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"ekuettner"

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Interviews mit Sterbenden
Interviews mit Sterbenden
von Elisabeth Kübler-Ross
  Taschenbuch

110 von 116 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Lebenshilfe für Sterbende und Lebende, 13. September 2002
Rezension bezieht sich auf: Interviews mit Sterbenden (Taschenbuch)
Seit dreißig Jahren begleitet mich ein Büchlein, das mir für meine Entwicklung und für meinen Beruf sehr wichtig geworden ist: "Interviews mit Sterbenden" von Elisabeth Kübler-Ross. Die in den USA lebende Schweizer Ärztin und Wissenschaftlerin, Wegbereiterin der Thanatologie (Wissenschaft vom Sterben; griech. "thanatos" - der Tod), hat mit der Veröffentlichung dieser Arbeit im Jahre 1969 Neuland betreten. Es war das erste einer Reihe von Büchern dieser Autorin zu Fragen des Umgang mit dem Tod und mit Menschen, die lebensbedrohlich krank sind, zu einem Thema also, das damals im gesellschaftlichen Bewußtsein noch weit mehr tabuisiert worden ist als heute. Ich hatte die Gelegenheit, dieser sehr engagierten und leidenschaftlichen Frau persönlich zu begegnen und Briefe mit ihr zu auszutauschen, und das hat meine Hochachtung vor ihr noch verstärkt.
Das Grundanliegen des Buches ist die Mahnung, daß vor dem Hintergrund des unpersönlich-sterilen Kliniksystems der Schwerkranke als Individuum mit ganz persönlichen Besonderheiten und Eigenarten, Gefühlen und Bedürfnissen unbedingt im Vordergrund bleiben muß. Der Patient sollte zum Lehrer für die medizinischen Mitarbeiter sowie seiner Angehörigen und Freunde werden, weil die Personen in seiner direkten Umwelt ihrer begleitenden Aufgabe nur dann wirklich gerecht werden können, wenn sie mehr, als bis dahin bekannt war, über die Endstation des Lebens, über die Gedanken und Empfindungen, die Ängste und Hoffnungen, die Kämpfe und Enttäuschungen von Sterbenden wissen.
Zu diesem Zweck deckt Elisabeth Kübler-Ross zunächst die Wurzeln der irrationalen Angst unserer Gesellschaft vor dem Tod auf und die Ursachen dafür, daß heute - im Unterschied zu früheren Zeiten - der Tod nicht mehr als natürlicher Bestandteil des Lebens wahrgenommen wird, und sie arbeitet heraus, wie verhängnisvoll dieses gestörte Verhältnis zum Tod sich auf das Verhältnis zum sterbenden Menschen auswirkt. Indem sie ihre Leser dazu ermuntert, den Tod in ihr Denken und Fühlen einzulassen, versucht sie, ihnen ein Stück von der Unsicherheit zu nehmen, die immer wieder dazu verführt, den Menschen im letzten und schwierigsten Abschnitt ihres Lebens - zumindest emotional, oft aber auch räumlich - aus dem Wege zu gehen, und sie macht Mut, sich ihnen ohne Scheu und Hilflosigkeit zuzuwenden und das letzte Stück gemeinsam mit ihnen zu gehen. Wenngleich das Erscheinen dieses Buches auch eine Generation zurückliegt, so ist es doch immer noch von aktueller Brisanz, denn die Probleme unserer Gesellschaft und sehr vieler einzelner Menschen mit diesem Thema sind noch immer nicht gelöst.
Die bedeutsamen Forschungsergebnisse der Autorin bezüglich der verschiedenen psychischen Phasen, die lebensbedrohlich Erkrankte durchlaufen, bilden den Schwerpunkt dieser Veröffentlichung. Sie hatte damals als erste herausgefunden, daß es fünf Phasen sind, von denen das Erleben und Verhalten Sterbender geprägt ist:
1. Die Phase der Leugnung
(Der Patient befindet sich in der Spannung zwischen Ahnen und Wissen einerseits und dem Nicht-wahrhaben-Wollen andererseits, weil er die erschütternde Realität der unheilvollen Prognose anfangs noch nicht zu ertragen imstande ist, und er klammert sich an die Möglichkeit eines Irrtums. Diese Abwehrreaktion der Verdrängung als Schutzfunktion der Seele gibt ihm die Möglichkeit, sich der Tatsache rational und emotional erst später zu öffnen, wenn er die Kraft dazu gesammelt hat.)
2. Die Phase des Zorns
(Der Patient erkennt nun, daß es ihn wirklich betrifft, und er lehnt sich innerlich auf gegen ein als ungerecht empfundenes Schicksal oder gegen Gott. Er ist erfüllt von Zorn, der sich gegen alles und jeden richtet.)
3. Die Phase des Verhandelns
(Der Patient hegt insgeheim die Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang als "Gegenleistung" für ein Gelübde: Er sucht mit dem Schicksal oder mit Gott zu "handeln", indem er z.B. gelobt, etwas Gutes zu tun oder sein Leben zu ändern, falls er aus der gegenwärtigen Todesbedrohung noch einmal gerettet werden sollte.)
4. Die Phase der Depression
(Der Patient empfindet eine tiefe Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit, da er spürt, daß der Tod unausweichlich ist und er Abschied nehmen muß von allem und besonders von Menschen, die er liebt.)
