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Rezensionen verfasst von
Froschkönigin

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OCDaniel
OCDaniel
von Wesley King
  Taschenbuch
Preis: EUR 5,99

3.0 von 5 Sternen Angeknackster Held, 2. Juli 2017
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: OCDaniel (Taschenbuch)
Wesley Kings Buch über den dreizehnjährigen Daniel, der versucht, mit dem Erwachsenwerden, der ersten Liebe und, "nebenbei" mit seiner Obsessive Compulsive Disorder zurechtzukommen, ist ein wichtiger Beitrag inmitten vieler, vieler YA-Bücher, deren Heldinnen und Helden aufgrund einer Erkrankung zu kämpfen haben im Leben und deren Probleme weit über die hinaus gehen, die "normale" Teenager in dieser Lebensphase mit sich herumtragen.
Trotzdem hat mich "OCDaniel" nicht ganz überzeugen können. Grundsätzlich finde ich es gut, dieses schwierige Thema in den YA-Canon zu integrieren und damit den Fokus nicht nur auf die Symptome der Krankheit zu richten. Soweit mir bekannt, sind die meisten Bücher, die OCD behandeln, eher autobiographisch angelegt. Auch das schon etwas ältere "Kissing Doorknobs" (1998) von Terry Spencer Hesser, ebenfalls für young adults, zeigt autobiographische Züge, wenn auch nicht als Autobiographie angelegt. Und auch Wesley King verarbeitet eigene Erfahrungen in seinem Buch, und man merkt den Stellen, in denen Daniel seine "Rituale" praktiziert, sehr deutlich, dass der Autor weiß, wovon er seinen Protagonisten sprechen lässt. Die Absurdität dieser Zwangshandlungen (die auch dem Betroffenen selbst glasklar ist, ohne dass diese Erkenntnis auch nur das geringste ändert), gleichzeitig die ungeheure psychische und physische Belastung, die diese Rituale mit sich bringen (die erst dann beendet werden können, wenn der Betroffene sie als "perfekt" wahrgenommen hat, was mitunter Stunden dauert), das ist alles sehr beeindruckend dargestellt. Ich habe habe einiges an Daniels Verhalten wiedererkannt und kann sagen: wenn es nicht so traurig wäre, könnte man fast lachen über diese Rituale - aber auch die Erscheinungen etwa einer ausgeprägten Demenzerkrankung sind für Außenstehende mitunter unfreiwllig komisch, was im krassen Kontrast zu der Not der unmittelbar Betroffenen steht.
Dennoch hat Wesley Kings Roman einen leichtfüßigen Unterton, den ich z.B. bei "Kissing Doorknobs" nicht gesehen habe. Daniel ist in seinem Alltag, wenn er mit Freunden zusammen oder in der Schule ist, zwar einigen Hindernissen ausgesetzt, aber nicht vollständig durch seine Krankheit gesteuert. Er ist verliebt in ein Mädchen aus seiner Schule, die offenbar auch Gefallen an ihm findet, er schafft es, obwohl er nur in der Football-Mannschaft ist, weil sein bester Freund auch im Team ist, sich in der Mannschaft zu behaupten, er freundet sich mit einem Mädchen an, das von allen nur "Psycho Sara" genannt wird (Daniel ist der einzige Mensch, mit dem Sara, die einen "Teaching Assistant" hat und Sonderunterricht erhält, spricht) - vor allem gelingt es Daniel aber, seine OCD vor seinen Freunden und seiner Familie zu verstecken.
Damit hatte ich ein Problem. Mir ist bewusst, dass nicht alle Eltern ihren Kindern und deren Problemen sehr viel Aufmerksamkeit schenken. Daniels Eltern scheinen sich hauptsächlich für die Schulnoten ihrer drei Kinder und deren sportliche Erfolge zu interessieren und, wie gern in YA-Büchern, sowieso abrbeitsbedingt die meiste Zeit abwesend zu sein. Mir ist auch klar, dass, wenn man Geschwister hat, diese elterliche Aufmerksamkeit geteilt werden muss und man es leichter hat, eben auch Dinge verbergen zu können. Und ich kann völlig verstehen, dass jemand, sei er nun dreizehn oder dreißig, vor seiner Umwelt verbergen möchte, dass er ein paar mentale Schwierigkeiten hat, aus Angst, als "Psycho" abgestempelt zu werden. Letztendlich ist aber jede psychische Erkrankung, genau wie jede physische etwas, womit niemand allein dastehen kann oder soll. Im Roman bekommt Daniel Hilfe durch Sara, die ein ganz anderes Weltbild hat als er - was aber machen Kinder und Jugendliche, die nicht zufälig eine "gestörte" Freundin habe, die offen darüber spricht? Ich hätte mir gewünscht, dass Wesley seinen Eltern gegenüber offener ist und nicht nur versucht, deren Erwartungen zu entsprechen und möglichst wenig von sich preiszugeben, denn das halte ich in jedem YA-Roman für eine verkehrten Weg, der da aufgezeigt wird.
Es passt aber ein bisschen dazu, wie Wesley King überhaupt Daniels Geschichte in den YA-Canon einbettet und ihm, wenn ich das so sagen darf, ein "All American Treatment" verpasst. Womit ich meine, dass am Ende der Protagonist sich behaupten muss und ein äußerlicher Erfolg (in diesem Fall: ein paar gelungene Einsätze bei wichtigen Football-Spielen, obwohl Daniel eigentlich nur der Ersatzspieler ist) dem Protagonisten zu innerer Stärke verhilft. Diese Football-Handlung, die übrigens auch ziemlich viel Raum einnimmt und mühsam zu lesen ist, wenn man nichts davon versteht, war für meinen Geschmack ebenso "mainstream" wie unglaubwürdig. Daniel ist nur der "Wasserträger" der Mannschaft, er hasst außerdem Football sogar - aber gleichzeitig kann er plötzlich doch technisch ganz gut spielen, macht im entscheidenden Moment keinen Fehler und bewährt sich und wird gefeiert von der Mannschaft und von seinen Eltern, wird also in deren Augen "wertvoll".
Nur mal angedacht, was gewesen wäre, wenn Daniel nicht so gut funktioniert hätte? Hätte man ihn dann als Versager eingestuft, und was hätte das dann mit ihm gemacht?
Aber gut, dies ist eben ein Buch von Wesley King, der sonst seine jugendichen Protagonisten durch Sciece fiction Abenteuer jagt ("The Incredible Space Raiders from Space"), und er wollte wohl am Ende Daniel nicht schlecher dastehen lassen.
Für mich ist dieser Ansatz ein zweischneidiges Schwert; sicherlich soll er (jungen) Lesern Mut machen und sagen "Lass dich nicht unterkriegen", Andererseits ist die Botschaft deutlich, dass man sich bewähren muss und auch die Chance dazu bekommt, und das fand ich im Kontext dieses Buches oberflächlich.


