählt ein modernes Märchen über falschen und echten Reichtum. Er tut dies federleicht, voller Wärme und Humor. Die bis in die kleinsten Nebenrollen grandiose Besetzung erweckt die Geschichte zum Leben. James Stewart brilliert in einer Rolle, die ihm auf den Leib geschneidert scheint. Das frei erfundene Städtchen Bedford Falls wirkt wie ein eigener Mikrokosmos. Die liebevolle Ausstattung, exzellente Kamera-Arbeit und passende Musik sorgen für die richtige Atmosphäre.

Donna Reed, die für "Verdammt in alle Ewigkeit" (From Here To Eternity, 1954) einen Oscar erhielt, spielt hier an der Seite von James Stewart ihre erste große Filmrolle. Ursprünglich sollte Jean Arthur, die unter Frank Capras Regie bereits in "Mr Smith geht nach Washington"(1939) neben Stewart zu sehen war, diese Rolle spielen, musste aber absagen. Neben Veteranen wie Thomas Mitchell, Lionel Barrymore und Henry Travers sind in kleinen Rollen weitere bekannte Gesichter dabei: Gloria Grahame, Oscar-Preisträgerin für ihre Rolle in Vincente Minellis "Stadt der Illusionen" (The Bad And The Beautiful, 1950), spielt Violet Bick und Ward Bond, bekannt aus vielen John Ford-Filmen, den wackeren Polizisten Bert.

Dass in dieser Geschichte unverhohlen Kritik am Kapitalismus geübt wird, rief seinerzeit die Kommunisten-Jäger um Senator McCarthy auf den Plan. Natürlich kann man auch Anklänge an Charles Dickens "Eine Weihnachtsgeschichte" (A Christmas Carol) finden. Henry F. Potter, der reichste aber auch gemeinste Mann weit und breit, lässt an Ebenezer Scrooge denken. Während dieser jedoch eine Läuterung erfährt und am Ende der Geschichte wirklich und wahrhaftig ein besserer Mensch wird, bleibt Potter derselbe hartherzige, alte Raffzahn, der er schon zu Beginn des Films war, als er Georges Vater das Leben schwer machte.

In Potters Verhalten Parallelen zum Gebahren gerade in der heutigen Welt der Finanzen auszumachen, ist ebenfalls nicht weiter schwer, was die Zeitlosigkeit dieses Films noch unterstreicht. Denn so moralisch verwerflich Potter im Laufe des Filmes auch vorgeht: Ein Verbrechen, für das man ihn juristisch belangen könnte, begeht er nicht. Und dass er die 8000 Dollar einfach behalten hat, die Onkel Billys Missgeschick ihm in die Hände gespielt hat, ahnt niemand. Seine Strafe besteht letztlich darin, dass die Gemeinschaft zusammenhält, dem richtigen Mann etwas zurückgibt, und sich so für George Bailey und seine Familie doch noch alles zum Guten wendet. Potter ist eigentlich ein zutiefst einsamer Mann ohne echte Freunde. All sein Geld kann die menschliche Wärme eines George Bailey, der nun für sein lebenslanges selbstloses Handeln belohnt wird, nicht ersetzen.

Auf BluRay erstrahlt "It`s A Wonderful Life" nun auch in Deutschland endlich in High Definition. Das Original-Material wurde phantastisch restauriert. Sicher gibt es Blurays, die in puncto Bild-und Tonqualität noch einen Tick besser sind, man darf aber nicht vergessen, dass der Film bereits mehr als 60 Jahre auf dem Buckel hat. Das Bild ist eine Wonne! Kein Vergleich mehr zu der bisher erhältlichen DVD aus dem Hause Kinowelt. Auch der Ton klingt in Anbetracht des Alters hervorragend. Alle Dialoge sind klar verständlich, Geräusche und Musik klingen ebenfalls sehr sauber.

