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Beiträge von Bernhard Nowak
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Rezensionen verfasst von
Bernhard Nowak "bnowak8673"
(REAL NAME)   

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Bobby Dollar: Die dunklen Gassen des Himmels: Bobby Dollar 1
Bobby Dollar: Die dunklen Gassen des Himmels: Bobby Dollar 1
von Tad Williams
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mischung zwischen Urban Fantasy und "hard-boiled"-Krimis der "Klassiker" Hammett und Chandler, 12. April 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ich habe jetzt von Tad Williams den ersten Band einer Trilogie um die Abenteuer und Erlebnisse des Engels Bobby Dollar ("Die dunklen Gassen des Himmels") gelesen und bin sehr angetan von diesem Buch. Es handelt sich um eine Mischung zwischen Urban Fantasy, also Fantasy, die in der gegenwärtigen Welt spielt und dem "Hard boiled"-Thriller im Stile der Klassiker von Hammett, Chandler oder MacDonald.
Protagonist ist der Anti-Held Bobby Dollar, der für den Himmel als Anwaltsengel arbeitet. Dies bedeutet, dass er verstorbene Seelen verteidigen muss. Diese kommen nach ihrem Tod - je nach Vorleben - entweder in den Himmel oder die Hölle. Dies wird durch eine Gerichtsverhandlung entschieden und Bobby Dollar vertritt den Himmel und muss versuchen, so viele Seelen wie möglich vor der Hölle zu retten. Eines Tages jedoch verschwindet eine Seele unmittelbar vor der Gerichtsverhandlung: wohin ist sie entschwunden? Haben Vertreter der Hölle einen Weg gefunden, die - ihnen möglicherweise lästige - Gerichtsverhandlung zu umgehen und tote Seelen gleich ohne Umwege in die Hölle zu "verfrachten?" Diesen Fragen geht Bobby Dollar, dessen Haupteigenschaft unstillbare Neugier ist, nach und gerät dabei in nicht geringe Gefahren, denn einigen hochgestellten Personen passen seine Ermittlungen in der Sache überhaupt nicht....

Das Buch ist in einem flotten Schreibstil geschrieben und hat mich an die Bartimäus-Trilogie von Jonathan Stroud erinnert. Bobby Dollar ist meines Erachtens ein genauso witziger und auch schlagfertiger, zeitweise zum Sarkasmus neigender, Anti-Held wie Bartimäus, vergleichbar aber auch mit Hammetts Protagonisten Sam Spade.

Die Ereignisse, machmal etwas zu action-lastig übertrieben, sind meines Erachtens logisch aufgebaut, die Charaktere packend und lebensecht beschrieben, sodass ich das Buch in einem Rutsch ausgelesen habe.

Möglicherweise werden jedoch Liebhaber des hard-boiled-Krimis mehr Freude an dem Buch haben als Leser der "klassischen" (High-)-Fantasy-Romane, weil die Detektion, das heißt die Ermittlung über den Verbleib der "toten Seelen" und die Frage, warum sie verschwunden sind bzw. wer sie verschwinden ließ, im Mittelpunkt der Handlung steht. Anwaltsengel Bobby Dollar betätigt sich wie seine Vorbilder des klassischen "Hard-boiled"-Krimis als Detektiv. Für mich dennoch eines der besten Romane, die ich in letzter Zeit gelesen habe und dem Fazit des Fantasy-Autors Patrick Rothfuss: "Noch viel besser, als ich zu tärumen gewagt hatte: scharfzüngig, rasant und vor allem originell" (Buchrücken des 1. Bandes) kann ich uneingeschränkt zustimmen. Lesenswert


Die Verschwörung der Schatten
Die Verschwörung der Schatten
von Otto Eicke
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

10 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Karl May und seine Epigonen: Otto Eickes "Die Verschwörung der Schatten", 28. September 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Karl May hat sich - nachdem er mit Abenteuerromanen wie "Durch die Wüste" im Orient und dem berühmten "Winnetou" im "Wilden Westen" spielend, berühmt geworden war, nach Aufdeckung seiner früheren Straftaten (er saß unter anderem wegen Uhrendiebstahls im Gefängnis) der sogenannten "Symbolik" zugewandt. Sein Alterswerk - der Fantasyroman "Ardistan und Dschinnistan" aber auch schon der Schlussteil des "Silberlöwen" (Band 26-29 der "Gesammelten Werke, hier Band 28 und 29) sind autobiographische Werke, symbolisch verkleidet. Die Schurken im Roman sind seine menschlichen Gegenspieler der Prozesse nach 1900. Um von der Erinnerung an seine Vergangenheit "loszukommen" und nicht erneut als "Lügner" dazustehen (er hatte in den 1890-ger Jahren behauptet, seine Helden Old Shatterhand bzw. Kara Ben Nemsi sei er tatsächlich selber gewesen), reagierte er nach Enthüllungen über seine Vergangenheit sehr radikal: er trennte sich von seiner ersten Frau Emma, heiratete erneut mit Klara Plöhn eine Frau, die ihn in der Wendung seines Schaffens zur Symbolik unterstützte.

Nun hat diese Wendung zur Symbolik viele May-Fans verstört. Sie wollten, dass Karl May in seiner früheren Form "weiterschrieb", sie wollten "lebendige", "lebensechte" Schurken wie Santer oder To Kei Chun erleben und keinen an Dostojewskis Großinquisitor angelehnten Ahriman Mirza, den luziferischen Gegenspieler Karl Mays aus den letzten beiden Bänden des "Silberlöwen".

Im Karl May Verlag gab es viele Mitarbeiter, etwa Franz Kandolf, der Band 50 "In Mekka" verfasste und zahlreiche Werke Karl Mays bearbeitete, die der Auffassung waren, Karl May wäre wohl besser bei seiner früheren Schreibweise geblieben. "In Mekka" ist daher auch vollkommen im Stile der früheren Abenteuerromane verfasst (als Fortsetzung zum ersten Band des Alterswerkes: "Am Jenseits", welches die Trendwende zur Symbolik einleitete).

"In Mekka" ist ganz im Stile der früheren Reiseerzählungen Karl Mays geschrieben. So wurde der unvollendete Roman "Am Jenseits" doch noch vollendet - aber eben nicht im Sinne und nach den Erwartungen des späten Karl May, wie auch vielfach kritisiert worden ist.

Ganz ähnlich ist es mit den "Sillan", den "Schatten", einer Verbrecherbande, die Karl May in Band 27: "Bei den Trümmern von Babylon" in den Mittelpunkt einer sehr spannenden Handlung stellte. Die unvermittelte Wendung zur Symbolik durchkreuzte allerdings die ursprünglichen Pläne zur Fortsetzung des Werkes. Der "Bruch im Bau", wie es Otto Eicke in einem Karl May Jahrbuch 1930 genannt hat, zog sich mitten durch die letzten beiden Bände des "Silbernen Löwen", Band 28: "Im Reiche des Silbernen Löwen" und Band 29: "Das versteinerte Gebet."

Während das erste Kapitel von Band 28 noch in Basra im Stile der alten Reiseerzählungen geschrieben ist, beginnt mit dem Teil: "Am Tode" , dem 2. Kapitel die Hinwendung zur Symbolik. Otto Eicke und später Dr. Heinz Grill wollten sich mit dieser Wendung der Ereignisse nicht abfinden: bereits um 1948 legte Dr. Grill den Band: "Die Schatten des Schah-in-Schah" vor, der mittlerweile leider vergriffen und nur als E-Book erhältlich ist. Jetzt wurde der bereits in den 1930-ger Jahren entstandene Roman: "Die Verschwörung der Schatten" von Eicke, der zahlreiche Werke Karl Mays bearbeitet hat, ebenfalls publiziert.

"Eickes Ansatz in "Die Verschwörung der Schatten" war dem Kandolfs in Band 50 ähnlich: keine theologischen, symbolischen und metaphorischen Momente, sondern handfestes Abenteuer, " schreibt Christoph F. Lorenz, ein führender Literaturwissenschaftler der Karl-May-Gesellschaft im Nachwort des jetzt erschienenen Bandes von Eicke. "Während Kandolf die Handlung um den Münedschi und seinen Quälgeist, den Ghani [Am Jenseits, Bd. 25, B.N.], so weiterführte, dass der blinde Mann als ehemaliger russischer Offizier und Günstling des Schah-in-Schah "enttarnt" wurde und die Verbrechen des "Mekkaners" gesühnt wurden, stellte Eicke die "Sillan" nicht als geisterhafte Phänomene des Bösen, sondern als reale Verbrecher dar. Wo Eicke einerseits, anders als Heinz Grill, den geografischen, ethnologischen und linguistischen Momenten der Handlung weniger Beachtung schenkte und auch das Politische eher vernachlässigte, so zeichnet sich Die Verschwörung der Schatten andererseits durch Spannung, plastisch gezeichnete Charaktere und manche neue Einfälle aus, etwa die "Hüter des Lichts", die Eicke in die Romangeschehnisse einführte."

So weit Christoph F. Lorenz im Nachwort. Der Roman Eickes war jedoch im Karl-May-Verlag zu recht umstritten, Mitarbeiter hatten wohl nicht unerhebliche Kritik am Manuskript von Otto Eicke geäußert.

