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Rezensionen verfasst von
MissVega (Hamburg)

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Jungle - Uncut [Blu-ray]
Jungle - Uncut [Blu-ray]
DVD ~ Daniel Radcliffe
Preis: EUR 16,49

4.0 von 5 Sternen Lost in Bolivia, 18. Oktober 2017
Rezension bezieht sich auf: Jungle - Uncut [Blu-ray] (Blu-ray)
(Kinoversion vom Fantasy Filmfest 2017).

»Intro«

Der Australier Greg McLean macht qualitativ sehr unterschiedliche Filme. Seine beiden „Wolf Creek“-Thriller zum Beispiel halte ich für völlig überschätzt und langweilig. „The Darkness“ ist ähnlich unausgegorener Mumpf. „Das Belko Experiment“ hingegen hat mir gut gefallen. Und deshalb habe ich mir auch seinen aktuellen Film angesehen, der in Deutschland bedauerlicherweise nicht ins Kino kommt, sondern nur auf DVD erscheint. Denn „Jungle“ ist ein Film, der sowohl aufgrund der Landschaftsaufnahmen als auch der erneut großartigen schauspielerischen Leistung von Daniel Radcliffe die große Leinwand verdient hätte.

»Wassup?«

Bolivien 1981. Der junge Israeli Yossi Ghinsberg (Daniel Radcliffe, „Swiss Army Man“) ist als Backpacker unterwegs. Nach Stationen in Alaska, Las Vegas und New York hat es ihn nun nach Bolivien verschlagen. Schnell lernt er Gleichgesinnte kennen, zum Beispiel den deutschen Lehrer Marcus Stamm (Joel Jackson) und den amerikanischen Fotografen Kevin Gale (Alex Russell, „Chronicle“). Als Yossi auf einem Markt von dem österreichischen Aussteiger und Geologen Karl Ruprechter (Thomas Kretschmann, „King Kong“) angesprochen wird, der ihm vorschlägt, einen Trip in die noch unbekannten Gebiete des Amazonas zu unternehmen, um Gold zu schürfen und einen versteckt lebenden Indiostamm zu besuchen, ist Yossi sehr interessiert. Da Karl den Eindruck vermittelt, sich im Dschungel bestens auszukennen, kann Yossi auch seine neuen Freunde Marcus und Kevin überreden, an dem Trip teilzunehmen. Doch Karls ambivalentes Verhalten und Konflikte innerhalb der Gruppe führen zu Problemen, die die Gruppe schon bald ums nackte Überleben kämpfen lassen.

»Let's get real«

„Jungle“ fußt auf Yossi Ghinsbergs wahren Erlebnissen, die er 1985 als Buch herausgebracht hat. Diese Tatsache verleiht dem sowieso schon spannenden Film noch eine Extraportion Faszination, da dieser Überlebenskampf vor 36 Jahren tatsächlich passiert ist. So schleichen sich denn in diesen knapp zweistündigen Survival-Thriller auch nur wenige kleine Längen ein, die vorrangig aus Rückblenden und Traumsequenzen bestehen, die es aus dramaturgischen Gründen nicht gebraucht hätte. Davon abgesehen aber ist McLean ein hervorragender Film gelungen, der sowohl mit fantastischen Urwald- und Landschaftsaufnahmen als auch mit einer großartigen Darstellerriege punkten kann.

Anfang der 80er Jahre hatte Backpacking Hochkonjunktur. Scharen von jungen Leuten aus aller Welt bereisten ebendiese, um für sie Neues und Unbekanntes zu entdecken. Eine Auszeit vor dem beginnenden Studium oder nach geleistetem Militärdienst war für viele junge Leute das Abenteuer ihres Lebens. So erging es auch Yossi Ghinsberg, der seinen Militärdienst in Israel abgeleistet hatte und sich noch nicht dazu entschließen konnte zu studieren. Die drei jungen Männer, die sich in Bolivien kennenlernen, werden schnell Freunde und verbringen ihre Zeit fortan gemeinsam. Als sie auf den Aussteiger Karl treffen, bietet sich ihnen in ihren Augen eine einmalige Gelegenheit, unerforschte Amazonas-Gebiete und Ureinwohner kennenzulernen. Zwar ist Karls scheinbar willkürliche Ansprache junger Backpacker etwas merkwürdig, aber die drei jungen Männer sind zu neugierig, um sich lange darüber Gedanken zu machen. Also besorgen sie sich mit Karls Hilfe die entsprechende Dschungel-Ausrüstung und machen sich mit ihm auf den Weg in den Urwald.

Aus dem anfänglichen Abenteuer wird allerdings schnell die reinste Strapaze. Unwegsames Gelände, unerträgliche Hitze und Feuchtigkeit und auf diese Anstrengung mit Erschöpfung reagierende Körper. Marcus hat schon nach wenigen Tagen so schlimm entzündete Füße, dass er kaum noch laufen kann. Dies führt zu Unstimmigkeiten, da er so die ganze Gruppe aufhält oder sogar zum Umkehren zwingen könnte. Kevin und Yossi jedoch wollen unbedingt weiter, und zwar auf dem Amazonas. Doch ihre Floßfahrt endet in einer Katastrophe, die sich schnell zum reinen Überlebenskampf entwickelt.

„Jungle“ bezieht seine intensive Dynamik aus verschiedenen Aspekten, die McLean geschickt verknüpft. In der ersten Filmhälfte lernt man die Protagonisten kennen und ist gespannt, was sie im Dschungel alles erleben werden. Die entstehende und sich dann verschiebende Gruppendynamik birgt Spannung und Konfliktpotenzial und führt dazu, dass nahezu schicksalsträchtige Entscheidungen getroffen werden. Man lernt auch die etwas dunkleren, und nicht nur die fröhlich-unbeschwerten Seiten der drei Freunde kennen und auch Karls Persönlichkeit wird weiter ausgebaut und lässt ihn wunderbar undurchsichtig erscheinen. In der zweiten Filmhälfte dominiert dann Einzelkämpfertum und Überlebenskampf, bis das Ganze in einem unerträglich spannenden und bewegenden Finale mündet. Abschließend folgen noch Fotos der echten Freunde und Anmerkungen zu ihrem weiteren Schicksal oder Werdegang.

»Players«

Einmal mehr ist es Daniel Radcliffe, dessen Darstellung einem am nachhaltigsten in Erinnerung bleibt. Dem mittlerweile 28jährigen Briten ist es nach seiner Karriere als „Harry Potter“ tatsächlich gelungen, sich als immer besser werdender Schauspieler zu etablieren. Egal, ob er nun im Theater auftritt oder sich durch kluge Rollenauswahl auszeichnet, Radcliffe wird von Film zu Film besser. „Die Frau in Schwarz“, „The F-Word“ oder „Swiss Army Man“ sind dafür nur einige Beispiele. Und auch in „Jungle“ kann er wieder restlos überzeugen. Seine Wandlung vom unbeschwerten, wohlgenährten Backpacker zum ausgezehrten Survivor ist nicht nur optisch beeindruckend. Doch auch Radcliffes Dschungel-Mitstreiter können hier bestehen. Sowohl Alex Russell als auch Joel Jackson überzeugen als unterschiedliche Wegkameraden. Und Thomas Kretschmann spielt nicht ganz so hölzern wie sonst und verleiht seinem Karl eine manchmal fast unheimliche Ambivalenz.

»Quintessence«

„Jungle“ ist ein mitreißendes Abenteuer-Drama, das so authentisch wirkt, dass man mit den Protagonisten richtiggehend mitfiebern und -leiden kann. Dass die hier erzählte Geschichte so oder zumindest so ähnlich tatsächlich passiert ist, macht den Film noch besser, als er sowieso schon ist. Bis auf ein paar überflüssige Rückblenden, die den 115minütigen Film in der zweiten Hälfte unnötig in die Länge ziehen, ist „Jungle“ fast durchgehend spannend und fast schmerzlich authentisch. Am Ende wird es noch einmal richtig spannend und auch sehr emotional, und Regisseur McLean hat gut daran getan, im Abspann das Schicksal seiner Protagonisten bzw. deren realen Vorbilder weiter zu erläutern und mit Fotos zu versehen. Somit hätte „Jungle“ es wirklich verdient, auf großer Leinwand gezeigt zu werden, denn sowohl die Bilder als auch die Darstellerleistungen sind herausragend, von der spannenden Story ganz zu schweigen. Deshalb gerne sehr gute vier von fünf Dschungeltrips mit ungewissem Ausgang.


Veronica - Spiel mit dem Teufel [Blu-ray]
Veronica - Spiel mit dem Teufel [Blu-ray]
DVD ~ Letizia Dolera
Preis: EUR 14,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Entre dos Tierras, 16. Oktober 2017
(Kinoversion vom Fantasy Filmfest 2017).

»Intro«

Ich hätte es wissen müssen…der Regisseur, der "REC 1-3" verbrochen hat, kann ja nichts wirklich Gutes zustande bringen. Paco Plaza, der sowohl für die erwähnten "REC"-Teile als auch für "Verónica" das Script verfasst hat, zeigt hier einmal mehr, dass er nicht zu mehr in der Lage ist, als absolut vorhersehbaren 08/15-Horror abzuliefern, den er in diesem Fall sogar noch als angeblich wahre Geschichte verkauft, die aus den Polizeiprotokollen entstanden ist, die diesem Kriminalfall aus dem Jahre 1991 zugrunde liegen sollen. "Verónica" ist spanischer Standard-Ouija-Grusel, der in fast jeder seiner 105 viel zu langen Minuten vorhersehbar und langweilig inszeniert wurde.

