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Rezensionen verfasst von
I. E. Weiss "iweiss@alphacrc.com" (Cambridge)
(REAL NAME)   

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Wer ist Wir?: Deutschland und seine Muslime
Wer ist Wir?: Deutschland und seine Muslime
von Navid Kermani
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,95

18 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Erstens Europäer und zweitens Muslim, 5. Januar 2016
In diesem verständlich und einprägsam geschriebenen Buch geht es um das deutsch-muslimische Zusammenleben, das nur erfolgreich zustande kommen kann, wenn das "Wir" inklusiv verstanden wird, also die Muslime Teil der deutschen Gesellschaft werden. Was Kermani aber nicht als Gleichmacherei und Aufhebung aller kulturellen Eigenheiten versteht: Keineswegs will er alle Merkmale des Fremdseins ablegen. Vielmehr sieht er die Chance in der Schaffung eines Gemeinwesens, das Zweisprachigkeit und Mehrfachidentitäten akzeptiert und positiv erlebt.
In einem m.E. besonders interessanten Einschub stellt er die Besonderheit der meisten europäischen Nationalstatten (im Gegensatz zu den USA) heraus, denen "das Ideal einer Einheit von Blut, Kultur, Sprache und Religion zugrunde" liegt. Diese Vereinheitlichung sei in Deutschland ganz besonders ausgeprägt; "weil sich die Nation erst spät herausgebildet hat und das Deutsche niemals ein so natürlicher oder unumstrittener Bezugspunkt war wie England für die Engländer oder Frankreich für die Franzosen", so seine Erklärung. Der Nationalbegriff sei daher in Deutschland ganz besonders eng gefasst, die ethnische Zugehörigkeit nehme einen wesentlich wichtigeren Stellenwert ein als in anderen Ländern. "Noch immer ist der Enkel von Rußlanddeutschen, der nie in Deutschland gelebt hat und kein Wort Deutsch spricht, deutscher als der Enkel türkischer Einwanderer, der keine andere Sprache spricht als Deutsch". Das gibt in der Tat zu denken.
Wirklich gefährlich ist die Abstempelung der Muslime zu einem gewalttätigen Kollektiv, die ein Gefühl von Unzugehörigkeit hervorrufe und damit die befürchtete Abschottung erst erzeuge. Wobei diese Abstempelung natürlich keineswegs grundlos ist: "Ihre Gewalttätigkeit zeigt, wie weit die arabischen Öffentlichkeiten noch entfernt sind von den zivilisatorischen Standards, der Fairneß und der Ausgewogenheit, die sie vom Westen erwarten." Kermani wirft vielen Muslimen vor, zwar in der modernen Welt leben zu wollen, "aber deren Spielregeln noch längst nicht begriffen zu haben".
Gerade deshalb ist für ihn das Projekt Europa so wichtig, da er hier die Chance für wahre Gleichberechtigung und ein Zusammenleben sieht, in dem Andersartigkeit entschärft und normalisiert, aber nicht ausgemerzt wird. Hier soll also nicht länger die Abstammung den Ausschlag geben, sondern die Verinnerlichung der gemeinsam erdachten Gegenwart, die sich (hoffentlich) auf säkularisierte und aufgeklärte Werte stützt und ein multiethnisches Zusammenleben ermöglicht.
Sagte nicht schon Karl V, der manchen als der erste Europäer überhaupt gilt, dass er Spanisch zu Gott, Italienisch mit Frauen, Französisch mit Männern und Deutsch zu seinem Pferd spräche? Warum also nicht Türkisch oder Persisch in der Familie und Deutsch jenseits der eigenen Haustür? Kermani sieht Mehrsprachigkeit als eine Bereicherung: Persisch ist seine "Muttersprache" im eng gefassten Sinn des Wortes, Deutsch hingegen als seine "sprachliche Heimat". Wenn es dagegen um die politische Zugehörigkeit geht, steht für ihn Europa an erster Stelle. Können wir daraus schließen, dass das europäische Projekt tatsächlich erst durch die Zuwanderer eine Realität werden kann?


Gleis 4: Roman
Gleis 4: Roman
von Franz Hohler
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

1.0 von 5 Sternen Herr Hohler, was ist denn hier passiert?, 1. Januar 2016
Rezension bezieht sich auf: Gleis 4: Roman (Taschenbuch)
Dieses Buch ist einfach nur peinlich; die Personen sind allesamt eindimensional und stereotyp, den paar kritischen Bemerkungen zur Schweiz (Verdingwesen, Vorurteile gegen Schwarze usw.) fehlt jede Spitze; alles bleibt an der Oberfläche. Hohler versucht sich hier irgendwo zwischen Friedrich Glauser und Martin Suter ("Small World"), scheitert jedoch kläglich. Wirkliche Spannung kommt nicht auf, die Gestalten sind leblos und unglaubwürdig und es fehlt an Originalität und Wortgewalt. Auch die Dialoge sind verkünstelt, die Sätze unnatürlich kurz, ohne Prägnanz ("Wissen Sie, eine Negerin kann so etwas besser als ein Zombie aus Uster"). Nein, grosse Schweizer Literatur ist das nicht. Da hat uns Herr Hohler keinen Gefallen getan, auch nicht mit kleinen Dialekteinschüben ("sonen dumme Löli") und französischen ("Merci infiniment") und englischen Fragmenten ("I wanted to say good-bye to my aunt"). Soll das zur Authentizität beitragen? Oder das Ganze zu einem Sprachkrimi machen? Von der Qualität her würde "Gleis 4" allemal in das Genre reinpassen. Too bad, Herr Hohler.


