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Rezensionen verfasst von
Opernglas (Berlin)

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Name und Notwendigkeit (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
Name und Notwendigkeit (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
von Saul A. Kripke
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,00

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Von Namen und modaler Logik, 30. August 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ich möchte mich auf die rein sprachphilosophischen Aspekte konzentrieren und daher nicht auf solche der Identitätstheorie eingehen.
Das eine sind Kripkes modallogische Überlegungen, wobei er danach strebt, die Begriffe Apriorität, Aposteriorität, Notwendigkeit und Kontingenz zu klären. Gerade die Frage, ob in einer möglichen Welt etwas so-und-so hätte sein können, ist stark abhängig von unserem Begriffsarsenal dieser Welt. "Eine mögliche Welt ist gegeben durch die deskriptiven Bedingungen, die wir mit ihr verbinden." Möglichkeiten aber sind immer nur in unserem Sprachsystem denkbar, sodass sich der logische Raum freilich über gewisse (angeblich) notwendige oder auch kontingente Entitäten (es ist möglich, das...) "hinwegsetzen" kann, damit wir in UNSERER Sprache überhaupt begreifen, dass gewisse Wahrheiten vielleicht gar nicht a priori sondern empirisch und schon gar nicht notwendig sind, und die möglichen Welten eben nicht dazu dienen können/sollten, Räume zu durchleuchten, die unserer Sprache bzw. dem Sprachsystem nicht mehr inhärent sind, weil damit weder Erkenntnis noch Sinn produziert wird. Mögliche Welten schaffen also gedankliche Situationen (so g. kontrafaktische Situationen), um innerhalb eines Rahmens der Möglichkeit gewisse Wahrheits- oder Modalwerte auszuformulieren bzw. sich klar zu machen, ob wir nur von Wahrheiten sprechen, oder überprüfen, ob etwas notwendig oder kontingent (nicht notwendig) ist.
Sehr eng verwoben mit diesen Überlegungen sind Kripkes Gedanken zu Namen. Fakt ist, dass, wenn wir modallogische Operationen durchführen, wir innerhalb unseres Sprachsystems verfahren, sodass gewisse Fragen gar nicht erst gestellt werden können, d.h. wenn ich von einer möglichen Welt ausgehe, in der Aristoteles kein antiker Philosoph, sondern ein römischer Kaiser war, dann haben wir ein semantisches Problem (speziell ein referenzielles), weil wir mit diesem Namen Aristoteles ja in dieser Welt etwas meinen, dass sich weithin als "starr" erweist. Dies gilt insbes. für Eigennamen (starre Designatoren), die in möglichen Welten ihre Bedeutung nicht verlieren. Das Problem ist nur eben die Bedeutung der Namen/Eigennamen in dieser Welt. Wenn Dinge bezeichnet (gekennzeichnet) werden, dann sind diese Kennzeichnungen die Merkmale, die dieses Ding beschreiben (bündeln sich solche Kennzeichnungen, spricht man von Bündeltheorie). Natürlich kann die nicht hinreichen, wie Kripke kritisiert: Wie oft kommt es in den einfachsten Fällen zu semantischen Verschiebungen? Was soll denn das "Wesen-tliche" sein (Putnam gibt in seinem Buch "The Meaning of 'Meaning'" einen Vektor dafür an, wie Wortbedeutung erfasst werden kann vermittels semantischer Marker etc.)? Kripke meint: "Wichtige Eigenschaften eines Gegenstandes brauchen keine wesentlichen zu sein..." Er spielt auf das beliebte Gold-Beispiel an, dass ein Experte in der (semantisch gemeinten) "arbeitsteiligen Gesellschaft" Gold extensional bestimmen könnte, für den Laien hingegen gewisse Eigenschaften wie Edelmetall, Schmuck etc. "wichtiger" sind und die Bedeutung des Wortes "Gold" ausmachen.
Kripke "kontert" infolgedessen mit seiner kausalen Theorie der Eigennamen. Alles beginnt mit einer "Taufe" und dann wird "der Name von Glied zu Glied weitergegeben" (kausale Kette). Zwar vermag sich die Kausal- von der Bündeltheorie zu befreien (weil erst einmal die Referenz nicht über Kennzeichnungen erfolgt), jedoch hat sie zu viele Probleme (Aussagen über nicht-existierende Individuen und Gegensände [s. Moses-Beispiel]). Außerdem, was soll das bedeuten? Angenommen ich zeige dem Kind, das das Sprechen lernt, das ist ein Tisch (ganz "kausal"), woher weiß es denn dann, was in Zukunft ein Tisch sein soll, wenn man es ihm nicht irgendwie erklärt bzw. das "Wesen des Tisches" beschreibt (ich will an dieser Stelle gar nicht auf Normativität und Regelfolgen eingehen!)? Die Kausaltheorie legt zwar die Referenz von Name auf Gegenstand fest (Taufe), aber der Name selbst ist niemals bedeutungskonstitutiv, es braucht m.E. notwendig eine "Befüllung des Wortes" (Intensionen), um es zu verstehen bzw. begrifflich zu erfassen. Das Kausalschema scheint mir nicht erklärungstauglich.
Kripkes analytischer Beitrag hinsichtlich der Eigennamenproblematik bringt uns also insgesamt nicht vorwärts. Seine modallogischen Überlegungen sind natürlich herausragend! Was bleibt? Wir schaffen uns Probleme in möglichen Welten und können teilweise noch nicht einmal in dieser Welt mit Problemen umgehen... Denn wie sagte Wittgenstein so schön: "Denn die philosophischen Probleme entstehen, wenn die Sprache feiert" (38 PU).


Ästhetische Erfahrung und literarische Hermeneutik (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
Ästhetische Erfahrung und literarische Hermeneutik (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
von Hans Robert Jauß
  Taschenbuch
Preis: EUR 30,00

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Hochzeit zwischen Hermes und Philologia, 5. August 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Die guten 900 Seiten inhaltlich detailliert zu rezensieren, ist hier nicht möglich, drum will ich das Wesentliche zusammenfassen:

Der Titel antizipiert in Jaußens vorliegendem Werk (Konstanzer Schule) die inhaltlichen Themen: ästhetische Erfahrung und literarische Hermeneutik.
Im 1. Teil wird daher ganz zentral das Feld der ästhetischen Erfahrung vermessen, wobei hier drei elementare Begriffe inauguriert werden: Poiesis (Genuss der Hervorbringung), Katharsis (Genuss der ausgelösten Affekte und ihrer Wirkung) und Aisthesis (Genuss des erkennenden Sehens und sehenden Wiedererkennens). (Letzteres scheint mir bei Proust in die Poisis überführt worden zu sein.) Ferner führt uns Jauß in seine Theorie des literarischen Helden als Funktion der ästhetischen Identifikation ein und endet den Abschnitt mit der kommunikativen Funktion des Fiktiven (unter Abgrenzung des Realen und Imaginären).
Im 2. Teil wird es sehr speziell, denn durch Studien zur Hermeneutik von Frage und Antwort ("Fragen als Anfang des Verstehens") muss Hermeneutik in der Literatur nicht nur von anderen hermeneutischen Gebieten (z. B. Rechtslehre) abgegrenzt werden, sondern auch in eigener Weise definiert; so arbeitet Jauß diese komplexe Thematik - wie ich es verstanden habe - anhand des Mythos, der Religion und der Aufklärung auf, setzt sich auch mit dem Begriff des Dialogs vehement auseinander (Diderot) und will eigentlich bzw. wesentlich die hermeneutische Praxis anhand der Momente: Verstehen, Auslegen und Anwenden vergegenwärtigen.
Im 3. Teil wird inspesondere das Verstehen und Auslegen des poetischen Textes vor dem Hintergrund des Horizontwandels vertikalisiert (vertieft), d.h. die hermeneutischen Möglichkeiten des Textes werden anhand der Bedingungen von Erwartung und Erfahrung zusammengeführt (problematisch ist beispielsweise das Verhältnis eines Textes aus der Vergangenheit im Dialog mit dem Geist der Gegenwart).

