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STB

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Sacred Blood -Divine- Lies Ltd. CD+DV
Sacred Blood -Divine- Lies Ltd. CD+DV
Preis: EUR 16,99

5 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Glanzstücke und Belanglosigkeiten, 7. März 2016
Jetzt ist es tatsächlich passiert! Meine Lieblingsband hat ein Album herausgebracht, von dem mich die Hälfte der Songs kalt lassen. Niemals hätte ich das für möglich gehalten, zu sehr habe ich mich in die stimmungsvollen, feierlichen Jahrhundertmelodien des sträflich unterbewerteten Songwriters Tony Clarkin verliebt. Das letzte Werk "Escape from the Shadow Garden" (2014) war ein bisschen schwächer als das meines Erachtens größte Glanzlicht ihrer Karriere, "On the 13th Day" (2012), aber bei einem derartigen Überflieger ist das auch kein Wunder. Die Platte bot immer noch viel zu viel, um sie mal eben nebenbei zu hören und dann wieder wegzulegen. Schweren Herzens muss ich zugeben: Bei "Sacred blood, 'divinie' lies" (2016) geht es mir nun zum ersten Mal so. Nicht weil die Kompositionen schwach wären. Nein, die meisten von ihnen sind schlichtweg nicht mein Ding. Ein vollkommen neues Gefühl. Die Band, deren Lieder mich normalerweise sofort begeistern, kommt mit einer Veröffentlichung an, mit der ich (bis auf fünf Titel) nicht recht warm werde.

Es ist das 18. Album einer Karriere, die kommerziell gesehen eher von Tiefen als von Höhen bestimmt ist. Magnum bewegen sich die meiste Zeit abseits des Mainstreams. Abgesehen von den beiden Top 10-Alben in England ("Wings of heaven" von 1988 und "Goodnight L.A." von 1990) müssen sich die Melodic Rock-Könige mit einem Platz als Zaungast bei den ganz großen Bands begnügen. Ab und zu mal ein Auftritt im Vorprogramm, mehr ist nicht drin. Erst seit der Reunion mit "Breath of life" (2002) erfahren sie zumindest in den Charts eine kleine Renaissance, vor allem in Deutschland platziert sich seither nahezu jede Veröffentlichung mindestens in den Top 60.

"Sacred blood, 'divine' lies" schafft es hierzulande sogar bis auf Platz 20. Das deutsche Publikum schätzt traditionellen, süffigen Hard Rock aus der guten alten Zeit. Melodien, die sofort ins Ohr gehen und mit entsprechend offensiven Riffs garniert sind. Genau so beginnt das neueste Werk auch - mit einem der eindrucksvollsten Eröffnungssongs, der je eine Magnum-Platte zierte.

Das Titelstück ist ein Kunstwerk von atemberaubender Schönheit. Zupackendes Riff und ein krachender Chorus, auf den jede Metal Band ihr Leben lang stolz wäre. Was für ein mächtiges Gefühlsgewitter! Der fast 70-Jährige Meistersänger Bob Catley zeigt alle Facetten seiner unvergleichlichen Charakterstimme und brilliert mit klarer, druckvoller Intonation, während Clarkin sich eines seiner unbeschwertesten Soli aus dem Ärmel schüttelt. Es ist das vielleicht letzte Aufbäumen eines Genres, das gemeinsam mit seinen Gründervätern in seiner bisher gekannten Form untergehen wird. Trotzig recke ich im donnernden Refrain meine Faust empor und singe voller Inbrunst mit. Wie ich diese Musikrichtung liebe! Auch das schon immer sträflich vernachlässigte Thema "Musikvideo" wurde endlich angegangen und der Nummer ein geschmackvoller, farbintensiver Clip verpasst, den man vorzeigen kann.

Auch zu "Crazy Old Mothers" existiert ein Video, allerdings in schwarz-weiß. Das Stück richtet sich an all jene, die glauben, im Leben eine Chance verpasst zu haben. Tenor: Es ist nie zu spät! Einfach machen! Angeschoben von einem mächtigen Stampf-Riff entwickelt sich ein schwelgerischer Mutmacher, der trotz des etwas unglücklichen Titels ein voller Erfolg ist.

Für "Gypsy Queen" lässt sich Clarkin von der einzigartigen Atmosphäre bei einem Konzert in St. Petersburg inspirieren. Doch statt balladesker Dichte gibt es tanzbaren Hard Rock. Man kann sich die herumwirbelnden russischen Mädchen voll wilder Leidenschaft bildlich vorstellen, Handclaps inklusive. Ist okay, auch wenn der Refrain mit der Zeit etwas ermüdet.

Das flotte "Princess in Rags (The Cult)" schließt sich tempotechnisch nathlos an. In einem ähnlichen Stil wie der Song "On the 13th Day" gehalten, mit vorpreschender Hook im dezenten Stakkato-Stil. Begeisternd, mitreißend, kraftvoll. Das Solo klingt, als stamme es von einem lebenshungrigen 20-Jährigen, der seine besten Jahre noch vor sich hat und nicht von einem Endsechziger. Magnum präsentieren sich als bis ins kleinste Detail abgestimmte Hit-Maschine, der man ihr weit fortgeschrittenes Alter zu keiner Sekunde anmerkt. Das ist stilvolle, zeitlose Musik, die auch ein jüngeres Publikum problemlos gut finden kann.

Die leiseren Töne werden ebenfalls zum Erfolg. Der betuliche Schunkler "Your dreams won't die" bezaubert vor allem in den mit Streichern unterlegten Strophen. Hymnen-Rock, der in den 1980ern Begeisterungsstürme ausgelöst hätte. Zwar hätte es beim Refrain etwas mehr Abwechslung sein können, aber dafür entschädigen die einfallsreichen Melodiebögen im restlichen Arrangement.

Es wäre möglich gewesen die eigenen Meisterwerke zu übertreffen, wäre es so weiter gegangen. Doch Tony Clarkin, Bob Catley, Mark Stanway (Keyboard), Al Barrow (Bass) und Harry James (Schlagzeug) verlässt urplötzlich die Treffsicherheit bei den Refrains.

"Afraid of the Night" verspricht vom Titel her eine geheimnisvolle Kaminfeuer-Geschichte, doch stattdessen handelt es sich um eine nichtssagende, rumpelnde Rocknummer. Hinterlässt nur Schulterzucken. Das ist nicht stark genug für ein Magnum-Album.

Ab jetzt wird es überraschend progressiv. Die Hooks stehen nicht mehr im Vordergrund, stattdessen muss man sich Zeit nehmen um die vielschichtigeren Strukturen zu erkunden. Die Nummern setzen sich nicht gleich beim ersten Durchlauf fest. Das stampfende "A forgotten Conversation" baut gekonnt Spannung auf und besticht mit dramatisch hämmernden Passagen. Geht als solider Albumtrack durch.

"Quiet Rhapsody" hingegen klingt unfertig. Außer einem krachenden Riff sticht in meinen Augen nichts hervor. Unbestritten eine fachmännische Komposition, bloß kann ich wenig damit anfangen. Clarkin gehen die Ideen nicht aus, er spielt nur nicht das was mir gefällt.

"Twelve men wise and just" hat ähnlich wenig zu bieten. Der galoppierende Refrain ist ganz nett, aber nichts was mich umhaut.

Auch der harmlose Abschluss "Don't cry Baby" reißt mich nicht vom Hocker.

Wo sind sie hin, die opulenten, poetischen Märchengeschichten aus den träumerischen Gedankenwelten des Tony Clarkin? "Sacred blood, 'divine' lies" ist eher ein wütendes Hard Rock-Album als ein gefühlvoller Seelenstreichler. Ja, ich liebe die härtere Gangart bei Magnum, sie steht ihnen bestens. Doch dieses Mal bleibt die Atmosphäre zu oft auf der Strecke. Da hatte "Escape from the Shadow Garden" eine bessere Balance zwischen Storytelling und Power.

Das gilt auch für die drei Bonustracks. Unglücklicherweise sind sie nur auf der Zusatz-DVD zu finden und liegen nicht als Audio-Versionen vor. Fetter Minuspunkt! Zwei von ihnen sind tatsächlich nur nette Extras.

"Phantom of Paradise Circus" präsentiert feine Akustik-Gitarrenparts, der Rest dümpelt so vor sich hin. Für einen überzeugenden Refrain hat es nicht mehr gereicht.

"No God or Savior" unterhält mit tiefer gestimmten, bösen Gitarren. Als Zugabe völlig okay.

Der schnörkellose Rocker "Don't grow up" allerdings ist für mich neben dem Titeltrack die beste Nummer der gesamten Platte. Hätte sich super unter den 10 Hauptsongs gemacht. Positives Partystück. Passt halt textlich nicht ganz zum Rest, ich verstehe schon weshalb es im Bonusmaterial gelandet ist. Trotzdem schade.