Memory of Water
Memory of Water
von Emmi Itäranta
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,49

5.0 von 5 Sternen Karge Dystopie voll poetischer, hypnotischer Sprache, 22. Juni 2017
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Memory of Water (Taschenbuch)
Manche Bücher fliegen so tief unter dem Radar, dass man wirklich nur durch einen Zufall auf sie aufmerksam wird. In meinem Fall war das eine kurze Liste mit dem Titel "Five LGBT novels you've probably never heard of" oder so ähnlich (an den genauen Titel kann ich mich nicht mehr erinnern). Bücher, von denen ich noch nie gehört habe, LGBT thematisiert zumal und von einer skandinavischen Autorin, die mir ebenfalls leider bisher entgangen war - das lässt sowieso schon mal mein Leserherz höher schlagen. Und ich wurde nicht enttäuscht.
Ich kann mir aber vorstellen, dass nicht jeder etwas mit Emmi Itärantas Roman anfangen kann. Die Person, die für den Covertext zuständig war, konnte es wohl nicht. "Some secrets demand betrayal" heißt es auf dem Frontcover meiner Taschenbuchausgabe (deren künstlerische Gestaltung dagegen den Ton und die Atmosphäre des Buchs sehr gut trifft), und auf der Rückseite "Apprenticed to her father, one of the last true tea masters, when Noria takes possession of the knowledge, she becomes much more than the guardian of ancestral treasure; soon, she will hold the fate of everyone she loves in her hands."
Das hört sich nach einer abenteuerlichen, dramatischen Handlung an, in der die Protagonistin ihr Schicksal in einer bedrohlichen Situation nicht nur zu meistern hat, sondern auch meistern kann, indem sie den Kampf gegen das Unrecht oder eine höhere Macht oder was auch immer aufnimmt - und am Ende sogar gewinnt.

SPOILER.
Nein. Am Ende gibt es höchstens einen Hoffnungschimmmer. Dies ist keiner der dystopischen Romane, in denen das Gute gegen das Böse kämpft. Was mich an diesem Buch gleichermaßen fasziniert und verstört hat, ist die Atmosphäre eines Ausgeliefertseins des Einzelnen gegenüber einem gnadenlosen Regime und unwirtlichen Lebensbedingungen, eines für die Protagonistin schon vorgefügten Schicksals und festgelegten Wegs. Norias Aufgabe besteht darin, diesen Weg zu beschreiten und zu Ende zu gehen. Diese beklemmende Situation wird bereits im Prolog angekündigt, das ganze Buch ist ein Rückblick auf diese Entwicklung auf das unvermeidliche Ende hin. Zwar planen Noria und ihre Freundin Sanja einen Ausbruch, eine Expedition, die ihre Welt verändern könnte. Aber es bleibt bei der Vorbereitung. Dann holt die Realität holt die Protagonistin und den Leser ein. Das klingt depremierend, ernüchternd zumindest, und das ist es auch.
Am Ende haben Noria und ihre Freundin Sanja vielleicht doch noch etwas bewirkt, aber auch das bleibt offen.
Wer einen actiongeladenen dystopischen Thriller erwartet, an dessen Ende das Gute siegt, indem ein Einzelner das Schicksal der gesamten Menschheit in die Hand nehmen kann, sollte einen riesigen Bogen um dieses Buch machen - oder aber sich auf ein in seiner Nüchternheit geradezu hypnotisches Leseerlebnis einlassen.

Emmi Itäranta gibt dem Leser nur die notwendigsten Informationen über eine Zukunft (die nicht allzu fern von unserer Gegenwart angesiedelt ist, drei Generationen etwa), in der die Ozeane große Teile der Kontinente verschlungen haben, Frischwasser knapp ist und dessen Verbrauch der strengen Regulierung eines totalitären Regimes unterliegt. Verschwendung von Trinkwasser wird drakonisch bestraft. Papier, Öl, Plastik gehören der Vergangenheit an (letzteres ist nur noch in Form riesiger "Plastikgräber" allgegenwärtig, über deren Verursacher eine nahezu geschichtslose Gesellschaft nichts mehr weiß und nichts mehr wissen will oder soll). Als einzige Energiequelle dient die Sonne, der hauptsächliche Rohstoff, aus dem Alltagsgegenstände gewonnen werden, sind Algen und Tang, Hauptnahrungsmittel sind getrocknete Früchte und Samen. Der Name der geopolitischen Einheit, die ürbig geblieben ist, ist "New Qian", die ferne Hauptstadt heißt "Xinjing", die Handlung spielt aber, wie man den (ebenfalls erfundenen) Namen entnehmen kann, in einer Landschaft, die einmal zu Finnland gehörte. Was sich politisch zugetragen hat, wird nirgends erwähnt, und Ähnlichkeiten mit bestehenden oder zukünftigen politischen Entitäten und Verhältnissen sind wohl rein zufällig...).

Die karge Welt von Itärantas Roman lässt nicht viel Raum für Emotionen und für individuelle Handlungen. Entsprechend spröde und fast schroff ist bisweilen ihre Sprache, die gleichzeitig voller fast archaischer, traumähnlicher, Poesie ist:
"The Dead Forest had once been called Mosswood, a name that recalled deep-green leaves moving in the wind and verdancy so lush and moist that you could feel it on your skin. Even longer ago, when words for such greenness were not needed yet, because it was given in these lands, the forest had not had a name at all, so my father had told me. Now its bare trunks and branches twisted towards the sky sand-dry and colourless like a cobweb woven across the landscape, or the empty husks of insects caught in it. Life no longer circulated in them, their veins were brittled and broken, their skins frozen into letters of a forgotten language, near-incomprehensible marks of what had once been. Some trunks had wrung themselves into the ground, where they lay speechless, still." (203 f.) (Die Autorin hat den Roman sowohl auf Englisch als auch in ihrer Muttersprache Finnisch geschrieben - ich bedaure, kein Finnisch zu können, was ich von dieser Sprache weiß, schient mir geradezu wie gemacht für diese Poesie).
Schon aufgrund der sprachlichen Ästhetik lohnt es sich, das Buch zu lesen.

Und was ist mit der LGBT-Thematik? Man muss schon sehr genau lesen, um davon etwas mitzubekommen. Oder vielleich habe ich diese überhaupt nur gesehen, weil die oben genannte Liste eine solche Thematik angesprochen hat. Nur ganz ganz zart wird angedeutet, dass Noria für Sanja, die Freundin und Vertraute seit Kindheitstagen, andere Gefühle als bloße Freundschaft haben könnte, und am Ende ist das auch nicht wichtig, denn Norias Weg ist gegangen.


The Messengers
The Messengers
von Edward Hogan
  Taschenbuch
Preis: EUR 3,99

3.0 von 5 Sternen Uninspiriert, 21. Juni 2017
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: The Messengers (Taschenbuch)
Von Edward Hogan hatte ich zunächst "Daylight Saving" gelesen, und die Geschichte und die ganze Atmosphäre hatten mich so fasziniert, dass ich meine ursprüngliche Rezension noch einmal von vier auf fünf Sterne verbessert habe.
Leider war nun "Messengers" für mich eher eine Enttäuschung, und die drei Sterne, die ich hier trotzdem vergebe, kommen ein bisschen aus Großzügigkeit und der Tatsache zustande, dass dieses Buch nicht gerade massenweise Rezensionen erhält, wie es scheint.

Hogan's YA-Romane kann man als "magischen Realismus" bezeichnen, eine Mischung, die mir sehr gut gefällt: die Magie macht den Alltagsrealismus das kleine bisschen anders und interessanter, während andererseits der realistische Part auf die Magie "abfärbt" und diese fast glaubhaft macht (falls man nicht sowieso dran glaubt, dass es soetwas geben könnte). Auch "Messengers" vereint Magie und Alltag, aber die Geschichte von Frances und ihrer Familie (einem von der Polizei gesuchten verschwundenen großen Bruder, der ein talentierter Boxer ist, einer instabilen Mutter, dem obligatorisch abwesenden Vater (der in jeden zweiten YA-Roman vorzukommen scheint), dem skateboardenden Cousin - das war mir etwas zu, ja, von Alltagsproblematik beladen, oder vielleicht einfach in dieser oder ähnlicher Form zu oft gelesen. Frances mit ihrer Kopf-durch-die-Wand-Mentalität und ihrem Ich-bin-dein-bester-Kumpel-Getue war mir als Protagonistin auch nicht sonderlich sympathisch. Dass ich weder mit Boxkämpfen noch mit Skateboards viel anfangen kann, hat nicht geholfen.
Und die Magie in der Geschichte? War etwas verwirrend und beliebig, als müsse die Handlung forciert werden. Peter, der Mann. mit dem Frances sich anfreundet, war eine sehr blasse Gestalt, ich konnte nicht ganz nachvollziehen, was die forsche Frances an ihm findet.
Das Ende erschien mir zudem dann sehr abrupt.
Ich werde weitere Bücher von Edward Hogan lesen, die hoffentlich wieder so originell und atmosphärisch sind wie "Saylight Saving".