Nachteilig scheint mir die Komplexität des Buches, die den systematischen Überblick mitunter erschwert. Auch sind die Titel zu "poetisch", ein Interessierter könnte somit den Faden verlieren und sich schnell wieder abwenden.
Vorteilhaft ist, dass Jauß hier einen substanzstarken Status quo des Forschungskörpers vermittelt, den jeder literaturtheoretisch Begeisterte zur Kenntis nehmen sollte. Da Jauß die deutsche mit der französischen Literatur vergleicht, um seine Theorien zu verifizieren, ergibt sich notwendig auch eine "dialogische" Abstraktion zwischen Hermeneutik (die ja typisch deutsch ist, z.B. Schelling, Gadamer etc.) und (franz.) Strukturalismus (Riffaterre, Kristava etc.), wobei dieser Brückenschlag m. E. nach für das Forcieren der literarischen Hermeneutik unabdingbar ist!

Zuguterletzt haben mich seine Analysen mitunter tief beeindruckt, allein zu nennen sind hier die Kritik an Adornos Negativer Ästhetik, Goethes und Valérys "Faust", aber auch das Verhältnis von Rousseaus "Nouvelle Héloise" und Goethes "Die Leiden des jungen Werther"; natürlich auch die mannigfachen Forschungsergebnisse und die Zugrundelegung vieler namhafter Wissenschaftler (wie Bachtin, Benjamin, Blumenberg, Iser, Plessner, Schmidt etc.).
Eine sehr zu empfehlende Ausgabe des 1997 verschiedenen Romanisten und Literaturwissenschaftlers: H. R. Jauß.


Meinen und Verstehen: Grundzüge einer psychologischen Semantik (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
Meinen und Verstehen: Grundzüge einer psychologischen Semantik (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
von Hans Hörmann
  Taschenbuch
Preis: EUR 24,00

8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Meinen/Verstehen - Bedeutung aus psycholinguistischer Sicht, 26. Juli 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Hörmanns "Meinen und Verstehen" ist 1978 erstaufgelegt und doch sind die Ergebnisse dieser Auseinandersetzung mit den Theorien der Psycholinguistik und Sprachphilosophie hochgradig spannend und erkenntnisreich. Hörmanns Mission ist hierbei insbesondere - titelprägend - geleitet von der Frage nach dem Meinen (Sprecher) und dem Verstehen (Hörer) - vor allem in der Entsprechung dieser beiden Vorgänge, gleichwohl der Fokus auf den Satz gerichtet ist, Sprecher und Hörer aber nicht ideal vorgestellt werden sollen. Das Buch ist weniger originär als mehr diskutierend. Hörmann beweist ein geradezu enzyklopädisches und profundes Wissen. Er konsultiert nicht nur diverse Linguisten, Sprachpsychologen wie Sprachphilosophen, er weiß auch die Theorien synthetisch zu verbinden, um Erkenntnisse zu generieren und Fehlerhaftes zu identifizieren.
Anhand der Kapitelstruktur ist erkennbar, dass die titulierten Begriffe eher eine multiperspektivisch angelegte Untersuchung erfordern, sodass wir der Logik ihres Aufbaus nicht immer folgen können und trotzdem eine Linie erkennen: wie verstehen wir einander? - und diese Frage ist nicht nur sehr komplex, sondern auch voll der Diskurse, von denen einige bares Wissen zutage fördern, andere nur verklären...

Hörmann beginnt mit der Problematik der Sprache als Zeichen, anders: die statisch-semiotische Auffassung von langue-parole/Zeichen-Bezeichnetes (Saussure). Im Weiteren wird der Behaviorismus als obsolet verabschiedet, jedoch seine Errungenschaften in der Wissenschaft des Sprachverhaltens geachtet. Auch Chomskys Modell einer Universalgrammatik, das übrigens syntaktisch konzipiert ist, muss vorerst wieder als unzureichend für unsere Fragen zurückgestellt werden. Hörmann bespricht hierbei vornehmlich die Begriffe der Kompetenz (kommunikative Kompetenz ist nach Syntax und Semantik die nächste Stufe der "Verwendungsadäquatheit", s. auch Pragmatik), Performanz (s. Searle und Sprechakte), Kontext und des (mentalen) Lexikons. Zusammenfassend zu diesen Begriffen kann gesagt werden, dass sie als ungenügend und fehlerhaft erkannt wurden; insbes. das Lexikon ist ein Modell für die geistige Organisation (Repräsentation) von Wörtern (Lexemen) und ihren Bedeutungen, das auch das speichern und erinnern inkludiert (Stichwort: lexikalisches Gedächtnis). Interessant ist an dieser Stelle die Nichtlogizität von Kategorien (z.B. ein Hierarchieprinzip, das ausgeschlossen werden kann). Also auch die Frage, wie Urteile gefällt werden, wenn nicht logisch (obschon die Möglichkeit nicht ausgeschlossen wird)? Auf die Erläuterung des "semantischen Raumes" (Kontinuum, semantische Features) gehe ich hier nicht weiter ein. Wichtig ist, dass Hörmann zu dem Schluss kommt, dass Syntax und Lexikon offenbar nicht psychologisch korrelierbar sind in dem Sinne, als dass sich Meinen/Verstehen hieraus ableiten ließ, jedoch auch die entwickelte Semantik "nicht fähig ist, 'Gebrauchen', 'Hervorbringen' und 'Verstehen' von Sätzen zu erklären..."
Beeindruckend ist das Modell der so g. Sinnkonstanz: dass wir trotz syntaktisch normaler Satzstruktur aber semantischer Anomalie (mein Beispiel: Der Richter ist rot. Wir befinden diese Äußerung zwar als syntaktisch korrekt (im Gegensatz zu: Ist Richter der rot.), gewinnen aber keine normale Vorstellung vom Prädikat (ist rot; im Gegensatz zu: Der Richter ist weise.), sodass nun das Metaphernmodell greift (z.B. Der Richter ist sozialdemokratisch)) einen Sinn konstituieren.
Weiter inauguiert Hörmann (nicht erstmalig, aber feierlich) den Begriff der Gerichtetheit (Intention): "Sinnvolles, Verstehbares konstituiert sich also nicht mühsam - etwa durch ständiges Übersetzen von Zeichen nach einem Code -, sondern es ist als Intendiertes immer schon da, bevor wir es durch eine semiotische Analyse zu konkretisieren beginnen. [...] Wir begegnen in der Welt nicht 'Dingen-an-sich', sondern 'Dingen-für-mich'..."
Des Weiteren werden Origo (d.h. der deiktische Verweisungsraum in actu) zusammen mit der Intention als bildend für den kommunikativen Raum bezeichnet. Die Deixis fungiert als pragmatischer Schlüssel: "Neither meaning nor syntax exists in a vacuum; nor do the two of them together exist independet of situational settings." Wir sehen also, wohin die Reise geht. Hörmann will uns sagen, dass der bloße Satz um gewisse "sprachliche" Einheiten erweitert werden muss, wenn zwischen Sprecher und Hörer etwas passieren soll (vornehmlich das Verstandenwerden des Gemeinten). Diese Einheiten sind neben des gesprochenen Satzes also auch das Welt-Wissen von speaker/listener, die Faktoren der Situation (Wo, wann, Gestik, Tonus etc.). "Sprechen ist [...] ein vielfach verflochtenes Ensemble verschiedener Handlungs-Mittel, die variabel zu den Zwecken Meinen und Verstehen eingesetzt werden können." Hörmann geht nun weiter der Bedeutung auf die Spur. Er "versteht" Bedeutung nicht als Mysterium, sondern um die nicht-isolierte, nicht-idealisierte Adäquatheit zwischen dem Gemeinten und dem Verstandenen. Damit sind semantische Strukturen mindestens genauso primär wie syntaktische! Der Satz bleibt jedoch im Fokus, genauer: "... nimmt also offenbar das als Prädikat fungierende Verbum die Schlüsselposition bei der Wahrnehmung eines Satzes ein." Und dabei mühen sich die Philosophen seit Jahrhunderten mit den "Dingen" und den "Eigennamen" ab.
Zunehmend klarer wird auch Hörmanns besondere Achtung vor einem Philosophen?! Es handelt sich hierbei um keinen geringeren (und für mich persönlich wohl "bedeutsamsten" Philosophen des 20. Jahrhunderts) als um Wittgenstein. So zitiert der Autor den Linguisten Fillmore: "Bedeutung erscheint als Verwendungszweck der Äußerung". Wir werden auf Verwendung (also Gebrauch) noch einmal zurückkommen. Zuvor muss erwähnt werden, dass Hörmann auch den Begriff der Präsupposition bespricht. Wohl ist diese nicht elegant definiert, scheint aber weniger ein grammatisches als mehr ein kognitives resp. kommunikatives Problem zu sein (wie übrigens auch die Semantik), die nicht ausschließlich auf Sprache reduzibel ist, denn schon Bühler formulierte (was Putnam heute propagiert, um die Umwelt erweitert): der "Ursprung der Semantik sei nicht beim Individuum, sondern bei der Gemeinschaft zu suchen."
Nach diesen ganzen linguistischen und psycholinguistischen Debatten switcht der Autor auf die Philosophen um. Wie oben bereits angemerkt, wird Wittgenstein in besonderer Weise hervorgehoben, denn dieser sucht nicht nach der Bedeutung von Bedeutung, sondern nach der Erklärung der Bedeutung eines Wortes, das wieder im kommunikativen Feld zu verorten ist. Hier wird auch die o. g. Performanz erläutert (Sprachspiele durch Regelfolgen, Wissen von Regeln und aber auch Horizont im Sinne der gemeinsamen Lebensform). Doch "es [ist ]der Akt der Äußerung - und nicht die Kenntnis bloß der Regel für den Aufbau des zu äußerndes Satzes -, worauf Meinen und Verstehen sich gründen." Hörmann geht intensiv auch auf die Searlsche Sprechakttheorie ein, die auch kein Allheilmittel zu sein scheint, jedoch evident macht, dass es mehr darum geht, den Sprecher zu verstehen und nicht den Satz.
Exkursiv ist der Abstecher zu den russischen Sprachpsychologen (man bedenke das Erscheinungsjahr!), welchen wir an dieser Stelle nicht vertiefen wollen.
Nun da Hörmann den Sprecher als eigentlich zu verstehenden identifiziert, steckt er auch das Feld der nonverbalen Sprache ab, überhaupt werden Sprache und Kommunikation besprochen, u.a. auch das Paradigma von der bloßen Codierung-Encodierung von Information, das allerdings mit der Performanz und den Sprechakten (der impliziten Äußerung in der Pragmatik) mehr als klar sein dürfte!, zudem die Anfänge der Sprache (ontogenetisch, also wie Kinder lernen): "Infants learn their language by the first determining, independent of language, the meaning which a speaker means to convey and by working out the relationship between the means and the language." Zum Beispiel wird hier die Objektkonstanz genannt (eine erste Form des Wissens). Interessant ist die Entwicklung von Meinen/Verstehen: "Weil das Kind versteht, was der Sprecher meint, erhält die sprachliche Äußerung des Sprechers Bedeutung." Studien haben wohl bewiesen, dass das tatsächlich stimmt: Weil das Kind versteht... Wenn es versteht (und nicht etwa erst lernt), muss eine "kognitive Bedeutung" schon im Kind vorhanden sein. Meinen und Verstehen sind also älter als Sprache. Hier steht vor allem Olson mit seiner kognitiven Theorie der Semantik: "Ein intentionales Moment ersetzt das referentielle."
Hörmann diskutiert ferner die Ich-Zentriertheit des Äußerungsfeldes (das geht über das Origo-Zeigfeld hinaus), bespricht die Vektoren (Richtungen) des Verstehens und kommt final zur These: Sprache sei Mittel zur Steuerung des Bewusstseins des Hörers. Er kommt zu dem Schluss: "Die Art, wie Sprache (in Produktion und Rezeption) verarbeitet wird, macht deutlich, dass Meinen und Verstehen nicht nur von einer der Äußerung selbst inhärenten Dynamik abhängen, sondern immer eine konstruktive Leistung eines im Duktus einer nicht bloß sprachlichen Handlungssituation stehenden Sprecher/Hörer darstellen."

