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Beiträge von Dr. Chrilly Do...
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Rezensionen verfasst von
Dr. Chrilly Donninger "vulgo Chrilly" (Altmelon, Waldviertel)

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Eleganter Unsinn. Wie die Denker der Postmoderne die Wissenschaften mißbrauchen
Eleganter Unsinn. Wie die Denker der Postmoderne die Wissenschaften mißbrauchen
von Alan Sokal
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen Brilliante Demaskierung intellektueller Hochstapelei., 11. Juli 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ausgangspunkt des Buches ist die von A. Sokal verfasste Parodie "Die Grenzen überschreiten: Auf dem Weg zu einer transformativen Hermeneutik der Quantengravitation". Es ist Sokal problemlos gelungen diesen absichtlich mit Unsinn gefüllten Text in der Zeitschrift Social Text - dem Zentralorgan der amerikanischen Postmoderne - unterzubringen.
Das Buch behandelt das Ausgangsmaterial dieser Parodie. Die Texte der Postmodernen Vordenker Jaqcues Lacan, Julia Kristeva, Luce Irigaray, Bruno Latour, Jean Baudrillard, Gilles Deleuze und Felix Guattari sowie Paul Virilo. Es werden längere Passagen aus ihrem Werk samt Anmerkungen der beiden Autoren präsentiert. Ich habe Mathematik und Physik studiert. Es verschlägt einem den Atem mit welcher Unverfrorenheit diese angeblichen Intellektuellen Größen in ihren Werke mit willkürlich ausgewählten Zitaten und Schlagwörtern aus diesen Gebieten um sich werfen. Es ist offensichtlich, dass sie von der Sache nichts verstehen. Es gibt auch keinen wie immer gearteten Zusammenhang mit ihrem eigenen Fachgebiet. Es ist schlicht und einfach intellektuelle Hochstapelei. Besonders bizarr wird es, wenn selbst ein richtiger Gedanke auf Grund von fehlender Fachkenntnis und mangelnder intellektueller Redlichkeit vergurkt wird. Es ist unbestritten, dass die Forschung in der Physik und - wenn auch in abgeschwächter Form - jene der Mathematik von gesellschaftlichen Machtverhältnissen beeinflusst wird. Das Forschungsgeld bestimmt die Forschungsrichtung. Das heißt nicht, dass deswegen die Forschungsergebnisse selbst falsch sind. Die Atombombe soll möglichst effektiv explodieren. Das tut sie nur, wenn die dahinterstehende Theorie richtig ist. Aber es gäbe auch Dutzende andere Forschungsrichtungen die wissenschaftlich gesehen genauso interessant wären.
Und was macht Luce Irigary daraus? Die Hydrodynamik ist im Verhältnis zur Festkörperphysik unterentwickelt, weil das Feste mit Männern, mit dem männlichen Phallus, und das Flüssige mit dem weiblichen, der Vagina, der Menstruation, in Verbindung stehen. Die männlichen Physiker haben Angst vor dem Weiblichen. Aus diesem Grund haben sie um die Hydrodynamik einen möglichst weiten Bogen gemacht. Das tut - wenn man nur ein bisserl Ahnung von der Sache hat - richtig weh. Die Theorie der Hydrodynamik - die Navier-Stokes-Gleichung - wurde von Claude Navier bereits 1822 geschaffen und von George Stokes weiter ausgearbeitet. Diese Gleichung und ihre Anwendung gehört zu dem am besten erforschten Gebieten der Mathematik und Physik. Man wird in den Pantheon der Mathematik aufgenommen, wenn man die Frage, ob diese Gleichung im dreidimensionalen immer eine Lösung hat, klärt. Zusätzlich erhält man noch 1 Million $ bar aufs Handerl. Aber es ist z.B. die Berechnung der Aeordynamik einer Raumkapsel beim Wiedereintritt in die Erdathmosphäre ein extrem kompliziertes Problem. Es treten nicht nur Turbulenzen auf, sondern es geht durch die Erhitzung ein Teil der atmosphärischen Grenzschicht in den Plasmazustand über. Die Vorstellung Raumfahrt-Wissenschafter würden sich mit dieser Frage nicht intensiv beschäftigen, würden lieber die Raumkapsel verglühen lassen, weil ihnen vor diesem "weiblichen Problem" graust, ist einfach nur Jenseits von Dumm und Dämmlich (Ich bringe dieses Beispiel weil ich einige Jahre in der Raumfahrt-Forschung gearbeitet habe). Luce Irigary hätte - bevor sie diese Behauptung aufstellt - einfach ein Lehrbuch zur Hydrodynamik durchblättern können. Sie muss es ja nicht verstehen, aber sie hätte sich auf diese Art und Weise überzeugen können, dass einige Fragen der Hydro- und Aerodynamik wirklich kompliziert sind und es nicht aus Jux und Laune der Wissenschafter auf diesem Gebiet noch weisse Flecken gibt. Aber irgendetwas auch nur auf elementare Weise empirisch zu überprüfen, gehört nicht zum methodischen Kanon der Postmoderne. Beim Studium dieser Texte weiss man nicht recht, ob man angesichts dieser vollen Ladung von aufgeplusterter Dummheit Lacen oder Weinen muss. Die Parodie ist hingegen ein Gustostückerl feinster und amüsanter Ironie. Als Mathematiker gefällt mir folgende Stelle besonders:
"Das zweite Beispiel (für die enge Verflechtung von Mathematik und Atomindustrie C.D.) ist Laurent Schwartz 1973 erschienenes Buch über Radon-Maße. Dieses Werk ist zwar fachlich interessant, aber, wie der Titel deutlich macht, ganz und gar geprägt durch die Befürwortung der Atomkraft, die seit Anfang der 60er Jahre für die französischen Wissenschafter charakteristisch ist. Leider war die französische Linke - vor allem, aber beileibe nicht nur die PCF - traditionell ebenso begeistert von der Atomenergie wie die Rechte".
Sokal liefert der Postmodernen Schickeria alles was sie hören will. Inklusive ihr Naserümpfen über die traditionelle Linke und verarscht sie zugleich. "Radon-Maße" haben überhaupt nichts mit dem radioaktiven Element Radon zu tun. Sie sind nach dem Begründer dieser mathematischen Theorie, Johann Radon, benannt. Es dürfte selbst einen postmodernen Schwätzer schwer fallen zwischen Radon-Maßen und Atomkraftwerken einen Zusammenhang her zu stellen. Sokal hat unzählige derartige Fallen eingebaut. Als Mathematiker biegt man sich vor Lachen wenn man die Stelle liest. Aber man kann noch verstehen, dass die Herausgeber hereingefallen sind. Es gibt aber zahlreiche andere Fallen bei denen Sokal zurecht anmerkt "Das war riskant, weil eigentlich sollten das auch ein Sozialwissenschafter merken". Sie haben nichts gemerkt.
Interessant war auch die Reaktion von Social Text als Sokal die Parodie in einem Folgeartikel aufklären wollte. Ein besonders beliebtes Schlagwort der Postmoderne ist der Diskurs. Es wird den Naturwissenschaften die Verweigerung dieses Dikurses vorgeworfen.
Dieser Beitrag wurde mit dem Hinweis, er entspreche nicht den wissenschaftlichen Kriterien der Zeitschrift, abgelehnt. Offensichtlich sind sie nur an einem Diskurs interessiert, in dem alle dieselbe postmoderne Meinung haben.
Sokal war mit seiner Demaskierung der Postmodernen Hochstapelei jedoch nicht der Erste. Eine sehr amüsante Kritik ist Camille Pagilas MIT-Vorlesung aus dem Jahr 1991. Paglia hat auf ihre Art - "rauh, schrill und anstößig" den "french rot" in der Luft zerrissen.
Siehe dazu auch meine Besprechung von: Camille Paglia: Sex, Kunst und Medienkultur: Der Krieg der Geschlechter.