Welches Urteil lässt sich also fällen? Ich finde, Magnum sind auch im hohen Alter in bestechender Form. Trotzdem gefällt mir "Sacred blood, 'divine' lies" vom Gesamteindruck her neben "Breath of life" und "Into the Valley of the Moonking" von den Alben seit dem Comeback am wenigsten. Nicht weil ihnen die Leidenschaft abhanden gekommen wäre, sondern weil mich die Songs dieses Mal einfach nicht so ansprechen. Die Hit-Dichte ist nicht so hoch wie sonst. Selbst der von mir fast schon vergötterte Rodney Matthews hat meines Erachtens nur ein mittelprächtiges Cover abgeliefert.

Ich hoffe, dass Clarkin seinen Arbeitsrhythmus beibehält und Catley seine Stimme noch ein paar Jährchen auf diesem Level halten kann. Solche Überlegungen spielen in ihrem Alter ja stets eine Rolle. Es wäre wünschenswert, dass sie sich mit einem besseren Album in die Rente verabschieden.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 11, 2016 3:43 PM CET


Ghostlights
Ghostlights
Preis: EUR 19,94

5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Melodiezauberer Sammet betört mit seinem siebten Streich, 4. Februar 2016
Rezension bezieht sich auf: Ghostlights (Audio CD)
Meat Loaf ist doof! Eigentlich mag ich den beleibten Herren mit der Powerstimme ja wahnsinnig gerne, aber aus irgendwelchen Gründen wollte er partout nicht auf dem siebten Avantasia-Abum "Ghostlights" (VÖ Januar 2016) zu hören sein. Dabei hatte sich Mastermind und Songwriter Tobias Sammet die Teilnahme der Rocklegende so sehr gewünscht. Ob die Absage durch das Management oder durch den Künstler selbst erfolgte, ist nicht so ganz klar. Jedenfalls hat Meat Loaf sich die Chance auf ein gewaltiges Publikum entgehen lassen, denn das wird das bekannteste Allstar-Projekt des Metals auch dieses Mal garantiert erreichen.

Der US-Amerikaner wäre eigentlich für die Single "Mystery of a blood red Rose" eingeplant gewesen. Singt jetzt stattdessen Sammet selbst und nimmt damit zudem am deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest teil. Es lässt sich darüber streiten, ob man als Hard'n'Heavy-Truppe mit gewissem künstlerischem Anspruch seine Nase bei dieser Parade der bunten Belanglosigkeiten in die Kamera halten sollte. Unstrittig ist hingegen, dass Avantasia europaweit mittlerweile solch eine breite Käuferschicht ansprechen, dass sogar ein Sieg bei der Endausscheidung in Stockholm denkbar wäre. Außerdem passt die Aktion bestens zur sympathischen "Ich-mach-was-ich-will"-Attitüde ihres Kreativkopfes.

Mit "Ghostlights" hätte man im Teilnehmerfeld des ESC sicherlich eines der ausgetüfteltsten Werke im Petto. Wieder mal arten die Kompositionen der Metal Oper aus, die Gesamtspielzeit beläuft sich (inklusive Bonustrack) auf knappe 75 Minuten. Ein üppiger Melodiereigen, der trotz deutlich hörbarem Großangriff auf die Charts keinesfalls unter mangelnder Klasse leidet. Sammet schüttelt sich 12 (bzw. 13) Nummern von internationalem Topformat aus dem Ärmel. Die Gästeliste ist entsprechend gespickt mit prominenten Namen.

Neben den Alteingesessenen Bob Catley (Magnum) und Michael Kiske (Ex-Helloween, Unisonic) sind außerdem Dee Snider (Twisted Sister), Ronnie Atkins (Pretty Maids, Nordic Union), Jorn Lande (Ex-Masterplan, Jorn, Allen/Lande uvm), Geoff Tate (Ex-Queensrÿche), Sharon den Adel (Within Temptation), Marco Hietala (Nightwish) Herbie Langhans (Ex-Seventh Avenue) und Robert Mason dabei. Dazu als Backgrundsängerin Cloudy Yang. Als Instrumentalisten wirken mit: Bruce Kulick, Sascha Paeth, Oliver Hartmann (Gitarre), Michael Rodenberg (Keyboards), Edguy-Tier Felix Bohne an den Drums und Tobi Höchstselbst am Bass. Was für ein Who is Who der Szene!

Wieder einmal gilt es, diese unterschiedlichen Musiker zu einem stimmigen Ganzen zu verschmelzen. Sammet schafft das erneut, "Ghostlights" wirkt flüssig und aus einem Guss.

Los geht's mit "Mystery of a blood red Rose". Zugegeben, ich war nach dem ersten Hören ziemlich enttäuscht. Der Sound dünn, die Drums platt und ein mittelmäßiger Refrain - dachte ich zunächst. Wenn man sich aber Meat Loafs Jahrhundert-Röhre bei diesem Stück vorstellt, avanciert es zum Hit. Vielleicht deswegen gewinnt es für mich mit jedem Durchlauf dazu. Nach wie vor nicht mein Liebling, weil etwas beliebig, aber aus wirtschaftlichen Überlegungen heraus die folgerichtige Single. Ein ähnliches Urteil wie bei "Sleepwalking" aus dem letzten Album "The Mystery of time" von 2013.

Seinen Zauber entfaltet "Ghostlights" in meinen Augen erst mit dem zweiten Titel "Let the Storm descend upon you". DAS ist Avantasia! Über 12 Minuten atemberaubende Harmonien, veredelt von Sammet, Lande, Mason und Atkins. Nicht besonders rasant, dafür aber ultra-melodisch, abwechslungsreich und mit einem Chorus für die Götter. Außergewöhnliche Stimmen (leider ohne Bob Catley, der das Sahnehäubchen gewesen wäre) in einem farbenfrohen Arrangement - eine Eins Plus! Nicht nur Melodic Metal-Fans werden hier ins Staunen kommen. Einer der besten Tracks der Avantasia-Geschichte!

Wenn Dee Snider anschließend in "The Haunting" seine pechschwarzen Flügel ausbreitet, bleibt nur noch die bedingungslose Kapitulation. Eine überragend dichte Alptraum-Vision mit leicht dissonantem Charakter. Wer bisher gedacht hatte, dass Snider kein besonders herausragender Sänger ist, sieht sich hier eines Besseren belehrt. Mit breiter Brust stolziert er durch die unheilschwangere Halb-Ballade und erinnert teilweise an Jon Oliva in Hochform. Vor allem der beeindruckende Refrain hat es mir angetan.

Beide Nummern erreichen fast die für mich nach wie vor unschlagbare Genialität von Sammets größtem Meisterwerk "The Mystery of time". In Bezug auf das schwere "Seduction of decay" kann ich mich da nicht anschließen. Geoff Tate verzichtet angenehmerweise auf übertriebenes Gequieke, die Hook macht mich allerdings nicht besonders an. Irgendwas fehlt. Schon heavy, klar, aber auf seltsame Weise klingt es mehr wie ein unausgegorenes Song-Fragment. Ich kann wenig damit anfangen. Rauscht so an mir vorbei, ohne hängen zu bleiben.

Beim Titelsong "Ghostlights" ist das anders. Michael Kiske legt los und liefert direkt ab. Das Stück sticht vor allem durch sein erhöhtes Tempo heraus. Kiskes Vortrag ist wie immer technisch astrein, auch wenn er mich mittlerweile mit seiner höheren Stimmlage etwas nervt. Der Mann ist einer der begabtesten Sänger des Planeten und versucht doch in letzter Zeit zu häufig, wie damals mit 18 bei Helloween zu klingen. Heutzutage wirkt das von einem Typen um die 50 ein bisschen peinlich. Auch wenn er es zweifelsohne unfallfrei hinkriegt und es einfach nach wie vor drauf hat. Das Stück an sich ist solide.

Spannend finde ich das vieldiskutierte "Draconian Love". Eigentlich sollte Herbie Langhans im Studio nur das Demo einsingen, doch Sammet war vom Ergebnis derart überzeugt, dass er die Nummer so abgenickt hat. Eine gute Entscheidung. Kraftvoller Hard Rock mit Goth-Einschlag à la HIM und einem wieder mal ultra-eingängigen Refrain. Gefällt mir ziemlich gut.

Bei "Master of the Pendulum" mit Marco Hietala von Nightwish scheinen sich Fans und Kritiker einig zu sein. Die Begeisterung ist groß, ich kann sie nicht ganz teilen. Ein schnellerer Song mit netter Hook, jedoch auch ziemliche Hausmannskost. Kein Grund weiterzuschalten, ein Knaller ist es in meinen Ohren aber nicht.

Mit der verträumten Ballade "Isle of Evermore" folgt anschließend das kommerziellste Lied des Albums. Sharon den Adel holt einen mit ihrer lieblichen Stimme sofort ab. An sich echt stark, wenn nur diese unsäglich patschende, programmierte Snare nicht wäre. Das ist übelster Billig-Rotz aus der Konserve, der jegliches Flair zerstört. Sehr schade.