The Thousandth Floor 1
The Thousandth Floor 1
von Katharine McGee
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,99

4.0 von 5 Sternen War mir ein Vergnügen, 3. Juni 2017
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: The Thousandth Floor 1 (Taschenbuch)
Auf meinem Schreibtisch stapeln sich mittlerweile die Bücher, die ich noch rezensieren möchte. Katherine McGees „Thousandth Floor“ wäre eigentlich noch gar nicht dran, aber ich wollte mal wieder eine – positive – Rezension schreiben, in der ich es mir leicht machen kann, wenn es darum geht zu sagen, was mir gefallen hat. Hier ist es ganz einfach: ich wollte gute Unterhaltung, und die habe ich bekommen.
Es gibt keine tiefgründige Handlung, keine ausgetüftelte oder prosaische Sprache, die Charaktere sind eher Stereotypen (reiches, gutes Mädchen, reiches, verzognes, zickiges Mädchen, reicher Junge mit edlem Charakter, reicher Junge mit gutem Kern, armes Mädchen mit edlem Charakter, das aus der Not heraus etwas schlechtes tut, usw. usf. ). Originell ist allerdings die Grundidee, dass alle diese Menschen (und Zehntausende mehr) in einem gigantischen, tausend Stockwerke in den Himmel ragenden Supterower leben, der ungefähr die Grundfläche von Manhattan hat, in dem man mit Bahnen (arm) oder Hovercrafts (reich) unterwegs ist oder in superschnellen Lifts von unten nach oben saust – selten andersrum, denn unten wohnt und arbeitet nur, wer kein Geld hat, und je höher man wohnt, desto besser ist man finanziell gestellt. Die oberen Zehntausend lassen sich höchstens mal in den dreihundertsten Stock herab, denn dort wurde der Central Park unter künstlichem Himmel und mit artifiziellem Klima wiedererbaut.
Was mich daran gereizt hat, war nicht so sehr das, wenn man so will, Architektur gewordene gesellschaftspolitische Gefälle. Nein, es war meine eigene Höhenangst, wegen der ich, selbst wäre ich in Katherine McGees Buch eine Milliardärin, vermutlich höchstens im neunten Stock residieren würde. Was auch nicht so schön wäre, mit 991 Etagen über mir. Ich lese nun mal gern über fremde Welten, die mir verschlossen bleiben.
Abgeschreckt wurde ich dann allerdings zunächst durch die häufige Erwähnung von „Gossip Girl“ und ähnlichen Romanen in den Rezensionen. Der Teil von mir, der mir einflüstert, das Leben wäre zu kurz für triviale „chick lit“ hatte dann allerdings das Nachsehen gegenüber dem Teil, der sich bei solcher Lektüre eigentlich immer sehr gut amüsiert, und zwar ohne jedes „guilty pleasure-Gefühl".
Und: ganz so trivial ist „The Thousandth Floor“ dann auch wieder nicht, trotz eher grober Chrarakterzeichnung und allerlei Schwulst.
Die Handlung ist gut gemachte "suspense" in einer gut gestylten futuristischen Welt mit viel Liebe fürs Detail, an deren Schöpfung die Autorin deutlich Spaß hatte. Da machte es mir nichts aus, dass das „worldbuilding“ sich allein auf die Ausschmückung des Lebensraums innerhalb dieses Riesenturms beschränkt, während etwa die politischen oder ökolologischen Bedingungen dieser Zukunftswelt mit keinem Wort erwähnt werden. Dies ist kein dystopischer Roman und keine Science fiction. Kriege, Massenflucht, Klimakatastrophe – all das mag es auch in dieser fiktiven Welt geben oder eher gegeben haben, aber es tangiert die Bewohner des künstlichen Lebensraums des Turms, seien sie nun arm oder reich, ohnehin nicht.

Raffiniert an der Handlung ist, dass sie mit dem Ende beginnt. Da stürzt ein junges Mädchen, dessen Identität nicht genannt wird, bei einer Party der Megareichen aus dem obersten Stockwerk in die Tiefe. Der Leser, mit oder ohne Höhenangst, kommt hier voll auf seine von Gänsehaut begleiteten Kosten:
„In just three minutes, the girl would collide with the unforgiving cement of East Avenue. But now – her hair whipped up like a banner, the silk dress snapping around the curves of her body, her bright red mouth frozen in a perfect O of shock-now, in this instant, she was more beautiful than she had ever been.“
Drei Minuten sind eine verdammt lange Zeit, wenn man sie im freien Fall verbringt, aber Hauptsache, das Haar sitzt gut dabei. Das gibt so ziemlich die Lebensphilosophie der superreichen Teens wieder, die diesen Roman bevölkern, sich von einer Party zur nächsten bewegen, sich von einer Designer-Droge zur nächsten pushen und sich in Leute verlieben, in die sie sich in nahezu allen Fällen absolut nicht verlieben sollten. Da gibt es genügend Motive für den Sturz aus den Olymp, wobei Suizid oder ein bisschen Nachhilfe durch andere sehr viel wahrscheinlicher sind als ein Unfall. Was zu dem Unglück geführt hat, wird dann nach und nach aufgedröselt, und zwar aus der „Sichtweise“ von fünf Personen, von denen die vier jungen Frauen alle das potentielle Opfer sein könnten. Es handelt sich dabei nicht um wechselnde POVs (was ich persönlich nicht sehr gern lese, weil meistens alle Personen irgendwie gleich klingen), es ist stets die Autorin selbst, die mehr über die betreffende Person erzählt, anstatt diese selbst zu Wort kommen zu lassen. Das entbindet von dem Versuch, den unterschiedlichen Personen auch individuelle Stimmen, neben ihren individuellen Schicksalen, geben zu müssen. Ich kann nicht sagen, dass ich am Ende, wenn herauskommt, wer in die Tiefe stürzt, besonders geschockt war. Das ist das gute an Romanen mit wenig profilierten Charakteren, man kann sie rein als das lesen, was sie sind: leichte und spannende Unterhaltung.
Das Buch endet mit einem Cliffhanger, denn zwischen den übrigen Personen ist so gut wie nichts geklärt. Fortsetzung folgt im Spätsommer dieses Jahres.


