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Beiträge von Michael Kling
Top-Rezensenten Rang: 136.985
Hilfreiche Bewertungen: 63

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Rezensionen verfasst von
Michael Kling

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Die Gedichte
Die Gedichte
von Ror Wolf
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 25,00

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Schöne Gesamtausgabe der Gedichte, 12. März 2017
Rezension bezieht sich auf: Die Gedichte (Gebundene Ausgabe)
Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um eine handliche Neuausgabe des innerhalb der Ror Wolf-Werkausgabe im Jahr 2009 bei Schöffling erschienenen Bandes IM ZUSTAND VERGRÖSSERTER RUHE, das um den 2015 publizierten Gedichtband DIE PLÖTZLICH HEREINKRIECHENDE KÄLTE IM DEZEMBER erweitert wurde. Das Buch hat einen Umfang von mehr als 560 Seiten, es wirkt aber wegen des verwendeten (augenfreundlich getönten) Dünndruckpapiers schmaler. Die äußere Gestaltung ist sehr gut gelungen: Der dunkelblaue Pappband, der in Wirklichkeit schöner aussieht als in der obigen Abbildung, ist auf der Vorder- und Rückseite silberfarben bedruckt. Bei dem vorderen Umschlagbild hat man sich an einem Foto orientiert, das Jürgen Bauer von Ror Wolf geschossen hat. Auf der Rückseite wurde das Hammer-Gedicht WETTERVERHÄLTNISSE wiedergegeben. Das Buch ist fadengeheftet und hat ein Lesebändchen. Einziger Kritikpunkt ist die relativ kleine Schrifttype, die wohl notwendig war, um dem Ziel einer handlichen Gesamtausgabe der wolfschen Gedichte gerecht zu werden. Lesern, die eine größere Schrift bevorzugen, seien die beiden o.g. Bücher ans Herz gelegt, die erheblich größere Formate haben. Der Inhalt ist - so oder so - ganz wunderbar. Er lädt zum "Surfen" im Ror-Wolf-Kosmos ein.


Raoul Tranchirers Notizen aus dem zerschnetzelten Leben
Raoul Tranchirers Notizen aus dem zerschnetzelten Leben
von Ror Wolf
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 348,00

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Vorläufige Weltuntergänge mit Wobser, Nagelschmitz & Co., 24. Dezember 2015
"Scheizhofer, der Begründer der Katastrophentheorie, die auf der Annahme gewaltiger Faltungen und Zusammenstürze beruht, äußert seine Ansichten in einem Vortrag. In diesem Vortrag, schon kurz nach der Einleitung, stürzen über fünfzehn Häuser ein, ebenso löst sich ein größeres Stück, die ganze obere Spitze eines Berges, und stürzt in die Tiefe. (...)" ["Schwierigkeiten", S. 203]

Ror Wolfs Literatur ist subversiv, unangepasst und verstörend. RAOUL TRANCHIRERS NOTIZEN AUS DEM ZERSCHNETZELTEN LEBEN bilden da erwartungsgemäß keine Ausnahme. Der siebte Band der Raoul Tranchirer-Reihe ("RT VII") weist gegenüber den sechs früheren Bänden allerdings einige erwähnenswerte Unterschiede auf, und zwar sowohl im Hinblick auf die Ausstattung als auch auf die inhaltliche Ausgestaltung:

Zunächst liegt hier ein - streng auf 250 Exemplare limitierter - bibliophiler Prachtband vor: Großformatig, gebunden in weinrotes Leinen, signiert vom Autor, zudem versehen mit einem durchsichtigen Pergamintütchen, das - passend zum Buchtitel - geschnittenes Originalschnittmaterial aus der Bildcollagenproduktion des Autors enthält. Dazu gibt es einen grauen stabilen Pappschuber als Schutz für die Pretiose. Mit einem Umfang von 275 Seiten überragt "RT VII" seine sechs Vorgänger auch in dieser Hinsicht. Das gilt letztlich auch für den Preis (348 Euro; früherer Subskriptionspreis: 298 Euro). Das Buch hat übrigens keinen Schutzumschlag. Bei der Abbildung, die hier zu sehen ist, handelt es sich um eine Collage, die sich auf S. 152 des Buches abgedruckt findet.

Die NOTIZEN sind - wie bei Tranchirer üblich - alphabetisch geordnet. Anders als bei den früheren Bänden steht hier offenbar weniger das Definitorische und damit die Wissenschaftsparodie im Vordergrund. Vielmehr sind den einzelnen Stichworten eher einzelne Geschichten zugeordnet, die zusammengenommen das "Leben" Raoul Tranchirers ergeben. Es treten natürlich alte Bekannte wie Nagelschmitz, Scheizhofer und Wobser (von dem wir auf S. 269 erfahren, dass er in Wirklichkeit anders heißt) auf; auch der Antipode Klomm bekommt wie üblich sein Fett weg. Zudem erhält der Leser Nachricht von seltenen Tieren wie dem Schlich, dem Schupp, dem Umpf und anderen höchst eigenwilligen Zeitgenossen.