Zum Glück gleicht "Babylon Vampires" das sofort wieder aus. Für mich der beste Track des Albums. Flott, elegant und mit einem der geilsten Refrains aller Zeiten gesegnet! Wer hier von Austauschbarkeit spricht, hat meines Erachtens nicht genau hingehört. Die Komposition an sich mag ein wenig vorhersehbar sein, der unverhohlen 80er-lastige Chorus toppt aber alles. Für solche Highlights möchte ich Tobi Sammet küssen. Auf die Wange. Das muss reichen! Währenddessen recke ich meine Hände empor und singe entfesselt mit.

Jorn Lande hat in "Lucifer" seinen großen Auftritt. Der Norweger war auf dem Vorgänger nicht am Start und zeigt hier, was das für ein Verlust gewesen ist. Mit seinem rauen Organ frisst er sich tief in die Seele. Der vermutlich eindrucksvollste Metal-Sänger seit Ronnie James Dio. Hier wird klar was er zu leisten imstande ist, wenn man ihm (anders als auf einigen seiner Soloarbeiten) ordentliches Material anbietet. Hut ab!

"Unchain the light" geht als weiterer Uptempo-Track durch. Kiske und Atkins sind gewohnt versiert zur Stelle und machen die Nummer zu einer der Stärksten der Platte.

Richtig, einer fehlt jetzt noch im Bunde - Magnum-Frontmann Bob Catley. Sammet lässt ihn im Schlusstrack "A restless heart and obsidian Skies" endlich von der Leine und der charismatischste aller Storyteller verzückt sogleich mit seiner sanften Schmeichelstimme. Feierlicher Harmonie-Blumenstrauß, der einen mit einem Lächeln entlässt. Da war er dann doch noch, der gute Bob. Die Welt ist in Ordnung.

Der Bonustrack "Wake up to the Moon" hätte nicht unbedingt sein müssen. Ein bisschen lahm, der erwartete Ausbruch lässt vergeblich auf sich warten. Zieht sich.

Die Limited Edition bietet zudem eine vor allem für Sammler interessante Live-CD mit diversen Mitschnitten der Wacken-Konzerte. Hübsche Dreingabe.

Fazit: Komponist, Texter und Sänger Tobias Sammet hat mit "Ghostlights" kaum etwas falsch gemacht. Man kann sich wie immer auf ihn verlassen, die Titel sind gut bis sehr gut. Zur totalen Euphorie, die für mich "The Mystery of time" und auch das letzte Edguy-Album "Space Police - Defenders of the crown" (2014) aus seiner Feder erzeugt haben, reicht es jedoch nicht ganz. Dafür ist der Sound zu glattgebügelt, sind einige Arrangements zu routiniert. Desweiteren wirken manche Gesangsparts ein bisschen sehr abgeklärt. Gab es auf den vergangenen Alben öfter mal individuelle Höhepunkte der Einzelstimmen, glänzt hier eher das Ensemble als Ganzes. Trotzdem gehört der siebte Avantasia-Longplayer natürlich zum Hochwertigsten was im Melodic Metal zu kriegen ist. Die erneut prachtvolle Aufmachung des Digipacks trägt ihren Teil dazu bei. Die Metal Oper lebt glücklicherweise weiter. Nächstes Mal dann ja vielleicht endlich auch mit Meat Loaf, dem alten Spielverderber.


Game Of Sins Digi.
Game Of Sins Digi.
Preis: EUR 16,99

12 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Schnarchnasiger Tiefschlag der Metal-Wundertüte, 20. Januar 2016
Rezension bezieht sich auf: Game Of Sins Digi. (Audio CD)
Ach ja, der gute, alte Axel Rudi Pell. Das weiß man als Fan was man hat. Da muss man nicht nachdenken, es gibt kaum Experimente, sondern genau das was man seit jeher schätzt und haben will. Da wird mit großer Inbrunst der melodische Hard Rock zelebriert, wie er seit den 70ern und 80ern zwar schon nicht mehr angesagt ist, aber für Retro-Fans (zu denen ich mich eindeutig auch selbst zähle) immer noch eine gewaltige Anziehungskraft besitzt. Der Bochumer Gitarrist hat sich damit seine Nische geschaffen, in der er hervorragend funktioniert. Seit seinem Debüt "Wild Obsession" von 1989 ist er nach und nach zu einer europäischen Metal-Institution mit einer festen Anhängerschaft geworden.

Allerdings schwanken gerade in den letzten zehn Jahren die Leistungen von Album zu Album immer auffälliger. Nicht nur bei den Kritikern, sondern auch im eigenen Fanlager werden die einzelnen Veröffentlichungen zunehemend kontroverser diskutiert. So fand ich z.B. sein letztes Werk "Into the Storm" (2014) ziemlich stark, während es aber auch viele Stimmen gab, die die Platte nur im Mittelmaß ansiedelten. Genau umgekehrt geht es mir mit "Game of Sins" aus dem Januar 2016.

Es ist Pells 17. LP. Ein Umstand, der schon für sich alleine ein Extralob wert ist. Nur wenige Bands besitzen heute noch ein derartiges Durchhaltevermögen. Allerdings birgt der Zwei-Jahres-Turnus, mit dem der 55-Jährige mittlerweile seine Kunst unters Volk bringt, auch gewisse Gefahren. Immer häufiger verirren sich allzu viele Füllsongs auf die Platten, immer häufiger wirkt es, als nehme man sich nicht mehr genug Zeit für ausgefeiltes Songwriting. Schnell schnell statt Beharrlichkeit. Es hat sogar den Anschein als würde inzwischen jede einigermaßen brauchbare Idee ihren Weg aufs fertige Produkt finden. Mal wird das augenfälliger (z.B. im meines Erachtens sehr schwachen "The Crest"), mal hält sich die Ausschussware erfreulicherweise in Grenzen (wie beim eben erwähnten "Into the Storm"). Axel Rudi Pell ist zu einer Wundertüte geworden.

"Game of Sins" kränkelt meines Erachtens besonders an seiner Lieblosigkeit. Songs wie "Falling Star" oder der "Before I die"-Klon "Till the World says goodbye" klingen nüchtern hingerotzt. Ohne Tiefe oder auch nur einen Funken Leidenschaft. Es wirkt als habe man eben mal wieder ein Album machen müssen und halt irgendwas rausgehauen, hauptsache die Plattenfirma ist beruhigt. So ein Urteil tut weh, gerade wenn man als langjähriger Fan (der jedes Album besitzt) eigentlich weiß, was Pell und seine Leute zu Leisten imstande wären.

Die Fähigkeiten blitzen ja immerhin ein paar Mal auf. Die kernigen Opener "Fire" und "Sons in the Night" sind vollkommen okay. Versierte Riffs, druckvoller Gesang und altbekannte, aber nicht langweilende Arrangements. Das hat definitiv internationale Klasse. Auch der schleppende Titelsong "Game of Sins" gefällt mir gut. Gerade in den wuchtigeren Titeln offenbart die Band um Charakterstimme Johnny Gioeli in den letzten Jahren ihre besten Momente. Bei den ersten drei Nummern stimmen Härte und Ohrwurm-Faktor. Da denkt man noch, dass das eine richtig starke Platte werden kann. Doch dann geht es rasant bergab.

Abgesehen von der netten Ballade "Lost in love" vermag keiner der weiteren Tracks Aufmerksamkeit zu erregen. Hauptproblem sind die wieder mal bis in die Unendlichkeit langgezogenen Refrains, die fehlenden Ideenreichtum überdecken sollen (siehe vor allem "Falling Star" und "Forever Free"). Bei der 08/15-Single "The King of Fools" ist der Chorus sogar schockierend nichtssagend. Hätte ich Axel Rudi Pell zum ersten Mal mit diesem Lied gehört, ich würde wohl denken das sei die langweiligste Truppe des Planeten. Wieso hält man so einen Rohrkreppierer für eine würdige Auskoppelung?

Das Dylan-Cover "All along the Watchtower" kann man als Bonustrack durchaus mal machen. Niemand hat sich blamiert und der Hörer verspürt jetzt auch nicht den Drang auszuschalten. Die Frage ist halt, was man will. Ist es einem schon genug dass es Pell und seine Jungs überhaupt noch gibt, oder zeigt man eine gewisse Erwartungshaltung, die sich aus früheren Glanztaten speist? Bei mir ist eher Zweiteres ausgeprägt. Ich weiß was diese Band kann und finde es umso bedauerlicher, wenn dann ein schnarchiges Album wie "Game of Sins" dabei herauskommt.