5. Die Phase der Annahme
(Der Patient kann sich mit dem Unabwendbaren nun einverstanden erklären und bereit sein zum Sterben. Aus diesem Annehmen-Können, das nur wenige Sterbende erreichen, erwächst ihm eine neue psychische Stabilität und ein tiefer Seelenfrieden, der von Angehörigen, die den Sterbenden nicht loslassen wollen, leider oft wieder zerstört wird.)
Zu jeder dieser Phasen wird überzeugend erläutert, welche Verhaltensweisen der Begleitenden jeweils angemessen und hilfreich sind und welche - irrtümlich gut gemeinten - vermieden werden sollen.
Die Beschreibung dieser fünf Phasen (die übrigens keine zwangsläufige Aufeinanderfolge darstellen und auch nicht in jedem Falle gleich verlaufen!) veranschaulicht die Autorin mit zahlreichen Interviews, die sie mit Patienten im Endstadium ihrer todbringenden Krankheit geführt hat.
Diese Methode war anfangs umstritten: Es wurde - besonders von katholischer Seite - befürchtet, die Grenze der Intimspäre werde nicht ausreichend berücksichtigt, wenn Menschen in einer Ausnahmesituation dazu veranlaßt würden, über sehr sensible Fragen zu sprechen, die außer dem Betroffenen selbst und Gott niemanden etwas angehen dürften. Die Scheu vor den "Letzten Dingen" sollte daran hindern, Geheimnisse bloßlegen zu wollen. Solche Bedenken sind schnell ausgeräumt, wenn man beim Lesen erkennt, mit wieviel Gefühl und Taktempfinden die Fragen gestellt sind, und daß selbstverständlich niemand zu antworten gedrängt worden ist, wenn er zu einer Frage schweigen wollte. Aus den Gesprächsprotokollen ergibt sich aber vor allem unmißverständlich, daß die Befragten über ihre psychische Befindlichkeit (direkt und indirekt) sehr bereitwillig Auskunft gegeben und daß sie nach dieser - sonst nicht möglich gewesenen! - Gelegenheit, sich einmal rückhaltlos aussprechen zu können, ein Gefühl der Erleichterung und der Befriedigung gehabt haben.
In weiteren Kapiteln geht Elisabeth Kübler-Ross auf das Phänomen der Hoffnung des Sterbenden ein, die trotz seinem Wissen um den nahen Tod nie ganz verschwindet, sondern - in ihrem Inhalt immer wieder verändert - bis zum letzten Atemzuge bleibt, auf die Familie des Kranken und Besonderheiten und Möglichkeiten in der Abschiedszeit sowie auf Grundsätze der psychischen Behandlung Kranker im Endstadium. Dem Buch ist eine ausführliche Erklärung medizinischer Fachbegriffe hinzugefügt und (zumindest in meiner Ausgabe) ein Nachwort des Theologen Manfred Haustein.
Damals, da ich als Student das neu erschienene Buch zum ersten Male las, fand ich zu sehr wichtigen Erkenntnissen:
Ich sollte die Gedanken an den Tod nicht verdrängen und die Auseinandersetzung damit nicht vor mir her schieben, bis ich ihr nicht mehr ausweichen kann. Es ist klug, ab und zu an die Begrenztheit meines Lebens und das der Menschen denken, die mir am Herzen liegen, ehe die Wirklichkeit mich unbarmherzig damit konfrontiert und mich brutal mit der Nase darauf stößt. Dieses Nachdenken über den Tod war seitdem sehr hilfreich und heilsam für mich. Außerdem erkannte ich, daß es ein Weg zum Frieden ist, meinem persönlichen und dem in meinen zwischenmenschlichen Beziehungen. Elisabeth Kübler-Ross hat recht, wenn sie schreibt, daß wir auch dem Frieden zwischen den Völkern einen Schritt näher kämen, "wenn wir der Realität unseres eigenen Todes ins Auge sähen und ihn annähmen".
Deshalb ist dieses Buch nicht nur für diejenigen geschrieben, die jetzt mit dem Tod konfrontiert sind. Ich möchte es daher allen Menschen empfehlen, die ihn aus ihren Gedanken verdrängen, weil sie meinen, solange man jung und gesund sei, brauche man sich damit nicht zu befassen. Dabei wissen wir doch, daß wir uns damit nur selbst belügen. "Interviews mit Sterbenden" ist auch kein Fachbuch für Mediziner oder Psychologen, seine Sprache ist allgemeinverständlich und gefühlvoll und hat mich sehr berührt. Dazu tragen nicht zuletzt die treffenden und zum Nachdenken anregenden Worte von Rabindranath Tagore bei, die jedem Kapitel vorangestellt sind.
Nach einer Auskunft bei www.amazon.de ist das Buch zur Zeit in mehreren verschiedenen Ausgaben für einen Preis zwischen 3,00 und 16,90 € im Handel erhältlich.


... trotzdem Ja zum Leben sagen - Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager
... trotzdem Ja zum Leben sagen - Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager
von Viktor E. Frankl
  Taschenbuch

275 von 293 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Buch der Menschlichkeit, 13. September 2002
Am 2.September 1997 verstarb im Alter von 92 Jahren in Wien eine der für mich beeindruckendsten Persönlichkeiten, die ich kenne: der große, gütige und weise Viktor Emil Frankl, der auf allen Kontinenten berühmte österreichische Arzt, Professor für Neurologie und Psychiatrie sowie Professor der von ihm begründeten Wissenschaft Logopädie. Unter seinem Werk von über dreißig Fachbüchern, übersetzt in alle wichtigen Sprachen der Erde, ist dieses kleine Bändchen äußerlich vergleichsweise unscheinbar, und dennoch gehört es, wie das Zitat auf der vierten Umschlagseite aussagt, "zum kostbaren Erbe jener säkulären Literatur, in der die Grundwahrheiten unseres Jahrhunderts manifest werden" (deutschland-berichte).