Jakobs Ross: Roman
Jakobs Ross: Roman
von Silvia Tschui
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Fidle, Füdli und Fötzel - eine Geschichte zum laut Vorlesen, ab 12 J., 24. Juni 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Jakobs Ross: Roman (Gebundene Ausgabe)
Silvia Tschui legt uns in ihrem Debütroman ein brachiales Sittengemälde vor, dessen Szenen sich unweit der 'globalisierten Kleinstadt im Herzen der Schweiz' abspielen, deren Vorstadt 1887 in den Fluten des Sees versank, was heute wohl kaum noch einer weiß von den '28000 Menschen aus 127 Nationen' (so die offizielle Website der Stadt Zug) und den sehr viel mehr Holdinggesellschaften, die aus steuerlichen Gründen in Zug/ZG ansässig sind. 1887 (147 Jahre nach der letzten Hexenverbrennung im Kanton) war das böse Jahr, in dem Chabischöpfe klein wie Röslichöhl und die Herdöpfel von Chiselsteinen nicht zu unterscheiden waren und die Milch infolge eines ungeheuerlichen Totschlags einer Sippe von Fahrenden so sauer, dass ein Brunz ausreichte, den kreidigen Untergrund anzufressen und einen Ufereinbruch zu verursachen, der Häuser und Menschen verschlang.
So jedenfalls die Legende, die Silvia Tschui uns auftischt, alles in ihrer herrlich originellen und zünftigen Sprache, die gespickt ist mit Dialektwörtern und -konstruktionen. Der grässliche Mord der Jenischen als Racheakt für die Verführung des Elsie, der totgeschwiegen wird, war die Ursache für eine ganze Reihe von Desastern, nicht zuletzt des katatonischen Zustands, in den das Elsie verfällt. Aber nicht nur um Legenden, Aberglaube, mittelalterliche Verhütungsmethoden, Schwängerung einer Dienstmagd durch ihren Arbeitgeber mit nachfolgender Zwangsverheiratung an den Rossknecht (den Jakob des Romantitels), das Verschachern eines Knechts und eines Verdingbuben an den Wenigstbietenden und die Ausgrenzung der Protestanten in den katholischen Gemeinden geht es in diesem Roman. Sondern vor allem um Emanzipation, die Befreiung der Frau aus dem Patriarchat, das gewaltsame Aufbrechen und die Auflehnung gegen die festgefahrene politische und gesellschaftliche Ordnung, in der die Reichen die Nichtshabenden an Leib und Seele ausbeuten ' und natürlich um die befreiende, ja magische Wirkung der Musik und um die Erfüllung von Lebensträumen. Bei dem einen (Jakob) ist es das begehrte Ross, beim Frölein Sophie die Universität und viele, viele Bücher ' und beim Elsie die goldigen Tächer von Floränz und ein Leben als Musikerin.
Was begeistert, ist das enorme Tempo, die Erzähldichte, die gekonnten Konstruktionen und Verfilzungen der Erzählung, die an die Stickereien erinnern, welche die Heldin Elsie in der Zeit produziert, in der sie stumm und 'tumb' bleibt und jeden Kontakt und jede Tätigkeit außer dem Sticken verweigert, sowie diese komplett originelle Sprache, die Tschui eigens für diese Geschichte kreiert hat. Und wenn es auch nur so strotzt von gräulichen und grausamen Details und derben Wörtern, so steckt der Roman doch auch voller Humor und lyrischer Beschreibungen, vor allem in den Passagen, die von Elsies 'Fidle' und ihrer befreienden, betörenden, berauschenden, erotisierenden und versteinernden Wirkung handeln. Eine Wirkung, nicht unähnlich der, die Tschui mit diesem Roman gelingt.
Allen, die sich mit der dialektalen Sprache schwer tun, würde ich raten, sich selbst (und anderen) die schwierigeren Passagen laut vorzulesen! Allerdings sei dazu gesagt, dass diese Sprache nicht die gesprochene Sprache der Innerschweizer ist, auch wenn sie mit ihr das archaische Vokabular und die Verwendung des Wörtchens 'wo' als generelles Relativpronomen gemein hat. Es ist eher eine Kunstsprache, die sich anlehnt an den Versuch etwa eines Schweizer Schulkindes, 'Hochdeutsch' zu schreiben oder zu sprechen.