Hätte man sich auf eine EP mit den Titeln "Fire", "Sons in the Night", "Game of Sins", "Lost in love" und "All along the Watchtower" beschränkt, wäre ich begeistert gewesen. So kann ich nicht mehr als zwei mickrige Sterne geben. Vielleicht sollte Axel Rudi Pell mal darüber nachdenken sich mehr Zeit zu lassen oder wirklich nur eine EP rauszubringen. Ich bin eigentlich ein Alben-Fan, aber wenn es nicht mehr für 10 hochwertige Tracks reicht, dann ist die Kurzversion in Zukunft möglicherweise befriedigender. Aber bestimmt erscheint in zwei Jahren dann wieder ein echter Kracher und ich muss mein Urteil revidieren. Bei der Metal-Wundertüte Pell weiß man nie.
Kommentar Kommentare (5) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 29, 2016 5:45 PM CET


Perfectamundo
Perfectamundo
Preis: EUR 7,99

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Latino-Opa Billy lässt die Puppen tanzen, 3. Januar 2016
Rezension bezieht sich auf: Perfectamundo (Audio CD)
Anschnallen, die Reise beginnt. Es geht vom staubigen Texas in verrauchte kubanische Bars, wo leicht bekleidete Mädchen aufreizend die wohlgeformten Hüften kreisen lassen. Und zwischen ihnen ein Mittsechziger mit üppigem Bartwuchs, der mit einer fetten Zigarre im Mund die Party in Schwung bringt. Sein Name: Billy Gibbons. Sein Beruf: Gitarrist und Sänger in der kultigen "Lil' ol Band from Texas", weltweit unter dem Namen ZZ Top bekannt. Kurz vor der Rente hatte das hagere Kerlchen mit der markanten Kopfbedeckung doch noch Lust auf seine erste Soloplatte. Herausgekommen ist ein exotischer Cocktail aus verschiedenen Stilen, der nur am Rande mit seiner Stammband zu tun hat.

"Perfectamundo" (erschienen im Oktober 2015) wird den gewöhnlichen ZZ Top-Hörer verschrecken. Die üblichen, brachialen Hard Rock-Riffs finden sich hier nur an wenigen Stellen. Stattdessen legt Reverend Billy G. Wert auf Tanzbarkeit und Latin-Flair. Mit seiner Truppe liefert er 11 vibrierende Tracks (davon drei Covers) zwischen Salsa, Funk, Texmex und dezentem Südstaaten-Rock. Die Hammond-Orgel spielt eine gewichtige Rolle und sogar ein Rap-Part findet sich auf dem Album. Zeigt, wie offen Gibbons sein musikalisches Schaffen anlegt. Er schreckt nicht vor Crossover zurück, hauptsache es klingt cool und beeindruckt die Damen. Daher tummeln sich hier die unterschiedlichsten Instrumente und elektronischen Spielereien, die das Werk vielseitig und feurig klingen lassen.

Die Platte hat jedoch ein ähnliches Problem wie ZZ Top nach ihrem Stilwechsel in den 1980ern, als sie sich weg vom Blues'n'Boogie und hin zum Synthesizer-Stadion-Rock bewegten - viele Hörer können mit der radikalen Neuorientierung nichts anfangen. Schließlich will man als Fan seinen gewohnten Sound, auf den man so steht. Wenn dann etwas vollkommen Anderes dabei herauskommt, stößt das auf Ablehnung. Dabei sind die Songs allesamt unterhaltsam - falls man bereit ist, sich zu öffnen.

Ja, der Sound ist sehr modern und recht hell. Ja, das Schlagzeug klingt an vielen Stellen wie aus dem Computer. Ja, die Kompositionen sind okay, aber nicht weltbewegend. Und trotzdem reicht es, um Spaß zu haben und sich ein bisschen lateinamerikanisches Flair ins biedere deutsche Wohnzimmer zu holen. Billy hatte einfach mal Bock auf was Neues und dafür ist eine Soloplatte genau der richtige Rahmen. Mit ZZ Top wird er dann auf dem nächsten Album wieder klingen, wie gewohnt.

Fazit: "Perfectamundo" ist mit seinen ausschweifenden Klangvariationen alles andere als leblose Retortenkost, aber eben auch kein Meisterwerk. Ich persönlich finde es sehr lobenswert, dass ein Musiker, der seit über 45 Jahren im Geschäft ist, noch so einen weiten Horizont hat. Wenn er dann auch noch in der Lage ist, die Party in Gang zu bringen, ist doch alles in bester Ordnung.


Battering Ram
Battering Ram
Preis: EUR 13,04

8 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Randnotiz einer imposanten Karriere, 18. November 2015
Rezension bezieht sich auf: Battering Ram (Audio CD)
So ganz kann ich die teils euphorischen Reaktionen auf Saxons 21. Album "Battering Ram" (2015) nicht nachvollziehen. Ja, die Produktion ist druckvoll und modern, ja, der Gesamteindruck wirkt metallischer als der des Vorgängers "Sacrifice" (2013). Aber wo sind die herausstechenden Knallersongs? In meinen Augen handelt es sich um 11 handwerklich einwandfreie Titel, die man sich bedenkenlos reinpfeifen kann, die jedoch auch relativ schnell wieder vergessen sind. "Massenware" wäre ein zu hartes Urteil, die Richtung stimmt aber definitiv. "Lionheart" (2004) und "Unleash the Beast" (1997) bleiben für mich mit ihrer Vielseitigkeit und Dynamik die besten Saxon-Werke. "Battering Ram" kann da nicht mithalten. Es überwiegt eher die Freude darüber, dass es überhaupt etwas Neues von Biff Byford und seinen Mannen gibt, als die Begeisterung über gelungene Songs. Mit Mitte 60 noch so produktiv zu sein, verdient immerhin Respekt.

Das Album startet mit dem flotten Titelsong, der sogleich ein vertrautes British Metal-Flair verbreitet. Fetter, fast schon angeberisch wuchtiger Sound von Produzent Andy Sneap, der das Schlagzeug deutlich ins Zentrum stellt. Leider zerhackt es viele Tracks zu sehr, die Snare klingt übermäßig trocken und stumpf. Dadurch wirkt alles sehr stromlinienförmig und eben auch schnell beliebig und eintönig. Die Lebendigkeit bleibt auf der Strecke. Es hat den Anschein als sei besonders viel Wert darauf gelegt worden möglichst "perfekt" zu klingen, was die Ecken und Kanten, die den eigentlichen Charakter eines Albums ausmachen, verschleiert. Am Ende bleibt nicht mehr als eine farblose Hülle. Dennoch ist es erfreulich, dass Drummer Nigel Glockler nach seiner OP wegen eines Hirn-Aneurysmas wieder hörbar wohlauf ist.

"The Devil's Fooprint" zählt ebenfalls zu den Uptempo-Stücken und glänzt mit einem Refrain, der hängen bleibt.

Das schleppende "Queen of hearts" wurde im Vorfeld besonders positiv aufgenommen. Mächtiger Headbanger der traditionellsten Sorte. So stellt man sich gut gemachten, erdigen Power Metal vor.

Anschließend wird das Material dann immer verzichtbarer. Das künstlich auf hart getrimmte "Destroyer" hat letztlich wenig bis nichts zu bieten, "Hard and Fast" ist höchstens ganz nett, "Eye of the Storm" lärmt, ohne zu begeistern.

Immerhin steigern sich die Engländer gegen Ende wieder etwas. Das schnelle "Stand your Ground" macht Spaß, "Top of the World" besitzt einen hübschen AOR-Chorus und "To the end" geht als schwere Hymne durch.

Das einzige wirkliche Experiment der Platte trägt den Titel "Kingdom of the Cross". Sänger Biff Byford vertont eines seiner Kriegsgedichte und spricht die Strophen, statt sie zu singen. Ungewöhnlicher Kontrapunkt zu den sonstigen, sehr gewöhnlichen Metal-Schlachtrössern. Einer der wenigen Momente, in denen wirklich Atmosphäre erzeugt wird, selbst wenn man inhaltlich nicht mit allem übereinstimmen muss was hier gesagt wird.

Die abschließende Hard Rock-Nummer "Three sheets to the wind (The Drinking Song)" entlässt einen mit guter Laune aus der Platte.

Wie gesagt, "Battering Ram" ist am Ende nicht mehr als eine Randnotiz in der imposanten Diskografie der Männer aus Yorkshire. Schön, dass sie noch da sind, schön, dass sie weiterhin ihr Ding durchziehen. Die Luft ist zwar nicht raus, aber ein wirklich erfrischendes und einzigartiges Album erwarte ich nicht mehr von dieser Band. Trotzdem bleibe ich natürlich Sympathisant.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 12, 2015 8:20 PM CET


Hellfire Club
Hellfire Club
Preis: EUR 15,99

5.0 von 5 Sternen Ein absoluter Killer!, 14. Oktober 2015
Rezension bezieht sich auf: Hellfire Club (Audio CD)
"Hellfire Club" ist scharf, krachend und auf den Punkt. Ein vitales Metal-Album voller rotznäsiger Energie. Edguys endgültiger kommerzieller Durchbruch vom lokalen Topact zur deutschlandweit (und bald auch international) beachteten Ausnahmekapelle. Seit ihrem Debüt "Kingdom of Madness" im Jahr 1997 haben sie sich kontinuierlich gesteigert und schließlich 2004 mit "King of Fools" auch erstmals eine Top-40-Single am Start. Endlich erfährt der hochtalentierte Songwriter Tobias Sammet jene Wertschätzung, die ihm eigentlich schon lange zusteht.