The Two Cultures (Canto Classics)
The Two Cultures (Canto Classics)
von C. P. Snow
  Taschenbuch
Preis: EUR 18,91

5.0 von 5 Sternen Noch immer aktuelles Dokument einer wichtigen Debatte, 18. Juni 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Das Buch gliedert sich in 3 Teile. Die Einleitung wurde vom Herausgeber St. Collini geschrieben. Es wird der historische Kontext der Debatte hergestellt, man erfährt etwas über Herkunft und Werdegang von C.P. Snow und die von Snows Rede ausgelöste Debatte. Die ersten Teile der Einführung sind interessant, man versteht Snow und seine Motive besser. Allerdings leidet Collini am Herausgeber-Syndrom: Er nimmt sich zu wichtig. Im zweiten Teil der Einleitung spielt er sich als Oberschiedsrichter auf und gibt ein "abschließendes" Urteil der Debatte ab.
Im zweiten Teil ist die Rede-Lecture von C.P. Snow aus dem Jahr 1959 abgedruckt. Diese Rede lösste eine intensive Debatte über die von ihm aufgeworfenen Fragen auf. Snow konstatiert einen tiefen Graben zwischen der Science-Kultur (der Engl. Begriff ist enger als das Deutsche "Wissenschaft". Er entspricht eher "Naturwissenschaft" oder "harte Wissenschaft") und jener der "literarischen Intelligenz".
Eine zentrale Stelle der Rede ist "A good many times I have been present at gatherings, of people who, by the standards of the traditional culture, are thought highly educated and who have with considerable gusto been expressing their incredulity at the illiteracy of scientists. Once or twice I have been provoked and have asked the company how many of them could described the Second Law of Thermodynamics. The response was cold: it was also negative. Yet I was asking something which is about the scientic equivalent of: Have you read a work of Shakespeare".
Im 3. Teil kommentiert Snow seine Rede und die darauf folgenden teilweise sehr heftigen Reaktionen. Er gesteht ein, dass der 2. Hauptsatz der Thermodynamik kein sehr gutes Beispiel war. Der Satz ist zwar von fundamentaler Bedeutung für das Verständnis der physikalischen Welt, aber er ist für einen humanistisch Gebildeten zu schwierig. Er würde nun (1963) die DNA als Beispiel nehmen.
Für Snow sind die literarischen Intellektuellen natürliche Maschinenstürmer. Sie verstehen die technisch-industrielle Revolution nicht und sehnen sich in ein goldenes vorindustrielles Zeitalter zurück. Tatsächlich war dieses Zeitalter für den überwiegenden Teil der Gesellschaft ziemlich beschissen.
Für Snow war seine These keineswegs eine abstrakt-theoretische Frage. Das eigentliche Ziel seiner Rede war das englische Bildungssystem. Es kommt dort sehr früh zu einer Trennung in eine technisch-praktische und eine humanistische Ausbildung. Wobei die humanistische Richtung die Bildung der Oberschicht ist. Es sitzen daher an zentralen Stellen humanistisch Gebildete (oder sie beraten zumindest die an zentraler Stelle Sitzenden). Nachdem sie die moderne Welt nicht verstehen, treffen sie die falschen Entscheidungen. Snow plädiert insbesondere für eine technologische Entwicklung der 3. Welt mit Hilfe westlichen Know-Hows. Im 3. Teil des Buches meint er dass "The Rich and the Poor" ein besserer Titel für seine Rede gewesen wäre. Dieser Titel hätte sein eigentliches Thema besser zu Geltung gebracht.