Der Film wird präsentiert im Bildformat 1:33.1/ 4:3. Der Ton liegt in deutscher und englischer Sprache vor. Die Original Mono-Tonspuren wurden im DTS-Verfahren aufbereitet. Bei der deutschen Tonspur handelt es sich um die sehr gute Original- Synchronisation, die von den alljährlichen Ausstrahlungen im Heiligabend-Programm des ZDF bekannt ist. Es gibt ausblendbare deutsche Untertitel.

Zusätzlich bietet die Disc die nachträglich colorierte Fassung des Films. Diese ist über den Menüpunkt EXTRAS anwählbar, liegt im selben Bildformat wie die Schwarz/Weiß-Fassung ebenfalls restauriert in High Definition vor und kann auf Deutsch und Englisch angesehen werden. Ein interessanter Vergleich ist also möglich, auch wenn ich zugeben muss, dass der Film auf mich nur in Original Schwarz/Weiß seine volle Wirkung entfaltet. Ein weiteres Extra ist der etwa 20-minütige Kurzfilm "Ist das Leben nicht schrecklich?", der noch aus der Stummfilm-Zeit stammt. Leider enthält diese Edition kein Making-Of oder einen Audio-Kommentar. Schade, aber angesichts der Qualität, in welcher der Hauptfilm hier präsentiert wird, sollte man wirklich nicht meckern.

"It`s A Wonderful Life" kam 1947 in die amerikanischen Kinos und war ein Flop. Seinen Status als Klassiker und Kultfilm erlangte dieses Werk erst viele Jahre später, als die Umtriebe der McCarthy-Ära längst der Vergangenheit angehörten. Sowohl Regisseur Frank Capra als auch Hauptdarsteller James Stewart bezeichneten diesen Film immer wieder als ihren persönlichen Lieblings-Film. Er ist eine Ode an das Leben. Dieser Film ist keineswegs ein unerträglich kitschiger Hollywood-Schinken, wie leidenschaftliche Hasser immer wieder behaupten. Vielmehr hat er auch einige ziemlich deprimierende Momente zu bieten, will aber letztlich Hoffnung machen, und schafft dies auch. Die guten Werte, die hier vermittelt werden, sind gerade in der heutigen Zeit vielleicht wichtiger denn je.

Wer diesen Klassiker endlich in der bestmöglichen Qualität im Heimkino genießen will, sollte sich diese BluRay unbedingt zulegen!
Kommentar Kommentare (6) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 1, 2014 2:33 PM CET


12 Uhr mittags - High Noon [Blu-ray]
12 Uhr mittags - High Noon [Blu-ray]
DVD ~ Lee van Cleef
Wird angeboten von derdvdler
Preis: EUR 12,74

10 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen High Noon: Endlich restauriert in HD, 30. September 2013
"High Noon" (1952), in Deutschland unter dem Titel "12 Uhr mittags" bekannt, gilt allgemein als der berühmteste Western aller Zeiten. Der Film war seinerzeit für sieben Oscars nominiert und gewann vier für Dimitri Tiomkins Filmmusik, den Titelsong, den Schnitt und natürlich den unvergesslichen Hauptdarsteller Gary Cooper.

Regie führte der Österreicher Fred Zinnemann, das großartige, unglaublich kompakte Drehbuch mit seinen messerscharfen Dialogen schrieb Carl Foreman und verantwortlicher Produzent war der legendäre Stanley Kramer.

Will Kane (Gary Cooper), Marshall des kleinen Städtchens Hadleyville, hat gerade den Bund fürs Leben mit der Quäkerin Amy Fowler (Grace Kelly) geschlossen, als ein Telegramm eintrifft. Frank Miller (Ian McDonald), der mit seiner Bande die Stadt im Griff hatte, bevor Kane dort für Ordnung sorgte, ist begnadigt und aus dem Gefängnis entlassen worden. Noch im Gerichtssaal hatte Miller dem Marshall tödliche Rache geschworen. Sein Bruder Ben (Sheb Wooley) und seine alten Kumpane Pierce (Robert Wilke) und Colby (Lee van Cleef in seinem Kino-Debüt) warten bereits am Bahnhof, um Frank in Empfang zu nehmen. Genau um 12 Uhr mittags wird der Zug eintreffen...