Ausschlaggebend für den Erfolg des Albums ist seine Direktheit. Edguy verzetteln sich nicht mit verschwurbelten Progessive-Elementen oder überpräsenten Keyboard-Anbiederungen. Stattdessen haben die raspelnden Gitarren von Jens Ludwig und Dirk Sauer jederzeit Vorfahrt. Dieser Umstand macht aus einem an sich recht konventionell zusammengesetzten Power Metal-Werk ein unvergessliches Erlebnis. Die allergrößte Freude ist jedoch Felix Bohnkes angenehm natürlicher, metallischer Drumsound, der den 12 Songs die nötige Kante verleiht. Man fühlt sich direkt vor Ort im Proberaum, Nase an Nase mit den Musikern. Ungefiltert, roh und geradeaus. Ein Traum.

Nach dem unwiderstehlichen "Welcome to the Freakshow"-Introschrei bratzen Gitarren und Doublebass los, dass einem die Nackenhaare zu Berge stehen. Das Höllenfeuer lodert bis zum Firmament und ein vollkommen irrer Trip beginnt, den man so schnell nicht vergessen wird. "Mysteria" legt die Latte extrem hoch, doch schnell wird klar: die anderen Lieder können da problemlos mithalten.

Dem speedigen Riffgewitter folgt ein spritziger Zehnminüter im mittleren Tempo namens "The Piper never dies". Ja, das ist sehr melodieorientiert, aber gleichzeitig so ungeschliffen, dass selbst Fans dunklerer Metal-Spielarten anerkennend nicken müssen. Sensationelle Bridge, überragender Refrain, dichte Atmosphäre - dieser Track hat alles. Er ist gleichsam musicalesker Arena-Rock wie unheimliches Storyteller-Epos. Eine ganz, ganz große Komposition, die die Genregrenzen weit öffnet. Es dürften sich weltweit nicht mal ein dutzend Bands finden, die jemals Ähnliches erschaffen haben.

Das pfeilschnelle "We don't need a hero" bietet schon wieder einen Weltklasse-Refrain. Sammets doch etwas enervierendes Gequieke stößt an manchen Stellen sauer auf, allerdings ist der Track so charmant gemacht, dass sich darüber getrost hinwegsehen lässt.

Der eigentlich unvermeidliche Durchhänger, er kommt einfach nicht. Song um Song schleudern Edguy Hits für die Ewigkeit raus. "Down to the Devil" bildet da keine Ausnahme. Klingt etwas gebremster als "We don't need a hero", dafür nicht minder begeisternd. "The mad parade ist coming home" heißt es hier und man folgt ihr ungebremst in den Abgrund. Völlig egal was da kommt, ich lasse mich liebend gerne um den Finger wickeln. Auch und besonders vom König der Deppen, der anschließend vorbei schaut.

Ungenierter Disco-Keyboardsound, ein simples, aber effektives Stampf-Riff, abgefahrene Bass-Vibes und ein saustarker Chorus - man kann es einfach nicht besser machen. "King of Fools" ist bis heute ein Live-Klassiker der Band. Sammet und Kollegen machen einen großen Haufen auf Genre-Konventionen und steigern dadurch den Spaßfaktor ins Unermessliche. Zugleich öffnen sie sich Tür und Tor zu einem Publikum, das sie bis dato gar nicht wahrgenommen hat, Auftritte in zuschauerträchtigen Fernsehshows inklusive. Wenn, wie in diesem Fall, die Qualität nicht darunter leidet, sondern richtig gute Arbeit belohnt wird, dann sei es den Protagonisten von Herzen gegönnt. Seither gehören sie mit fast jeder neuen Veröffentlichung zu den Stammgästen in den Top 10 der deutschen Charts.

Die emotionale Ballade "Forever" schreit einem förmlich entgegen, dass sie zur Hitsingle gemacht werden will. Doch Edguy verzichten sympathischerweise auf eine Auskoppelung und so kann man sich ungetrübt an einer weiteren Großtat erfreuen. Trotz einer gehörigen Portion Pathos klingt die Nummer zu keiner Zeit überproduziert, sondern leidenschaftlich und mitreissend.

Das wilde, fast schon punkige "Under the Moon" fegt mit ungebremsten Doublebass-Salven aber umgehend sämtliche Sentimentalitäten von Bord. Bis heute einer meiner Edguy-Lieblingssongs überhaupt. Ein gut fünfminütiger Tritt in den Allerwertesten, bei dem man bestens mitsingen kann. Unbegreiflich, wo Tobias Sammet seine Inspiration für so viele Kracher her nimmt.

Die zweite Single "Lavatory Love Machine" (Platz 75 in Deutschland) ist bester 80er Hard Rock mit völlig durchgeknalltem Text. Wer ein Fünkchen Humor besitzt und sich nicht um "Do's" und "Don'ts" eines doch oftmals sehr engstirnigen Genres schert, wird begeistert sein. Auch das trashige Video sei wärmstens empfohlen.

Lyrisch ähnlich wahnwitzig geht es im flotten "Rise of the Morning Glory" zu. Die eloquenteste Art einen hemmungslosen Beischlaf zu beschreiben.

Entsprechend erregt stöhnt sich der Gehörnte durch das anschließende Intermezzo "Lucifer in love", ehe der "Navigator" breitbeinig auf einem hammerharten Stampf-Riff in die Stadt reitet. Eine hymnenhafte Nummer mit ordentlich Power unterm Sattel.

Als man es kaum noch für möglich hält, schleicht sich dann doch noch ein kleiner Hänger ein. Die kitschige Streicher-Ballade "The Spirit will remain" hätte getrost in irgendwelchen Archiven verschimmeln können. Das Stück will ein gefühliger Soundtrack sein, besitzt aber nicht die nötige Überzeugungskraft.

Glücklicherweise ist auf der Limited Edition an dieser Stelle noch nicht Schluss. Die Neuauflage eines Titels namens "Children of Steel" aus dem Jahre 1994, der bisher nur als Demo existierte, hat nochmal ordentlich Dampf unterm Kessel. Es böllert und kracht an allen Ecken und Enden, sodass der kleine Ausrutscher schnell vergessen ist.

Als Zugabe darf Kreator-Shouter Mille Petrozza beim bereits bekannten Opener "Mysteria", der nochmals als Bonustrack serviert wird, sein Organ strapazieren.

"Hellfire Club" ist für mich eines der stärksten melodischen Metal-Alben überhaupt. Selten wurde diese Art von Musik so lebendig, frisch und vielseitig dargeboten. Der überbordende Ideenreichtum des damals 26-Jährigen Tobias Sammet steckt in jeder einzelnen Sekunde der Platte und seine Schulfreunde aus alten Tagen wissen genau, wie sie die Einfälle ihres Bandleaders umzusetzen haben. Dazu kommt der unbedingte Wille, dem Ganzen ein möglichst erdiges Soundgewand zu verpassen. In den kommenden Jahren rücken Edguy mehr und mehr von dieser Linie ab und werden unter Produzent Sascha Paeth (wie auch Sammets Allstar-Project Avantasia) zum hochglanzpolierten Elite-Act. Das mag sowohl kommerziell als auch künstlerisch nachvollziehbar sein, schließlich gilt es, sich ständig weiter zu entwickeln. Es schürt allerdings auch den Eindruck, dass der fehlende Charakter im Soundgewand die letzten paar Prozent an Genialität verschüttet, die "Hellfire Club" zu einer Sensation werden ließen. Außer "Space Police - Defenders of the Crown" von 2014 hat mich keines der Nachfolgewerke ähnlich aus den Socken gehauen, obwohl durchgehend großartiges Material abgeliefert wurde.

Es gibt also leider keinen Weg zurück zum alten Sound, der mich damals wie heute so begeistert hat. Somit bleibt das sechste Edguy-Album wohl auf Ewig ihr unangefochtenes Meisterstück. Ich werde es immer und immer wieder genießen und mich weiterhin wundern, wie man nur so genial sein kann. Danke Tobi, danke Edguy für eines meiner absoluten Lieblingsalben.


Bad Magic (Limited Ecolbook Edition)
Bad Magic (Limited Ecolbook Edition)
Wird angeboten von Anverkauf
Preis: EUR 13,50

16 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Das Ende naht, 15. September 2015
Bei Motörhead stehen die Zeichen wohl ganz allmählich auf Abschied. Schon seit ein paar Jahren hat Bassist, Sänger und Texter Lemmy Kilmister mit massiven gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, muss immer wieder Auftritte absagen oder abbrechen. Kein Wunder, der Mann wird am 24.12.2015 runde 70 Jahre alt. Ein Leben voller Drogen und Alkohol fordert eben irgendwann seinen Tribut. Zudem ist da ja auch noch eine Diabetes-Erkrankung. Aufgrund dieser denkbar schlechten Vorzeichen ist es umso erstaunlicher, dass nach dem gutklassigen "Aftershock" (2013) noch ein weiteres Motörhead-Album das Licht der Welt erblickt hat.

