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Tartaruga

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Alentejo zu verkaufen!: 15 Jahre Makeln in Südportugal
Alentejo zu verkaufen!: 15 Jahre Makeln in Südportugal

4.0 von 5 Sternen Wohl nicht immer fair, aber witzig und informativ, 25. Juli 2017
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Der Autor lässt gelegentlich sein Auto oder sogar Grundstücke in der Ich-Form erzählen. Das nervt etwas. Zumal er solche literarischen Originalitäten gar nicht braucht. Das Buch ist klasse geschrieben und liest sich sehr unterhaltsam. Dass sich Betroffene ärgern ist nachvollziehbar. Sie sollten sich damit trösten, dass niemand, der nicht im engsten Umkreis wohnt, erraten kann, wer gemeint ist. Der Ärger wird wahrscheinlich teilweise berechtigt sein. Glaubt man dem Autor, waren er selbst und seine Frau die einzigen ehrlichen, hart arbeitenden Menschen südlich des Tejo. Während die Kunden ausnahmslos ahnungslos oder gar böswillig waren. Permanent wechseln sie die Sexualpartner. Einige, bzw. ihre Freunde, kopulieren in aller Öffentlichkeit auf dem Marktplatz. Andere verüben gar Ritualmorde. Ist das wirklich der Normalfall?
Auf Grund meiner eigenen Erfahrung im wilden Südwesten Europas glaube ich durchaus, dass sich die meisten Geschichten so oder so ähnlich abgespielt haben. Ich glaube allerdings auch, das der Autor der Spannung halber die extremsten Fälle im Buch versammelt hat. Und das er daneben auch eine große Zahl ganz unspektakulärer Kunden hatte. Leute, die zum Beispiel im Urlaub ihren Lebenspartner kennengelernt haben und dann nach Portugal übersiedeln. Wo sie sich mit der guten deutschen Berufsausbildung als Schreiner, Solartechniker, Rechtsanwalt oder Arzt eine Existenz aufbauen. Und ganz undramatisch mit dem immer gleichen Partner alt werden. Ich kenne eine ganze
Reihe davon. Vielleicht hätte man ein paar von diesen Fällen auch ins Buch aufnehmen sollen. Aber zugegeben: das ist bei Weitem nicht so spannend.


Die Grenzen der Toleranz: Warum wir die offene Gesellschaft verteidigen müssen
Die Grenzen der Toleranz: Warum wir die offene Gesellschaft verteidigen müssen
von Michael Schmidt-Salomon
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Anregend, 25. Februar 2017
Der Autor (MSS) beschäftigt sich zu Beginn des Buches ausführlich mit der fehlenden Streitkultur zwischen Kritikern und Befürwortern einer Zuwanderung aus muslimischen Ländern. Die Debatte sei durch „größtmögliche Diffamierung der Anderen“ gekennzeichnet (25). Er sieht sich selbst eher „zwischen den Fronten“, bezeichnet den radikalen politischen Islam als eine Variante des Faschismus (34ff) und meint, die Zwangsvorstellung, man dürfe der AfD nie und nimmer recht geben, habe absurde Formen angenommen (58). Auf der anderen Seite lehnt er Rassismus scharf ab und befürwortet sogar eine Politik der offenen Grenzen (176). Allerdings unter der Bedingung, dass die freiheitliche Gesellschaft ihre Werte offensiv verteidigt. Einschränkungen bei Freiheit und Menschenrechten aus Rücksichtnahme auf religiöse Gefühle dürfen nicht akzeptiert werden. Daher tritt er für ein Verbot der Beschneidung auch männlicher Kinder ein.
Im weiteren Verlauf des Buchs entwickelt er eine Art Theorie der Toleranz, ein Plädoyer für eine Gesellschaft mit individueller Freiheit, ohne Gruppenzwang und mit sozialer Absicherung. Erfreulich zunächst mal, dass "Toleranz" eine so zentrale Rolle bei ihm einnimmt. "Toleranz", in den sechziger und siebziger Jahren ein wichtiger Begriff, ist ist danach irgendwie in Vergessenheit geraten. Toleranz hat natürlich Grenzen, und wo diese verlaufen, ist Thema des Mittelteils des Buchs. Haltungen und Handlungen, die die Prinzipien der offenen Gesellschaft akut bedrohen, müssten bekämpft werden. Als Beispiel nennt er die eliminatorische Homophobie in der aktuellen Islamauslegung. Andere Haltungen, die zwar zu kritisieren seien, aber weniger problematisch sind, wären mit dem Mittel der „zivilisierten Verachtung“ anzugehen, ein Begriff, den er von Carlo Strenger übernimmt (84).
All das ist locker, aber überzeugend geschrieben. Dass es mitunter etwas oberflächlich zugeht und Fragen offenbleiben, muss man hinnehmen. So will er zum Beispiel an Lehrer in öffentlichen Schulen besondere Rationalitätsanforderungen stellen, Lehrer die irrationalen Theorien anhängen, sollen vom Unterricht ausgeschlossen werden (169). Als Beispiel nennt er die Evolutionstheorie. Wer, wie bestimmte religiöse Sekten, dieser nicht zustimme, sei als Lehrer ungeeignet. So weit, so gut. Doch bleibt offen, wie man Irrationalität abgrenzen soll. Der wissenschaftliche Mainstream ist als Kriterium jedenfalls problematisch. Denn was die Mehrheit der Wissenschaftler für rational oder irrational hält, hängt nicht selten von der politischen Großwetterlage ab.