Das Buch will kein objektiver Tatsachenbericht über das Leben in Konzentrationslagern des deutschen Faschismus sein, sondern eine subjektive Erlebnisschilderung aus der Sicht eines Häftlings, der das Erfahrene zudem mit den Augen und dem Verstand eines Psychologen betrachtet und zu erklären versucht. Frankl beleuchtet Ereignisse und Situationen sowie Vorgänge und Verhaltensweisen auf seiten der Inhaftierten wie der SS-Offiziere im KZ-Alltag von der Einlieferung bis zur Befreiung und versucht hier und da psychologische Deutungen. Dabei kommt er unter anderem zu der Feststellung, daß mit der Kennzeichnung einer Person entweder als Angehörigen der SS oder als Lagerhäftling noch kein Urteil über ihn gefällt werden könne. "Menschliche Güte kann man bei allen Menschen finden, sie findet sich also auch bei der Gruppe, deren pauschale Verurteilung doch gewiß sehr nahe liegt. [...] So einfach dürfen wir es uns nicht machen, daß wir erklären: die einen sind die Engel und die andern sind Teufel." (S. 137) Damit spricht er etwas aus, das ich schon immer so empfunden habe. Grundsätzlich lehnt er eine Pauschalverurteilung ab und die Existenz einer "Kollektivschuld".
Er beschreibt sachlich und emotionslos - aber gerade dadurch sehr eindrucksvoll und berührend - in der "ersten Phase" die Ankunft im Bahnhof Auschwitz, die Aufnahme im Lager mit der ersten Selektion, die Desinfektion und die ersten Reaktionen der Mitgefangenen vom Zerrinnen der Illusionen über den Galgenhumor bis hin zur Neugier. Er setzt sich auseinander mit der Selbsttötung, in der vom ersten Tag an von vielen der einzige Ausweg gesehen wurde. Gleich am ersten Abend hatte Frankl sich selbst das Versprechen abgenommen, nicht "in den Draht zu laufen" (womit die Häftlinge das Berühren des mit elektrischer Hochspannung geladenen Stacheldrahtes meinten), und selbst in der schlimmsten Verzweiflung hat er an diesem Vorsatz festgehalten - in dem Wissen, daß auch unter diesen Umständen sein Leben sinnvoll ist.
Als typisch für die "zweite Phase" des Lagerlebens bezeichnet der Autor die Apathie und die Abstumpfung des Gemüts bis hin zur Gleichgültigkeit. Der Tod von Mitgefangenen löste bald kaum noch Gefühlsreaktionen aus. Was dennoch als das Schmerzlichste empfunden wurde, waren nach Mißhandlungen nicht der körperliche Schmerz, sondern der Hohn und der Haß, der sie begleitete, die entmenschte Grausamkeit, der sie entsprangen. Bedingt durch die unter der seelischen Zwangslage des Lagerlebens entstehende Regression, den Rückzug auf eine primitive Form der Emotionalität, spielten in den nächtlichen Träumen der Häftlinge vor allem Brot und Torten und Zigaretten und ein warmes Wannebad die Hauptrolle. Der Hunger und die Gedanken ans Essen bildeten das Haupt-Gesprächsthema, dagegen schwieg unter den Bedingungen der Unterernährung der Sexualtrieb. Die Themen Politik und Kultur rückten zugunsten des religiösen Interesses, das als Ausdruck der inneren (in Ermangelung der äußeren) Freiheit viel Raum im Denken einnahm, in den Hintergrund.
"Die geistige Freiheit des Menschen, die man ihm bis zum letzten Atemzug nicht nehmen kann, läßt ihn auch noch bis zum letzten Atemzug Gelegenheit finden, sein Leben sinnvoll zu gestalten. [...] Wenn Leben überhaupt einen Sinn hat, dann muß auch Leiden einen Sinn haben." (S. 109 f.)
Allgemein zu beobachten war die Flucht nach innen und damit auch in die Transzendenz, die Meditation, die Selbstgespräche und die Sehnsucht nach Einsamkeit, einem Zustand, der fast nicht existierte. Beeindruckend war für mich, daß es auch künstlerische Aktivitäten im KZ gab in Form von Kabarettveranstaltungen, Lyrikabenden, Musikaufführungen, an denen SS-Leute als Zuschauer teilnahmen; und erstaunlich tönte für mich, daß neben dem Kunsterleben sogar Humor seinen Platz hatte - als eine Waffe der Seele im Kampf um ihre Selbsterhaltung.
Die psychologische Besonderheit der "dritten Phase", nämlich der nach der Befreiung des Lagers (Frankls vierten!), bestand darin, daß der seelischen Hochspannung plötzlich die totale innere Entspannung folgte - mit dem Ergebnis einer ausgeprägten Depersonalisation, in der zunächst alles als irreal, unwahrscheinlich, traumhaft erlebt wurde, so daß man sich über die jahrelang ersehnte Freiheit nicht mehr freuen konnte und nicht mehr zurechtkam mit ihr. Diese Enttäuschung gehörte mit zu den seelischen Spätfolgen des geschehenen Unrechts.