"Nagelschmitz hat erstmals das Ende der Welt berechnet. Die Sonne, sagt Nagelschmitz, wird sich aufblähen und die Erde verbrennen. Das heiße Gas wird die Lufthülle von der Erde wegreißen und die Erdoberfläche ausglühen. Die tote Erde wird wie ein riesiger Kohlebrocken durch das finstere All ziehen. (...)" ["Ende, vorläufiges", S. 55]

Das alles ist höchst amüsant zu lesen. Bisweilen lassen sich Parallelen zur Biographie des Autors ziehen, und das nicht nur dann, wenn sein Geburtsort Saalfeld Erwähnung findet. Das Buch lohnt sich für Freunde der Literatur wie der Collagen von Ror Wolf. Von allen Tranchirer-Bänden ist dieser neue der schönste, wenn man von der Vorzugsausgabe von "RT VII" absieht, die als Ganzlederband mit beigefügter farbiger Originalcollage natürlich herausragend ist.

"Ich legte mich nieder, schlief sofort ein und schlief bis zum 21. Dezember tief und gewaltig. Als ich erwachte, war nichts passiert. So ging ein Tag nach dem anderen vorüber, es passierte nichts, bis zum Ende des Jahres: Nichts. Gar Nichts." ["Zimmerpflanze", S. 263]

Ja, so war's. Bis dann am Ende des Jahres 2014 nach mehrjähriger Wartezeit zum Glück RAOUL TRANCHIRERS NOTIZEN AUS DEM ZERSCHNETZELTEN LEBEN bei Schöffling & Co. erschienen. Gepriesen sei sowohl Klaus Schöffling für den Mut, ein solches verlegerisches Wagnis zu unternehmen, als auch die Buchbinderei Lachenmaier in Reutlingen für die vorzügliche Gestaltung des Bandes.

Als preisgünstige Alternative respektive als willkommene Ergänzung zu "RT VII" sei den Collagen-Fans abschließend das bei der Frankfurter Romanfabrik im Herbst 2014 erschienene großformatige Heft mit Collagen von Ror Wolf ans Herz gelegt.


Die plötzlich hereinkriechende Kälte im Dezember
Die plötzlich hereinkriechende Kälte im Dezember
von Ror Wolf
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,95

9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein sehr schön gemachtes Buch, 15. November 2015
DIE PLÖTZLICH HEREINKRIECHENDE KÄLTE IM DEZEMBER heißt Ror Wolfs neuester (und hoffentlich nicht letzter) Gedichtband. Nach dem Prachtband RAOUL TRANCHIRERS NOZIZEN AUS DEM ZERSCHNETZELTEN LEBEN aus dem vergangenen Jahr beehrt und der Mainzer Dichter mit einer weiteren bibliophil gestalteten Schönheit. Das Buch im Quartformat (25 x 16 cm) ist in eukalyptusfarbenes Feincanvas (Leinen) gebunden, mit rund 30 Collagen des Autors geschmückt und auf insgesamt 1.555 Exemplare limitiert (davon 50 Exemplare in Leder und fünf dedizierte Exemplare in Halbpergament). Da die meisten Erstausgaben heutzutage als Pappbände auf den Markt kommen, ist die Ausstattung des Bandes ziemlich luxuriös geraten, jedenfalls in Relation zum Preis der Normalausgabe von 24,95 Euro. Das Buch hat 128 Seiten Umfang. Zu meiner Überraschung enthält es eine ganze Reihe früher Gedichte aus den Jahren 1959 ff., die in dem Gedichtband im Rahmen der Werkausgabe nicht enthalten sind. Der Autor hat sie offenbar erst nach dessen Veröffentlichung wiedergefunden. Die meisten Gedichte sind allerdings neueren Datums, d.h. zwischen 2008 und 2014 entstanden. Die ungebrochene Schaffenskraft des Dichters lässt hoffen, dass das Verschwinden des Protagonisten Hans Waldmanns auch zukünftig vorübergehender Natur sein möge - wenngleich der Autor wieder zahlreiche Versuche unternommen hat, Waldmann diesmal endgültig zum Verschwinden zu bringen. Aber heute ist nicht alle Tage, er kommt wieder, keine Frage.

Achtung Achtung (2008)

Der Regen rinnt
und es beginnt
was soll ich machen bitte
das eine nicht
das andre nicht
und auch nichts in der Mitte
Jetzt setze ich mich erst mal hin
dann lege ich mich nieder
und wenn ich nicht verschwunden bin
dann sehen sie mich wieder.