"Bad Magic" heißt der mittlerweile 23. Streich einer gewaltigen Karriere. Es dürfte wohl endgültig der Letzte sein. Die Band versucht mit aller Macht gegen den Verschleiß anzukämpfen, doch live wird das auf Dauer kaum noch zu machen sein. Rund um die Veröffentlichung der Platte taucht ein Internet-Video auf, das einen gebrechlichen Lemmy zeigt, der nach drei Songs völlig erschöpft ein Konzert abbricht, um wenig später auf einen Stock gestützt auf die Bühne zurückzukehren und sich zu entschuldigen. Erschütternde Bilder, die einen kranken alten Mann zeigen. Schlagzeuger Mikkey Dee relativiert jedoch schnell und verweist auf einen Infekt, die Band hat die Tour nach einer kleinen Pause anschließend wieder aufgenommen. Trotzdem bleibt der Eindruck, dass eine der bekanntesten Rockgruppen des Planeten bald schon ihren Abschied verkünden muss, weil eine solche Belastung von ihrem Frontmann körperlich einfach nicht mehr zu stemmen ist.

Mit "Bad Magic" landen sie tatsächlich ihre erste Nummer 1 in den deutschen Albumcharts. Das dürfte vor allem ihrem Kultstatus zu Schulden sein, denn seit dem selbstbetitelten Debüt aus dem Jahr 1977 hat es einige bessere Arbeiten der Briten gegeben. Metal ist eben populär wie nie und die Fans wissen, dass sie vor allem von den Altstars der Szene zuverlässig Leistung erwarten können. So ist das auch in diesem Fall.

"Victory or die" tut nämlich genau das, was es soll: es knallt. Liebenswürdiger Krawall mit den Verstärkern am Anschlag. Keine Spur von Ermüdungserscheinungen. Punkiger Metal der räudigsten Sorte und der Refrain bleibt hängen. Zwar ist das doch ein ganzes Stück entfernt von der Vitalität des Materials auf dem wohl größten Bandklassiker "Inferno" (2004), aber trotzdem besser als die meisten Nummern der einfallslosen "Motörizer" (2008) oder "The Wörld is yours" (2010). Das gilt für alle 13 neuen Titel, die diesmal vornehmlich von Mikkey Dee und Gitarrist Phil Campbell komponiert wurden. Ihr Boss hat sich vor allem auf die Texte konzentriert.

Tatsächlich lassen sich nur wenige Momente herausheben. Der EINE Brecher ist nicht dabei, stattdessen wird vielmehr konstant ein ordentliches Level gehalten. Nur das extrem groovende Riff von "The Devil" sticht heraus. Führt man sich vor Augen, dass hier Brian May als Gast am Start ist, erklärt sich das von selbst. Hört sich tatsächlich an wie ein besonders aggressives Queen-Riff. Nur der Chorus wurde etwas verhunzt.

Ansonsten gibt es mal etwas schnellere, mal etwas langsamere Songs, die sich selten über die 3.30-Marke wagen. Kurz und schmerzlos, voll auf die 12. Kaum Abwechslung, kaum Highlights, alles schon (besser) da gewesen. Selbst die einzige Ballade "Till the end" kann höchstens als brauchbar durchgehen. Ganz am Schluss gibts noch das ziemlich zahnlose Stones-Cover "Sympathy for the Devil". Hätte man sich meines Erachtens schenken können.

"Bad Magic" wäre, sollte es denn so kommen, ein grundsolides Abschiedsalbum, mit dem man sich keinesfalls blamiert hat. Der Vorgänger "Aftershock" machte aber einen lebendigeren Eindruck, wusste hier und da sogar zu überraschen. Es tut der Band hörbar gut, dass man mit den beiden aktuellsten Werken wieder den Weg zurück zum Metal gefunden hat. Die Rock'n'Roll-Nummern des ausgehenden letzten Jahrzehnts wirkten doch oft arg stumpf und ausgelutscht. Nur Cameron Webbs Produktion lässt mal wieder zu wünschen übrig. Zu viel Matsch, zu wenig Transparenz. Aber wer will schon meckern. Erfreuen wir uns lieber daran, dass es noch mal ein Motörhead-Album gibt und feiern wir Phil Campbell, Mikkey Dee und Lemmy Kilmister, so lange das noch möglich ist. Es ist eine Freude, dass diese Truppe allen Widrigkeiten zum Trotz weiterhin existiert. Vielleicht gibt es ja wirklich eine kleine Chance, das nahende Ende doch noch etwas herauszuzögern. Träumen darf ja wohl erlaubt sein.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 7, 2016 4:37 PM CET


The Book of Souls
The Book of Souls
Preis: EUR 5,99

7 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wiederauferstehung einer Metal-Legende, 7. September 2015
Rezension bezieht sich auf: The Book of Souls (Audio CD)
"The Book of Souls" ist mächtig. Ein Epos, bestehend aus 11 Kunstwerken. Gewaltig, schmerzerfüllt, verletzlich und erhaben zugleich. Die ganze Bandbreite des menschlichen Gefühlsspektrums in teilweise überlangen, komplexen Songs, von denen gleich vier die Zehn-Minuten-Grenze überschreiten. Große Geschichten, die Zeit brauchen. Ein eigenes Universum, dessen Tiefe sich nicht mal eben im Vorbeigehen erkunden lässt.

Solch ein ausschweifendes Doppel-Album dürfen sich nur eine Hand voll Bands leisten, ohne dass die Plattenfirma die Nase rümpft. Zeigt, welchen Stellenwert Iron Maiden im Metal haben. Sie gehören zu den wenigen noch verbliebenen Granden eines kommerziell zwar erfolgreichen, aber künstlerisch dahinsiechenden, gestrigen Genres, das verzweifelt nach neuen Sternstunden lechzt und sie vor allem von denen bekommt, deren große Tage vermeintlich schon vorbei sind. So wie Black Sabbath ("13" 2013), Judas Priest ("Redeemer of Souls" 2014) und AC/DC ("Rock or Bust" 2014) zeigen sich auch die eisernen Jungfrauen auf ihrem neusten Album in Bestform.

Fünf Jahre nach dem eher halbgaren "The Final Frontier" (2010) schlagen Bassist Steve Harris und seine Mannen mit einem erneut progressiven Machwerk das nächste Kapitel ihrer Bandgeschichte auf. Eingespielt wurde das Ganze bereits im Spätsommer letzten Jahres, doch die Veröffentlichung musste aufgrund einer Krebserkrankung von Sänger Bruce Dickinson verschoben werden. Mittlerweile ist er genesen und bereitet sich mit der Band auf eine umfangreiche Welttournee vor.

Passenderweise stammt der Eröffnungstitel "If Eternity should fail" komplett aus seiner Feder. Sofort entsteht ein rohes, mysteriöses Flair, das der schamanische Eddie auf dem Cover bildlich aufgreift. Nach dem wabernden Intro folgt ein für Maiden-Verhältnisse erstaunlich modernes Riff mit tiefer gestimmten Gitarren. Dickinson hat bestätigt, dass der Song eigentlich für sein Solo-Projekt gedacht war und so klingt er auch. Im Fahrwasser seines stärksten Outputs "Chemical Wedding" (1998) entwickelt sich einer der einprägsamsten Opener der Bandgeschichte. Heavy und düster.

Dagegen wirkt die Single "Speed of light" ziemlich miefig und verkrustet. Ich war extrem enttäuscht als ich sie zum ersten Mal hörte. Dann aber erinnerte ich mich daran, dass auch die letzten Vorab-Tracks eher schwach waren (siehe "The Final Frontier" oder "The Reincarnation of Benjamin Breeg") und die dazugehörigen Alben dennoch ihre starken Momente hatten.
Selbst nach mehrmaligem Hören klingt "Speed of light" wie der steife Versuch einer eingerosteten Altherrenband, noch einmal richtig auf die K**** zu hauen. Das Riff wirkt müde, der Refrain hätte Potenzial, wird aber so lahm vorgetragen, dass einem das Gesicht einschläft. Am Erschreckendsten ist aber Dickinsons Gesangsvortrag. Klingt er auf dem Opener noch präsent und voller Strahlkraft, so wirkt es hier, als sänge ein um Klassen schlechterer Imitator. Angestrengt, kratzig und am stimmlichen Limit quält er sich durch den Song. Wenn man nicht mehr so hoch kommt, wieso versucht man es dann mit aller Macht trotzdem? Realitstverlust? Die Angst, den Fans nicht mehr das bieten zu können, was sie über Jahre gewohnt waren? Da haben Ozzy Osbourne, Ian Gillan oder Rob Halford im Alter mit ihren wesentlich tieferen Stimmlagen den richtigen Weg eingeschlagen. So vermeidet man ungewollte Peinlichkeiten.

Es bleibt nicht der einzige schwache Augenblick des Ausnahmesängers. Des Öfteren schreit er auf "The Book of Souls" erfolglos gegen die überpräsente Soundwand an und verschwindet im krachigen Brei. Kevin Shirleys Sound ist nach wie vor suboptimal und einer Band diesen Kalibers nicht angemessen. Immerhin sind im Vergleich zum Vorgänger deutliche Verbesserungen in der Klangfülle der Snare erkennbar. Ansonsten hört sich das leider auch weiterhin alles viel zu krawallig und ungeschliffen an. Als handle es sich um die unbearbeiteten Demos einer Hinterhofgruppe. Da haben heutzutage selbst No-Name-Bands, die ihre Alben zu Hause produzieren, einen edleren Klang.

