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Beiträge von Johannes Heinrichs
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Rezensionen verfasst von
Johannes Heinrichs "Viergliederung" (Berlin/Duisburg)

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Bewusstseinstheorien: Zur Problematik und Problemgeschichte des Bewusstseins und Selbstbewusstseins
Bewusstseinstheorien: Zur Problematik und Problemgeschichte des Bewusstseins und Selbstbewusstseins
von Karen Gloy
  Taschenbuch
Preis: EUR 39,00

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Inkonzinnitäten" oder das Missverstehen der gelebten Reflexion, 7. August 2016
Diese Übersicht über die Bewusstseinstheorien von der Antike (Platon, Aristoteles) bis fast zur Gegenwart, bis zu Sartre ist höchst lehrreich, erstaunlich kenntnisreich, scharfsinnig und klar in der Diktion. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit der so genannten "Philosophie des Geistes", wie die englische "Philosophy of Mind" schlecht übersetzt wird, wird durch ein paar zutreffende Bemerkungen auch im Rückblick ersetzt: "Entfaltet wurde eine Vielzahl von Theorien, teils solche, die Bewusstsein auf Nichtbewusstsein, auf Physisches zu reduzieren versuchten, wie die materialistischen und behavioristischen Positionen, teils solche, die Bewusstsein durch sich selbst in Form eines Selbstbewusstseins, handele es sich um Selbstbeziehung oder Selbstproduktion, erklären wollten, teils solche, die Bewusstsein als Differenz- und Fremdbeziehung, d.h. als Beziehung zwischen zwei verschiedenen Entitäten auslegten, teils solche, die Bewusstseins als Relation der Daten untereinander interpretierten, wie die Strom- und Flussmodelle" seit Husserl (341). Besonders stark erweist sich die Interpretin in Bezug auf Platon und Aristoteles, dann in Sachen Fichte. Bei diesem allerdings folgt sie ihrem einstigen Lehrer Dieter Henrich folgenreich in die Ablehnung des Reflexionsmodells des Selbstbewusstseins, das bei Kant und dem deutschen Idealismus zugrunde liegt, das allerdings bei Fichte (schon laut Henrich) von einem Produktionsmodell des sich selbst setzenden Ich abgelöst worden sein soll. Dieses trägt jedoch zugleich alle Züge des Modells des Reflexionsmodells (d.h. Konstitution des des Selbstbewusstseins durch begleitende Reflexion oder intellektuelle Anschauung). Meines Erachtens ist dessen Ablehnung durch Henrich und Gloy in einem großen Missverständnis der Reflexion als einer objektivierenden, ausdrücklichen Intentionalität begründet. Der Zirkel, den sie im Selbstbewusstsein als Selbstreflexion erblicken, wird von ihnen selbst durch das Verständnis von Reflexion allein als Objektivierung hineingetragen. Dagegen scheint implizite Reflexion als nicht objektivierende und nicht sekundäre Selbstbegleitung gerade das Wesen des Selbstbewusstseins auszumachen. Dieser Gegeneinwand wurde schon in "Reflexion als soziales System" (1976) und "Logik des Sozialen" (2005) ausführlich vorgebracht und u.a. von Dieter Wandschneider, den die Luzerner Emerita wenigstens beiläufig nennt, positiv aufgegriffen, während Henrich und seine Schüler es 40 Jahre hindurch keiner Diskussion würdigen. Aufgrund dieses zentralen Schwachpunktes ihrer Darstellung kommt die Autorin zu einem rein negativen Ergebnis: "All diese Konstruktionen aber wurden von Schwierigkeiten interner wie externer Art heimgesucht. Sie alle erlagen Widersprüchen, Paradoxien, Inkonzinnitäten [ein Wort, das ich erstmals in diesem Buch fand, und zwar oft], die sie als adäquate Interpretationen scheitern ließen. (...) Die heutige Forschungslage ist in der Tat von der Art, dass es nach wie vor keine überzeugende Beschreibung des Bewusstseins gibt, die zugleich in sich konsistent genannt werden könnte" (ebd.). Kein Wunder, wenn man an entscheidenden Argumenten und Vorschlagen vorbeigeht - was so typisch für die akademische Nicht-Argumentation unter der Herrschaft des "herrschaftsfreien Diskurses" ist. Kein Wunder, auch dass bei solch wackligem Fundament der gesamten Philosophie als Bewusstseinstheorie die Suchenden und Studierenden geneigt sind, zu jener Maschinen-Philosophie des Geistes überzugehen!Trotz dieser Inkonzinnität = Unangemessenheit kann ich dem Buch meinen Respekt nicht versagen. Es ist historisch sehr lehrreich und systematisch immerhin herausfordernd.