Der Mehrwert dieses Buch zeichnet sich vor allem darin aus, dass Meinen/Verstehen eben nicht nur eine Frage von Sprache ist, Semantik (psychologisch betrachtet) somit in einer Situation erzeugt wird, die auch Sprache verwenden kann, um einen Meinen/Verstehen zu produzieren/rezipieren, aber nicht nur Sprache, und das dieser Raum des Sich-Entsprechens von psychologischen, linguistischen aber eben auch physikalischen (raum-zeitlichen wie medialen, im weitesten Sinne auch biologischen) Elementen abhängt, die sich in actu ereignen, und zugleich ein Davor wie ein Danach erfordern/erzwingen (Präsuppositionen, Welt-Wissen, Intentionen etc.). Zugleich wurden die gängigen Modelle kognitiver Linguistik kritisch betrachtet, beeindruckende Beispiele zum Sprachverhalten angeführt, diverse Studien angemerkt und ein Weg gesucht, wie sich die Theorie von statischen Konzepten löst und die Dynamik des Meinens/Verstehens berücksichtigt.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 27, 2014 8:11 PM CET


Strukturwandel der Öffentlichkeit: Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
Strukturwandel der Öffentlichkeit: Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
von Jürgen Habermas
  Taschenbuch
Preis: EUR 17,00

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Öffentlichkeit - eine Analyse einer bürgerlich-gesellschaftlichen Kategorie, 13. Juli 2011
Habermas' Habilitationsschrift hat den reizvollen Charakter einer (in nuce) sozio-historischen Begriffsanalyse der so g. (bürgerlichen) Öffentlichkeit, die sich "vorerst als die Sphäre der zum Publikum versammelten Privatleute begreifen" lässt. Waren Staat und Gesellschaft in der Antike (mehr oder weniger) identisch, kam es im 18. Jahrhundert zu einer prozessualen Polarisierung von Privatbereich (bürgerliche Gesellschaft, Privatautonomie) und Staat, gleichwohl sich inmitten dieses "Spannungsfeldes" eine politische sowie anfangs literarische Öffentlichkeit (Räsonnements) abzeichnete. Publikum und das Prinzip der Publizität werden analysiert. Gerade die sich formierende Öffentlichkeit des privaten Publikums räsonnierte durch publizistische Medien der Zeit (Literatur etc.) zum einen, fungierte zunehmend politisch zum anderen, "erhält den normativen Status eines Organs der Selbstvermittlung der bürgerlichen Gesellschaft mit einer ihren Bedürfnissen entsprechenden Staatsgewalt." Die Idee: politisch funktionierende Öffentlichkeit "soll voluntas in eine ratio überführen, die sich in der öffentlichen Konkurrenz der privaten Argumente als der Konsensus über das im allgemeinen Interesse praktisch Notwendige herstellt." Denn dass sich ein Publikum selbst aufkläre, sei eher möglich (öffentliche Meinungsbildung). Die Geschichte zeigt aber mit Hegel und Marx eine begriffliche Denunziation der öffentlichen Meinung als Ideologie in der Phase der Industrialisierung. "Öffentlichkeit dient bloß der Integration des subjektiven Meinens in die Objektivität..." Im 19. Jahrhundert wird durch die Wahlrechtsreform (bürgerlicher Wandel) die Erweiterung des Publikums erreicht. Doch im liberalen Kapitalismus scheint Öffentlichkeit "in dem Maße die Kraft ihres Prinzips [...] zu verlieren, in dem sie sich als Sphäre ausdehnt und noch den privaten Bereich aushöhlt." Die Dialektik fortschreitender Verstaatlichung der Gesellschaft und sich durchsetzender Vergesellschaftlichung des Staates zerstört die Basis (Trennung Staat - Gesellschaft) bürgerlicher Öffentlichkeit. Mit dem auflebenden Konsumismus desavouiert Räsonnement zum "Geschmacks- und Neigungsaustausch". Mit dem Entzug der Kriterien des Räsonablen kommt es zu einer Refeudalisierung der Öffentlichkeit. Politisch heißt das, aus einem Prinzip der Kritik sei Publizität zu einem Prinzip der gesteuerten Integration umfunktioniert worden (Verkümmerung zur Demonstration und Manipulation). "Die in der sozialstaatlichen Massendemokratie [institutionalisierte] Idee der Öffentlichkeit [Rationalisierung der Herrschaft im Medium des öffentlichen Räsonnements der Privatleute] ist jetzt nur mehr zu verwirklichen als eine [...] Rationalisierung der sozialen und politischen Machtausübung unter der wechselseitigen Kontrolle rivalisierender [...] Organisationen." Der Publizitätsschwund und die Publizitätsflucht resultieren "aus dem unaufgehobenen Pluralismus der konkurrierenden Interessen". Habermas schlägt vor, dass "sich unter Bedingungen sozialstaatlicher Massendemokratie der Kommunikationszusammenhang eines Publikums nur in der Weise herstellen, dass der förmlich kurzgeschlossene Kreislauf der 'quasi-öffentlichen' Meinung mit dem informellen Bereich der bisher nicht-öffentlichen Meinungen durch eine in organisationsinternen Öffentlichkeiten entfachte kritische Publizität vermittelt wird." - Aber wie? Darüber schweigt sich Habermas aus. Dennoch zeigt sich die Analyse der Kategorie und vor allem ihr Wandel in der gesellschaftlichen Entwicklung als erstaunlich vielschichtig und (partiell) überzeugend. Ein Klassiker!