In Bloom
In Bloom
von Matthew Crow
  Taschenbuch
Preis: EUR 6,99

3.0 von 5 Sternen "The Fault in Our Stars" light, 31. Mai 2017
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: In Bloom (Taschenbuch)
Matthew Crows YA-Roman über zwei krebskranke Teenager, die sich, tapfer ihrem Leben alles abgewinnend, was es für sie noch in petto hält, ineinander verlieben, wurde für den US-Markt mit einem farbenfrohen Cover und einem ebenso fantasievollen wie irreführenden Titel, „The Brilliant Light of Amber Sunrise“ versehen. Wahrscheinlich, weil das attraktiver ist als der schlichte Titel „In Bloom“ mit stilisierten Blutkörperchen im Schriftzug. Geschmackssache.
Egal, unter welchen Titel, muss sich dieses Buch natürlich der fast übermächtigen, so scheint es, Konkurrenz von John Greens „The Fault in Our Stars“ stellen. Ich bin es, obwohl großer John Green-Fan, selbst fast leid, immer wieder auf dieses Buch zurückzukommen, aber in diesem Fall ist es natürlich schon aufgrund der Themengeichheit nicht zu vermeiden. TFIOS ist ein Jahr vor „In Bloom“ erschienen und den allermeisten Lesern, die sich für diese Thematik interressieren, wahrscheinlich bestens bekannt. Und natürlich ist Crow nicht der einzige Autor, dessen Buch von einer Romanze unter dem ungünstigen Stern einer Krankheit handelt. Es gibt wohl, glaube ich, überhaupt kein Thema in neuerer YA-Literatur, das nicht eine ganze Batterie von mehr oder weniger guten Romanen hervorbringt, nachdem sich ein Autor einmal der Geschichte angenommen und damit Erfolg hatte.
Es wäre nun allerdings ungerecht, Matthew Crow vorzuhalten, er hätte einfach nur auf den „Death Sales“-Zug aufspringen wollen, zumal ja möglich ist, dass er seinen Roman oder zumindest die Idee dazu schon lange in der berühmten Schublade liegen hatte.
Zumindest ist es so, dass „In Bloom“ sich in weiten Teilen tatsächlich liest wie ein geerdeter Gegenentwurf zu John Greens Roman und dessen Protagonisten. Francis und Amber sind weit weniger lebensweise und philosophisch unterwegs als Gus und Hazel in TFIOS (auch wenn sich beide für sehr intelligent halten), sie sind handfeste Personen, aber nicht unbedingt beindruckende Persönlichkeiten, und sie haben Familien, über die das gleiche zu sagen wäre. Vor allem ist Crows Roman auf jeder Seite eins: very british. Und ironischerweise, trotz des aufgehübschten US-Titels, scheint das vielen Rezensenten aus den USA nicht so gut gefallen zu haben. Es ist, könnte man etwas boshaft formulieren, so eine Art TFIOS für Arme dabei herausgekommen.

Gerade das war es, was mir zunächst wirklich gut gefallen hat an „In Bloom“. Francis ist zunächst ein ganz gewöhnlicher Fünfzehnjähriger, der sich zwar für viel klüger hält als seine Mitschüler und vor allem als sein einziger „Freund“, mit dem er eigentlich nur abhängt, weil es halt der einzige ist, der dazu überhaupt Lust hat. Mehr Rückhalt hat er in seiner Familie, mit einer alleinerziehenden, beruflich eingebundenen Mutter mit Haaren auf den Zähnen, einer leicht schrulligen Großmutter, einem großen Bruder und dessen BFF Fiona. Dass der Bruder schwul ist, dass es einmal drei Geschwister waren, die kleine Schwester als Kind gestorben ist, und dass der Vater die Familie verlassen hat und sich so wenig um seine beiden Söhne schert, dass er sogar deren Geburtstag vergisst – das sind nun allerdings Zutaten, die wie von einer Liste „Wie schreibe ich einen erfolgreichen YA-Roman“ abgearbeitet erscheinen (LGBT-Quote? Check, Tote-Schwester-Quote? Check. Entfremdeter Vater-Quote? Check.) Leider haben sie hier mit der Handlung nur ganz am Rande etwas zu tun. Crow hätte in einem Buch, das ganze 250 großzügig angeordnete Seiten umfasst, besser nicht noch diese Nebenschaupläze eingebaut.

Dieses eine Drama, um das es eigentlich geht, behandelt der Autor zunächst einfühlsam, ohne ins Kitschige abzugleiten, und das versprach mir anfangs ein dann doch ziemlich gutes Buch. Der Leser erlebt mit, wie bei Francis Leukämie diagnostiziert wird und wie er und seine Familie versuchen, damit umzugehen. Diese Stellen sind wirklich gut gelungen und eindringlich (z.B. als Francis Bruder, der eigentlich nichts richtig ernst nimmt im Leben, die traurige Nachricht mitgeteilt werden muss).
Aber dann kommt Francis ins Krankenhaus, und von da wird es nervig. Ja, nervig, nicht traurig oder verstörend. Denn auf einmal verwandelt sich Francis Sich-ein-bisschen-klüger-als-andere-Fühlen in pure Überheblichkeit. Bereits nach fünf Minuten hat er sein Urteil über die bis dahin zwei anderen Mitpatienten gefällt:
„But I knew about boys like Paul. He had to be nice to me because he had to be surrounded by people. This was because boys like him were, essentially, pasta. Everyone thought they loved him because they had never been forced to experience the true blandness of him on his own. Paul was surface all the way to the bone.“ (61).
Um dann gleich noch draufzusetzen: „Kelly was equally cookie cutter, even if she didn't sit as comfortably in my Breakfast Club analogy. Socially she was from he same tribe as Paul...She wore make-up even though she spent all time in bed, did not intend to further her education and spent most of her time before she was in the unit in supermarket car parks with boys who drove loud cars.“ (61)
Das soll an dieser Stelle reichen, aber in diesem geradezu menschenverachtenden Tonfall geht es dann das ganze Buch hindurch, d.h. für die letzten 150 Seiten, weiter. Von einem halbwegs liebenswerten Protagonisten wandelt sich Francis damit leider zu einem unerträglichen K...brocken. Oder soll das alles vielleicht ironisch gemeint sein, wohinter sich nur die Verunsicherung eines Jungen verbirgt, der nicht nur mitten in der Pubertät steckt, sondern sich fragen muss, ob er älter als fünfzehn werden wird?
Ironie, selbst ätzenden Zynismus, hätte ich verzeihen können, gerade unter diesen Umständen, aber leider ist es dies wohl nicht. Denn gleich nachdem dann endlich Amber als vierte Person auf der Krankenstation Einzug hält, muss Kelly, um ihrer vorgefertigten Rolle als Parkplatz-Flittchen gerecht zu werden, dem Neunakömmling zurufen: „Here, new girl, you got any lipgloss? Mine ran out.“
Und der folgende Kurzdialog macht dann die Fronten klar:
„In don't wear lipgloss“ [Amber] said.
„Everyone wears lipgloss.“
"Maybe in your culture“, Amber muttered. „Come on, Ol, help me with this.“ (69f.)

Amber tut und sagt pausenlos schlagfertige, witzige (oder witzig gemeinte) und ungewöhnliche Dinge, sie ist so richtig der Prototyp freches, vorlautes Gör, was ich mindestens genauso wenig ausstehen kann wie Lip-gloss-tragende Kellys. Aber Francis ist von Amber sofort begeistert, hat in ihr seinen Soul-Mate gefunden, und schon nach wenigen Tagen sind die beiden ein unzertrennliches Paar. Was da genau zwischen den beiden funkt (außer der Erkenntnis gemeinsamer intellektueller Überlegenheit) konnte ich nicht so ganz nachvollziehen. Es war eher so, als müsste das eben so sein, weil schließlich das Buch davon handelt, und fertig.
Insgesamt hatte ich beim ganzen Mittelteil auf der Krankenstation das Gefühl, dass der Autor sich dort ebenso wenig wohl fühlt wie seine Protagonisten und diesen Ort so schnell wie möglich wieder verlassen möchte. Über die Krankheit selbst und deren Behandung erfährt der Leser so gut wie nichts, der Fokus liegt auf Ambers Kapriolen und denen ihrer New-Age-Hippie-Mutter, die leider fast noch klischeehafter erscheint als Paul und Kelly.