Wer ist Charlie?: Die Anschläge von Paris und die Verlogenheit des Westens
Wer ist Charlie?: Die Anschläge von Paris und die Verlogenheit des Westens
von Emmanuel Todd
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,95

3.0 von 5 Sternen Mit heißer Nadel, 21. November 2016
Alle mussten nach den Terroranschlägen die Formel sprechen „Ich bin Charlie“. Sie war gleichbedeutend geworden mit „Ich bin Franzose.“ Selbst Acht- oder Neunjährige, die sich der amtlich vorordneten Schweigeminute in den Schulen verweigerten, wurden polizeilichen Verhören unterzogen. „Ein Aufblitzen des Totalitarismus“. (17) Es reichte nicht, den Terror zu verurteilen, es musste auch die inhaltliche Übereinstimmung mit dem Satiremagazin verlautet werden. Gläubige Moslem wurden also gezwungen, ihr Französischsein über ihren Glauben zu stellen. Blasphemie war nicht nur erlaubt, sie war gefordert. In Frankreich habe sich ein militanter Atheismus breit gemacht, „der als ein Radikalsäkularismus neuerdings die Glaubensfreiheit bedroht.“(167) Es sei ein großer Unterschied, ob man die eigene Religion verspotte, oder die einer unterprivilegierten Minderheit. „Millionen Franzosen drängte es auf die Straßen, um das Recht, auf die Religion der Schwachen zu spucken, als das vordringliche Bedürfnis ihrer Gesellschaft zu definieren.“ (70) Die Demonstrationen seien eine Wiedervereinigung der Nation von oben gewesen, „kombiniert mit dem Ausschluss der jungen Muslime in den Städten und der Arbeiter….“ (84)

Spätestens, als die erste Ausgabe von Charlie Hebdo nach dem Terroranschlag wieder Mohammed aufs Korn nahm, wollten viele Länder das aber nicht mehr mitmachen. Die Franzosen isolierten sich international. Deutschland, Holland und Dänemark standen weiter an ihrer Seite. Die angloamerikanische Presse weigerte sich aber, die Neuausgabe von Charlie Hebdo nachzudrucken. Russen, Inder, Chinesen und die gesamte islamische Welt „bewerteten die französische Haltung als überflüssig beleidigend...“ (186)

Die damals in ganz Frankreich stattfindenden Demonstrationen gegen die Terroranschläge waren nicht gleichmäßig über das Land verteilt. Es dominierten die Regionen der gehobenen Mittelschicht sowie die „zombie-katholische“ Peripherie des Landes. Nicht zufällig waren dies auch die Regionen, die bei Volksabstimmungen die deutlichsten Mehrheiten für die europäische Einigung aufwiesen. „Europäismus und Islamphobie hängen inzwischen zusammen“. (187) Für das europäische Projekt träten grade die Regionen ein, in der Vergangenheit eine üble Rolle spielten, etwa das Vichy-Regime unterstützten oder sich gegen die Rehabilitierung des zu Unrecht verurteilten jüdischen Offiziers Alfred Dreyfus stemmten. (67)