Geist und Welt (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
Geist und Welt (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
von John McDowell
  Taschenbuch
Preis: EUR 15,00

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Weg mit der Phänomenologie, aber auch mit der Kohärenz?, 8. Juli 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
McDowells "Geist und Welt" (d.h. ihre "Reibung") ist im Wesentlichen ein Versuch, sich von den Fesseln ein Dilemmas zu befreien. Zum einen ist da der Mythos des Gegebenen, d.h. Erkenntis ist durch bloße empirische Wahrnehmung (des Gegebenseins von Sinnesdaten) legitimiert, einfach weil ein Bewusstsein sich dieser durch sinnliche Gewissheit irgendwie zu erkennen gibt. Diese Letztbegründung von Gewusstem geht gegen den Kantischen Satz, dass Anschauungen ohne Begriffe blind seien. Das Kantische Modell operiert mit Begrifflichkeit, d.h. ein A-priori-Begriffsvermögen vor dem Hintergrund (!) eines kategorialen Erkenntnisrahmens (s. Transzendentallogik Kants). McDowell gibt diesem Begriffsvermögen die Eigenschaft der Spontaneität, die mit einem Rezeptionsvermögen "unauflöslich" verbunden ist. "Rationale Beziehungen bilden die Topographie der begrifflichen Sphäre." Und: "Erfahrung ermächtigt die Beschaffenheit der Realität selbst, einen rationalen Einfluss auf das Denken eines Subjekts auszuüben." McDowell setzt hier das "Bild der Offenheit". D.h. irgendwie muss der Verstand immer schon mit dem von der Sinnlichkeit gelieferten Material verwoben sein. "Erfahrungen haben ihren Inhalt kraft der Tatsache, dass begriffliche Fähigkeiten in ihnen tätig sind, d.h. solche Fähigkeiten, die eigentlich zum Verstand gehören."
Zum anderen geht McDowll gegen die Kohärenztheorie vor, da sie die Realität vom Gedanken zu trennen drohe. Z.B. müssen Anschauungen rationale Beziehungen und nicht bloß kausale Beziehungen zu unserem Denken haben, weil sonst keine Erklärung herhalten würde, wie bloß kausale Relationen "die Gedanken mit Inhalten füllen" ("Fluch der Leere") - was einleuchtet.
Schwierig wird es mit dem Tierargument, dass diese auch wahrnehmen, vermutlich ähnlich wie wir, dennoch keinen begrifflichen Bezug herzustellen vermögen (hier würde mich eine "Papageienargumentation" reizen). McDowell führt hier von dieser Natur und hin zum menschlichen Verstand den Begriff der "zweiten Natur" ein - dieses Argument ist zwingend, fühlt sich aber irgendwie auch eigenartig an. Mit ihr durch "Erziehung und Bildung" (McDowell verwendet Bildung im Deustchen) werden die Struktur des Raums der Gründe mit dem Bereich der Naturgesetze verbunden. "Lebewesen ohne begriffliche Fähigkeiten haben kein Selbstbewusstsein und können [...] die objektive Realität nicht erfahren." Der Mensch ist in der Welt, weil seine Sinnlichkeit (2. Natur) begriffliche Inhalte liefert, die sich auf die Welt beziehen. Tiere haben in diesem Sinne keine "Welt", in der sie leben.
Mit diesem Repertoire können intentionale körperliche Handlungen (also auch performative Sprechakte) als "Aktualisierungen unserer aktiven Natur" erklärt werden, in die begriffliche Fähigkeiten unauflöslich verwickelt sind.
Freilich muss er das Gedächtnis als Voraussetzung für den Geist auf Welt mit einbeziehen. Nicht nur "Welt-Greifen" durch Begriffe genügt zur "Bildung" in einer zweiten Natur, sondern auch das Speichern dieser Propositionen, das zwangsläufig ein Gedächtnis voraussetzt.
McDowell gelingt es in seinem Buch nicht, seine eigene Theorie klar und abgegrenzt zu strukturieren. Seine Anker werden mal hier, mal dort ausgeworfen in diesen Gewässern vor allem der Kontrargumentation gegen andere gängige Theoriegebäude. Und doch dankt man ihm diesen Versuch, dieses Moment der Verbindung zwischen Geist und Welt herausarbeiten zu wollen, ohne monistisch zu werden, trotz des Unterfangens einer Auflösung des cartesischen Dualismus.
Insofern ein sehr spannendes Buch unserer Zeit.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 10, 2012 8:17 AM MEST


Repräsentation und Realität (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
Repräsentation und Realität (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
von Hilary Putnam
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,00

9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Putnam vs. Putnam, 8. Juli 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Hilary Putnam gehört zu den bedeutendsten Philosophen unserer Zeit hinsichtlich der Philosophie des Geistes. Als Begründer oder besser Erneuerer des Funktionalismus (der einen materialistischen Beigeschmack hat, durchaus aber auch idealistisch, besser mentalistisch wirksam positioniert werden kann) erreicht er mit seiner Theorie eine Art Reduktion mentaler auf die funktionalen Zustände. Das große Contra ist die Qualia (also Beschreibung des 1. Person-Erlebens). Putnam gehört heute zu den größten Kritikern des Funktionalismus und das vorliegende Buch, welches eine "lose Stringenz" innehat, aber sehr stark in medias res geht, sodass der Laie Schwierigkeiten hat, der teils sehr rekursiven und sprunghaften Argumentation zu folgen, geht u. a. auf die "Selbstkritik" ein. Was Putnam bewegt, ist sein Externalismus (und das ist das für mich eigentlich Spannende): "Gedanken sind nicht im Kopf." M.a.W. (und das ist auch der Grund für die Abkehr eines internalistischen Funktionalismus), Gedanken seien keine inneren Zustände, sondern von Umwelt sowie den Mitmenschen konstituiert (s. Kapital 2, Ulmen und Buchen). Das hat Folgen auch für die Referenzproblematik: "Kurzum, der Bezug wird nicht durch die Bedingungen oder Gegenstände in individuellen Gehirnen/Geistern bestimmt, sondern er wird sozial festgelegt." Wir müssen uns also vorstellen, dass Gedanken trotz gleichen funktionalen Zustandes mental unterschiedlich (Nichtidentität mit dem funktionalen Zustand) sein können. Aber ist dieser Unterschied Grund, die Gedanken dann "draußen" zu verorten? Auch das Zwillingserde-Experiment, in der eine Welt, die eine mögliche Welt (im Sinne einer kontrafaktischen Situation) ist, vorgestellt wird, ist an sich wohl richtig, aber problematisch dergestalt, dass vermutlich keine Zwillingserde mit XYZ statt Wasser (H2O) existiert. Für mich klingt das alles nach Reaktivierung eines Universalienstreits. Wenn a zum Quadrat plus b zum Quadrat gleich c zum Quadrat ist, dann ist dieser "Gedanke" unabhängig von Hans und Frieda und wenn er "im Kopf" wäre, so wäre er eben der Satz des Hans und der Satz der Frieda. Putnam kommt zum Schluss über die Bedeutung, sie seien interaktionsabhängig, nicht an sich wesenhaft, sondern identitätshabend in der Zeit. (Er bespricht natürlich auch die Bedeutungsähnlichkeit z.B. von Block). Nun ist der Satz des Pythagoras aber ein synthetischer Satz a priori (ich weise darauf hin, wie oft wir den Fehler machen, Analytizität und Synthetizität a priori zu verwechseln! Außerdem ist die Synthetizität eine kantische Position und ich weiß um die Kontroverse!). D.h. Hans ist in einem mentalen Zustand der identisch ist mit dem funktionalen Zustand, vor allem dann, wenn Hans der einzige Mensch auf der Welt ist, also kein anderer Mensch mit Geist/Gehirn dies mitkonstituiert. Ich brauche theoretisch auch keine Umwelt für den Satz des Hans (d.h. Pythagoras, wobei sicherlich der Begriff Umwelt so gewählt werden muss, dass trotz der Konstituierung von Geist/Gehirn und der Fähigkeit der Analytizität/Synthetizität durch diese, die Sätze-a-priori "umweltlos" erkannt werden können). Mir kommt der Externalismus sehr metaphysisch vor. Die Aussage (Proposition) das a-Quadrat plus b-Quadat gleich c-Quadrat ist, lässt sich (eben als Aussage) sprachlich (also begrifflich) ausdrücken, ohne dass ich eine Gemeinschaft brauche! Was nun? Zurück zum dritten Reich der Gedanken (Frege)? Das Problem der Qualia bespricht Putnam nicht, aber der Einwand ist berechtigt: Schmerz hat gewisse funktionale Zustände (oder ist solche). Aber reichen die hin, um die Empfindung des Schmerzes (Qualia-Erleben) im mentalen Zustand zu beschreiben? Oder anders, wenn wir eine Maschine diese funktionalen Zustände berechnen lassen, "erlebt" sie diese als Schmerz (vorausgesetzt Mentalismus lässt sich auf Funktionalismus reduzieren)? Putnam bespricht dieses Problem nicht, obschon es seine Position stärken würde. Er geht außerdem auf die anderen Semantiker (insbes. Internalisten) ein (Block, Fodor, Searle, Lewis etc.). Eine Theorie wird in diesem Buch wenn überhaupt aber nur in Ansätzen geboren, da Putnam mehr internalistische Falsifikationsarbeit leistet, der Externalismus aber genauso seine Schwächen aufweist (s. White, Stalnaker und in der jüngeren Zeit auch Brandoms Inferentialismus). Im Weiteren empfehle ich an dieser Stelle auch Hohenadels Magisterarbeit "Internalistische Bedeutungstheorien".