Das Buch hat durchaus Schwächen. Anders als bei Bearbeitungen - etwa Grills oder Kandolfs - merkt man als Leser doch, dass hier Karl May imitiert wird und letztlich fehlt das "Karl-May-Feeling" seiner früheren Abenteuerromane. Ernst Bloch hat - m.E. durchaus zu recht - Karl May einen der besten deutschen Erzähler genannt; ich finde dies auch. Die Verschwörung der Schatten ist stellenweise durchaus interessant und packend geschrieben; dies gilt meiner Meinung nach aber vor allem für die erste Hälfte. Im zweiten Teil - nicht umsonst hat hier der Karl May Verlag einen von einem Dritten - Kurt Rietsch - verfassten Einschub von ca. 20 Seiten mit eingebaut - gleitet der an sich spannende Roman ins Triviale im Stile von Karl Mays früheren Kolportageromanen ab. Auch Otto Eicke galt als Kolportageschriftsteller. Das Ende selber kommt zu abrupt, d.h. die Proportionen scheinen mir nicht recht stimmig zu sein. Einer Liebesgeschichte von Nebenfiguren - für die Haupthandlung entbehrenswert - wird gegen Ende (Kapitel: "Im Haus Ghulams" und "Eine geheime Zusammenkunft") zu viel Raum eingeräumt, das Ende ist zwar spannend aber es kommt doch zu plötzlich. Als "Deus ex machina" tauchen plötzlich persische Regierungstruppen auf, die den "Bund der Sillan" an seinem geheimen Versammlungsort vernichten. Eickes Kara Ben Nemsi wirkt hier bei weintem nicht so omnipotent und damit fehlerlos wie der "Held" in Karl May, was ihn allerdings dadurch menschlicher und sympathischer macht. Einen Bären beispielsweise darf der allen May-Lesern bekannte Begleiter Kara Ben Nemsis, Hadschi Halef Omar, erlegen und seinem "Sihdi" damit das Leben retten. Die Figur Halefs ist mit seinen prahlerischen, aber letztlich liebenswerten Übertreibungen recht gut gelungen und ähnelt dem Orignal Mays sehr. Seine Wandlung zur "Anima", einem Symbol für die fehlerhaften Triebe im Menschen, zu dem der späte Karl May und Klara May Halef machen wollten, hatte mich nie so recht überzeugen können. Der lebensecht gezeichnete Hadschi Halef Omar der sechs Orientbände war mir immer bedeutend lieber gewesen.

Trotzdem bleibt interessant, zu sehen, wie die spannende, im Stile der früheren Orientbände gehaltene, Abenteuer- und Verbrechergeschichte wohl hätte ausgehen können, wenn Karl May seine frühere Schreibweise beibehalten hätte. Ein "Opfer" der späten Mayschen Hinwendung zur Symbolik, der spleenige Engländer Sir David Lindsay, der in Band 28 kurzzeitig wieder eingeführt wird, nur um dann von seinen Verwandten auf ein Schiff entführt zu werden und für immer zu verschwinden, weil er in Mays neuem Weltbild und seiner gewandelten Vorstellung vom Ende des Romans keinen Platz mehr hatte, kommt hier zur Geltung.

Keine Frage auch, dass Grills Band meines Erachtens der literarisch bessere ist; nicht umsonst wurde er vor Eicke vom Karl May Verlag publiziert. Grill selber soll Eickes Manuskript gekannt und von ihm zu seinem Roman angeregt worden sein, weil er Eickes "Fortsetzung" nicht mochte.

Dies zeigt aber, wie Karl Mays Werk Epigonen - Jörg Kastner, der bekannte Autor historischer Romane hat jüngst einen - ebenfalls im Karl-May-Verlag publizierten - Roman: "Hadschi Halef Omar" verfasst, in welchem es um die erste Begegnung von Kara Ben Nemsi und seinem späteren Diener und Freund geht, Epigonen angeregt hat. Außerdem zeigt Eicke, wie Mays "Schattenroman" hätte enden können, "wenn sie geschwiegen hätten" (so ein Aufsatz Eickes über Karl May aus dem Jahre 1928 ), wenn also Mays Gegner nicht auf den Plan getreten wären und mit dazu beigetragen hätten (nicht nur, wie Eicke irrtümlich meinte und wie es Walther Ilmer in seinem Aufsatz: "Mißglückte Reise nach Persien: Gedanken zum "großen Umbruch im Werk Karl Mays" (in: Dieter Sudhoff/Hartmut Vollmer (Hg). Karl Mays "Im Reiche des silbernen Löwen" Paderborn: Igel-Verl., 1993, S. 118-151 richtig gestellt hat), dass sich Karl May von seiner früheren Schreibweise abwendete und der Symbolik zuwendete, somit aber Wege ging, der er wohl ursprünglich nicht geplant hatte. Wie die ursprüngliche Planung möglicherweise ausgesehen hätte - dies zeigen die "Epigonen" von Mays Werken: Franz Kandolf mit "In Mekka", Heinz Grill mit "Die Schatten des Schah-in-Schah" und jetzt Otto Eicke mit "Die Verschwörung der Schatten".

Auch wenn letzteres meines Erachtens nur teilweise gelungen ist, so ist es doch interessant zu sehen, wie Karl Mays Abenteuerroman um die "Sillan" hätte enden können - wäre er bei seiner abenteuerlichen Schreibweise im Stile seiner früheren "Reiseerzählungen" geblieben.