Aller Tage Abend: Roman
Aller Tage Abend: Roman
von Jenny Erpenbeck
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

5.0 von 5 Sternen Die 5 Leben eines Kindes, 4. Mai 2015
Rezension bezieht sich auf: Aller Tage Abend: Roman (Gebundene Ausgabe)
Ein packendes, wenn auch nicht ganz leicht zu lesendes Buch über Schicksal, Leben und Tod und über die Zufälle, die darüber entscheiden, ob aus einem Säugling ein Kind wird, eine junge Frau, die ihren Körper gegen 1 Liter Sahne, 15 Erdäpfel oder 1 halbes Pfund Fett eintauschen soll, eine Kommunistin, die den stalinistischen Repressionen zum Opfer fällt – oder ihnen um Haaresbreite entgeht und zu einer gefeierten Autorin in der DDR wird, dann zu Tode stürzt oder es bis ins Greisenalter schafft. Viel mehr jedoch eine Kritik an Krieg, Gewalt und Unmenschlichkeit.
Es ist die auf nicht einmal 300 Seiten zusammengedrängte und atemlos erzählte Geschichte des 20. Jahrhunderts, eine Leidensgeschichte in großem Rahmen, beginnend mit dem Totschlag durch Steinigung des jüdischen Großvaters in Galizien, über das Elend des Ersten Weltkriegs und die Spanische Grippe in Wien, die Machtübernahme Hitlers, die stalinistischen Schauprozesse …, ausgelebt in 5 alternativen Biografien der Protagonistin.
Jedesmal wird nach ihrem frühen, zufälligen Tod mit einem Intermezzo sozusagen die Restart-Taste gedrückt: Das Mädchen mit dem kupferroten Haar hat 5 Leben, die nach den Regeln des Zufalls durchgespielt werden, weil auf Gott kein Verlass ist, der mehr hatte nehmen wollen als er gegeben hatte. Dem 8 Monate alten Kleinkind wäre so vieles erspart geblieben, Krieg, Elend und Revolution, wenn die Mutter es nicht durch Einreiben mit Schnee wieder zum Atmen gebracht hätte. In diesem Fall zieht die Familie irgendwann nach Wien, friert und hungert, weil des Vaters Verdienst nicht ausreicht und er wegen seiner jüdischen Frau keine Beförderung bekommt, und wo die inzwischen 17-Jährige aus Liebeskummer einen Mord/Selbstmord inszeniert, ausgeführt durch einen flüchtigen Bekannten, Medizinstudent. Oder aber sie tut das nicht, wird nicht in das Sterbebuch des Krankenhauses eingetragen, dank eines Intermezzos, wird stattdessen Mitglied der Kommunistischen Partei Österreichs und revolutionäre Schriftstellerin, landet um 1920 in Moskau, wo sie ihre Biografie neu schreiben muss (auch hier ist ein Lebenslauf nur etwas Konstruiertes, von dem die Zukunft abhängt), um sich um die russischen Staatsbürgerschaft zu bewerben. Mit dem Anschluss Österreichs ist ihr Pass ein deutscher geworden, und der ist nun abgelaufen, weshalb sie nicht länger in Moskau bleiben kann. Sie muss sich irgendwie ihren bürgerlichen Hintergrund aus dem Leben schreiben, auch wenn sie niemals Klavierstunden bekommen hatte und doch eigentlich durch und durch eine Proletarierin ist. Während in der einen Variante ihre Akte auf der falschen Seite landet und sie also verhaftet wird, in einem stalinistischen Gulag landet und sich dort ihr eigenes Grab im gefrorenen Boden grab muss, sorgt in der andern der Zufall dafür, dass sie verschont bleibt und einen Sohn zur Welt bringt, ehe sie in die DDR übersiedelt und dort zur gefeierten Autorin des sozialistischen Aufbaus wird. Hier wird ihr, nachdem sie sich auf einer Treppe den Hals bricht, ein Staatsbegräbnis zuteil, aus dem sie sich über ein letztes Intermezzo in einen weiteren Lebensabschnitt rettet und schließlich als Greisin in einem Altersheim an ihrem 90. Geburtstag stirbt.
Jenny Erpenbecks Roman erzählt in anschaulicher, prägnanter Sprache die Schrecknisse des 20. Jahrhunderts. Das Bühnenbild wechselt von Galizien, nach Wien, nach Moskau und Sibirien, dann in die DDR und in das wieder vereinigte Deutschland. Die Geschichte ist so unerbittlich wie die Sprache, auch wenn vieles zwischen den Zeilen steht oder nur angetönt wird, anderes jedoch vielleicht zu überladen ist mit Details. Die Protagonisten bleiben alle namenlos, sind abwechselnd Tochter, Mutter, Großmutter, die Kleine und die Größere usw., was wohl Geschehnisse vom Konkreten auf das Allgemeine abstrahieren soll. Wenn auch vielleicht nicht alles ganz gelungen ist, sollte man dieses Buch unbedingt lesen, am besten gleich zwei Mal!