Das nächste Spiel ist immer das schwerste
Das nächste Spiel ist immer das schwerste
von Ror Wolf
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Fußball als Elementarereignis, 15. November 2015
Ror Wolf wird häufig das Prädikat „Fußballdichter“ angehängt; keine öffentliche Ehrung, keine Preisverleihung an den Dichter kommt ohne seine Erwähnung aus. Das verwundert etwas vor dem Hintergrund, dass die Beschäftigung des Autors mit dem Fußball vor rund drei Jahrzehnten endete, und angesichts der Vielfalt des Wolf'schen Oevres, das nun keineswegs dem Fußball allein verpflichtet ist. Ganz offensichtlich haben sich die Fußballtexte über Jahrzehnte als besonders wirkungsmächtig erwiesen. In dem Band DAS NÄCHSTE SPIEL IST IMMER DAS SCHWERSTE, vom Verlag auf dem Umschlag mit Recht als „Fußballklassiker“ beworben, finden sich die Fußballlyrik und -prosa sowie die unter den Titeln „Expertenleben“ und „Radio-Collagen“ veröffentlichten Toncollagen des Autors zwischen zwei Buchdeckeln vereint. Mir persönlich haben es vor allem zwei Prosatexte und einige Fußballsonette angetan, auf die ich an dieser Stelle näher eingehen möchte:
Bei dem ersten Text, „Fünfzig Jahre im Gelände“, handelt es sich um den im Frankfurter Dialekt vorgetragenen Monolog eines alten Eintrachtfans und -unterstützers, der die Zeit evoziert, bevor der Fußball der Kommerzialisierung anheimfiel. Kostprobe: „(...) ich hab am Südbahnhof gewohnt un hab mitm Fahrrad organisiert, Worscht un Fleisch, zentnerweise, für die Spieler, damals hats ja kei Autos gegewwe; aber das wolln die heut net mehr wisse, das sin ja Jünglinge, die hawwe kei Ahnung; aber die Alten wissens.“ (S. 90 der Taschenbuchausgabe). Der ganze Text ist nicht in Absätze untergliedert und entwickelt dadurch eine eigentümliche Sogwirkung, wie man sie z.B. von der Prosa Thomas Bernhards kennt. Ein ganz ähnlicher Text findet sich übrigens gegen Ende des Buches unter dem Titel „Neues aus den alten Zeiten“ (S. 273 ff.).
Der zweite Prosatext heißt „Rohrbachs Geschichte“. Es handelt sich ebenfalls um einen Monolog, in dem der Spieler Thomas Rohrbach (der von 1970 bis 1975 für Eintracht Frankfurt in der Bundesliga spielte) eine authentische Darstellung des Bundesligageschehens der Siebzigerjahre aus der Spielerperspektive gibt. Rohrbach ist vor allem deshalb eine faszinierende Figur, weil er so unangepasst war. Sein Vorbild als Revoluzzer unter den Spielern hieß Helmut Rahn („Der Boss“), über den er sagt: „Es war der erste, der aus dem Rahmen brach. Er machte Geschichten. Er fuhr mal besoffen Auto, er hatte ne Schlägerei, er saß mal im Knast; das warn alles Sachen, die mir gefielen; er explodierte – nicht nur am Ball.“ (S. 176).
Unter den Gedichten sind vor allem die genialen 12 Rammer & Brecher Sonette (S. 253 ff.) zu nennen, die das samstägliche Fußballgeschehen zu einem Elementarereignis werden lassen. Als Beispiel diene hier das zweite Sonett (S. 255):

„Morast und Schlamm und Sturm jawohl und Regen.
Der Regen fällt herab, als es beginnt.
Das Graß ist naß. Im Kessel braust der Wind.
Die Schirme gehen auf. Die Schauer fegen.

Es knarrt am Dach. Das Regenwasser rinnt.
Der Nebel schwebt. Man sieht sich was bewegen.
Es kommt jemand und jemand geht entgegen
Und jemand patscht vorbei und stochert blind,

Und stampft und dampft und hat ihn nicht erreicht.
Das Feld ist leer. Der Weg zum Tor verstopft.
Die Pfütze spritzt und jemand ganz durchweicht

Und jemand triefend dort und jemand tropft.
In dieser Suppe sieht man nun vielleicht,
Wie matt das Leder an den Pfosten klopft.“

Das Buch wird durch „Abschließende Worte zum Fußball“ beendet; das ist ein Text, mit dem sich der Autor im Jahr 1982 endgültig vom Fußball verabschiedete, und der Aufschluss über die Entstehung der verschiedenen Teile des Buches, darunter auch „Rohrbachs Geschichte“, gibt (S. 295 ff.).


Ror Wolf Werke: Nachrichten aus der bewohnten Welt: Prosa IV
Ror Wolf Werke: Nachrichten aus der bewohnten Welt: Prosa IV
von Kai U. Jürgens
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 49,00