Gehe hin, stelle einen Wächter: Roman
Gehe hin, stelle einen Wächter: Roman
von Harper Lee
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wunderbares Buch, 15. August 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Harper Lee wurde bekannt durch ihren Roman „Wer die Nachtigall stört“ aus den 1960-er Jahren des 20. Jahrhunderts. Die Beschreibung der Kindheit der Autorin in Maycomb in Alabama ist mittlerweile zu einem Literaturklassiker geworden. Was lange niemand ahnte: dieses Buch war nicht der einzige, ja nicht einmal der Debutroman der Autorin. Während in „Wer die Nachtigall stört“ die siebenjährige Scout in Ich-Form ihre Kindheitserlebnisse in den USA der 1930-ger Jahre schildert und dabei den Zauber und die Poesie einer Kindheit im tiefen Süden der Vereinigten Staaten beschwor, spielt „Gehe hin, stelle einen Wächter“ rund 20 Jahre später. Die 26-jährige Jean-Luise kehrt in ihre Heimatstadt zurück, um den Sommer bei ihrer Familie zu verbringen. Geprägt durch die liberale Atmosphäre in New York, kann sie die Einstellung vieler Bewohner Maycombs zu den Schwarzen nicht nachvollziehen. Vor allem ihr Vater Atticus entpuppt sich als Rassist, der Neger (dieser Begriff des Orginals „negro“ wurde in der Übersetzung wegen des Zeitpunktes der Entstehung des Buches orgininalgetreu mit „Neger“ übersetzt) ihrer Rasse wegen für minderwertig hält.
Jean Luises Weltbild wird damit auf den Kopf gestellt. Hatte ihr Vater nicht in „Wer die Nachtigall stört“ einen Neger, den er für unschuldig hielt, verteidigt? Hatte er nicht Werte wie Toleranz, Güte und Pflichtbewußtsein wie kein anderer für die Tochter verkörpert? Wie kommt dieser Sinneswandel zustande? Oder hat sich die Tochter von jeher in ihrem Vater getäuscht? Soll sie sich von ihm lossagen, mit ihm brechen? Ist es nicht genau das, was ihr Gewissen - Jean Luise lehnt Rassismus aus tiefstem Herzen ab – jetzt von ihr verlangen muss?
Mitte der 1960-ger Jahre entstanden erzählt „Gehe hin, stelle einen Wächter“ die Geschichte von der schmerzhaften Abnabelung einer Tochter von ihrem vergötterten Vater. Erzählperspektive ist hier – im Gegensatz zur „Nachtigall“ - nicht die Ich-Form, sondern die distanziertere Sie-Form. Alles wird aus der Perspektive Jean-Luises erzählt; die (neue) Erzählperspektive verwehrt dem Leser jedoch die totale Identifikation mit der personalen Erzählerin. Die Zweifel der Protagonistin (hat sie sich geändert oder sind alle Bekannten ihrer Umgebung plötzlich verrückt geworden?) werden so beklemmend deutlich; auch der Leser muss sich „entscheiden“ ohne dazu verführt zu werden, sich (zu vorschnell?) mit Jean-Luise zu identifizieren. Diese Zweifel der Erzählerin wachsen auch, da ihr ein gleichaltriger Ratgeber fehlt: der von Jean-Luise geliebte Bruder Jem ist – ebenfalls ein „Schock“ für Kenner der „Nachtigall“ -, allzu früh verstorben, sodass zuletzt ihr deutlich älterer Onkel diese Funktion des Ratgebers übernimmt.
Das Buch wirkt beklemmender und komplexer als die „Nachtigall“, wirkt aber meines Erachtens genau deshalb noch authentischer und aufwühlender. So schön die „Nachtigall“ zu lesen ist, die Idealisierung der Vaterfigur erscheint doch etwas naiv (eine Naivität, die der Leser einer siebenjährigen Ich-Erzählerin allerdings abnimmt, der erwachsenen Protagonistin in diesem Buch jedoch nicht mehr abnehmen würde). So erweist sich Atticus im „Wächter“ (Atticus war der ursprünglich von der Autorin vorgeschlagene Titel dieses von der Lektorin abgelehnten Werkes) – als ein durchaus vielschichtigerer Charakter als der er in der „Nachtigall“ erscheint. Dies tut dem Roman meines Erachtens gut. Dass diese klassische „Story of Initiation“, also Geschichte vom Erwachsen-Werden so eindrucksvoll geraten ist, hängt meines Erachtens genau damit zusammen: wir erleben hier keine „heile“ Welt mit blütenweißen eindimensionalen Figuren ohne Fehl und Tadel; wir erleben hier facettenreiche, vielschichtige Charaktere und das Sich-Finden einer Persönlichkeit; Jean-Luise lernt, ihren Gefühlen und ihrem Gewissen zu vertrauen. Sie nabelt sich nicht nur von ihrem Vater ab, sondern dem Mann, mit dem sie sich ursprünglich verloben wollte: Henry Clinton, dem Gehilfen ihres Vaters. Denn sie erkennt: beide passen nicht zusammen, ihre Werthaltung ist grundverschieden. Daher müssen sie getrennte Wege gehen. Dieser Prozess der Abnabelung vom zukünftigen Verlobten geht etwas in dem Vater-Tochter-Konflikt unter, ist aber ebenso wichtig wie die Emanzipation vom Vater, der endlich vom (idealisierten) „Gott“ zum „Menschen“ degradiert aber meines Erachtens dadurch viel interessanter wird.
Ein vielschichtiges, sehr komplexes Meisterwerk voller Leidenschaft und einer bildhaften wunderbaren Sprache. Für mich ist dieses Buch angesichts der Rassenunruhen von Ferguson aber auch von beklemmender Aktualität: denn die Denkweise in Bezug auf die „mindere Intelligenz“ der Schwarzen, wie sie in den Debatten des Bürgerkomitees von Maycomb (aus einer dieser Versammlungen, die Jean-Luise heimlich besucht, wird berichtet) und aus den Worten von Atticus anklingen, scheinen mir beklemmend aktuell zu sein. Ich habe durch die Lektüre dieses Buches erkannt, wie Rassisten denken (Atticus beruft sich bei seinen Ideen auf niemand geringeren als einen der Gründerväter der USA, Thomas Jefferson, der ein Wahlrecht nur für die „gebildeten Schichten“ vorsah und dies „ungebildeten Negern“ verwehren wollte) und wie tief der Graben zwischen dem „liberalen“ Norden und dem Süden der USA immer noch ist. Und doch hat sich – wie die Wahl eines Schwarzen zum Präsidenten der USA zeigt – in den 60 Jahren seit dem Verfassen dieses Buches in dieser Beziehung viel getan. Die Botschaft der Geschichte aber, einen eigenen Standpunkt, eine eigene Werthaltung zu entwickeln und zu vertreten, die in dem zentralen Satz am Ende des Buches artikuliert wird: „Der Wächter eines jeden Menschen ist sein Gewissen. So etwas wie ein kollektives Gewissen gibt es nicht“ (ausgesprochen durch Jean-Luises Onkel) ist zeitlos. Und genau darin liegt für mich der Wert dieses Werkes, welches meines Erachtens literarisch nicht hinter der „Nachtigall“ zurücksteht – eben weil es komplexer und vielschichtiger ist als der berühmte „Nachfolger“, der völlig zu recht zum „Südstaaten-Klassiker“ geworden ist.

„Gehe hin, stelle einen Wächter“ hat mich sehr beeindruckt. „Ein bewegender Roman über Familienbande und ein literarisches Zeitdokument voller Wiesheit, Humor und Leidenschaft“ heißt es in der Zusammenfassung im Buchumschlag. Genauso habe ich dieses Buch empfunden. Sehr lesenswert.


Das Ende: Kampf bis in den Untergang - NS-Deutschland 1944/45
Das Ende: Kampf bis in den Untergang - NS-Deutschland 1944/45
von Ian Kershaw
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,99

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Interessantes Standardwerk, 10. Juli 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
„Noch nie zuvor ist das apokalyptische Finale des „Dritten Reiches“ so aspektreich beschrieben und zugleich tiefschürfend interpretiert worden. Wir verstehen nun tatsächlich besser, warum das Regime funktionieren konnte, bis die Rote Armee buchstäblich vor den Trümmern der Reichskanzlei stand.“

Diese Worte aus der „Zeit“-Rezension von Volker Ullrich schmücken den Buchrücken dieses wichtigen Buches. Es hilft uns, zu verstehen, warum das „Dritte Reich“ nicht nur bis zum bitteren Ende, bis zur totalen Niederlage kämpfte, sondern warum es auch bis zum Schluss funktionierte. Warum konnte das Regime so lange durchhalten? Der Historiker und Hitler-Biograph Ian Kershaw sieht die entscheidende Antwort dafür in den Strukturen von Hitlers Herrschaft und den ihnen zugrunde liegenden Einstellungen. Dies seien die wichtigsten Gründe für Deutschlands Fähigkeit und Bereitschaft, bis zum absoluten Ende zu kämpfen. Kershaw folgt der Theorie der „charismatischen Herrschaft“ des Soziologen Max Weber, die im Jahre 1944 und 1945 zwar in Bezug auf die Massenbegeisterung nachgelassen habe. Gleichwohl seien Strukturen und Mentalitäten dieser Herrschaft bei seinen Anhängern, den Machthabern und den Eliten des „Dritten Reiches“ bis zum Ende wirksam gewesen. Es gab im Dritten Reich keine Strukturen einer kollektiven Regierung mehr. Dies ist ein entscheidender Unterschied zum faschistischen Italien, wo es neben dem König, der nominell über dem „Duce“ Mussolini stand, noch einen Großen Faschistischen Rat gab, der Mussolini dann auch 1943 absetzte. Solche Strukturen gab es in NS-Deutschland nicht. Hitler war Staatsoberhaupt, Oberbefehlshaber der Streitkräfte, Regierungs- und Parteichef in einer Person. Konsequent widersetzte er sich allen Vorschlägen eines Verhandlungsfriedens, da ein zweiter „November 1918“ nicht mehr vorkommen sollte. Hitler lehnte jeden Gedanken an eine Kapitulation ab und drohte jedem mit dem Tode, der solche Gedanken aussprechen sollte. Wie der Fall Hermann Fegeleins, des Schwagers von Eva Braun zeigte, wurden auch in der kleinen Gruppe im „Führerbunker“, diejenigen, die zu fliehen versuchten, zum Tode verurteilt und hingerichtet. Dies zeigt, dass die Personalisierung der Macht auf Hitler bis in die letzten Tage des „Dritten Reiches“ extrem gewesen ist, selbst im Vergleich mit anderen totalitären Regimen Das gescheiterte Attentat vom 20. Juli radikalisierte das Regime und führte zu wachsendem Terror und verstärkter Kontrolle des Offizierskorps, welches nach diesem Zeitpunkt in besonderem Maße einer Nazifizierung ausgesetzt wurde. Die Einführung des Volkssturm im Herbst 1944 führte zudem zur völligen Militarisierung der Gesellschaft. Diese stnad – anders als in früheren Forschungen behauptet – nicht bis zum Ende hinter Hitler und dem NS-Regime. „Das Volk hat kein Vertrauen zur Führung mehr“, hieß es in eimem internen Bericht vom März 1945. Zwar hatten sich nach dem Scheitern des Stauffenberg-Attentats die Bindungen an Hitler an der Spitze der Gesellschaft ebenso wie an der Basis für kurze Zeit versträkt. Hitlers sinkende Popularität erlebte kurzfristig nochmals einen Aufschwung. Doch insgesamt hatte Hitlers Beliebtheit seit dem Winter 1941, dem gescheiterten Russland-Feldzug, kontinuierlich abgenommen und befand sich – so Kershaw – 1944/45 in freiem Fall. Seine Popularität in der Bevölkerung habe sich seitdem auf eine kleine Minderheit beschränkt – eine Minderheit freilich, die noch immer die Macht hatte. Generell aber sei Hitlers Rückhalt Anfang 1945 sehr gering gewesen. Den Fanatismus vieler Funktionäre des Regimes erklärt Kershaw mit dem Bewusstsein, dass diese durch die begangenen Verbrechen wussten, dass sie alle Brücken hinter sich abgebrochen und selber keine Zukunft mehr hatten. Partei- und SS-Führer waren an den schlimmsten Greäueltaten gegen Juden und andere beteiligt gewesen. Sie reagierten mit äußerstem Terror, der sich während der Agonie des Regimes verstärkte. Die „Desparado-Aktionen“ vieler Parteiaktivisten der letzten Wochen zeigen, dass diejenigen, doe ohne Regime keine Zukunft hatten, nur allzu bereit waren, ihre Feinde mit sich in den Abgrund zu reißen, an alten Gegnern Rache zu üben, persönliche Rechnungen zu begleichen und dafür zu sorgen, dass kein Regimegegner über dessen Untergang trimphieren konnte. Diese Fanatiker waren zwar keine sehr große Gruppe, hatten aber noch Macht über Leben und Tod. Ihr Drang zur Selbstzerstörung war der gleiche wie der Hitlers und anderer Führer des Regimes. Mit ihrer Brutalität trugen sie dazu bei, dass die Macht der Nationalsozialisten erhalten blieb und Widerstandsäußerungen von unten bereits im Keim erstickt wurden. Zu Beginn seines Buches zeigt Kershaw diesen Aspekt an einem furchtbaren Beispiel auf: er beschreibt die Hinrichtung eines 19-jährigen Theologiestudenten im bayerischen Ansbach. Dieser hatte dafür plädiert, die Stadt mit ihren immer noch unversehrten malerischen Barock- und Rokokobauten kampflos zu übergeben. Er wurde auf Befehl des Kampfkommandanten der Stadt Stunden vor dem Einmarsch der Amerikaner hingerichtet. „Keiner aus der Menschenmenge, die sich versammelt hat, rührt einen Finger, um ihm zu helfen. Von einigen wird er vielmehr ebenfalls geschlagen und getreten.“ Wie diese grausige Episode zeigt, funktionierte das NS-Regime mit seiner terroristischen Repression bis zum bitteren Ende. Der Terror richtete sich nun gegen die gesamte Bevölkerung, nicht nur gegen verfolgte Minderheiten. Wie der Roman von Ralf Rothmann, der in diesem „Bücherpunsch“ besprochen ist, eindringlich gezeigt hat, stieg unter einfachen Soldaten die Zahl der Fahnenflüchtigen und „Versprengten“ stark an. Die Mitte Februar 1945 eingerichteten Standgerichte erkannten ausschließlich auf Todesstrafe, und als Anfang März die mobilen oder „fliegenden“ Standgerichte eingeführt wurden, konnten sie in jedem Frontgebiet auftauchen und innerhalb von Minuten gegen vermeintliche Drückeberger, Defätisten oder Subversive Todesurteile verhängen und die Exekution bewirken.
Doch die oben geschilderte Episode zeigt auch, dass der Terror des Regimes nicht alles erklärte – denn es gab für die Hinrichtung durchaus Unterstützung in der Öffentlichkeit, bei der das Regime noch populär war. Kershaw zeigt weitere Faktoren auf, die dazu führten, dass das „Dritte Reich“ bis zum Ende „funktionierte“: neben der bei einer Minderheit noch vorhandenen Popularität Hitlers, dem brutalen Terror seien dies die nach dem Attentat des 20. Juli 1944 gestärkte Vorherrschaft der Partei gewesen. Diese – wie auch die zunehmende Militarisierung der Gesellschaft, die für den „totalen Krieg“ vorbereitet wurde – wurde durch ein Quadrumvirat durchgeführt, zu dem Martin Bormann, Joseph Goebbels, Heinrich Himmler und Albert Speer gehörten. Hinzu kam der Faktor der sogenannten „negativen Integration“, bewirkt durch die Angst vor einer Bolschewisierung des Landes. Zuletzt spielten – wie die Episode aus Ansbach eindrücklich zeigt – Mentalitäten der Bevölkerung, Untertanengeist und die Bereitschaft, Pflichten auch dann noch zu erfüllen, wenn offenbar alles verloren war, eine wichtige Rolle für das Funktionieren des Regimes. Letztlich blieben Strukturen und Mentalitäten von Hitlers charismatischer Herrschaft bis zu seinem Tode im Führerbunker wirksam. „So uneins wie die herrschenden Eliten waren, besaßen sie weder den gemeinsamen Willen, noch verfügten sie über die Mechanismen der Macht, um Hitler daran zu hindern, Deutschland ins Verderben zu stürzen. Das war das Entscheidende.“

