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Rezensionen verfasst von
film-o-meter "Dr. M." (Aßlar)

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EASYmaxx Mini-Waschmaschine 260W weiß/blau ( Mit Schleudergang, Ideal zum Camping )
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Wird angeboten von in-trading
Preis: EUR 59,99

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Geschenkt noch zu teuer, 19. Februar 2017
Auf dieses Produkt bin ich Ende November in einem NETTO-Prospekt aufmerksam geworden. Natürlich ist man bei so einer billigen Waschmaschine erst mal skeptisch, aber die Idee, die dem Produkt zugrunde lag, erwies sich als durchaus tauglich: Man wäscht kleine Mengen 12 bis 15 Minuten lang, füllt selbst Wasser ein und lässt dieses dann durch den kleinen Plastikschlauch auch wieder ab. Das eigene Badewannenwasser ließ sich so prima zweitverwerten – Wasserverbrauch gleich Null! Die Waschtrommel fungiert, nachdem man die feuchte Wäsche selbst entfernt hat, zugleich als Schleuder. Die Schleudertrommel setzt man selbst auf dafür vorgesehene Verankerungen auf. Das alles funktionierte auch gut, allerdings nicht lange: nur für die Dauer von fünf bis sechs Wäschen. Danach wurde die Trommel – ohne Fremdeinwirkung – leck und überflutete mein ganzes Badezimmer. Ich hielt das für ein einmaliges Versehen und gab der Maschine eine zweite Chance – schließlich war sie brandneu. Doch auch diesmal: eine Stunde Extraarbeit für das Bodenwischen. Immerhin ist mein Badezimmer nach dem Waschgang immer blitzsauber. Ist ja auch ein Vorteil. Als ich nun die Maschine in die Badewanne setzte, schien das Problem mit der Überflutung gelöst. Zugleich konnte das Abwasser gleich problemlos abfließen. Inzwischen verlor die Maschine jedoch so viel Wasser, dass man ständig von oben nachkippen musste, damit noch genug Wasser in der Trommel war. Der Waschgang wurde zum betreuungsintensiven Vorgang.
Auch das Schleudern war ohne Aufsicht nicht möglich, denn die Maschine hopste in der Gegend herum wie ein Amok laufender Roboter und musste festgehalten werden. Man kann sich ausmalen, dass die Zeitersparnis, die ja durch einen Waschautomaten erzielt werden soll, nicht mehr gegeben ist, wenn man die ganze Zeit entweder die Maschine festhalten oder fortwährend Wasser nachkippen oder den vollgelaufenen Boden wischen muss, während ein Waschgang läuft. Doch auch dieses Problem löste sich quasi von selbst: Die Maschine stellte ihren Dienst ein. Erst gab sie noch ein kurzes Brummen von sich, wenn ich sie einschaltete. Inzwischen sagt sie gar nichts mehr, nicht Piep und nicht Pop.
Seit die Maschine kaputt ist, bin ich so glücklich wie Hans im Glück mit seinem in den Brunnen gefallenen Mühlstein. Wie Hans im Märchen der Brüder Grimm wäre es mir wohl am besten ergangen, wenn ich meinen Geldbeutel schön festgehalten hätte, als ich an der Easymaxx-Waschmaschine vorbeikam. Denn die Waschmaschine vom Typ Easymaxx ist keine umgerechent hundert Mark wert. Es handelt sich vielmehr um mehrere Kilogramm Plastikschrott, bei dessen Anschaffung man dem Kunden Geld hätte zugeben müssen, um die unweigerlich entstehenden Entsorgungskosten zu erstatten. Meine Vermutung: Das Produkt wurde in einem ostasiatischen Arbeitslager hergestellt, wo sich Sklavenarbeiter durch fehlerhafte Verarbeitung für ihren kargen Lohn rächen wollten, billig importiert und vom Importeur mit neunzigprozentiger Gewinnmarge weiterverkauft.Dafür spricht, dass nirgendwo steht, woher das Produkt stammt.
Ich werde jetzt mal die angegebene Service-Adresse anschreiben. Im Erfolgsfall werde ich an dieser Stelle berichten.
Fazit: Für dieses Produkt kann ich keine Kaufempfehlung, sondern nur eine Verschrottungsempfehlung aussprechen. Dieses Produkt könnte Menschen gefallen, die zu viel Geld haben und Schrott sammeln.