Winnetou August
Winnetou August
von Theodor Buhl
  Taschenbuch

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Winnetou auf der Flucht im "Nahen Osten", 3. Mai 2015
Rezension bezieht sich auf: Winnetou August (Taschenbuch)
In „Winnetou August“ erzählt der Autor erzählt die Geschichte der Familie Rachfahl (Eltern August und Elfriede mit ihren beiden Buben Willy und Rudi), die im Chaos des Zweiten Weltkriegs ständig auf der Flucht ist, zunächst von Schlesien in Richtung Westen. Hier entkommen sie um Haaresbreite der Bombardierung Dresdens, die sie vom Haus einer Tante in einem Dorf in der Nähe miterleben. Danach fliehen sie zurück in die besetzte Heimat (wo ihr mühsam erspartes Haus abgebrannt ist, weshalb Elfriede sich „angeschissen“ fühlt vom „gütigen Vater … obwohl sie doch Augusts Familie zuliebe katholisch geworden war“); nach Kriegsende schließlich werden sie endgültig nach Westen vertrieben.
Wenn sie nicht mit dem Leiterwagen auf der Flucht oder der Vertreibung unterwegs sind, zieht die Geschichte am Küchenfester an ihnen vorbei: „Unten auf der Straße rückten die Galizier-Polen an. Die waren von den Russen rausgeschmissen worden. … ‚Europa zieht jetzt um‘, sagt August … ‚Galizien kommt nach Schlesien – und wo kommt Schlesien hin?‘“
Die Erzählerperspektive ist die des achtjährigen Rudi, der im Schatten seines um drei Jahre älteren Bruders Willy steht, der ihm in vielen Dingen voraus ist und eigentlich schon zu den „Männern“ gehört. Noch mehr als seinen Bruder Willy bewundert Rudi seinen Vater, den stark dem Alkohol zugeneigten August, einen Überlebenskünstler, Audodidakt und Hitlerverächter, der seiner Frau Friedel in Liebe zugetan ist und alles tut, seine Familie heil durch die Misere des Kriegs zu bringen, auch wenn sein rechter Arm („die Knoche“) seit dem 1. Weltkrieg schlaff an ihm herunterhängt.
Der Vater soll für seine Familie den Ariernachweis erbringen und erhofft sich davon einige berühmte Vorfahren, eine Hoffnung, die sich jedoch nicht bewahrheitet: „Voller Feuereifer klemmt sich August hinter seine Ahnen, das sagenhafte Herrenvolk, das von den vorderasiatischen Gebirgen abgestiegen war, mit den gezähmten Haustieren im Troß in Richtung Indien marschierte und sogar Schlesien unterwandert hatte – arische Wanderungen.“
August bekommt vom Führer sogar das“ Kriegsverdienstkreuz: mit Adler, Hakenkreuz und Lorbeerkranz und einem Abdruck seiner Signatur – in starker Rechtslage vornüberstürzend und ohne jeden Zeilenhalt am Ende. ‚Schreibt eine saumäßige Hand, der Mann‘, sagt August – ‚wenn das der Führer ist, Gut Nacht, Marie‘.“
August ist nach eigener Einschätzung kein „Phänomen“ (dazu gehören Goethe, Beethoven et al.), aber immerhin „beschlagen“; auf Rat von Elfriede erteilt er seinen beiden Jungs, damit diese den Anschluss nicht verpassen, Lektionen, auch wenn ihnen der Sinn ganz und gar nicht danach steht: „Herrliche Zeiten damals für Willy und für mich: Frühling, Sommer, Herbst und Winter sind des lieben Gottes Kinder! Die Jahreszeiten wechselten und alle waren Ferien. Wir hatten seit dem Januar nicht eine Schule mehr gesehen. Niemand kam auf den Gedanken, eine Schule aufzumachen.“
Außer August. August pocht auf Bildung. Er widmet seinen Buben Bücher zu, die sie gemeinsam aus der Bibliothek des verlassenen Hauses eines Anwalts stehlen und an den polnischen Posten vorbeischmuggeln, unter dem Vorwand, sie würden die Bücher als Klopapier verwenden, was den Polen ohne weiteres einleuchtet. Die drei schöpfen aus dem Vollen: „… von Goethe nahm[August] den gesamten Meter … Ich konnte froh sein, daß ich grade noch zehn Bände May danebenkriegte“. Das war wichtig, denn seit Rudi bei einem Verwandten „Zobeljäger und Kosak“ gefunden hatte, war er Sam Hawkens, Old Shatterhand und natürlich Winnetou komplett verfallen und baute sich damit eine Parallelwelt auf, die sich in manchen Situationen mit seiner realen Welt vermischte und ihm, dem Spittel (Spittel hieß mein Phänotyp … zwischen Spinne und Spital“), nicht nur über die tödliche Langeweile, sondern auch über den Hunger, hinweghalf. Die Lektüre macht ihm all das erträglich: „… wenn die Kiowas erscheinen und die Friedenspfeife rauchten …“, dann war der ganze „Plagwitz-Plunder“ nicht mehr da.
Trotzdem sind Hunger, das ewige Kartoffelessen („Man hatte sie tagtäglich vor sich, in Schale oder ohne, kalt und warm, zerstampft mit Brennesseln in Wasser, als Suppe jeder Art, nur nie mit Fleisch …“), Mühsal und Entbehrungen hautnah beschrieben, fast unerträglich die Schilderungen von Greueltaten, etwa die Vergewaltigung Acht- und achzig-Jährigen, brutaler Mord und Raub. All dies und zahlreiche Details sind so realistisch und authentisch, dass man davon ausgehen muss, es handle sich hier um autobiografische Erinnerungen. Umso überraschender und bewundernswerter, wie es der Autor schafft, unpathetisch und unverkünstelt zu schreiben und immer wieder auch sarkastische und humorvolle Szenen miteinzuflechten. Oft schwingt dabei sein zynisches Verhältnis zum Katholizismus (bzw. der Art und Weise, wie dieser Kindern vermittelt wird) mit, etwa als er sich fragt, warum ausgerechnet seine Familie in der Bombennacht schon nicht mehr in Dresden war: „Elfriede [die Mutter] hat sich auf den Schutzengel versteift. Für Willy und für mich war das die Nachthemdpfeife, der mit dem weibischen Gesicht, den kannten wir aus Büchern. Normalerweise kam der nur am Rand von steilen Felsen vor oder auf geländerlosen, angefaulten Balkenbrücken im Gebirge. Wie der uns nun geholfen haben sollte? Und ausgerechnet mir und Willy?“.
Als sie vom Dorf aus auf das zerstörte Dresden schauen, sagt einer der Männer zu Rudi: „Merk Dir, wer die Lumpen waren, Junge! … Engländer waren das – perfekte Mörder!“. Doch schon am nächsten Tag: „Aber so perfekt, wie der SA-Mann meinte, sind die Engländer am Ende nicht gewesen. Am nächsten Mittag mußten die Amerikaner ran und füllten aus vierhundertfünfzig weiteren Bombern den Ofen auf. Dann waren alle sieben Eimer voll mit Eheringen.“ Rudi schreibt auch von Schuldgefühlen, Dresden „verpasst“ zu haben: „Zeitweise hat man ernsthaft daran denken wollen, in Zukunft doch ein bessrer Mensch zu werden, um diese Gnade zu rechtfertigen.“
Winnetou und Karl May sind seine großen Helden; sie beflügeln seine Fantasie, helfen ihm über die Schrecknisse des gräulichen Alltags hinweg. So sagt er über den Verfasser als Old Shatterhand: „… man hatte wirklich das Gefühl, man guckt aus seinem Kopf heraus beim Lesen. Der konnte praktisch alles: turnen, ringen, fechten, reiten, schießen – Türkisch, Arabisch und Mathematik.“ Doch nicht überall ist Rudi mit Karl Mays Schriftstellerei einverstanden: „Anschließend war man auf dem Schwarzen Meer. Da fingen die türkischen Fußnoten an: Teckne*) – Eksi tschömlek**) – Ördek***). Ördek hieß das Schiff: die Ente. An der Reeling lehnte Ibrahim und wollte fliehen – bis das Steuer brach und Lord Lindsays Yacht auftauchte: da erschoß er sich doch lieber selber. Der Derwisch wurde lebend von den Ratten aufgefressen – das Schicksal, das in aller Stille im Dunkel sich von selbst vollzogen hatte, wie es hieß. Kurz vor der letzten Seite saßen Hawkens, Stone und Parker bei einem Schriftsteller in seinem Arbeitszimmer auf dem Sofa. Den nannten sie Old Shatterhand – der war bis dahin gar nicht vorgekommen – dem richteten sie Grüße aus von einem Winnetou – der auch nicht vorgekommen war. Und plötzlich war das Buch zu Ende.“ Oder wenn ihm Karl Mays ethnologische Ausführungen zu langwierig sind: „Fürs erste aber wurde man enttäuscht, da wurden lang und breit Vergleiche angestellt, die Türken und die Indianer, und die Indianer wurden einem ausgemalt als riesiger Patient, der nackend hingestreckt von Feuerland bis zu den Seen Nordamerikas in Konvulsionen zuckte – bis man merkte, daß das bloß die Einleitung gewesen war: Der Verfasser.“
Dieses Buch ist ein Stein, der einen enormen Beitrag leistet, jene Lücke zu füllen, die W.G. Sebald in seinen Vorlesungen immer wieder beklagt, dass nämlich die Leiden der deutschen Zivilbevölkerung nicht ausreichend literarisch verarbeitet worden, sondern verschwiegen worden seien. Buhls „Winnetou August“ überzeugt durch seine Sprachgewalt und seine ergreifende Authentizität und verdient eine sehr viel größere Leserschaft, da hier eine Stimme aus dem Abgrund des Vergessens erklingt, das sich viele deutsche Schriftsteller der Nachkriegszeit angesichts der deutschen Täterschaft selbst aufzwangen, und das Leute wie Böll, Borchert, Grass oder Gert Ledig nur ansatzweise gebrochen haben.
Unbedingt lesen!