Wie die einleitenden Worte Volker Ullrichs verdeutlichen, ist dieses Buch, welches mittlerweile zu einem Standardwerk geworden ist, sehr hilfreich, um zu verstehen, warum das Dritte Reich bis zu seinem Ende funktonierte. Dennoch sollte man – und dies tut Kershaw meines Erachtens nicht in ausreichendem Maße – den Unterschied zwischen totalitären und autoritären Regimen einerseits und den Unterschied zwischen „bodenständigen“ Regimen und „Quislingregimen“, also Diktaturen, die unter dem Druck einer fremden Großmacht geschaffen wurden, in die Betrachtungen mit einbeziehen. Wie Wolfgang Merkel gezeigt hat, ist der zweite Faktor entscheidend gewesen für den Untergang der Satellitenstaaten des Ostblockes. Doch schon zuvor, 1983, hatte Richard Löwenthal in einem Beitrag: „Deutsche Opposition gegen das NS-Regime“ in: Nationalsozialistische Diktatur: 1933-1945: eine Bilanz“ (Droste-Verlag, 1983) festgestellt: „Der eine für den Widerstand relevante Unterschied besteht zwischen den modernen Einparteiensystemen einerseits, den autoritären Regimen, die sich primär auf militärische Gewalt und zum Teil auch noch auf monarchistische Traditionen stützen, andererseits. Diese autoritären Regime sehen das Bestehen einer Vielfalt organisierter gesellschaftlicher Kräfte durchaus als normal an und tolerieren teilweise sogar eine begrenzte Auswahl von Parteien – nur versuchen sie, jeden wirksamen demokratischen Einfluß dieser Kräfte auf den politischen Entscheidungsprozess zu verhindern. (...) Im Gegensatz dazu stützen die modernen Parteidiktaturen sich selbst auf eine politische Massenbewegung. (...) Sie suchen das Herrschaftsmonopol der staatstragenden Partei nicht nur durch das Verbot aller anderen Parteien, sondern auch durch die Gleichschaltung aller gesellschaftlichen Organisationen und die Ausrichtung aller Informationsmittel unter Kontrolle dieser Partei zu sichern: Parteimonopol, Organisationsmonmopol und Informationsmonopol sind die drei institutionellen Merkmale, die zusammen den neuen Typ des totalen oder...totalitären Staates definieren. Zugleich sind diese Parteidiktaturen gesellschaftlich und ideologisch nicht etwa konservativ, sondern Träger dynamischer Veränderungen der Gesellschaftsstruktur, deren Mittel oft die pysische Vernichtung ganzer Bevölkerungsgruppen einschließen, und Befürworter eines Bruchs mit wichtigen kulturellen Traditionen. Es versteht sich, daß Widerstand gegen eine totalitäre Parteidiktatur, die sich im Ursprung auf eine Massenbewegung stützt und mit Hilfe von deren Kadern alls Sphären des gesellschaftlichen und geistigen Lebens organisatorisch und ideologisch zu durchdringen sucht, normalerweise weit engere Grenzen hat und ganz andere Formen annehmen muß als Widerstand gegen eine autoritäre Diktatur, die grundsätzlich weite Bereiche des gesellschaftlichen Eigenlebens duldet und ihre Macht wesentlich mit militärischen, polizeilichen und allgemien bürokratischen Mitteln zu behaupten sucht.
Ein zweiter, für die Möglichkeiten und Formen des Widerstandes nicht minder wichtiger Unterschied ist der zwischen einer im nationalen Sinne „bodenständigen“ und einer unter dem Druck einer fremden Großmacht geschaffenen und von dieser abhängigen Diktatur. „Quislingregime“ oder „Satellitenregime“ verfügen, auch wenn sie die Formen der Parteiherrschaft ihres Vorbildstaates gewissenhaft nachahmen, nicht über die gleiche Massenbaiss in ihrer Entstehungszeit und daher nicht über die gleiche Fülle verläßlicher, freiwilliger Helfer ihrer Unterdrückungsmaßnahmen, wie Diktaturen, die aus einer unabhängigen, einheimischen Machtergreifung hervorgegangen sind. Auch da, wo solche fremdbestimmten Diktaturen nicht als Produkte eines noch fortdauernden Krieges gegen lebendeige Befreiungshoffnungen anzukämpfen haben, sondern sich mit Zeitablauf konsolidieren und sogar eine gewisse Autonomie von ihrer „Schutzmacht“ erlangen, werden sie niemals von einer Mehrheit der Bevölkerung als Ausdruck des eigenen Willens empfunden, sondern im besten Falle „realpolitisch“ akzeptiert. Nur eine „hausgemachte“ Parteidiktatur kann sich der Idee des „totalen Staates“ in der Wirklichkeit annähern.“ (Richard Löwenthal: „Deutsche Opposition gegen das NS-Regime“ in: „Nationalsozialistische Diktatur. – Düsseldorf, Droste-Verl., 1983, S. 619/20).
Der Untergang der kommunistischen Regime des früheren Ostblockes zeigt die Wichtigkeit der Betrachtungen Richard Löwenthals. Seine Darlegungen erklären auch, warum das „Dritte Reich“ bis zum bitteren Ende „funktionierte“: es war gleichzeitig eine totalitäre wie auch eine „hausgemachte“ Parteidiktatur. Die Überlegungen Kershaws, der in den fehlenden kollektiven Strukturen des „Dritten Reiches“ sowie in Hitlers „charismatischer Herrschaft“ die beiden wichtigsten Faktoren für das Überleben des Regimes bis zum Schluss sieht, sind sicherlich nicht falsch. Aber die Überlegungen Löwenthals sind ebenfalls wichtige Ursachen für die „Stabilität“ des nationalsozialistischen Führerstaates. Beide Werke – das Buch von Kershaw und der Aufsatz von Löwenthal – tragen grundlegend zum Verständnis der Frage bei, warum der Krieg nicht früher durch einen Verhandlungsfrieden beendet werden konnte und haben meines Erachtens die Forschung in bahnbrechender Weise vorangebracht.