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nachrichten aus der bewohnten Welt, 3. August 2014
Prosa IV bildet den (hoffentlich nur) vorläufigen Abschluss des Prosawerkes von Ror Wolf innerhalb der Werkausgabe bei Schöffling. Der 524 Seiten starke Band vereinigt die Erzählungssammlungen NACHRICHTEN AUS DER BEWOHNTEN WELT (1991) und ZWEI ODER DREI JAHRE SPÄTER (2003/2007) sowie den "Horrorroman" DIE VORZÜGE DER DUNKELHEIT (2012). Wie in den anderen Bänden der RWW finden sich auch im Anhang dieses Bandes (S. 467 ff.) kürzere unveröffentlichte Texte aus dem Archiv (nämlich: MASAL, 1959; KLOMM, 1963; ICH NAHM MEINEN HUT UND BEDANKTE MICH FÜR DEN REIZENDEN ABEND, 1971; IN DEN MONSCHEINBLEICHEN NÄCHTEN VON MINNESOTA, 1996), sowie zwei Reden des Autors anlässlich von Preisverleihungen aus den Jahren 1992 und 1997 (S. 467 ff.). Darin zeigt sich der Autor als lakonischer Realist. Kostprobe: "Machen wir uns also nichts vor: Bücher sind für Leute, die nicht lesen, völlig überflüssig. Wer nicht liest, braucht keine Bücher; es gibt genügend andere Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben." (S. 486). Zugleich stellt er das Verhältnis von Talent und Output treffend klar: "Das allerhübscheste Talent nützt nichts, wenn der Autor nicht in der Lage ist, sich an den Tisch zu setzen und sehr entschieden dort sitzenzubleiben." (S. 486 f.). Wohl war.
Die Lektüre von Ror Wolfs Prosa hat bekanntermaßen viele Reize. Ein Vorzug dieses Bandes besteht darin, dass man die drei längeren Prosatexte NACHRICHTEN AUS DER BEWOHNTEN WELT (1991, S. 153 ff.), DIE NEUNUNDVIERZIGSTE AUSSCHWEIFUNG (2007, S. 318 ff.) und DIE VORZÜGE DER DUNKELHEIT (2012, S. 377 ff.) hier in einem Buch vereint findet. Diese Texte haben, wie auch der Herausgeber Kai U. Jürgens in seinem vorzüglichen Nachwort betont, teils autobiographischen Charakter. Innerhalb des Gesamtwerks von Ror Wolf nehmen sie eine Sonderstellung ein. M.E. kommt ihnen zudem ein besonderer literarischer Rang zu, sind sie doch perfekt durchkomponiert. Ror Wolf ist nicht nur ein Meister der kleinen Form, sondern weiß auch als "Romanautor", d.h. mit längeren Erzählungen, zu überzeugen. Die hohe Musikalität der NEUNUNDVIERZIGSTEN AUSSCHWEIFUNG lässt sich übrigens alternativ auch an dem von Christian Brückner eingesprochenen Hörbuch (Doppel-CD, Parlando) nachvollziehen.
Prosa IV zeigt den sechzig- bis achtzigjährigen Autor auf ungebrochen hohem Niveau. Die hier vereinten Einzelwerke kann man getrost als "Hauptwerke" innerhalb des Ror Wolf'schen Oevres bezeichnen. Insgesamt handelt es sich bei PROSA IV um ganz eine hervorragende Möglichkeit, 49 Euro sinnvoll zu investieren.


Verschiedene Möglichkeiten, die Ruhe zu verlieren: Ein Lesebuch
Verschiedene Möglichkeiten, die Ruhe zu verlieren: Ein Lesebuch
von Ror Wolf
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 9,95

10 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die "Einstiegsdroge" für künftige Rorwolfianer, 28. Dezember 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Das von Brigitte Kronauer herausgegebene "Lesebuch" bietet den idealen Einstieg, um den Prosaautor Ror Wolf kennenzulernen. Der Band enthält u.a. neben Auszügen aus den Romanen FORTSETZUNG DES BERICHTS (1964), PILZER UND PELZER (1967) und DIE GEFÄHRLICHKEIT DER GROSSEN EBENE (1976) auch die beeindruckende frühe Kurzgeschichte ENTDECKUNG HINTER DEM HAUS (1957). Außerdem hat Frau Kronauer dankenswerterweise den für das Verständnis von Ror Wolfs Prosakunst unverzichtbaren kurzen theoretischen Text MEINE VORAUSSETZUNGEN (1966) aufgenommen. Neben weiteren Kurz- und Kürzesttexten sind verschiedene Stichwörter aus Raoul Tranchirers (= Ror Wolf) "Ratschlägern" eingestreut. Es fehlen natürlich die in den jeweiligen Originalbänden enthaltenen surrealistischen Collagen - was den Leser dazu animieren sollte, sich sogleich auch den GROSSEN RATSCHLÄGER (1999) zu besorgen, wo eben diese enthalten sind. Einmal wie der Fisch am Haken des Autors Wolf hängend, wird der der Leser ohnehin alsbald das Bedürfnis verspüren, statt "schnöder" Auszüge aus dem Werk von Ror Wolf die vollständigen Texte zu besitzen, womit dieser Band dann seine "Schuldigkeit" getan hätte. Im Ernst: Solch einen Band hätte ich mir vor rund 20 Jahren, als ich mich für das Werk von Ror Wolf zu interessieren begann, gewünscht. Denn damals stand ich vor der Frage, welches Buch dieses Autors soll ich denn 'mal lesen, um mir einen Eindruck zu verschaffen? Keine leicht zu beantwortende Frage, heute würde ich antworten: am besten, man liest sie alle - aber anfangen kann man mit diesem schön gemachten und äußert preisgünstigen "Lesebuch", das auch und gerade für den studentischen Geldbeutel bezahlbar ist. Man freue sich auf perfekte Prosa, zeitlose Kunst.