Der Milchozean: Erzählung mit sechs Bildern
Der Milchozean: Erzählung mit sechs Bildern
von Richard Weihe
  Taschenbuch
Preis: EUR 32,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das faszinierend-märchenhafte Leben einer indischen Künstlerin, auf originelle und poetische Weise erzählt, 15. Juli 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Sabine Doering, beginnt ihre Rezension (20.12.2011) mit diesen Worten:
Der Stoff ist ein grandioser Fund. Die ungarisch-indische Malerin Amrita Sher-Gil, die 1913 in Budapest geboren wurde und mit 28 Jahren starb, ist bei uns noch immer kaum bekannt, obwohl sie längst als eine der Begründerinnen der modernen indischen Malerei anerkannt ist.
Und beschließt sie mit der Schlussfolgerung:
„Das unbestrittene Verdienst der Erzählung aber ist es, das faszinierende Werk der Malerin Amrita Sher-Gil vorzustellen und Neugier auch auf ihre übrigen Gemälde zu wecken.“

Dazwischen verfährt die Rezensentin recht ungnädig mit der Erzählung. Völlig zu Unrecht, wie mir scheint. Denn der Autor gibt ja nicht vor, uns eine
realiengesättigte Biographie vorzulegen sondern eben eine Erzählung, die sich etliche Freiheiten gegenüber den Fakten erlaubt, eine poetische Verdichtung eines ungeheuer spannenden Lebens zwischen Orient und Okzident. Wer es genau wissen will, kann bei den Quellenverweisen nachlesen, welche Freiheiten sich der Autor genommen hat.