Seit ich diesen 1946 geschriebenen Bericht "... trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager" kenne, gehört er zu den kostbarsten Schriften, die ich besitze. Er hat mich zutiefst bewegt sowie emotional und intellektuell bereichert, und es hat mich in meiner Weltanschauung bestärkt. Was mir besonders zusagt: Es ist kein Buch der Anklage und des Hasses, sondern des Verständnisses menschlicher Schwäche und Begrenztheit und des Glaubens an den Sinn des Lebens, der selbst in der furchtbarsten Existenzbedrohung vorhanden ist. Obzwar Frankl Mutter, Vater und Ehefrau in Konzentrationslagern verloren hat, liegt seinem Fühlen und Denken jegliche Bitterkeit fern. Im Rückblick auf die qualvollen Jahre, die hinter ihm lagen, als er dieses Buch schrieb - ebenso wie bis zu seinem Tode -, überwiegt in seinem Urteilen, das an keiner Stelle ein Ver-Urteilen ist, eine dem Wesen des Menschen gerecht werdende ganzheitliche Betrachtungsweise, in der die einzigartige Kostbarkeit des Individuums ebenso Berücksichtigung findet wie die in uns allen angelegte Neigung, schuldig zu werden. Dieses Verständnis, das keine Rechtfertigung ist, schließt für Frankl Vergeltung aus, denn niemand hat nach seiner Überzeugung das Recht, "Unrecht zu tun, auch der nicht, der Unrecht erlitten hat" (S. 145).
Dieses zutiefst humanistische und lebensfreundliche Buch möchte ich Leser(inne)n jeden Alters ans Herz legen, die nach dem Verständnis des Menschen fragen, die nach Humanismus dürstet und die nach dem Sinn des Lebens suchen. Das Buch macht Hoffnung und ermutigt zum Leben - auch in Grenzsituationen.
Die Ausgabe des Deutschen Taschenbuchverlags von 1982 (21. Auflage 2002), welcher der Text eines von den Häftlingen in Auschwitz aufgeführten Dramas mit dem Titel "Synchronisation in Birkenwald. Eine metaphysische Conférance" und eine Liste weiterer Werke von Viktor E. Frankl beigefügt sind, umfaßt 199 Seiten und ist zum Preis von 7,50 € im Handel erhältlich.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 22, 2010 4:57 PM CET


Krankheit als Sprache der Seele. Be-Deutung und Chance der Krankheitsbilder
Krankheit als Sprache der Seele. Be-Deutung und Chance der Krankheitsbilder
von Ruediger Dahlke
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,99

265 von 277 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Hat Krankheit einen Sinn?, 20. Juni 2002
Zum wichtigsten Handwerkszeug für meine Arbeit gehören die Bücher von Ruediger Dahlke. Sie haben mein Weltbild gehörig verändert und mich ein ganz anderes Verhältnis zu Krankheit und Leben finden lassen.
Ruediger Dahlkes Werk "Krankheit als Sprache der Seele. Be-Deutung und Chance der Krankheitsbilder" (Bertelsmann, München 1992), zu dem ich diesen Erfahrungsbericht schreibe, ist die Fortsetzung und Weiterführung der 1983 zusammen mit Thorwald Dethlefsen im selben Verlag herausgegebenen Veröffentlichung "Krankheit als Weg".
Der erste Band hatte mit dem neuen psychosomatischen Konzept sofort sehr viel Anklang bei Laien und (später zunehmend auch) in medizinischen Fachkreisen gefunden. Es ging und geht nun auch in diesem zweiten Teil um ein Krankheitsverständnis, in welchem Form und Inhalt, Körper und Seele wieder - wie im frühesten Wissen der Menschheit - vereinigt sind.
Beide Bände beruhen auf einer in unserem gesellschaftlichen Bewußtsein weithin unbeachteten Theorie, die ich in folgenden Thesen zusammenfassen möchte:
1. Es gibt nicht verschiedene Krankheiten, so wie es auch nicht verschiedene "Gesundheiten" gibt; wir befinden uns entweder im Zustand der Gesundheit oder im Zustand der Krankheit. Befinden wir uns in letzterem, so ist niemals nur ein Organ oder ein Körperteil krank, sondern immer der ganze Mensch.
2. Krankheit bedeutet den Verlust einer Ausgewogenheit, einer ausbalancierten Ordnung im Bewußtsein des Menschen, der sich als Symptom im Körper zeigt. Krankheitssymptome sind demzufolge stets Ausdrucksformen seelischer Konflikte.
3. Manifestiert sich im Körper ein Symptom, so zwingt es den Menschen, seine gewohnte Lebensführung zu unterbrechen und aufmerksam zu werden auf die in der Bewußtseinsebene liegende Ursache der Störung.
4. Das Krankheitssymptom ist nicht, wie die heutige Schulmedizin (im Gegensatz zu Hippokrates) meint, ein mehr oder minder zufälliges Ereignis ohne tiefere Bedeutung, sondern ein Signal, das auf seinen eigentlichen Sinn für den Menschen aufmerksam machen will.
(Dazu benutzt Dahlke einen, wie ich finde, einleuchtenden Vergleich: Wenn am Armaturenbrett des Autos eine Kontrollampe aufleuchtet, so würde es nicht genügen, sie zu entfernen, damit das Signal aufhört; man muß herausfinden, auf welchen verborgenen Fehler im Fahrzeug sie hinweist.)