Im Frühling sterben: Roman
Im Frühling sterben: Roman
von Ralf Rothmann
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

6 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sehr guter Antikriegsroman - jedoch meines Erachtens etwas zu lang geraten, 3. Juli 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
70 Jahre nach Kriegsende erscheint mit Ralf Rothmanns Roman einer der eindringlichsten Bücher über das Kriegsende und den Leiden der einzelnen Soldaten. Walter Urban, Jahrgang 1927, ist Melker und 18 im Jahre 1945. Zusammen mit seinem Freund Fiete wird er im Dorfkrug von der Waffen-SS zwangsrekrutiert. Der kräftige Walter und der schmale Fiete ziehen zunächst gemeinsam in den von beiden abgelehnten Krieg. In eindrucksvollen Bildern beschreibt Rothmann die Erlebnisse von Walter aus dessen Perspektive. Während er – trotz innerer Ablehnung des Regimes – sich anpasst, um zu überleben (die Amerikaner sind bereits am Rhein, der Engländer vor Kleve), kann sich der intelligente und vorwitzige Fiete mit der Situation nicht abfinden. Beide werden in Ungarn eingesetzt, Fiete desertiert, wird gefasst und zum Tode verurteilt. Walter wird vom befehlshabenden Sturmbannführer gezwungen, der Hinrichtung nicht nur beizuwohnen, sondern den Freund selber mit zu erschießen. Wenn er sich weigere, werde er ebenfalls an die Wand gestellt.

Die Szene des Abschieds der beiden Freunde voneinander ist der emotionale Höhepunkt des Buches und es hat mich tief ergriffen. Wie der Sturmbandführer sich an Walters Verzweiflung weidet, als dieser für seinen Freund bittet, um ihm am Ende anzuraten, genau zu zielen, damit sein Freund Fiete nicht weiter leide, ist packend beschrieben. Immerhin darf Walter sich von seinem Freund verabschieden. Im Kellergefängnis schmiert er dann Schwefelsalbe auf die entzündeten Flohstiche an Fietes rasiertem Kopf. Der Verurteilte liefert hier das Motto des gesamten Romans: „Seelisch oder körperlich verwundet zu werden, macht was mit den Nachkommen. Die Kränkungen, die Schläge oder die Kugeln, die dich treffen, verletzen auch Deine ungeborenen Kinder.“ Die der Einleitung voranstehende Bibelstelle „Die Väter haben saurer Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden“ (Ezechiel) wird in diesem Zusammenhang besser verständlich.
Auch wenn es in dem Buch nirgendwo deutlich angesprochen wird: die Hinrichtung des Freundes zeichnet Walter für sein gesamtes Leben; er wird mit der Schuld, den Mut nicht gehabt zu haben, den Schießbefehl zu verweigern und mit dem Freund gemeinsam in den Tod zu gehen, nicht fertig. Walter tröstet sich vor seiner Frau damit, dass bei Hinrichtungen immer in einem Lauf eine Platzpatrone sei – so kann er sich bis zum Schluss der Illusion hingeben, den Freund nicht zusammen mit vier weiteren Kameraden, eigenhändig erschossen zu haben. Doch von dem Moment des Todes seines Freundes ist er seelisch gebrochen und de facto tot, auch wenn er nach Kriegsende noch 42 Jahre lebt. Er heiratet nach dem Krieg, zieht ins Ruhrgebiet, wird Bergarbeiter und stirbtmit 60 Jahrenan Krebs – körperlich und seelisch verbraucht. Seine letzten Gedanken am Sterbebett – von seinem Sohn aufgezeichnet – gelten dem Krieg, der ihn prägte.

Was mir an dem Buch gut gefallen hat, sind die eindringlichen Bilder vom Grauen des Krieges, der Verrohung einiger Offiziere, die Freude an Demütigung und Mord empfinden. Diese Schilderung gelingt Rothmann meisterhaft. Mich hat ebenfalls beeindruckt, dass es sich bei dem Buch nicht um eine Abrechnung des Sohnes mit dem Vater handelt, sondern um den Versuch, den Vater zu verstehen. Keine Spur von Abrechnung mit der „Vätergeneration“, sondern Verständnis für den Vater, der mit äußerstem Mut versucht hatte, das Leben des Freundes zu retten.
Leider ist das Buch zu lang geraten. Die Ereignisse als Novelle geschildert – auf 100 bis 150 Seiten, wären m.E. eindrucksvoller gewesen als einen Roman auf über 230 Seiten zu kulminieren. Nach der Beschreibung der Hinrichtung des Freundes ist die Luft „raus“, den Rest – die letzten 50 Seiten - hätte sich der Autor meines Erachtens sparen können. Auch zuvor wirken einige der geschilderten Szenen – es gibt keine Kapitel, sondern nur kurze Erzählabschnitte der einzelnen Erlebnisse Walters – für das Geschehen unnötig und überflüssig. Sie hemmen meines Erachtens den Erzählfluss.
Insgesamt jedoch werden diese Schwächen aufgewogen durch die ergreifende Abschiedsszene der Freunde. Etwas so Tiefgehendes, emotional „Packendes“ habe ich selten gelesen. Daher gehört „Im Frühling sterben“ trotz einiger erzählerischer Schwächen insgesamt zu den wichtigsten Neuerscheinungen dieses Frühjahrs. „Man liest Ralf Rothmanns neuen Roman über eine Freundschaft, die vom Bösen überrollt wird, unter Hochspannung voller Bewunderung für die Nähe zu den Protagonisten.“ Dieser Festellung der „Zeit“-Rezensentin Ina Hartwig ist nichts hinzuzufügen.


Kühn hat zu tun (Martin Kühn, Band 1)
Kühn hat zu tun (Martin Kühn, Band 1)
von Jan Weiler
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Interessanter GEsellschaftsroman - die Krimihandlung ist aber eher "Nebensache", 1. Juli 2015
„Kühn hat zu tun“ ist mein vierter Roman. Die ersten Leser meinten sofort, das sei ein Krimi. Der gleichen Ansicht war auch mein damaliger Verleger Alexander Fest, als ich ihm vor drei Jahren die ganze Geschichte beim Essen erzählte. Ich berichtete von diesem Mann, dem ständig die Gedanken im Kopf herumsausen, der sich auf nichts mehr richtig konzentrieren kann und deshalb auch keine Entscheidungen mehr zu treffen in der Lage ist. Ich erzählte von dem quälenden Zustand dieses Gedankenstroms und wie der Mann darüber allmählich in eine Lebenskrise gerät. Und ich erzählte ihm, dass er Polizist sei und in einem Neubauviertel mit seiner Familie lebe. Seine Frau und seine Kinder machen ihm Probleme, er kann sich kein neues Auto leisten und irgendwas im Keller seines Hauses kommt ihm komisch vor. Und dann muss er auch noch einen Mord aufklären. Das Buch handelt von der wachsenden Überforderung durch den Alltag und ich finde, das Problem haben viele Menschen in vielen Berufen.“ (Jan Weiler auf seiner Homepage)

Mit diesen Worten charakterisiert Jan Weiler sein neues Buch „Kühn hat zu tun.“ Der Protagonist, der 44 Jahre alte Kriminalhauptkommissar lebt in einer tristen Neubausiedlung, und wenn er morgens unter der Dusche steht, dann rechnet er durch, warum das Geld hinten und vorne nicht reicht. Die Tochter will ein Pony, die Gartenmöbel sind nicht abbezahlt, das Auto ist kaputt. Und obwohl er jeden Mörder zum Reden bringt, gelingt es ihm nicht, mit seinem Sohn ins Gespräch zu kommen, der offensichtlich mit Neonazis sympathisiert. Kühn muss sich mit vielen Sorgen rumschlagen, doch dann wird auch noch direkt hinter seinem Haus die Leiche eines alten Mannes gefunden. Er wurde gefoltert und erstochen. Ein intelligenter Serienmörder treibt offenbar sein Unwesen. Und dann wird noch ein Mädchen aus der Nachbarschaft entführt. Hängen beide Fälle miteinander zusammen?

Das Buch ist in erster Linie kein Krimi, sondern – mich hier sehr an Hans-Werner Kettenbachs „Davids Rache“ erinnernd, die präzise Schilderung des Alltags deutscher Durchschnittsbürger. Die Krimihandlung ergibt sich eher „nebenbei“ – und dies merkt man sehr deutlich. Die beiden Kriminalfälle, die sich innerhalb des Erzählzeitraums von einer Woche ereignen, sind nicht Haupthandlung des Buches, deren Auflösung meines Erachtens auch sehr vorhersehbar.