Will steht vor einer schweren Entscheidung. Er fühlt sich immer noch verantwortlich für die Stadt und die Bürger. Eigentlich hat er sein Amt bereits niedergelegt, sein Nachfolger soll aber erst in ein paar Tagen eintreffen. Ihm bleibt etwas mehr als eine Stunde, um die Stadt zu verlassen. Tatsächlich bricht er zunächst mit Amy auf, kehrt aber bald wieder um. Amy, die jeder Gewalt entsagt hat, seit sie mit ansehen musste, wie ihr Vater und ihr Bruder erschossen wurden, versucht, ihren Mann umzustimmen, doch dieser weiß, dass er vor Miller und seiner Bande nicht davonlaufen kann.

In der verbleibenden Zeit versucht der Marshall, Verbündete für seinen Kampf gegen die Miller-Gang zu finden, doch alle seine Freunde und früheren Mitstreiter versuchen entweder, ihn zur Flucht zu überreden oder wenden sich aus Angst, Feigheit und persönlichen Motiven von ihm ab. Der Richter (Otto Kruger), der damals das Urteil gegen Miller sprach, sieht die Situation voraus und sucht vorsichtshalber selbst das Weite. Der Bürgermeister (Thomas Mitchell) fürchtet bei neuer Gewalt um den Ruf der Stadt und ihre Zukunft. Sogar sein Deputy Harvey Pell (Lloyd Bridges), der eine Beziehung zu der mexikanischen Geschäftsfrau Helen Ramirez (Kathy Jurado) hat, mit der auch Will einst liiert war, kehrt ihm aus verletztem Stolz den Rücken. Will lehnt außerdem mehrfach Hilfe ab, da er nicht das Gefühl hat, dass die Betreffenden ihm wirklich helfen können bzw. er das Leben gerade dieser Personen nicht aufs Spiel setzen will. Außerdem hat Frank Miller nach wie vor Freunde in der Stadt. So muss Will Kane sich im berühmtesten Showdown der Western-Geschichte allein den vier Verbrechern stellen...

"High Noon" ist so viel mehr als nur ein einfacher, kleiner Western und auf vielen Ebenen absolut untypisch für dieses amerikanischste aller Genres. Der Film bietet für einen Western nur sehr wenig Action. Er konzentriert sich stattdessen ganz auf die Figuren und ihre Konstellation zueinander. Das Städtchen ist der einzige Schauplatz der Handlung. Gedreht wurde in nur vier Wochen mit einem Budget von 750.000 Dollar. Die Geschichte wird nahezu in Echtzeit erzählt in kargen, trostlosen Schwarzweiß-Bildern. In seiner visuellen Gestaltung erinnert der Film stark an Schlüsselwerke des italienischen Neo-Realismus wie Vittorio de Sicas "Fahrraddiebe" oder Roberto Rossellinis "Rom, offene Stadt".

Fred Zinnemann, der in Hollywood bereits für seinen direkten, schnörkellosen Stil bekannt war, hält sich in seiner Inszenierung so eng wie möglich an die Vorgaben des Drehbuchs. So sorgt er dafür, dass nichts, was in diesem Film gesagt oder getan wird, dem Zufall überlassen bleibt, indem er für alles entsprechende Grundlagen schafft, entweder durch Dialoge oder durch Gesten und andere Kleinigkeiten, die von der Kamera eingefangen werden.

Nicht nur in der Entwicklung seiner Figuren umgeht "High Noon" bahnbrechend etablierte Klischees und betritt gerade im Western echtes Neuland, etwa bei den beiden bemerkenswerten weiblichen Charakteren. Amy und Helen bedienen nur auf den ersten Blick den ewigen Klassiker blond gegen dunkelhaarig. Amy Fowler ist kein naives, weltfremdes blondes Fräulein und Helen Ramirez ist kein mexikanisches Bad Girl. Die beiden Frauen sind auch keine Rivalinnen um die Gunst und Liebe des Helden. Die Damen sind viel komplexer, tiefgründiger und emanzipierter angelegt, als es in Western bis dahin üblich war.