Europa am Abgrund: Plädoyer für die Vereinigten Staaten von Europa
Europa am Abgrund: Plädoyer für die Vereinigten Staaten von Europa
von Brendan Simms
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Eine differenziertere Art von „Vereinigten Staaten“, bitte!, 27. Mai 2016
Die überzeugendsten Beweggründe für die Schaffung von „Vereinigten Staaten von Europa“ nach dem Muster der USA sowie des Vereinigten Königreiches (staatlicher Zusammenschluss von England und Schottland), wie die Autoren sie historisch kenntnisreich befürworten, würden von den Ereignissen selbst geliefert werden: „In den nächsten Jahren werden wir einige oder alle der folgenden Ereignisse erleben: den endgültigen Zerfall Syriens und die Zunahme eines Flüchtlingsstromes, der die Befestigungen an der südlichen Grenze der Union schlicht überfluten wird; eine Serie von Terroranschlägen heimischer oder internationaler Provenienz in Europa; staatliche Auflösungsprozesse in Europa, die zu zivilen Konflikten führen werden, etwa in Katalonien; ein Angriff Russlands auf die baltischen Staaten, wodurch die Beistandspflicht der übrigen Mitglieder nach Artikel 5 des NATO-Vertrages aktiviert wird; sowie der nach wie vor mögliche Zusammenbruch der Gemeinschaftswährung mit allen Verwerfungen, die dies mit sich bringen würde. Alle diese Herausforderungen stellen schon jetzt jeweils für sich genommen ein starkes Argument für die Schaffung einer vollständigen politischen Union dar; zusammen sind sie überwältigend“ (128 f). Doch die Geschichte, z.B. der deutschen Frage in Europa, die mit der europäischen Gesamtfrage identisch sei, habe gezeigt, dass nichts zwangsläufig ist. Nicht einmal Katastrophen könnten uns davon entbinden, die Lösungen selbst zu finden und herbeizuführen. Die Lösung der europäischen Frage liege eindeutig in der völligen politischen Vereinigung, übrigens unter Ausschluss Großbritanniens, das eine Sonderstellung einnehme, auch wenn die Sprache der Vereinigten Staaten von Europa das Englische sein werde. Diese Sonderstellung Großbritanniens sei hier dahingestellt, nicht jedoch der systemisch undifferenzierte Politik-Begriff der beiden Autoren.
Wenn diese eine „politische Einheit“ gegenüber der bloßen Währungsunion fordern, unterscheiden sie nicht die Wirtschaftspolitik im engeren Sinne von Politik als Außen- und Sicherheitspolitik oder gar von Kulturpolitik und Grundwertepolitik. Gerade diese vierfache Unterscheidung der Ebenen von „Politik“ im weiten Sinne wäre jedoch zu treffen, und zwar in den europäischen Institutionen, angefangen beim Parlamentarismus. Diese Differenzierung der Systemebenen müsste die „Vereinigten Staaten von Europa“ von denen Amerikas grundlegend unterscheiden. Sie würde auch der kulturellen Eigenständigkeit der Nationen Europas Rechnung tragen, ohne die eine gesamteuropäische „Politik“ weder wünschenswert noch durchsetzbar ist. Diese Frage einer derart neuartigen, systemisch differenzierten Demokratie ist in der Tat mit dem Problem Europas identisch. Vgl. das Buch „Die Logik des europäischen Traums“, dessen Konzept die sonst durchaus europäisch belesenen Autoren zum Nachteil ihrer Hauptaussage nicht berücksichtigen. Schon lange steht Europa am Abgrund. In welche Richtung geht es endlich einen Schritt weiter?


Geld und Schuld: Eine ökonomische Theorie der Gesellschaft
Geld und Schuld: Eine ökonomische Theorie der Gesellschaft
von Raimund Dietz
  Broschiert
Preis: EUR 29,80

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine aufs Ganze der Gesellscahft gehende Geldtheorie, 5. Januar 2016
Das Buch geht davon aus, dass über das Medium der ganzen ökonomischen Sphäre, das Geld nämlich, in der Fachökonomie viel zu wenig nachgedacht wird. Der Verfasser entdeckt die Relevanz der „Philosophie des Geldes“ von Georg Simmel wieder, ohne jedoch ins bloße Historisieren zu verfallen und seinem durchweg systematischen Anliegen untreu zu werden. In Simmels Satz „Geld ist die Verkörperung der Tauschrelation“ lasse sich seine ganze Arbeit zusammenfassen (366). Es ist eine Arbeit auf hohem Niveau, anspruchsvoll, ohne unnötige akademische Verklausulierungen. Ich kann dem positiv Gesagten fast durchwegs zustimmen.

Mein einziger größerer Einwand bezieht sich weiterhin auf den Untertitel, weil dieser einerseits zu anspruchsvoll, anderseits inzwischen zu bescheiden ist: „Eine ökonomische Theorie der Gesellschaft“. Lässt sich eine Theorie der Gesellschaft von der Ökonomie allein her überhaupt sinnvoll aufziehen? Es gibt zwei Aussagenreihen des Autors. Die von Beginn an dominierende ist diese: „Weil alle Beziehung zu Geld haben, haben auch alle untereinander Beziehung. Erst der Geldkörper macht Gesellschaft möglich“ (358). Hier wäre – mit G. Simmel - die Einschränkung zu machen: „moderne Gesellschaft“, im Unterschied zu ursprünglichen Gemeinschaften, deren Tauschwirtschaft teilweise auch ohne Geld, allenfalls mit einem naturalen Wertmaßstab wie Kühen, Salz usw., möglich war. Auch Simmel sieht die Modernität der Gesellschaft mit der Herausbildung des Geldes als ihres Hauptmediums, als Verkörperung der Tauschrelation, verbunden. Doch ist der Gütertausch das eine Gesellschaft überhaupt und selbst die moderne allererst Konstituierende? Ich sehe eher die „Differenzierung der Wertsphären“ (Max Weber) als den spezifisch modernen Prozess, genauer: den der vier Subsysteme oder reflexiven System- und Werte-Ebenen Wirtschaft, Politik, Kultur und Grundwerte.