5. Krankheit läßt sich nicht aus einer Kausalkette von äußeren Ursachen in der Vergangenheit erklären
(Warum habe ich eine Erkältung? Weil ich infiziert worden bin. - Warum bin ich infiziert worden? Weil mein Immunsystem schwach ist. - Warum ist mein Immunsystem schwach? Weil ich es von meinen Eltern so geerbt habe. - Irgendwann, so Dahlke, würde man mit dieser Fragetechnik beim Urknall ankommen),
sondern aus einer Absicht, die in der Zukunft liegt.
(Der Leichtathlet läuft nicht nur deshalb los, weil er das Startsignal gehört hat, sondern hauptsächlich wohl, weil er gewinnen will.)
6. Insofern ist Krankheit auch nicht ein zufälliges, lästiges Schicksal, sondern eine Chance: Sie enthüllt uns eine Botschaft über uns und eine Aufgabe, die uns gegeben ist. Krankheit will uns zu einer Weiterentwicklung verhelfen und bekommt dadurch Sinnhaftigkeit.
7. Dieser Sinn, den es zu finden gilt, drückt sich in Symbolen aus, die zu deuten sind.
(Unsere Sprache weist naturgemäß auf diesen Zusammenhang zwischen Psychischem und Physischem hin: Ärger schlägt mir auf den Magen, ein Konflikt geht mir an die Nieren; eine Enttäuschung nehme ich mir zu Herzen usw.)
Das Buch enthält nach einer Einführung in Dahlkes Lehre interessante Gedanken zu Ritualen in unserer Gesellschaft (Übergangsrituale, Rituale in der alten und in der modernen Medizin, Krankheit als Ritual), gibt praktische Hinweise zur Symptom-Deutung und wendet sich im Hauptteil dann der exemplarischen Bearbeitung von Krankheitsbildern zu.
In 24 Kapiteln werden Deutungsversuche häufig vorkommender Erscheinungsformen von Krankheit vorgestellt, so unter anderem: Krebs, Tinnitus, Nasenbeinbruch, Gehirnerschütterung, Schüttellähmung, Schlaganfall, Epilepsie, Querschnittslähmung, Gürtelrose, Achillessehnenriß, Fußpilz, Alzheimersche Krankheit.
Der Autor versäumt es dabei jedoch nicht, immer wieder darauf hinzuweisen, daß mit der Deutung von Krankheitsbildern sehr verantwortungsbewußt umgegangen werden muß, um Patienten nicht zu verunsichern, und daß keine Schuldgefühle bei ihnen hervorgerufen werden und sie keinesfalls vom Arztbesuch abgehalten werden dürfen. Diese Hinweise halte ich für besonders wichtig, zumal ich befürchte, daß Leser(inne)n, die Dahlkes Anliegen nicht im vollen Umfang verstehen, in ihrem Verhalten gegenüber eigener und fremder Krankheit leicht Einschätzungsfehler unterlaufen können.
Zwischen den einzelnen Kapiteln sind Fragen zur Selbstkontrolle eingefügt, die ich sehr nützlich finde, weil sie ein gründliches weiteres Nachdenken herausfordern. Ein umfangreicher Anmerkungsteil und ein ausführliches Register sowie eine Liste der Veröffentlichungen Dahlkes komplettieren diesen Band von 447 Seiten.
Mich hat die Durcharbeitung dieses sehr anspruchsvollen Buches einerseits viel Mühe gekostet, andererseits aber auch reich belohnt mit interessanten Denkanstößen und wertvollen Erkenntnissen. Nicht allem, was darin steht, kann ich rückhaltlos zustimmen, aber es hat meinen Horizont geweitet und ist mir eine unschätzbare Diskussionsgrundlage im privaten wie im professionellen Bereich geworden.
Ich kann es jedem aufgeschlossenen, bildungshungrigen und unvoreingenommenen Leser, der gern Lesevergnügen mit Lesemühe verbindet, nur sehr empfehlen!


Mit dem Euro durch Europa
Mit dem Euro durch Europa
von Johannes Buch
  Taschenbuch

15 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Einheit in der Vielfalt, 19. April 2002
Rezension bezieht sich auf: Mit dem Euro durch Europa (Taschenbuch)
Seit knapp vierzehn Wochen habe ich nun das EURO-Geld in der Tasche, aber bisher ist mir nur ein einziges Geldstück in die Hände gekommen, das etwas anderes auf seiner Rückseite zeigt als Bundesadler, Brandenburger Tor oder Eichenblatt. Dabei stelle ich es mir ganz reizvoll vor, nach und nach eine Sammlung der Münzen aller Euro-Länder zusammenzutragen.
Wenigstens habe ich kürzlich schon mal dieses Büchlein im praktischen Westentaschenformat als einen wertvollen Helfer bei einem solchen Vorhaben entdeckt. Seine handliche Größe (16 x 9 cm) und sein robuster transparenter Kunststoffumschlag erlauben es, den Ratgeber schon unterwegs zu befragen, welchem Land die im Wechselgeld enthaltene Münze zuzuordnen ist.