»Wassup?«

Madrid, Juni 1991. Eine Sonnenfinsternis steht kurz bevor. Diese jedoch will die 15jährige Verónica (Sandra Escacena in ihrer ersten Rolle) zusammen mit zwei Freundinnen dazu nutzen, im schuleigenen Keller ein Ouija-Brett auszubreiten, um mit ihrem kürzlich verstorbenen Vater in Kontakt zu treten. Da die drei Teenager aber keine Ahnung haben, wie genau man so eine Geistersitzung abhält, geht dabei gehörig etwas schief. Erst wird Verónica ohnmächtig, dann fühlt sie irgendeine seltsame Präsenz in ihrer Nähe, die zunehmend bedrohlich wird. Verónicas Mutter ist durch ihre Arbeit in einer Kneipe fast nie da, so dass Verónica sich fast allein um ihre drei jüngeren Geschwister, die Zwillinge Lucía und Irene sowie den kleinen Antoñito kümmern muss. Als diese durch die geisterhafte Präsenz in ernsthafte Gefahr geraten, versucht Verónica alles, um sich und ihre Geschwister zu retten.

»Let's get real«

Für seine vorhersehbare Geistermär braucht Paco Plaza knapp zwei Stunden, die er bedauerlicherweise nur mit sattsam bekannten Versatzstücken ähnlich gelagerter Filme füllt. Geisterbeschwörung per Ouija-Brett: Alter Horror-Hut. Dass dabei etwas schiefgeht und Geister vom Jenseits ins Diesseits gelangen: Auch alter Hut. Dass es sich bei der Protagonistin um einen prä-adoleszenten Teenager handelt: Richtig alter Hut. Dass dann ein pseudo-gruseliger Mummenschanz in der gar nicht mehr so heimeligen Rumpelbutze der jeweiligen Protagonisten abgefeiert wird: Hat man ja noch nie gehört. Herrje…Plaza klaut sich aus Dutzenden ähnlicher Filme seinen langweiligen Patchwork-Horror zusammen, so dass es "Verónica" in nahezu jeder Filmminute an Originalität fehlt.

Das Einzige, was an "Verónica" positiv auffällt, ist der Soundtrack. So gibt es ein nostalgisches Wiederhören mit den spanischen Pop-Helden der 90er, Heroes del Silencio, von denen unsere Verónica zufälligerweise ein großer Fan ist. So lange deren bekanntestes Lied, "Entre dos Tierras", im Hintergrund mitdudelt, ist der Film einigermaßen erträglich. Wobei man Plaza zugestehen muss, dass er zumindest bei den Darstellern seines Films ein glückliches Händchen bewiesen hat. Allein die schaurige Nonne, die Verónica im Filmverlauf um Hilfe bittet, ist schon ein Hingucker. Und dass Sandra Escacena hier zum ersten Mal spielt, merkt man ihrer Verónica wirklich nicht an. Auch ihre jüngeren Geschwister spielen putzig auf, so dass der Film wenigstens in einigen Punkten kein kompletter Flop ist.

"Verónica" ist auch nicht wirklich ein schlechter Film. Er ist gut gespielt, verfügt über authentische Settings und ist an manchen Stellen sogar richtig unheimlich. Das Problem ist eben nur, dass man das alles wirklich schon tausend Mal gesehen hat. Der Film ist dermaßen ideen- und einfallslos, dass man Plaza schon ein gewisses Maß an Cojones zugestehen muss, so eine ausgelutschte Story überhaupt ein weiteres Mal zu verfilmen.

Schlussendlich lernt man die junge Verónica und ihre familiäre Situation kurz kennen, bevor das Mädel dann auch schon das vermaledeite Ouija-Brett hervorzaubert. Bei der Geisterbeschwörung wird sie dann kurz ohnmächtig und dann geht der Mummenschanz in der düsteren Madrider Wohnung auch schon los. Hände greifen des nächtens nach ihr, irgendwas ist im Schrank, Schatten huschen an dunklen Wohnungswänden entlang und die Lichter flackern natürlich auch. Dann kommt der übliche Gut-gegen-Böse-Kampf und dann folgt der Abspann, der noch ein paar angebliche Wahrheiten zu diesem ebenfalls angeblich wahren Fall bereithält. Und dann ist der einfallslose Budenzauber zum Glück endlich vorbei.

»Players«

Wie gesagt, den Darstellern kann man das Scheitern des Films nicht anlasten. Schauspiel-Novizin Escacena macht ihre Sache gut, sie gibt mit Zahnspange, leicht pickliger Haut und Heroes-del-Silencio-Fanshirt einen überzeugenden Teenager in Angst. Ihre jüngeren Geschwister sind ebenfalls ansprechend putzig-frech und auch Ana Torrent ("Tesis") als überforderte Mutter agiert nachvollziehbar.

»Quintessence«

"Verónica" ist bedauerlicherweise kaum einfallsreicher Okkultismus-Mumpitz, den man so oder so ähnlich oder wirklich genauso schon hundert Mal gesehen hat. Regisseur und Drehbuchautor Paco Plaza beweist erneut, dass er leider nur zu den wenig Kreativen seiner Zunft gehört und lieber woanders klaut und abkupfert, als sich wirklich mal etwas Originelles einfallen zu lassen. "Verónica" ist so dermaßen standardisierter Zwischenwelt-Horror, dass es dem versierten Horrorfan höchstens an zwei, drei Stellen des Films gelingt, geringfügig zusammenzuzucken. Ansonsten herrschen Langeweile und absolute Vorhersehbarkeit vor. Somit bedauerlicherweise ein sehr entbehrlicher Film. Für gute Darsteller und Locations gerade mal noch zwei von fünf Ouija-Brettern, die man Plaza mal gehörig über die Rübe zimmern sollte, dafür, dass er einem so eine einfallslose Grütze vorsetzt.


Raw [Blu-ray]
Raw [Blu-ray]
DVD ~ Garance Marillier
Preis: EUR 14,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen It’s in the Family, 13. Oktober 2017
Rezension bezieht sich auf: Raw [Blu-ray] (Blu-ray)
(Kinoversion vom Fantasy Filmfest 2017).

»Intro«

Dass der französische Horrorfilm „Raw“ von Erstlings-Regisseurin Julia Ducournau nichts werden kann, war mir schon nach Sichtung des Trailers klar. Da es auf dem Fantasy Filmfest aber Zeit bis zum nächsten Film zu überbrücken galt, habe ich mich notgedrungen in die Vorstellung begeben, nur um nach 99 quälend langen Filmminuten meinen Verdacht bestätigt zu sehen, dass „Raw“ ein unglaublich schlechter, blöder und nervtötender Film ist. Liest man andere Kritiken, wird von einem intensiven Coming-of-Age-Drama gesprochen, von feministischen Untertönen ist die Rede und von einer durchgeknallten Kannibalismus-Komödie. Keine Ahnung, welchen Film diese Menschen gesehen haben, „Raw“ kann es jedenfalls nicht gewesen sein. Denn „Raw“ ist nur Zweierlei: Ein echtes Ärgernis und eine unglaubliche Zeitverschwendung.

»Wassup?«

Die junge Justine (Garance Marillier) setzt die Veterinär-Tradition der Familie fort, indem sie ihrer älteren Schwester Alexia (Ella Rumpf) an die Elite-Universität Saint-Exupéry folgt. Dort ist das schüchterne Mädchen, das zudem Vegetarierin ist, mit den rüden und teilweise sehr krassen Initiationsriten der angehenden Tierärzte ziemlich überfordert. Als sie dann auch noch ein Stück rohe Kaninchen-Innereien essen soll, ist es mit der Contenance ganz vorbei. Doch die stille Justine fügt sich auf Drängen ihrer resoluten Schwester und stellt Erschreckendes fest: Auf einmal hat sie einen unbändigen Hunger auf Fleisch. Dieser lässt sich zunächst mit herkömmlichen Fleischgerichten oder zur Not rohem Hühnerfleisch stillen, aber schon bald merkt die virgine Justine, dass ihr auch das noch nicht reicht…

»Let's get real«

Schlussendlich sieht man in „Raw“ jungen Leuten 99 Minuten dabei zu, wie sie sich entweder Blut über den Kopf kippen, an Tierfleisch und schlussendlich eben auch an anderen Menschen rumknispeln und dabei schmatzen, was das Zeug hält. Dabei weiß man gar nicht, was einem mehr auf die Nerven geht…die völlig überdrehten Studenten, die offensichtlich nichts Besseres zu tun haben, als marodierend durch die Uni-Flure zu rennen und Zimmer auseinanderzunehmen oder die Neuankömmlinge auf andere Weise zu demütigen. Oder vielleicht die fragile Justine, die vorrangig verstört guckt und trantütig durch ihr neues Umfeld wabert. Oder treibt einen am Ende die überaus nervtötende Musik zum Film in den Wahnsinn? Vermutlich ist es ein Konglomerat der genannten Faktoren. In der Summe führt es jedenfalls dazu, dass man von „Raw“ wahnsinnig schnell genervt ist.

Die Story ist dermaßen uninteressant und am Ende (bei dem finalen Twist) sogar so schwachsinnig, dass es weh tut. Was Regisseurin und Drehbuchautorin Ducournau hier eigentlich erreichen wollte, bleibt unklar. Ist ihr Film nun ein Coming-of-Age-Drama? Bedächtig inszenierter Horrorfilm? Interfamiliäre Konfliktschau? Oder langweiliger Mumpitz? Und denkt Ducournau wirklich, dass die „Auflösung“, die sie dem Zuschauer am Ende anbietet, ein cleverer inszenatorischer Schachzug ist? Selbst wenn man mit dieser abstrusen Wendung nicht gerechnet hat (und das hat wohl kaum jemand), vermag sie nicht zu überraschen, sondern nur zu beschämen. Ein derart hanebüchener Schlusspunkt versetzt dem Film nur noch den letzten inszenatorischen Todesstoß.