Weihe belässt seiner Protagonistin – und damit auch dem Leser – viel Freiraum. Wer will, darf auch zwischen den Zeilen lesen. Er vermeidet das peinliche Eindringen in ihr Innenleben, das anmaßende Unter-die-Haut-Schlüpfen, wie man dies so oft in Biografien vorgelegt bekommt. Seine Erzählung vermittelt anhand von Bildern und Szenen Eindrücke. Er erliegt nicht der Versuchung, minutiöse Details zu beschreiben, die ja immer nur erfunden sein können, die mich als Leser meist peinlich berühren und die eher einen Mangel an Respekt, ja eine Hybris, darstellen als einen Gewinn, weil sie einen allwissenden Autor nahelegen.

Da ist mir der Märchenonkel lieber, ein Erzähler, der dazu anregt, sich selbst die Details auszumalen, anhand von Skizzen und Konturen, die er uns vorgibt. Auch muss gesagt werden, dass Geschichte von Amritas Abstammung (Vater: indischer Philosoph, Vertreter der indischen Unabhängigkeit, Hungerkünstler, Fotograf und Astronom; Mutter: ungarische Musikerin, Diva, Hysterikerin) sowie das kurze und atemberaubende Leben von Amrita ja tatsächlich mehr mit einem Märchen gemein hat als mit einer wahrhaften Lebensgeschichte. In der Tat ist diese Familiengeschichte schon so fantastisch und ungewöhnlich, dass man sie eigentlich gar nicht in den üblichen Rahmen einer Biografie fassen kann.

Mir scheint, Richard Weihe hat hier viel mehr ein Schauspiel in Bühnenbildern inszeniert, in dem Amritas Bilder natürlich eine Schlüsselstellung einnehmen. Vieles in diesem so völlig unkonventionellen Frauenleben, das hin und herspringt zwischen Budapest, Indien und Paris, bleibt schattenhaft, angetönt, beinahe unfassbar, Farbkleckser auf einer weißen Wand – nur keine Streifentapete. Dafür wunderbar punktiert mit anekdotischen und teilweise humoristischen Einschüben zu Kultur und Weltgeschichte, die der Erzählung ihren ganz besonderen Reiz verleihen und sie immer wieder einflechten in die Ereignisse der großen Welt: "Ein Jahr zuvor waren die wilden Zwanzigerjahre mit der Finanzkrise an der Wall Street jäh zu Ende gegangen. In Paris spürte man allerdings noch nichts von einer Krise… Wem die Wirklichkeit zu wenig bot, fand überall Schlupflöcher in andere Welten: Kellertheater, Kinosäle, Varietés, Salons, Etablissements – Milieus aller Schattierungen … Der Autoabsatz nahm rasant zu. Als Regel galt: Ein Autor hat teuer auszusehen und die Beifahrerin schön. Man fuhr gerne schnell. Alle hatten ständig ein bisschen zu wenig Zeit, denn es galt als schick, es eilig zu haben.“, unter anderem natürlich auch der NS-Zeit: „Weil viele jüdische Ärzte sich entschlossen, das Land zu verlassen, gab es auf einmal eine Menge medizinischer Einrichtungen und Apparate zu Schleuderpreisen zu kaufen.“

Weihe verwebt die faszinierende Geschichte der Malerin mit 6 ihrer Bilder, bei deren Beschreibung er behutsam, ohne aufdringlich didaktische Absicht und Besserwisserei verfährt. Sie reflektieren gewissermaßen das Exotische und die Intensität ihres allzu kurzen Lebens und ihres eigenwilligen künstlerischen Stils. Der Leser soll angeregt werden, sich die Bilder selbst anzuschauen und sich ansprechen zu lassen, und Weihe enthält sich bewusst einer psychologisierenden Interpretation; er will uns ganz einfach nur einen Blick werfen lassen in diese uns unbekannte Welt, will uns aufmerksam machen auf den großartigen Mut zur Farbe und den Bruch mit der Tradition. Er bürdet uns keine Exkursionen zu Cézanne, Van Gogh oder Gauguin auf: Statt langer Erläuterungen und Vergleiche mit anderen Malern ihrer Generation lesen wir die wunderschöne Geschichte von der Frau des Maharadschas, die zur Veranschaulichung eines der wichtigen Kriterien der Kunst von Sher-Gil dient: Das Weglassen von Details und die Konzentration auf das Wesentliche.