Siebentürmeviertel: Roman
Siebentürmeviertel: Roman
von Feridun Zaimoglu
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Gangs of Istanbul, 11. Juni 2016
Dieses Buch erinnert an einen dreistündigen Martin-Scorsese-Film. Wie in Casino oder, noch passender, Gangs of New York ertappt man sich immer wieder bei der Frage: »Wann geht es denn nun endlich los? Wann kommt die Handlung in Schwung? Wann zeichnet sich endlich ab, was für eine Geschichte uns hier erzählt werden soll?« Spätestens am Ende des ersten Teils wird klar: Da kommt nichts mehr. Es wird weitergehen im Anekdotenstil. Es wird weitergehen mit einzelnen Episoden um skurrile Krämerseelen, lüsterne Weibsbilder oder gewalttätige Extremisten, die sich zweifellos zu einem großen Bilderbogen, zu einem Panoptikum des Istanbuler Großstadtlebens in den vierziger Jahren, zusammenfügen, das durchaus zu faszinieren, aber zu keinem Zeitpunkt zu fesseln vermag. Am besten fasst der Autor selbst die Stärken und Schwächen seines Romans zusammen: »Große Worte. Große Gefühle. Und am Ende doch nur Gewalt« (S. 782).

Erzählt wird also mit großen Worten die Geschichte (wenn es denn eine ist) des zu Beginn des Romans sechsjährigen Wolf, einer deutschen Halbwaise, dessen Vater Franz vor den Nazis nach Istanbul geflohen ist, den Knirps dort in die Obhut des türkischen Patriarchen Abdullah Bey gibt und verschwindet. Abdullahs eigener Sohn Batur verstirbt zu Beginn des Romans. Wolf nimmt gleichsam seinen Platz in der Familie ein. Franz lässt sich anschließend nur noch selten blicken oder von sich hören, gelegentlich kommen Briefe. Wolf, der seines Aussehens wegen Arier oder auch Hitlersohn genannt wird, verbringt seine Kindheit im Schatten des Weltkriegs in einem Armeleuteviertel, geprägt von Religion und Tradition, Aberglaube und Ehrenkodizes. Sein Pflegevater Abdullah Bey ist Eisenbahner von Beruf. Viel wichtiger ist jedoch seine Stellung innerhalb des Viertels, dem der Roman seinen Namen verdankt: Abdullah ist der heimliche Chef einer »Bürgerwacht«, die ' musterhaft für die »Parallelgesellschaften« unserer Tage ' auf eigene Faust im Siebentürmeviertel für Recht und Ordnung sorgt. Sein prominentestes und für den Fortgang der Handlung wichtigstes Opfer ist der dämonische Tier- und Menschenquäler Kaytun, Sohn eines tschetschenischen Sippenoberhaupts, das fortan danach trachtet, sich an Abdullah zu rächen. Sein Zweitgeborener Kubilay, im ersten Teil noch einer von Wolfs besten Freunden, wird aus diesem Grunde später zum erklärten Todfeind des Jungen und seines Pflegevaters. Auch Abdullahs Tochter Derya entfremdet sich, als Wolf heranwächst, von ihrem angenommenen Bruder, weil sie ihm vorwirft, den Platz ihres verstorbenen richtigen Bruders Batur eingenommen zu haben. Das modern denkende Mädchen, das ihre männlichen Bewerber, etwa den Griechen Yorgo (der später ebenfalls ein Opfer der Bürgerwacht wird), unentschlossen hinhält, schließt sich der bolschewistischen Bewegung an und verschwindet Mitte des zweiten Teils, mutmaßlich in Richtung Sowjetunion, aus der Geschichte, weil ihr als Kommunistin in der Türkei Verfolgung droht.

Der erste Teil, also die ersten 400 Seiten des Romans, sind geprägt von Wolfs Erlebnissen als Mitglied einer fünfköpfigen Jugendbande, die sich gelegentlich entzweit oder durch die Umstände (Baturs Tod) verkleinert und ständig in blutige Konflikte gerät, sodass Wolf schon früh mit Narben übersät ist. Zu der Bande gehören neben dem Tschetschenen Kubilay und dem eher unscheinbaren Burak die beiden »Hinterbackenlüstlinge« Dschenk und Nuyan, die schon als Kinder wegen homoerotischer Neigungen ins Gerede kommen. Höhepunkt des ersten Teils ist eine Schlacht der Kinder aus Wolfs Bande mit den anscheinend übermächtigen Bauernkindern, die durch eine List in die Flucht geschlagen werden: Die Mädchen des Viertels haben sich als Untote verkleidet auf dem Kampfplatz vergraben und erschrecken die Bauernjungen beim Angriff zu Tode. Kleine Skandale wie die Schändung eines jungen Mädchens, vertuschte Morde wie an dem finsteren Tschetschenen Kaytun oder Selbstmorde wie der der unglücklichen Grundschullehrerin Ebru Hanim oder der »Herrin des kahlen Baums« sowie jede Menge exzentrischer Gestalten ' seltsame Heilige, heillos Zerstrittene, gnadenlos Ausgestoßene, hoffnungslos Verliebte, rettungslos Verrückte, ein als Orakel tätiger Opiumsüchtiger und ein rätselhafter Katzenmassakrierer ' markieren Wolfs steinigen Weg durch die Kindheit. Dass er jedoch als Sechsjähriger bereits komplexe Zusammenhänge durchschaut, einen Wortschatz wie ein Erwachsener hat und sich verliebt, gar erotische Anwandlungen hat, als wäre er zehn Jahre älter, befremdet, ist total unglaubwürdig. Vielleicht ist das auch ein ganz besonderer Kunstgriff des Autors. Auf mich wirkte es unnatürlich und die Hauptfigur damit so überfrachtet wie der Roman insgesamt. Es gelingt Feridun Zaimoglu auch nicht, der Vielzahl an Nebenfiguren so viel Eigenleben einzuhauchen oder sie so lebendig einzuführen, dass sie alle als eigene, unterscheidbare Charaktere auftreten können. Ob Wolf Gespräche mit dem Krämer oder dem Gerber ' bei beiden verdient er sich ein bisschen Geld durch Aushilfsarbeiten ', mit dem nasenlosen Süleyman oder dem Tagelöhner und Aushilfswachmann Schecho, mit Nuyan, Dschenk oder Burak führt: beliebig. Deshalb und weniger wegen der exotisch anmutenden Namen ist auch das Personenregister am Buchende so dringend erforderlich. Offenbar hat der Autor sich im eigenen Figurengestrüpp sogar selbst verheddert, denn zwei Mal nennt er die Untermieterin seiner Großmutter Tete, die attraktive Bela Palan, die auch eine kurze Affäre mit Wolfs Vater Franz hat und später Wolf in Liebesdingen unterweist, Bela Hanim, einmal (S. 562) wird Batur mit Burak verwechselt, was den Leser noch mehr verwirrt, als er angesichts der Flut austauschbarer Figuren sowieso schon ist.

