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Rezensionen verfasst von
Polystyrol (Santo Poco)

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Die Namenlosen: Roman
Die Namenlosen: Roman
Preis: EUR 9,49

5.0 von 5 Sternen Regelmäßig gegen jede Konvention, 20. Juni 2017
Rezension bezieht sich auf: Die Namenlosen: Roman (Kindle Edition)
Der 1862 erstmals erschienene Spannungsroman "Die Namenlosen" (engl. "No Name") von Wilkie Collins dreht sich um die hochproblematischen Folgen einer wilden Ehe im viktorianischen England. Als die beiden in einem überaus behüteten und liebevollen Elternhaus aufgewachsenen Misses Vanstone nach dem schlagartigen Tod beider Elternteile erfahren, dass sie einer wilden Ehe entspringen, stehen sie nicht nur aus juristischen Gründen - das Testament des Vaters ist ungültig - vor dem Nichts. Die Gesetzgebung der damaligen Zeit führt dazu, dass die beiden jungen Frauen ihren Nachnamen verlieren und damit - der Romantitel bezieht sich darauf - zu "Namenlosen" werden. Der Text thematisiert daraufhin die grob unterschiedlichen Vorgehensweisen der Schwestern, mit der schwierigen Situation umzugehen. Während die ältere der beiden sich ihrem "Schicksal" fügt, entwickelt sich die jüngere und wildere Schwester zu einem hochtalentierten Racheengel, der mit jeder Konvention bricht - zumindest vorerst.

Von Gesichtspunkt der Spannung aus betrachtet, unterscheidet sich der Roman - Collins spricht es selbst schon im Vorwort an (S.5) - von seinen berühmtesten Romanen ("Die Frau in Weiß", "Der Monddiamant"). Während dort das Spannungsgeheimnis erst gegen Ende aufgelöst wird, lüftet Collins hier das einzige Geheimnis (die wilde Ehe der Eltern) bereits zu Beginn und führt die mit dem gelüfteten Geheimnis auftretenden Folgen in der Handlung aus. In gewisser Hinsicht spiegelt sich dieses umgekehrte Vorgehen in der Figurenzeichnung des Romans wider und lässt sich auch als eine Art philosophischen Ansatzes lesen. In einer Schlüsselszene des ersten Buches kommt die Gouvernante der Schwestern zu dem schwerwiegenden Schluss, dass unterschiedliche Persönlichkeiten und deren jeweilige Wesenszüge bereits von Geburt an im Menschen veranlagt seien. Konfrontiert mit dem für sie erschreckenden Verhalten der jüngeren Miss Vanstone nach dem Tod ihrer Eltern stellt sie sich folgende Frage:

"Gibt es in jedem Menschen hinter dem äußeren, sichtbaren Charakter, der durch die gesellschaftlichen Einflüsse aus seiner Umgebung geformt wird, eine innere, unsichtbare Veranlagung, die ein Teil unserer selbst ist und durch Erziehung vielleicht indirekt abgewandelt werden kann, ohne dass aber jemals die Hoffnung besteht, sie zu verändern?" (S.146)

In dieser entwicklungstheoretischen Frage, die in Anbetracht der Romanhandlung aus Collins' Sicht wohl bejaht werden muss, drückt sich auch sein Konzept der Figurendarstellung aus. Mit der Einführung jeder handelnden Gestalt liefert er eine Art Formel oder Regel, die den Roman hindurch leitend für das Verhalten der Figur ist. Das liest sich mit der Einführung der Figuren stets brillant und fast aphoristisch, nimmt diesen im Hinblick auf die Gesamthandlung aber die Entwicklungsfähigkeit. Der grantige Philosoph und Freund des verstorbenen Vaters bleibt ein grantiger Philosoph, dessen blöder Sohn bleibt blöd, die stille Schwester bleibt still und schicksalsergeben usw.. Einzig die jüngere Miss Vanstone erfährt einen Dämpfer in ihrer Ausgelassenheit, verhält sich aber trotzdem ihrer charakteristischen Tatkräftigkeit gemäß. Alleine das Ende des Romans stellt einen gewissen Bruch mit diesem Konzept dar, so wie es auch etwas überhastet und hingeworfen wirkt, dass die konventionsvergessene und erfrischend starke Frauengestalt der Miss Vanstone von den Umständen besiegt in die vorgeschriebenen Muster des Zeitalters und der romantischen Ehevorstellungen zurückfällt.

Vor allem ein Protagonist, der betrügerische Captain Wragge, sorgt für ein komisches Element im Roman und steht paradoxerweise doch für eine noble Menschenfreundlichkeit, die in der Gestalt des begnadeten Illusionisten daherkommt, welcher - gerade weil er alle Namen wie bloße Schauspielrollen annehmen und wieder ablegen kann - selbst gewissermaßen ein "Namenloser" ist und das unveränderliche Wesen der Menschen aufdeckt. In seiner Unehrlichkeit ist er gleichzeitig die ehrlichste und beeindruckendste Gestalt des Romans, mit deren Darstellung Collins ein Glanzstück gelungen ist.

Sprachlich bewegt sich die hervorragende Übersetzung von Sebastian Vogel überzeugend zwischen historischer Authentizität und gegenwärtiger Lesbarkeit, womit Collins' Stil, welcher zwischen Kolportage und Brillanz changiert, perfekt ins Deutsche übertragen wurde.


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