Auch im Einsatz von Kamera und Schnitt war dieser Film seiner Zeit weit voraus. Die drei visuellen Eckpfeiler sind die mehrfach wiederholte, vollkommen statische Kamera-Einstellung der Eisenbahnschienen vor dem Eintreffen des Zuges, der Marshall selbst, der ständig in Bewegung ist und nach Helfern sucht, und die immer wieder eingeblendete, gnadenlos tickende Uhr.

Seine enorme Dramatik bezieht dieser Western durch den Einsatz der Mittel des Suspense. Das Unheil in Gestalt von Frank Miller ist zunächst nicht sichtbar, aber es nähert sich unaufhaltsam. Gleichzeitig ist der Zuschauer emotional immer auf der Seite von Marshall Kane.

Es wird von Anfang an mit Großaufnahmen, etwa von Gesichtern gearbeitet. Die Close-Ups werden immer zahlreicher und auch extremer, je näher der Showdown rückt. Die offensichtlichen Erwartungen des Zuschauers werden durch die Struktur des Drehbuchs und die Art der Inszenierung konsequent unterlaufen. Schon die Tatsache, dass der Haupt-Schurke erst unmittelbar vor dem Showdown erstmals auftritt, ist mehr als ungewöhnlich. Das Warten auf seine Ankunft sorgt dafür, dass die Spannung zu keiner Sekunde abnimmt. Frank Millers Gesicht sehen wir dann auch nicht gleich in der ersten Einstellung als er aus dem Zug steigt. Der Regisseur schneidet erst dann zu einer Großaufnahme, als Miller seine ehemalige Freundin Helen Ramirez, die ihrerseits gerade mit Kanes Frau den Zug besteigen will, erblickt. Auch die Musik, die zuvor eher dezent war, nimmt im letzten Akt des Dramas eine immer gewichtigere Rolle ein. "High Noon" nimmt gewissermaßen im Ansatz den extremen Stil der Italo-Western eines Sergio Leone vorweg, ohne freilich deren opernhaften Impetus zu erreichen.

Der Held, Will Kane, ist kein amerikanischer Hurra-Patriot, der sich mit fliegenden Fahnen ins Gefecht stürzt, sondern ein Mann, der in der Stadt, die ihm so viel zu verdanken hat, plötzlich isoliert ist. Will Kane rechnet damit, dass er die Konfrontation mit der Miller-Bande nicht überleben wird. Noch Minuten, bevor der Zug eintrifft, verfasst der Marshall sein Testament. Er hat Angst, was Darsteller Gary Cooper nur uns, das Publikum, in den Szenen direkt spüren lässt, in denen der Marshall allein ist und sich unbeobachtet glaubt.

Gary Cooper war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten bereits 50 Jahre alt. Seine Müdigkeit und sein Alter sieht man ihm an, was seine Performance um so eindrucksvoller macht. Will Kane will kein Held sein, doch wenn er jemals ein friedliches Leben führen will, ohne ständig Angst haben zu müssen, dass seine Todfeinde ihn aufspüren, muss er tun, was er eben tun muss.

Auch wenn "High Noon" eigentlich kein politischer Film ist, kann man ihn durchaus als Parabel auf die Umtriebe und das politische Klima in Amerika während seiner Entstehungszeit verstehen. Zudem beschäftigt er sich eindringlich mit der Rolle und Stellung des Einzelnen in einer Gemeinschaft, den Mechanismen eines demokratischen Rechtsstaates und dessen natürlichen Einschränkungen. Man kann nun einmal niemanden verhaften und einsperren, bevor er nicht etwas Gesetzwidriges getan hat. Am Bahnhof auf jemanden zu warten ist schließlich nicht verboten. In einer Diktatur wäre man der Miller-Bande sicher mit anderen Mitteln zu Leibe gerückt. Der Film ist gottlob konsequent genug, nicht in Populismus oder Polemik zu verfallen. Er zeigt die Zustände wie sie nun einmal sind, schafft es aber gleichzeitig, sich jeder Wertung über ein politisches System zu enthalten.