Die Qualität der Farbfotos ist - vor allem dank dem (übrigens laut Deklarierung chlorfrei gebleichten) Kunstdruckpapier - sehr gut. Der Druck und die (in ihrer Art und Größe für ein Taschenbuch gut passende) Schrift sowie die mehrfarbige Gestaltung und die Farbunterlegung von Textteilen zeugt nicht nur von einer ausgezeichneten typographischen Arbeit, sondern macht die Darstellung auch sehr übersichtlich und läßt sie zu einem optischen Genuß werden
Auf 96 Seiten enthält es:
eine übersichtliche Zusammstellung der Münzrückseiten aller zwölf Euro-Staaten mit Erläuterung ihrer nationalen Symbole,
eine Darstellung der sieben Banknoten mit Erklärung ihrer Sicherheitsmerkmale und ihrer Symbole europäischer Baukunst,
Hinweise zur Umlaufmenge der jeweiligen Münzen und Banknoten,
Kurzporträts der Euro-Länder mit Angaben zu Geographie, Politik und Wirtschaft,
111 Quizfragen rund um den Euro mit den dazugehörigen Antworten.
Wenn ich also z.B. feststellen möchte, wo das 2-Euro-Stück mit dem loorbeerbekränzten markanten Männerhaupt herkommt, das ich da kürzlich bekommen habe, dann erfahre ich zunächst aus der Hauptübersicht auf den beiden inneren Umschlagseiten, daß sie in Italien geprägt wurde, und dann kann ich auf Seite 41 nachlesen, daß es sich um das Bildnis von Dante Alighieri (1265-1321) handelt, über den mir die wichtigsten Informationen gleich mitgeliefert werden. Und auf Seite 40 links daneben finde ich darüber hinaus schließlich noch in komprimierter Form Angaben zu Fläche, Einwohnerzahl, Bevölkerungsdichte und Bevölkerungswachstum, zu Staatsform und Regierungschef, zur territorialen Gliederung, zu den Amtssprachen und Nationalfeiertagen, zu den größten Städten, längsten Flüssen, höchsten Bergen, zu Bruttoinlandsprodukt, Exporten und Importen, Mehrwertsteuerhöhe und Arbeitslosenquote, zum Erfüllungsstand der Maastricht-Kriterien und zu den Schöpfern der Münzrückseiten-Entwürfe. Damit ist mein Informationsbedürfnis fürs erste befriedigt.
Besonders lobend möchte ich die Kommunikationsfreudigkeit des Verlages erwähnen, die in der Einladung der Leser zum Ausdruck kommt, ihre Meinungen, Berichtigungen und Verbesserungsvorschläge mitzuteilen. Ich bin ihr gern gefolgt.
Alles in allem erscheint mir das kleine Bändchen als ein bibliographisches Meisterstück, das, so meine ich, eigentlich in die Tasche jedes Europäers gehören sollte. (Vielleicht ein kleiner Geschenkhinweis für den nächsten Geburtstag?) Es bildet seinen Besitzer nicht nur, sondern leistet darüber hinaus einen kleinen, aber doch wichtigen Beitrag zum weiteren mentalen Zusammenwachsen Europas – auch wenn es sich vorerst nur um das halbe Europa handelt...


Wie wir sterben: Ein Ende in Würde?
Wie wir sterben: Ein Ende in Würde?
von Sherwin B. Nuland
  Taschenbuch

66 von 66 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Das Sterben sollte kein Tabu-Thema mehr sein!, 17. April 2002
Auf 400 Seiten (mit detailliertem Stichwortverzeichnis) gibt Nuland sehr ausführlich und in einer für den Nicht-Mediziner gut verständlichen Sprache detaillierte Antworten auf die Frage, wie der Vorgang des Sterbens verlaufen kann. Er zeigt dies exemplarisch an den sechs häufigsten Krankheitsbildern, die zum Tode führen: Herzversagen, Krebs, AIDS, Alzheimersche Krankheit, gewaltsame Tötung (durch fremde und eigene Hand) und Alterstod. Er zeigt dem Leser,
- wie (im Prinzip) gleich und wie (im Einzelfall) unterschiedlich diese verschiedenen Symptome beharrlich und unbeirrt ihr zerstörerisches Werk betreiben, bis der Organismus nicht mehr lebensfähig ist;
- welche (zunächst an sich harmlose) biologische Veränderung oder physiologische Funktionsstörung zu welchen weiteren (immer weniger harmlosen) Folgeschäden führt und wie dieser Teufelskreis des im Körper um sich greifenden Chaos sich dem Menschen bemerkbar macht;
- wie machtlos die Medizin auch heute noch ist, dieser einmal ins Rollen gekommenen Lawine wirksam Halt zu gebieten, und daß der Arzt diese Grenze der Möglichkeiten - die ihm rational durchaus bewußt ist - irgendwann auch emotional akzeptieren und eine mitmenschliche Begleitung des Sterbenden an die Stelle der letztendlich objektiv erfolglosen Bemühungen zur Verlängerung eines nicht mehr rettbaren Lebens setzen muß.
Sehr beeindruckend finde ich die Darstellung, daß auch ohne Krankheit der Tod Endpunkt eines bereits im frühen Embryonalstadium beginnenden Alterungsprozesses ist, der, weil er einer biologischen Gesetzmäßigkeit folgt, objektiv nicht aufgehalten werden kann. Demzufolge seien, so Nuland, solche Symptome wie Arteriosklerose, Bluthochdruck, Altersdiabetes, Fettleibigkeit, Verwirrtheit, Krebs und Immunschwäche u.a. zwar die konkreten Anlässe, nicht aber die eigentliche Ursache des Todes: die Altersschwäche. Der Autor zieht daraus die Schlußfolgerung, daß die Ärzte sich mit den Grenzen der Natur abfinden müßten und nicht ihren Berufsehrgeiz dafür einsetzen sollten, das Leben sterbenskranker alter Menschen bis über diese natürliche Grenze hinaus um jeden Preis ausdehnen zu wollen.