Ducournau hält die Kamera scheinbar vollkommen willkürlich auf verschiedene Szenarien: Die bis zur Lethargie ruhige Justine kommt zur Uni, wo sie erst einmal unsicher herumirrt. Dann werden die dämlichen Rituale für die Neulinge abgefilmt, so dass man den Studenten schon bald einfach eins mit der Keule über den Schädel ziehen möchte, so enervierend und langweilig sind ihre Streiche. Dann wirft Ducournau ein bisschen wildes Partyleben, Drogen und Sex in ihre Geschichte und krönt das Ganze mit der langsamen Wandlung Justines von der schüchternen Vegetarierin zur mannstollen Kannibalin, die erst einen ekligen Ausschlag bekommt und dann fast permanent mit Blut im Gesicht rumläuft. Dazu noch eine aus dem Ruder laufende Intimrasur und weiterhin ein grauenvolles Sounddesign und fertig ist ein Film, den man sich tunlichst nicht ansehen sollte.

Auf anderen Festivals hat der Film mal wieder für großes Aufsehen gesorgt. Dutzendweise sind Zuschauer wahlweise in Ohnmacht gefallen oder mussten sich übergeben. Ruft „Raw“ wirklich solcherlei Reaktionen hervor? Ja, wenn man den Film auf ein völlig ungeeignetes Publikum loslässt, dessen Lieblingsfilm „Der englische Patient“ ist, vermutlich schon. Horroraffinen Zuschauern jedoch dürfte der Film nicht mehr als ein Gähnen entlocken, das Schlimmste am Film ist das Sounddesign, von den Schmatz- und Essgeräuschen bis hin zum Soundtrack.

Der Film ist quälend langweilig, verfügt durchweg nur über unsympathische bis nervtötende Protagonisten und erzeugt weder Spannung noch Grusel noch Interesse. Man ist einfach nur froh, wenn man diese Uni und ihre völlig bescheuerten Studenten wieder verlassen kann. Weder Justines erwachende Fleischeslust (im doppelten Sinne) noch die Auseinandersetzungen mit ihrer Schwester noch das ach-so-coole Uni-Leben sind so geschildert, dass man sich auch nur für fünf Cent dafür interessieren würde. Man hat das Gefühl, dass die angehenden Veterinäre ständig mit blutbesudelten Kitteln durch die Uni stolpern, wenn sie sich nicht gerade mal wieder bis zur Besinnungslosigkeit besaufen oder infantilen Schwachsinn aushecken. Was also sollte einen daran 99 Minuten lang fesseln?

»Players«

Garance Marillier als Justine hat nicht viel zu tun, außer sinnentleert und blutbeschmiert durch die Gegend zu irrlichtern, betrübt bis stumpf vor sich hinzustarren und an irgendwelchen Fleischstücken herumzuknabbern. Ihr fehlt es sowohl an Ausdruckskraft als auch an Talent, andererseits könnte es aber auch sein, dass ihre Rolle einfach so dumpf angelegt ist, dass sie dies mit ihrem Spiel eben bedient. Ein bisschen mehr Ausdruckskraft besitzt Ella Rumpf als aufmüpfige ältere Schwester, die sie sogar recht ambivalent darstellt. Die weiteren Protagonisten haben kaum erwähnenswerte Rolle und verkommen somit zur undefinierbaren und enervierenden Studentenmasse, der man keine weitere Beachtung schenken braucht.

»Quintessence«

„Raw“ ist einer der überflüssigsten, langweiligsten und enervierendsten Filme, die ich seit Langem gesehen habe. Die Story ist absoluter Schwachfug und wird darüber hinaus so langatmig und -weilig umgesetzt, dass man leicht einschlafen kann. Wäre man nicht so genervt von Protagonisten, Musik und Julia Ducournaus Unvermögen, auch nur eine gelungene Filmminute abzuliefern. Ergo kannibalistische null von fünf Hähnchenfilets, die man sich lieber schön in der Pfanne anbraten sollte, als sich diesen bescheuerten Film anzusehen.


Hounds Of Love - Uncut [Blu-ray]
Hounds Of Love - Uncut [Blu-ray]
DVD ~ Emma Booth
Preis: EUR 15,99

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen An Australian Crime, 8. Oktober 2017
Rezension bezieht sich auf: Hounds Of Love - Uncut [Blu-ray] (Blu-ray)
(Kinoversion vom Fantasy Filmfest 2017).

»Intro«

Nach drei Kurzfilmen und diversen TV-Serienepisoden legt der Australier Ben Young mit "Hounds of Love" sein Langfilm-Debüt als Regisseur und Drehbuchautor vor. Und versetzt dem Zuschauer damit einen derartigen Schlag in die Magengrube, dass einen der Film auch lange nachdem die Lichter im Kino wieder angegangen sind, nicht loslässt. Young gelingt es, das Grauen, das seine Protagonistin Vicky erleiden muss, immer nur anzudeuten und dennoch so unerträglich intensiv nachvollziehbar zu machen, dass einem der Film wirklich an die Nieren geht. "Hounds of Love" ist so weit weg von typischen Torture-Porn-Filmen wie Australien von Amerika, und dennoch um so Vieles eindringlicher und grausamer, dass er ein nachhaltig ungutes Gefühl beim Zuschauer erzeugt. Ganz großes, grauenerregendes Kino.

»Wassup?«

Perth, Australien, 1987. Aus einem beschaulichen, gutbürgerlichen Vorort verschwindet eines Nachts um Weihnachten herum Teenagerin Vicky (Ashleigh Cummings) spurlos. Sie ist in die Hände des Serienmörder-Pärchens Evelyn und John White (Emma Booth und Stephen Curry) geraten. John White hat ein Faible für junge Mädchen, die er gerne tagelang bei sich zu Hause foltert, bevor er sie tötet und im Wald vergräbt. Evelyn ist zur willfährigen Handlangerin ihres Mannes geworden, dem sie hörig ist. Sie hofft, durch die Ehe mit ihm irgendwann ihre Kinder aus einer anderen Beziehung zurückzubekommen, die ihr weggenommen wurden. Vicky ist der grausamen Willkür der Whites hilflos ausgeliefert, ist aber dennoch in der Lage, kleine Risse in der Beziehung des Ehepaars zu entdecken und diese vielleicht zu ihrem Vorteil nutzen zu können. Wird es ihr gelingen, Evelyn auf ihre Seite zu ziehen, bevor John wieder zum Spaten greift und ein neues Grab im Wald aushebt?

»Let's get real«

In "Hounds of Love" geht es nur vordergründig um die Entführung und Folterung von Vicky. Sicherlich ist dies ein wichtiger Teil des Films. Schnell aber stellt man in diesem 108Minüter fest, dass sich der Hauptteil der Handlung um die desaströste Beziehung der Whites dreht. Die Whites sind - vielleicht, wie der Name schon andeutet - White Trash, gehören also zur Unterschicht und führen eine für diese Schicht oft typische kranke Abhängigkeitsbeziehung. John ist eigentlich ein Versager, der bei den örtlichen Gangstern in der Kreide steht und von ihnen gedemütigt wird. Um das zu kompensieren, entführt und missbraucht er junge Mädchen und mimt auch vor Evelyn den starken Kerl, der er natürlich gar nicht ist. Evelyn scheint das Leben schon so übel mitgespielt zu haben, dass sie tatsächlich glaubt, mithilfe eines mordlüsternen Psychopathen ihre Kinder zurückbekommen zu können. Dafür ist sie sogar bereit, mit ihm auf Mädchenjagd zu gehen und Johns Dreck wegzuräumen, wenn er mit den Mädchen fertig ist.

Und genau auf dieser kranken Beziehung liegt der Fokus in "Hounds of Love", sie ist der eigentlich viel interessantere Part als der um Vicky, was ihr angetan wird und ob ihr die Flucht gelingen wird. Denn Regisseur Young gelingt es meisterhaft, mit lediglich kleinen Andeutungen das Ausmaß des Grauens viel greifbarer zu machen, als wenn er bei Johns Gewalteskalationen mit der Kamera voll drauf halten würde. Eine offene Zimmertür, die vor Angst schreiende Vicky und der lächelnd auf sie zugehende John sind alles, was Young den Zuschauer sehen lässt, bevor er ganz langsam die Tür schließt und den Rest der Fantasie des Zuschauers überlässt. Ein paar markerschütternde, verzweifelte Schreie sind alles, was man noch zu hören bekommt, und das ist irgendwie viel furchtbarer, als wenn Young den Missbrauch in detaillierten Bildern gezeigt hätte. Außerdem geht es ihm sowieso viel mehr um den psychischen Missbrauch, den John an seiner Frau praktiziert.

Evelyn ist eine gleichermaßen jämmerliche wie tragische Gestalt. Dünn, verhärmt und in die unvorteilhaften Klamotten der späten 80er Jahre gehüllt, huscht sie um John herum, macht ihm Frühstück, das er dann verschmäht und räumt hinter ihm auf, wenn er mal wieder fertig mit einem Mädchen ist. Dann werden die blutigen Laken gewaschen und draußen in der Sonne aufgehängt, bis Evelyn ihn wieder auf einem seiner nächtlichen Beutezüge begleitet. Man sieht das Leid, das Evelyn aushalten muss, wenn sich ihre Eifersucht auf die jungen Mädchen latent Bahn bricht oder sie wieder und wieder von John gedemütigt wird. Nur, wenn sie mit den Mädchen allein ist, versucht sie, sich tough zu geben und das bisschen Macht, das sie in solchen Momenten hat, zu genießen.

