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Rezensionen verfasst von
Paul Natterer (Hesseneck, Deutschland)

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Das Glasperlenspiel
Das Glasperlenspiel
von Hermann Hesse
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Leitmotiv: Bedeutung von Orden und Anachoreten, 30. Oktober 2015
Rezension bezieht sich auf: Das Glasperlenspiel (Taschenbuch)
Eigentliches Thema von Hesses 1946 mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Buches Das Glasperlenspiel (1943) ist die Bedeutung von Institutionen und speziell Orden und noch mehr von Persönlichkeiten und speziell Anachoreten (sich aus der Gesellschaft zurückziehende Aszeten) für das Wohl und Wehe der jeweiligen Epoche. Das Werk ist das groß angelegte Fazit von Hesses Denk- und Lebensweg. Hauptfigur des in der zweiten Hälfte des 22. Jh. angesiedelten Romans ist Josef Knecht, der in einem langen Prozess alle bisherigen Lebensstationen und institutionellen Bindungen ethisch reflektiert transzendiert und zum aszetischen Anachoreten wird.

Aufgrund seiner Hochbegabung durchläuft Knecht den elitären Bildungsgang des Wissenschafts- und Bildungsordens Kastalien, der analog zu den Orden der Katholischen Weltkirche aufgebaut ist. Kastalien war nach der 200 Jahre früher erfolgten weitgehenden Zerstörung des Planeten und seiner Kultur durch Nihilismus, ideologische Lüge, moralische Korruption und globale Kriege von einer kleinen intellektuellen und moralischen Elite von Widerstandskämpfern begründet worden: "Es gab überall einzelne und kleine Gruppen, die entschlossen waren, dem Geist treu zu bleiben und mit allen Kräften einen Kern von guter Tradition, von Zucht, Methode und intellektuellem Gewissen über diese Zeit - der verfallenden Staaten und der zum Untergang reifen Menschen - hinwegzuretten." (Das Glasperlenspiel, Frankfurt a. M. 1972, 23, 28). Kastalien wurde zusammen mit der - nach einer Phase selbstzerstörerischen Niedergangs und tiefer Erniedrigung - wieder erstarkenden Römischen Kirche "Ausgang einer neuen Selbstzucht und Würde des Geistes" (ebd. 21), Basis und Wächterin des geistigen, moralischen, politischen und wirtschaftlichen Wiederaufbaues. Das Hochziel von Hesses Kastalien ist aszetisch unterstützte und kontemplativ verinnerlichte Weisheit. Sie wird verstanden als eine große Synthese des Wissens und der Kunst im Sinne des traditionellen Studium generale, ausgedrückt in einer symbolischen Zeichensprache. Jährlicher Höhepunkt sind "feierliche, öffentliche Spiele": interdisziplinäre wissenschaftliche Kompositionen und Liturgien von weltweiter Anziehungskraft, wo "sämtliche Mitspieler und Zuhörer nach genauen Vorschriften ein enthaltsames und selbstloses Leben der absoluten Versenkung leben, vergleichbar dem streng geregelten büßerischen Leben, welches die Teilnehmer an einer der Übungen des heiligen Ignatius führen." (39)

Josef Knecht wird schon während des Studiums aufgrund seiner Fähigkeiten und charakterlichen Integrität zu einer Leitfigur. Und dem gerade 40-Jährigen gelingt während einer mehrjährigen wissenschaftlichen und diplomatischen Mission in der jahrtausendealten Benediktinerabtei Mariafels die "Anbahnung einer wirklichen Zusammenarbeit und Bundesgenossenschaft zwischen Rom und Kastalien" (209). Entscheidend hierfür ist seine Freundschaft und wissenschaftliche Zusammenarbeit mit einem benediktinischen Gelehrten (P. Jakobus). Dieser ist der bedeutendste Historiker seines Ordens und politischer Vordenker und Berater der Römischen Kirche. Der geschichtswissenschaftliche Gedankenaustausch ermöglicht Knecht auch die Präzisierung der schon immer undeutlich gefühlten Mängel und Niedergangserscheinungen Kastaliens: Knecht ist "von keiner seiner Eroberungen [...] so beglückt gewesen, durch keine hat er sich sosehr zugleich ausgezeichnet und beschämt, beschenkt und angespornt gefühlt wie durch diese." (206) Durch die "innigere Begegnung mit der Religion, einem täglich praktizierten Christentum" stellt sich sogar "die Frage, ob und wieweit er dort etwa zum Christen geworden sei [...] Er nahm an vielen Gottesdiensten teil [...] und wehrte sich auch nicht ernstlich gegen den [...] Gedanken, dass möglicherweise auch die kastalische Kultur nur eine verweltlichte und vergängliche Neben- und Spätform der christlich-abendländischen Kultur sei und von ihr einst würde wieder aufgesogen und zurückgewonnen werden [...] Darum sei der Kirche ein Vorrang einzuräumen, sie sei die ältere, die vornehmere, in mehr und größeren Stürmen bewährte Macht." (185-186, 190)

Der große, global bedeutsame Erfolg Knechts in Mariafels wird von der kastalischen Ordensleitung mit der Übertragung des Amtes des Rektors und Ausbildungsleiters der Hochschule des Glasperlenspiels honoriert, zusammen mit der quasi hohenpriesterlichen Würde des Glasperlenspielmeisters, des Leiters der jährlichen Festliturgie. Während eines Jahrzehnts verkörpert er idealtypisch "das möglichst vollkommene Einordnen der Einzelperson in die Hierarchie der Erziehungsbehörde und der Wissenschaften" als "eines der obersten Prinzipien [...] des geistigen Lebens" Kastaliens (8). Die Krisen- und Niedergangserscheinungen Kastaliens veranlassen Knecht jedoch auf dem Karrierehöhepunkt zu dem - die Ordensleitung schockierenden - Schritt, ethisch reflektiert und formal geordnet die Institution und Ordensregel Kastaliens aufzugeben oder - Hesses Lieblingswort - zu transzendieren und als anachoretisch lebender Aszet und Erzieher den Herausforderungen der Zukunft zu entsprechen: "Ich tat es, weil eben jener Drang in mir war, das Höchste an Erfüllung zu suchen und nur dem größten Herrn zu dienen." (438)

Der Roman enthält im Anhang drei fiktive Kurzbiographien Josef Knechts in alternativen Parallelwelten. Hesse erachtete diese für noch wichtiger als den Hauptroman. Sie machen vollends klar, dass die eigentliche und Kernbotschaft des Glasperlenspiels Sinn und Bedeutung der anachoretischen, aszetisch-kontemplativen Lebensform zu allen Zeiten und in allen Kulturen ist. In der ersten alternativen Welt bzw. Biographie ist Knecht ein vorgeschichtlicher, in kontemplativer Absonderung lebender und sich opfernder Denker, Priester und Anbahner von Vernunft und Fortschritt für seinen Stamm (Regenmacher). In der zweiten alternativen Welt ist Knecht ein spätantiker christlicher Anachoret in Palästina, der als charismatischer Beichtvater Tausenden inneren Frieden schenkt. Der dritte alternative Lebenslauf zeichnet Knechts Lebensbahn von einem privat und politisch alle Höhen und Tiefen erfahrenden altindischen König (Raja) zum erleuchteten, im Dschungel lebenden Anachoreten, der aus der Welt des Scheins (Maja) zum Sein gefunden hat.