Als einen Kernsatz habe ich meinem Exemplar von Nulands Buch dick rot unterstrichen: "Am Ende des Lebens steht der Tod und nicht der Versuch, das Sterben zu verhindern. Der atemberaubende Fortschritt der Wissenschaft in unserem Jahrhundert hat dazu geführt, daß unsere Gesellschaft hier falsche Akzente setzt. Der Sterbende muß im Drama des Todes als Hauptfigur wieder in den Mittelpunkt rücken." (S. 376)
Bei aller prinzipiellen Zustimmung zu diesem Standpunkt sehe ich aber auch eine große Gefahr in ihrer möglichen logischen Konsequenz. Wenn Nuland z.B. den Sinn krebsbedingter Totaloperationen oder gar von Dialysebehandlungen für Hochbetagte ernsthaft in Frage stellt, dann könnte sich in der Zukunft eine zahlungsunfähig gewordene gesetzliche Krankenversicherung auf solche Überlegungen berufen, wenn sie (wie in Großbritannien heute schon Realität) alten Menschen ohne Vermögen aus Kostenersparnisgründen lebenswichtige Therapieformen vorenthalten und sie damit zum vorzeitigen Tod verurteilen will!
Ebenso teile ich nicht Nulands befürwortende Haltung gegenüber der aktiven Euthanasie und seine abwertende Ansicht zur Selbsttötung, die sich nach meiner Überzeugung jeglicher moralischer Bewertung entzieht.
Der Verfasser führt den Leser zu der ernüchternden Erkenntnis, daß trotz bester Absicht ein Sterben in Würde nur in seltenen Einzelfällen erreichbar ist: Den meisten von uns wird ein Ende ohne die spürbaren Merkmale einer auch heute noch unbeeinflußbar grausamen biologischen und klinischen Realität versagt sein.
Diese schonungslose Darstellung der Wirklichkeit habe ich aber nicht als Horrorszenario empfunden, sondern
- es hilft mir dabei, von idealisierten Sterbensvorstellungen Abschied zu nehmen;
- es erleichtert mir die Erfüllung meines Anliegens, beim medizinischen Personal für die notwendige Prioritätsverschiebung zugunsten der mitmenschlichen Zuwendung zu Sterbenden zu werben;
- und es verstärkt meinen Wunsch, die mir verbleibende kostbare Zeit möglichst sinnerfüllt zu leben.
Die Sprache Nulands ist trotz der Härte der dargestellten Realität einfühlsam bis ehrfürchtig; jene Rigorosität im Ausdruck mancher Mediziner, die tagtäglich mit dem Sterben konfrontiert sind, ist ihm erfreulicherweise nicht anzumerken.
Dieses Buch ist mir nicht nur eine wertvolle Grundlage für meine Arbeit geworden, sondern hat auch mein Verhältnis zum Sterben nachhaltig beeinflußt.
Bei aller Widersprüchlichkeit überwiegt sein informierender, aufklärender und (im positiven Sinne) bewußtseinsverändernder Wert. Ich möchte es jedem kritischen Leser empfehlen, der die – unbedingt auch kontrovers zu führende - Auseinandersetzung mit den behandelten Themen nicht scheut. Die meisten von uns beschäftigen sich ohnehin zu wenig mit den wirklich wichtigen Fragen des Lebens, wie ich immer wieder bedauernd feststelle.


Nach dem Sturz
Nach dem Sturz
von Reinhold Andert
  Gebundene Ausgabe

12 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein unbeachtetes Buch, das Beachtung verdient, 10. April 2002
Rezension bezieht sich auf: Nach dem Sturz (Gebundene Ausgabe)
Nachdem ich das 1990 von Reinhold Andert und Wolfgang Herzberg im Aufbau-Verlag Berlin herausgegebene Buch "Der Sturz. Honecker im Kreuzverhör" mit großem Interesse gelesen hatte, war ich sehr gespannt auf die Fortsetzung "Nach dem Sturz. Gespräche mit Erich Honecker. Aufgezeichnet von Reinhold Andert" (Verlag Faber & Faber Leipzig 2001, mit einem Bildteil).
Und meine positive Erwartung wurde nicht enttäuscht.
Der Autor gibt in Zusammenfassungen von Gesprächen mit dem letzten Staatsoberhaupt der DDR in intimer Atmosphäre wieder, wie Honecker sich als heimatloser Privatmann in seinen letzten Jahren zu Fragen aus der Geschichte der DDR sowie zu deren Ende und der Zeit danach geäußert hat. Diese Aussagen bettet Andert ein in eigene Erinnerungen, Reflexionen und Tatsachenberichte, so daß ein abgerundetes Bild von einer ganzen Epoche und vom Scheitern eines gesellschaftspolitischen Jahrhundertversuchs entsteht. Die Art, wie er das tut, läßt sein ehrliches Bemühen erkennen, möglichst frei zu bleiben von erkenntnisbehindernden Vorurteilen. Er führt lediglich Sachverhalte vor Augen, das Bewerten überläßt er weitgehend dem Leser. Diese Autorenhaltung finde ich besonders bemerkenswert, da sie bei der Darstellung der DDR und ihrer Repräsentanten leider nicht häufig zu finden ist; die meisten Arbeiten, die seit 1990 zu diesem Thema veröffentlicht wurden, sind mehr oder weniger von einer – politisch bedingten - Voreingenommenheit der Autoren geprägt und kranken demzufolge an einer einseitigen und mit der historischen Wahrheit sehr großzügig umgehenden Betrachtungsweise.