Im zweiten Teil sehen wir Wolf dann an einer deutschsprachigen Schule im europäischen Teil von Istanbul. Neue Figuren treten auf: der »Führer« genannte Direktor, die Mitschüler Hezro, Mete und Remsi, die Schülerinnen Meneksche und Feray. Und es geschieht ein heimtückischer Mord: Wolfs Freunden Dschenk und Nuyan, deren Homosexualität sich immer mehr herumgesprochen hat, wird die Kehle durchgeschnitten. Der mächtige Rustam Bey, Kaytuns und Kubilays Vater, steckt hinter der Tat. Eine klassische Entscheidungsschlacht bahnt sich an in dem Konflikt zwischen Abdullah und dem Tschetschenen, als der Krämer Fewsi die Seiten wechselt und gegen Abdullah intrigiert. Er wird zum Sprachrohr einiger im Viertel, die Abdullahs heimlichen Führungsanspruch nicht mehr anerkennen wollen. Doch ein Schiedsspruch der Reichen des Viertels beendet den Konflikt unblutig. Abdullah bleibt unangetastet. Dass es an dieser Stelle nicht zum großen Showdown kommt, ist symptomatisch für den Roman, der sich beharrlich weigert, das eine große Bild zu zeichnen, zu dem die vielen kleinen, aus denen er besteht, sich zusammenfügen ließen. Im Grunde erzählt Zaimoglu keinen Roman, sondern eine fiktive (Teil-)Biografie und ein Leben ist manchmal, Alain Resnais zum Trotz, eben doch kein Roman. Statt sich auf den einen zentralen Konflikt zu konzentrieren experimentiert Zaimoglu mit Erzählformen und Sprachkonstrukten herum, die die Lektüre seines Romans phasenweise unerträglich machen, etwa durch die im zweiten Teil mehrfach eingeschobenen Passagen expressionistischer oder postkubistischer Nonsens-Literatur, die der Leser Wolfs Bekanntschaft mit dem exzentrischen Dichter Tan verdankt, der später ebenfalls untertauchen muss. Kostprobe: »Nimm deinen Schnapsjubel, dein Gottvertrauen, huste aus die Brocken, die Wortlaute, nimm deine Vertröstung, den zerbissenen Abfall. Die Schalen des Zorns sind umgestoßen. Nimm den Hungerlohn, deine leeren Schalen, in denen es dir verboten war, zu rühren, nimm die Tiegel und das Schminktäschchen der Geliebten, nimm ihren Geruch der letzten Nacht, nimm deinen letzten Seufzer im Augenblick deiner leiblichen Erfüllung, blase alles auf mit deinem Lungengas, mit dem Rest Luft in Kehle und Mund, und siehe: Dies ist deine Seele, und dein Staat, und dein balsamierter Heldenherscher« (S. 777).