Der Konflikt zwischen den beiden Kulturen stellt sich in anderen Ländern nicht so scharf, weil z.B. in Deutschland die Ingenieursausbildung einen relativ hohen gesellschaftlichen Stellenwert hat. Es findet auch die Trennung später statt. Für Österreich galt und gilt das nicht im selben Ausmass. Elite-Gyms wie das Theresianum in Wien sind humanistisch orientiert. Wobei nach meinen Erfahrungen die Absolventen zwar aus der gesellschaftlichen Elite, aus Besseren-Kreisen, kommen, geistig würde ich sie eher als "gscheit daherreden, aber nix dahinter" bezeichnen.
Es wird vielfach argumentiert, dass die ursprüngliche Fragestellung von Snow obsolet geworden ist. Für Österreich stimmt das sicher nicht. Es gab z.B. eine heftige Debatte um die Einführung von Fachhochschulen. Diese werden noch immer naserümpfend betrachtet. Etwas Praktisches und gesellschaftlich Nützliches lernen hat in dieser Konzeption keinen Bildungswert. U.A. haben sich der Universalschwätzer K.P. Lissmann und der Schriftsteller Michael Köhlmeier in der öffentlichen Debatte in dieser Richtung geäussert. Köhlmaier selbst hat 8 Jahre alles mögliche herumstudiert und zum Schluss den Bachelor im Studiumabbrechen gemacht. Nachdem die Industrie die Fachhochschul-Abgänger braucht und die Absolventen dementsprechend gute Chancen am Arbeitsmarkt haben, können sie wohl das Naserümpfen des humanistischen Prekariats verschmerzen. Die Debatte hat möglicher Weise an Aktualität verloren, da das ursprüngliche Bildungsbürgertum weitgehend ausgestorben ist.
Die neue Generation von humanistisch Gebildeten hat zwar noch immer keine Ahnung von Science, es fehlt ihr aber auch eine fundierte humanistische Bildung.

Man kann die Rede und seine Folgen natürlich auch anders interpretieren. Auf alle Fälle ist sie ein wichtiges, gut lesbares Dokument der Geistesgeschichte.


Alles über Wikipedia: und die Menschen hinter der größten Enzyklopädie der Welt (Kulturgeschichte)
Alles über Wikipedia: und die Menschen hinter der größten Enzyklopädie der Welt (Kulturgeschichte)
von Wikimedia Deutschland
  Taschenbuch
Preis: EUR 16,99

5.0 von 5 Sternen Gut lesbare, erstaunlich kritische und sehr informative Festschrift, 5. Juni 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
"Die herrschenden Gedanken sind immer die Gedanken der Herrschenden"
(Karl Marx: Die deutsche Ideologie).

Dieses Buch wurde zum 10. Jahresjubiläum der Wikipedia 2011 heraus gegeben. Es ist aber nicht die übliche Festschrift-Selbstbeweihräucherung, sondern eine erstaunlich detaillierte und kritische Aufarbeitung des Wikipedia-Innenlebens.

Mir sind schon öfters kleinere Fehler bzw. Inkonsistenzen in der Wikipedia aufgefallen. Die deutschen Einträge sind relativ oft weniger informativ als die englischen. Außerdem gebe ich den monatlichen "Chrillys Goldreport" heraus. Ich dachte mir, dass ich die Recherchen für den Goldreport in die Wikipedia einfließen lassen könnte. Diesen Gedanken habe ich schon nach dem Lesen des ebenfalls sehr guten Buches von Ziko van Dijk: Wikipedia: Wie Sie zur freien Enzyklopädie beitragen, fallen gelassen (siehe meine Rezension dieses Werkes). Dieses Buch hat mich in dieser Nicht-Absicht bestärkt.

Besonders gefallen hat mir der Beitrag von Nutzer:NEON02. Er geht auf die sehr problematischen Auswirkungen des Neutral-Point-Of-View (NPOV) Dogmas in der Wikipedia ein. Es ist eine schöne Ausarbeitung des Marx Zitates. Insofern ist es auch unsinnig wenn rechte Kritiker hinter der Wikipedia eine Mainstream-Verschwörung wittern. Es ist die unmittelbare, logische Konsequenz des NPOV. Aber gut, diese eher einfach gestrickten Kritiker lesen auch nicht Marx und müssen dann ihr Schwarzes Loch an Einsicht mit Verschwörungstheorien ersetzen (Intelligente Rechte wissen hingegen Marx und vor allem Gramsci durchaus zu schätzen).

Ebenfalls sehr gut hat mir der Beitrag von Benutzer:Stefan64 gefallen. Er schreibt u.A. "Wikipedia selbst betrachtet sich nicht als Demokratie, sondern als Mischung verschiedener Mitwirkungsmöglichkeiten, aus denen sich im Laufe der Projektentwicklung eine komplexe Machtstruktur entwickelt hat". Andere Autoren nennen es Bürokratie. Mit den für Bürokratien typischen Auswirkungen: "Tatsächlich handelt es sich im Grunde um eine recht ineffiziente Methode, qualitativ hochwerte Inhalte zu erstellen und zu sichern. Entscheidungen zu treffen und durchzusetzen ist mit ständigen, oft langwierigen Diskussion verbunden". Mein Lob für Stefan64 ist eine Verletzung der NPOV. Stefan64 ist der Hauptautor meines eigenen Wikipedia Beitrags. Ihm verdanke ich eine Viertelstunde Ruhm.

Witzig und gleichzeitig eine sehr feine Analyse der Medienkultur ist Arne Nordmann: Kaffeeservice und Bügelbrett: Von der Wikipedia ohne Umwege in die Köpfe.
Die Deutschen Fussball Damen haben für ihren EM-Titel 1989 als Siegesprämie ein Kaffeeservice erhalten. Ein Witzbold hat dem noch "und ein Bügelbrett" hinzugefügt. Dieser offensichtliche Scherz geisterte in Folge durch alle Medien, Springer, FAZ, taz .... Keiner der Journalisten ist jemals auf die Idee gekommen beim Pressebüro des DFB anzurufen, ob denn das wirklich wahr ist. Recherche war einmal.