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Wird angeboten von Amoonìc GmbH
Preis: EUR 187,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eleganz trifft Funktionalität, 28. September 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ein Ring von unaufdringlicher Schönheit und Eleganz. Der Saphir ist in den Ring eingebettet, so dass die Trägerin auch im Alltag keinen Abbruch riskiert. Sagt auch die Empfängerin, deren Liebling er sofort war. Der Ring ist als universelles Geschenk geeignet: Gattin, Tochter, Verlobte, Schwester, Freundin, Mutter, Erbtante und wieso nicht: Großmama. Er kann sogar als angemessenes Geschenk für die nächste Medizin-Nobelpreisträgerin seitens ihrer Forschungsgruppe oder der wenigen nicht eifersüchtigen KollegInnen gelten. Und auch ihr lieben Kinder, gebt fein acht, und hört, welch große Macht der Ring Dornröschen schafft: Wenn sie dreht ihn einmal, zweimal, dreimal um den Finger zart, rüsten böse Hexen von gender mainstreaming vor Neid zur Höllenfahrt. Zurück zur Sache: Ein gutes Gefühl vermittelt auch, dass der Nürnberger Schmuckhersteller Amoonic bewusst die jahrhundertealte Handwerkskunst dieser Stadt fortsetzt, die das deutsche und wahrscheinlich auch europäische Kompetenzzentrum resp. Metropole des Goldschmiedehandwerks war: Im 15. Jh. zählte Nürnberg 50 (!) Goldschmiedeateliers.


Einleitung in das Alte Testament (Kohlhammer Studienbücher Theologie)
Einleitung in das Alte Testament (Kohlhammer Studienbücher Theologie)
von Christian Frevel
  Taschenbuch

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Summe des gemäßigten alttestamentlichen Minimalismus seit 20 Jahren, 21. Mai 2015
Erich Zenger, der 2010 verstorbene Begründer und erste Herausgeber des 1995 aufgelegten Einleitungswerkes, gilt als der große alte Mann der gegenwärtigen alttestamentlichen Exegese der Römischen Kirche und darüber hinaus. Bekannt geworden ist Zenger v.a. durch ein neues (Münsteraner) Modell der Pentateuchredaktion und als Psalmenkommentator. Inzwischen betreut der Mitherausgeber Christian Frevel die Edition. Das Buch vereint darüber hinaus nahezu alles, was an katholisch-theologischen Fakultäten des deutschen Sprachraums Rang und Namen hat.

Wer sich einen formal und methodisch gut aufbereiteten Überblick zur klassischen historisch-kritischen Exegese (Vierquellenmodell bzw. neuere Urkundenhypothese etc., 1850-1970) und zum nachklassischen, minimalistischen Ansatz des retrospektiven Fiktionalismus (seit ca. 1970) verschaffen möchte, sollte zu diesem Handbuch greifen. Er wird wahrscheinlich nirgends eine ähnlich umfassende, systematische und didaktisch aufbereitete Darstellung finden.

Positiv ist auch eine nicht selbstverständliche spirituelle Einfühlung bzw. ein genuin theologisches Interesse an den Themen und Gestalten der hebräischen Bibel oder des Tanakh.

Negativ anzumerken ist ein oft problematischer Einfluss des Zeitgeistes, namentlich in Bezug auf den Stellenwert der neutestamentlichen Schriften der Bibel, welchen eine universelle Geltung abgesprochen wird, insbesondere im Blick auf das nichtchristliche Israel (16-21). Programmatisch explizit etwa S. 20: "Konkret bedeutet dieses Programm, dass es keine vorgegebene Sinn- und Bedeutungspriorität des Neuen Testaments vor dem Alten Testament gibt und demnach auch keine Superiorität des Christentums". Auch wenn das Handbuch das Verdienst hat, Tora, Propheten und Schriften des Tanakh sehr gelungen als notwendige und bleibende Basis auch des christlichen Israel herauszustellen - was in dessen Theologie der letzten 200 Jahre weithin aus dem Blick geriet -, ist der o.g. Standpunkt für christliche Theologie und Exegese, und das ist das Selbstverständnis des Handbuches, schlicht inkonsistent.

In letzter Instanz wird von Zenger et al. der messianische Unbedingtheitsanspruch Jesus Nazarenus' und der christlichen Gründungsschriften als problematisch eingestuft, weil er die theologische Position des nichtchristlichen Israel delegitimiert. Zur Erinnerung: Das christliche [= wörtlich: messianische] Israel definiert sich genau dadurch, dass es "Jesus, den Nazoräer" (Apostelgeschichte 2, 22) als Messias anerkennt: "Mit Gewissheit erkenne also das ganze Haus Israel: Gott hat ihn zum Herrn und Messias gemacht" (Simon Bar Jona [Petrus] in Apostelgeschichte 2, 36). Und: "Jeder Geist, der Jesus nicht [als Messias] bekennt, ist nicht aus Gott", sondern der "Geist des Antichrists" (1 Joh 4, 3). Gegenstand der Schriften des christlichen Israel (Neues Testament, v.a. Evangelien und Apostelbriefe) ist die geschichtliche und theologische Legitimierung dieses Anspruches.

Das nichtchristliche Israel definiert sich nun genau dadurch, dass es diesen Messiasanspruch ablehnt und die maßgeblichen Schriften des nichtchristlichen Israel (Talmud) behandeln den Gegenstand im gegensätzlichen Sinn. Wie die führenden Experten zum Thema Peter Schäfer (Princeton) und Israel Yuval (Hebräische Universität Jerusalem) gezeigt haben, formuliert "der Talmud, das Gründungsdokument des rabbinischen Judentums in der Spätantike" ein "Gegen-Evangelium zum Neuen Testament [...] daß er [= Jesus Nazarenus] den Tod verdiente, weil er ein Gotteslästerer war, daß er auf ewig in der Hölle sitzen wird, und daß jene, die seinem Beispiel bis in die Gegenwart folgen, nicht, wie er versprochen hat, das ewige Leben erwerben, sondern sein furchtbares Schicksal teilen werden." (Schäfer: Jesus im Talmud, Tübingen 2007, 1, 260 [engl.: Jesus in the Talmud, Princeton 2007].