Dabei bereite grade die europäische Einigung den Nährboden für den Terrorismus. An sich hätten sich die muslimischen Einwanderer in Frankreich gut und auch recht schnell integriert. Das zeige sich an der hohen Zahl von Mischehen (126). Erst die „Einheitswährung“ und die daraus resultierende Wirtschaftskrise habe diesen Prozess zum Stillstand gebracht. Die Grundlage des Terrors bilde also nicht die Religion, sondern die wirtschaftliche Verelendung. Aber nicht nur die Unterschicht leide an dem misslungenen Einigungsprozess Europas. Die Mittelschicht sehe sich zu „freiwilliger Knechtschaft“ in einem von Deutschland beherrschten Europa verpflichtet. Dies und das erkennbare Scheitern des Euro verunsichere sie und treibe sie dazu, nach einem Sündenbock zu suchen: dem Islam. (181) Grade das führe bei vielen arabischstämmigen Jugendlichen, aber auch bei anderen zu einer Idealisierung des Islams. (184)

Das sind hochspannende, aber auch ziemlich gewagte Thesen. Ist es wirklich plausibel, dass grade der Islam als Sündenbock gewählt wird für das Scheitern des Euro? Wäre nicht eine antideutsche Haltung, wie in Südeuropa zu beobachten, viel naheliegender? Auch die These Todds, Antiislamismus und Proeuropäimus seien zwei Seiten der selben Medaille bestätigt sich zumindest in Deutschland nicht, die Bundestagsparteien sind ohne Ausnahme für den Euro und für islamische Einwanderung. Die Beobachtung, dass Religionen, die kaum noch praktiziert werden, trotzdem noch weiterwirken und ihre Werte eine Region prägen – der sog. Zombi-Katholizimus- ist sicher richtig. Trotzdem scheint es ziemlich weit hergeholt, von einer antisemitischen Haltung gewisser Regionen Ende des 19. Jahrhunderts Verbindungen zu ziehen zur Teilnahmebereitschaft an Demonstrationen gegen den Terror heute. Demonstrationen, die der Autor als antiislamisch einschätzt.

Letztlich fand ich das Buch anregend, aber nur halb überzeugend. Viele Fragen bleiben offen. Übrigens oft auch die Frage, was der Autor eigentlich gemeint haben mag. Das Buch wurde in dreißig Tagen geschrieben, wobei Todd sich schon um drei Uhr morgens an die Arbeit machte – vielleicht nicht die grade beste Zeit, seine Gedanken zu Papier zu bringen.


Gekaufte Journalisten: Wie Politiker, Geheimdienste und Hochfinanz Deutschlands Massenmedien lenken
Gekaufte Journalisten: Wie Politiker, Geheimdienste und Hochfinanz Deutschlands Massenmedien lenken
Preis: EUR 19,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Lesenswerte Hintergrundinformationen, 15. September 2016
Man muss nicht gleich von Lügenpresse reden, also bösen Vorsatz unterstellen, aber viele, auch der linke Blog "Nachdenkseiten", haben wachsendes Unbehagen mit der Gleichförmigkeit der Presseberichterstattung zu zentralen Fragen wie zum Beispiel Nato, Militäreinsätzen, Haltung zu Rußland usw. Ulkotte stellt dar, wie dazu kommt: die Alphajournalisten sind mit führenden Firmenvertretern, Politikern und häufig Geheimdienstmitarbeitern Mitglied in transatlantischen Vereinen wie zum Beispiel Atlantik Brücke oder Deutsche Gesellschaft für auswärtige Politik. Auf Konferenzen, in der Regel in angenehmer teurer Atmosphäre, entwickeln sie Konzepte und Konsenspapiere, über die die beteiligten Journalisten dann wohlwollend berichten, ohne ihre Beteiligung aufzudecken. Im Gegenzug erhalten sie interne Informationen. Diesen Skandal, den bereits Uwe Krüger in seiner Doktorarbeit nachgewiesen hatte, einem breiten Publikum bekannt zu machen ist das große Verdienst des Buches.
Dass der Autor bei der Gelegenheit auch ein paar Rechnungen mit früheren Kollegen begleicht und mitunter recht plakativ urteilt, kann das positive Gesamturteil nur minimal eintrüben.