Es sind natürlich nicht alle Beiträge von derselben Qualität. Das ist in jedem Sammelband so. Im Großen und Ganzen ist es jedoch ein sehr vielstimmiges, buntes und interessantes Bild aus dem Inneren, aus der Maschinenhalle und auch der Löschhölle, der Wikipedia. Ich habe das Buch mit Vergnügen gelesen und gleichzeitig einiges gelernt. Was will man mehr von einem Buch. Ich finde es auch beachtlich, dass man sich zu einer derartig kritischen Festschrift durchgerungen hat. Das ist meines Erachtens nicht selbstverständlich. Wahrscheinlich gab es über diese Frage eh ein grosses Stechen und Hauen. Persönlich hätte ich daran nur mässig Gefallen gefunden. Aber als Leser und Konsument ist mir das wurscht. Es zählt wie bei der Wikipedia das erfreuliche Endergebnis.


Das Wikipedia-Universum: Wie das Internet unsere Wissenskultur verändert (Kultur- und Medientheorie)
Das Wikipedia-Universum: Wie das Internet unsere Wissenskultur verändert (Kultur- und Medientheorie)
von Daniela Pscheida
  Broschiert
Preis: EUR 29,80

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Unleserlich, 5. Juni 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Die Computerzeitschrift c't hat unlängst den Font vergrößert. Die Stammleser kommen nun in ein Alter, in dem man einen größeren Font als Wohltat empfindet. Ich gehöre dazu.
Der Font ist in diesem Buch kleiner als in allen anderen meiner 3000 Bücher (inkl. Reclam-Hefte). Ich kann es gerade noch lesen. Bei den noch kleiner gesetzten Zitaten und Fussnoten tun mir jedoch die Augen weh. Diese extra klein gesetzten Bereiche sind im Buch nicht unwichtig. Bereits auf der ersten Seite ist die Fussnote länger als der Haupttext.
Da schreibt eine Medienwissenschaftlerin ein Buch und macht sich offensichtlich keinerlei Gedanken über die Lesbarkeit im unmittelbarsten Sinn des Wortes. Der Verlag ist daran auch nicht Schuld. Mit mehr als 500 Seiten hatte die Autorin ein üppiges Seitenbudget. Offensichtlich hat sie ihre Diss. oder Habil. uneditiert genommen und zwischen zwei Buchdeckel gepresst. Und weil die dicker als 500 Seiten war, wurde das Problem über den Font "gelöst" anstatt die Arbeit entsprechend zu überarbeiten.
Ich habe trotzdem versucht zumindest Abschnitte zu lesen. Es zahlt sich nicht aus seine Augen wegen dieses Textes zu ruinieren. Es ist alles bieder, brav gemacht. Deutsche Beamtenwissenschaft ganz nach Vorschrift. Es fehlt aber jeder Esprit, jeder origineller Gedanke, es ist weder quantitativ-empirisch, noch werden irgendwelche großartigen Theorien entwickelt. Es ist Widerkauen der übrigen Beamtenwissenschaft.
Es hat mich besonders das Thema Wikipedia interessiert. Steht ja auch am Umschlag. Zu diesem Thema ist das von der Wikimedia herausgegebene "Alles über Wikepedia" viel aufschlussreicher, interessanter, detaillierter und vor allem viel spritziger formuliert. Die Wikimedia ist zu ihrem eigenen Kind auch viel kritischer als die Autorin. Das Wikimedia Buch ist auch in einem gut lesbaren Font gedruckt.

Die guten Bewertungen für dieses Werk stammen wohl von Rezensenten aus der unmittelbaren Umgebung der Autorin. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein interessierter Laie an diesem Buch Gefallen findet. Wahrscheinlich sind der Autorin diese Leser auch vollkommen egal. Es
geht ihr nur ums Renommee, um das Tüpferl aufs I im CV, im eigenen akademischen Dunstkreis.

Ich habe mir beim - teilweisen - Lesen dieses Buches auch eine Frage gestellt: Es wird immer über zu geringe Forschungs- und Hochschulbudgets gejammert. Ich gehe einmal davon aus, dass die Arbeit der Autorin den State of the (Un-)Art in ihrer Disziplin wider gibt. Und dann frage ich mich, ob man nicht das Geld für dieses ganze "irgendwas mit Medien" Zeugs anderen Bereichen geben sollte, die tatsächlich noch Wissenschaft betreiben. Offensichtlich ist diesem Bereich auch die Aufklärung eines breiteren Publikums kein besonderes Anliegen. Es wollen nur Leute, denen das intellektuelle Rüstung für richtige Wissenschaft fehlt, so tun als ob sie Wissenschaft betreiben würden. Aber das sind die Ansichten eines Mathematikers und alten Hackers, der vielleicht die Feinheiten der zweiten Kultur nicht so versteht und der andere Ansprüche an eine Wissenschaft hat.

Die Autorin sollte sich einmal die Bücher meines Mathematik-Professors Karl Sigmund anschauen. Sigmund ist ein exzellenter Mathematiker und trotzdem schreibt er mit feinem Humor allgemein verständlich. Aber K. Sigmund muss mit seinen Bücher auch nicht beweisen, dass er ein guter Wissenschafter ist. Sie könnte sich auch die vom Physik-Nobelpreisträger Feynman geschriebenen Bücher anschauen. Allgemein
verständlich und wissenschaftlich anspruchsvoll schließen sich nicht aus. Aber gut, jetzt werde ich in meinen Vergleichen ungerecht.