Die andere, bei Raimund Dietz bisher kürzer ausfallende Aussagenreihe: „Nicht dass ich behaupten wollte, alles ginge nur über das Geld. Aber ohne Geld geht nichts. Geld ist nur ein herausragendes Beispiel, dass sich Gesellschaft über ein Drittes organisiert. Andere ‚Einrichtungen‘ dieser Art sind die Sprache, der Staat, die Religion, moralische Grundsätze und heute das Web. Auch über sie vollzieht sich Vergesellschaftung, aber keine dieser Formen kann Geld ersetzen, wie auch umgekehrt Geld keine dieser Formen ersetzen kann“ (360). Nach meiner Einsicht gibt es nur vier dem Geld vergleichbare formalisierte Medien: Recht (das in der Neuzeit den von Dietz genannten Staat begründet; Staat ist jedoch kein Medium), Sprache (welche die menschliche Kommunikation im eigentlichen Sinne der Gegenseitigkeit und damit auch vor-ökonomische Gemeinschaftsbildung ermöglicht) und religiös-ethische Grundprinzipien samt ihren Ritualen (die in der Geschichte stets mit Gemeinschaftsbildung verbunden waren). Wenn diese Einsichten einer gestuften Reflexions-Systemtheorie zutreffen, dann ist eine bloß ökonomische „Theorie der Gesellschaft“ unmöglich. Sie würde eine Verkürzung darstellen, weil der ökonomische Tausch nicht gleich zwischenmenschlichem Austausch überhaupt ist. Doch Raimund Dietz will im Grunde, seinem alten Untertitel zum Trotz, genau in diese Richtung und hat gegenüber der ersten Auflage enorme Schritte gemacht: in die Richtung einer sozial- und handlungstheoretischen Ökonomik. Das Buch steht m.W. an der Spitze einer solchen integralen Ökonomietheorie mit vielen praktischen Konsequenzen. Denn bisher ist die Ökonomik (Ökonomietheorie) nicht wirklich Teil einer Gesellschaftslehre: basaler Teil, erste Systemebene, jedoch nur aus dem Kreislauf mit den drei anderen genannten Systemebenen verständlich. Dem endlich Rechnung zu tragen, ist ein ebenso ehrgeiziges wie notwendiges Unternehmen, zu dem man dem Autor nur weiterhin viel Schwung und Inspiration wünschen kann!


Bewusstsein. Eine philosophische Theorie
Bewusstsein. Eine philosophische Theorie
von Konrad Utz
  Broschiert
Preis: EUR 49,90

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Hilfskonstruktionen auf hohem Niveau zur Ausbügelung anfänglicher Fehler, 13. Dezember 2015
In der Tat ist Bewusstseinstheorie, die Erforschung der Natur des Bewusstseins, in dem alles andere sich erst zeigt, ein Grunderfordernis der Philosophie. Seit Fichte und Hegel wird Bewusstsein (ausdrücklicher als bei Kant und Vorgängern) als Selbstbezüglichkeit verstanden. Selbst Thomas von Aquin kannte die Ausdrücke conscientia concomitans und reflexio implicita und legte damit bereits nahe, dass die Natur des Bewusstseins, besonders des Selbstbewusstseins, im Sichselbstbegleiten durch implizite, nicht objektivierende Reflexion besteht. Seit Dieter Henrich und in seinem Gefolge Manfred Frank wird jedoch behauptet, dass im Verständnis des Selbstbewusstseins als Selbstbezüglichkeit ein schlechter Zirkel bestehe. Es wurde schon früh darauf geantwortet, dass dieser Zirkel vielmehr von diesen Autoren selbst erzeugt wird, weil sie Selbstbezug als vorstellendes, objektivierendes Bewusstsein nach dem Muster der nachträglich-objektivierenden Reflexion missverstehen. Konrad Utz diskutiert dieses Gegenargument und somit die zeitgenössische Weiterentwicklung der Reflexionstheorie des Selbstbewusstseins nicht, sondern folgt im Wesentlichen Manfred Frank und seinem Lehrer Anton Friedrich Koch, dem das Buch gewidmet ist. Freilich mit wichtigen Modifikationen, die hier nicht verständlich gemacht werden können. Überhaupt entwickelt Utz Konstruktionen und sprachliche Unterscheidungen, die auch für den professionellen Philosophen kaum erschwinglich sind. Allerdings werden diese Konstruktionen nur notwendig, um ursprüngliche Fehler bzw. Vorurteile auszubügeln, die sich schon auf den ersten Seiten des eigentlichen Gedankenganges zeigen: "Dass in meinem Bewusstsein ich bewusst bin (...), das kann nicht eine Erfahrung darstellen, das muss ich apriorisch wissen. Denn wäre das Bewusstsein von der Meinigkeit eines bestimmten Bewusstseins seinerseits eine Erfahrung, dann müsste ich wiederum zu dieser Erfahrung hinzu erkennen, dass ihr Bewusstsein meines ist. Man geriete in einen unendlichen Regress" (29). Ich leugne diesen Ausgangspunkt entschieden, mit allen, die eine intellektuelle Selbsterfahrung als Vollzugserfahrung anerkennen, woraus sich erst in der ausdrücklichen Reflexion die Momente des Vollzugs selbst, des Woher des Vollzugs (Selbst) und Woraufhin des Vollzugs unterscheiden lassen. - Ferner: "Dass aus jedem Bewusstsein die Meinigkeit explizierbar ist (...), scheint nahezulegen, dass Bewusstsein tatsächlich in der Beziehung von etwas (etwa einem Inhalt des Bewusstseins) auf den Träger dieser Meinigkeit, nämlich auf das Subjekt des Bewusstseins besteht (der dann durch die explizite Ich-bin-bewusst-Begleitung reflektierend erhoben wird), i.e. dass diese Beziehung eben die apriorische Form des Bewusstseins ist. (...) Demnach wäre jegliches Bewusstsein an ihm selbst relatorisch" (29), eben selbstrelational. In der Tat, doch gerade ohne diese objektivistischen Entgegensetzungen von Subjekt und Objekt, die erst später anzusetzen sind. In der Selbstrelationalität, der gegenüber alle ausdrücklich-objektivierende Reflexion sowie die Subjekt-Objekt-Differenz sekundär sind, liegt in der Tat das "Geheimnis" von Bewusstsein und Selbstbewusstsein. Die höchst komplizierten Konstruktionen, die Utz anstellen muss, um der reflexio implicita (nicht-objektivierender Vollzugs- und Selbsterkenntnis) und der Natur des Bewusstseins als Selbstbegleitung auszuweichen, dienen der Ausbügelung eigener objektivistischer Vorurteile. Das hohe Niveau von sehr künstlichen Hilfskonstruktionen wie "asymmetrisch ungleichgültige Bezüglichkeit" und dergleichen mehr dient jedoch weder der Verständlichkeit noch der existentiellen Erhellung von Selbstbewusstsein mit seinen Spielarten. Der Autor wird erwidern, dass ich ihn nicht verstanden hätte. Wenn dies trotz aller immerhin gegebenen Voraussetzungen zutrifft, liegt dies wohl nicht am Rezipienten und an der Stichhaltigkeit seiner sozusagen privatsprachlichen Bewusstseinstheorie, sondern am folgenreichen Übergehen der impliziten oder gelebten Selbstreflexion - womit er freilich dem gegenwärtigen Mainstream zugehört.