Undercover Dschihadistin: Wie ich das Rekrutierungsnetzwerk des Islamischen Staats ausspionierte
Undercover Dschihadistin: Wie ich das Rekrutierungsnetzwerk des Islamischen Staats ausspionierte
von Anna Erelle
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

4.0 von 5 Sternen Spannend, 31. Mai 2016
Das Buch ist spannend. Der Erkenntnisgewinn hält sich allerdings in Grenzen. Im Wesentlichen erhält die Autorin ihre Informationen über den IS durch die Telefon- und Facebookgespräche, die sie unter Vortäuschung einer falschen Identität mit einem seiner führenden Funktionäre führt. Der Mann hält sich natürlich etwas bedeckt, was politische Informationen angeht. Bei dem was er erzählt, weiß man zudem nicht recht, was Angeberei und was Realtiät ist. Interessant und schockierend aber die skrupellose Machomentalität, die er in seinem Werben um die vermeintliche Verehrerin offenbart. Und erschreckend die Bereitschaft in der Rekrutierungsszene, sich diesem dumpfen Autoritarismus unterzuordnen.


111 Gründe, Portugal zu lieben: Eine Liebeserklärung an das schönste Land der Welt
111 Gründe, Portugal zu lieben: Eine Liebeserklärung an das schönste Land der Welt
von Annegret Heinold
  Taschenbuch

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Tolles Buch, 7. Mai 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Sicher kein klassischer Reiseführer, aber ein schönes Buch für alle, die Portugal lieben und nicht genau wissen warum. Alle 111 Gründe könnte ich unterschreiben. Obwohl ich Portugal gut kenne, fand ich doch ein paar neue "Geheimtipps". Für den Satz über dem Eingang zur Knochetabelle in Evora kenne ich übrigens noch eine bessere Übersetzung, nämlich: "Unsere Knochen sind schon hier, auf die deinen warten wir."