"High Noon" könnte auch in einem anderen Milieu als einer Western-Stadt spielen. Romantisches Wildwest-Flair sucht man vergeblich. Die Kernthemen des Filmes sind absolut zeitlos, sein Blick auf die Moral einer Gesellschaft und die menschliche Natur ist ernüchternd. Besonders deutlich wird dies in den Kommentaren von Will Kanes greisem, schwer krankem Vorgänger (Lon Chaney). Hier versagt die Gemeinschaft. Und ob man Western nun mag oder nicht: Dieses Werk ist bis heute ein Lehrbeispiel für ganz große Filmkunst mit vergleichsweise einfachen Mitteln.

Endlich gibt es diesen Klassiker auch in Deutschland in angemessener Umsetzung! Die bisher bei uns erhältliche DVD aus dem Hause Kinowelt mit dem unscharfen, von Verschmutzungen und anderen Defekten durchzogenen Bild und dem verrauschten Ton kann eingemottet werden! Pünktlich zum 60. Jahrestag war "High Noon" in den USA 2012 auf Bluray erschienen. Nun hat es der neue HD-Transfer auch zu uns geschafft. Der Film wird präsentiert im Format 4:3/ 1.33:1. Der Ton liegt in deutscher und englischer Sprache vor. Die Original-Tonspuren wurden im DTS-Verfahren aufbereitet. Dazu gibt es ausblendbare deutsche Untertitel.

Das Bild ist, gemessen am Alter des Original-Materials, eine Wucht! Die Schwarz-Weiß- Kontraste, die Regisseur Fred Zinnemann und Kameramann Floyd Crosby so wichtig waren, kommen jetzt erst voll zur Geltung. Auch der Ton liegt in ausgezeichneter Qualität vor und klingt meiner Meinung nach im englischen Original sogar noch besser als auf Deutsch. Bei der deutschen Tonspur handelt es sich um die bekannte, sehr gute Original-Synchronisation.

Auch bei den Extras trumpft die Bluray groß auf. Es gibt ein etwa 20-minütiges Making-Of, durch das Filmkritiker und Historiker Leonard Maltin führt, dem am Ende aber ein derber Lapsus unterläuft. Er sagt, Gary Coopers Oscar für die Rolle des Will Kane sei sein einziger gewesen. Falsch! Es war bereits sein zweiter Oscar. Den ersten bekam er 1941 für "Sergeant York." Einem echten Experten sollte sowas eigentlich nicht passieren.

Besonders empfehlenswert ist die 50-minütige Dokumentation "Inside High Noon" aus dem Jahr 2006, in der dieser Western nicht nur in allen rein filmischen Aspekten analysiert wird. Vielmehr wird die zeitgeschichtliche und kulturhistorische Bedeutung von "High Noon" gezeigt. Die Macher sahen sich seinerzeit einem enormen Druck ausgesetzt. Der Film entstand auf dem Höhepunkt der Kommunisten-Hatz durch Senator McCarthy und bietet in diesem Kontext reichlich Raum für Interpretationen. Es wird erklärt, warum gerade dieser Western die Jahrzehnte überdauert hat, aber auch, warum viele Fans klassischer Western gerade diesem Film ablehnend gegenüberstehen.

Als weitere Extras bietet diese Edition den Titelsong, den deutschen und amerikanischen Trailer, sowie ein tolles Booklet mit weiteren Hintergrundinformationen.

Würden Klassiker immer so in High Definition präsentiert wie "High Noon", würde vielen DVD-Freunden die Entscheidung, ob sie auf die blauen Scheiben umsatteln sollen, leichter gemacht. Eine ganz klare Kaufempfehlung!


Fargo [Blu-ray]
Fargo [Blu-ray]
DVD ~ Frances McDormand

21 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Fargo, 30. August 2013
Rezension bezieht sich auf: Fargo [Blu-ray] (Blu-ray)
"Fargo" (1996) gehört zu den absoluten Highlights des Kinos der 90er Jahre. Der Film wurde seinerzeit neben zahlreichen weiteren Auszeichnungen für sieben Oscars nominiert und gewann zwei. Joel und Ethan Coen wurden für ihr Original-Drehbuch ebenso belohnt wie Frances McDormand als beste Hauptdarstellerin.