Es ist offensichtlich, dass das Handbuch hier die Situation seit dem I. Weltkrieg und verstärkt seit dem II. Weltkrieg und der 68er Kulturrevolution widerspiegelt, die nicht zuletzt dadurch charakterisiert ist, dass die Tradition des nichtchristlichen Israel zur globalen Leitkultur wurde und in Religion und öffentlicher Meinung der westlichen Welt jene moralische Autorität besitzt, welche früher dem Glauben und den Symbolen des christlichen Israel entgegengebracht wurde.

Doch das in Rede stehende Werk bzw. das von ihm vertretene exegetische Paradigma wird m.E. durch jüngste Entwicklungen in den Bereichen Archäologie, Ägyptologie, Altorientalistik noch ganz anders und grundsätzlicher in Frage gestellt. Um auch noch in, sagen wir 10 bis 20 Jahren, auf dem Laufenden zu sein, sollten Interessierte daher parallel das denselben Themenbereich abdeckende Handbuch von K. Kitchen: On the Reliability of the Old Testament, Grand Rapids / Cambridge 2006, lesen. [Dt.: Das Alte Testament und der Vordere Orient: Zur historischen Zuverlässigkeit biblischer Geschichte, Gießen 2008]

Der Liverpooler Ägyptologe und Archäologe Kenneth Kitchen ist für das pharaonische Ägypten der Perioden von 1180-650 v.C. die weltweit unbestrittene Nr.1. Er ist darüber hinaus ein international führender Experte zur Archäologie und Geschichte Palästinas und des Nahen Ostens in der Bronzezeit (3000-1200 v.C.) und Eisenzeit I-III (1200-450 v.C.). Der Brennpunkt von Kitchens fast singulärer Kompetenz liegt mithin auf den geographischen Räumen und geschichtlichen Epochen, welche Gegenstand der Bücher der Tora, Propheten und Schriften der hebräischen Bibel (Tanakh, Altes Testament [AT])sind.

Deswegen ist die Kernthese von Kitchens Buch (500 S. plus 162 Seiten Anmerkungsapparat und Indices) von mehr als gewöhnlicher Brisanz. Sie lautet: Die sog. historisch-kritische alttestamentliche Exegese der letzten 150-200 Jahre (Julius Wellhausen et al.) ist - methodologisch und inhaltlich - wissenschaftlich nahezu wertlos und in ideologischen Vorurteilen erstarrte Schreibtischspekulation, welche auf Schritt und Tritt dem inzwischen sehr umfassend vorliegenden Daten- und Faktenmaterial widerspricht.

Dasselbe gilt für die aktuelle sog. minimalistische alttestamentliche Exegese seit den 70er Jahren des 20. Jh., welche die klassische Urkundentheorie (Jahwist, Elohist, Deuteronomist, Priesterschrift) aufgegeben hat und die Tora sowie die vorexilische Geschichte Israels überhaupt als fiktive Rückprojektion der Theologie und Ideologie der nachexilischen Gemeinde (4. Jh. v.C.) in eine mythische Vergangenheit deutet (Niels Peter Lemche, vgl. auch Israel Finkelstein et al.).

Man muss Kitchen nicht in jeder Einzelheit und jeder These überzeugend finden. Aber er zeigt m.E. zwingend, dass dieser Minimalismus bei entsprechender Kenntnis der archäologischen, literaturwissenschaftlichen und historischen Faktenlage nicht intellektuell redlich vertreten werden kann. Als interdisziplinärer, detailgesättigter Kommentar zur biblischen Geschichte des AT aus der aktuellen Spitzenforschung heraus ist das Buch ohne Konkurrenz. Das theologische Establishment wird wohl zunächst das erdrückende Datenmaterial abwehren, aber früher oder später sich damit auseinander setzen müssen.

PS: Was bei einem Studienbuch dieses Anspruchs nicht tolerierbar ist, ist das Fehlen eines professionellen Lektorates, auch wenn das inzwischen häufig beobachtet werden kann. Man sieht, dass ein an universitären Lehrstühlen entstandenes Skript die Grundlage bildet, das z.B. nirgends einen Unterschied zwischen Bindestrich-Minus und Halbgeviertstrich (Gedankenstrich / Bis-Strich) macht (von mir überprüft bis zur 7. Aufl.). Oder auch, dass das Buch hinsichtlich Sach-, Personen- und Stellenregistern durch Fehlanzeige glänzt.


Rhetorik
Rhetorik
von Aristoteles
  Taschenbuch

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Altmeister in der Materie, 30. Januar 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Rhetorik (Taschenbuch)
Die Rhetorik des Aristoteles ist nach Umfang und Tiefgang ein wahrscheinlich unerreichter Klassiker der Materie, sowohl was die logische Analyse [Sachebene] als auch was die psychologische Analyse [Emotionsebene] und die ethische Analyse [Kontaktebene] angeht. Bei ihm ist eigentlich schon alles vorgedacht. Mit dem Stoff Vertraute erkennen unschwer, dass der zweite ganz große Klassiker der Rhetorik, Ciceros de oratore, eine meist mittelbare Rezeption und schöpferische Aneignung der Vorlage der aristotelischen Tradition ist. Cicero macht selbst kein Hehl daraus und wiederholt öfter seine besondere Wertschätzung des Aristoteles und von dessen Rhetoriktheorie.

Die vorliegende Ausgabe des Werkes ist wohl die meistverbreitete im deutschen Sprachraum, namentlich im akademischen Lehrbetrieb. Interessierte sollten sich allerdings darüber im Klaren sein, dass Aristoteles eine wirklich wissenschaftliche und zwar interdisziplinäre Behandlung der Rhetorik beabsichtigt und ausarbeitet. Man hat das Werk schon eine umfassende Kommunikationstheorie genannt. Entsprechend dicht und anspruchsvoll ist die Lektüre streckenweise.