Die Stärke dieses Buches ergibt sich aus seiner Sozialkritik. Die Entstehungsgeschichte der Siedlung, in einem Vorkapitel dargestellt, geht in die Zeit des Nationalsozialismus zurück. Ein Munitionsfabrikant sprengte seine Fabrik in den letzten Kriegstagen in die Luft; die Chemikalien sickerten in den Boden ein. Die „Weberhöhe“, wie dieses Gebiet genannt wird, verfolgt ihre Vergangenheit bis in die Gegenwart – denn buchstäblich alle Keller der Siedlung sind verseucht und es steht zu erwarten – das Ende bleibt hier offen – dass die Bewohner hier nicht weiterleben können und wegziehen müssen.
Zudem haben die Bewohner der Siedlung ebenfalls Probleme mit über 2000 Flüchtlingen, die aus allen Erdteilen in diesem Viertel ansiedeln. Die Probleme, die sich aus dem Ziel, eine multikkulturelle Gesellschaft in diesem Viertel zu schaffen, ergeben (nach anfänglicher Akzeptanz führt das Zusammenleben zwischen den Nationen zu Hass und Intoleranz und sogar einem Toten), werden plastisch geschildert; auch Kühn kommt damit in Berührung, weil sein 16jähriger Sohn aus Protest gegen die zahlreichen Migranten in die rechtsradikale Szene abrutscht. Das Kapitel „Lilith mit der detaillieten Schilderung des Alltags dieser Siedlung und der Reaktionen der Menschen auf den Zuzug der Flüchlinge gehört zu den stilistischen Höhepunkten dieses Gesellschaftsromans. Auch ein zweites Thema in unserer Gesellschaft, die wachsenden Anforderungen des Einzelnen an seinen Beruf, werden thematisiert; der Kommissar zeigt Symptome eines „Burn-Outs“, zahlreiche Erinnerungen stürmen auf ihn ein; er kann sie aber nicht ordnen und kommt nicht zur „Ruhe“. Das es dafür einen Grund gibt, wird im Laufe des Buches klar und hängt eng mit der Lösung der beiden Fälle zusammen. Hier verknüpft sich der Gesellschaftsroman mit dem Kriminalroman.
Aber: es handelt sich in der Tat um einen Gesellschaftsroman – weniger um einen Krimi. Die Krimihandlung hat mich ehrlich gesagt enttäuscht; zu sehr merkt man dem Autor an, dass es sich bei diesem Plot für ihn um eine „Nebensache“ handelt. Insofern mag es sein, dass Krimileser als Zielgruppe von diesem Buch enttäuscht sein werden, da Handlung und Auflösung des Falles – wie oben erwähnt - recht konstruiert erscheinen; zumindest ging es mir so. Aber Leser der anderen Bücher Jan Weilers, in welchem wie in „Maria ihm schmeckt`s nicht“ Migration und Integration ebenfalls zum „Thema“ gemacht werden, werden dieses Buch mögen.


Die Sterntaler-Verschwörung (Kommissar Marthaler ermittelt, Band 5)
Die Sterntaler-Verschwörung (Kommissar Marthaler ermittelt, Band 5)
von Jan Seghers
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

18 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Für mich kommt der politische Hintergrund deutlich zu kurz, 11. Dezember 2014
Ich habe das Buch von Jan Seghers mit großem Interesse gelesen. Allerdings kann ich mich den euphorischen Kundenrezensionen nicht ganz anschließen.
Inhalt:
Eine Journalistin wird in einem Frankfurter Hotel nahe des Zoos ermordet. Offensichtlich war sie einer Verschwörung auf der Spur, die sich um die Ereignisse der hessischen Landtagswahl 2008 drehte. Damals hatten 4 Abgeordnete der SPD ihrer Spitzenkandidatin Ypsilanti - im Buch heißt sie Xanthopolous - ihre Stimme für die geplante Ministerpräsidenten-Wahl verweigert. Musste die Journalistin Herlinde Scherer deshalb sterben? Ein komplizierter Fall für Kommissar Marthaler, zumal sich auch das LKA in die Ermittlungen einschaltet....

Bewertung:

Jan Seghers schreibt einen flüssigen Stil und er schafft es, Spannung bis zum Ende zu erzeugen. Dies ist zweifellos gelungen, insofern ist das Buch nicht schlecht. Es hat mich dennoch - und daher der Abzug an den Sternen - nicht restlos überzeugt. Ich mag "graue Charaktere" und finde es schade, wenn die schwarz-weiß gezeichneten Hauptschurken gleich zu Beginn der Handlung so "offensichtlich" werden, dass der Leser sofort erahnt: nur diese Person kann der "Täter" sein, diese Person hat den Mord begangen oder veranlasst. Ohne etwas vom Inhalt verraten zu wollen, kann so viel gesagt werden: dies ist leider der Fall. Der "Haupttäter" ist ein so offensichtlich "böse", dass der Leser sofort weiß, dass er die Tat begangen hat und er kennt auch das Motiv. Der Krimi ist aus diesem Grunde äußerst vorhersehbar. Zwar legt Seghers noch alternative "Fährten", diese haben mich aber nicht überzeugen können. Die Handlung wirkt in Einzelheiten auch sehr konstruiert und stellenweise nicht immer glaubhaft. So raubt der Täter wichtige Beweisstücke der Tat, verschließt sie aber nicht richtig, sodass diese Beweise ohne Probleme gesichert und am Ende Marthaler zugespielt werden können. Dazu ist der Täter jedoch eigentlich zu intelligent. Er hätte die Beweise doch entweder vernichtet oder so verwahrt, dass niemand anders sie problemlos hätte entwenden können.

Zum zweiten hatte ich - zugegebermaßen in falscher Erwartung der Handlung - stärker einen Polit-Thriller erwartet, etwa im Stile des Buches: "Ausgekocht" von Pit van Bebenburg über die hessischen Ereignisse. Ja, sie spielen in diesem Fall eine Rolle, aber sie werden nicht vertieft, sie dienen eher als dekorativer Hintergrund. Außerdem erscheint der Ministerpräsident - auch wenn er eine fiktive Person ist, weiß doch jeder Leser, wer da nur gemeint sein kann - mir zu sehr als passiv "Getriebener" seines Regierungssprechers und dies erscheint mir doch, wenn man Pit van Bebenburgs Buch oder andere Darstellungen über die Ereignisse in Hessen aus dem Jahre 2008 liest, sehr zweifelhaft.

Zum dritten finde ich, dass das Buch Längen hat. Was trägt Marthalers Freundin Theresa zur Aufklärung des Falles bei? Ihre Geschichte und ihre Beziehung zum Kommissar erscheint hier rein dekorativ. zu bald muss sie der zweiten "Detektivin" des Romans, Marthalers Bekannten aus einem früheren Fall, Anna, weichen. Dann frage ich mich: Warum wurde Theresa überhaupt in den Band hereingenommen?

Zum vierten finde ich die Geschichte um Suleyman, den Streuner, ausgesprochen konstruiert und ich bin mit dieser Figur und seinen Handlungen nicht warmgeworden. Ich hatte das Gefühl, der Autor wollte zu viel: wie er selber in "Hallo Hessen" erkärte, hat er auch die Affäre Edarthy mit in sein Buch hineingenommen und diese mit den Ereignissen um die Hessen-Wahl 2008 verknüft. Meines Erachtens zu viel des Guten und daher zu konstruiert.

Insofern ziehe ich für mich folgendes Fazit: sicherlich kein schlechter Krimi, was Stil und die Fähigkeit, einen Spannungsbogen aufzubauen, betrifft (daher zwei Sterne), mir aber zu eindimensional in der Charakterzeichnung, stellenweise zu sehr vorhersehbar und in Teilen der Handlung zu konstruiert und nicht immer glaubhaft.

Mich hat das Buch daher nicht völlig überzeugen können.