Theorie des Handelns: Zur Rekonstruktion der Beiträge von Talcott Parsons, Emile Durkheim und Max Weber (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
Theorie des Handelns: Zur Rekonstruktion der Beiträge von Talcott Parsons, Emile Durkheim und Max Weber (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
von Richard Münch
  Taschenbuch
Preis: EUR 15,00

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Dialektik einer voluntaristischen Handlungstheorie, 27. März 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Münchs 'Theorie des Handelns' entlang der Rekonstruktion Parsons, Durkheims und Webers würde ich einen Klassiker der Soziologie nennen. Sein integrativer Ansatz erhebt ihn m. E. auf den Olymp zeitgenössischer Soziologen wie Habermas, Luhmann oder Bourdieu ' und zwar formal-methodisch wie auch inhaltlich. Ich umgehe hier wissentlich die Struktur des Werkes und weise nur kurz darauf hin, dass die Theorieentwicklung vom kantianischen Ursprung einer Überwindung der idealistisch-positivistischen Dualität ausgeht und diese 'dialektisch' zu überwinden sucht. Die theoretische Architektur ist referenziell auf den theoretischen Fundamenten der drei vorgenannten Gesellschaftsforscher aufgebaut, deren bahnbrechendes Verdienst hier an dieser Stelle stillschweigend und anerkannt vorausgesetzt wird. Eine Rezension vermag an dieser Stelle die Komplexität der Theorie sicher auch nicht zu fassen oder fundiert zu bewerten.

Die Grundannahme der Theorie sei, 'dass jedes Handeln immer als Ergebnis einer bestimmten Art der Beziehung zwischen analytisch differenzierbaren Sphären (Subsystemen) zu begreifen ist.' Die Ordnung des (sozialen) Handelns wird durch ein voluntaristisches Prinzip (freiwillige Anerkennung gemeinsamer Werte) vorausgesetzt, obschon diese Werte in einer kollektiven Solidarität verankert sein müssen, die über zweckrationales Individualhandeln und einer Partikularsolidarität hinausgeht. Die Verknüpfung individueller Handlungsautonomie und sozialer Ordnung wird durch das Theorem der Interpenetration eines normativen Bezugsrahmens mit den dynamischen Sphären des Handelns möglich. 'Die gegenseitige Durchdringung von zweckrationalem Handeln und normativ verpflichtendem Handeln erfordert einmal die Institutionalisierung der normativen Kultur im Sozialsystem und zum anderen die Internalisierung der normativen Kultur im Persönlichkeitssystem.' Konstitutive Elemente sind Symbole (Kultursystem), soziale Rollen und Interaktion (Sozialsystem) und Bedürfnisdispositionen (Persönlichkeitssystem).
Interpenetration ist eine Form der Kombination von Handlungsorientierungen (pattern variables). Diese lassen sich koordinieren durch das potenzierbare AGIL-Vierfunktionenschema: das zentrale Analyse-Instrument in der voluntaristschen Handlungstheorie (A ' Adaption, G ' Goal-Attainment, Goal-Selection, I ' Integration, L ' Latent pattern maintenance). Ich muss an dieser Stelle ' trotz aller Bewunderung für das Schema ' warnen vor der Gefahr eines Methodologismus (die Potenzierung kann zu einem schematisch-formalistischen Funktionalismus führen)! Dennoch wird das Schema für die zu analysierenden Ebenen nutzbar gemacht (Conditio humana, Handlungssystem, Sozialsystem). Zudem wird die kybernetische Bedingungs-Steuerungs-Hierarchie übernommen; ein Mittel zur präzisen Bestimmung von Interpenetrationsarten zwischen einzelnen Subsystemen, koordiniert in den Dimensionen Symbolkomplexität und Handlungskontingenz. Die Werkzeuge dienen der Analyse der systemischen Differenzierungen (Condition humana, Gesellschaft, Handlung). Anklang findet ferner die Konflikttheorie, so sei der Konflikt als bewegender Faktor zu begreifen, 'der zur Auflösung oder zur Neuformulierung bestehender Institutionen drängt.' Auch die Theorie der generalisierten Medien wird übernommen. Medien kombinieren Differenzierung und Integration. 'Die Analyse von Austauschbeziehungen zwischen differenzierten Subsystemen mit einer solchen Medientheorie erlaubt es, dynamische Prozesse als Deflation oder als Inflation der Medien zu begreifen.' Im Weiteren werden die Evolutions- und die Schichtungstheorie als 'Anwendungsfälle der Theorie des Handelns' besprochen. Diskutiert werden außerdem Macht-, ökonomische, idealistische Kultur- und normative Theorie.
Münch will den Vorwurf gegenüber Parsons, er wäre Systemfunktionalist und Apologet der Systementwicklung (Habermas-Argument der heimlichen Technisierung der Lebenswelt), abschmettern: 'Vielmehr ist Handeln immer intentional, und diese Eigenschaften können wir nur konkreten Akteuren zuschreiben, nicht analytischen Subsystemen des Handelns.'
Zu Habermas schreibt Münch, dass Parsons Systemaufbau 'die Grenzen des Diskurses als normative Basis des Handelns' aufzuzeigen vermag. Außerdem sei der Systemfunktionalismus (wie bei Luhmann) rein kausalistisch und nicht hermeneutisch, wie eben bei Parsons.
Er betont zugleich aber die Dilemmata der Handlungstheorie (Zufall, Autonomie, Determinismus, Konformität). Im Punkt 2.8.3. wird die formale Struktur der Theorie des Handelns ausgewiesen (Kalkül, Theoreme, Interpretationen).
Von Durkheim übernimmt Münch die Begriffe mechanische Solidarität und organische Solidarität. Die kollektive Solidarität wird in der Frage nach der Universalisierbarkeit und Institutionalisierung von Normen besprochen. 'Die allgemeinste Voraussetzung [für die Frage nach den strukturellen Bedingungen gemeinschaftlicher Verankerung von Normen und sozialer Ordnung] ist die Vergemeinschaftung der Akteure, die untereinander soziale Beziehungen eingehen.' Die gemeinsame normative Ordnung wird als eines der Elemente eines Gemeinschaftscodes identifiziert. 'Ein gemeinsamer Symbolpool, eine gemeinsame normative Ordnung, eine gemeinsame Sanktionsbereitschaft sowie die konkrete Erwartungs-Handlungs-Abstimmung zwischen Ego und Alter [...'] sind die Grundelemente [...'].' Die Vergemeinschaftung ist neben den anderen Grundtypen der sozialen Beziehungen (Diskurs, Tausch und Herrschaft) der Typus, der 'den höchsten Grad an Geordnetheit der Relationen zwischen Symbolwelt und Handlungswelt aufweist.' Münch schenkt der Persönlichkeit (Sozialisation, Entwicklung) durchaus theoretische Achtung (s. 'Kult des Individuums', 'zivile Religion').
Auch wird ein AGIL-Persönlichkeitssystem (Dispositive) schematisiert und dem Penetrationstheorem unterworfen. Der Vollzug reicht hin zur Typologisierung der Integration und Desintegration von Individuum und Gesellschaft.
Nach einer kritischen Analyse der Arbeitswerttheorie von Marx wird der Schlüssel zu den Strukturproblemen der modernen Gesellschaft in der Anatomie, den Eigengesetzlichkeiten und Wertantinomien des modernen okzidentalen Rationalismus (Weber) geortet. Dabei erteilt er Elias' Theorie über den Prozess der Zivilisation durch das Interdependenztheorem eine Abfuhr. 'Eine Theorie der gesellschaftlichen Entwicklung muss deshalb stets eine Theorie der Institutionalisierung einer normativen Ordnung im Sozialsystem sein.' Was die moderne okzidentale Gesellschaft im Vergleich besonders auszeichnet, ist das Merkmal der Art der Beziehung, die sich zwischen den differenzierten Sphären herausgebildet hat. 'Erst das rationale Experiment als Erfindung der italienischen Renaissance hat die differenzierten Komponenten auf einer neuen Stufe zur Interpenetration gebracht.' Diese führte dann wieder zu einer höheren integrierten Differenzierung der Gesellschaft. Münch widmet sich den Handlungstypen Webers (zweck- und wertrational, affektuell, traditional) und bespricht die Beziehung zwischen religiöser Ethik und Welt. Sein Zugeständnis vor dem Hintergrund der Verständigung ist die Akzeptanz einer je schon vorausgesetzten Lebenswelt, ['] ein gewisses gemeinsames Vorverständnis nicht-thematisierter symbolischer Bedeutungen und spezieller Regeln' (kollektive Repräsentation).
Diese Frage wird m. M. nach unzureichend behandelt. Vielleicht führt sie in einen Regress, vielleicht sogar zum Münchhausen-Trilemma. Das Verständigungsproblem, vor allem hinsichtlich der Sprache, wird von Münch kaum zur Geltung gebracht. Dies ist im Lichte der Gehlenschen These, dass Sprache die Institution der Institutionen sei, und mit Bezug auf die theoretische Hypostasierung durch Kant und seiner epistemologischen Transzendentalphilosophie, die ja bei Habermas und Apel zu einer Transzendentalpragmatik der Intersubjektivität führte, kaum verständlich.
Münch bespricht das Sakrale und Profane (Kovergenz und Divergenz Durkheim - Weber) und die Verklammerung beider Phänomene durch Interpenetration: 'Erst dadurch kann eine voluntaristische Ordnung entstehen.' Der geprägte Terminus autonome Moral verankert das individual-autonome Handeln und das allgemeine Regel-Folgen als Prämissen des individuellen Handelns.