Inhaltlich sind die Grundsätze des Aristoteles zur Redelehre und -technik diese:

(1) Rhetorik ist eine Entwicklung und Verbindung von Dialektik und Psychologie (Rhet. I.2, 1356a25f.).
(2) Aufgabe der Rhetorik ist die „Untersuchung dessen, was an jeder Sache Glaubwürdiges vorhanden ist“ (Rhet. I.1, 14, 1355b).
(3) Rhetorik ist nicht nur wie die Dialektik logische Sachargumentation, sondern auch eine Sache der Glaubwürdigkeit des Sprechers und der emotionalen Einstellung der Zuhörer.
(4) Rhetorik ist systematische Beherrschung der Logik des wirklichen Lebens, welche ebenso eine Logik des Herzens und eine Logik des Handelns wie eine Logik des Verstandes ist.
(5) Die Rede kann somit (i) durch die sachliche Begründung oder Beweisführung überzeugen, (ii) durch die persönliche Glaubwürdigkeit des Sprechers, (iiI) durch das Ansprechen oder die Lenkung der Gefühle des Publikums.
(6) Überzeugen durch das Wort beinhaltet mithin die Beherrschung dreier kommunikativer Faktoren: Sachebene – Kontaktebene – Emotionsebene.
(7) Emotionsebene und Kontaktebene dürfen die vernunftorientierte Sachebene nicht verdrängen oder zudecken.
(8) Auf der Kontaktebene muss der Sprecher durch seinen Charakter, seine Persönlichkeit, seine Glaubwürdigkeit überzeugen.
(9) Die erfolgreiche Meisterung der Emotionsebene hat zur Voraussetzung das Wissen um die Definition, die Ursachen und Wirkungsweisen der einschlägigen Gefühle.
(10) Die Handhabung der Sachebene besteht in zwei Typen der Argumentation: Induktionen [Ableitung des Allgemeinen aus dem Besonderen] und Deduktionen [Ableitung des Besonderen aus dem Allgemeinen].
(11) Der induktive rhetorische Schluss oder Beweistyp ist das Beispiel (Paradeigma, exemplum) (Rhet. I.2, 1357b25ff.).
(12) Der deduktive rhetorische Schluss ist das Enthymem (lateinisch: argumentum). Es handelt sich dabei um eine Behauptung [These] mit einer Begründung [Argument] aus allgemein akzeptierten oder hoch wahrscheinlichen Prämissen [in heutiger Terminologie: ein deduktives Argument]: „Ich nenne aber das Enthymem einen rhetorischen Syllogismus und das Beispiel (paradeigma) eine rhetorische Induktion“ (Rhet. I.2, 8; 1356b).
(13) Wie in der Dialektik sind in der Rhetorik allgemeingültige Argumentationsmuster wichtig. Sie heißen topos und sind ein allgemeines Analyse- und Beweisschema, in das konkrete Fakten und Argumente als dessen Instanzen eingesetzt werden können.
(14) Esprit und Eleganz des Sprechens werden erzeugt durch „die drei Aspekte: metaphorischer, antithetischer und lebendiger Ausdruck“ (Rhet. III.9, 6, 1410b): Bei der Wortwahl ist die überraschende Metapher das Wichtigste; bei den Wortverbindungen die geistvolle Antithese; bei der gedanklichen Aufbereitung die anschauliche Belebtheit.


Über den Redner / De Oratore: Lateinisch - Deutsch (Sammlung Tusculum)
Über den Redner / De Oratore: Lateinisch - Deutsch (Sammlung Tusculum)
von Theodor Nüßlein
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 79,95

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Maßgeblicher Klassiker der Rhetorik, 30. Januar 2015
Marcus Tullius Cicero (106-43 v. C.) arbeitete und kämpfte für das Ideal des vollkommenen Redners, der Rhetorik und Philosophie verbindet. Cicero ist anerkanntermaßen der wohl fähigste und erfolgreichste Sprecher im Bereich der Römischen Zivilisation. Ciceros rhetorischer Werdegang fällt zudem in eine der auch weltgeschichtlich interessantesten und dramatischsten Epochen. In dem 20-jährigen Ringen zwischen Römischer Republik und der Monarchie der Kaiserzeit war Cicero der maßgebliche Vordenker, Sprecher und Vorkämpfer der Sache der Republik – gegen Catilina, gegen Cäsar und gegen Antonius.

Es ist zwar kein Zufall (sondern Voraussetzung seiner Größe), aber für die Sache dennoch ein Glücksfall, dass dieser Mann sich zugleich auch theoretisch ausführlich mit der Rhetorik befasst hat und – unter anderem – 55 v. C. das mit gültigste und gehaltvollste Handbuch der Rhetorik verfasst hat, den Dialog de oratore.

Die vorliegende Ausgabe in der renommierten Reihe Tusculum bietet die im Deutschen z.Zt. maßgebliche kommentierte Ausgabe des lateinischen Originals mit einer gelungenen zeitgemäßen Übersetzung. Dazu 300 Seiten Erläuterungen, die kaum eine Frage offenlassen, und verschiedene sonstige Hilfsmittel (Register, Einführung etc.).

Inhaltlich verteidigt Cicero in diesem Werk die folgenden Thesen:

(1) Rhetorik verbindet universelle Bildung mit deren Darstellung und Vermittlung.

(2) Sprache ist der Inbegriff des eigentlich Menschlichen: Sie macht seinen Vorrang vor Tieren aus. Rhetorik als Sprachmeisterung ist die eigentliche Selbstverwirklichung des Menschen.

(3) Die Trennung von Denken (Philosophie) und Sprechen (Rhetorik) ist falsch.

(4) Maximalbedingungen des idealen Redners sind: Natürliche Begabung – Praktische Übung – Studium von Theorie und Technik der Rede – Allgemeinbildung.

(5) Minimalbedingungen des idealen Redners sind Verstandesschärfe – Gespür und Einfühlung – Lebenserfahrung.

(6) Inhaltliche Beherrschung öffentlichen Redens umfasst die Informationsebene (probare), die Kontaktebene (conciliare) und die Emotionsebene (movere).

(7) Formale Beherrschung des öffentlichen Redens (I): Einheit von Inhalt und Form: „Da jede Rede aus Sachen und Worten besteht, so können weder die Worte eine Grundlage haben, wenn man ihnen die Sachen entzieht, noch die Sachen Licht, wenn man die Worte davon absondert.“ (III, 19)

(8) Die Einheit von Geistes-, Ausdrucks- und gesellschaftlicher Gestaltungskraft ist das anzustrebende Ideal oder die Norm.

(9) Diese Norm richtet sich sowohl gegen die Trennung von Geist und Macht und die damit verbundene Mittelmäßigkeit in der Politik und im öffentlichen Leben, wie auch gegen die Trennung von Geist und Sprachbeherrschung oder von Rhetorik und Philosophie.

(10) Formale Beherrschung des öffentlichen Redens (II): Sachbeherrschung ist die Mutter der Ausdruckskraft.