Über die Volksgemeinschaft der Deutschen: Begriff und historische Wirklichkeit jenseits historiografischer Gegenwartsmoden
Über die Volksgemeinschaft der Deutschen: Begriff und historische Wirklichkeit jenseits historiografischer Gegenwartsmoden
von Peter Schyga
  Taschenbuch
Preis: EUR 36,00

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Das Thema zieht an, nicht die Durchführung, 28. Oktober 2015
Der Autor weiß sehr detailliert über Einzelheiten des Missbrauchs von 'Volksgemeinschaft' durch den Nationalsozialismus zu berichten. Inwiefern und wo genau er sich dabei gegen 'historiographische Gegenwartsmoden' absetzt, ist eher Sache fachinterner Nuancen. Was allerdings die Seite des 'Begriffs' (vgl. Untertitel) angeht, kommt diese entschieden zu kurz. M.E. würde zu einer Historiographie auf der Höhe der Zeit eine enge Verbindung zur sozialen Systemtheorie gehören, wie sie vor allem Immanuel Wallerstein in seinen historisch versierten Werken zur Weltsystemtheorie praktiziert (auch wenn ich dessen systemtheoretische Grundlagen nicht ganz zureichend finde).
Den offenkundigen Mangel an begrifflicher Durchdringung des Problems Gemeinschaft und Gesellschaft versucht Schryga einerseits im Hauptteil durch ein ausführliches Zitat von Max Weber (35) zu ersetzen, der bereits die gemeinschaftliche Dimension der Gesellschaft (in Anschluss an und in Abgrenzung zur der etwas nostalgischen Dichotomie von Ferdinand Tönnies) hervorgehoben hat. In heutiger Handlungs-Systemtheorie nach T. Parsons, namentlich in der Reflexions-Systemtheorie der Gesellschaft, ist Gemeinschaft nichts anderes als die volkskulturelle oder kommunikative Ebene der Gesellschaft (im Unterschied zur wirtschaftlichen, politischen sowie der weltanschaulichen Grundwerte-Ebene), hat somit ' gerade unter Voraussetzung der modernen Differenzierung - einen besonderen, eben den kommunikativen Platz im Gesellschaftsgefüge.
Anderseits versucht der Autor in der ausführlichen Einleitung von 21 Seiten offenbar diese begriffliche Seite nach- oder vorzuholen. Er deutet, bei berechtigter Kritik an der unzureichenden Bearbeitung des Themas nach dem Hitler-Krieg an, dass Volksgemeinschaft für ihn kein bloßer Mythos sei: 'Die Erzählung, dass die Deutschen ein Volk der Klassenharmoniker gewesen, dass sie von Sehnsüchten, die allerdings noch nie jemand gemessen und qualifiziert hat, nach Aufhebung der von Klassenschranken getrieben wären und sich deshalb so empfänglich für die Versprechungen einer Volksgemeinschaft gesehnt hätten, sitzt tief. Heute im wissenschaftlichen Diskurs daran anzudocken, macht sie nicht plausibler. ' Teile der Forschung wiederum beharren auf der Nichtexistenz einer Volksgemeinschaft und erklären sie zum Mythos' (24). Ich kann nicht erkennen, wo der rational 'Messende' sich vom der Degradierung des Gemeinschaftsgedankens zum bloßen Mythos sowie, losgelöst vom bekannten Missbrauch der Volksgemeinschaft bei den Nazis, in einer begrifflichen und gesamtgeschichtlichen Denkweise mit dem Werterleben von volkskultureller Gemeinschaft, auch in moderner Gesellschaft, befasst.
Das Gemeinschaftserlebnis dürfte selbst bei der derzeitigen Willkommenskultur gegenüber den Einwandern aus Not eine Komponente für die erfreuliche Hilfsbereitschaft der Deutschen sein, nach dem Motto: Ihr seid noch Fremde, doch ihr sollt zu uns gehören, wenn ihr euch kulturell solidarisch zeigt, d.h. nicht nur an unserem Wohlstand partizipieren, auch nicht nur unserer Rechtsgemeinschaft anbequemen, sondern auch in unser Gemeinschaftserleben einschwingen wollt und könnt, was mit blutsmäßiger Herkunft schon lange nicht mehr viel zu tun hat.
Ich finde vielmehr folgende schräge, vollkommen unzureichende Alternative bei diesem sich so rational gebenden Geschichtsforscher: 'Die eigentlich spannende Frage aber lautet, ob und wenn ja, wie lange die deutsche Volksgemeinschaft nach dem Untergang der NS-Herrschaft fortgewirkt hat. Um diese Frage beantworten zu können, muss die Volksgemeinschaft, von der die Rede ist, analytisch auf ihren Kern reduziert werden, eben decodiert werden. Dieser Kern wird hier bezeichnet als der völkisch-imperiale Zusammenschluss um eine gefühlte Rassengemeinschaft der als zugehörig definierten oder sich selbst definierenden Deutschen in Gegnerschaft zu einer Gesellschaft, wie sie in der Moderne als Zusammenschluss Gleicher zum Aufbau und zur Pflege eines Gemeinwesens in diskursiver Auseinandersetzung entwickelt worden ist' (21). Schyga kümmert sich also allein um die krude Alternative von Blutsgemeinschaft und 'Diskursgesellschaft' ' ohne dabei natürlich, wie üblich, zu sagen, was das pseudo-rationale Modewort 'Diskurs' hier heißen soll.
Vor der Nazizeit scheint es für diesen Kurzzeit-Historiker kein Gemeinschaftserleben der Deutschen gegeben zu haben, so dass von einem Missbrauch deutschen Geistes und volkskulturellen Gemeinschaftserlebens (wie ihn etwa Hermann Glaser in seinen Büchern, z.B. 'Wie Hitler den deutschen Geist zerstörte', 2005, hervorragend dargestellt hat) gar nicht die Rede sein könnte. Die für die NS-Analyse so wesentliche Figur des Missbrauchs begegnet kaum. Der Autor steht 'vor dem erstaunlichen Befund, dass Volksgemeinschaft als angeblicher Schlüsselbegriff für das Verstehen des Verhaltens der handelnden Menschen unter der NS-Herrschaft nicht entschlüsselt, nicht decodiert wird' (19). Noch erstaunlicher ist es, wenn ein Historiker diese Volksgemeinschaft, geradezu geschichtslos, nur mit Episoden 'decodiert' und erst mit den Nazis beginnen wie dementsprechend bei diesen enden lässt! Wobei selbstverständlich das zeitgebundene Wort von der Sache zu unterscheiden ist. Das Buch hat mich vom Titel her angezogen, von der Durchführung her leider nicht.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 3, 2015 7:10 PM CET