In "The Great Unknown" fällt das glücklicherweise nicht so ins Gewicht. Stolze, klassische Maiden-Hymne voller Dynamik.

Bei "The Red and the Black" bleibt mir stets aufs Neue der Mund offen stehen. Dreizehneinhalb Minuten kunstvollste Perfektion. Das Stakkato-Riff brät, die drei Gitarristen glänzen mit herausragenden Melodien und sowohl der Chorus als auch der jetzt schon legendäre Hoho-Mitsingspart suchen Ihresgleichen. Ein wahres Feuerwerk der Ideen und ohne Wenn und Aber unter den besten Titeln, die Iron Maiden jemals herausgebracht haben. Für mich das Aushängeschild der Platte. Ohne Übertreibung eine Sensation, bei der einem die Spucke wegbleibt.

Das etwas unglamourösere "When the River runs deep" drückt anschließend aufs Tempo und weiß ebenfalls zu gefallen. Hier zeigt Bruce Dickinson eine starke Leistung und steht auch die höheren Töne ohne Probleme.

Der rund zehnminütige Titelsong "The Book of Souls" beschließt mit erneut schamanischer Atmosphäre Teil 1 des Werks. Hier zeigt die gesamte Band eine Topleistung. Kraftstrotzend und voller Tatendrang präsentiert man eine rasante Fahrt durch sämtliche Spielarten des melodischen Metal. Spätestens jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um als Fan triumphierend die Faust empor zu recken. Up the Irons! Was für eine unsterbliche erste Hälfte!

Der zweite Durchgang beginnt mit dem rasanten "Death or Glory" und einem Bruce Dickinson, der sich erneut am Limit befindet. Statt, wie unzählige Male zuvor, mit atemberaubender Stimmgewalt seinen Mann zu stehen, quäkt und knödelt er sich dem Ende entgegen. Ganz gute Nummer, aber weit hinter dem Niveau der ersten sechs Titel.

Selbiges gilt auch für "Shadow of the Valley" und die Robin-Williams-Hommage "Tears of a Clown". War irgendwie klar, dass das Überflieger-Niveau nicht auf Dauer gehalten werden konnte. Wer von Beginn an so auf die Tube drückt, dem geht am Ende schnell mal die Luft aus.

Völlig nichtssagend ist meiner Meinung nach "The Man of Sorrows". Geht jedes Mal vollkommen an mir vorbei. Kein Vergleich zur fast gleichnamigen, dichten Dickinson-Solonummer.

Den Abschluss bildet der längste Song, der jemals einen Platz auf einem der 16 Iron-Maiden-Alben gefunden hat. "Empire of the Clouds" zieht mit einer Spielzeit von über 18 Minuten am bisherigen Rekordhalter "Rime of the Ancient Mariner" vorbei und thematisiert eine der einschneidensten Katastrophen der frühen Luftfahrtgeschichte. Beim Absturz der R101 aufgrund einer Wasserstoffexplosion sterben im Jahre 1930 insgesamt 48 Menschen. In Folge des Unglücks gibt England den Bau größerer Luftschiffe auf.

Es ist auf dieser Platte der zweite kompositorische Alleingang von Bruce Dickinson, der langjähriger hauptberuflicher Pilot einer britischen Airlinie gewesen und bis heute aktiv im Flug-Geschäft tätig ist.

Was soll man zu einem Lied sagen, das sämtliche Grenzen sprengt? Der Autor selbst nennt es eine "Ouvertüre" und trifft es damit wohl am Besten. Mehrere auf den ersten Blick voneinander unabhängige Parts greifen ineinander über und bilden ein irgendwie stimmiges Ganzes. Vor allem das einleitende Keyboard-Thema bohrt sich ganz tief ins Gehirn. Leider bleibt die Chance auf einen der vielversprechendsten Refrains aller Zeiten ungenutzt. In meinen Augen hätte sich Bruce ein Denkmal gesetzt, wenn er einfach nur besagte Piano-Melodie mit passendem Text und Gitarrenbegleitung Eins zu Eins nachgesungen hätte. Der eigentliche Chorus des Titels (wenn es denn tatsächlich einen gibt) ist irgendwie ernüchternd. Man erwartet die ganz große Explosion, doch die bleibt aus. Somit wird aus einem potenziellen Einserkandidaten eher eine Zwei Minus. Auch wegen des unerträglichen Quäk-Teils, der ab 12.30 einsetzt. Es gibt einige Längen, man hätte die Geschichte auch in 10 Minuten erzählen und damit wesentlich mehr Atmosphäre schaffen können. Trotzdem muss man die Truppe für ihren Mut beglückwünschen, so einen ausufernden Titel auf das Album zu packen. Sorgt für Gesprächsstoff und ist auch künstlerisch begründbar.

Dass Iron Maiden mit jeder Veröffentlichung für Aufsehen sorgen, ist normal. Dass aber endlich mal wieder ein Ausbruch aus der Routine erkennbar ist, erfreut ungemein. Steve Harris (Bass), Bruce Dickinson (Gesang), Dave Murray, Adrian Smith, Janick Gers (alle Gitarre) und NickoMcBrain (Schlagzeug) befreien sich endlich von den Fesseln der Vergangenheit und wirken frei und inspiriert. Vorbei die Zeiten gezwungener, immergleicher Akkordfolgen, die irgendwann alltäglich geworden sind. Mit "The Book of Souls" ist im September 2015 das Überraschungsmoment zurückgekehrt.

Zu einem Meisterwek fehlt dem Album ein ganzes Stück, auch wenn zunächst fünf der ersten sechs Tracks den Weg dort hin geebnet haben. Mit zunehmender Spielzeit werden die Ideen dann aber vorhersehbarer und die Qualität nimmt etwas ab. Außerdem zeigt Bruce Dickinson stimmliche Ausfallerscheinungen, die seit Jahren immer deutlicher zu Tage treten. Schon auf den letzten beiden Platten hatte er größte Mühe. Wieso nicht einfach mal entspannter in tieferen Lagen singen?
Trotz dieser Kritikpunkte (auf höchstem Niveau) handelt es sich meiner Meinung nach eindeutig um die spritzigste und beste Veröffentlichung seit der Wiedervereinigung mit dem Sänger im Jahr 2000. Viel mehr, als man sich im Vorfeld hatte erträumen können.
Kommentar Kommentare (5) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 15, 2015 2:06 AM MEST


City of Heroes (LTD. Digipak + DVD)
City of Heroes (LTD. Digipak + DVD)
Preis: EUR 17,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Zweiter Streich der Weltklasse-Vokalisten, 20. Mai 2015
Also dann, auf in Runde zwei. Fünf Jahre nach ihrem ersten gemeinsamen Album sind die beiden Ausnahmekönner Michael Kiske (Unisonic, Avantasia, Ex-Helloween) und Amanda Somerville (Avantasia) zurück. Zugegebenermaßen etwas überraschend, denn in der Zwischenzeit ist bei beiden Protagonisten einiges passiert und eine erneute Zusammenarbeit nicht gerade zu erwarten. Umso schöner, dass es doch nochmal geklappt hat. "City of Heroes" heißt das im April 2015 veröffentlichte Werk. Es bietet 12 Songs, fast alle aus der Feder der beiden sehr erfahrenen Komponisten Magnus Karlsson und Mat Sinner (beide Primal Fear). Sie liefern geschliffenen, melodischen Hard Rock mit funkelnden Refrains. Dazu zwei markante Stimmen mit hohem Wiedererkennungswert - eine runde Sache, wenn auch nicht bahnbrechend oder revolutionär neu.

Zum Einstieg gibt es den Titelsong "City of Heroes". Sogleich tauchen filigrane Doppelgitarren im Maiden-Stil auf, obgleich der Titel weitaus zuckriger daher kommt. Die Doublebass ist nur schmückendes Beiwerk, der Chorus eher Schmonzette denn druckvoller Power-Rock. Egal, flutscht gut ins Öhrchen. Ob man es zwangsläufig als erste Single hätte auswählen müssen darf zumindest diskutiert werden. Auf jeden Fall ein würdiger Auftakt. Da können zwei richtig gut singen.

Nicht weniger süßlich klingt "Walk on Water", was jedoch kein Nachteil ist. Trotz selbstbewusstem Streichereinsatz eine anziehende, gefühlvolle Nummer mit balladesken Tendenzen. Ganz einfach eine wunderschöne Melodie, veredelt von zwei einzigartigen Stimmen. Nur das Video ist dann doch ein bisschen zu klischeebeladen. Überhaupt: wer nicht auf fließende Übergänge zwischen Rock und Pop steht, wird mit dem Ganzen nichts anfangen können.

Auch nicht mit dem flotteren "Rising up". Hier übernimmt das Keyboard eine tragende Rolle. Der Refrain ist wuchtiger Bombast-Rock, tendiert in Richtung (Melodic) Metal. Härtestes Stück der Platte. Kiske und Somerville singen die Strophen abwechselnd, wobei auffällt, dass die Amerikanerin den Refrain als alleinige Leadstimme intoniert, wie auf allen anderen Stücken der LP auch. Ziemlich schade, dadurch wird das Duett-Konzept etwas zu oft ab absurdum geführt. Kiske hat sich darüber im Nachhinein auch schon beschwert. Wir dann wohl, sollte es noch eine Zusammenarbeit geben, beim nächsten Mal geändert.