Ror Wolf Werke. Leinen: Im Zustand vergrößerter Ruhe: Die Gedichte. Ror Wolf Werke.
Ror Wolf Werke. Leinen: Im Zustand vergrößerter Ruhe: Die Gedichte. Ror Wolf Werke.
von Ror Wolf
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 49,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mehr als bloß ein "Fußballdichter", 11. Juni 2013
Es ist schon wahr: eine große Leistung von Ror Wolf besteht darin, den Fußball aus der "Gosse" in den Dichterolymp emporgehoben zu haben. Davon zeugen die unübertroffenen "Rammer & Brecher Sonette" aus den Jahren 1971/72, und natürlich die berühmten Fußballhörspiele (Cordoba!). Mehr dazu kann man übrigens in dem wunderbaren Nachwort von Friedmar Apel erfahren.

Aber Ror Wolf ist viel mehr als bloß der "Fußballdichter" - ja, das Prädikat "Fußballdichter" mutet bezogen auf ein in mehr als 50 Jahren geschaffenes lyrisches Gesamtwerk geradezu lächerlich banal an; es wird seiner literarischen Produktion in keiner Weise gerecht. Kenner von Ror Wolfs Lyrik schätzen vermutlich die fußballfreie Moritatensammlung "Hans Waldmanns Abenteuer" (1965 bis 2006) genauso hoch ein. Mir selbst gefällt in dem mehr als 450 Seiten starken Band das Gedicht "wetterverhältnisse" aus dem Jahr 1984 am besten. Es lautet:

es schneit, dann fällt der regen nieder,
dann schneit es, regnet es und schneit,
dann regnet es die ganze Zeit,
es regnet und dann schneit es wieder.

Klingt ganz einfach. Ist aber ganz schwer zu machen.

Von Ror Wolf selbst gelesen findet man dieses sowie zehn weitere sehr schöne Gedichte dieses Autors zum kostenlosen Anhören auf [...] - den "Ror Wolf Sound" im Original zu hören ist einfach klasse (vielen Dank an Christian Maintz!). Da der Autor nicht mehr öffentlich liest, haben wir hier eine echte Pretiose vor uns.

Das Buch - Band 1 der Ror Wolf Werkausgabe im Schöffling Verlag - ist übrigens auf augenfreundlichem Werkdruckpapier gedruckt und schön in rotes Leinen gebunden. Zudem wurde es in einen Transportschuber aus Pappe gesteckt. Also auch optisch eine "runde Sache". Womit wir wieder beim Fußball wären, also gut, wenn's denn unbedingt sein muss :-):

Rammer & Brecher Sonett 2 (1971/72)

Morast und Schlamm und Sturm jawohl und Regen.
Der Regen fällt herab, als es beginnt.
Das Gras ist naß. Im Kessel braust der Wind.
Die Schirme gehen auf. Die Schauer fegen.

Es knarrt am Dach. Das Regenwasser rinnt.
Der Nebel schwebt. Man sieht sich was bewegen.
Es kommt jemand und jemand geht entgegen
Und jemand patscht vorbei und stochert blind.

Und stampft und dampft und hat ihn nicht erreicht.
Das Feld ist leer. Der Weg zum Tor verstopft.
Die Pfütze spritzt und jemand ganz durchweicht

Und jemand triefend dort und jemand tropft.
In dieser Suppe sieht man nun vielleicht,
Wie matt das Leder an den Pfosten klopft.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 16, 2013 9:41 AM MEST


Die Gefährlichkeit der großen Ebene, Prosa 3
Die Gefährlichkeit der großen Ebene, Prosa 3
von Kai U. Jürgens
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 39,00

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kleiner Rundflug ..., 7. Mai 2013
... heißt ein bereits in den Jahren 1956/57 entstandener Kurztext dieses Bandes, der mich besonders fasziniert hat. Darin beschreibt der Ich-Erzähler einen Flug mit seinem Sessel durch das heimische Wohnzimmer, mit lediglich der bangen Ehefrau als Zuschauerin, und die die glückliche Landung von Flieger und Flugobjekt. Der nur knapp über eine Seite umfassende Text zeigt - neben der heute schon legendären, aus der gleichen Zeit stammenden längeren Erzählung "Entdeckung hinter dem Haus" - das ungeheure Talent, welches bereits der junge DISKUS-Redakteur Ror Wolf besaß.

"Kleiner Rundflug", so könnte auch der Titel dieses dritten Prosabandes innerhalb der RWW lauten. Denn dieser enthält nicht nur den titelgebenden "Reise-Roman" von 1975/76, sondern die Geschichten "Danke schön. Nichts zu danken" (1956 - 1969) und die wichtige Kürzestgeschichtensammlung "Mehrere Männer" (1987). Damit sind die frühere und die mittlere Schaffensphase des Autors abgedeckt.