Man schwankt regelmäßig zwischen Fassungslosigkeit, Entsetzen und Mitleid hin und her und ist völlig gefangen in diesem Gefühlschaos, das Young bei einem auslöst. Man hasst Evelyn im einen Moment, nur um im nächsten Mitleid mit ihr zu haben. Selbst für den völlig unberechenbaren John empfindet man sekundenlang etwas, wenn er von über ihm Stehenden runtergemacht wird. Und natürlich ist man ganz auf Vickys Seite und kann kaum ertragen, was ihr tagelang im Haus der Whites angetan wird. Zum Ende des Films steigert Young die Spannung, die sich vorher vorrangig aus der dysfunktionalen Beziehung der Whites genährt hat, noch einmal fast ins Unermessliche, als Vickys Schicksal in den Vordergrund rückt.

"Hounds of Love" ist ein Dreiecks-Psychoduell allererster Güte, das trotz der überwiegend ruhigen Erzählweise unendlich spannend ist. Neben einem hervorragenden Drehbuch und einer superben Schauspieler-Auswahl hat Young auch bei der Ausstattung und den Locations alles richtig gemacht. Vermeintlich sichere Vororte, unschuldig ballspielende Teenager in kurzen Röcken, das Grauen, das direkt hinter der Haustür lauert und die authentische Einrichtung und Kleidung der 80er Jahre machen aus "Hounds of Love" ein kleines Meisterwerk.

»Players«

Emma Booth ist eindeutig der Star des Films. Sie wurde auf dem Filmfest in Brüssel für ihre herausragende Leistung zu Recht als beste Darstellerin ausgezeichnet. Ungeschminkt, sommersprossig, dünn und fragil erscheint sie, ihre kleinen Augen huschen ständig unsicher umher, sie ist sich ihres freudlosen, von einem Psychopathen dominierten Lebens durchaus bewusst. Wie es Booth gelingt, zwischen völlig konträren Emotionen und Verhaltensweisen zu wechseln, ist faszinierend. Sie ist gehässig, eifersüchtig, unterwürfig, traurig, verschlagen, ängstlich und noch so Vieles mehr und ist in all diesen Stimmungslagen immer überzeugend. Stephen Curry als John White spielt den White-Trash-Psychopathen nicht minder überzeugend. Er kann tatsächlich charmant und liebenswürdig sein, nur um im nächsten Moment zum Schlag auszuholen, ein wildes Glitzern in den Augen und zu allem bereit, um zu kriegen, was er will. Auch Curry wechselt famos zwischen den widersprüchlichen Seiten seines Charakters. Und schlussendlich liefert auch Ashleigh Cummings als überlebenswilliges Opfer stark ab. Ihre Angst und absolute Verzweiflung sind jederzeit nachvollziehbar, ihre fast animalisch-ängstlichen Schreie gehen einem durch Mark und Bein und man schöpft Hoffnung, wenn man den Trotz und Überlebenswillen in ihrem Gesicht entdeckt. Auch die weiteren Charaktere (z. B. Vickys Mutter) liefern so überzeugend ab, dass man Young zu seinem Cast nur gratulieren kann.

»Quintessence«

"Hounds of Love" ist intensivst gespielter Folter-Horror, dessen ruhige Bilder, die die Gewalt meistens nur andeuten, einen nachhaltig verstören. Mehr noch ist der Film aber tragisches, beklemmendes Drama einer ungesunden, kranken Beziehung, die selbst vor Mord nicht zurückschreckt. Eingebettet in einen ruhigen australischen Vorort erwischt einen das Grauen mit umso größerer Kraft und hallt lange nach. Dank der immens guten Darsteller und der unfassbar guten Inszenierung von Ben Young ist "Hounds of Love" ein Film, wie man ihn in diesem Genre lange nicht mehr gesehen hat und vermutlich auch lange nicht mehr sehen wird. Eine emotionale Tour de Force, ein wirkliches Brett von einem Film und trotz nur angedeuteter Grausamkeiten kein Film für sensible Seelen. Volle fünf von fünf geschlossenen Türen, hinter denen das Grauen lauert.


The Autopsy of Jane Doe
The Autopsy of Jane Doe
DVD ~ Olwen Catherine Kelly
Preis: EUR 12,99

4.0 von 5 Sternen Down in the Morgue, 6. Oktober 2017
Rezension bezieht sich auf: The Autopsy of Jane Doe (DVD)
(Kinoversion Fantasy Filmfest 2017).

»Intro«

Der Norweger André Øvredal bespaßte das Publikum 2010 mit „Trollhunter“, sieben Jahre später legt er mit dem kammerspielartigen Pathologen-Horrorfilm „The Autopsy of Jane Doe“ nach. In nur 86 Minuten entwirft er ein düsteres, schauriges Horrorszenario um die Sezierung einer unbekannten Frauenleiche (im Amerikanischen „Jane Doe“ genannt), das erst ganz am Ende ins Phantastische abgleitet und somit einen Hauch seiner horrenden Substanz verliert.

»Wassup?«

In einem Haus irgendwo in Virginia werden vier übel zugerichtete Leichen gefunden. Vor Ort entdeckt Sheriff Burke (Michael McElhatton, „Game of Thrones“) dann noch eine weitere Leiche (Olwen Catherine Kelly). Diese ist halb im Keller vergraben und weist keinerlei Verletzungen auf. Er lässt die Unbekannte in die Gerichtsmedizin bringen, wo Vater Tommy (Brian Cox, „Coriolanus“) und Sohnemann Austin (Emile Hirsch, „Into the Wild“) sich daranmachen, das Rätsel um den Tod der Unbekannten zu lösen. Doch je weiter die Autopsie voranschreitet, umso seltsamer wird es. Innere Verbrennungen sind nur eine physische Abnormität, die sich weder Tommy noch Austin erklären können. Der Ehrgeiz der Pathologen ist geweckt, doch schon bald müssen sie feststellen, dass auf dem Seziertisch etwas ganz und gar nicht mit rechten Dingen zugeht. Denn Jane Doe ist nicht ganz so tot, wie anfangs gedacht. Als das Licht ausgeht und die Türen plötzlich verschlossen sind, ist dem Vater-Sohn-Gespann schnell klar, dass sie wohl um das eigene Überleben kämpfen müssen…

»Let's get real«

„The Autopsy of Jane Doe“ ist nichts für Zartbesaitete…denn die titelgebende Autopsie wird in all ihren ekligen Einzelheiten gezeigt. Dafür muss die wunderhübsche, aber hier zu Bewegungslosigkeit verdammte Olwen Catherine Kelly ihren makellosen Körper zur Verfügung stellen. Es kann kein Vergnügen gewesen sein, bei den Dreharbeiten stundenlang auf einem kalten Metalltisch zu liegen, während sich immer mindestens ein Protagonist ganz nah zu einem hinunterbeugt. Tatsächlich ist „The Autopsy of Jane Doe“ ein horroreskes Kammerspiel, in dem im überwiegenden Teil der Laufzeit lediglich drei Protagonisten zu sehen sind, von denen einer eine Leiche ist.

Glücklicherweise handelt es sich bei den anderen Beiden um Brian Cox und Emile Hirsch, die hier ein stimmiges Pathologen-Duo abgeben. Austin setzt die seit 100 Jahren bestehende Pathologen-Dynastie mit jungspundhaftiger Unbekümmertheit fort, während sein Vater Tommy ein alter, gewitzter Hase ist, den eigentlich nichts mehr schockieren kann. Außer unserer Jane Doe natürlich. Denn was die Beiden im inneren der vermeintlichen Leiche entdecken, haben sie noch nie gesehen, und sie finden anfangs auch überhaupt keine logische Erklärung dafür. Also wird geforscht, seziert und unter die Lupe genommen, was das Zeug hält. Je näher Tommy und Austin der Leiche und ihrem Geheimnis aber kommen, umso unheimlicher wird es in der hauseigenen Pathologie im Keller des Wohnhauses.

Regisseur Øvredal gelingt es, mit den absoluten Standard-Versatzstücken des Haunted-House-Horrors angenehmen Grusel und schaurige Spannung zu erzeugen. Da flackern die Lichter in der Leichenhalle, die Türen sind urplötzlich versperrt und das Radio spielt seltsame Songs. Dann huschen auch noch Schatten durch die dunklen Kellergänge und merkwürdige Geräusche sind zu hören. 08-15-Grusel, möchte man meinen. Und ja, genau so ist es auch. Da Øvredal diesen aber souverän und konsequent inszeniert, fühlt man sich dadurch bestens unterhalten. In Kombination mit der immer weiter fortschreitenden blutroten Autopsie der blassblauen Jane Doe ein todsicheres Mittel, den Zuschauer in Angst und Schrecken zu versetzen.

Man ahnt natürlich, dass es für die seltsamen Vorgänge in der Leichenhalle keine logische Erklärung geben kann. Somit ist die Auflösung natürlich ein Stück weit im Phantastischen anzusiedeln und deshalb vielleicht nicht für jeden ganz und gar befriedigend. Andererseits hat Øvredal (bzw. seine Drehbuchautoren) sich hier eine nette Schlusspointe ausgedacht, die sogar halbwegs originell daherkommt…eine Seltenheit bei Horrorfilmen, soviel dürfte sicher sein. Insofern ist der Film natürlich nicht in jeder Filmminute logisch und nachvollziehbar, aber dank der absolut gelungenen gruseligen Stimmung und der großartigen Darsteller ist dies ein Manko, mit dem man gut leben kann.