(11) Formale Beherrschung des öffentlichen Redens (III): Sprachliche Gestaltung umfasst Wortwahl, Satzbau und Textarchitektur.

(12) Formale Beherrschung des öffentlichen Redens (IV): Fesselnde und bewegende sprachliche Gestaltung erfordert rhetorische Figuren des Gedankens und des Ausdrucks.

(13) Öffentliches Sprechen ist Tat und Leben: „Der äußere Vortrag hat in der Beredsamkeit die größte Macht“ (III, 213), denn „der äußere Vortrag ist ... die Sprache des Körpers. Um so mehr muss er mit dem Geist in Einklang stehen (III, 223).


Das Alte Testament und der Vordere Orient
Das Alte Testament und der Vordere Orient
von Kenneth A. Kitchen
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 50,00

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Orientalistik korrigiert alttestamentliche Einleitungswissenschaft, 12. November 2014
Der Liverpooler Ägyptologe und Archäologe Kenneth Kitchen ist für das pharaonische Ägypten der Perioden von 1180-650 v.C. weltweit die unbestrittene Nr. 1 und gilt als "der Architekt schlechthin der Ägyptischen Chronologie" (The Times 13.10.2002). Er ist darüber hinaus ein international führender Experte zur Archäologie und Geschichte Palästinas und des Nahen Ostens in der Bronzezeit (3000-1200 v.C.) und Eisenzeit I-III (1200-450 v.C.).

Der Brennpunkt von Kitchens fast erdrückender Kompetenz liegt somit auf den geographischen Räumen und geschichtlichen Epochen, welche Gegenstand der Bücher der Tora, Propheten und Schriften der hebräischen Bibel (Tanakh, Altes Testament [AT]) sind.

Deswegen ist die Kernthese des vorliegenden Buches (im engl. Original 500 S. plus 162 Seiten Anmerkungsapparat und Indices) von mehr als gewöhnlicher Brisanz. Sie lautet: Die alttestamentliche, sog. historisch-kritische Exegese der letzten 150-200 Jahre (Julius Wellhausen et al.) ist - methodologisch und inhaltlich - wissenschaftlich nahezu wertlos und in ideologischen Vorurteilen erstarrte Schreibtischspekulation, welche auf Schritt und Tritt dem inzwischen sehr umfassend vorliegenden Daten- und Faktenmaterial widerspricht.

Dasselbe gilt für die aktuelle sog. minimalistische alttestamentliche Exegese seit den 1970er Jahren, welche die klassische Urkundentheorie (Jahwist, Elohist, Priesterschrift) der historischen Kritik aufgegeben hat und die Tora sowie die vorexilische Geschichte Israels überhaupt als fiktive Rückprojektion der Theologie und Ideologie der nachexilischen Gemeinde (4. Jh. v.C.) in eine mythische Vergangenheit deutet (Niels Peter Lemche, vgl. auch Israel Finkelstein et al.). Kitchen zeigt m.E. zwingend, dass dieser Minimalismus bei entsprechender Kenntnis der archäologischen, literaturwissenschaftlichen, religionswissenschaftlichen und historischen Faktenlage nicht intellektuell redlich vertreten werden kann.

Als interdisziplinärer, detailgesättigter Kommentar zur biblischen Geschichte des AT auf höchstem Niveau wissenschaftlicher Exzellenz und aus der aktuellen Spitzenforschung heraus ist das Buch ohne Konkurrenz. Im Kern und in der großen Linie ist das Buch nach meiner Überzeugung 'wasserdicht' und wird zu einem früher oder später unvermeidlichen Paradigmenwechsel beitragen. Nicht zuletzt arbeiten auch hochrangige Schüler Kitchens in dem hier beschriebenen Sinn weiter (vgl. z.B. Hoffmeier: Israel in Egypt: The Evidence for the Authenticity of the Exodus Tradition).

Das theologische Establishment wird sich zunächst vehement gegen die hier vorgelegte erdrückende Faktenlage und Argumentation wehren, welche gemütlich gewordene, zeitgeistnahe Positionen in Frage stellt. Aber dies ist typisch für entsprechende Szenarios und sollte als Bestätigung der Prognose verstanden werden.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 20, 2017 8:08 AM MEST


Evangelium als Biographie
Evangelium als Biographie
von Dirk Frickenschmidt
  Sondereinband

5.0 von 5 Sternen "Evangelien als vier antike Jesus-Biographien im Vollsinn des Wortes", 5. Juni 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Evangelium als Biographie (Sondereinband)
Einer der wissenschaftsphilosophisch wichtigsten und auch umfangreichsten Beiträge der Gegenwart zum Neuen Testament ist Frickenschmidts "Evangelium als Biographie". Das 550 S. starke Buch ist auch ein Grundlagenwerk der klassischen Philologie, insofern es in Kapiteln 3 bis 6 eine vollständige Bestandsaufnahme der antiken Biographien bietet. In Kap. 7 wird sodann „zum ersten Mal in der Forschung [...] eine umfassende Hypothese zur Entstehung antiker Biographien entwickelt" (1997, 504). Und in Kap. 8 „ebenfalls erstmals in der Forschung eine grundlegende und einigermaßen ausführliche deskriptive Topologie antiker Biographien erarbeitet“ (ebd. 505).

Gegen kreative Missverständnisse und subjektive Konstrukte der neutestamentlichen Exegese stellt Frickenschmidt die Frage: "Ist es sinnvoll, den - mehr als reichhaltig belegten - Normalfall des Buchschreibens in römisch-hellenistischer Zeit anzunehmen [...] daß antike Autoren auf älteres Material (einschließlich mündlicher Überlieferungen) zurückgriffen?" Oder ist es sinnvoller, "ein extrem hypothetisches und für antike Biographien sonst nicht belegtes Modell kollektiver Volks- bzw. Gemeinde-Autorenschaft mit anschließender Sammler- und Redaktorentätigkeit" anzunehmen? (Frickenschmidt 1997, 23, 25)

Er plädiert für die erstere Annahme und kommentiert die zweite Annahme deutlich satirisch - "difficile est satiram non scribere" (Juvenal): „Die Summe ... der älteren [liberalprotestantischen Exegese und speziell] Formgeschichte war letztlich nichts anderes als das Postulat einer religionssoziologischen Gesamtgestalt des Urchristentums, die in den Köpfen der älteren Formgeschichtler vielleicht schon feststand, bevor ihr dann mündliche und schriftliche Formen zugeordnet wurden. Heute kann aber aus vielen Gründen bezweifelt werden, daß dieses Bild der Urgemeinde, eine seltsame Mischung aus – zugespitzt formuliert – religionsgeschichtlichem Neandertal und protestantischer Gottesdienst- und Gesangbuchgemeinde, der geschichtlichen Realität so nahe kommt, wie man damals mehr oder weniger selbstverständlich annahm.“ (Frickenschmidt 1997, 87–88).