Auch nicht für jeden Leser erquicklich ist es, dem Heranwachsenden dabei zusehen zu müssen, wie er auf tausend mögliche Arten und Weisen immer wieder und in verschiedenen Stufen seine Unschuld verliert: Erst ist er verliebt in Meneksche, dann kniet er vor Feray und hat eine intime Begegnung mit ihr am Strand. Er lässt sich von der unglücklich in ihn verliebten Ayliye küssen, geht zu billigen und teuren Prostituierten und hat auch noch sexuelle Erlebnisse mit älteren Damen, von denen eine seine lüsterne Großtante Rena ist, bei der er wohnt, solange er die österreichische Schule besucht. Seine große Liebe ist aber Perihan, die Ausgestoßene vom Hohen Hain, eine durch zudringliche Männer geschändete und in Misskredit gebrachte junge Frau, die jetzt von Männern nichts mehr wissen will. Wie fast alle anderen Figuren des Romans ist Wolf aufbrausend und gewaltbereit, ein trieb- und Testosteron-gesteuertes, zur Keuschheit vollkommen unfähiges Wesen, dem keine Moral, höchstens ein fragwürdiger Ehrenkodex Kontrollschranken aufzuerlegen vermag. Schaut man sich kritisch an, was für ein Bild von orientalischer Kultur und Sittlichkeit hier entworfen wird, schaut man nicht nur als isolierter Leser auf das Sündenbabel aus Huren, Schmutz und Schlamm, aus Aberglauben, Blutrache und Gewaltexzessen, Hexerei und Sodomie, das Zaimoglu hier entworfen hat, packt einen mit Blick auf die aktuell in Deutschland geführte Zuwanderungsdebatte blankes Entsetzen. Wer will nach der Lektüre dieses Buches noch behaupten: »Das passt zu Deutschland«? Sollte dieses Buch wider Erwarten einem Pegida-Aktivisten in die Hände fallen, er könnte daraus jede Menge Argumente ableiten, warum die orientalische Kultur, die dieses Buch schildert als unzivilisiert und undemokratisch, korrupt, zügellos, lüstern, barbarisch und bigott, eben nicht zum Westen passt. Wer mag sich Wolf, Dschenk, Schecho oder Kaytun vorstellen als Menschen, die sich an Tempolimits in deutschen Wohnsiedlungen halten?

Das Hauptproblem des Romans ist und bleibt aber seine Unentschlossenheit, einen dramaturgischen Bogen zu spannen. Da ist es nur folgerichtig und passt ins Bild, dass es auch kein richtiges Ende gibt. Der Handlungsstrom versiegt abrupt wie bei einer Milchtüte, aus der plötzlich keine Milch mehr kommt. [SPOILERWARNUNG!] Zwar gibt es mit dem Tod Rustam Beys und mit der Entscheidung Wolfs, seinem Vater Franz nicht nach Deutschland zu folgen, am Ende zwei Ereignisse, die einen Endpunkt markieren könnten. Das funktioniert aber natürlich nur, wenn damit zwei zentrale Themen des Romans zum Abschluss gebracht werden. Doch so wie Zaimoglu seinen Roman angelegt hat, nämlich ohne den einen großen, dramaturgisch relevanten Handlungsstrang, kommt mit den beiden Ereignissen natürlich gar nichts zum Abschluss: Franz spielte für die Handlung sowieso kaum eine Rolle und die Todfeindschaft zwischen Wolf und Kubilay ist mit dem Tod von Kubilays Vater so wenig erledigt wie die meisten anderen angefangenen Handlungsstränge. Das Ende ist offen wie ein Scheunentor. Eine Fortsetzung könnte nahtlos an das Ende des Romans anknüpfen.

Wie man eine exotische historische Kulisse verwebt mit einer großen Romanhandlung, die diesen Namen auch verdient, kann man bei Zaimoglus Kollegen Sherko Fatah lesen, dessen Roman Ein weißes Land ganz ähnlich angelegt ist: Er spielt vor und während des Weltkriegs in Bagdad, er zeigt ebenfalls die politischen Zugkräfte und Einflüsse jener Ära auf eine orientalische Gesellschaft und stürzt einen jugendlichen Helden vor dem Hintergrund gewaltiger zeitgeschichtlicher Umwälzungen in eine Reihe von Abenteuern, die einen klaren Endpunkt haben. Und noch einen Riesenvorzug weist Sherko Fatah gegenüber Feridun Zaimoglu auf: Er ist nicht zu faul, seine Dialoge durch Anführungszeichen zu markieren, was es doch erheblich erleichtert, Figuren- und Erzählerrede auseinanderzuhalten. Herr Zaimoglu, nehmen Sie sich daran bitte ein Beispiel! Dann klappt's (vielleicht) auch mit dem Buchpreis!

Fazit: Großartige Tableaus, sinnliche, lebensgesättigte Milieuschilderungen, ein prall gefüllter Kosmos der kleinen Leute in einem sprachmächtigen Epos, das aus einer Vielzahl von stimmungsvoll geschilderten Episoden und Anekdoten kein großes Ganzes webt und infolgedessen mangels dramaturgischem Sog keinerlei Spannung erzeugt. Drei Sterne für den Roman, ein Stern Abzug für das stümperhafte Lektorat, das neben einigen falschen Namen selbst banalste Grammatikfehler übersehen hat (z.B. S. 555: »wie eine hungrige Krähe mit seinem Schnabel«), und das schlampige Personenverzeichnis, das total lückenhaft ist (Perhihan fehlt auf der Liste ebenso wie die Sekretärin des Geschäftsmannes, für den Wolf neben der Schule Korrespondenz erledigt). Wer zu verantworten hat, dass der Roman in diesem halbgaren Zustand in Druck ging, gehört gefeuert.