Unterm Strich lässt sich festhalten, dass die Theorie des Handelns eine Alternative zu anderen Theorien darstellt. Die Werkstruktur ist relativ stringent, wird aber durch die Einspeisung der Referenzen auf die Klassiker aufgelockert und exkursiv. Die Hauptkritikpunkte sind m. E. nicht die Schematisierung und Modellfigurationen (im Gegenteil), sondern die defizitäre Beachtung mikrosoziologischer Phänomene, aber auch der Kommunikation (insbes. der Sprache). Die Kontraargumente zu den Interpretationen der Klassiker (z. B. Systemfunktionalismus) können partiell nicht überzeugen. Durkheims methodische Regel, Soziales nur durch Soziales zu erklären, und die damit einhergehend unmögliche Bezugsfähigkeit der Systemebenen untereinander ließe sich möglicherweise falsifizieren, wenn die Frage erörtert würde, warum - wie die Geschichte belegt - Persönlichkeitssysteme ganze Sozialsysteme umwälzen können. Das eigentliche Programm Münchs, kausale und hermeneutische Methodik zu verheiraten ' sicherlich in dieser Königsdisziplin der Wissenschaften ein berauschender und aber eben auch äußerst diffiziler Versuch ' bleibt im Ansatz stecken. Der Autor verlangt im Nachwort geradezu nach Korrektiven. Alles in allem würde ich aber jedem gesellschafts- und handlungstheoretisch Interessierten die Theorie des Handelns von Münch sehr empfehlen. Interessant wäre für mich ein analytischer Vergleich zur Kritischen Theorie. Auch die Integration der Searle'schen Sprechakt- und Intentionalitätstheorie wäre eine gelungene Ergänzung zu diesem Werk. Weiterhin wäre die theoretische Fundamentalisierung auszubauen und mehr zu systematisieren. Schließlich sollte der Begriff der Dialektik noch einmal revidiert werden; ich würde nicht sagen, dass Hermeneutik und Positivismus in antithetischer Position zueinander stehen und synthetisch zu affirmieren sind ' das ist Nonsens! Eine integrative oder meinetwegen 'transmethodologische' Handlungstheorie muss in ihrer Grundlegung den kausalen und den hermeneutischen Gehalt explizit machen, Reduktionismus scheuen und den Dualismus prima facie hinnehmen, wenn auch strukturiert und begrifflich präzisiert...


Sprache und Verdinglichung: Wittgenstein, Adorno und das Projekt einer kritischen Theorie (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
Sprache und Verdinglichung: Wittgenstein, Adorno und das Projekt einer kritischen Theorie (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
von Christoph Demmerling
  Broschiert