»Players«

Brian Cox ist ein Schauspiel-Veteran, und das merkt man seinem lässigen, gekonnten Spiel auch deutlich an. Als traditionsbewusster alter Pathologie-Hase Tommy macht ihm so leicht keiner etwas vor. Mit knochentrockener Ironie ist er sogar für den ein oder anderen makabren Scherz zu haben, der dem Zuschauer ebenfalls ein Schmunzeln entlockt. Wenn sein Tommy dann aber feststellt, dass das Gesehene sein Vorstellungsvermögen übersteigt, variiert Cox geschickt zwischen unterschiedlichen Stadien der Angst und Fassungslosigkeit. Man nimmt Cox seine Rolle somit jederzeit ab. Auch Emile Hirsch als Austin weiß zu überzeugen. Mit jugendlichem Tatendrang und vorschnellen Schlussfolgerungen setzt er einen erfrischenden Gegenpart zu seinem abgeklärten Vater. Hirsch und Cox geben einfach ein prima Gespann ab. Und obwohl Olwen Catherine Kelly weder sprechen noch sich sonstwie bewegen darf, verleiht sie ihrer Jane Doe eine unheimliche Präsenz, die dem Film den letzten schaurigen Kick verschafft.

»Quintessence«

„The Autopsy of Jane Doe“ ist ein gruseliger Schocker, der nicht mit blutigen Details spart. Und obwohl der Film fast ausschließlich in nur einem Raum spielt und von lediglich zwei Schauspielern getragen wird, kommt keine Langeweile auf. Die Autopsie ist eklig-detailliert, der Schrecken drumherum zwar Standard, aber souverän und schockträchtig in Szene gesetzt und die Darsteller runden diesen Horrorfilm mit ihrem gekonnten Spiel gelungen ab. Bis auf das natürlich ziemlich unrealistische Ende (das einen aber irgendwie gar nicht stört) ist „The Autopsy of Jane Doe“ ein schrecklich-schöner Horrorfilm Und davon gibt es heutzutage ja nicht mehr wirklich viele. Ergo gerne vier von fünf Autopsien, denen man lieber nicht beigewohnt hätte.


Schloss aus Glas
Schloss aus Glas
DVD ~ Brie Larson
Preis: EUR 13,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Childhood Memories, 3. Oktober 2017
Rezension bezieht sich auf: Schloss aus Glas (DVD)
(Kinoversion)

»Intro«

2006 veröffentlichte die Schriftstellerin Jeannette Walls ihren autobiografischen Roman “Schloss aus Glas”, elf Jahre später nun erscheint die Verfilmung durch den Regisseur Destin Daniel Cretton („Short Term 12“). Cretton arbeitet hier erneut mit seiner Darstellerin aus „Short Term 12“, Brie Larson („Raum“), zusammen, und hat den als unverfilmbar geltenden Roman sehr wohl ganz wunderbar verfilmt.

»Wassup?«

Jeannette (Brie Larson, „Raum“) wird 1960 in Arizona als Tochter der Malerin Rose Mary (Naomi Watts, „Gefühlt Mitte Zwanzig“) und des Ingenieurs Rex Walls (Woody Harrelson, „Die Tribute von Panem“) geboren. Zu ihr und ihrer älteren Schwester Lori gesellen sich im Laufe der Jahre noch die jüngeren Geschwister Brian und Maureen. Die Familie führt jahrelang ein unstetes Nomadenleben, da Vater Rex sich lieber in halbseidenen Geschäften ergeht, anstatt einer geregelten Arbeit nachzugehen. Und wenn ihm der Boden unter den Füßen mal wieder zu heiß wird oder der Knast droht, packt Rex seine Familie einfach ein und zieht weiter. Auch Rose Mary hat das Arbeiten nicht erfunden und verbringt ihre Zeit lieber mit dem Malen von Gemälden. Zu den ständigen Umzügen kommt noch der unkonventionelle Erziehungsstil, den die Eltern ihren Kindern angedeihen lassen. Zwar haben diese jede Menge Freiheiten und sollen so zu selbständigen, starken Menschen heranwachsen, allerdings lassen Rex und Rose Mary Vieles vermissen, was für eine gesunde Kindheit unabdingbar ist. Die Kinder müssen oft Hunger leiden, gehen auf keine Schule und werden immer wieder auch emotional von ihren Eltern vernachlässigt. Als Jeannette, die es mittlerweile zur erfolgreichen Journalistin gebracht hat, Ende der 80er Jahre in New York im Taxi an ihren im Müll wühlenden Eltern vorbeifährt, gerät ihr scheinbar stabiles Gemüt nachhaltig ins Wanken. Hat sie ihre Eltern und ihr damaliges Leben wirklich hinter sich gelassen?
»Let's get real«
Wie schon bei der Buchvorlage schwankt man beim Ansehen des 127minütigen Films ständig zwischen Faszination und Frustration. Regisseur Cretton fängt die ungewöhnliche Kindheit seiner Protagonistin in wunderschönen Landschaftsaufnahmen, bunten Bildern und lächelnden Kindergesichtern wunderbar ein. Gleichzeitig konfrontiert er den Zuschauer aber auch mit den Schattenseiten dieser sicherlich einzigartigen Kindheit. Enttäuschung, Wut, Fassungslosigkeit und Resignation sind ebenso Bestandteil des Heranwachsens der vier Geschwister. Und wenn Rex seinen Kindern zu Weihnachten einen Stern am Himmel schenkt, ist das einerseits eine berührende Geste, andererseits steht die Wahrheit dahinter, dass Rex das Geld für Geschenke vermutlich mal wieder versoffen oder anderweitig ausgegeben hat.

Cretton gelingt es großartig, die Ambivalenz dieses besonderen Heranwachsens herauszuarbeiten. Man empfindet für Rex und Rose Mary gleichermaßen positive wie negative Gefühle. Sie erziehen ihre Kinder tatsächlich zu starken, unabhängigen Menschen, allerdings ist dies bei den Kindern oft eher schlichtem Überlebenswillen geschuldet, als dass es eine eigenständige Entscheidung wäre. Natürlich kann man sein Kind so lange ins Wasser werfen, bis es vor lauter Angst lernt, sich irgendwie über Wasser zu halten. Man könnte ihm aber auch auf andere Weise das Schwimmen beibringen. Jeannette erleidet im Alter von drei Jahren schwere Verbrennungen, weil ihre Mutter es für wichtiger hält, ein Bild fertig zu malen, anstatt ihrer Tochter etwas zu essen zu kochen und das Kleinkind unbeaufsichtigt am Herd herumhantieren lässt. Rose Mary und Rex bewegen sich ständig auf dem schmalen Grat der Vernachlässigung, teilweise sogar des emotionalen Missbrauchs, so wenig kümmern sie sich oft um das Wohl ihrer Kinder. Auf der anderen Seite nehmen sie sich aber auch viel Zeit für sie, unterrichten sie selbst und beflügeln ihre kindliche Fantasie auf unnachahmliche Weise.

„Schloss aus Glas“ ist eine phantasievolle Mischung aus Abenteuer, Drama, Autobiografie und Komödie, in der Cretton Humorvolles, aber auch Abgründiges geschickt austariert. Dabei gelingen ihm die Rückblenden in Jeannettes Kindheit emotionaler und berührender als die Passagen um die erwachsene Jeannette. Rex ist gleichzeitig ein Mann, den man gerne gekannt hätte, bei dem man aber gleichzeitig heilfroh ist, dass dem nicht so ist. Er kämpft sein Leben lang gegen seine inneren Dämonen und scheitert dabei so vollumfänglich, wie er es versteht, seinen Kindern unvergessliche Momente der Glückseligkeit zu schenken. Er liefert sie den Unwägbarkeiten des Lebens teilweise hilflos aus und scheitert daran, seine Kinder zu beschützen, vermittelt ihnen aber gleichwohl innere Stärke und Selbstbewusstsein.

»Players«

Dass der Film nicht nur inszenatorisch, sondern auch darstellerisch so gut gelungen ist, ist hauptsächlich das Verdienst von Woody Harrelson als Rex Walls. Er spielt ihn mit einer unnachahmlichen Mischung aus Unbekümmertheit, Verzweiflung, Großspurigkeit, Phantasie und gebrochenem Selbst, so dass man ihm die unterschiedlichsten Gefühle entgegenbringt. Neben dieser meisterhaften, einnehmenden und facettenreichen Darstellung haben es sowohl Naomi Watts als auch die oscarprämierte Brie Larson schwer zu bestehen. Noch mehr als die erwachsene Jeannette überzeugen die beiden Kinderdarstellerinnen der Jeannette (Chandler Head und Ella Anderson), die zu sehr differenziertem Spiel und authentischen Emotionen fähig sind. Alles in allem in jedem Fall ein großartiger Cast, der wirklich beeindruckt.
»Quintessence«

Wenn im Abspann Bilder und Videoaufnahmen der echten Familie Walls auftauchen, ist man erstaunt, wie genau Naomi Watts und Woody Harrelson trotz nicht allzu großer äußerlicher Ähnlichkeit die Persönlichkeit ihres jeweiligen Charakters getroffen haben. Auf jeden Fall ist man gerührt und tief beeindruckt von Destin Daniel Crettons Film, weil er so vielen Aspekten des Buches und des Lebens von Jeannette Walls gerecht wird. Zu schildern, ohne zu urteilen, ist eine große Kunst, die Cretton nahezu perfekt beherrscht. Bis auf die nicht immer ganz so berührenden Gegenwarts-Momente ist an „Schloss aus Glas“ wirklich nichts auszusetzen, ergo gerne sehr gute vier von fünf Schlössern aus Glas, die vielleicht nie gebaut werden, aber dennoch zum Träumen einladen.