Leider wird weder der genaue Inhalt dieses Bandes noch der Umstand, dass es sich jeweils um erweiterte Fassungen mit zahlreichen unveröffentlichten Texten handelt, auf dem Titelblatt deutlich (z.B. umfasst "Mehrere Männer" statt 82 "ziemlich kurze Geschichten" wie noch in der Erstausgabe von 1987 hier sage und schreibe 101 Geschichten). Das heißt, wegen der umfassenden Beigaben (zu nennen wäre noch: "Auf und davon. Eine längere Reise" von 1977, sowie der Anhang mit drei Texten, in denen sich Wolf selbst zu seinem Werk äußert) lohnt sich der Kauf von RWW Prosa III selbst für diejenigen Leser, die die alte Leinenausgabe der Werkausgabe der Frankfurter Verlagsanstalt besitzen. Ein weiterer Vorteil gegenüber der früheren Ausgabe besteht in dem umfangreichen und informativen Nachwort des kundigen Herausgebers Kai U. Jürgens.

Wer das Werk von Ror Wolf nicht kennt, wird mit meinen obigen Hinweisen wenig anfangen können. Daher soll der Autor hier abschließend selbst zu Wort kommen, und zwar mit der ersten Geschichte der Sammlung "Mehrere Männer":

"Ein Mann nahm ein Lama, schnitt ihm ein Loch in den Hals und entfernte durch dieses Loch alles, was sich im Innern des Lamas befand, also nicht bloß die Eingeweide, sondern auch das Fleisch und die Knochen, so daß am Ende nichts übrigblieb als das ausgehöhlte Fell. Hie und da, wenn gerade kein Lama zur Hand war, mußte etwas anderes seine Stelle vertreten."

Nun ja, was sein muss, muss sein :-).
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 7, 2013 11:41 PM MEST


Fortsetzung des Berichts, Prosa 1
Fortsetzung des Berichts, Prosa 1
von Kai U. Jürgens
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 39,00

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Progressive Literatur für fortgeschrittene Wolfianer, 1. Mai 2013
Am 10. August 1965 schreibt der Verleger Siegfried Unseld dem jungen Peter Handke zu dessen HORNISSEN-Manuskript: "Sehr geehrter Herr Handke, ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, daß wir nach genauer Lektüre Ihres Manuskriptes uns entschieden haben, Ihre Arbeit in den Suhrkamp Verlag zu übernehmen. Ich glaube, daß sich Ihre Arbeit neben denen von Peter Weiss und Ror Wolf gut ausnehmen und die Perspektiven dieser Autoren weiterführen wird."

Was heute, angesichts der späteren Entwicklungen in der Literatur von Handke und Weiss vielleicht seltsam anmutet, war seinerzeit eine schlüssige Aussage: Peter Weiss hatte mit DER SCHATTEN DES KÖRPERS DES KUTSCHERS (1960) in der Reihe der Tausendbücher des Suhrkamp Verlags ein überaus originelles, absolut modernes und richtungsweisendes Buch vorgelegt, und eben dies lässt sich mit Fug und Recht auch von Ror Wolfs erstem "Roman", der 1964 in einer Erstauflage von 3000 Exemplaren bei eben jenem Verlag erschien, behaupten. Es ist ein großes Verdienst von Siegfried Unseld, der selbst einen eher "konservativen" Literaturgeschmack gehabt haben dürfte (Hesse usw.), dass er den wirklich modernen und richtungsweisenden Autoren der deutschen Literatur der 1960er Jahre eine Publikationsmöglichkeit verschafft hat. Ohne ihn wären wir vielleicht nie in den Genuss der progressiven Literatur jener Zeit gekommen; jedenfalls dürfen wir ihm für die Aufnahme von FORTSETZUNG DES BERICHTS von Ror Wolf posthum dankbar sein.