JULI 1914: Der Countdown in den Krieg
JULI 1914: Der Countdown in den Krieg
Preis: EUR 24,99

8 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Gut geschriebenes und sehr spannendes Buch, welches kontrovers diskutiert werden dürfte., 11. Juli 2014
Im Rahmen eines Vortrages über die Juli-Krise 1914 stieß ich auf dieses Buch. Volker Berghahn, Autor des Buches: "Der Erste Weltkrieg" im Beck-Verlag schrieb, dass dieses Werk das Buch von Christopher Clark: "Die Schlafwandler" entscheidend beeinflusst habe. Dieser sei insbesondere in seiner Sicht der Rolle Russlands von McMeekins Buch inspiriert worden. Diese These hat vor McMeekin schon L.C.F. Turner und danach Edward McCullough vorgetragen. McMeekin sieht in dem Verhalten der russischen Führung in St. Petersburg den "Schlüssel" zum Ausbruch des ersten Weltkrieges. Insbesondere Außenminister Sergej Sasonow und die militärische Führung habe - gegen den anfänglichen Widerstand des Zaren Nikolaus II. - gezielt nach der Veröffentlichung des österreichisch-ungarischen Ultimatums auf den Krieg hingearbeitet. Die Vorbereitungen seien über die offizielle Teilmobilmachung der Armee hinausgegangen. Russland habe - ermutigt durch die Rückendeckung der französischen Führung (Staatspräsident Poncaré und Regierungschef Viviani hielten sich Ende Juli zu einem Staatsbesuch in St. Petersburg auf) das Attentat von Sarajewo zum Anlass genommen, einen großen Krieg gegen Deutschland und Österreich-Ungarn zu provozieren und hätten Deutschland, Österreich-Ungarn aber auch Großbritannien über ihre Aktionen gezielt getäuscht, um letzteres auf ihre Seite in den Krieg zu führen.
Berghahn schreibt in seinem Buch: "Für den Autor [McMeekin, B.N.] sind also die vier Tage vom 26. bis zum 29. Juli entscheidend, für die er als Beweismittel für seine Interpretation eine ganze Reihe von Dokumenten und späteren Aussagen heranzieht. Anhand dieser weist er scharfsinnig und durchaus überzeugend nach, dass im Westen des Landes [Russland, B.N.] sehr viel umfangreichere miltiärische Maßnahmen ergriffen wurden, die einer Vollmobilisierung gleichkamen. Nicht weniger wichtig ist, dass diese Entwicklungen der deutschen Seite bekannt wurden, sodass diese den Versicherungen Sasonows [...] nicht mehr glaubten. Mit anderen Worten, McMeekin zufolge wussten Generalstabschef Helmuth von Moltke und Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg schon vor der offiziellen Verkündung der russischen Vollmobilisierung am 31. Juli, dass St. Petersburg das Ziel eines großen Krieges verfolgte. Daraufhin drängte jetzt Molkte mehr denn je den Kaiser, die eigene Vollmobilisierung zu befehlen, bevor es zu spät sei. Dies bildete den Hintergrund des deutschen Ultimatums an Nikolaus II., seinen Befehl bis zum 1. August zurückzuziehen. Als dies nicht geschah, weil es infolge der schon längst angelaufenen Vorbereitungen gar nicht mehr möglich war, unteschrieb der Kaiser am Nachmittag des 1. August den entsprechenden deutschen Befehl. Der große Vorteil dieser Abfolge war, dass Berlin sich nun rechtfertigen konnte, sich in einem Verteidigungskrieg gegen Russland zu befinden. So erklärt sich auch der Satz aus dem Tagebuch des Marinekabinettschefs Georg Alexander von Müller, die Reichsleitung hab "eine glückliche Hand gehabt, uns als die Angegriffenen hinzustellen."

Doch warum zielte das Zarenreich auf einen großen Krieg gegen die Mittelmächte? Hier sind für McMeekin die seit Langem formulierten und nun zu verwirklichenden Kriegsziele zentral. Seit Jahren schon habe das russische Außenministerium die territoriale Expansion nach Süden und Südwesten und den Zugang zum Mittelmeer durch eine Eroberung der Dardanellen anvisiert. Zum Teil auf russischen Quellen basierend, entwickelt der Autor das Bild einer bewusst verfolgten und langfristig gut koordinierten imperialistischen Politik St. Petersburgs, die auf eine Beerbung des zerfallenden Osmanischen Reiches abzielte.

An dieser Stelle ist auf ein Buch über die russische Außenpolitik zu verweisen, das Dominic Lieven demnächst veröffentlichen wird. Darin widerspricht er McMeekin, indem er - beruhend auf einer kürzlichen Auswertung von einschlägigen Archiven in Moskau - ein hartes Gegeneinander mit zahlreichen Meinungsverschiedenheiten innerhalb und zwischen den Ministerien während er Vorkriegsjahre herausarbeitet. Diese Konflikte sieht er wiederum vor dem Hintergrund einer breiteren Diskussion über die Lebensfähigkeit des Zarenreiches, dem es nicht gelang, grundlegende modernisierende Reformen durchzusetzen. Es gehörte daher zu den Ländern, die sich nicht selbstbewusst im Aufstiegbefanden, sondern vom Zerfall bedroht waren."

Soweit Volker Berghahn (Quelle: Der Erste Weltkrieg. - Beck-Verl., 2014 (3., aktualis. Aufl.), Prolog, S. XII-XV).

Diese Zusammenfassung des Inhaltes von McMeekins Werk ist zutreffend. Zwar relativiert er - im Gegensatz zu Clark - nicht die deutsche Verantwortung am Ausbruch der Juli-Krise. Auch McMeekin kritisiert den unkonditionierten "Blankoscheck" Deutschlands an Österreich-Ungarn am 5. Juli 1914 im Zuge der Hoyos-Mission. Außerdem kritisiert er, dass Bethmann-Hollweg Vermittlungsvorschläge des eigenen Kaisers Wilhlems II. nicht oder zu spät nach Wien übermittelten (etwa den "Halt-in Belgrad"-Befehl) und auf Vermittlungsvorschläge Großbritanniens nicht eingingen, wobei er - wie später auch Clark - mit der britischen Politik in der Juli-Krise hart ins Gericht geht. Großbritanniens Außenminister Edward Grey habe - weil er für ein Zusammengehen mit den Entente-Mächten Russland und Frankreich zunächst keine Mehrheit im britischen Kabinett gefunden habe - Deutschland zu lange im Glauben gelassen, England würde in einem künftigen Krieg zwischen Deutschland und Österreich einerseits und Russland und Frankreich andererseits neutral bleiben. Es sei allerdings die Dummheit der Verletzung der belgischen Neutralität durch Deutschland gewesen, der letztendlich das britische Kabinett am 4. August dazu brachte, auf Seiten der Entente-Mächte in den Krieg gegen Deutschland und Österreich-Ungarn einzutreten.

Das Buch ist äußerst spannend zu lesen. Es konzentriert sich auf die Diplomatie- und Ereignisgeschichte des Juli 1914 und führt auch die zahlreichen Quellen zur Krise auf, insbesondere die Edition von Albertini, die 2005 zwar ins Englische, aber bislang leider noch nicht ins Deutsche übersetzt worden ist. Um seine These eines russisch-französischen Zusammenspiels zu dokumentieren, verweist er insbesondere auf eine Studie über die französische Politik in der Juli-Krise von Stefan Schmidt.

Dies ist alles sehr gut recherchiert und belegt. Von daher ist das Werk eine unverzichtbare Quelle über die Ereignisse des Julis 1914.

Mein Problem mit diesem Buch ist allerdings der Fokus, den McMeekin auf den Faktor russische Mobilmachung legt. Für ihn ist dies der Schlüssel zum Ausbruch des Krieges der Punkt, an dem eine friedliche Lösung der Krise nicht mehr möglich gewesen ist. Ähnlich argumentiert auch Christopher Clark.

Meines Erachtens ist aber Jörn Leonhard zuzustimmen, der in dem meines Erachtens besten Buch über den Ersten Weltkrieg ("Die Büchse der Pandora", Beck-Verlag) argumentiert, entscheidend sei gewesen, wo der Schlüssel zur Deeskalation der Krise gelegen habe. Und Leonhards Ansicht nach lag dieser Schlüssel in Deutschland und in Großbritannien. Deutschland hätte den unkoditionierten Blankoscheck an Österreich-Ungarn nicht geben dürfen; England wiederum hätte stärker auf Russland und Frankreich einwirken sollen, wegen Serbien keinen Krieg zu riskieren.

Ich teile die Auffassung von Annika Mombauer, die in ihrer Publikation über die Juli-Krise 1914 (Beck-Verlag) die Hauptverantwortung nach wie vor bei Deutschland und Österreich-Ungarn sieht. Nicht die russische Generalmobilmachung, sondern der deutsche Blankoscheck an Österreich-Ungarn und danach die Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien, die ohne die deutsche Rückendeckung nie erfolgt wäre, sind aus meiner Sicht die Ereignisse, die den Weltkrieg unabwendbar machten, zumindest einen Krieg zwischen Österreich-Ungarn und Deutschland einerseits, Russlands, Frankreichs und Serbiens andererseits. Die britische Neutralität wäre ohne - modifizierten - Schlieffenplan sicherlich dann möglich gewesen, wenn Deutschland nicht in Belgien eingefallen wäre oder einfach Russland und Frankreich nicht den Krieg erklärt hätte, sondern deren Kriegserklärungen einfach abgewartet hätte. Mit Thomas Nipperdey und anderen Historikern ist dies die maßgebliche "Schuld" des Deutschen Reiches: Blankoscheck an Österreich-Ungarn, vorzeitige Kriegserklärung an Russland und Frankreich sowie die Verletzung der belgischen (und luxemburgischen) Neutralität, um über diese Länder mit seinen Truppen in Frankreich einzufallen. Aus meiner Sicht - und ich folge hier den Historikern Krumeich, Mombauer und Berghahns, ist die Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien der entscheidende Eskalationspunkt, der den Krieg unabwendbar machte. Die deutsche Hoffnung, den Krieg "lokalisieren" zu können, war zunichte. Die Ausweitung des Krieges auf die europäischen Großmächte "wurde indessen zur Gewissheit, als Österreich-Ungarn am 28. Juli den Angriff auf Serbien unter dem Vorwand einleitete, dass Belgrad das Ultimatum nicht erfüllt habe." Hier - und nicht in der russischen Generalmobilmachung - sehe ich den Schlüssel zum Krieg und kann Sean McMeekin daher in seinen oben skizzierten Schlussfolgerungen nicht zustimmen.