"Salvation" packt mich trotz ballernder Doublebass überhaupt nicht. Zu aufgeblasen und pseudo-episch. Gefällt mir nicht so.

Dafür strahlt "Lights out" umso heller. Exzellente Komposition mit energiegeladenem Refrain. Hier bilden Keyboard und Gitarren eine perfekte Symbiose, verschmelzen Power und Melodie zu einer mächtigen Einheit. Für mich einer der Rocksongs des Jahres 2015. Herausragend.

Auch das von Amanda Somerville und ihrem Ehemann Sander Gommans geschriebene "Breaking Neptune" bietet Top-Niveau. Eine Spur kerniger als der Rest der Songs. Ausgeklügelte Gesangslinien, einprägsames Riff und ein Sturm der Gefühle.

Mit "Ocean of tears" wird das Tempo erstmals gänzlich herausgenommen. Der Fokus liegt vor allem auf der charismatischen Präsenz der Stimmen in Kombination mit einem Cello. Die emotionalsten Momente der Platte. An anderen Stellen wirkt es oft so, als seien (fähige) Schauspieler am Start, die routiniert ihren Text darbeiten, aber in diesem Lied präsentieren sie sich sehr authentisch und nahbar. Einfühlsame, herzzerreissende Nummer, die sich langsam steigert. Außergewöhnlich gut.

"Open your eyes" gibt mit reichlicher Doublebass-Unterstützung mächtig Gas. Ähnlich energetisch wie "Lights out". Im Refrain wirkt Michael Kiske etwas überanstrengt, seine Stimme fällt beim Wort "walls" bedauerlichweise deutlich merkbar nach unten (oder soll das ein missglücktes Vibrato sein?). Vielleicht liegt es an der sehr unterschiedlichen Art zu singen, wie der Hamburger im Interview auf der Bonus-DVD der Limited Edition anmerkt. Ist manchmal schwer, das passend unter einen Hut zu bringen. Nichts desto trotz ein feines Nümmerchen mit einem gewissen Punch.

Auch "Last Goodbye" bewegt sich in ähnlichem Fahrwasser. Uptempo, Power-Hook und präsente Doppelgitarren. Starkes Stück.

Die schnelleren Songs wirken ohnehin am Stimmigsten. Soll das gedrosseltere "After the Night is over" nicht abwerten, aber irgendwas fehlt. Braucht trotz eines gewissen Zaubers etwas Zeit um sich zu entwickeln.

"Run with a dream" und "Right now" bilden dann den druckvollen Abschluss eines überzeugenden Albums. Hier haben alle Beteiligten ganze Arbeit geleistet um dem Hörer bestmögliche Qualität anbieten zu können. Kompositionen auf höchstem Level, zwei ausdrucksstarke Vokalisten und eine geschmackvolle Aufmachung der CD lassen keine Wünsche offen. Nur der meines Erachtens etwas zu stumpfe Snare-Sound trübt die Freude. Da wäre mehr Raum zur Entfaltung nötig gewesen, das kesselt zu wenig. Auch der teilweise lächerlich dünne Glocken-Klang des Beckens ist ärgerlich. Besonders bedauerlich, wenn man die technisch hochwertige Leistung von Schlagzeugerin Veronika Lukesova bedenkt.

Gibt einen Stern Abzug, aber ansonsten ist "City of Heroes" richtig gut geworden. Hat nicht mehr den Compilation-Charakter des Debüts, sondern funktioniert bestens als abgestimmte Einheit. Wer es melodisch und opulent mag, könnte kaum besser bedient werden. Hoffentlich gibt es bald eine Fortsetzung.


Decadent (Ltd.Digipak)
Decadent (Ltd.Digipak)
Preis: EUR 17,99

8 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Kreativer Engpass - U.D.O. treten auf der Stelle, 31. Januar 2015
Rezension bezieht sich auf: Decadent (Ltd.Digipak) (Audio CD)
Etwa zwei Jahre nach seinem Chartbreaker "Steelhammer" (Platz 21 in Deutschland) meldet sich Metal-Urgestein Udo Dirkschneider im Januar 2015 zurück. "Decadent" heißt sein mittlerweile 15. Soloalbum. Es ist das Zweite nach der Ära Stefan Kaufmann und wie auch schon der Vorgänger lässt es einen etwas ratlos zurück.

Sicher, die üblichen Kennzeichen einer U.D.O.-Platte sind vorhanden, dennoch fehlt dem Ganzen das Außergewöhnliche. Routinierte Songs, denen man anmerkt dass hier bei weitem keine Dilletanten am Werk sind, die aber auf der anderen Seite nicht gerade Anlass zu Freudentänzen geben. Exemplarisch sei die Single "Decadent" angeführt. Absolut brauchbares Teutonen-Stampfriff, doch der Refrain ist zu durchschaubar. Ohne Feuer vorgetragen und zudem mit seltsamer, digital abgeschnittener Hi-Hat versehen. Beunruhigte mich zunächst nicht weiter, da U.D.O.-Singles öfter mal keine Glanztaten sind (siehe vor allem "Leatherhead"). Leider ist der Rest des Albums ebenfalls nur mittelprächtig geraten.

Die ganz großen Einfälle sucht man vergebens. Kaum ein Song bleibt beim ersten Durchlauf hängen. Eigentlich, wenn ich ganz ehrlich bin, nur das sehr traditionelle "Untouchable" mit seinem fetten Gang-Chorus und der groovige Bonustrack "Let me out" (mein Favorit) im melodieorientierten 80er Stil. "Faceless World" (1990) lässt grüßen.

Die beiden jungen Gitarristen Andrey Smirnov und Kasperi Heikkinen machen ihre Sache immerhin gut, hauen druckvolle Riffs und einfallsreiche Soli raus. Man merkt dass sie heiß sind und gerne für U.D.O. spielen. Schade, dass ihre ansprechende Leistung in einigen arg biederen Tracks versinkt.

"Under your Skin" zum Beispiel sägt gewaltig, doch der Refrain ist höchstens lauwarm. Wenigstens textlich gelingt die Abrechnung mit Dirkschneiders ehemaligen Accept-Kollegen. Der mega langweilige zweite Bonustrack "Shadow Eyes" hinterlässt Schulterzucken. "Rebels of the Night" überzeugt einzig durch sein ungezügeltes musikalisches Grundgerüst und unheilsschwangere Chöre. Den Refrain kann man getrost vergessen. "Speeder" verhöhnt sich selbst, kommt nur pseudo-schnell daher.

Ein hartes Urteil, das auch schon für viele Titel von "Steelhammer" gelten musste. "Decadent" ist zumindest eine Spur einfallsreicher und härter. Letztlich glänzen aber vor allem die kommerzielleren Titel wie "Breathless", "Pain" oder "Words in Flame".

Ein Missgeschick ist hingegen die einzige Ballade "Secrets in Paradise". Eigentlich sind ruhigere Songs eine große Stärke von Udo, sowohl in Bezug auf Gesang als auch Arrangement. Bei besagtem Titel stimmt nur Letzteres. Ich weiß nicht weshalb Dirkschneider den Refrain so krächzen muss. Ja, seine Reibeisenstimme ist sein Markenzeichen, aber gerade in Balladen klingt er dann am Eindrucksvollsten, wenn er seinen cleanen Gesang einsetzt. Siehe etwa das stimmungsvolle "I give as good as I get" (2011) oder das traurige "Blind Eyes" (2004). Selbst der Accept-Evergreen "Winterdreams" von 1983 fasziniert gerade deshalb. Ohne das Geraspel wäre "Secrets in Paradise" ein richtiger Kracher.

Bei aller Kritik - nur zwei Sterne zu vergeben wäre ungerecht, schon alleine deshalb weil das etwas schwächere "Steelhammer" auch schon drei von mir bekommen hat. Das kontrovers diskutiere Cover ist für mich übrigens kein Minuspunkt. Man muss es nicht mögen, aber es passt zum Albumtitel.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass U.D.O. der Verlust von Rhythmusgitarrist und Kompositionspartner Stefan Kaufmann weiterhin deutlich anzumerken ist. Die Produktion klingt zwar erfreulicherweise natürlicher, doch die Melodien haben ihre Schwächen. Wenn man ganz böse sein will, kann man bei vielem sogar von B-Seiten-Qualität sprechen. Denn selbst wenn man die besten Lieder aus "Steelhammer" und "Decadent" auf eine CD packen würde, käme kein Meisterwerk dabei heraus. Glücklicherweise erfreut sich der 62-Jährige Udo Dirkschneider bester Gesundheit und wird noch das eine oder andere Album nachlegen. Er kann also alles besser machen. Dass er dazu nach wie vor in der Lage ist, bleibt unstrittig.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 10, 2015 11:49 AM MEST


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