Ruß: Roman
Ruß: Roman
von Feridun Zaimoglu
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Stuss, 24. Mai 2016
Rezension bezieht sich auf: Ruß: Roman (Gebundene Ausgabe)
Es gibt Bücher, bei denen wünscht man sich, es gebe auf ihrem Einband ähnliche Warnhinweise wie auf Zigarettenschachteln. Das würde sich in etwa so anhören: "Der Bundesbildungsminister warnt: Langweilige und zäh geschriebene Bücher können Frustration auslösen und so Ihre seelische Gesundheit in Mitleidenschaft ziehen!"

Das Buch des hoch gelobten Autors bürdet einen verwirrenden Inhalt sprachlich unerträglichen Sätzen auf, die eingedenk dieser misslungenen Mixtur zu derart klebrig-klobigen Pampebrocken verklumpen, dass sich ein zäher Wortbrei ergibt, unter dessen Last sich die damit bedruckten Seiten kaum noch umblättern lassen wollen. Die Lektüre wird dadurch zu einer solch übermenschlichen Anstrengung, dass ich sie nach achtzig Seiten entkräftet abbrechen musste, weil ich merkte, dass mein Widerwille, das Buch überhaupt wieder zur Hand zu nehmen, größer war als meine Neugier darauf, wie es weitergeht.

Darum geht es: Nach dem Tod seiner Frau, verursacht durch einen mörderischen Einbrecher, wurde Renz, die Hauptfigur dieser in Duisburg spielenden Geschichte, aus der Bahn geworfen. Der ehemalige Arzt, der sich jetzt gelegentlich als Künstler versucht und sich ansonsten am Wurstbudenstand seines Schwiegervaters verdingt, wird mit einem unmoralischen Angebot behelligt: Jemand wäre bereit, den Mörder seiner Frau zu beseitigen, wenn er sich dafür einige Zeit in Warschau um einen Verhaltensauffälligen kümmert. Renz nimmt an und wird von einem anderen Verhaltensauffälligen namens Karl nach Warschau kutschiert, wo er eine Reihe ziemlich wirr beschriebener Begegnungen hat, deren Sinn sich mir auch nach mehrmaligem Lesen nicht erschloss. Dass Zaimoglu zu den faulen Säcken unter den Autoren gehört, die keine Lust haben, ihrer Computertastatur die Eingabe von Anführungszeichen zur Markierung wörtlicher Rede zuzumuten, macht die ohnehin mühsame Lektüre nicht erquicklicher.

Fazit in alter Rechtschreibung: "Ruß" ist Stuß.


Kriegsbraut
Kriegsbraut
von Dirk Kurbjuweit
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Willkommen im Staub, 20. Mai 2016
Rezension bezieht sich auf: Kriegsbraut (Taschenbuch)
Zunächst sollte man vielleicht sagen, was dieser Roman nicht ist: Er ist kein spannendes Kriegsdrama mit einer deutschen Soldatin als Entführungsopfer der Taliban. Das könnte man bei dem Titel ja immerhin vermuten. Der Vergleich mit dem viel gelobten US-Spielfilm Jarhead - Willkommen im Dreck bietet sich schon deutlich mehr an. Denn genau wie in dem Film von James-Bond-Regisseur Sam Mendes spielt hier vor allem der Nicht-Krieg eine Rolle, also die Lagerlangeweile und quälende Monotonie innerhalb der Streitkräfte, die zwar in einem staubtrockenen und brüllend heißen Kampfgebiet stationiert sind, als so genannte Friedenstruppen aber tatsächlich kaum Feindberührung haben.

In das ISAF-Lager Kunduz hat es, mehr aus einer Verlegenheit heraus denn aus militärischer Überzeugung, Esther, eine junge Ostdeutsche von der Insel Rügen, verschlagen. Sie liegt mit zwei Kameradinnen auf derselben Stube, einer Ärztin namens Ina und einer etwas skurril sich gebärdenden, zu Depressionen neigenden Minenentschärferin, die sich Maxi nennt. Wichtig für die Handlung ist auch der russischsprachige Schuldirektor Mehsud, mit dem Esther eine Affäre beginnt. Die Gelegenheit dazu bieten die regelmäßigen Fahrten eines kleinen Kommandos zu der Schule, die den von den Taliban nicht erwünschten Schulunterricht gewährleisten soll. Der Schuldirektor ist auf der Flucht von seiner Familie getrennt worden und ohne Nachricht von seiner verschollenen Frau. Zögerlich öffnen sich beide für die in ihnen keimenden Gefühle der Zuneigung. Auf erste Küsse folgt schließlich eine Verabredung zum Sex an einem schulfreien Montag. Ausgerechnet auf der Rückfahrt von dem aus Esthers Sicht eher enttäuschend verlaufenen romantischen Stelldichein gerät der Militärkonvoi mit ihrem Fahrzeug unter Feindbeschuss. Zwei Soldaten sterben. Esther fordert einen US-Hubschrauber an, der das Gebäude zerstört, aus dem der Angriff erfolgt war. Fortan nagen Gewissensbisse an der jungen Soldatin, denn sie hatte auf dem Grundstück zuvor eine Frau und Kinder gesehen und bald stellt sich heraus, dass diese bei dem Bombardement des Gehöfts ums Leben gekommen sind. Ist sie jetzt schuld am Tod von unschuldigen Zivilisten?