Zum Ende hin kriegt Crow dann doch noch einmal die Kurve mit seinem Roman, indem ihm eine sehr warmherzige Schilderung des Familienalltags nach Francis Entlassug aus dem Krankenhaus und eines Weihnachtsfestes (wie gesagt: very british) gelingt. Was mir allerdings trotzdem fehlte, war irgendeine emotionale Verbundenheit mit Francis und Amber und ihrer tragischen Romanze. Ich erinnere mich sehr gut, dass ich mich bei TFIOS regelrecht zusammengekrümmt habe, als Gus starb. Ich war als Leser noch nicht dazu bereit, mich zu verabschieden.
Es lag wohl auch eben daran, dass ich „Amber Sunrise“ und Francis nicht ausstehen konnte, dass das Ende von „In Bloom“ mich ziemlich unbeeindruckt gelassen hat. Daher wohlwollende drei Sterne.

Fazit: „In Bloom“ ist ein Buch, das man sich eigentlich auch schenken kann, wenn man TFIOS gelesen hat – und auch, wenn nicht, denn dann wäre John Greens Buch meiner Ansicht nach auf jeden Fall die bessere Wahl. Ein weiteres Buch, das das Thema Krebs und Sterben zum Thema hat (mit einem noch jüngeren Protagonisten) ist Sally Nicholls großartiges, wirklich bewegendes „Ways to Live Forever“, dazu würde ich raten, wenn man mehr solche Bücher lesen möchte.


Tell the Wolves I'm Home
Tell the Wolves I'm Home
von Carol Rifka Brunt
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,99

2.0 von 5 Sternen Ärgerliches Melodram, 28. April 2017
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Tell the Wolves I'm Home (Taschenbuch)
Wenn ich mich über ein Buch geärgert habe, schreibe ich in der Regel lange Rezensionen.
Dieses wird eine lange Rezension. Und sie enthält SPOILER. Falls man ein Buch, in dem alles völlig vorhersehbar ist, überhaupt spoilern kann.

Es ist soviel verkehrt an diesem Buch, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Da ist zunächst einmal die Weise, wie die Autorin das Thema AIDS angeht. Ich hatte einiges erwartet von einem Buch für young adults mit diesem schwierigen Thema, das in der YA-Literatur ja nicht oft vorkommt. Zumal Carol Rifka Brunts Roman in der Mitte der achtziger Jahre spielt, zu einem Zeitpunkt also, zu dem die Diagnose für die Betroffenen nicht nur das Todesurteil, sondern auch Stigmatisierung bedeutete, man in der Öffentlichkeit besser gar nicht darüber sprach und von offizieller Seite denkbar wenig Unterstützung für die Erkrankten erwartet werden konnte. Wie würde eine Vierzehnjährige damit umgehen, dass ihr geliebter Onkel an dieser Krankheit stirbt, wie ihre Familie?

Die AIDS-Erkrankung von Junes Onkel Finn – der gleich zu Begin des Buches stirbt – ist aber nur ein Rahmen für Junes Familiengeschichte. Finn hätte an jeder anderen Krankheit sterben können, Hauptsache, sie ist ansteckend – damit Junes Familie einer anderen Person die Schuld an Finns Tod geben kann. Ich möchte fast soweit gehen zu behaupen, dass das Thema AIDS hier vorgeschoben wurde, um ein Buch zu schreiben, das einiges an Aufmerksamkeit garantiert.

„Tell the Wolves I'm Home“ ist genau das, was das Kritiker-Zitat auf dem Cover etwas unmotiviert ankündigt. „A bittersweet tale of unrequited love, family portraits and uncovered secrets“.
Alles an Carol Rifka Brunts Roman wirkt konstruiert – und nicht im geringsten glaubwürdig, sowohl was die Handlung als auch was die Personen angeht. June, ihre Schwester Greta und vor allem ihre Muttter sind so selbstsüchtig und eifersüchtig, dass sie in ihren Handlungen, Unterlassungen und Motiven dafür völlig überzeichnet wirken. Dass die vierzehnjährige June in ihren schwulen Onkel verliebt ist, haben manche Rezensenten ziemlich schräg gefunden. Mich hat es nicht weiter gestört – unter anderem deswegen nicht, weil es wesentlich weniger nachvollziehbare Gefühlsverstrickungen gibt in diesem Buch.
Da wäre zum Beispiel die Tatsache, dass Junes Mutter ihrem Bruder Finn den Kontakt zu seinem beiden Nichen nur unter der Bedingung erlaubt, dass dieser seinen Lebensgefährten Toby vor ihnen geheimhält. Das Motiv dafür ist nicht etwa Homophobie – Junes Mutter hat keinerlei Probleme mit der sexuellen Orientierung ihres Bruders – sondern Eifersucht, weil Toby ihr den Bruder, zu dem sie ein symbiotisches Verhältnis hatte, „weggenommen“ hat. Mit anderen Worten: Junes Mutter konnte es nicht ertragen, dass sich ihr Bruder von ihr gelöst und begonnen hat, ein eigenes Leben zu leben, sich den Traum von einer Karriere als Künstler erfüllte, durch die Welt gereist ist – während sie einen Steuerprüfer geheiratet hat und nun denselben Beruf ausübt wie ihr Mann. Diese pathologische Eifersucht in Bezug auf Menschen, mit denen man nahe verwandt ist und von denen man glaubt, man hätte einen Besitzanspruch auf sie, scheint erblich zu sein in dieser Familie. Nachdem June nach der Beerdigung ihres Onkels erfährt, dass dieser seit neun (!) Jahren mit seinem Partner zusammengelebt hat, ist sie zunächst einmal eifersüchtig auf Toby. Dass es Toby war, und nicht sie, der die letzten Stunden mit ihrem Onkel verbracht hat, dass es einen anderen Menschen gegeben hat, der Finn mindestens soviel bedeutet hat wie sie selbst (mehr womöglich?) scheint dabei schwerer zu wiegen als Junes Verlust. June ist eine unausstehliche Protagonistin, die ständig in einem „Keiner-liebt-und-versteht-mich"-Modus verharrt. Bei soviel Selbstmitleid fällt es ihr natürlich schwer, auf die Idee zu kommen, dass Finn, wie die meisten erwachsenen Menschen, einen Partner haben und noch andere Interessen haben könnte, als mit seiner Nichte Mozarts Requiem zu hören.
Greta, Junes Schwester, ist eifersüchtig zunächst auf Finn, und dann auf Toby – weil sie dem engen Bund, den sie mit ihrer Schwester hatte, im Weg stehen. Ich konnte diese gegenseitigen Fixierungen schwer nachvollziehen.
Ebenso wenig nachvollziehbar ist für mich aber auch das Verhalten der beiden Lichtgestalten Finn und Toby. Dass Toby sich unsichtbar macht, wenn Finns Nichte zu Besuch kommt (manchmal mehrere Tage am Stück) und in dem Keller zieht, dass er klaglos die Rolle des Sündenbocks für Finns Familie übernimmt, die ihn als Mörder bezeichnet, der an Finns Erkrankung die Schuld trägt, und vor allem, dass Finn dem Menschen, den er mehr liebt als alles andere, dies zumutet – ich verstehe das einfach nicht, und es empört mich. Und warum nur bettelt Toby so um Junes Freundschaft? Das hat schon etwas unterwürfiges. Und dass Toby keinen anderen Menschen auf dieser Welt haben soll außer Finn und später eben June? Finn und Toby sind ein wohlhabendes schwules Päärchen in New York, Finn ein anerkannter Künstler, da sollen die keinen einzigen Freund weit und breit gehabt haben, niemanden im Bekanntenkeris, der sich um die beiden gekümmert haben soll? Das soll ich glauben?