Alles grün und gut?: Eine Bilanz des ökologischen Denkens
Alles grün und gut?: Eine Bilanz des ökologischen Denkens
von Dirk Maxeiner
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ökologismus als Religionsersatz, 15. März 2016
Vieles kennt man schon aus früheren Büchern. Zum Beispiel, dass der Klimawandel weit weniger dramatisch verläuft als oft behauptet. Auch, dass die euphorisch gefeierte Energiewende sich als zähes und vor allem teures Unterfangen erweist, ist nicht neu. Trotzdem ist es gut, die Argumente noch einmal in sachlichem Ton zusammengestellt vorzufinden. Am Interessantesten fand ich das Buch aber, wenn es Ausflüge in den Bereich der Gesellschaftskritik macht und der Frage nachgeht, warum der Ökologismus zur dominanten Ideologie der westlichen Welt werden konnte. So sehen die Autoren beispielweise – mit Ulrich Beck – in der Klimapolitik eine „Sinnressource für die delegitimierte und von Vertrauensverlaust gekennzeichnete Politik.“ (103) Mit dem Untergang des Sozialismus fiel des zentrale Feindbild weg. Es „mangelte dem Westen zusehends an einer mitreißenden Idee, gleichsam einer neuen Utopie.“ So entstand das Projekt der „Weltrettung“., beim dem verbal so weitergemacht wurde, als ginge es nach wie vor gegen eine andere Militärmacht. Die Berichterstattung über den Klimawandel sei von militärischen Begriffen durchzogen: „Verteidigungslinie“, „Rückzug“, „Stillhaltetaktik“ usw.
Der Ökologismus sei Religionsersatz: „Etwas Gutes braucht der Mensch. Früher war dafür die Kirche zuständig, dann der Sozialismus. Religion und Ersatzreligion sorgten für Seelenheil, gaben Hoffnung, überstrahlten die Mühen des Alltags. Der Sozialismus hatte das Pech, dass er real wurde… Die Kirchen verloren an Überzeugungskraft, weil ihr Trost für immer mehr Menschen zu irreal klang. Bei vielen Gläubigen blieb eine Leerstelle im Gemüt zurück. Der Kampf gegen Atomkraft und Kohlendioxyd kam da genau zur richtigen Zeit.“ (209) Der Ökologismus sei eine der einflussreichten „Religionen“ der westlichen Welt, er sei zur bevorzugten Religion urbaner Atheisten geworden, zitieren sie zustimmen Michael Chrichton (65). Klimaforschung als Religionsersatz in wissenschaftlicher Verkleidung? Der Anstieg des Meeresspiegels als wissenschaftliche Variante der biblischen Sintflut? Da ist zweifellos etwas dran, wie schon religiös wirkende Begrifflichkeiten wie „Umweltsünde“ oder „Klimaleugner“ zeigen. Schade, dass das Buch hier nicht weiter in die Tiefe geht. Es könnte durchaus sein, dass das explosionsartige Anwachsen der puritanischen evangelischen Sekten auf dem amerikanischen Kontinent und der nordeuropäische Ökologismus viele Parallelen haben, dass der Ökologismus eine neue Form des evangelischen Puritanismus ist.
Wissenschaftliche Theorien dienen Interessengruppen als Vehikel für ihren wirtschaftlichen und politischen Aufstieg. Sie werden deshalb mit aller Kraft gegen neue Erkenntnisse verteidigt und auch dann noch weiter vertreten, wenn sie längst widerlegt sind. Als Beispiel nennen die Autoren die Warnungen vor den katastrophalen Wirkungen des Waldsterbens. In Wirklichkeit hat es kaum Schädigungen des Waldes gegeben und inzwischen ist die Waldfläche in Deutschland sogar erheblich angewachsen. Auch der Clube of Rome lag mit seinen Prognosen daneben, wie man heute weiß. Weder führte extremes Wachstum der Weltbevölkerung zu Hungersnöten, die Zahl der Hungernden geht vielmehr kontinuierlich zurück. Noch ist die vorhergesagte Verknappung des Erdöls bisher eingetreten oder auch nur absehbar. Ähnlich übertrieben seien die Warnungen vor einer Klimakatastrophe.
Gläubigen Ökologisten ist mit Argumenten aber nicht beizukommen. Die grünen Eliten seien in ihrem Denken inzwischen „so konformistisch wie die christlich-konservativen Eliten der Fünfzigerjahre…“ (221) Sie haben ihre eigenen Sprachregelungen entwickelt, und wer diesen nicht folgt, outet sich damit schon als außerhalb der Norm. George Orwells „1984“ lässt grüßen. Der biologisch gesunde Lebensstil diene als Unterscheidungsmerkmal gegenüber der fressenden, rauchenden und saufenden Unterschicht. „Wachstumskritiker“ wie der Oldenburger Ökonomieprofessor Niko Paech predigen den Konsumverzicht als „Befreiung vom Überfluss“ (238). Dies gelte vielen bis heute als neue linke Politik. In Wahrheit aber sei die „hochemotionale Aufladung der Natur, ihre Überhöhung und Mystifizierung … ein Kontinuum der deutschen Geistesgeschichte.“ (280) Es würden Denkmuster des Nationalsozialismus wieder aufgegriffen.
Schon an der Gründung der grünen Parteien seien zahlreiche alte Nazis beteiligt gewesen. Als Beispiele nennen sie den früheren Vorsitzenden August Haußleiter und den Bundestagsabgeordneten Werner Vogel. Dieser Vorwurf ist meines Erachtens allerdings unfair, denn wenn die nationalsozialistische Vergangenheit bekannt wurde, bedeutete es zuverlässig das Ende der Parteikarriere. Recht haben die Autoren wohl aber, wenn sie in Bezug auf die ehemaligen Maoisten, die jahrzehntelang einen Großteil des Führungspersonals der Grünen stellten, annehmen, dass sich ihre „totalitäre Geisteshaltung beim Übertritt von den K-Gruppen zu den Grünen nicht in Luft aufgelöst hat“. (284) Sicherlich sind sie keine Anhänger der Diktatur des Proletariats mehr, die Neigung, mittels staatlicher Maßnahmen die Bürger zur besseren Menschen zu erziehen, hat sich aber gehalten. Und richtig ist auch, dass zur Ideologie des dritten Reiches die gesunde Ernährung, der Verzicht auf Drogen wie Alkohol und Nikotin, die deutsche Waldromantik und Tierliebe ebenso gehörten die die romantische Verklärung des bäuerlichen Lebens. Ja, sogar die Energieautarkie durch Förderung der Windenergie war den Nazis ein Anliegen (286). Bei der Ästhetik der grünen Bewegung und der nationalsozialistischen Bewegung gibt es zweifellos erhebliche Überschneidungen. Dennoch ist das Urteil von Maxeiner/ Miersch hier zu einseitig. Denn neben Gemeinsamkeiten gibt es natürlich auch enorme Unterschiede. Mag sein, dass Hitler, der Vegetarier und Antiraucher, sich jeden Morgen frisches Biogemüse bringen ließ. Die Gleichberechtigung der Frau, die Entkriminalisierung der Homosexuellen und die Öffnung der Grenzen für Flüchtlinge waren ihm aber gewiss kein Anliegen. Die grüne Bewegung bestand eben nicht nur aus autoritären Strömungen, sie war überwiegend eine antikapitalistische, basisdemokratische Graswurzelbewegung. Dieser Gründungswiderspruch findet sich heute noch in der grünen Partei. Noch heute tritt sie neben allem Alarmismus auch glaubhaft für demokratische Reformen und soziale Gerechtigkeit ein. Ihre Mitglieder und Anhänger können protestantisch konservativ sein und sich trotzdem nach wie vor als linke Avantgarde fühlen. Und sowohl CDU also auch die Linkspartei sehen die Grünen als mögliche Koalitionspartner.