Neben angloamerikanischen Autoren waren in Deutschland Pioniere dieser neuen Sicht der Tübinger Neutestamentler Martin Hengel (Die Evangelienüberschriften, Heidelberg 1984) und der Heidelberger Kollege Klaus Berger (Die Formgeschichte des Neuen Testamentes, Heidelberg 1984): „Zum ersten Mal wurde programmatisch und flächendeckend nachgewiesen, inwieweit das gesamte Neue Testament [neben alttestamentlich-jüdischen Traditionen] an den hellenistisch geprägten Sprachkonventionen seiner Zeit intensiv partizipiert hat. Bergers Nachweis einer Vielfalt hellenistischer Formen im Neuen Testament reichte dabei in einem weitgespannten Bogen von Kleingattungen wie der Chrie bis zu Großgattungen wie der Historiographie. Auch die antike Biographie gehörte zu den von ihm untersuchten Gattungen.“ (Frickenschmidt 1997, 60)

Zu Frickenschmidts Eckdaten gehört auch die von Bauckham (Jesus and the Eyewitnesses: The Gospels as Eyewitness Testimony, Grand Rapids 2006) später monographisch ausgearbeitete Einsicht: „Hinweise auf die [...] dichterische Option eines rein fiktional-idealtypischen Realitätsbezuges unter Verzicht auf Fakten- oder Überlieferungsgebundenheit finden sich [...] nicht in den Evangelien. Wie auch immer man diese Tatsache bewertet, sie macht deutlich, daß diese Schriften aus der Sicht der Verfasser ganz sicher nicht reine Glaubenszeugnisse oder poetische Symbolwelten unter weitgehendem Verzicht auf konkreten Realitätsbezug sein sollten. Statt dessen bewegen sie sich definitiv im Raum der Geschichte“ (Frickenschmidt 1997, 105).

Abschließendes Fazit: „Es ging hier darum, eine erstmalig gewonnene solide Basis antiker biographischer Topoi mit einem ersten wirklich im einzelnen durchgeführten Evangelien-Vergleich zu verbinden und dabei zu zeigen, daß alle vier kanonischen Evangelien nicht nur stellenweise, sondern von Anfang bis Ende viele wichtige Kennzeichen antiker Biographien aufweisen. Die vorgelegten Ergebnisse sind m. E. breit und sicher genug angelegt, von nun an von den vier kanonischen Evangelien als vier antiken Jesus-Biographien im Vollsinn des Wortes sprechen zu können.“ (Frickenschmidt 1997, 508)


Die verborgene Existenz des William Shakespeare
Die verborgene Existenz des William Shakespeare
von Hildegar Hammerschmidt-Hummel
  Gebundene Ausgabe

5.0 von 5 Sternen Shakespeare katholischer Widerstandskämpfer, 5. Juni 2014
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Seit den 1980er Jahren verdichtete sich in der Shakespeareforschung die - auch schon früher immer wieder geäußerte - Vermutung eines katholischen Hintergrundes des englischen Nationaldichters. Die Mainzer Professorin für Anglistik und Shakespearespezialistin Hammerschmidt-Hummel hat durch eigene Forschungsbeiträge diese Vermutung zur Gewissheit werden lassen: (1) Shakespeares Vater, der Bürgermeister von Stratford-on Avon, wie auch seine Mutter und sein Lehrer (später Jesuit in Rom) und Schulkamerad (später katholischer Priester und Martyrer) waren überdurchschnittlich überzeugungsfeste und tieffromme katholische Christen. Der zunehmende Verfolgungsdruck bis zur Todesstrafe seitens des protestantischen England der elisabethianischen Ära zwang die Familie in den religiösen Untergrund. Die Autorin führt einen überzeugenden Indizienbeweis, dass (2) der junge William Shakespeare an der katholischen Eliteschule des Collegium Anglicum im Exil (Douai resp. Reims) ausgebildet wurde; (3) danach sehr jung führendes Mitglied in der wichtigsten katholischen Geheimorganisation Englands wurde; (4) organisatorischer Mitarbeiter der im Untergrund operierenden Ex-Oxfordstars und Jesuitenmissionare E. Campion und R. Pearsons war; (5) diesen katholischen Hintergrund verschlüsselt in seine Dramen einspielte; (6) in den sog. "lost years" (1585-1592) sich im katholischen Exil auf dem Kontinent und mehrfach in Italien und Rom in kirchenpolitischem Zusammenhang aufhielt; (7) die wichtigste Anlaufstelle und Organisationszentrale der katholischen Untergrundreligion in London und England überhaupt (in Blackfriars, City of London) käuflich erwarb und testamentarisch für die Zukunft absicherte, wobei (8) seine älteste Tochter und Testamentsvollstreckerin Susanna als Katholikin im Widerstand gegen die elisabethianische Religionsgesetzgebung in Erscheinung tritt und (9) Shakespeare mit den katholischen Sterbesakramenten versehen stirbt.

Das Buch hebt damit das Paradox ins Relief, dass sich die kulturelle Blüte des elisabethianischen England, das den Katholizismus als staatsfeindlich blutig verfolgt, wesentlich dem katholischen Dichter und Theaterregisseur Shakespeare und dem gleichermaßen katholischen Komponisten und führenden Musiker (Lutinisten) John Dowland verdankt.


Chronik oder Die Geschichte der zwei Staaten
Chronik oder Die Geschichte der zwei Staaten
von Otto von Freising
  Taschenbuch