Wikipedia: Wie Sie zur freien Enzyklopädie beitragen
Wikipedia: Wie Sie zur freien Enzyklopädie beitragen
von Ziko van Dijk
  Broschiert

5.0 von 5 Sternen Gutes Buch mit abschreckender Wirkung, 30. Mai 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Mir sind schon öfters kleinere Fehler bzw. Inkonsistenzen in der Wikipedia aufgefallen. Die deutschen Einträge sind relativ oft weniger informativ als die englischen. Außerdem gebe ich den monatlichen "Chrillys Goldreport" heraus. Ich dachte mir, dass ich die Recherchen für den Goldreport in die Wikipedia einfließen lassen könnte. Bevor ich ins kalte Wasser gesprungen bin habe ich mir - zum Glück - dieses Buch gekauft.
Es ist sehr gut aufgebaut, man erfährt sowohl etwas über die technischen Details als auch die Wikipedia Philosophie. Allerdings hatte ich nie den Eindruck, dass es eine Werbung für neue Mitarbeiter ist. Im Gegenteil, ich fand viele Passagen ziemlich abschreckend bzw. es möchte der Autor die Erwartungshaltung des Neulings so gut es geht dämpfen, damit er dann nicht aus allen Wolken fällt. Mir war jedenfalls sehr schnell klar, dass die Wikipedia-Mitarbeit nichts für mich ist:
1) Man muss ca. 200 Bearbeitungen aufweisen, um als stimmberechtigtes Mitglied mit entscheiden zu können. Nachdem ich 1-2 Beiträge pro Monat vor hatte, werde ich auch in 10 Jahrn noch nicht wahlberechtigt sein. Der gute Wikipedianer liefert laut Buch ca. 1 Beitrag pro Tag ab. Offensichtlich ist es eine Gruppe von Leuten die nix hackelt oder die sich in ihrem Job fadisiert.

2) Ich habe mir die Versionsgeschichte von Beiträgen angeschaut. Die ersten 1-2 Revisionen bringen etwas, dann wird es eine Diskussion um des Kaisers Bart. Ein abschreckendes Beispiel ist mein eigener Wikipedia Eintrag. Die letzte relevante Änderung war im Feb. 2006. Ich habe damals das falsche Geburtsdatum und Ort korrigiert. Seither gibt es noch Dutzende vollkommen sinnlose Bearbeitungen, die meistens rückgängig gemacht werden. Es muss einem schon sehr fad sein, wenn man am Wikipedia Eintrag
von Chrilly Donninger jahrelang herumtut. Die Idee einen Artikel zu verfassen und mich dann jahrelang mit solchen Änderungen herum zu schlagen, finde ich ziemlich gruselig.

3) Unter dem Schlagwort, wird sind eine neutrale Enzyklopädie, findet sowohl inhaltlich als auch sprachlich eine teilweise unglaubliche Biedermeierisierung statt. Es ist jede pointierte Formulierung, jeder Esprit offensichtlich unerwünscht. Das geht so weit, dass man nicht "unser Sonnensystem" sondern "das Sonnensystem, in dem die Erde liegt" schreiben soll. "Unser", "wir" sind verpönte Worte und "unser Sonnensystem" verstößt gegen die Neutralität. Es könnte ja wer von Alpha-Centauri in die Wikipedia schauen und er würde sich diskriminiert vorkommen.
Es soll jede Wertung unterbleiben. Was natürlich vollkommen unmöglich ist. Tatsächlich atmet die Leitlinie das Weltbild des Deutschen Biedermanns. Ich beschäftige mich im letzten Goldreport mit dem Propheten Zarathustra. Es werden im Deutschen Wikipedia Beitrag verschiedene Theorien über seine Lebensdaten angeführt. U.A. eine Theorie, dass er 1768 v. Chr geboren wurde. Es gibt aber auch 1000v. Chr. bis 600 v. Chr. Die Vorstellung, man kennt genau sein Geburtsjahr (1768 v. Chr), ist vollkommen unhaltbar. Weil es aber ein iranischer Gelehrter vertritt, wird es - wir sind ja so neutral - gebracht. Tatsächlich erwarte ich mir an dieser Stelle die Aussage, dass eine derartige genaue Festlegung nicht Hand und Fuss hat. Zarathustra hat irgendwann zwischen 1800 v bis 600 v. Chr gelebt (falls es die historische Figur überhaupt gegeben hat). Aber das wäre gegen den Vorsichtl und Rücksichtl Geist des Projekts.

4) Ich verwende in meinen Publikationen bewusst Austriazismen. Laut Buch gilt jedoch die Regel "Sonst gilt das Bundesdeutsche unausgesprochen als bevorzugte Varietät. Trotzdem sollten Wikipedianer aus der Bundesrepublik nachsichtig mit österreichischen und schweizerischen Formen sein".
Sonst ist man ja ganz pingelig auf die Neutralität. Aber in diesem Punkt herrscht offensichtlich der sprachliche Anschluß ans Reich. Ich habe absolut keine Lust als tolerierte sprachliche Minderheit zu gelten. Das österreichische Deutsch ist dem Piefke-Deutsch gleichwertig. Als Österreicher ist es mein gutes Recht (und auch Pflicht) in dieser Varietät zu schreiben. Aus Basta.

5) Es hat sich ein interner Wikipedia-Jargon heraus gebildet. Das Buch bringt ein (extremes) Beispiel eines Administrators, der einem Neuling beibringt, dass er sich gefälligst schleichen soll:
"@Newbie: bitte lies WP:Q und editier entsprechend, sonst kommt wieder ein Revert! Ich will ja AGF, aber das geht hier nicht durch die Sichtung ohne Refs. Habe auch Verdacht auf URV. Du kannst ja sonst zur en.WP oder Wikibay gehen. EOD!"
Unabhängig vom arroganten Inhalt will ich mich nicht in diesem Kauderwelsch mit anderen Menschen unterhalten.

Mir ist natürlich bewußt, dass ein derartiges Projekt Regeln braucht. Es braucht auch eine staatliche Bürokratie Regeln. Nur hat es nie zu meinen Lebenszielen gehört es innerhalb dieser es zu etwas zu bringen. Sich freiwillig in die Gesellschaft von Oberstudienräten zu begeben, gehört aber auch nicht zu meiner Lebensplanung.