Erzählt wird eine Geschichte über Vertrauen, Misstrauen, die Jagd nach dem großen Geld, unfassbare Dummheit und die Macht des Zufalls, angesiedelt in Minnesota, wo die Coens aufgewachsen sind. Sie servieren, eingebettet in einen Krimi-Plot, eine bitterböse, rabenschwarze Kleinstadt-Moritat und versehen das Ganze mit ihrer typischen, unverwechselbar schrägen Handschrift.

Das Motiv des Missverständnisses durchzieht den gesamten Film. Joel und Ethan Coen heben dieses Motiv sogar auf die Ebene der Realität, indem sie im Vorspann des Filmes behaupten, die Geschichte basiere auf einer wahren Begebenheit, um im Abspann darauf zu verweisen, dass natürlich alles frei erfunden sei.

Jerome Lundegaard (William H. Macy) ist in Minneapolis Ausführender Verkaufsleiter im Autohaus seines Schwiegervaters Wade Gustafson (Harve Presnell). So weit, so gut, doch Jerry hat ein Problem: Er braucht dringend Geld, da er sich mit einem sehr dubiosen Spekulationsgeschäft übernommen hat. Von seinem Schwiegervater hat er keine Hilfe zu erwarten. Also heuert er zwei Männer an, die seine ebenfalls sehr wohlhabende Ehefrau Jean (Kristin Rurüd) kidnappen sollen. Den Kontakt zu den Ganoven hat der vorbestrafte Mechaniker Shep Proudfoot (Steven Reevis), der in Jerrys Firma arbeitet, hergestellt. Mit dem Lösegeld will Jerry sich sanieren...

Die Entführung wird zwar durchgeführt, doch erweisen sich die beiden Schmalspur- Gangster als unterbelichtete Dilettanten. Carl Showalter (Steve Buscemi) ist ein hypernervöses Wrack, Gaer Grimsrud (Peter Stormare) ein schweigsamer Psychopath. Als die Polizei auf den Plan tritt, liegen bereits drei Leichen- ein Verkehrspolizist und zwei unbeteiligte Zeugen- in der verschneiten Einöde Minnesotas. Es werden nicht die letzten sein...

Was uns Joel und Ethan Coen hier vorsetzen, ist auf allen Ebenen absolut unvergesslich. Das Drehbuch und die Regie lassen alle Darsteller zu Höchstform auflaufen. Wohl kein Schauspieler in Hollywood kann Verlierer-Typen so genial spielen wie William H. Macy, der zu Recht für einen Oscar nominiert wurde. Er sorgt dafür, dass Jerry nicht als bloße Lachnummer erscheint, indem er perfekt die Balance zwischen Komik und Tragik wahrt. Schon seine legendäre Eiskratzer-Szene macht diesen Film zu einem Muss. Steve Buscemi und Peter Stormare sind als debiles Kidnapper-Duo ebenfalls ein Knaller.

Hinter der Kamera arbeiten Joel und Ethan Coen mit einem eingespielten Team. Roger Deakins findet die passenden Bilder, Mary Zophres sorgt für die Kostüme, Rick Heinrichs für die Ausstattung und Carter Burwell für die Filmmusik.

Ein Merkmal, das praktisch alle Filme des genialen Duos Joel und Ethan Coen verbindet, ist ihre im heutigen US-Kino wohl einzigartige Gabe, die erzählerischen und inszenatorischen Konventionen Hollywoods zu unterlaufen und jedem Werk ihren eigenen Stempel aufzudrücken. Der ganze Aufbau des Films, die Struktur des Drehbuchs, stehen exemplarisch dafür.