Dem Autor geht es darum, den Funken der Faszination, die ihn anlässlich der Münchner Ausstellung zu Amrita Sher-Gil (2007) so heftig gepackt hat, auf uns überspringen zu lassen, ohne uns in eine Zwangsjacke zu stecken und uns mit Überinterpretationen und pseudo-maltechnischem Wissen zu füttern.


Ingenieur Andrées Luftfahrt
Ingenieur Andrées Luftfahrt
von Per Olof Sundman
  Gebundene Ausgabe

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Packende Geschichte im Packeis, 9. Dezember 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
The Balloonist : A Novel"Aber liegt es nicht in der Natur der Sache, dass Polarforscher keinen gesunden Menschenverstand besitzen?" Nach 4-wöchigem Fußmarsch durch das Packeis, bei dem die drei gestrandeten Ballonfahrer, gehemmt von ihren schweren Schlitten, mit letzten Kräften in südöstlicher Richtung marschieren, während das Packeis sie schneller nach Osten treibt, müssen sie einsehen, dass ihr hochgestecktes Ziel, als Erste den Nordpol per Ballon zu erreichen, kläglich gescheitert ist.
Eigentlich hätten sie sich dies schon in den ersten Stunden ihrer Luftfahrt eingestehen müssen, als ihnen ihre Lenkseile abhanden kamen, sodass ihr Fahrzeug seine Manövrierfähigkeit einbüsste und sie damit völlig den Winden überlassen waren. Doch an diesem ersten Tag wollten sie nicht klein beigeben und umkehren - zu sehr waren die Augen der Weltöffentlichkeit auf sie gerichtet, zu lange hatten sie schon gewartet, endlich ihr glorreiches Unterfangen zu ihrem eigenen und zum Ruhme Schwedens starten zu können.
Dies ist eine wunderbare Geschichte über Forschergeist, Ehrgeiz, Durchhaltevermögen, Überlebenswillen und unerschütterlichen Optimismus. Berichtet wird aus der Perspektive von Ingenieur Fränkel (der in Wahrheit kein Tagebuch führte; aufgefunden wurden jene seiner beiden Begleiter, des Leiters der Expedition, Andrée, und des Navigators Strindberg). Sein Bericht ist frei von Selbstmitleid und Vorwürfen gegenüber Andrée und seiner fixen Idee, getragen von einem wunderbaren Humor, der vor allem in den Dialogen zum Vorschein tritt.
Das Buch verdient einen größeren Bekanntheitsgrad, auch außerhalb Skandinaviens; die Übersetzung von Udo Birckholz kann als sehr gelungen bezeichnet werden. Interessant ist es, diesen Roman von Per Olof Sundman in Gegenüberstellung zu Macdonals Harris' "The Balloonist" zu lesen, dem dieselbe Expedition zugrunde liegt - der sich jedoch weniger an die Tatsachen hält.


Lange Jahre fremd: Biographischer Roman
Lange Jahre fremd: Biographischer Roman
von Roland M Begert
  Gebundene Ausgabe

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sklave im 20. Jahrhundert - in der Schweiz, 9. Februar 2011
"Verdingbub" - wem ist das heute noch ein Begriff? Der eine oder andere mag sich an Jeremias Gotthelfs Darstellung im Bauernspiegel (erschienen 1837) erinnern, wo arme Kinder auf einer Art Sklavenmarkt als Billigstarbeitskräfte angepriesen und versteigert wurden. Sie mussten dann von früh morgens bis spät abends Schwerstarbeit verrichten, zumeist auf Bauernhöfen, aber mit dem Aufkommen der Industrie auch in Fabriken. Sie fristeten ein Dasein fernab von menschlicher Würde; für Schule, Freizeit, Selbstverwirklichung oder ein bisschen Zuneigung blieb keine Zeit. Wenn wir heute von "Kinderarbeit" hören, denken wir an Indien oder Brasilien. Weit weit weg also, schön bequem weit weg.
Ich denke, ich bin nicht allein, vollkommen schockiert zu sein, nun von Roland M. Begert in seinem biografischen Roman erfahren zu müssen, dass diese Art von Ausbeutung und menschenunwürdiger Behandlung bis in die 1960er Jahre hinein in vielen Kantonen der Schweiz praktiziert wurde.
Der Autor schreibt die Geschichte (die seine eigene ist) von Florian, dem unerwünschten, ungeliebten Kind einer Zigeunerin, das ohne jede Liebe, Zuneigung, Menschenwürde oder Freude im Kinderheim und dann auf dem Bauernhof aufwächst, kaum mal Gelegenheit hat, die Schule zu besuchen oder sich über irgend etwas zu freuen. Wäre da nicht bei seiner Geburt die Hebamme, die ihm seinen Namen gibt, wäre der Bub wohl gar ohne Namen aufgewachsen. Ein Namenloser, Sprachloser. Man kann in dieser Hebamme vielleicht die gute Märchenfee sehen: "Nennen wir ihn doch Florian ... der Blühende, der Prächtige... Ein solcher Bub wird auch in den großen Stürmen seines Lebens nicht untergehen, wird sich auch im Schatten der väterlichen Schande zu einem wertvollen Menschen entfalten."
Doch bis sich diese Prophezeiung bewahrheitet, müssen viele Jahre ins Land gehen, harte, grausame Jahre, in denen Florian an Körper und Seele viel Schaden nimmt, nicht nur als Verdingbub auf dem Bauernhof, sondern noch schlimmer, als ihn sein Vormund zwingt, eine Lehre als Gießer zu absolvieren, immer unter der Drohung, bei Untauglichkeit in eine Arbeitserziehungsanstalt gesteckt zu werden. Immer wieder gibt es auch Verweise auf die Sprachlosigkeit, das Unvermögen, seine Verzweiflung und seine Ängste jemandem anvertrauen zu können, zum einen, weil ihm die Worte fehlen, zum anderen weil da niemand da ist, der ihm, "dem Gesindel", zuhören würde. Wenn das Wort an ihn gerichtet wird, dann im harschen Befehlston. Er wird zu Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Pflichtbewusstsein und Respekt angehalten, alles Tugenden, die in der Schweiz großgeschrieben werden, genau so groß wie "Demokratie", "Toleranz" und "Menschenrechte"!
Erst eine Krankheit und ein Spitalaufenthalt geben Florian die Chance, aus seiner inneren Immigration herauszufinden und für sich zu entdecken, dass auch er ein Recht auf Glück hat. Dies gibt ihm den Mut, eine Entscheidung für seine Zukunft zu treffen (dazu gehört nicht zuletzt das rituelle Verbrennen der Papiere der Fabrik, in der man ihn ausgebeutet hatte). Und dies ist der Wendepunkt und der Anfang zu einem menschenwürdigen Leben, wie es leider so vielen anderen Verdingkindern - wie man inzwischen weiß - nicht vergönnt gewesen ist.
Dieses Buch müsste zur obligatorischen Lektüre an Schweizer Schulen erklärt werden.