Reinhold Andert, Jahrgang 1944, vor allem bekannt als Liedermacher, der später aus der SED ausgeschlossen worden war, kennt die Vorzüge und die Schwächen des DDR-Sozialismus aus eigener Erfahrung, und er vermag sie in der Rückschau objektiv zu sehen. Er nennt Unrecht Unrecht (soweit es auch damals schon Unrecht war!), aber er verabsolutiert es nicht, wie es sonst das gedankenlose Reden vom "Unrechtsstaat" bis heute immer wieder tut. In der einfühlsam-subtilen Sprache eines verantwortungsbewußten Menschen, der mit dem Wort souverän umzugehen weiß, legt er tiefere Ursachen und Zusammenhänge frei, die sich bei allzu vereinfachender Sicht nicht erschließen lassen.
Andert ist sich offensichtlich der Tatsache bewußt, daß es zwei völlig verschiedene Dinge sind, eine Sache zu verstehen und sie zu billigen. Er beschönigt nichts, aber er unterliegt auch an keiner Stelle der Gefahr einer Pauschalverurteilung, die nicht nach den Quellen für bestimmte Fehlentwicklungen fragt. So erklärt er beispielsweise, durch welche historisch, politisch und psychosozial nachvollziehbaren Gründe die "Abschottung" der Mitglieder des Politbüros in Wandlitz ursprünglich zustande gekommen war und weshalb sie auch später noch ohne Not beibehalten worden ist. Trotzdem aber sieht er dieses verhängnisvolle Phänomen durchaus mit dem nötigen kritischen Abstand. Er beschreibt detailliert das Leben in dieser Siedlung und schildert sehr differenziert das unterschiedliche Verhalten einzelner Politbüromitglieder sowie ihren Umgang miteinander und mit dem Dienstpersonal, und er enthält sich dabei jeglicher plumper Verallgemeinerungen. Nirgendwo ist auch nur der leiseste Anflug zu spüren von Sensationshascherei und Enthüllungs-Journalismus.
Es werden solche Themen berührt wie
- das Politbüro der SED und seine Mitglieder,
- die Beziehung zwischen Honecker und Mielke,
- das gestörte Verhältnis Honeckers zur sowjetischen Parteiführung von Anfang an,
- seine Sehnsucht nach der Einheit Deutschlands in einer antiimperialistischen Welt,
- Honeckers persönliche Verarbeitung der Ereignisse nach seinem Rücktritt,
- die Rolle Margot Honeckers in der Politik und im Leben ihres Mannes,
- die Periode der Hetze und Verleumdung gegen die politischen Verantwortungsträger 1989/90 und die heute inzwischen differenziertere Wertung durch die ehemaligen DDR-Bürger,
- die politischen, ökonomischen und psychologischen Folgen der Angliederung des Gebietes der ehemaligen DDR an das alte Bundesgebiet für die Menschen in den neuen Bundesländern.
Wir erfahren aus Anderts Buch etwas über charakterschwache Persönlichkeiten, die ihre hohe Position kaltschnäuzig zum eigenen Vorteil ausgenutzt haben; aber wir lesen auch von der Tragik jener alten und jungen Kader in der SED-Führung, die immer einfach und bescheiden geblieben sind und die subjektiv überzeugt waren, mit ihrem Einsatz dem Sozialismus und dem Volk zu dienen, ohne wirklich erkennen zu können, daß sie ihm objektiv Schaden zufügten.
Und wir erfahren auch, daß Erich Honecker vor allen minutiösen Berichten an das Ministerium für Staatssicherheit über Mängel und Unzulänglichkeiten des DDR-Alltags, über die Versorgungsengpässe und die Rechtsbrüche durch Behörden, die Behinderung der Demokratie und die maßlose geheimdienstliche Überwachung von Bürgern und über die wachsende Unzufriedenheit der Menschen stets konsequent und sicher abgeschirmt wurde. Und weil tatsächlich nichts von den wirklichen Stimmungen in großen Teilen der Bevölkerung bis zu Honecker hatte vordringen dürfen und können, glaubt Andert – zurecht, wie ich meine - dem ehemals mächtigsten Mann im Staate auch, wenn dieser sagt, daß ihn die "Gorbi, Gorbi!"-Rufe der FDJ am 7. Oktober 1989 zutiefst erschüttertet hätten.
Ein seitenlanges Zitat aus einer anderen Veröffentlichung hätte ich mir etwas kürzer und an seiner Stelle eigene Aussagen des Verfassers gewünscht. Aber die hohe Brisanz des Zitierten hat mich dann doch auch wieder mit seiner Länge ein wenig versöhnt.
Im Unterschied zu anderen in letzter Zeit erschienenen tendenziösen bis diskriminierenden Honecker-Biographien und DDR-Geschichtsdarstellungen halte ich Reinhold Anderts Buch für einen ehrlichen und gelungenen Beitrag zu dem Bemühen, die Menschen in Ost und West mit ihren unterschiedlichen Lebensläufen durch ein besseres Verständnis dafür, was die DDR für die Mehrheit ihrer Bürger wirklich war und weshalb sie scheitern mußte, näher zusammenzuführen.
Diese über zweihundert Seiten haben mich gefesselt, und ich möchte ihre Lektüre jedem Deutschen in West und Ost sehr empfehlen!


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