Der Angriff auf den Nationalstaat
Der Angriff auf den Nationalstaat
von Thierry Baudet
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

19 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Von Nostalgie zum konstruktiven Gegenangriff!, 8. Juli 2015
Das Buch erschien zuerst 2013 auf Niederländisch. Es stellt den Fanfarenruf eines geschichtlich und rechtlich hochgebildeten jungen Mannes von Anfang Dreißig dar: Der europäische Nationalstaat sei eine kostbare Errungenschaft der europäischen Neuzeit, worin sich Kulturgemeinschaften eine rechtliche Souveränität geben, unabhängig von der einst gemeinsamen Religion. 'Kultur' wäre die Kurzformel für das Wir-Gefühl, die Gemeinsamkeit in Werten, die unabdingbare Voraussetzung für den demokratischen Rechtsstaat ist. ('Geteilte Kultur' würde wohl unmissverständlicher mit 'gemeinsamer Kultur' und 'kultureller Gemeinsamkeit' übersetzt. Überhaupt geht einiges an sprachliche Prägnanz und Brillanz durch die Übersetzung verloren, abgesehen speziell von dem unterschiedlichen Klang des Wortes 'Nationalismus' im Niederländischen und Englischen gegenüber dem Deutschen, wo allenfalls von Nationalgefühl oder Patriotismus noch in einem positiven Sinne geredet werden kann.) Jenen Zusammenhang von Wir-Bewusstsein und Rechtsstaatlichkeit also sieht Thierry Baudet von zwei Seiten gefährdet: einerseits von Seiten des Supranationalismus der internationalen Institutionen, anderseits von Seiten des Multikulturalismus.
Zum Letzteren: Dieses Buch ist das erste, das mir begegnete (von meinen eigenen abgesehen), worin 'multikulturell'
einmal definiert wird. Gewöhnlich lebt diese Vokabel gerade davon, dass ihre Bedeutung im Unklaren gelassen wird. Diversität und kulturellen Reichtum, auch durch Einwanderer-Kulturen, bejaht Baudet. Entscheidend für die von ihm kritisierte 'multikulturelle' Mentalität ist jedoch: die Leugnung oder stillschweigende Verleugnung einer dominierenden kulturellen Einheit, die auch von den Migranten (mit ihren Sekundärkulturen, wie ich sie in einem soziologischen Sinne nenne) anerkannt werden muss. In dieser Hinsicht ist dem Autor nachdrücklich zuzustimmen. (Nebenbei: Schon Herder und Fichte vertraten einen kulturalistischen, keinen blutmäßigen Begriff von Volk! Dies ist das einzige geschichtliche Faktum, worin ich dem kenntnisreichen Historiker widersprechen muss.)
Was den Supranationalismus angeht, so sieht Baudet diesen zum einen in den supranationalen Gerichtshöfen (Internationaler Strafgerichtshof, Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte, Internationaler Gerichtshof) verwirklicht, zum andern in Organisationen wie Welthandelsorganisation, UN-Sicherheitsrat und vor allem in der Europäischen Union. Letztere sei weder Fisch noch Fleisch: weder rechtliches Arrangement souverän bleibender Staaten noch eine Föderation mit neuem staatlichen Status. Solche 'Vereinigten Staaten von Europa' lehnt der junge Niederländer als kulturnivellierend entschieden ab, findet die Vorstellung geradezu lächerlich. Sie wird in Europa auch fast nur von deutschen Identitätsflüchtlingen (Multikulturalisten) vertreten.
Dass es einen Weg zwischen Kulturnivellierung und bloßem Arrangement von Nationalstaaten alten Stils gibt, nämlich den Weg der Differenzierung der Systemebenen Wirtschaft, Rechtspolitik, Kultur und Grundwerte in einer europäischen Föderation, diese systemtheoretische Sichtweise konnte Thierry Baudet aus seinen erstaunlich reichen Geschichtskenntnissen allerdings nicht bekannt werden. Dazu bedarf es aktueller Reflexions-Systemtheorie wie in '"Die Logik des europäischen Traums'". Auch dort geht es um volle Anerkennung der kulturellen Identitäten einerseits wie anderseits Zurückweisung eines neoliberalen Supranationalismus, der die Nationen als Erscheinungen von Gestern erklären will. Vielleicht gelingt dem vielversprechenden Autor dieser Schritt in eine konstruktive Sicht von Europa unter der Motto 'Integration durch Differenzierung', nämlich europaweiter Differenzierung besagter Systemebenen, in einem zweiten Anlauf? Das Problem Europas erweist sich immer mehr als identisch mit der Weiterentwicklung unserer Demokratien zu einer Synthese von direkter und repräsentativer Ausübung der Volkssouveränität, die dem Autor so teuer ist. Die Abwehr des Angriffs auf den Nationalstaat kann so zum konstruktiven Gegenangriff werden! Dazu bedarf es solcher intelligenter (nicht bloß emotional-populistisch geladener!) Köpfe, die den üblichen Stumpfsinn der Parteienpolitik und ihrer akademischen wie publizistischen Handlanger in Richtung "multikultureller" Zukunft auf europäischer Ebene durchbrechen.