Das Buch beginnt mit einem "Paukenschlag", nämlich mit einem Satz, der scheinbar an das Ende des Werkes gehört: "Nun, nachdem ich alles beschrieben habe, diese zurückliegende Zeit, diesen Weg, mit den Bewegungen und Erscheinungen, den Bildern und Geräuschen, diese Landschaften, mit den Knollen, Kuppeln und Buckeln, den Rinnen Wannen und Gruben, nähere ich mich dem Ende des Berichts." Die "klassische" Erzählform wird also im ersten Satz des Buches über Bord geworfen. Der nachfolgende Text folgt denn auch keinem mir bekannten Erzählschema. Ein offenbar erinnerungsschwacher Erzähler, in ständiger Begleitung eines gewissen (imaginierten) Herrn Wobser, versucht "die immer gleichbleibenden Vorgänge wie unter dem Schleier einer verunsicherten Wahrnehmung darzustellen, indem er in die Satzkaskaden Einschiebsel wie >>ich glaube<<, >ich weiß nicht<<, >>es ist so etwas wie<< bringt." (Marianne Kesting, in: Die Welt eine Wohnküche, DIE ZEIT vom 5. März 1965). Zwei nebeneinander herlaufende Handlungsstränge, ein Spaziergang und ein ziemlich animalisch verlaufendes Essen, werden auf so eigentümliche Weise miteinander verwoben, dass die zeitgenössischen Rezensenten einerseits bewundernd ("verblüffendes Können", Kesting), andererseits ziemlich ratlos ("Handelt es sich hier um eine wiederaufgenommene Suche nach der verlorenen Zeit, oder will der Autor seinen Text lediglich aus einem sprachweltlichen Kontinuum herausheben?", Gerhard Schmidt-Henkel, Ror Wolf: Fortsetzung des Berichts, Deutschlandfunk, 30. Mai 1965) reagierten. Das dürfte dem unbefangenen Leser des Jahres 2013 kaum anders ergehen. Man kann sich auf die Suche nach den Vorbildern machen. Kafka? Beckett?? Weiss??? Doch das führt nicht alles sehr weit. Ror Wolf ist eben Ror Wolf. Punkt, aus.

Wer im Einzelnen wissen möchte, worum es in dem Buch geht und welche Charakteristika besonders hervorstechen, der sei auf die sehr lesenswerte Dissertation von Kai Jürgens mit dem Titel ZWISCHEN SUPPE UND MUND (2000), sowie auf die zeitgenössischen Rezensionen (siehe dazu den Band ANFANG & VORLÄUFIGES ENDE, Frankfurter Verlagsanstalt 1992) verwiesen.

Ich wage die natürlich stark verkürzende und vereinfachende These, dass weniger die geschilderten Geschehensabläufe, als die Sprache selbst bzw. das, was der Autor "mit Sprache machen kann", den eigentlichen Vorzug des Buches ausmachen. Daher soll der sprachgewaltige Autor selbst zu Wort kommen:

"Ich sah seine Faust und sah zur gleichen Zeit das Pferd stark aus den Nüstern blu-tend immer noch unter Peitschenhieben in den mürben Ackerboden einsinken." (S. 65 der Erstausgabe von 1964)

"Man solle die Küche im Dorf lassen, laß doch die Küche im Dorf, sage ich, sagt sie nun, aber nimmt sein, hören Sie, Aufspringmesser, Ruhe wolle er seine Ruhe haben, Messer, denken Sie, Messer." (a.a.O., S. 92)

"Was ich höre, in diesem Zimmer, an diesem Tisch, ist das Dröhnen der Bestecke auf den Tellern und in den Schüsseln, das Rumpeln der Klöße, das Krachen der Bissen zwischen den Zähnen, das Platzen der Bohnen, das Bersten der Rüben, das Rauschen des Bieres die Kehle hinunter, das Donnern der Kartoffeln, das Klatschen der Nachspeise." (a.a.O., S. 228)

"Ich sehe weißfleckige Albinos mit rotleuchtenden wimpernlosen brauenlosen Augen, höckrige Zwerge auf den Schößen fleischiger lächelnder Damen ..." (a.a.O., S. 241)

Wer das alles für "bloß witzig" oder gar für "Mist" hält, dem sei versichert, dass es nicht "bloß witzig" und erst recht kein "Mist" ist, was der Jungautor Wolf seinerzeit zu Papier brachte. Bereits der Name Wobser verweist uns auf Immanuel Kant und den Förster gleichen Namens, der ihn gelegentlich beherbergte. Das Buch ist von A bis Z doppelbödig und in hohem Maße der Interpretation zugänglich. Allein der Umstand, dass eine familiäre Zusammenkunft zum Essen wie ein brutales Schlachtfest und nicht wie eine Idylle beschrieben wird, ist Ausdruck des den radikalen Neuansatzes, den Anfang der 1960er Jahre eine Reihe von Autoren versucht hat. FORTSETZUNG DES BERICHTS ist ein überaus gelungenes Beispiel dafür. Allerdings wage ich nicht zu hoffen, dass in Zeiten der Verbiedermeierisierung der deutschen Literatur (Familienromane, kitschige Liebesgeschichten, usw.) ein Buch wie dieses massenweise Zuspruch finden wird. Möglicherweise bei den Fans der aktuell so beliebten Vampirromane? Man weiß es nicht (Vorsicht, Ironie!). Im Grunde ist FORTSETZUNG DES BERICHTS auch heute noch "zu modern", zu "radikal". Jedenfalls ist es in keiner Weise angestaubt, was wegen der fast 50 Jahre, die es auf dem Buckel hat, eigentlich doch zu erwarten und gewiss auch verzeihlich wäre.