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Sprache, Praxis und Verdinglichung - Marx, Wittgenstein und Adorno zusammengestellt, 20. März 2011
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Demmerlings "'Sprache und Verdinglichung"' ist in nuce eine Revision der Kritischen Theorie unter besonderer Berücksichtigung der Wittgensteinschen Sprachkritik sowie der Adornoschen Philosophie um eine Alternative zur Habermasschen Theorie zu entwickeln vermittels sprachphilosophischer und sprachanalytischer Motive in der Sozialphilosophie. Die essentielle Bezugnahme ist daher und kaum überraschend eine Hegelsche und Marxsche. Die Hegelsche Dialektik wird als negatives Projekt entlarvt: 'Wahrheit gelangt in ihr vorrangig als Kritik an Falschem zur Darstellung.' Hegels Philosophie ist als Metakritik der Erkenntniskritik (natürlich motiviert durch Kant) zu begreifen. Demmerling erinnert noch einmal daran, dass Hegel nicht den Gebrauch der Identitätskategorie kritisiert sondern deren Ideologie, die zu einer kategorialen Verabsolutierung und folgerechten Aporien führe. 'Jede Theorie, jeder allgemeine Satz über die menschliche Welt, letztlich das Denken selbst, geht zurück auf die Art und Weise, in der wir unser Leben organisieren', lautet die These. Diese Art und Weise ' nennen wir es Praxis ' führt ihn dann zu Marx und seiner praxisphilosophischen Ausdeutung der Dialektik und dem Problem der Sprache hin zur Verdinglichung bzw. Vergegenständlichung, obschon anders verstanden als Entfremdung, 'wenn die und durch die Arbeit hergestellten Gebilde nicht mehr als Ergebnisse der eigenen Tätigkeit erfahren werden können.' Diese Gebilde ließen sich also konstitutionsanalytisch auf menschliche Praxis zurückführen: 'Der konstitutionstheoretische Ansatz fungiert in seiner materialistischen Konkretion als die normative Präsupposition der Entfremdungstheorie.' So wird das Fetischtheorem der Verdinglichung im Sinne der Umdeutung gesellschaftlicher Verhältnisse zu Natureigenschaften von Dingen expliziert: '[Die] klassische Ökonomie wird als Ideologie entlarvt, die in positivistischer Manier Lebensformen zu Kategorien verdinglicht.' Demmerling zieht Lukács hinzu, der die Ware als alle Lebensäußerungen einer Gesellschaft durchdringend diagnostiziert, sie sei universelle Form der Gestaltung der Gesellschaft, sie strukturiere die Beziehungen der Menschen zu sich selbst.
Soviel zur Einleitung; die eigentliche These Demmerlings ist, 'dass die Sprache in der Philosophie Wittgensteins eine Arbeit bei Marx [...'] vergleichbare Funktion übernimmt.' An dieser Stelle sei insbes. auf die These verwiesen: 'Die als Tätigkeit verstandene Sprache ist eine für die Welterfahrung des Menschen konstitutive Praxis.' Der Autor analysiert und interpretiert u.a. die Wittgensteinschen Termini Sprachgebrauch, Regelfolgen, Privatsprache und Sprachspiele und kann somit der Sprache konstitutive Funktion als Grundform menschlicher Praxis für die Welterfahrung herleiten. Dabei nennt er das Verhältnis Sprache ' Praxis dialektisch. Dadurch wird Sprache auch materialistisch aufgefasst. Die Analogie zu Marx ist somit evident gemacht, geht aber noch weiter, denn '[für] Wittgenstein liegt die Wurzel aller Fetischisierung in der Sprache. Er bekämpft und diagnostiziert semantische Fetischismen.'
Mit Habermas anerkennt Demmerling einen Paradigmenwechsel in der Sozialphilosophie und erinnert an die kognitiv-instrumentelle sowie kommunikative Rationalität und die insbes. von ihm herausgearbeiteten ursprungs- und gattungsbezogenen, selbstbewusstseinskonstitutiven Kriterien Arbeit und Interaktion im Sinne Interesse geleiteter Erkenntnis. Dabei geht es ihm um die Überprüfung der Habermasschen Einwände gegen die Praxisphilosophie mit Fokus auf seine Rationalitätstheorie, Kritik der Subjektphilosophie und der Differenzierung von System und Lebenswelt (u.a. Veralterung des Produktionsparadigmas). Demmerling plädiert für eine an Wittgenstein orientierte sprachkritisch veränderte Form der Praxisphilosophie alternierend zur auf der Rationalitätstheorie gegründeten kritischen Gesellschaftstheorie Habermas'. Dies tut er neben der Wittgensteinschen Sprachkritk anknüpfend an die Philosophie Adornos.
Er fasst Sprachkritik als Verdinglichungskritik auf. [Der] Fehler besteht in der Suche nach 'Dingen', in den Worten als deren Bedeutungen entsprechen sollen.' Adorno (und Horkheimer) zufolge sei die Entstehung allgemeiner Begrifflichkeiten (Kategorien) die Möglichkeit (vielleicht sogar die Bedingung der Möglichkeit) vom Konkreten ins Abstrakte zu gelangen in Form von Verständigung und Verfügung. So sei die Herrschaft des Menschen über die Natur und über sich selbst eng mit dem Prozess der Versprachlichung verwoben. Daher schreibt Adorno in der Negativen Dialektik: 'Die Entzauberung des Begriffs ist das Gegengift der Philosophie.' Demmerling erkennt hier eine Nähe zu Wittgenstein, der von der Verhexung des Verstandes durch die Mittel unserer Sprache schreibt. Es wird die Identitätsproblematik besprochen, jene 'Wut aufs Nichtidentische'. Begriffe blieben stets an Nichtbegriffliches gebunden und erhielten erst vom Nichtsprachlichen her ihren Sinn. Demmerling umschreibt Adornos Erkenntniskritik (Begriff der Erfahrung, Mimesis, der Primat des Subjekts): '... der Erfahrende macht nicht sich den Dingen, sondern sich die Dinge gleich.' Die Mimesis (1. Nachahmung, 2. Sich-Verlieren ans Andere, 3. Ausdrucksverhalten) sei für Adorno als Gegenmittel zu instrumenteller Ratio und verdinglichtem Denken der Erkenntnismodus der Philosophie. Demmerling konstatiert: 'Mit Wittgenstein und Adorno lässt sich an die Seite des ökonomischen Fetischtheorems eine sprachanalytisch argumentierende Verdinglichungskritik stellen.' Die Freilegung der Formen der Verdinglichung sei ergo Aufgabe einer kritischen Sozialphilosophie... Infolge der hohen Dichte des Buches werden viele Thesen nicht hinreichend mit Argumenten belegt, Explikationen kommen partiell zu kurz. Der rote Faden ist nur sehr dünn und die Korrelation Sprache ' Verdinglichung wird m. E. nur unzureichend dargestellt. Allerdings muss man Demmerling zugestehen, hier ein recht anspruchsvolles Vorhaben in die Wege geleitet zu haben. Jedoch genügen die teils lapidaren Ausführungen und die bloße sprachanalytische Kritik nicht aus und wirken partikular sogar gegenstandslos, zumindest aber nicht Ziel führend.


Erkenntnis und Interesse (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
Erkenntnis und Interesse (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
von Jürgen Habermas
  Taschenbuch
Preis: EUR 18,00

1 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Von der Erkenntnis und dem Interesse, 18. März 2011
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Habermas' bekanntes Werk "Erkenntnis und Interesse" ist zweifelsohne eine idiosynkratische Schrift und handelt von den titulierten Begriffen. Habermas Programm ist die Entfaltung einer kritischen Theorie aufbauend auf die Krise der Erkenntniskritik (Hegelsche Kantkritik des Erkenntniszirkels, d.h. Erkenntnisvermögen ist je schon Voraussetzung einer jeden Erkenntnistheorie). "Die Dimensionen des Ansich, Für es und Für uns bezeichnen das Koordinatensystem, in dem die Erfahrung der Reflexion sich bewegt." In der Marx-Deutung kommt er zu dem Schluss, dass die Idee der Selbstkonstitution der Gattung durch Arbeit als Leitfaden einer entmythologisierenden Aneignung der Phänomenologie [des Geistes] dienen soll. Dabei wird die "Dialektik der Sittlichkeit" offenbart - wobei Sittlichkeit kulturell institutionalisierter Rahmen ist, die Dialektik eine Art "Bewegungsgesetz" auf Basis gesellschaftlicher Arbeit - Geschichte ihrer Repression und Wiederherstellung. Aber was hat das mit Erkenntnis oder Interesse zu tun? Huch bringt die Habermas'schen Thesen bzgl. Hegel und Marx auf den Satz: "Arbeit und Interaktion [jeweils conditio sine qua non des Interesses], instrumentales und kommunikatives Handeln, technische Verfügung über Naturprozesse (!) und lebenspraktische, intersubjektive Verständigung sind die Bedingungen, unter denen sich das Selbstbewusstsein der Menschengattung ursprünglich konstituiert." Und Erkenntnis ist hergestellt durch die technische Verfügung und lebenspraktische Verständigung. Gattung ist folgerecht an ihrer Existenz und Reproduktion interessiert - das Interesse avanciert zum transzendentalen Definitionsmerkmal möglicher Erkenntnis der Natur. Erkenntnistheorie mündet in ihr Ende, in den Positivismus ("Sinn der Tatsachen") also. Habermas analysiert damit die heute zwei hegemonialen Wissenschaftsbereiche: Naturwissenschaften (hierzu insbes. die Abhandlung zu Peirce und seiner Wissenschaftslogik, "Erklärungswissenschaften") und Geisteswissenschaften (Diltheys Hermeneutik in der nicht-formalisierten bzw. nicht-formalisierbaren Umgangssprache und die "Verstehenden Wissenschaften"). Weiter bespricht Habermas Freuds Psychoanalyse (Tiefenhermeneutik: "Übersetzung des Unbewussten in Bewusstes") als Wissenschaft der psychopathologischen Diagnose mit therapeutischer Explikationskraft über das Individuum hinaus. Das ist typisch für den Ansatz der kritischen Theorie, denn nicht zufällig stellt der Autor die Begriffe Psychoanalyse und Gesellschaftstheorie im letzten Kapitel zusammen und evoziert einen korrelativen Eindruck. Und er schließt: "Wenn aber die Naturbasis der Menschengattung wesentlich durch Antriebsüberschuss und verlängerte infantile Abhängigkeit bestimmt ist, und wenn auf dieser Basis die Erzeugung von Institutionen aus Zusammenhängen verzerrter Kommunikation begriffen werden kann, dann gewinnen Herrschaft und Ideologie einen anderen, einen substanzielleren Stellenwert als bei Marx." Er meint, wir hätten uns die Strukturen von Arbeit, Sprache und Herrschaft einer wissenschaftstheoretisch ansetzenden und ihres objektiven Zusammenhanges innewerdenden Selbstreflexion der Erkenntnis versichert. Seine finale Formel lautet daher, dass die Vernunft es ist, die dem Interesse innewohnt (und nicht umgekehrt). Und zugleich kritisiert er den Siegeszug nicht der Wissenschaft sondern den Sieg der wissenschaftlichen Methode über sie! Man mag über die eine oder andere These streiten, doch das kardinale Verdienst dieses Werkes können wir an der Herleitung des Begriffes des Erkenntnisinteresses festmachen. Und auch hier sollte eine jede Kontroverse erst beginnen...
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Die eine Vernunft und die vielen Rationalitäten (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
Die eine Vernunft und die vielen Rationalitäten (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
von Karl-Otto Apel
  Broschiert
Preis: EUR 22,00