Die Denkfabriken: Wie eine unsichtbare Macht Politik und Mainstream-Medien manipuliert
Die Denkfabriken: Wie eine unsichtbare Macht Politik und Mainstream-Medien manipuliert
von William Engdahl
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,95

17 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ist der Teufel mit Beelzebub auszutreiben?, 13. Juni 2015
Diese kenntnisreiche und im Ton sachliche Darstellung der "geistigen" Gestaltung der Welt
durch die Think Tanks der amerikanischen Hochfinanz und ihr fast allmächtiges Netzwerk öffnet die Augen und kann nur Schrecken auslösen. Die dargestellte reale Karikatur geistiger Gestaltung der sozialen Verhältnisse - die Manipulation von Gedanken und Sprache über das Geld, über eine hörige Presse bis weit in das akademische Honoratioren- und Mitläufertum hinein - erklärt das Scheitern aller echt geistigen Bemühungen, auch in unserem vorgeblichen "Land der Ideen". Ein Grundzug dieser geistigen Globalisierung amerikanischer Prägung besteht in der Lehre, dass alle sonstigen nationalen Kulturen von Gestern sind, eine kulturnivellierende Lehre, die besonders im deutschsprachigen Mitteleuropas seit Jahrzehnten erfolgreich zum Gemeingut gerade der sich fortschrittlich dünkenden Parteien lanciert wurde.

Noch größer aber ist mein Erschrecken darüber, wie diese Realkarikatur vom Autor paradoxerweise als Vorwand für noch beschränktere und noch gefährlichere Karikaturen geistiger Gestaltung der gesellschaftlichen Wirklichkeit genutzt wird, so für den Putinismus. Auch nur Andeutungen in diese Richtung kompromittieren den Ertrag dieser wichtigen Recherchen. Im Vergleich: Konnte ein Hitler etwa als Alternative zu den damals schon mörderischen Manipulationen der Hochfinanz gerechtfertigt werden? Wir kämen aus diesen Teufelskreisen wohl nur heraus durch effektive, volle Unterstützung konstruktiver Entwürfe, durch strukturelle Ermöglichung wirklicher geistiger Gestaltung und Wertverwirklichung. Doch die scharfsinnigsten Kritiker des Bestehenden wie William Engdahl lassen derweilen auch diejenigen im Regen stehen, die sich unter Entbehrungen gegen den Mainstream stellen und für "Wertedemokratie" und "Revolution der Demokratie" einsetzen, vgl. Revolution der Demokratie: Eine konstruktive Bewusstseinsrevolution. So bleibt uns also nichts, als den großen Crash des neoliberalen Globalismus für die Chance konstruktiver Ideen abzuwarten?! Auf jeden Fall wirft das bemerkenswerte Buch des Enthüllungsverlages Kopp unerbittlich eben diese Fragen auf.