Es gibt in letzter Zeit einige Publikationen die sich sehr kritisch mit der Wikipedia auseinander setzen. Teilweise kippt es ins Verschwörungs-Theoretische. Ich teile - nach der Lektüre dieses Buches - einen Teil dieser Kritik. Nichts halte ich hingegen von Verschwörungstheorien. Es ist die innere Logik des Projektes, die natürliche soziale Auslese der Mitarbeiter (wer hat schon soviel Zeit), die diesen Biedermeier Konsens herstellt.

Es gibt wenig Bücher aus denen man fürs Leben etwas Wichtiges lernt. Dieses Buch ist so eines. Es hat mich von einer Blödheit abgehalten.


Algorithmic Trading: Winning Strategies and Their Rationale (Wiley Trading Series)
Algorithmic Trading: Winning Strategies and Their Rationale (Wiley Trading Series)
von Ernie Chan
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 63,82

3.0 von 5 Sternen Interessanter Blog aber nicht wirklich ein Buch, 20. Mai 2016
Der Autor ist ein aktiver Blogger und er hat auch bereits ein Buch geschrieben. Er beschäftigt sich daher schon länger mit dem Börsenspiel und hat eine gewisse Erfahrung. Es gibt daher in diesem Werk die eine oder andere interessante Anmerkung und Idee.
Wie bei Bloggern aber üblich fehlt es an der genauen Ausarbeitung. Letztendlich bleibt doch relativ viel nebulos bzw.
es wird stark vereinfacht. Z.B. berücksichtig Chan nirgends die Trading-Kosten. Das ist aber gerade bei den von ihm behandelten Mean-Reverting Strategien ein kritischer Punkt. Es gibt viele Strategien die vor Trading-Kosten gut aussehen. Mit Spesen ist es dann aber nix gewesen. Chan verteidigt sein Vorgehen mit dem Argument: Die Kosten sind überall anders und nix Genaueres weiß man über sie nicht. Das ist richtig. Aber man kann trotzdem Abschätzungen machen. Die minimalen Kosten sind z.B. die tick-size. Bei VIX-Futures sind das z.B. 0.05 oder 50$ per Future. Man kann es auch umgekehrt machen und sich ausrechnen, bei welchen Trading-Kosten eine an sich profitable Strategie in den roten Bereich rutscht.
Einige seine Strategien sind - wie er selbst betont - auch insample. Es wird z.B. das Lookback-Window für die Berechnung von mean und variance von Mean-Reverting Strategien insample berechnet (die Halbwertszeit des Mean-Reverting-Koeffizienten). Wenn man den Koeffizienten kennt, tut man sich bei einer Mean-Reverting Strategie doch etwas leichter. Blöder Weise kann sich der im echten Handelsleben in der Zukunft ziemlich ändern bzw. die Zeitreihe ist überhaupt nicht mehr Mean-Reverting. Chan beschreibt den Effekt auch selbst. In allen seinen Backtests ist ein Stop-Loss kontraproduktiv. Weil er weiß, dass es eine mean-reversion gibt. Er betont jedoch selbst, dass das in der Zukunft nicht sein muss und ein Stop-Loss doch günstig sein könnte.

Es gibt sicherlich weit schlechtere Trading-Bücher. Aber wirklich vom Stockerl gehaut hat mich dieses auch nicht.

P.S.: Gemäß eines guten Vorsatzes kaufe ich mir keine Trading-Bücher mehr. Dieses habe ich von einem befreundeten Trader zugeschickt bekommen "Was sagst den dazu?". Das hat auch den Vorteil, dass das Buch längerfristig keine besonders knappe Ressource benötigt: Platz am Bücherregal. Mein Haus quillt schon von Büchern über und ich brings nicht über mein Herz selbst Trading-Schrott wegzuwerfen.


Avicenna (Beck'sche Reihe)
Avicenna (Beck'sche Reihe)
von Gotthard Strohmaier
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,90