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Vernunft - Chimäre oder Proteus?, 14. Februar 2011
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Kettner, der zusammen mit Apel diesen wichtigen Band zur Rationalitätsproblematik herausgibt, schreibt einleitend: 'Das Abendland hat die Vernunft gewiß nicht erfunden, aber es hat DIE Vernunft erfunden.' Mit der kantischen Kritik der Vernunft hat sie sich aber ihre Funktion noch lange nicht erschlossen. Das desavouierende Moment kam mit dem nietzscherianischen Willen zur Macht und dem Sich-Eingestehen, dass die Modi, in denen sich Vernunft zu erkennen gibt, mannigfach ausgeprägt sein können; an dieser Stelle sei nicht zuletzt an die instrumentelle Vernunft erinnert...
So schreibt Adolphi in 'Drei Thesen zum Typus einer Rationalitätstheorie nach Weber...', dass 'nicht weniger als 22 verschiedene Typen der Rationalität [...] bezeichnet werden' können. Die Couleur des Buches geht - ita fert natura rei - tendenziell zu diskursethischen und moralischen Fragestellungen über (Diskursrationalität der kommunikativen Vernunft). Beeindruckend war m.E. der Beitrag von Nida-Rümelin 'Zur Einheitlichkeit praktischer Rationalität', in dem er Vernunft und Moral korrelativ zusammenführt: 'Die moralische Relevanz der je etablierten moralischen Regeln erklärt sich aber auch aus der Unterbestimmtheit kollektiver Rationalität. Ein Kernbereich der Moral kann als System von Interaktionsnormen rekonstruiert werden, die kollektive Rationalität sicherstellen (oder entscheidungstheoretisch formuliert, die pareto-dominierte kollektive Ergebnisse ausschließen) sollen.'
Um ferner noch einmal auf Adolphis sehr interessanten Text mit dem Weber-Bezug zurückzukommen: - dieser behauptet, dass das Kantische Erbe in der Rationalitätstheorie maßgeblich in der Konzeption Max Webers weiterentwickelt worden wäre. Sein Essay geht insbes. auf die Rationalitätstypen Webers ein: Zweck-, Wert-, formale wie materiale Rationalität: 'Rational ist Handeln hierin, indem es: planvoll agiert, sich an transsituativen Kriterien orientiert, darin konsequent ist über größere und verschiedene Handlungszüge hinweg, und indem sich die Subjektivität überhaupt zu bestimmten letzten Wertpositionen durchgestaltet hat, sich sublimiert hat, sich ihrer Standpunkte und effektiven Präferenzen bewusstgeworden ist.' Dabei expliziert Adolphi im Weiteren seine These vom Rationalitätspluralismus hin zur Theorie der Rationalität als Explikation der Rationalitätskonflikte vor dem Hintergrund der 'Sphäre der unmittelbaren sozialen Lebenswelt'.
Welschs Definition von Rationalitäten (im Pl.) ist lakonisch deren Adäquation des herkömmlichen Verstandes. Zugleich gibt er mit: '[Transversale] Vernunft hingegen denkt weiter, bezieht sich auf die Mehrzahl unterschiedlicher Rationalitätsversionen und erwägt deren Verhältnis.'
Ein m.E. sehr spannender Aufsatz ist Kerstings 'Spannungsvolle Rationalitätsbegriffe in der politischen Philosophie von John Rawls'. Hier geht es um Vertragstheorie und Vertragsrationalität. 'Als Vertragstheorien bezeichnet man moral-, sozial- und politikphilosophische Konzeptionen, die die moralischen Prinzipien menschlichen Handelns, die rationale Grundlage der institutionellen gesellschaftlichen Ordnung und die Legitimationsbedingungen politischer Herrschaft in einem hypothetischen, zwischen freien und gleichen Individuen in einem wohldefinierten Ausgangszustand geschlossenen Vertrag erblicken und damit die allgemeine Zustimmungsfähigkeit zum fundamentalen normativen Gültigkeitskriterium erklären.' Dabei werden drei Vertragsdimensionen unterschieden: Normativität, Moralität und Rationalität. Um nicht abzuweichen, soll uns vornehmlich die Dimension der Rationalität interessieren, zu der Kersting schreibt: 'Verträge sind also ein vorzügliches Werkzeug strategischer, auf 'reflektierter Gegenseitigkeit der Instrumentalisierung' beruhender Rationalität.' Dabei gilt das konditional ausgedrückte kontraktualistische Argument mit seinem Forderungscharakter hypothetischer Imperative, m.a.W.: die vorgenannte instrumentelle Vernunft.
Dorschel und Kettner besprechen kritisch in ihrem Beitrag die 'Systemrationalität?'. Darin heißt es, dass Luhmann diesen Neuansatz der Rationalitätstheorie als ''Zufall' und 'Zusammenbruch' der 'Rationalitätssemantik'' abtut, 'daß das Faktische nicht selbst schon rational sei, sondern erst zur Rationalität gebracht werden müsse.'
Besonders beeindruckend war m.E. auch der Aufsatz von Tietz 'Die Rationalität des Verstehens', der sich mehr ' wie titulär angedeutet ' mit der interpretativen bzw. hermeneutischen Rationalität auch im Sinne des radikalen Ansatzes von Davidsons Sprach-Logos auseinandersetzt. Wenn Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Wertigkeit, eben Welt erschlossen werden soll, heißt es, muss man ''einen angemessenen Zugang zu etwas haben, bevor man überhaupt etwas treffend beurteilen kann.'' D.h.: 'Schon das Sprachverstehen, und nicht erst die Verständigung, ist also an die Bedingung gebunden, daß man weiß, wie man sich eines sprachlichen Ausdrucks zu bedienen hat.' Tietz führt weiter zum hermeneutischen Zirkel, den Davidson mittels Tarskis Konvention W konstruiert hat: in ihm 'verschmelzen der eigene Horizont und der des anderen. Und diese 'im Verstehen geschehene Verschmelzung der Horizonte' ist nach Gadamer und Davidson 'die eigentliche Leistung der Sprache.'' Die Rationalität des Verstehens muss sich das Heideggerische 'Vor-Verständnis' eingestehen, damit klar wird, dass Verständlichkeit eine notwendige Bedingung des Bezuges auf Wahrheit und gegenüber dem Erheben und Einlösen von Geltungsansprüchen vorgängig sei. Dabei konstatiert, ja, appelliert Tietz, um auch mit diesen knappen Einblick zu schließen: '[...], daß man Rationalität und Vernunft nicht in endlich viele Selbstreflexionsfiguren einschließen kann [...].'

Ich habe nur die für mich interessanten Stellen zitiert und rekurriert. Dem Leser soll ostentativ gemacht werden, dass die Vernunft Vernunft ist und dieser tautologische Schluss nur anheimstellen will, dass die Formen und Typen dieser Rationalitäten ihr alle abgehen, eben mal mehr, mal weniger ipsoreflexiv und doch in ihrer mannigfachen Bestimmung ein kontextbasierter Gegenstand bleibt. Dieses Buch regt als Einstiegslektüre dazu an, sich mit der Vernunft als Kategorie in Bezug auf die differenten Perspektiven zu befassen...


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