Andere Rezensenten haben es schon bemängelt: Trotz journalistisch solider Vorbereitung und einer dem Text klar abzuspürenden Kenntnis der Topografie des Einsatzortes und der Lageratmosphäre am Hindukusch fällt Kurbjuweit, um die Handlung voranzutreiben, wenig mehr ein als der Griff in die Klischeekiste. Da muss natürlich eine der Soldatinnen die notorische Quoten-Lesbe sein (Maxi), da muss es zwischen US-Soldaten und den deutschen Soldatinnen natürlich bei erster Gelegenheit gleich zu erotischen Begegnungen kommen. Und auch der afghanische Schuldirektor hat keine großen Berührungsängste sich mit der Deutschen auf ein sexuelles Abenteuer einzulassen. So glaubwürdig, wie die Dekors rüberkommen, so ausgedacht wirkt, wie die Figuren vor dieser authentisch nachgezeichneten Kulisse agieren.
Noch dicker kommt es in der Vorgeschichte: Der Filmemacher Thilo (er träumt von einem großen Leni-Riefenstahl-Film!) lässt nichts anbrennen und beginnt eine Affäre mit Esther, wie sie Johannes Mario Simmel nicht klischeereicher hätte ersinnen können. Sie wächst sich aus zu einer Art Ménage à trois, als Esther dessen Frau Greta und ihre gemeinsamen Kinder kennen und schätzen lernt. Als schließlich klar, wird, dass Thilo Esther zwar begehrt, aber für sie nicht sein Leben ändern wird, kommt es in einer Art Übersprungshandlung zur Einschreibung bei der Armee. Doch bei ihrem ersten Heimaturlaub führt ihr Weg sogleich wieder zurück zu Thilo und Greta. Wie viele Bundeswehrsoldatinnen werden etwas auch nur annähernd Vergleichbares berichten können?

Was mich trotz der genannten Defizite für den Roman eingenommen hat, ist, dass er gar nicht erst versucht, durch eine zu affektierte oder prätentiöse Sprache als große Kunst daherzukommen. Die Dialoge wirken lebensnah und schnörkellos. Und vor allem die dramatischen Zuspitzungen gegen Ende, als der Konvoi der Bundeswehr unter Beschuss gerät, und sich wenig später um die depressive Maxi eine große Tragödie entspinnt, verleihen der Geschichte eine solide Spannung. Auch die Figuren kommen einem im Schlussteil näher, nachdem Kurbjuweit sich ihnen lange Zeit nur mit kühl-analytischer Erzählerstimme genähert hat. Mit Fatima, einer von Maxi mit einer selbst bestickten Burka ausgestatteten Schaufensterpuppe, die Ina und Esther eher als Scherz auffassen, die für Maxi aber wesentlich mehr ist, ist Kurbjuweit ein interessanter Kunstgriff gelungen: Die Puppe wird zum Reflexionsobjekt der seelischen Befindlichkeiten der drei Heldinnen und spielt schließlich beim dramatischen Finale eine zentrale Rolle. Und die Liebesgeschichte mit Mehsud? Sie findet ein ebenso banales wie folgerichtiges Ende, das Esther mit ihrer Sehnsucht nach tiefen Gefühlen und anhaltendem Liebesglück einmal mehr frustriert und desillusioniert zurücklassen wird.

Fazit: Dieser Roman ist keine große Kunst und auch kein vor Hochspannung knisterndes Kriegsepos; dafür bietet er eine Geschichte mit einer stimmig konzipierten Hauptfigur, deren Schicksalssommer zwischen Liebe und Krieg im Verlauf der Lektüre zunehmend zu fesseln vermag.