Aber der Leser soll ja auch glauben, dass es zum Beispiel möglich ist, dass ein Apartement, in dem seit neun Jahren zwei Menschen miteinander leben, regelmäßig zum anstehenden Besuch von Finns Nichte nicht die geringste Spur einer zweiten Person aufweist. Wie das gehen soll, wird nicht erklärt. Oder dass eine Vierzehnjährige und eine Sechzehnjährige den lieben langen Tag lang alles mögliche aufstellen können, ohne dass die Eltern davon auch nur das Geringste mitbekommen, weil die – wie praktisch für die Handlung – morgens sehr früh das Haus verlassen und abends spät zurückommen, weil „Steuersaison“ ist. So kann June jederzeit mal eben mit dem Zug aus dem Vorort nach New York City fahren und sich mit einem Fremden treffen, Greta sich regelmäßig vollaufen lassen, die beiden Schwestern können sogar mitten in der Nacht mit dem elterlichen Wagen nach New York fahren und eine Person ins Haus schmuggeln, die sie zuvor aus einem Krankenhaus herausgeschmuggelt haben.

Zu der ganzen krampfhaft gewollten Handlung kommt zuletzt noch, dass „Tell the Wolves I'm Home“ einen Bildungsauftrag erfüllen muss. Das Buch kam zustande mit einmer großzügigen finanziellen Unterstützung des „Arts Council England“. Um Kunst muss es also gehen, und damit das der Fall und die Erwartung erfüllt ist, beschreibt die Autorin fiktive Gemälde in Länge und Breite, lässt die Protagonistin durch mittelalterliche Gemäuer streifen, auf Ausstellungen mit nahöstlicher Keramik des 16. Jahrhunderts (oder soetwas) gehen, und ich weiß nicht, wie oft Mozarts „Requiem“ erwähnt wird. Zum Schluss gibt es im Anhang umfängliche Listen mit Büchern, die die Autorin empfiehlt, Filmen, die die Autorin empfiehlt, einer Playlist, die die Autorin empfiehlt (ohne das „Requiem“, erstaunlicherweise).
Kunst ist auch der Titel, den ich nicht verstanden habe.

Sorry für die viel zu lange Rezension. Aber ich habe mich selten über ein Buch so aufgeregt.


Bedtime Story
Bedtime Story
von Robert J. Wiersema
  Taschenbuch

3.0 von 5 Sternen Eine ziemlich unendliche Geschichte, 19. April 2017
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Bedtime Story (Taschenbuch)
Michael Endes „Unendliche Geschichte“ habe ich als Kind nach den ersten Seiten weggelegt und (trotz einer erst im reiferen Erwachsenenalter entstandenen Liebe zur Fantasy-Literatur) nie wieder angerührt. Ich kann also nicht sagen, inwieweit Wiersemas Roman über einen Jungen, der auf magische Wiese in ein Buch hineingrät, das er gerade liest, an dieses Buch erinnert. Eins aber ist es auf jeden Fall nicht: ein Kinderbuch.
Genau genommen handelt es sich um zwei Bücher in einem. Der Fokus liegt auf der realen Welt, in der David von seinem Vater zum elften Geburtstag ein Buch geschenkt bekommt, das dieser selbst als Kind verschlungen hat. Dieses Buch trägt den Titel „To the Four Directions“, wurde geschrieben von einem gewissen Lazarus Took (!), der – zu Recht – als ein sehr wenig bekannter Autor vorgestellt wird, es ist außerdem gebraucht (Davids Vater hat es in einem Modernen Antiquariat entdeckt), und es ist überhaupt nicht Davids Ding, denn der hatte sich „Lord of the Rings“ gewünscht – von dem sein Vater aber denkt, es wäre zu brutal für einen Elfjährigen. Das ist natürlich Ironie des Schicksals, denn nachdem David dem Buch doch eine Chance gibt, kann er nicht mehr aufhören es zu lesen, und als er schließlich an eine Schlüsselstelle des Romans gelangt, wird er Teil von dessen nicht minder brutalen Handlung. Es ist allerdings nicht so, dass David aus der realen Welt verschwindet. Sein Schicksal ist es, nur noch körperlich existent, ohne Sprache, ohne Verstand, im Halb-Koma vor sich hinzuvegetieren, während er als Held Dafyd in „To the Four Directions“ Prüfungen bestehen muss.
Die Handlung wechselt zwischen diesen Abenteuern und dem verzweifelten Versuch von Davids Vater, seinen Sohn in die Wirklichkeit zurückzubringen. Ebenso wechselt, was nicht ausblieben kann bei diesem Konzept, das Niveau von Wiersemas Buch.
Die Handlung in der realen Welt ist zwar ziemlich vorhersehbar und nicht frei von Klischees aller Art (ein mit der Mafia verbandelter Verleger, die kriselnde Ehe von Davids Eltern, die durch das Schicksal des Sohnes die alles entscheidende Bewährungsprobe durchläuft, Charaktere, die entweder so richtig, richtig böse oder so richtig, richtig gut sind, und ziemlich viel magischer Hokus Pokus).
Was aber beeindruckt ist die Schilderung von Davids traurigem Zustand und die Verzweiflung der Eltern, die ja lange Zeit davon ausgehen müssen, dass sie ihren Sohn, so wie sie ihn kannten, verloren haben und nicht wissen können, dass der echte David im Land der Fiktion gegen die Mächte des Bösen kämpft.
Wiersemas Schreibstil hat mich allerdings manches Mal an den Rand der Verzweiflung gebracht: er liebt es, die POVs zu wechseln, und zwar mitten im Kapitel, meist wird aus der Perspektive des Vaters erzählt, dann aber auch kurz aus der von Davids Mutter, aus der von David selbst, aus der des windigen Verlegers usw. usw. Insgesamt gibt es, glaube ich, sechs unterschiedliche Erzählperspektiven. Und das, wohlgemekt, auf der Ebene der Realwelt, die dann noch wieder unterbrochen wird durch den Schwenk auf die Handlung, die sich in „To the Four Directions“ abspielt. Außerdem lässt Wiersema kaum jemals einen Charaker einen Satz zu Ende bringen. Entweder der Sprecher bricht mitten im Satz ab, oder aber er wird unterbrochen, und das solange, bis der Leser die Charaktere anbrüllen möchte: Lasst euch doch bitte endlich ausreden!
Das ist nicht immer leicht zu lesen. Aber immer noch besser als die Abenteuergeschichte, die sich zeitgleich in „To the Four Directions“ abspielt. Jedes Mal, wenn zu dieser gewechselt wird, habe ich innerlich aufgestöhnt und gebetet, dass diese Ausflüge möglichst kurz sein mögen (was zum Glück meistens auch der Fall war). Hier hat Wiersema sich selbst ein Bein gestellt, indem er ja schon ankündigt, dass „To the Four Directions“ eine sehr mittelmäßige Geschichte eines sehr mittelmäßigen Autors ist. Zwar verselbständigt sich die ursprüngliche Geschichte durch Davids/Dafyds Erscheinen im Buch. Es bleibt aber von den Umständen her eine konventionelle Fantasy-Geschichte mit den üblichen Zutaten: ein Auserwählter, der ein magisches Artefakt finden muss, um ein Königreich zu retten, ein paar nicht näher skizzierte Feinde, ein weiser alter Magier und ein paar Bösewichte, tödliche Gefahren, aber auch die Möglichkeit großen Ruhms. Es sind – beabsichtigt – die Versatzstücke von zig Fantasy-Romanen, reduziert auf den kleinsten gemeinsamen Nenner.
Nicht zuletzt deshalb, weil Wiersema, wenn er sich auf das Niveau des vergessenen Lazarus Took begibt, zwangsläufig nur Mittelmaß und eine sehr vorhersehbare Geschichte produzieren kann, wird sein Buch, mit fast 500 Seiten ohnehin schon auf Schmöker-Länge angekommen, bisweilen echt lang. Wenn man durchhält, wird man allerdings mit einer letztendlich ziemlich raffinierten Verknüpfung der beiden Erzählebenen belohnt – und mit einem sympathischen und authentischen Protagonisten (Davids Vater).
Dreieinhalb Sterne.