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Weltgeschichte aus erster Hand, 18. Dezember 2013
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Otto von Freisings (1112-1158 n. C.) geschichtstheologisch reflektierte Weltchronik (entstanden 1143-1146) gilt als Höhepunkt mittelalterlicher Geschichtsschreibung. In ihr liegt das Denken eines Mannes aus den ersten und mächtigsten Familien des Heiligen Römischen Reiches und damit der westlichen Zivilisation vor: sein Großvater ist der Salierkaiser Heinrich IV (1056-1105), sein Onkel der Salierkaiser Heinrich V. (1106-1125), der Stauferkönig Konrad III. (1138-1152) ist Ottos Halbbruder, Ottos Vater ist der hl. Markgraf Leopold III. von Österreich (1095-1136), sein Bruder Leopold IV. ist Herzog von Bayern, sein Bruder Heinrich II. ist Herzog von Österreich, sein Bruder Adalbert ist Schwager des Königs von Ungarn Belas II., seine Schwester Gertrud Herzogin von Böhmen, seine Schwester Agnes Herzogin von Polen. Ein weiterer Bruder, Konrad II., ist Erzbischof von Salzburg.
Neben der absolut priviligierten politischen Stellung und Erfahrung schöpft Ottos Denken aus dem Studium in Paris, dem intellektuellen Zentrum der Epoche, bei dem führenden Gelehrten Hugo von St. Viktor (1097-1141) aus Sachsen.
Dieses Denken schöpft auch religiös aus erster Hand, aus dem persönlichen Kontakt mit der spirituellen Leitfigur der Epoche, Bernhard von Clairvaux (1090-1153): Otto tritt 1133 in den vom hl. Bernhard geführten Zisterzenserorden ein. In Morimund, einem der Mutterklöster, hat er als Abt ab 1138 Führungsfunktionen inne.
Dieses Denken schöpft schließlich aus der aktiven Mitgestaltung der Zeitgeschichte in führender Stellung: Als Bischof von Freising (ab 1145) übernimmt Otto diplomatische Missionen, so im Auftrag des deutschen Königs bei Papst Eugen III. in Rom 1147, oder begleitet internationale militärische Missionen, so zusammen mit seinem Bruder, König Konrad III. auf dem Kreuzzug in den Nahen Osten 1148. Und auch Ottos opus magnum selbst gewinnt weltpolitische Bedeutung, als er es in überarbeiteter Fassung seinem Neffen, dem jungen Kaiser Friedrich I Barbarossa 1157 als Grundsatzprogramm seiner Regierung überreicht.
An Quellen hat Otto direkt oder indirekt das gesamte verfügbare Material berücksichtigt und eingearbeitet. Neben Tora und Tanach (Altes Testament) und Flavius Josephus' (37-100 n. C.) Jüdische Geschichte sind dies die maßgebliche Ägyptische Geschichte Manethos (250 v. C.) und die ebenfalls maßgebliche Babylonische Geschichte Berossus' (250 v. C.). Sodann die Standardwerke von Livius (59 v. C. -17 n. C.) und Dio Cassius (163-229 n. C.) zur Römischen Geschichte, von Eusebius von Cäsarea (260-340 n. C.) zur Weltchronik und zur Kirchengeschichte, des Paulus Orosius (385-418 n. C.) zur Weltgeschichte, des Cassiodor (485-580 n. C.) zur Weltchronik und Kirchengeschichte sowie zur Geschichte der Ostgoten, des Tiro Prosper (390-455) zur Weltchronik, des Isidor von Sevilla (560-636) zur Weltchronik und zur Geschichte der Westgoten, des Gregor von Tours (538-594) zur Geschichte der Franken, des Paulus Diaconus (Paul Warnefried) (725-799) zur Geschichte der Langobarden, des Beda Venerabilis (672-734) zur Geschichte der Angelsachsen, des Wittekind von Corvey (925-973) zur Geschichte der Sachsen. Last but not least stehen Pate die unmittelbaren Vorgängerwerke des Regino von Prüm (Trier) (840-915) und des Frutolf von Michaelsberg (Bamberg) (+ 1103) zur Weltgeschichte.
Ein Alleinstellungsmerkmal von Ottos Werk ist schließlich, dass er praktisch als einziger Historiker die Geschichtstheologie des Alten und Neuen Testaments und des Gottesstaates von Aurelius Augustinus (354-430) programmatisch fortsetzt und methodisch aktualisiert. Die zentrale geschichtstheologische These des Werks ist somit dieselbe wie in der Tora (Pentateuch) und in den Geschichtsbüchern des Tanach (Altes Testament) oder bei Augustinus: Seit der Vor- und Frühgeschichte stehen sich zwei Kulturen oder Staaten gegenüber: der ethische Gottestaat und der amoralische Weltstaat.
Augustinus identifizierte nun tendenziell den Gottestaat mit der Kirche und ordnete die politische Sphäre eher dem Weltstaat zu. Otto vertritt wie die Tora und die Propheten die offizielle Position der Römischen Kirche und der Ostkirchen seit der Väterzeit, dass in der christlichen Gesellschaft Staat und Kirche zwei koordinierte Ebenen im Gottesstaat bilden. Zugleich greift Otto aber auch Augustinus' Reserve dergestalt auf, dass ihn vorrangig die immer und überall festzustellende Gefährdung dieser Symbiose und Synthese zwischen Staat und Religion im ethischem Gottesstaat beschäftigt. Ein ihn tief prägendes Schlüsselerlebnis ist dabei der weltgeschichtliche Konflikt zwischen seinem Großvater Kaiser Heinrich IV. und Papst Gregor VII.
Seine zeitgeschichtliche Analyse führt Otto daher immer stärker dazu, den stabilen Kernbereich des Gottestaates im spirituellen Bereich, namentlich in der aszetischen Lebensform der Orden zu sehen. Dies umso mehr als deren dynamische Erfolgsgeschichte das mit hervorstechendste Charakeristikum der Zeit ist: Der Zisterzienserorden Bernhards wächst noch zu dessen Lebzeiten von 1118 bis 1153 auf 350 Klöster an und bis 1300 n. Chr. auf 700 effizient organisierte Abteien, welche bekanntlich u.a. die heutigen deutschen Bundesländer Brandenburg, Mecklenburg und Sachsen wirtschaftlich, zivilisatorisch und kirchlich erschließen und entwickeln. Und der vom hl. Norbert von Xanten 1120 gegründete Prämonstratenserorden zählte 15 Jahre später bereits 100 Klöster und nach 100 Jahren 1000 Niederlassungen.
Es ist das Verdienst der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt, dass diese vorbildliche zweisprachige Edition von 1960 seit 2011 wieder in bibliographisch aktualisirter Form erhältlich ist.