April: Roman
April: Roman
von Angelika Klüssendorf
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Aus dem Prekariat des real existierenden Sozialismus in die bunte Welt des Westens, 1. Mai 2016
Rezension bezieht sich auf: April: Roman (Gebundene Ausgabe)
Da ist sie also wieder, die verhaltensauffällige Jugendliche mit dem Spitznamen "Gerippe", die wir am Ende des Romans Das Mädchen als Siebzehnjährige in die Lehrzeit entlassen mussten. Im Stil des Vorgängers geht es weiter: kühl-distanziert und summarisch in der Darstellung, dennoch immer nah an der Hauptfigur, die sich in diesem Roman den Namen April zulegt und weiter durch die Wirrnisse und Unwägbarkeiten des Lebens taumelt, das sie am belastenden Erbe einer total verkorksten Kindheit schwer tragen lässt. Denn natürlich hat April die Misshandlungen ihrer Mutter und die ständige Abwesenheit ihres Vaters nicht einfach so weggesteckt, sie ist psychisch labil, reizbar, eine ständig tickende Zeitbombe. Diagnosen schwanken zwischen Borderlinerin und Hysterikerin. Ihre erste Arbeitsstelle als Bürohilfskraft im Starkstromanlagenbau ist schon daher zum Scheitern verurteilt. Sie sagt ihr auch nicht sonderlich zu. April eckt beim Chef an, weil sie Blödsinn treibt. Ein angeblicher Kumpel ihres Vaters aus dem Gefängnis zieht bei ihr ein, nur um Fräulein Jungnickel, ihre Vermieterin, zu berauben; April gerät in den Verdacht der Mittäterschaft. Privat gerät sie an Sven. Er wird ihr neuer Freund. Doch als sie feststellt, dass ihm eine Ménage à trois vorschwebt, weil Sven gleichzeitig mit einem homophilen Dichter zusammen ist, schüttet sie in einer ihrer typischen pathologischen Überreaktionen irgendein Gift in die Zuckerdose und hinterlässt Chaos in der Küche, ehe sie das Weite sucht. Nach einem Selbstmordversuch am Gasherd der Gemeinschaftsküche, wo das etwas absonderliche Fräulein Jungnickel sie findet und ihr so das Leben rettet, ist April dann ein Fall für die Psychiatrie. Dort lernt sie den manisch-depressiven David kennen, der später zu Aprils Entsetzen in der "Geschlossenen" landet. Nach ihrer Entlassung bekommt April eine überschaubare Arbeit im Museum für Völkerkunde zugewiesen. Sie wird weiter psychologisch betreut und damit sie die Stelle behalten kann, führt sie sich beim Besuch der Betreuerin so verrückt auf, dass sie nicht in den Alltag zurückkehren muss.
Mit den Jungs bleibt es schwierig. Sie führt ein reichlich unsolides Leben, erweist sich in Sachen Sex auch als typisches Kind der 70er-Jahre-Befreiung, für die Treue und Verbindlichkeit Schnee von gestern ist. In dem Choreografie-Studenten Hans findet sie einen Partner, der verlässlich erscheint, den sie jedoch nach Strich und Faden mit dem Theologie-Studenten Silvester, der vor dem Studium ihr Kollege im Museum war, und dem durchgeknallten Punker, Sänger der Punkband Augustapril, betrügt. Sie gerät in regimekritische Boheme-Kreise, freundet sich mit der Künstlerin Irma an und ist völlig perplex, als ihr Ausreiseantrag schließlich genehmigt wird.
In Berlin beginnt schließlich ein neues Leben, doch obwohl der Aufbruch in den Westen die kriselnde Beziehung zu Hans noch einmal belebt hat, wird April rasch klar, dass Hans nicht der Mann ist, an dessen Seite sie glücklich werden kann. "Sie kann weder ihre Liebe noch seine mehr fühlen. Am liebsten würde sie die Liebe in Flaschen abfüllen, um bei Bedarf Tropfen für Tropfen parat zu haben" (S. 163), ist so ein typischer Klüssendorf-Satz, der zeigt: Diese Autorin bedarf nicht unbedingt vieler schwieriger Worte, um komplexe emotionale Zustände zu veranschaulichen. In Berlin findet Hans Arbeit in einem Buchclub, April arbeitet als Putzfrau. Sie freundet sich mit der Mutter eines Spielkameradin von Julius an, die von ihrem Mann verprügelt wird. Vor allem aber dockt April auch in West-Berlin an Boheme-Kreise an. Sie kocht für Avantgarde-Musiker, bewirbt sich mit einem Gedicht über einen Obdachlosen erfolgreich um ein Literaturstipendium und gerät an einen hypochondrischen Maler, der zu Silvester einen Asteroiden-Einschlag erwartet. Er wird ihr neuer Partner, sie lernt Akupunktur für ihn, fährt mit ihm nach Sizilien, geht gemeinsam mit Michaels Freund Marco, einem Chirurgen, auf Entdeckungsreisen, fühlt sich in dem Sommerwetter pudelwohl, erlebt dann jedoch einen jähen Zusammenbruch, nachdem sie zu viel getrunken hat. Mit einer Fieberattacke kommt sie ins Krankenhaus. Als sie wieder daheim ist, erreicht sie eine Mitteilung aus dem Osten. Etwas ist mir ihrem Vater passiert...