Rieker 70784-00, Damen Halbschaft Cowboystiefel, Schwarz (schwarz / 00), 40 EU (6.5 Damen UK)
Rieker 70784-00, Damen Halbschaft Cowboystiefel, Schwarz (schwarz / 00), 40 EU (6.5 Damen UK)

5.0 von 5 Sternen Treue Begleiter durch Herbst und Winter, 16. April 2017
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Diese Kurzschaft-Stiefel sind meine Lieblinge in meiner nicht ganz kleinen "Stiefel-Sammlung." Wie eigentlich immer bei Schuhen von Rieker sitzen sie super bequem, Größe 40 passt optimal, sie halten außerdem die Füße dank des Kunstfell-Einsatzes mollig warm und es lässt sich drin laufen wie auf Wolken. Außerdem können sie auch einen schönen ausgiebigen norddeutschen Regenguss ab, ohne dass man nasse Füsse bekommt, und sehen nach dem Trocknen wieder ordentlich aus.
Die Stiefel sind aus Kunstleder mit guter Lederoptik und sehr gut verarbeitet. Ich habe sie jetzt in der zweiten Saison so gut wie täglich getragen, sie sind immer noch optisch top. Und der Preis dürfte für Schuhe dieser Qualität und mit diesem Tragekomfort unschlagbar sein.
Es handelt sich allerdings nicht um Halbschaft-Stiefel (ich jedenfalls verstehe darunter solche, die bis zur Wadenmitte gehen), sondern um Stiefel mit einem Schaft, der etwa zehn Zentimeter über dem Köchel endet.
Ich habe sie in diesem Winter mit schönen bunten Wollsocken kombiniert, die oben rausgucken, so kann man sie herrlich aufpeppen.


Next: Is There Life After Death?
Next: Is There Life After Death?
von Keith Gray
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,49

5.0 von 5 Sternen Acht Versionen (Visionen) über das Jenseits, 3. April 2017
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Kurzgeschichten lese ich an sich nur selten. Eben weil sie kurz sind. Habe ich mich mit einem Protagonisten "angefreundet" und mich in die Welt einer Geschichte hinein gefunden, möchte ich dort länger verweilen als über die Länge einer short story. Und es heißt ja, dass in jeder wirklich guten Kurzgeschichte ein ganzes Buch steckt.
Anthologien, vor allem dann, wenn sie Geschichten zu einem bestimmten Thema versammeln, reizen mich allerdings fast immer zum Lesen. Zum einen ermöglichen sie, Autoren kennenzulernen, die man bisher, vielleicht zu Unrecht, übersehen hat. Zum anderen ist es ungeheuer spannend, wie unterschiedliche Autoren ganz unterschiedliche Perpektiven auf ein vorgegebenes Thema entfalten.
Von den acht Autoren, die zu Keith Gray's "Next" beigetragen haben, kannte ich nur den Herausgeber selbst durch zwei Romane für jüngere Leser, die ich nur wärmstens empfehlen kann, auch für Erwachsene ("Ostrich Boys" und, vielleicht mit ein bisschen weniger Enthusiasmus, "The Fearful") und Sally Nicholls (ebenfalls eine Autorin, die es lohnt, kennenzulernen, bisher hat mich keines ihrer Bücher enttäuscht, und ihr Debutroman "Ways to Live Forever" ist ein kleines Meisterwerk).

Jeder der acht Autoren basiert seine Erzählung auf der Annahme, dass es soetwas wie ein Leben nach dem Tod gibt, ein nihilistisches "Das war's dann" (das vermutlich auch keine besonders interessante Geschichte abgegebn würde) gibt es nicht.
Zum Glück auch keine Girlie-Romanzen, in denen tote Teenager die tragische Tatsache ihres frühzeitigen Ablebens nach fünf Minuten vergessen, weil das Jenseits ein einiziges Highschool-Abenteuer ist - nur besser.
Die einzelnen Versionen sind alle völlig unterschiedlich und, bis auf ein , zwei Ausnahmen, sehr originell. Eine wirklich schlecht oder lustlos geschriebene Geschichte, bei der man den Eindruck hatte, der Verfasser oder die Verfasserin hätte sich zu einem Beitrag breitschlagen lassen und dies beim Schreiben bereut, gibt es in dieser Anthologie nicht, wenn auch nicht alle Kurzgeschichten in sich selbst fünf Sterne rechtfertigen würden. Die gibt es hier für das Gesamtkonzept.

"Starbursting" von Julie Bertagna ist eine trostreiche, gewissermaßen von kosmischer Energie getragene, wenn auch etwas kitschige Version eines Fortbestehens im Universum, eine durchaus reizvolle Vorstellung auf der Basis, dass alle Materie (und Energie) letztendlich den gleichen Anfang hat und damit Teil der gleichen Unendlichkeit ist.
"Green Fields" von Jonathan Stroud entwirft eine Zukunft, in der Menschen für eine angemessene Sterbebegleitung Versicherungen abschließen - wobei damit eine spirituelle und physische Begleitung durch eine Art bedrohliche "Wastelands" gemeint ist, durch das die Seele des Verstorbenen reisen muss, bevor sie ihren Bestimmungsort erreicht. Wehe, man ist nicht gut versichert....
"These are the Yolks, Folks" von Philip Ardagh fasst man am besten gar nicht zusammen. Nur soviel. die Muppets spielen eine Rolle. Und nach dem Lesen dieser Geschichte war mir klar, dass ich mehr von diesem Autor lesen möchte (zum Glück stellt Gray jeden der Autoren am Ende kurz vor, so dass man nicht lange nach deren Büchern suchen muss).
Gilian Philips' "Surface Water" handelt von einer Kreuzfahrt mit ungewöhnlichen Passagieren. Diese Version des Jenseits ist nicht ganz neu, in dieser Umsetzung aber ewas für kalte Schauer über den Rücken.
Die drei darauf folgenden Geschichten, "The Receiving End" von Malorie Blackman, leider auch "The Fallen" von Sally Nicholls und "Can't You Sleep" von Frank Cottrell Boyce waren die, die mich nicht so beeindruckt haben. Müsste man nun doch sagen, welche Geschichte man weniger inspiriert und inspirierend fand, wäre das "The Receiving End", eine Geschichte über Geschwister-Rivalität, die ziemlich konventionell daherkommt.
Sally Nicholls stellt die Frage nach dem Jenseits aus der Sicht eines streng katholisch aufgewachsenen Mädchens, wobei die Vorstellung von Hölle, ewiger Verdammnis und Fegefeuer für die Protagonistin belastende Gewissheit ist- das ist nicht so meins. "
In "Can't You Sleep" experimentiert der Autor mit der Tatsache, dass wir alle im Internet irgendwie weiterleben, falls wir nicht noch schnell unsere Accounts löschen. Ich fand aber die Gechichte, wenn auch interessant, etwas wirr.
Den Abschluss bildet Keith Gray's eigener Beitrag, "Burying Barker", der für mich zugleich den Höhepunkt der Anthologie darstellt. (Es gehört sich ja auch irgendwie, dass der Initiator eines solchen Buches sich besonders viel Mühe gibt - aber Keith Gray ist eben auch ein ganz besondererer Autor). In "Burying Barker", das streng genommen keine Kurzgeschichte ist, sondern ein Mini-Roman mit mehreren Kapiteln und unterschiedlichen POVs, geht es um ein besonderes Bestattungsritual, das ein Junge für seinen geliebten Hund durchführt, und um seine Freundschaften in seinem eigenen kurzen Leben.
Ich möchte hier auch ein bisschen die Werbetrommel rühren für die vielen wirklich guten YA-Autorinnen und Autoren aus dem UK, die, wie ich den Eindruck habe, bis auf die wohlbekannten Ausnahmen mit Welterfolgen, immer ien bisschen hnter ihren US-amerikanischen Kollegen zurückstehen. Vielleicht, weil ihre Bücher "zu britisch" sind für einen größeren Markt?