68 Kill
68 Kill
DVD ~ Matthew Gray Gubler
Preis: EUR 11,98

3.0 von 5 Sternen Bring it on!, 25. September 2017
Rezension bezieht sich auf: 68 Kill (DVD)
(Kinoversion vom Fantasy Filmfest 2017)

»Intro«

Nachdem Regisseur und Drehbuchautor Trent Haaga mich auf einem vorherigen Fantasy Filmfest schon mit seinem Script zu "Cheap Thrills" für sich eingenommen hatte, war ich gespannt, wie er mit der Doppelbelastung Autor/Regisseur bei "68 Kill" umgehen würde. Nach Sichtung von Haagas zweitem Film lässt sich sagen, dass das Script zu "68 Kill" zwar nicht so gut und gelungen ist wie das zu "Cheap Thrills", aber dass man mit dieser völlig aus dem Ruder laufenden Amateurgangster-Posse durchaus 93 Minuten lang seinen Spaß haben kann.

»Wassup?«

Chip (Matthew Gray Gubler, "Criminal Minds", "Suburban Gothic") ist seit sechs Monaten mit der extrovertierten Liza (AnnaLynne McCord, "Excision") zusammen. Er verdient seine mageren Brötchen mit Abwasserarbeiten, Liza hingegen lässt ab und an Sugardaddy Ken (David Maldonado, "Deppwater Horizon") ran, um ihr Einkommen aufzubessern. Als der ihr erzählt, dass er gerade 68.000 Dollar im Safe hat, um sich einen Lamborghini zuzulegen, beschließt Liza, dass sie und Chip dieses Geld eigentlich viel besser gebrauchen könnten. Ihr Plan, mal kurz bei Ken einzubrechen und sich das Geld zu holen, geht natürlich gehörig schief. Hatte Chip schon bei dem Gedanken, irgendwo einzubrechen, ein ziemlich ungutes Gefühl, findet er sich kurze Zeit später mit diversen Leichen und einer gefesselten Geisel im Kofferraum wieder. Und Liza, die in ihrer Beziehung zwar eindeutig die Hosen anhat, dreht im Verlauf dieser verbrecherischen Nacht komplett durch und wandelt sich zur völlig durchgeknallten Psycho-Bitch, was Chip seine Beziehung zu ihr gründlich überdenken lässt…sollte er dafür noch lange genug am Leben bleiben…

»Let's get real«

"68 Kill" ist eine ziemlich abgedrehte Crime-Komödie, in der alles immer nur noch schlimmer wird, vor allem für Chip. Hat er es anfangs nur mit einer dominanten und sexuell recht handgreiflichen, dafür aber superscharfen Freundin zu tun, mit der er White Trash-gemäß im Trailer haust, sieht er sich schon bald mit einer Abfolge immer schlimmerer Verbrechen konfrontiert, bei denen ihm leider eine wesentlich aktivere Rolle zuteil wird, als er sich jemals hätte vorstellen können.

Chip ist der gutgläubige, liebenswerte Loser, der es - wie auch immer - geschafft hat, eine äußerst heiße Frau für sich zu gewinnen. Dass Liza way out of his league ist, wird schon in den ersten Filmminuten überdeutlich. Wenn Chip nach dem Sex nur mit einem blauen Auge davonkommt, war dies für ihn schon eine erfolgreiche Nacht. Dennoch lässt man sich als Mann kein so scharfes Geschoss entgehen, und seltsamerweise scheint auch Liza - zumindest in ihren wenigen nicht psychotischen Momenten - tatsächlich so etwas wie Zuneigung für Chip zu empfinden. Vorrangig aber ist sie ergebnisorientiert, und als sich ihr die Chance auf einen Haufen Geld bietet, greift sie sofort und skrupellos zu. Nun ja, wenn man weiß, dass ihr Bruder Serienkiller ist, wundert einen das ein bisschen weniger.

Der als ganz simpler "Einbrechen-Geld klauen-Abhauen" geplante Überfall auf Kens Haus läuft dann aber so schnell aus dem Ruder, dass Chip gar nicht weiß, wie ihm geschieht. Eben noch hielt man 68.000 Dollar in den Händen, im nächsten Moment schon fließt das Blut in Strömen und die ersten Leichen sind zu beklagen. Bevor Chip sein Entsetzen darüber kundtun kann, hat Liza eine Geisel genommen und ist mit Chip und dem Geld auf der Flucht. Doch auch hier geht wieder alles schief und fortan muss Chip sich nicht nur seiner durchgeknallten Freundin erwehren, sondern auch überlegen, was er mit der zugegebenermaßen sehr hübschen Geisel anfangen soll. Darüber hinaus wechselt das Geld in dieser Nacht mehrmals den Besitzer, was mit weiteren Schmerzen und üblen Konsequenzen für Chip verbunden ist. Der Ausgang der Nacht ist mehr als ungewiss, aber dass noch mehr Menschen sterben werden, ist auch Chip irgendwann klar.

Trent Haaga übertreibt es mit dem wilden Aktionismus seiner Protagonisten ab und an ein wenig. Zwar ist man nicht wirklich überrascht, wenn man feststellt, wie psychotisch Liza wirklich ist, dennoch wirkt dies an mehr als einer Stelle zu unglaubwürdig, um dem Storyverlauf blind folgen zu wollen. Dazu kommen diverse überzogen wirkende Dialoge, die ein bisschen zu sehr auf Gangsterslang getrimmt wirken. Alles in allem ist die Handlung natürlich total hanebüchen, aber da Haaga dem Zuschauer dies immer mit einem Augenzwinkern serviert, kann man damit ganz gut leben. Manchmal wäre etwas weniger mehr gewesen, aber im Großen und Ganzen macht es Spaß, Chip und Liza durch diese mörderische Nacht zu begleiten.

»Players«

Matthew Gray Gubler gibt einmal mehr den liebenswerten Loser, der mit dem Leben an sich und Liza im Besonderen heillos überfordert ist. Zu sehen, was Chip aus dieser gewaltentfesselnden Nacht am Ende lernt, macht aber dank Gublers überzeugender Leistung durchaus Spaß. Und AnnaLynne McCord zeigt nach ihrer grandiosen Darstellung in "Excision" einmal mehr, dass sie echtes Talent dazu hat, psychisch überhaupt nicht rund laufende Charaktere überzeugend darzustellen - also überzeugend völlig durchgeknallt. Gepaart mit ihrem nur als "hot" zu beschreibenden Äußeren eine sehr interessante Mischung. Alisha Boe ("Paranormal Activity 4") als Geisel Violet kann auch ein paar Akzente setzen und Sheila Vand ("A Girl walks home alone at Night") als Monica übertreibt es als White Trash-Bitch zwar ab und an mit ihrem Slang, tariert die kargen Facetten ihrer Rolle aber gut aus.

»Quintessence«

"68 Kill" ist eine definitiv überzogene, wilde und anarchische Crime-Komödie, die viele gute Momente und gelungene Dialoge aufweist. Zwar geht es mit der Handlung manches Mal etwas zu sehr drunter und drüber, was aber durch herrlich schräge Charaktere und die überbordende Spielfreude der Darsteller meist wettgemacht wird. So ganz überzeugen kann diese Krimi-Komödien-Mischung zwar nicht, aber wenn man den Fokus nicht zu sehr auf die dünne Handlung legt, wird man mit sehr guten Darstellern und einigen gelungenen Wendungen belohnt, die das Ansehen dieses Films überwiegend kurzweilig gestalten. Ergo gute drei von fünf nächtlichen Überfällen, die wirklich komplett schiefgegangen sind.


Kedi - Von Katzen und Menschen [Special Edition]
Kedi - Von Katzen und Menschen [Special Edition]
DVD ~ Kira Fontana
Preis: EUR 13,99

19 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Pussycats, 21. August 2017
(Kinoversion)

»Intro«

Der Grund, warum ich nach 30 Jahren Kino und geschätzten 7.000 Filmen, unter denen sehr viele schlechte waren, immer noch gerne ins Kino gehe, sind solche kleinen Perlen wie „Kedi“. Ein türkischer Dokumentarfilm über Straßenkatzen in Istanbul. Ein so zauberhafter, herzerwärmender, putziger, niedlicher, gelungener Film, dass mir allein die Erinnerung daran immer wieder ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. In knapp 80 Minuten stellt uns Ceyda Torun in ihrem erst zweiten Film (nach einem Kurzfilm) sieben ganz unterschiedliche Katzen vor, die in den Straßen und am Hafen von Istanbul leben und „wirken“. Welchen Einfluss sie auf die Menschen haben, die sich um sie kümmern und ins Herz geschlossen haben und dass Katzen wirklich Charakter haben, beweist Torun mit „Kedi“ (Türkisch für „Katze“) eindrucksvoll, kurzweilig und spannend.

»Wassup?«

Sarı stromert durch „ihr“ Viertel in Istanbul, klaut in Cafés Übriggebliebenes von den Tellern gegangener Gäste und schaut regelmäßig bei einer Ladenbesitzerin vorbei, um es sich dort auf einem Stuhl gemütlich zu machen. Die Ergebnisse ihrer Beutezüge bringt sie zu ihrem Wurf, den sie in einem Treppenhaus untergebrach hat. Bengü hat in einer Werkstatt ihr Zuhause gefunden, wo sie sich gerne streicheln und bürsten lässt. Psikopat hat ihr Revier und ihren „Mann“ genau im Blick, eventuelle Rivalinnen werden zügig in ihre Schranken gewiesen. Deniz klaut auf Märkten Fisch, aber nur den besten. Aslan Parçası hält die Ratten von einem Restaurant am Hafen fern, Duman hat sich einen Delikatessenladen als Futterquelle ausgesucht und ist ein wahrer Gentlemen, und Gamzıs sitzt immer seitlich, nie frontal, vor dem Fenster, hinter dem eine seiner Futterquellen wohnt und hebt eine Pfote, um eingelassen zu werden. Sie alle leben in Istanbul, wo sie die Stadt und ihre Bewohner durch ihre Anwesenheit bereichern, ja, manchmal sogar heilen. Eine friedvolle, herzliche und tiefgehende Bindung sind Katze und Mensch hier eingegangen, eingefangen in wunderschönen Bildern von Istanbul und noch vielen weiteren Samtpfoten.