Total beschränkt: Wie uns der Staat mit immer neuen Vorschriften das Denken abgewöhnt - Ein SPIEGEL-Buch
Total beschränkt: Wie uns der Staat mit immer neuen Vorschriften das Denken abgewöhnt - Ein SPIEGEL-Buch
von Alexander Neubacher
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Plädoyer für die Entscheidungsfreiheit des mündigen Bürgers, 30. Dezember 2015
Neubacher beginnt sein Buch mit einer komischen Geschichte: Der große blaue Ball, auf dem Menschen seiner Generation manchmal am Schreibtisch saßen um den Rücken zu schonen, ist verboten! Unfallgefahr, die Betriebssicherheit sei nicht gewährleistet. Neubacher könnte herunterfallen, die Arbeitsstättenverordnung will ihn davor bewahren. Groteske Vorschriften dieser Art listet er am Ende seines Buches auf, insgesamt 77. Zum Bespiel auch das Gesetz, dass jede Gemeinde verpflichtet, einen Leiterbevollmächtigen zu ernennen, der die „Leitern und Tritte“ der Gemeinde auf Sicherheit überprüfen soll und zu diesem Zweck besonders geschult werden muss. Hübsch auch das Schild, das der Hamburger Fischgroßhändler Hagenah auf Gerichtsbeschluss hin im seinem Laden aufhängen musste: „Achtung: Fische können Fischgräten enthalten“. (Seite 279)

Letztes zeigt das Problem: der Staat hält seine Bürger für Idioten. Das Menschenbild des Staates sei der „homo demens“. Insbesondere kann der dumme Staatsbürger nicht auf seine Gesundheit achten, weshalb der Staat ihn mit Rauch-, Alkohol- und Zuckerverboten in die richtige Richtung lenken muss. Oder auch grade nicht mit Verboten, sondern mit Manipulation, dem sog. Nudging (Seite 234ff)- So wie Werbung unterschwellig Menschen davon zu überzeugen sucht, dass sie durch Kauf eines bestimmten Produkts chic, modern oder leistungsfähig werden, greift auch der Staat zu Tricks, um seine Untertanen zu lenken: In Filmen darf nicht mehr geraucht werden, Kommissare greifen zum Tomatensaft. Der vorbildliche Bürger ist angepasst, gesundheitsbewusst und lebt enthaltsam. Wer sich nicht daran hält, ist ein armer Abhängiger und Volksschädling, weil er die Krankenkasse übermäßig belastet.

Allerdings geht die Rechnung nicht auf. Auf Seite 151 rechnet Neubacher zum Beispiel vor, dass der schlanke Nichtraucher die meisten Kosten für die Gesellschaft verursacht: er ist letztlich genauso viel krank wie jemand der ungesund lebt, bezieht aber einige Jahre länger Rente. Bei den ganzen Verboten, die den Bürger vor sich selbst schützen sollen, geht diesem die Fähigkeit zur Selbststeuerung verloren: klebt irgendwo mal kein Schild „Vorsicht, gefährlich!“ ist er umso unbedachter. Woher soll man wissen, dass Fisch Gräten hat, wenn kein Schild da ist?