Vita Sancti Martini / Das Leben des Heiligen Martin: Lateinisch / Deutsch (Reclams Universal-Bibliothek)
Vita Sancti Martini / Das Leben des Heiligen Martin: Lateinisch / Deutsch (Reclams Universal-Bibliothek)
von Gerlinde Huber-Rebenich
  Broschiert
Preis: EUR 4,00

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Biographie mit Alleinstellungsmerkmal, 15. Dezember 2013
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Jedes Kind kennt den hl. Martin (316 resp. 336 - 397 n. Chr.). Er ist in Deutschland und Frankreich der bekannteste und volksnaheste Heilige - als Patron des (Erz)Bistums Mainz, des bis 1803 größten Metropolitanverbandes Europas und Primatssitzes für Deutschland, und als Patron Frankreichs. Seine Lebensbeschreibung durch den Juristen Sulpicius Severus (ca. 353-420 n. Chr.) ist in mehrfacher Hinsicht einzigartig:
(1) Ihr aus dem Adel stammender Verfasser gehörte der gesellschaftlichen Oberschicht an, genoss eine erstklassige Ausbildung, und war enger Freund des Multimilliardärs und senatorischen Starpolitikers Paulinus von Nola (355-431 n. Chr.), eines der reichsten und politisch einflussreichsten Männer des Römischen Imperiums.
(2) Sulpicius Severus gibt durch den Kontakt mit Martinus seine sehr erfolgreiche Anwaltskarriere und seinen Besitz auf, um wie Martinus ein aszetisches Leben zu führen. Dasselbe tut Paulinus von Nola zusammen mit seiner Frau, was die größte gesellschaftliche Sensation der Epoche darstellt.
(3) Der Verfasser kannte Martinus persönlich sehr gut, begleitete ihn auf Reisen und lebte einige Zeit als Gast in dessen Kloster. Er recherchierte mit juristischem Sachverstand die Fakten, befragte auch Martinus selbst ausführlich und akzeptierte nach eigenem Bekunden nur manifeste Beweise und selbst überprüfte Informationen von Augenzeugen (Vita Martini 1,9; 27,7).
(4) Die Lebensbeschreibung ist literarisch von klassischer Perfektion, erschien noch zu Lebzeiten des Martinus in dessen mit der Faktenlage vertrauten, geographischen und gesellschaftlichen Umfeld und war sofort eines der phänomenalsten Erfolgsbücher der Antike, in Europa genauso wie in Afrika und dem Orient.
(5) Der aus der Nähe des heutigen Wien stammende Martinus gehörte zum Offizierskorps der kaiserlichen Garde, eine wie fast das gesamte spätantike Römische Heer germanische Elitetruppe, und lebte im persönlichen Umfeld der Kaiser Constantius II und Julian.
(6) Nach dem Abschied vom Militärdienst (in Worms) befindet sich Martinus wiederum im Zentrum des Geschehens: Sein früher Mentor ist der universell gebildete, aus der heidnischen Oberschicht stammende hl. Hilarius, Bischof von Poitiers, der neben dem hl. Athanasius (Patriarch von Alexandrien) einflussreichste Theologe und Vorkämpfer der Orthodoxie gegen die in Staat und Kirche übermächtige Häresie des Arianismus. Martinus selbst bekämpft die arianischen Bischöfe und Priester in seiner Heimat Burgenland/Ungarn und Norditalien und überlebt schwere Misshandlungen.
(7) Auch später als Bischof ist Martinus oft am kaiserlichen Hof in Trier, dem Regierungszentrum des Römischen Weltreiches, wo er namentlich für die Freilassung politisch und anderweitig Verfolgter bzw. Inhaftierter tätig ist. Er ist der anerkannt freimütigste Mahner und Ratgeber der mächtigsten Männer an der Spitze der einzigen Supermacht des Planeten (der einzige geopolitische Konkurrent, China, zerbrach 317-589 n. C. in 17 meist fremdbeherrschte Teilreiche).
(8) Martinus ist einer der wichtigsten Väter des aszetischen oder Mönchslebens in der westlichen Welt: Die Biographie des Sulpicius Severus informiert über diese neue Lebensform und motivierte Tausende Männer und Frauen aus allen gesellschaftlichen Schichten Europas zu derselben.
(9) Martinus hat als Bischof von Tours - zusammen mit den vielen aus seinen Mönchen hervorgegangenen Bischöfen - Galliens (Frankreichs) Landbevölkerung praktisch im Alleingang in die christliche Zivilisation überführt, indem er persönlich und oft unter Lebensgefahr die Landbevölkerung überzeugte, mit ihm die heidnischen Göttertempel, -stelen und Baumheiligtümer mit Axt und Feuer zu zerstören und durch christliche Basiliken und Klöster zu ersetzen. Ein Beweisziel der Vita ist: Cäsar eroberte Gallien für das heidnische Römische Reich, Martin für das christliche Römische Reich.
(10) Sulpicius Severus analysiert das Erfolgsgeheimnis Martins als unbedingte und grenzenlose Liebe und ununterbrochene spirituelle Freude, resultierend aus ununterbrochenem Gebet: "In ihm war keine Tücke: Keinen verurteilte er, keinen verdammte er, keinem vergalt er Böses mit Bösem" (VM 26,5), jeden Unglücklichen machte er unter Einsatz seiner ganzen Person glücklich.
(11) Last but not least will die Biographie dokumentieren: Martinus war nach Art und Zahl der umfassendste Wundertäter der Geschichte Europas. Sulpicius Severus' entstammte einer Gesellschaft, deren Skeptizismus und Vorurteilsstruktur noch vor einer Generation - in der Diokletianischen Verfolgung - die Christen als Inbegriff von Ignoranz, Unmoral und Subversion zu Abertausenden verhaftet, gefoltert und hingerichtet hatte. Wenn dieser hochgebildete und kritische Mann nun mit psychologisch nicht zu bezweifelnder Aufrichtigkeit mehrere nach strengen juristischen Standards verifizierte Totenerweckungen, zahllose Krankenheilungen, Exorzismen und von Hunderten lebenden Augenzeugen bestätigte physikalische Naturwunder sowie ungezählte korrekte Prophezeiungen berichtet, dann werden Menschen mit naturalistischer Vorurteilsstruktur sich dem nur mit einigem Willensaufwand entziehen können.

Vielleicht hängt damit zusammen, dass die Herausgeberin des Bandes, Gerlinde Huber-Rebenich, m.E. ein unterschwelliges Unbehagen gegenüber Inhalt und Darstellung der Lebensbeschreibung Martins zeigt, das der Sache nicht angemessen erscheint. Ein manchmal despektierlicher und und krittelnder Tonfall mag als Ventil dieses Ressentiments zu verstehen sein. Etwa wenn sie von "Propagandaschrift" spricht (100), literarische Konventionen der Antike als "Stilisierung ... durch die Manipulation" (114) negativ besetzt oder Martin in ihren Augen "einen paganen Leichenzug herumkommandiert" (S. 114) Dies obwohl sie durchaus betont, dass die literarischen Stilisierungen "die wiederholten Wahrheitsbeteuerungen [des Verfassers] nicht Lügen strafen" (111) und wie erwähnt unterstreicht, dass die Lebensbeschreibung literarisch perfekt und normatives Vorbild für die Zukunft ist. Deswegen für diese Ausgabe der Martinsbiographie ein Punkt Abzug.


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