»Let's get real«

„Für den Hund ist der Mensch Gott. Nicht so für die Katze. Sie weiß es besser.“ Diese vermutlich sehr wahre Aussage wird irgendwann im Film getätigt und die Protagonisten dieses Films scheinen es zu bestätigen. Katzen suchen sich ihre Besitzer selbst aus, wenn sie können, sie lassen sich nur schwer erziehen und tun im Grunde immer nur das, was sie auch tun wollen. Vermutlich deswegen sind die Lager der Hunde- und Katzenbesitzer bisweilen so gespalten. Mich hat die Eigenständig- und Dickköpfigkeit von Katzen schon immer fasziniert, darüber hinaus finde ich (die meisten) einfach wunderhübsch. Und sie jetzt einmal auf einer Kinoleinwand zu sehen, war wirklich schön. Wenn die ganze Leinwand von einem zufrieden blinzelnden, flauschigen Katzenkopf beherrscht wird, kann man sich der Wirkung, die dies auf einen hat, nicht entziehen. Man entspannt sich, man freut sich, man ist berührt. Dies gelingt „Kedi“ in nahezu jeder seiner 79 Minuten Laufzeit. Dieser Film ist wirklich Medizin für die gestresste Alltagsseele.

Regisseurin Torun ist ein lebendiger, spannender und wirklich so bezaubernder Film gelungen, der nicht nur die sehr unterschiedlichen Katzen im Fokus hat, sondern auch die Menschen, die sich so liebevoll um sie kümmern. Ich hätte nicht gedacht, dass die Menschen in Istanbul, besonders die Männer, so innige und herzige Beziehungen zu „ihren“ Straßenkatzen eingehen. Da ist der Fischer, der sich um einen Wurf Jungkatzen kümmert, die keine Mutter mehr haben, da ist der ehemals Depressive, dem einige Straßenkatzen aus der mentalen Krise herausgeholfen haben und die er nun regelmäßig füttert, da ist der Cafébesitzer, der die Trinkgelder für Tierarztkosten verwendet, um „seine“ Straßenkatze gesund zu halten. Sie alle lieben die Tiere, die zu ihnen gekommen sind und kümmern sich intensiv um sie.

Torun ist mit ihrer Kamera immer sehr nah dran am Geschehen, oft wird der Film auch aus Katzenperspektive gefilmt, damit der Zuschauer ihre Welt auch ein bisschen mit ihren Augen sehen kann. Man bekommt sehr gute Einblicke in das Leben der Straßenkatzen; bei den Menschen, die sich um sie kümmern, wird es manchmal sogar fast poetisch…wenn sie darüber sinnieren, was diese Katzen ausmacht und was sie für ihr eigenes Leben bedeuten. Und sie machen sich wirklich Sorgen um den Lebensraum der Katzen, wenn sie von baulichen Veränderungen im Stadtviertel hören (z. B. eine geplante Straße, die das Revier der Katzen zerstören würde).

Die flauschigen Protagonisten des Films sind alle ganz unterschiedlich und alle auf ihre ganz besondere Art liebenswert. Duman, „Der Gentlemen“ z. B., der immer zum Delikatessenladen kommt, wenn er Hunger hat, den Laden selbst aber nie betritt. Wenn er hungrig ist, kratzt er einfach so lange an der Fensterscheibe, bis man ihm etwas zu essen bringt. Er bettelt keine Gäste an, hat aber einen exquisiten Geschmack und frisst längst nicht alles, was ihm von der Belegschaft des Ladens angeboten wird. Ebenso wie Deniz, der sich an den örtlichen Marktständen bedient, aber nur den besten Fisch klaut. Neben den sieben ausführlich vorgestellten Katzen sind viele weitere zu sehen, auch viele Jungtiere. Die Katzen finden in der Stadt, am Hafen und auch auf Fischkuttern ihr Zuhause und den Menschen, von dem sie sich umsorgen lassen möchten. So entsteht in „Kedi“ ein buntes Kaleidoskop unterschiedlicher Menschen und Katzen, die einander gefunden haben.

»Quintessence«

„Kedi“ ist einfach ein wundervoller Film. Eine interessante, einfühlsame und abwechslungsreiche Dokumentation, die der Seele guttut und die man gespannt verfolgt. Man lernt viel über Katzen und ihre Beziehung zu den Menschen, man sieht, wie viel so ein kleines fluffiges Tier einem Menschen geben kann und wie gleichzeitig vertrauensvoll und selbstbestimmt die Katzen in Istanbul leben können. Man kommt mit einem Lächeln aus dem Kino, das noch lange vorhält. Man sollte ihn gesehen haben, wirklich. Ergo volle fünf von Samtpfötchen, denen man gerne durch die verwinkelten Gassen Istanbuls folgt.


Im Schatten das Licht
Im Schatten das Licht
von Jojo Moyes
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Lichtblicke, 26. Juli 2017
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Im Schatten das Licht (Broschiert)
»Intro«

Ein neuer Roman von Jojo Moyes ist da. Und obwohl mich längst nicht alle ihre Romane überzeugen konnten und ich mich darüber hinaus kein Stück für Pferde interessiere, wollte ich ihren aktuellen Roman lesen (in dem es, Ihr ahnt es, u.a. um ein Pferd geht). Weil Moyes einfach eine gute Geschichtenerzählerin ist und ich besonders angetan von ihren nicht so populären Werken bin (ich halte ihr berühmtestes Werk, „Ein ganzes halbes Jahr“, nämlich nicht für ihren besten Roman). Mit „Im Schatten das Licht“ landet Moyes bei mir zwar keinen Volltreffer, dennoch hat mir Geschichte und Schreibstil gut gefallen.

»Wassup?«

Die 14jährige Sarah lebt mit ihrem Großvater Henri, einem Franzosen und ehemaligem Dressurreiter an einer berühmten französischen Reit-Akademie, im Londoner East End. Da es in London vereinzelt noch kleine Pferdeställe inmitten der Stadt gibt, kann Sarah sogar ihr Pferd Boo in der Stadt halten und es täglich unter Henris Anleitung trainieren. Nach dem Tod der Mutter und der Großmutter hat Sarah nur noch Henri. Als dieser eines Tages einen Schlaganfall erleidet, beginnen die Probleme für Sarah. Durch einen Zufall lernt sie jedoch die Anwältin Natasha und deren Fast-Ex-Mann Mac kennen. Die Beiden sind bereit, sich um Sarah zu kümmern, bis ihr Großvater wieder auf dem Damm ist. Dennoch werden Sarahs Probleme nicht kleiner, sondern immer größer. Bis sie dann eines Tages verschwunden ist. Mac und Natasha machen sich auf einen emotional anstrengenden Roadtrip, bei dem auch das Scheitern ihrer Ehe irgendwann zur Sprache kommt.
»Let's get real«

Jojo Moyes nimmt sich viel Zeit, die verschiedenen Charaktere ihrer Geschichte einzuführen. Dabei schießt sie immer mal wieder über das Ziel hinaus und verliert sich in detaillierten Beschreibungen und Unwichtigkeiten, die die Geschichte so nicht unbedingt gebraucht hätte. Dabei sind es gar nicht mal vorwiegend die Beschreibungen, die Moyes hier auf Sarahs Training mit ihrem Pferd verwendet – die zugegebenermaßen für nicht wirklich an Pferden Interessierte nur bedingt interessant sind – nein, es sind auch die kleinen Nebenstränge der Geschichte, die Lebensläufe verschiedener „Nebendarsteller“ des Romans und die nur bedingt interessanten Rückblenden in das Leben der Protagonisten, die den Erzählfluss hemmen und kleine Längen entstehen lassen.

Doch erfahrene Autorin, die Moyes mittlerweile ist, weiß sie dies durch Spannung und die unterschiedlichen Blickwinkel, aus denen die Geschichte erzählt wird, überwiegend wieder zu kompensieren. So bringt man durchaus Interesse am Schicksal von Sarah, Henri, Natasha, Mac und natürlich auch Boo auf (und liest halt manchmal ein klein wenig quer, um wieder zu den wirklich spannenden und emotionalen Passagen des Romans zu kommen).

Die Geschichte wird sowohl aus Sarahs Blickwinkel als auch aus dem des getrennt lebenden Paares Mac und Natasha erzählt. In Sarahs kleine und überwiegend heile Welt platzt eines Tages der Schlaganfall ihres geliebten Opas – der zudem der einzige lebenden Verwandte ist, den Sarah noch hat. Ziemlich schnell steht Sarahs Welt daraufhin Kopf. Wer soll sich um sie kümmern, woher bekommt sie Geld zum Leben? Darüber hinaus droht noch der Verkauf des Stadt-Stalls an einen zwielichtigen „Geschäftsmann“, der Sarah in große Not bringt. Wohin mit Boo? Was, wenn sie die Stallmiete nicht mehr aufbringen kann?

In dieses Chaos wird eines Abends zunächst Natasha, eine erfolgreiche Anwältin, verwickelt. Diese schlägt sich gerade mit Scheidung und drohendem Hausverkauf herum, als ihr Ex Mac nach fast einem Jahr wieder vor der Tür steht und für ein paar Wochen Unterschlupf in seinem alten Zuhause benötigt, das ja immerhin noch zur Hälfte ihm gehört. Obwohl Natasha einen neuen Freund hat, bringt Macs Anwesenheit ihre Gefühlswelt gehörig durcheinander. Als der dann auch noch in ihrer beider Namen zusagt, für einige Wochen die Pflegschaft für Sarah zu übernehmen, macht das Natashas Situation nicht einfacher. Darüber hinaus ist Sarah ein verschlossener Teenager, der öfter die Schule schwänzt, um sich wahlweise um Boo zu kümmern oder den Großvater im Krankenhaus zu besuchen.