Dennoch ein äußerst interessantes, spannendes und lesenswertes Buch zum Thema, vor allem, wenn man den Einfluss bedenkt, den dieses Werk offensichtlich auf Christopher Clarks "Schlafwandler" gehabt zu haben scheint.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 13, 2014 11:44 AM MEST


Eine wie Alaska
Eine wie Alaska
Preis: EUR 8,99

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Faszinierendes Buch, 27. April 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Eine wie Alaska (Kindle Edition)
ohn Green ist mit seinem Werk: "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" mittlerweile berühmt geworden. Es ist jedoch besonders sein Debutroman: "Eine wie Alaska", der mich enorm beeindruckt hat und den ich jetzt erneut gelesen habe.

Der 16-jährige John Miles lebt in Florida mit seinen Eltern. Um deren Überbehütung zu entkommen und das "große Vielleicht" zu entdecken, wechselt er - wie sein Vater - auf das Internat Culver Creek in Alabama. Dort lebt er mit dem "Colonel" Chip Martin in einem Zimmer und freundet sich mit diesem an. Besonders hat es ihm in der Clique Alaska angetan, ein Mädchen, in welches er sich gleich verliebt. Impulsiv, launenhaft, geheimnisvoll und hinter einer rauhen Schale leicht verletzlich zieht sie ihn und seine Freunde in den Bann. Miles, der in seinem vorherigen Internat keine Freunde hatte und als Langeweiler galt, genießt das Zusammensein mit seinen neuen Freunden. Gemeinsam lernen sie, planen Schulstreiche, rauchen und trinken heimlich und halten zusammen. Eines Tages, kurz nach Weihnachten, erfahren Miles und seine Freunde, dass Alaskas Mutter ums Leben gekommen ist: sie starb an einem Aneurisma und die sechsjährige Alaska stand wie gelähmt daneben, ohne Hilfe zu holen. Deshalb fühlt sie sich schuldig, zumal ihr der Vater deshalb Vorwürfe machte. Zwar versichern ihr ihre Freunde, dass sie nichts für den Tod ihrer Mutter kann, aber Alaska kann mit diesem Ereignis auch zehn Jahre danach nicht fertig werden. Wenige Tage darauf will sie eines Nachts heimlich das Internat im eigenen Wagen verlassen. Obwohl sie betrunken ist, hindern sie Miles und der Colonel nicht daran....

Das Buch ist in der Ich-Perspektive aus Sicht des jugendlichen Protagonisten Miles Halter geschrieben und behandelt die Tage vor und nach dem Ereignis, welches der Höhepunkt des Buches ist: der tödliche Autounfall von Alaska. Warum wollte sie in der Nacht weg? Hat sie eventuell Selbstmord begangen, weil sie mit ihrer Schuld nicht fertig geworden ist? Haben ihre Freunde Schuld auf sich geladen, weil sie Alaskas Weggang in betrunkenem Zustand nicht verhindert haben? Gibt es einen Ausweg aus diesen quälenden Zweifeln und geben die verschiedenen Religionen, in denen sie im Internat unterrichtet werden, Antworten auf die Frage nach einem Ausweg aus diesem quälenden Labyrinth?

Der Roman - Internats- und Adoleszensgeschichte in einem - verbindet den Schulalltag mit all seinen Vorkommnissen mit diesen philosophischen Fragen. Der Religionsunterricht bei Dr. Hyde, einem Lehrer, den Miles aufgrund seines Wissens faszinierend findet, wird daher ausführlicher behandelt. Der Tod Alaskas gibt den zunächst sehr theoretischen Fragen nach dem Sinn von Leben und Tod für die Protagonisten eine ganz neue Aktualität.

John Green hat ein faszinierendes, wohl autobiographisch beeinflusstes - Erstlingswerk geschrieben, welches mich faszniert und gefesselt hat. Die lebensecht gezeichneten Charaktere, die Geschichte selbst und die damit verbundenen philosophischen Fragen haben mich nicht mehr losgelassen. Ein Buch, welchem ich viele Leser wünsche.


Der Fluch aus den Flammen: Historischer Roman
Der Fluch aus den Flammen: Historischer Roman
von Maurice Druon
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wunderbarer historischer Roman über die Endzeit der Kapetinger - und wohl einer der Vorbilder für George R.R: Martin, 24. März 2014
Wenn man mich fragt, welches mein historischer Lieblingsroman ist, so muss ich immer noch sagen: der 1958 erstmals in deutscher Übersetzung erschienene Roman "Die unseligen Könige", der zur Zeit Philipps des Vierten von Frankreich spielt. Der Romanzyklus - insgesamt inzwischen 7 Teile, beginnt mit dem Band "Der Fluch aus den Flammen" und beginnt mit dem Machtkampf zwischen dem letzten Kapetinger-König, Philipp dem Schönen von Frankreich und dem letzten Großmeister des Templerordens. Weil er die Reichtümer des Ordens besitzen möchte und - darin ungeheuer modern - eine Kontrolle der Kirche über die Angelegenheiten des Staates ablehnt - Philipp IV. und seine Ratgeber, die sogenannten "Legisten" sind zu recht von Historikern als Vorläufer des absolutistischen Staates verstanden worden, da sie das Münzwesen vereinheitlicht, die Barone und Ritter gezügelt haben und erstmals ein funktionierendes Staatswesen geschaffen hatten, welches das mittelalterliche Lehenswesen schon im 14. Jahrhundert ansatzweise ersetzte - verurteilt er den Großmeister der Templer im März 1314 zum Tode. Doch während die Flammen des Scheiterhaufens lodern, stößt der Großmeister einen fürchterlichen Fluch aus: König und Papst - so der Großmeister - würden noch im selben Jahr sterben und die Nachfolger Philipps IV. verflucht sein bis in die siebente Generation...

So geschieht es auch. Zunächst stirbt Papst Clemens kaum sechs Wochen nach den oben geschilderten Ereignissen. Kurz darauf wird einer der wichtigsten Ratgeber des Königs vergiftet, im November 1314 stirbt der Monarch selber nach einem Schlaganfall. Nachfolger Ludwig der Zänker stirbt wiederum durch Gift zwei Jahre später. Seine Nachfolger steuern unaufhaltsam auf den hundertjährigen Krieg mit England zu, den die habgierige Tochter Philipps IV., Isabella, die "Wölfin von Frankreich" (so der Titel des Folgebandes), Gemahlin und spätere Mörderin ihres ungeliebten Gatten, Edwards II. anfacht... 1328 wird die Frage, ob ihr Sohn, Edward III., oder ein Neffe Philipps IV. König von Frankreich werden soll, den hundertjährigen Krieg entfachen und zum Aussterben der Linie der Kapetinger auf dem französischen Königsthron führen.

Dieser erste Band: "Der Fluch aus den Flammen" ist der beste. Sehr eindrucksvoll die kalte, hartherzige und doch weitblickende Figur Philipps IV., der im Mittelpunkt der Handlung steht. Plastisch geschildert wird das letzte Jahr seiner Regierungszeit, voll von Intrigen und Verfall. Ein fesselnd geschriebener Roman, der durch seine stilistische Kraft und die lebensechte Zeichnung der Charaktere besticht. Ich kann nur sagen: es ist der beste historische Roman über das Mittelalter, welchen ich gelesen habe und unbedingt empfehlenswert. Im übrigen entspricht er in weiten Teilen der damaligen historischen Forschung, wenn auch einige Aspekte erfunden oder nicht zweifelsfrei historisch nachgewiesen sind. Packend beschrieben etwa die Wahl des neuen Papstes Johannes XXII. (1316-1314) in Lyon. Um dessen Wahl zu erreichen, läßt Philip V., Sohn und späterer Nachfolger Philips IV. (1316-1322) das Konklave, welches sich zum Gottesdienst in Lyon zum Gedenken an dessen Bruder Ludwig X. (1314-1316) versammelt hatte, einfach einmauern. Die Mauern werden erst eingerissen, als der Favorit gewählt ist. Diese Ereignisse werden übrigens auch in Ecos: "Name der Rose" angesprochen, welcher zur selben Zeit spielt.

Fazit:

Ich hoffe, damit den "Appetit" auf meinen historischen Lieblingsroman geweckt zu haben und wünsche viel Spass beim Lesen!

Edit: George R.R. Martin, der Autor des Fantasy-Zyklus "Das Lied von Eis und Feuer" hat zur Neuausgabe der englischen Ausgabe dieses Buches: "The iron king" das Vorwort geschrieben und Einflüsses dieses Buches sind in seinem Zyklus deutlich spürbar. Also ein Buch für Fans von Martins Fantasy-Zyklus.


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