Dennoch gibt es viele, die einen solchen Staat gut finden und sogar noch mehr Verbote fordern. Neubacher verweist zu Recht auf den religiösen Charakter, den die Gesundheitsbewegung inzwischen angenommen hat, u.a. auf Seite 191ff. Puritanismus und Calvinismus feiern ihre Wiederkehr in pseudo- wissenschaftlichem Gewand. Die vielen Regeln und Verbote geben vielen Menschen das Gefühl auf der sicheren Seite zu sein, wenn sie nur gehorsam sind und nicht sündigen.

Neubacher wurde hier und da der Vorwurf des Neoliberalismus gemacht. Auch stehen Kolumnen auf Spiegel-Online in der Kritik, in denen er TTIPP-Gegner mit rechten Nationalisten verglich. In diesem Buch ist davon aber nichts zu finden. Seine Kritik richtet sich gegen Verbote, die der Staat dem Bürger auferlegt, Aufhebung von Verboten für Firmen sind nur selten Thema des Buches. Natürlich bestreitet Neubacher überhaupt nicht, dass es Gesetze, Regeln und Verbote geben muss. Er kritisiert nur den überbordenden Regelungseifer des Staates. Vor allem kritisiert er Gesetze, mit denen der Bürger vor sich selbst geschützt werden soll. Jeder habe das Recht auf einen ungesunden Lebensstil, wenn er diesen bevorzuge. Das freilich dürfte bei vielen auf Widerspruch stoßen. Unter der Hand setze sich mehr und mehr ein totalitäres Denken durch: die Gemeinschaft hat ein Anrecht darauf, dass der Einzelne alles tut, seine Leistungsfähigkeit zu erhalten.

Im letzten Kapitel entwirft Neubacher eine Art Programm für den „guten Staat“. Ein Plädoyer für den mündigen Bürger. FDP und Piratenpartei brauchten keine Überlebensängste zu haben, wenn sie sich daran orientierten.


Die junge Nation. Deutschlands neue Rolle in Europa
Die junge Nation. Deutschlands neue Rolle in Europa
von Michael Hüther
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Ohne klare Linie, 24. November 2015
Dem ersten Rezensenten ist leider in allem Recht zu geben. Dem Buch fehlt völlig der rote Faden. Der Autor redet über Alles und Jedes in staatsmännischem Ton - aber was kann er uns eigentlich Neues sagen?


Hart auf hart: Roman
Hart auf hart: Roman
von T.C. Boyle
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Kriegssehnsucht, 20. November 2015
Rezension bezieht sich auf: Hart auf hart: Roman (Gebundene Ausgabe)
Die Fähigkeit, gesellschaftliche Erscheinungen auf witzige und manchmal grelle Art literarisch aufzugreifen, war Boyle schon immer zu eigen. Sein neues Buch ist ein gutes Beispiel dafür. Adam, der Held der Geschichte, ist ein harter Kerl. Sein Vorbild ist ein Held aus der Zeit der Indianerkriege. Da es keine Kriege mehr gibt, macht er sich seinen eigenen. Die andere harte Person ist Sara. Sie ärgert sich über staatliche Bevormundung und gerät mit der Polizei aneinander, weil sie sich nicht zwingen lassen will, den Anschnallgurt anzulegen. Überall sieht sie die großen Konzerne am Werk, die unser Leben zerstören. Sie lebt allein mit ihrem Hund in einem Haus am Wald.
Zwei Harte finden sich also. Der Unterschied zwischen beiden ist aber enorm. Während Sara durchaus in der Lage ist, soziale Kontakte zu pflegen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen und sich das Leben angenehm zu machen, scheitert Adam auf der ganzen Linie. Immer mehr steigert er sich in seine Idee vom gerechten Krieg des Naturmenschen gegen die schlechte Gesellschaft.
Wieso das ein gesellschaftliches Phänomen sein soll? Als ich das Buch beendete fanden zufällig grade in Paris die Terroranschläge vom Herbst 2015 statt, bei denen mehr als 100 Menschen von Islamisten erschossen wurden. Das Fernsehen brachte Fotos und Facebookinterviews der Täter und ihrer Freunde. Alles leicht verrückt wirkende, von einer Mission beseelte junge Männer, die ihre Kalaschnikows stolz in die Kamera hielten, bereit ihr Leben zu opfern im Kampf gegen die verweichlichte westliche Gesellschaft. Wie Adam.


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