Als Sarah die Probleme eines Tages über den Kopf wachsen, sieht sie nur noch einen Ausweg: den Plan und Wunsch, den ihr Großvater für sie hatte, in die Tat umzusetzen. Kein leichtes Unterfangen für eine 14jährige, die nun ganz auf sich allein gestellt ist. Derweil treibt die Sorge um ihr vorübergehendes Pflegekind Natasha und Mac dazu, nach dem Teenager zu suchen, was sie dazu zwingt, viel Zeit zusammen in einem Auto oder Hotel zu verbringen. Dabei bricht sich so Einiges an angestautem Frust Bahn, den das Noch-Ehepaar mit sich herumträgt.

Moyes schildert einfühlsam die komplizierte Gefühlswelt einer Heranwachsenden, deren Leben sich von heute auf morgen komplett ändert. Auch in die diffizile Gefühlslage des getrennt lebenden Ehepaares kann sie sich gut hineinfühlen. Darüber hinaus würzt sie ihre Story immer wieder mit spannenden Sequenzen, so dass die an sich vielleicht eher triviale Geschichte emotionalen Auftrieb erhält und überwiegend kurzweilig unterhält.

»Quintessence«

„Im Schatten das Licht“ ist nicht unbedingt ein herausragendes Werk in Moyes‘ literarischer Biographie, es gibt emotionalere, spannendere, bessere Bücher von ihr. Dennoch ist ihr hier eine komplexe und interessant zu verfolgende Geschichte gelungen, die sich authentisch anfühlt…und vielleicht deswegen eigentlich recht unspektakulär ist. Trotz einiger Weitschweifigkeiten ist Moyes‘ Stil gut zu lesen und man bringt Interesse und Empathie für die Protagonisten auf. Mehr Kritik wäre Jammern auf hohem Niveau, insofern gerne vier von fünf Pferden, die komplexere Geschöpfe sind, als man gemeinhin annehmen würde.


Böser Samstag: Thriller Bd 6 (Psychologin Frieda Klein als Ermittlerin, Band 6)
Böser Samstag: Thriller Bd 6 (Psychologin Frieda Klein als Ermittlerin, Band 6)
von Nicci French
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Mental Illness?, 12. Juni 2017
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
»Intro«

Die insgesamt achtteilige Krimi-Reihe um die Psychotherapeutin Frieda Klein nahm 2012 ihren Anfang mit dem Roman "Blauer Montag". Es folgten "Eisiger Dienstag", "Schwarzer Mittwoch", "Dunkler Donnerstag" und „Mörderischer Freitag“. Mit „Böser Samstag“ ist nun Teil sechs erschienen, der glücklicherweise das bestenfalls durchschnittliche Niveau des bisher schwächsten fünften Bandes wieder anhebt. Zwar ist Nicci French auch bei „Böser Samstag“ nicht in schriftstellerischer Höchstform, aber die Geschichte ist geheimnisvoll und spannend genug, um über die kleinen Mankos des sechsten Bandes hinwegzusehen. Waren die bisherigen Teile bis einschließlich Band vier noch unabhängig voneinander zu lesen bzw. nicht zwingend in der vorgegebenen Reihenfolge, macht dies ab Band fünf keinen Sinn mehr. Zuviel Wissen aus den vorangegangenen Bänden ist nun vonnöten, um den Anspielungen auf Friedas Vergangenheit problemlos folgen zu können.

»Writer«

Hinter Nicci French verbirgt sich das Autorenduo Nicci Gerrard und Sean French, die seit mittlerweile 27 Jahren verheiratet sind und 1997 ihren ersten gemeinsamen Roman veröffentlicht haben, dem zahlreiche weitere folgten. French und Gerrard leben in Südengland.

»Wassup?«

Psychotherapeutin Frieda Klein wird von einem alten Bekannten gebeten, die seit 13 Jahren in einer psychiatrischen Anstalt einsitzende Hannah Docherty zu begutachten. Die mittlerweile 31jährige soll als Teenager ihre Mutter, ihren Bruder und ihren Stiefvater grausam ermordet haben. Doch es tauchen Zweifel an den damals geführten Ermittlungen auf und Frieda soll Hannah befragen und einschätzen, ob die Frau wirklich für die grausamen Morde verantwortlich war. Kein leichtes Unterfangen, da Hannah kaum spricht und Frieda nicht erkennen kann, ob ihre Fragen überhaupt zu Hannah durchdringen. Also beginnt sie – auf ihre gewohnt eigenwillige Art – selbst Ermittlungen über Hannahs Fall anzustellen. Dies jedoch scheint jemandem gar nicht zu gefallen und schon bald gibt es einen weiteren Mord zu beklagen. Auch Friedas alter Bekannter, der flüchtige Mörder Dean Reeves, taucht wieder am Rand von Friedas Blickfeld auf und sorgt für weitere Gefahren. Obwohl Frieda nie wieder an polizeilichen Ermittlungen teilnehmen wollte, findet sie sich schon bald mittendrin in einem alten Fall, der längst nicht so glasklar ist, wie er auf den ersten Blick erscheint.

»Let's get real«

Nachdem der fünfte Band der Reihe sowohl aus logischen als auch aus spannungstechnischen Gründen nicht wirklich überzeugend war, gelingt es French und Gerard im sechsten Teil der Reihe, fast wieder zu alter (Frieda)Form aufzulaufen. Zwar erfährt man leider kaum etwas über die private Frieda (was in den Vorgängerbänden durchaus der Fall und darüber hinaus interessant war), aber der Fall an sich ist ausreichend interessant, um den Leser knapp 500 Seiten lang bei der Stange zu halten.

Die 18jährige Hannah soll vor 13 Jahren ihre Familie grausam ermordet haben. Seitdem sitzt sie in einer psychiatrischen Heilanstalt fest, in der sie ganz offensichtlich von den Pflegern und/oder Mitpatienten misshandelt und geschlagen wird. Sie ist in einem sowohl physisch als auch psychisch furchtbaren Zustand, als Frieda Klein sie kennenlernt und begutachten soll. Da sie kaum etwas aus Hannah herausbekommt, fängt Frieda an, auf eigene Faust die damaligen Tatumstände zu ermitteln. Ihre unnachgiebige Art führt mal zu mehr, mal zu weniger Erfolg, aber es wird schnell klar, dass an dem Fall etwas faul ist.

French und Gerard gestalten Friedas Suche nach der Wahrheit überwiegend spannend und wendungsreich. Gespannt verfolgt man, wie Frieda eine Ungereimtheit nach der nächsten entdeckt und schon bald nur noch ein Ziel kennt: der schwer misshandelten und traumatisierten Hannah zu ihrem Recht zu verhelfen. Mit ihrer unnachgiebigen, teilweise sturen Art macht sie sich damit – wie üblich – nicht nur Freunde. Doch dass es tatsächlich sehr gefährlich ist, an dem eigentlich abgeschlossenen Fall zu rühren, soll Frieda schon bald erfahren.

Den Autoren gelingt es gut, das Geheimnis um den Täter oder die Täterin bis zum Schluss zu wahren, allerdings ist man dann doch ein klein wenig enttäuscht von der Auflösung, weil sie einfach ein bisschen willkürlich daherkommt. Man kann diese Auflösung zwar akzeptieren, aber so ganz überzeugt ist man dann doch nicht.

Darüber hinaus versehen Gerard und French ihre Geschichte mit einigen unwichtigen Nebensträngen, die nicht wirklich etwas zum Hauptgeschehen beitragen. Da wäre zum einen eine Patientin von Frieda, die unter Panikattacken leidet und mit der Frieda einige wenige Gespräche führt. Warum? Sie gewähren zwar einen kleinen Einblick in Friedas therapeutische Tätigkeit, sind aber schlussendlich vollkommen überflüssig. Die Andeutungen, die das Privatleben eines Freundes von Frieda betreffen, tragen ebenfalls nichts Relevantes zur Story bei und auch die psychopathische Mitpatientin von Hannah, die mit einem Frieda nicht wohlgesonnenen Kollegen ein Buch über ihre eigene Geschichte veröffentlichen will, erscheint so willkürlich ausgesucht wie überflüssig. Gelungen hingegen ist der zarte Verweis auf ein dramatisches Schicksal, das wohl einen von Friedas Freunden im 7. oder 8. Band erwarten wird.

»Quintessence«

„Böser Samstag“ (ein selten einfallsloser Titel übrigens, das Original heißt wenigstens „Saturday Requiem“) ist ein überwiegend gelungener Krimi, der die Fans der Reihe zufriedenstellen dürfte. Neulinge sollten allerdings unbedingt chronologisch vorgehen und mit dem ersten Band anfangen, da es ab Band fünf nicht mehr möglich ist, die Bände unabhängig voneinander zu lesen. Friedas Ermittlungsarbeit gestaltet sich für den Leser überwiegend nachvollziehbar und ist nicht mit zu vielen Zufällen oder logischen Lücken belegt. Die größtenteils unwichtigen Nebenstränge wirken ein wenig wie literarisches Füllmaterial, das zwar nicht wirklich stört, aber die Frage aufwirft, warum Gerard und French es in die Handlung mitaufgenommen haben. Alles in allem gibt es an „Böser Samstag“ wenig auszusetzen, so dass Fans der Reihe gewillt sein dürften, auch noch die letzten beiden Bände lesen zu wollen. Ergo gerne vier von fünf schrecklichen Irrtümern, die leider nicht wieder gutzumachen sind.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 25, 2017 4:46 PM MEST


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