Die Stadt Fargo, die dem Film seinen Titel verleiht, ist die größte Stadt in North Dakota. Allerdings spielt nur die erste Szene des Filmes, der Ausgangspunkt für alle noch folgenden Ereignisse, dort. Auch Brainerd, dessen Ortseingang eine Statue von Paul Bunyan ziert, ist keine Erfindung. Paul Bunyan ist eine amerikanische Sagengestalt. Er war angeblich ein riesiger Holzfäller, der mit seinen Fußabdrücken die vielen Seen Minnesotas erschaffen haben soll.

In einem herkömmlichen Krimi oder Thriller wäre die Figur des Ermittlers bereits nach kurzer Zeit in den Fokus gerückt. Stattdessen wird der abgebrannte Jerry, ein Coen-typischer Anti-Held, als vermeintliche Hauptfigur aufgebaut. Das erste Drittel des Filmes gilt ihm, seiner persönlichen Situation und der Entführung seiner Gattin. Jerrys Familienleben ist ein satirisches Zerrbild dieser in Amerika immer wieder als heilig beschworenen Institution. Sein Schwiegervater ist ein herrischer, egozentrischer Patriarch. Jerrys Frau wirkt ebenfalls nicht besonders helle, was die Erziehung des pubertierenden Sohnes nicht gerade leichter macht.

Beruflich wie privat erscheint Jerry als bemitleidenswertes Würstchen, dem in Konfliktsituationen jedes Durchsetzungsvermögen fehlt. Was immer er auch versucht, um sich zu profilieren oder eine problematische Situation zum Guten zu wenden: Er macht alles nur noch schlimmer! Das Credo des amerikanischen Traumes, dass jeder alles erreichen kann, wenn er sich nur entsprechend anstrengt, wird mit dieser Figur ad absurdum geführt.

Bei der Figur des leitenden Ermittlers handelt es sich um eine Frau, die mittlerweile wie der Film selbst Kultstatus genießt. Marge Gundersson (Frances McDormand) ist Polizeichefin des kleinen Städtchens Brainerd und im siebten Monat schwanger...

Marge ist mit Norm (John Carroll Lynch) verheiratet. Die beiden werden erst nach über einer halben Stunde in die Handlung eingeführt. Die Kamera gleitet behutsam durch das kleine Haus über eine Maler-Staffelei ins Schlafzimmer, wo Marge und ihr Gatte gerade erwachen, als das Telefon klingelt. Dass sie ihr erstes Kind erwarten und Marge Polizistin ist, erfahren wir eher beiläufig.

Norm ist beruflich Maler. Er entwirft Motive für Briefmarken. Sein neuestes Werk ist eine Wildente, die er bei einer Ausschreibung eingereicht hat. All dies wird dem Zuschauer ganz nebenbei in späteren Szenen vermittelt.

Marge geht bei ihren Ermittlungen professionell vor. Sie besitzt eine bemerkenswerte Kombinationsgabe, die ihren Kollegen mitunter fehlt und lässt nicht locker, wenn sie erst einmal eine Spur aufgenommen hat. Wie absurd die Mechanismen des Lebens sein können, die Marge schließlich zur unerwartet blutigen Lösung dieses Falles führen, zeigen die Coens, indem sie mit Szenen aufwarten, die mit dem eigentlichen Plot des Filmes nichts zu tun zu haben scheinen. Marge trifft sich während der Ermittlungen mit einem alten Schulfreund, der sie im Fernsehen gesehen hat. Mike (Steve Park) erzählt ihr von seinen privaten Sorgen und Marge ist aufrichtig gerührt, bis sie durch das Telefonat mit einer Bekannten erfährt, dass Mike ihr nur etwas vorgemacht hat und in Wahrheit ein Fall für den Psychiater ist. Die Erkenntnis, so belogen worden zu sein, veranlasst Marge letztendlich, dem so sympathisch und harmlos wirkenden Jerry Lundegaard noch einmal auf den Zahn zu fühlen...

Sowohl die Ermittler als auch Jerry und die Gangster werden immer wieder in Situationen gezeigt, die sich vordergründig ausschließlich um die jeweils involvierten Figuren drehen. Dahinter verbergen sich kauziger, oft pechschwarzer, satirischer Humor und groteske Comedy mit dem Finger am Puls der (amerikanischen) Wirklichkeit. Nebenbei ist der Film auch noch eine Reflexion über die böse, böse Gier und Amerikas allgemeinen Hang zur Gewalt.