The Age of Miracles: A Novel
The Age of Miracles: A Novel
von Karen Thompson Walker
  Taschenbuch
Preis: EUR 6,99

4.0 von 5 Sternen Pubertät und Apokalypse, 25. März 2017
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: The Age of Miracles: A Novel (Taschenbuch)
Karen Thompson Walkers Roman beschreibt den Weltuntergang und die Freuden und Nöte der zwölfjährigen Juila. Das apokalyptische Szenario, in dem die Erdrotation sich stets ein wenig mehr verlangsamt, die Folgen, die dies für das Leben auf der Erde hat, bilden dabei die Kulisse für wachsende Unsicherheiten im Privaten, den Verlust von Freunden, das Auseinanderbrechen von familiären Beziehungen - aber auch für die erste Liebe der Protagonistin, zu Seth, einem Jungen aus ihrer Schule. Es ist dies eine gewagte Mischung aus einem Katastropenroman und einem - ja, soll es überhaupt einer sein? - YA-Roman. Zumindest hat "The Age of Miracles" alle Komponenten eines Buches für young adults, wenn auch vielleicht das Alter der Hauptfigur und Ich-Erzählerin etwas zu jung ist. Aber Julia ist eben die typische Protagonistin: etwas schüchtern und unbeholfen, sie gehört nicht zu den angesagten Mädchen ihrer Schule, und sie ist überzeugt, dass ihr Schwarm Seth sie gar nicht sieht, freut sich schon, dass sie im Mathe-Unterricht hinter ihm sitzen und ihn still beobachten kann. Und Seth ist so, wie offenbar in einem Handbuch für kreatives Schreiben der love-interest schlechthin auszusehen hat: ein bisschen rebellisch, ein bisschen anders als die anderen Jungen, betont lässig, mit wuseligen Haaren und einem schiefen Lächeln. Wer hat diesen Typus eigentlich erfunden? Ist ein bisschen gemein, wie ich das hier schreibe, aber der begegnet mir in der YA-Literatur ein bisschen oft.
Sei es drum. Ich nehme hier jetzt vorweg, was jedem klar wird, wenn er/sie fünfzig oder so Seiten von "The Age of Miracles" gelesen hat: es wird kein happy end geben für Seth und Julia und den Rest der Menschheit. Thompson Walker macht wiederholt deutlich, als damatische Stilmittel, dass es kein Entrinnen aus der Katastrophe gibt und spart nicht mit Andeutungen wie "Dies war das letzte Mal, dass ich dies und jenes tat".. oder "dass ich xy sah". Die Spannung, die es zweifellos in ihrem Roman gibt, entsteht nicht durch die Frage, ob es am Ende eine Rettung gibt. Sie entsteht allein durch den Bericht, wie die Menschen sich auf die Veränderungen ihrer Umwelt einstellen. Wie die Tage immer etwas länger werden und die Nächte ebenfalls, bis man die gewohnte Einteilung in Tag (hell) und Nacht (dunkel) an keinem Ort der Erde mehr vornehmen kann, wie die Regierung festlegt, dass dem alten 24-Stunden-Rhythmus gefolgt werden soll, um das öffentliche Leben und die Wirtschaft nicht lahmzulegen, wie schließlich bei gleißendem Sonnenlicht geschlafen und im Stockfinseren zur Schule oder zur Arbeit gegangen wird - das alles ist faszinierend und beklemmend geschrieben. Natürlich gib es auch Abweichler, Menschen, die dem "natürlichen" Wechsel von Licht und Dunkelheit folgen wollen und deren Tage dann auf einmal 36 Stunden dauern, bis sie mit niemandem mehr Schritt halten können. Die Mehrheit der Menschen macht aber genauso weiter wie immer. Man hört nicht einfach auf, sich zu lieben, zu streiten oder Pizza zu essen, weil man auf eine Katastrophe zusteuert, Thompson Walker hat das ziemlich gut getroffen, und die Schilderung des allmählichen Weltuntergangs ist sehr viel interessanter als Julias Geschichte, finde ich.
Erklärt, wie es plötzlich zu einer Verlangsamung der Erdrotation und deren ganzen Folge kopmmen kann, wird übrgens nichts. Die Autorin blendet diesen Aspekt vollständig aus..
Nun muss es für Weltuntergangs-Szenarien nicht unbedingt eine Erklärung geben, schon gar nicht, wenn die irgendwie metaphorisch gesehen werden können. Aber anders als im Film (etwa dem beklemmend-schönen "Melancholia", in dem ein bisher unentdeckter Planet auf seiner Umlaufbahn mit der Erde kollidieren wird, der ohne den Versuch einer (pseudo-)wissenschaftlicheh Erklärung auskommt und von der Symbolik der Bilder lebt), ist es in einem Roman nicht so einfach, sich auf das singuläre Ereignis zu fokussieren. Thompson Walker kann nicht ganz unterschlagen, dass es Astrophysiker, Geologen, Biologen, Meteorologen usw. gibt, deren Aufgabe es ist, Erklärungen bereitzustellen und Vorhersagen zu machen. Die Autorin behilft sich damit, dass all diese Experten eben schlichweg keine Erklärung haben, weder für das Phänomen an sich, noch für die Folgen, die strandenden Wale (bisschen Öko-Kitsch an der Stelle) oder die Vögel, die vom Himmel fallen - obwohl man, dachte ich, beides ganz gut mit Veränderungen der Gravitation erklären könnte, oder? Dieses Ausbleden sämtlicher Naturwissenschaft (weil die Autorin von Physik vermutlich ebensoviel versteht wie ich: nichts nämlich) ist ein kleiner Schwachpunkt des Buches, ich hätte mir schon gewünscht, dass die Experten mit ein bisschen mehr Pseudo-Sachkompetenz ausstattet wären, damit die nicht ganz so inkompetent dastehen.
Der Fokus allerdings liegt auf den Menschen, die wissen, dass sie bald nicht mehr da sein werden. Vielleicht wird deshalb auch Julias Großvater mit seinem Erinnerungsstücken ein großer Platz in dem Buch eingeräumt - denn dies ist ein Buch des Erinnerns an etwas, was noch nicht ganz verschwunden ist. Der Schluss des Buches ist dann auch herzzerreißend und beeindruckend und macht dies für mich nicht ganz zu einnem großartigen, aber doch zu einem ehr guten Buch.


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