Die Neuausgabe im Rahmen der RWW (Ror Wolf Werke) des Schöffling Verlags ist eine besonders gute Möglichkeit, sich mit diesem anspruchsvollen Werk auseinan-derzusetzen. Ein kundiges Nachwort des versierten Herausgebers sowie einige Textbeigaben (Vorstufen usw.) "trüffeln" dieses schöne, in Leinen gebundene Buch. Ich kann es nachdrücklich empfehlen, meine aber, dass für Einsteiger in die literarische Welt des Ror Wolf die Prosabände mit den kürzeren Texten (z.B. ZWEI ODER DREI JAHRE SPÄTER, 2007) geeigneter sind. FORTSETZUNG DES BERICHTS ist dann doch eher etwas für Fortgeschrittene ...


Ror Wolf Werke. Leinen: Pilzer und Pelzer. Ror Wolf Werke.
Ror Wolf Werke. Leinen: Pilzer und Pelzer. Ror Wolf Werke.
von Ror Wolf
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 39,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein radikales Buch, 27. April 2013
Ror Wolfs zweites Buch, von diesem ebenso treffend wie schelmisch als "eine Abenteuerserie" und nicht als "Roman" betitelt, erschien zuerst 1967 in der edition suhrkamp. Diese Taschenbuchreihe des Suhrkamp Verlags vereinte seinerzeit alles, was Rang und Name hatte in der modernen Nachkriegsliteratur, und zwar weit überwiegend in Erstausgaben. Der geringe Ladenpreis machte eine rasche Verbreitung, z.B. unter Studenten, möglich. Die Reihe wurde aber auch ausführlich von den namhaften Kritikern der großen Tageszeitungen rezensiert. "Pilzer und Pelzer" machte da keine Ausnahme, wie die Zusammenstellung der Buchbesprechungen in dem Band "Anfang & vorläufiges Ende / 91 Ansichten über den Schriftsteller Ror Wolf" (Frankfurter Verlagsanstalt 1992, S. 93 ff.) deutlich macht.

Die meines Erachtens beste Besprechung stammt (wie schon zu Ror Wolfs Erstling "Fortsetzung des Berichts, 1964) von Marianne Kesting (in: DIE ZEIT vom 26. April 1968); dieser Text mit dem Titel "Gemütlichkeit und Katastrophen" ist übrigens auch online über das Zeit Archiv kostenfrei abrufbar. Eingangs weist die Verfasserin auf das Prestige des französischen Nouveau Roman in Deutschland hin und legt damit die Latte beträchtlich hoch. Was folgt, ist eine rundweg zustimmende Kritik: "Ich gestehe, daß sein zweiter Roman mich genauso fasziniert hat." Die Fallhöhe beträgt also null. Marianne Kesting attestiert Ror Wolf, eine "wirkliche Begabung" zu sein, und sie äußert die Befürchtung, er werde es "innerhalb der deutschen Schriftstellerei nicht leicht" haben. Wie wahr! Aber warum ist das so? Wieso hat dieser Autor zwar "die hard"-Fans, aber trotz nahezu durchweg positiver Rezensionen in den führenden Blättern der Bundesrepublik seit Mitte der 1960er Jahre keine massenweise Gefolgschaft unter den Lesern gefunden? Könnte es vielleicht daran liegen, dass sich die Leser von dem altbackenen Konzept der linear erzählten Geschichte (Anfang - Hauptteil - Schluss) nicht so gern entfernen mögen? Für Freunde von "richtigen Geschichten" ist der Autor Ror Wolf freilich der falsche Mann und "Pilzer und Pelzer" das falsche Buch. Denn man kann seinen Inhalt nicht nur unmöglich vollständig und zutreffend nacherzählen (außer dass es hier um Pilzer, Pelzer und eine ominöse Witwe geht, muss man eigentlich auch nicht viel zum Inhalt sagen), sondern - oho - man kann als Leser das Buch irgendwo aufschlagen und mit dem Lesen beginnen, ohne etwas verpasst zu haben! WAS ERLAUBEN WOLF? Darf man das als Autor, die Realität nicht schildern, oder zumindest nicht in einer bieder-realsitischen, sondern in einer phantastisch-grotesken Weise? Ja, man darf das. Zumindest, wenn man Ror Wolf heißt, ein Sprachmeister ersten Ranges ist, und einen Text abliefert, der geradezu musikalisch anmutet.

Noch ein Wort zur Ausgabe von "Pilzer und Pelzer" innerhalb der Ror Wolf Werke. Die großformatigen, aber wegen ihres geringen Gewichts durchaus handlichen Bücher der RWW sind in rotes Feinleinen gebunden und stecken in einem grauen Transportschuber aus Karton. Jeder Band enthält zahlreiche Beigaben, d.h. unveröffentlichte Texte des Autors aus dem Marbacher Literaturarchiv, und last but not least sehr kundige Nachworte des jeweiligen Bandherausgebers. Erfreulich unakademisch verfasst, eignen sich diese Nachworte für jedermann als Vorablektüre und Einstig in das jeweilige Buch in hervorragender Weise. Wer auf den Text neugierig geworden ist, dem sei der Erwerb des RWW-Bandes nachdrücklich ans Herz gelegt. Mit "Pilzer und Pelzer" lässt sich eine erste literarische Abenteuerreise auf Wolf'schen Pfaden sehr gut bewältigen.


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