The Island of Second Sight
The Island of Second Sight
von Albert Thelen
  Taschenbuch
Preis: EUR 19,01

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen 60 Jahre überfällig: Die ENGLISCHE Ausgabe, 4. November 2010
Rezension bezieht sich auf: The Island of Second Sight (Taschenbuch)
Fast gleichzeitig mit der Ausgabe von Thelens Briefen ist nun endlich auch die englisch/amerikanische Fassung dieses wunderbar originellen "Schelmenromans" erhältlich und wird damit auch für Leser zugänglich, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind oder sich an ein so dickes Werk nicht wagen.
Damit dürften gewisse Vorurteile gegen die deutsche Literatur (und die Deutschen) des 20. Jhds. endlich aus der Welt geschafft sein: Ja, es gibt einen deutschen Humor (auch damals!), und es gab kritische Stimmen, die vor dem Unheil warnten. Wer die "Insel" mag und sich immer wieder daran ergötzt, kann jetzt auch englisch lesende Freunde und Bekannte mit diesem so vergnüglichen und gleichzeitig zum Denken anregenden Werk beglücken. Donald White, der Übersetzer, hat tatsächlich das Unmögliche geschafft: Den Sprachwitz und den barock-weitschweifigen Stil dieses abenteuerlichen halb-autobiografischen Romans ins Amerikanische zu übersetzen.


Ich habe den englischen König bedient: Roman (suhrkamp taschenbuch)
Ich habe den englischen König bedient: Roman (suhrkamp taschenbuch)
von Bohumil Hrabal
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,00

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Surrealistisches Märchen, politische Satire, 23. November 2009
Ein wunderbarer, surrealistisch angehauchter Erziehungs- und Schelmenroman, eine politische Satire mit zahlreichen Elementen eines Märchens, vor dem Hintergrund monumentaler geschichtlicher Ereignisse (Besetzung der Tschechoslowakei durch die Nazis, Nachkriegszeit, kommunistische Herrschaft).
Der Erzählstil fordert geradezu zum Vorlesen auf ("Passen Sie auf, was ich Ihnen jetzt erzählen werde" - so oder ähnlich beginnt jedes der Kapitel). Der Held ist ein kleinwüchsiger aus ärmsten Verhältnissen stammender Pikkolo, der früh lernt, dass Anerkennung im Leben nur mit Geld zu erkaufen ist. Um seine Ambition, zum Hotelbesitzer und Millionär aufzusteigen, zu verwirklichen, sind ihm alle Mittel recht. Als Würstchenverkäufer am Bahnhof prellt er seine Kunden um ihr Rückgeld, indem er so lange nach Scheinen in seiner Jacke sucht, bis der Zug abfährt; um eine reiche Frau zu heiraten, nimmt er die entwürdigende Untersuchung seines Ariertums durch einen deutschen Arzt auf sich ... Seine Frau fällt einem Fliegerangriff zum Opfer, der gemeinsame Sohn wird in ein Heim für schwachsinnige Kinder gesteckt, aus der kostbaren (Juden vor dem Transport abgenommenen) Briefmarkensammlung, die er im Koffer seiner toten Frau findet, kauft er sich schließlich sein Hotel. Als arrivierter Millionär besteht er darauf, von den Kommunisten zusammen mit den anderen Millionären interniert zu werden, wird von den lang etablierten Reichen jedoch als Kriegsgewinnler mit Verachtung gestraft. Schließlich begreift er, dass er sein Leben lang einem falschen Ziel hinterhergejagt ist.


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