2.0 von 5 Sternen Zuviel Zorn und Eifer, 19. Mai 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Avicenna (Beck'sche Reihe) (Taschenbuch)
Der römische Historiker Tacitus hat im Vorwort zu den Annalen mit dem Motto "sine ira et studio" (ohne Zorn und Eifer) das klassische Motto der Geschichtwissenschaften geprägt. In den älteren Abschnitten der römischen Geschichte ist ihm das weitgehend geglückt bei der - aus Tacitus Sicht - jüngeren Geschichte nicht. Ein Herrscher unter dem man Karriere gemacht hat, kann nicht so schlecht sein. Ein Herrscher, der einem in die Wüste schickt, ist kein Guter.
Man sollte annehmen, dass "sine ira et studio" für einen vor 1000 Jahren lebenden persischen Gelehrten nicht allzuschwer durchzuhalten ist.
Dem ist aber nicht so. Gotthard Strohmaier hat einen wesentlichen Teil seines Lebens unter dem von ihm verhassten DDR-Regime gelebt. Alles was mit diesem Regime direkt und indirekt zu tun hat ist ihm ein rotes Tuch. Nachdem ich an der Univ. Jena seit Jahren Vorlesungen halte und in Thüringen sehr gute Freunde habe, kann ich das gut nachvollziehen.
Avicenna stand in der DDR und allgemein unter marixistischen Denkern relativ hoch im Kurs. Und da geht sich dann "sine ira et studio" nicht mehr aus. Es beginnt schon bei der Widmung an Josef Antali, dem ersten freien Ministerpräsidenten Ungarns. Im Vorwort kritisiert Strohmaier ein Avicenna Buch von Ernst Bloch und pinkelt zum Drüberstreuen noch ordentlich auf Bloch hin. Er regt sich im Folgenden über jede Avicenna-Gedenktafel in einer sowetischen Bezirksstadt auf. Meine Oberösterreichische Heimat ist mit Franz Stelzhamer Strassen, Linden und Gedenktafeln vollgepflastert. Auf keiner dieser Tafeln steht, dass Stelzhamer nicht nur schöne Heimatgedichte geschrieben hat, sondern auch ein sehr heftiger Antisemit war. Meiner Meinung nach hätte Strohmaier die Auseinandersetzung mit der marxistischen Rezeption in einem eigenen Kapitel zusammenfassen sollen. Dieses ständige Hinpinkeln an allen passenden und unpassenden Stellen nervt jedoch nur.
Diese Passagen kann man einfach überlesen. Viel störender ist, dass er auch an Avicenna kein gutes Haar lässt und seine Auswahl offensichtlich tendenziell ist. Z.B. geht er ausführlich auf einen faszinierenden Briefwechsel mit dem Naturwissenschafter al-Biruni ein. Al-Biruni ist nicht zuletzt durch seine erstaunlich präzise Bestimmung des Erdradius in die Wissenschaftsgeschichte eingegangen. Es ist unbestritten, dass al-Biruni der bedeutendere Naturwissenschafter war. Strohmaier kritisiert Avicenna aber auch noch in jenen Fragen, in denen er eindeutig Recht hatte. Z.B. war für al-Biruni eine Strecke nur endlich oft teilbar, für Avicenna gemäss der euklidischen Geometrie unendlich oft. Das ist auch heute Stand der Mathematik. Avicenna bekommt aber trotzdem sein Fett ab, weil er dadurch der weiteren naturwissenschaftlichen Forschung und insbesondere den Atomismus geschadet habe.
Tatsächlich hat Avicenna wenn auch auf spekulative Art und Weise das Plancksche Wirkungsquantum postuliert. Im Zusammenhang mit dem Problem des Zenonschen Paradoxons von Achilles und die Schildkröte schlägt Avicenna folgende originelle Lösung vor:
"... daß eine Teilung nur der Möglichkeit nach, nicht aber in der Verwirklichung bis ins Unendliche weitergehen kann".
Strohmaier bringt diese Stelle, geht auf sie jedoch nicht weiter ein. Er hackt stattdessen lieber auf Kleinigkeiten herum.

Strohmaier kritisiert Avicenna auch wegen seines systematischen Medizinischen Lehrbuches. Dieses war im Mittelalter (und bis ins 16. Jh) das Standardlehrbuch. Damit habe er den medizinischen Fortschritt behindert. Außerdem habe er die eigentliche Quelle, den römischen Mediziner Galen, nur dann erwähnt, wenn er von Galen abweichende Vorstellungen hatte. Jemanden zum Vorwurf zu machen, er habe ein gutes Lehrbuch geschrieben, ist schon sehr schräg. Ein Lehrbuch ist immer eine Zusammenfassung gesicherten Wissensschafts-Standes. Es galten damals nicht die heutigen Zitierregeln und es gab kein Copyright. Von jemanden abzuschreiben galt nicht als geistiger Diebstahl, sondern als Lob des Originals.

Wenn auch etwas akademisch Vornehmer kritisiert der Arabist und Philosophiehistoriker Dag Nicolaus Hause in seiner in der FAZ erschienen Rezension "Beginne dich selbst - Gotthard Strohmaier deutet und kritisiert Avicenna" den Autor in ähnlicher Weise. "Denn Strohmaiers Buch ist von einer eigentümlichen Distanz zu seinem denkenden Helden durchzogen".

Bisher bin ich davon ausgegangen, dass man jedes Buch der Beck'schen Reihe ungeschaut kaufen kann. Unterschiedliche Interpretationen sind in der Wissenschaft unvermeidbar. "Sine ira et studio" wird bei Beck jedoch ernst genommen. Bei diesem Buch hätte der Lektor meines Erachtens wegen des klaren Regelverstoßes eingreifen müssen. Der Autor soll sein Abrechnungsbuch mit dem Marxismus und der DDR schreiben. Aber wenn ich mir ein Buch über Avicenna kaufe, interessiert mich die DDR nicht und ich erwarte mir einen relativ entspannten Zugang zum eigentlichen Thema. Die DDR ist für mich ein Thema, wenn ich mit meinen Thüringer Freunden rede.

Wesentlich besser und informativer fand ich: Lenn Goodman: Avicenna.
Sonja und Burchard Brentjes: Ibn Sina (Avicenna), repräsentiert die DDR-Perspektive. Burchard Brentjes ist jedoch ein durchaus anerkannter Althistoriker. Das Buch behandelt daher sehr ausführlich den historischen Kontext. Ein Punkt der bei Strohmaier kaum behandelt wird (was angesichts des schmalen Formats der Beck'schen Reihe auch verständlich ist).
Interesant ist auch: John Freely: Platon in Bagdad. Wie das Wissen der Antike nach Europa kam. Avicenna ist in dieser Gesamtdarstellung natürlich nur ein kleiner Teil gewidmet. Die Einschätzung Avicennas ist wesentlich freundlicher als jene bei Strohmaier.