Im Namen der Menschlichkeit: Rettet die Flüchtlinge!
Im Namen der Menschlichkeit: Rettet die Flüchtlinge!
von Heribert Prantl
  Taschenbuch
Preis: EUR 3,99

9 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Bitte gehen Sie noch einen Schritt weiter, Herr Prantl!, 7. Juni 2015
Der Moralist der Nation, Heribert Prantl, läuft in diesem pointierten und brillanten Manifest zur Hochform auf: weil seine moralischen Forderungen in den Fakten und in seinen Rechtskenntnissen klar fundiert sind sowie zu konkreten Handlungspostulaten werden. Erstens: Flüchtlinge, die in den Transitländern Schutz gefunden haben, brauchen europäische Hilfe.- Zweitens: Es muss halbwegs sichere Fluchtrouten geben, halbwegs sichere Wege ins europäische Asyl.- Drittens: Das sogenannte Dublin-System wird ersatzlos abgeschafft.- Viertens: An die Stelle der Flüchtlingsabschreckungspolitik (...) muss eine gute Sozialpolitik treten. - Fünftens: Flüchtlinge wohnen künftig in Wohnungen, nicht in Verschlägen. Massenunterkünfte sind auf längere Dauer menschenunwürdig. - Sechstens: Der derzeitige Umgang mit Flüchtlingskindern verstößt massiv gegen die Kinderrechtskonvention als in Deutschland und Europa geltendes Recht" (24-29). - Europa braucht keine Abwehrkommissare und keine Abwehrminister. Europa braucht Einwanderungsminister und Einwanderungsbürgermeister. (...) Es gibt viele Landschaften in Europa, die weitgehend entvölkert sind (...) .Dort könnten Flüchtlinge angesiedelt werden. Das wäre der Auftakt zu einer neuen europäischen Gründerzeit" (31)."

Dies aber setzt, von Einzeldiskussionen abgesehen, ein grundlegendes Umdenken voraus, eine Bereitschaft, im Namen des gemeinsamen Menschseins die Lebens- und Wohlstandschancen zu teilen, zu allseitigem Nutzen, was jedoch keineswegs verwechselt werden darf mit der kulturnivellierenden Multi-Kulti-Mentalität. Prantls Forderungen lassen sich nur umsetzen und durchsetzen, wenn Europa sich ganz entschieden auf seine Grundwerte besinnt und diesen Strukturen ihre konkreten demokratischen Umsetzungsmöglichkeiten schafft. Es geht um neue Strukturen einer Wertedemokratie: durch Gliederung des Parlamentarismus in unabhängig voneinander gewählte Kammern 1. für Wirtschaft, 2. für Politik im engeren Sinne der Rechts- und Machtpolitik, 3. Kultur, 4. Grundwerte.Revolution der Demokratie: Eine konstruktive Bewusstseinsrevolution Ohne diese durchgreifende Grundlagenbesinnung und Strukturveränderung wird in Europa und seinen Nationen weiterhin der grausame Egoismus des kapitalistisch verfälschten Wettbewerbs herrschen - der übrigens teils selbst die Not erzeugt, aus der die Flüchtlinge fliehen. Die europäischen Nationen können jedoch nur wirklich gastfreundlich-aufnahmebereit sein, wenn der kulturellen Ebene, also den nationalen Identitäten, dabei voll Rechnung getragen wird, ebenso wie den übergeordneten menschenrechtlichen, humanistischen Grundwerten (um das harte Wort christlich" gar nicht zu verwenden). Mehr und mehr komme ich zu der Überzeugung, dass dieses Konzept einer viergliedrigen Wertedemokratie - weit davon entfernt, bloß ein intellektueller Wunschtraum zu sein - gerade von der aktuellen Notsituation der nach Europa flüchtenden Menschen höchst gebieterisch gefordert wird. Ich würde deshalb Sie, lieber Herr Prantl, gern für dieses einzige ganzheitliche Demokratie- und Regierungskonzept erwärmen!


Was ich noch sagen wollte
Was ich noch sagen wollte
von Helmut Schmidt
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,95

2 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Offener Brief, 27. Mai 2015
Rezension bezieht sich auf: Was ich noch sagen wollte (Gebundene Ausgabe)
Verehrter Helmut Schmidt, Ihr jüngstes Buch hat mich tief beeindruckt durch die Fülle der Begegnungen mit Autoren (angefangen vom Kaiser Marc Aurel) und bedeutenden lebenden Personen bis hin zu den chinesischen Führungspersonen. Ihre realistische Bescheidenheit in der Selbstdarstellung bei diesen Begegnungen ergibt sich aus Ihrer Intelligenz, die wohl zusammen mit dem ethischen Impuls Ihr Betriebs"- und Erfolgsgeheimnis ist. Ihr Eklektizismus, den Sie sich selbst zuschreiben, die Aneignung der Essenz dessen, was zu Ihnen persönlich passt, brachte Sie in Resonanz zu so vielen Menschen von Format und ermöglichte Ihre schriftstellerische Produktivität außer Dienst".

Bei einer Ihrer Begegnungen mit Oswald von Nell-Breuning, anno 1977, war ich es, der bei einem Empfang in der Jesuitenhochschule Sankt Georgen als junger Mann neben dem Nestor" oder, wie Sie sogar formulieren, dem Schöpfer der katholischen Soziallehre" stand und den Sie fragten, ob er sein Schüler sei. Ich war damals bereits von traurigen Gedanken an den mir notwendig erscheinenden Austritt aus dem Orden erfüllt und war daher nicht imstande, Ihnen schlagfertig genug etwas Witziges antworten, nämlich dass der Nestor derzeit unter meinen Studenten saß. Sie schreiben, dass die Botschaft, die von Oswald von Nell-Breuning ausging, anhalte und noch nicht an ihr Ende gekommen sei. Heute würde ich Ihnen gern als nachgeholte Antwort die Botschaft nahelegen, dass wir das Konzept einer reflexiv gestuften Wertedemokratie verwirklichen müssen, das gerade damals im Beisein von und mit Zustimmung des Nestors zum Durchbruch gelangte und das Ihnen bei diesem Empfang vom Rektor der Hochschule in Gestalt des Buches Reflexion als soziales System" überreicht wurde. Es war der Vorläufer von Revolution der Demokratie". Ihnen wie mir selbst würde ich wünschen, dass Sie in Ihrer am Schluss Ihres Buches erbetenen Weisheit der Unterscheidung des Wesentlichem vom Unwesentlichen diese konstruktive und notwendige Weiterentwicklung unseres demokratischen und parlamentarischen Systems noch ins Auge fassen und sogar fördern würden. Die Schicksalsmächte mögen es weiter so gut mit Ihnen als einem Leuchtturm unseres Landes meinen!