Den entscheidenden Hinweis auf den Unterschlupf der beiden Mörder- dass Jerrys Frau entführt wurde und sein Schwiegervater mittlerweile als vermisst gilt, ahnt die Polizei zunächst nicht- bekommen Marge und ihre emsigen Kollegen dann auch unvermittelt von einem schrulligen älteren Herrn. Wieder so eine schräge Szene, die zunächst aus der Handlung losgelöst erscheint, sich aber dann doch in das Gesamtbild einfügt.

Die Krone wird der Geschichte in ihrer ganzen Absurdität am Ende dadurch aufgesetzt, dass man nicht erfährt, was aus dem Koffer mit dem Lösegeld für Mrs. Lundegaard wird, den Carl Showalter mitten im Nirgendwo an einem Grenzzaun im Schnee verbuddelt hat. Die Szene, in der er das Geld verbuddelt ist eine der genialsten in diesem Film. Humor der schwärzesten Sorte. Grotesker geht es kaum!

Sobald Marge in ihrer ganzen Leibesfülle die Szenerie betritt und durch den Schnee watschelt, nimmt sie den Zuschauer sofort für sich ein. Marge pflegt mit ihrer warmherzigen, direkten Art ein geradezu familiäres Verhältnis zu ihren Kollegen, die ihre Chefin respektieren und unterstützen, und natürlich ist auch Norm ein Teil dieser fürsorglichen Gemeinschaft. Diese Menschen mögen nicht die hellsten Leuchten auf Gottes Erde sein, doch sie strahlen eine Menschlichkeit, Anstand und moralische Integrität aus, die den meisten anderen, wenn nicht allen anderen Figuren in dieser Geschichte vollkommen abgeht. Passend dazu fängt die Kamera die verschneite, skandinavisch anmutende Landschaft immer wieder als Metapher für emotionale Kälte genial ein. Wenn Marge und Norm am Ende eng aneinander gekuschelt im warmen Bett liegen, wissen sie, dass es die kleinen Dinge sind, die das Leben lebenswert machen. Sie freuen sich auf ihr Baby und werden ihm alle Liebe angedeihen lassen. Es wirkt wie ein Rest von Wärme in einer Welt voller eiskalter Idioten.

Die Bluray bietet den Film im korrekten anamorphen 16:9 Widescreen. Auf einem kompatiblen Fernseher erscheint er im Format 1:85 ohne Balken. Die Bilder aus dem winterlichen Minnesota wirken so noch besser. Das Bild ist scharf und kontrastreich, aber nicht frei von Filmkorn. Der Ton liegt mehrsprachig vor. Jetzt kann man den Film sowohl im englischen Original als auch in der deutschen Fassung im DTS-Sound genießen. Dazu gibt es entsprechende Untertitel.

Das amerikanische Original ist sprachlich derber, doch absolut genial, schon wegen des Minnesota-Dialektes. Aber auch die deutsche Synchronisation macht großen Spaß und ist, obwohl nicht immer ganz nahe am Original, irgendwie kultig, etwa wenn der fassungslosen Marge ein plötzliches "Jesses" entfleucht.

Die Extras sind etwas üppiger als auf der alten DVD. Kamera-Ass Roger Deakins spricht einen informativen Audio-Kommentar. Das Feature "Minnesota ist nett zu jedem" gibt Einblicke in den Film. Dazu gibt es Trailer und eine Fotogalerie.

"Fargo" ist ein amerikanisches Meisterstück! Vom Publikum geliebt, von vielen Kritikern als einer der besten Filme aller Zeiten gefeiert. Keine großen Stars, kein großes Budget und trotzdem ganz großes Kino. Ein Kultfilm, über den man in Jahrzehnten noch sprechen wird. Wer ihn noch nicht kennt: Unbedingt nachholen!
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 19, 2015 4:14 PM CET


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