Geschichte der religiösen Ideen
Geschichte der religiösen Ideen
von Mircea Eliade
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen Ich bin zu blöd dafür, 19. Mai 2016
Dieses in 5-Taschenbuch-Bänden vorliegende Werk (soweit ich weiß waren es in der ursprünglich Ausgabe 3-Bände) gilt als der Religionswissenschaftliche Klassiker. So wie in der Informatik Donald Knuth: The Art of Computer Programming. Ich habe mir dieses Buch in der naiven Vorstellung gekauft, dass ich mich über Zarathustra und den Zoroastrismus (Band 1, Kap. 19) ein bisserl bilden möchte. Ich habe aber - ursprünglich - so gut wie nichts verstanden.
Z.B. geht Eliade auf die Stellung von Haoma in der Lehre Zarathustras ein. Hmm, Haoma. Wikipedia hilft weiter. Ist dasselbe wie Soma. Das kannte ich von Huxleys Brave New World. Also ein berauschendes Getränk/Substanz. Das hat aber auch nicht wirklich zu den von Eliade diskutierten Fragen gepasst. Es ist auch ein Ritus und die dazugehörende Gottheit. Es geht einem bei jedem Punkt so. Man kann - wie bei der Hoama Frage - schlussendlich draufkommen um was es geht. Aber im Grunde muss man dann Religionswissenschaften studieren. Man kann sich auch nicht - wie von mir angenommen - einzelne Kapitel herauspicken. Zarathustra ist nur im Kontext von Kapitel 8, Die vedischen Götter, halbwegs verständlich. Das war auch die Intention des Authors. Er wollte die großen Linien der Religionsgeschichte herausarbeiten.

Speziell bei "fremden" Religionen wie den Zoroastrismus braucht man erhebliche Vorbildung um mit diesem Werk wirklich glücklich und gescheiter zu werden. Aber das gilt auch für den Knuth. Für The Art of Computer Programming habe ich die notwendigen Vorraussetzungen, für dieses Buch nicht. Nach dem Motto "Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstossen und es klingt hohl, dann muss es nicht ungedingt das Buch sein" gebe ich diesem Werk trotzdem 5 Sterne.
Ganz habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, dass ich es einmal verstehen werde und es gar nicht mehr so kompliziert finde.


Zarathustra und seine Religion (Beck'sche Reihe)
Zarathustra und seine Religion (Beck'sche Reihe)
von Michael Stausberg
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,95

5.0 von 5 Sternen Systematische und gut lesbare Einführung mit Bezug zur Gegenwart, 19. Mai 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Der Autor hat ein 3-Bände umfassendes Zarathustra Werk geschrieben. Dieses Buch ist eine Zusammenfassung. Einige Rezensenten beklagen, dass es trotzdem schwer verständlich ist. Meiner Meinung nach ist für uns die Lehre selbst ziemlich fremd. Der Autor hat aber sein Bestes getan einem interessierten Laien diese fremde Welt näher zu bringen. Einfacher geht es meiner Meinung nach nicht. Möglicher Weise liegt das daran, dass ich zunächst Mircea Eliade: Geschichte der religiösen Ideen, Band 1. Kap. 13 "Zarathustra und die iranische Religion" gelesen habe. Die Geschichte der religiösen Ideen ist das klassische Religionswissenschaftliche Werk. Mir war es jedoch zu hoch. Dieses Buch ist im Verhältnis dazu "Zarathustra für Dummies".

Sehr geholfen hat mir zum Verständnis Burchard Brentjes: Das alte Persien. Die iranische Welt vor Mohammed (gibt es sehr günstig antiquarisch). Brentjes ist eine allgemein historische Einführung. Er behandelt Zarathustra und andere religiöse Auffassungen als einen Teilaspekt der iranischen Geschichte. Man kann damit den Zoroastrismus in den historischen Kontext einordnen. Dieser Aspekt fehlt bei Stausberg. Das geht angesichts des schmalen Formats dieser Reihe nicht anders.

Sehr gut gefallen hat mir, dass Stausberg auch auf die aktuelle Situation des Zoroastrismus in durchaus kritischer Form eingeht. Wie bei
allen alten Religionen ist die orthodoxe Lehre mit dem Modernen Leben inkompatibel. Die alten Religionen lösten die Probleme von halbnomadischen, streng patriarchalischen Stammesgesellschaften. Sie verursachen in ihrer orthodoxen Interpretation heute nur Probleme.

Wenn man bereit ist sich - wie oben geschildert - in die alte iranische Kultur einzuarbeiten, ist dieses Buch ein ausgezeichnetes Werk. Wer nur einmal so schnell drüberlesen will, damit er auch weiss, was Zarathustra wirklich gesagt hat, sollte davon die Finger lassen. Er wird nachher auch nicht viel gescheiter sein.


Sigma Sport Stopuhr SC 6.12, black, 26120
Sigma Sport Stopuhr SC 6.12, black, 26120
Preis: EUR 27,80

4.0 von 5 Sternen Hat alles was ich brauche, aber ...., 13. April 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Sigma Stoppuhr SC6.12 (Ausrüstung)
Die Uhr erfüllt von den Features her alle meine Anforderungen für das Lauftraining. Das Bedienkonzept ist ebenfalls durchdacht. Das Handbuch ist allerdings sehr spartanisch und man muss eher durch Versuch und Irrtum die Bedienlogik heraus bekommen. Die Info am Netz ist nicht ausführlicher (das Handbuch als pdf-File). Nützlich ist der Simulator.
Die Stopp-Taste ist etwas gewöhnungsbedürftig. Beim ersten Versuch ist die Uhr weitergelaufen. Man muss sich auf das Pipsen konzentrieren (ohne Brillen sehe ich die Anzeige nur sehr verschwommen).
Nachdem ich die Uhr nur zum Lauftraining verwende, würde ich sie normaler Weise dazwischen ausschalten. Soweit ich weiß geht das nicht (möglicher Weise bringt es auch nix, weil der Chip beim Startup mehr Strom verbrauch als im Dauerbetrieb).
Ziemlich grauslich finde ich das Armband. Wobei es mir nicht um die Ästhetik sondern um die Haptik geht. Es fühlt sich auf der Haut ekelig an. Ich habe es schon mit einem Blasenpflaster umwickelt. Man kann argumentieren "was erwartest du dir bei diesen Preis". Das ändert aber nix an der unmittelbaren sinnlichen Erfahrung.
Ich habe noch nicht herausgefunden ob man die Batterie auswechseln kann.


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