Zivilisierte Verachtung: Eine Anleitung zur Verteidigung unserer Freiheit (edition suhrkamp)
Zivilisierte Verachtung: Eine Anleitung zur Verteidigung unserer Freiheit (edition suhrkamp)
von Carlo Strenger
  Broschiert
Preis: EUR 10,00

12 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Aufklärung versus Political Correctness, 8. Mai 2015
Der schweizerisch-israelische Sozialpsychologe und Publizist verteidigt mit großer Beredtsamkeit die Werte der westlichen Aufklärung gegen die derzeit herrschende political correctness, welche die Wertunterschiede der kulturellen, politischen und philosophischen Positionen vor lauter relativistischer Pseudoaufklärung nicht mehr gelten lassen will. Es geht ihm darum, dass z.B. kritische Karikaturen bezüglich Mohammed oder Jesus oder auch Moses möglich sein müssen, ohne dass es zu Ausschreitungen der Gekränkten kommt. Das Prinzip der zivilisierten Verachtung ist als Hilfsmittel der prinzipiell unvollendeten Aufklärung zu verstehen und muss in diesem Kontext gedacht werden" (86). Kurz, gegenseitige, sachliche wie unsachliche Bewertung bis hin zur Verachtung muss möglich sein, ohne dass dies zu Gewalt führt. Das ist aufklärerische Liberalität.

Nur kurz streift er die Zustände an unseren Universitäten, wo postmodern" das relativistische Verständnis für alles und jedes angesagt ist - nur nicht mehr für große Theorien, wie sie die aufklärerischen Philosophen selbst noch vertraten und mit ihrem Lebensblut bezahlten. Herrscht nicht vor allem dort derzeit die politische Korrektheit des letzten Menschen" (Nietzsche), der über die alten Wahrheitsansprüche und Werte abgebrüht lächelt und blinzelt"? Wenn ich richtig sehe, ist das seit dem französischen Poststrukturalismus eines Derrida und der Postmoderne eine Lyotard besonders krass ausgeprägt, verbunden mit einer Ablehnung der großen Erzählungen" und Theorien der Meisterdenker" (Glucksmann). Während in Frankreich das denkerische Elend jedoch durch elegante Rhetorik überdeckt wird, begnügen sich die deutschen Schulmeister in Philosophie, Geistes- und Sozialwissenschaften hauptsächlich mit Historismus: Philologie dessen, was Verstorbene (auch Jüngstverstorbene wie N. Luhmann) mal gedacht haben, was aber diese Schulmeister selbst, beileibe, nicht zu verantworten haben. Ich möchte den Analysen Strengers nicht nur zustimmen, sondern sie besonders in Bezug auf die zivilisierte Verachtung" akademischen Elite" erweitern.

In seinen Schlussfolgerungen scheint er mir jedoch etwas hinter sein eigenes Grundanliegen zurückzufallen. Wie soll man folgenden Passus gegen Ende verstehen: Im Fanatismus der großen Heilslehren erblicken sie [Liberale], mit guten Gründen, eine schreckliche Drohung. Der Liberalismus zieht daraus den Schluss, dass Ideologien nie wieder die Politik bestimmen dürfen. An ihre Stelle setzt er die individuelle Freiheit sowie das Recht, sein Leben nach bestem Wissen und Gewissen selbst zu gestalten, Meinungen offen zu äußern und sich vor keiner Autorität fürchten zu müssen" (91). Damit allein, ohne den Mut auch zu großen Entwürfen, sind wir aber nicht weit weg vom Blinzeln des letzten Menschen!

Ein wenig verfängt sich Strenger in der Dialektik der political correctness: "Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass die Ausbreitung der freiheitlichen Grundordnung den ganzen Globus erfassen wird. Die These, dass diese Ordnung mit der westlichen Kultur verbunden ist, welche sie historisch hervorgebracht hat, kann nicht einfach aus politischer Korrektheit verworfen werden, immerhin gibt es viele empirische Indizien, die in diese Richtung gehen" (87)Damit will er zwar die These, das neuzeitliche Freiheitsbedürfnis sei europäischen Ursprungs, gegen die PC verteidigen, scheint aber doch bereit, dies mit dem französischen Historiker Fernand Braudel als bloß europäisches Spezifikum zu relativieren, darin nun seinerseits politisch schön korrekt. Dass aber etwas universal Gültiges und global Unverzichtbares an Freiheit in Europa zum Durchbruch kam, ist wohl einfachhin korrekt - auch wenn Europa selbst anderes von anderen Kulturen lernen kann! Dass die Idee universaler Menschenrechte heute selbst des Kolonialismus verdächtigt wird, auch von Prominenten, die sehr für Poppers "offene Gesellschaft" antreten (wie Helmut Schmidt, ist ein Beispiel für die intellektuelle Leisetreterei, gegen die das Buch angetreten ist.


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