Was auffällt an dem Bild der "DDR", das dieser Roman vermittelt, ist sein vergleichsweise menschliches Antlitz. In anderen totalitären Regimen hätte man behördlicherseits vermutlich weniger Rücksicht auf April genommen, die für ihre vielen Fehltritte am Ende mit einer Ausreisegenehmigung gleichsam belohnt wird. Lediglich die Reaktion auf einen Sitzstreik mit Kerzen (Kapitel 12), der zu Verhaftungen und langen Haftstrafen für die beteiligten Künstler und Intellektuellen führt, zeigt das im Westen bekannte "DDR"-Bild. So trägt dieser Roman möglicherweise auch zu einer gewissen Differenzierung in der Auseinandersetzung mit der "DDR" bei und sogar manches "Ostalgie"-Gefühl mag er bedienen. Die radikal subjektive Sicht der Dinge aus den Augen der Protagonistin macht zugleich klar, dass hier kein repräsentatives Gesellschaftsbild entworfen wird. Klüssendorf geht es immer um ihre Hauptfigur und darum, wie sie ihre Welt wahrnimmt. Unverkennbar hat dabei die eigene Biografie der Autorin Pate gestanden, woraus sich auch die kleinen Schwächen des Romans ergeben: Er steuert nie auf einen dramaturgischen Höhe- oder Wendepunkt zu, sondern die Ereignisse folgen relativ unverbunden aufeinander, eben so, wie das Leben sie serviert, nicht wie ein Filmdrehbuch oder ein Romankonzept es vorsieht. Mitunter erweckt das den Anschein einer fiktionalisierten Autobiografie. Figuren tauchen auf und verschwinden, wie man es aus seinem eigenen Leben kennt. Sie sind Wegbegleiter wie Tapeten an den Wänden, die irgendwann verschwinden, weil sie nicht mehr in die Zeit passen. Kaum eine Figur übt eine dramaturgische Funktion aus, die die Handlung einem Höhepunkt oder zumindest einem vorläufigen Höhepunkt entgegenführen könnte. Fast alle sind austauschbar, weglassbar wie die Jugendfreunde Sputnik, Frieder und Schwarze Paul, die bald nur noch ferne Erinnerungen sind, für den Leser noch mehr als für April, weil er sich zu viele Namen merken muss, mit denen er zu wenig Inhalt verbinden kann. Konstanten bilden nur Aprils Affinität zur Literatur, die sich auch im Westen in Künstlerkreise zieht, und die Menschen, mit denen das Leben April zusammengeschweißt hat: Hans, ihr Lebenspartner, und Julius, das Kind, das daraus entstanden ist, beides eher zufällig und ohne klare Planung dahinter.

"Meine Dramaturgie ist das Leben", scheint die Autorin uns sagen zu wollen. Normalerweise ist das freilich kein Rezept für einen Roman. Es klappt hier nur, weil April eben April ist, die One-Woman-Show sozusagen. Dass aus den vermeintlichen Banalitäten des Alltags eine fesselnde Lektüre entsteht, ist einzig dem Umstand geschuldet, dass April eine so extreme und extravagante Figur ist, dass alles, was sie macht oder unterlässt, an sich immer dramatisch genug ist, um das Interesse des Lesers wachzuhalten. Und immerhin muss das einem Autor ja auch erst mal gelingen.


Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr: Roman
Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr: Roman
von Franz Friedrich
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Die Luftnummer der Saison, 11. April 2016
Zwei große Fragen wirft dieser Roman von Franz Friedrich, einem Filmhochschulabsolventen mit topologischem Partikularinteresse, auf, eine, die den Leser wenig und eine, die den Leser vermutlich etwas mehr beschäftigt. Die erste Frage lautet: Warum schweigen die Meisen? Und die zweite: Warum hat Franz Friedrich nicht geschwiegen? Oder anders formuliert: Warum muss einer einen Roman schreiben, wenn er keine Geschichte zu erzählen hat? Es ist das alte Lied, um nicht zu sagen: Leid, in der deutschen Literatur: Große Epen verweigern sich dem Gestaltungswillen der deutschen Romanciers in geradezu furchterregender Weise ' oder sie sich Ihnen. Viele gehen daher den Weg von Ingo Schulze, Eugen Ruge oder Arno Geiger: einfach mehrere Geschichten mit unterschiedlichen Hauptfiguren, die für sich unter gnädigen Umständen als gelungene Novellen durchgehen würden, zu einem Roman zusammenschustern. Dabei können unter Umständen recht gelungene Werke herauskommen (Geigers Es geht uns gut, Ruges In Zeiten des abnehmenden Lichts, Stephan Thomes Grenzgang). Es kann aber auch so ausgehen wie hier.

Am Anfang lernen wir einen Studenten kennen, der im Jahre 2017 einen Dokumentarfilm der Filmemacherin Susanne Sendler zerstört, als er ihn im Archiv in Augenschein nimmt. In diesem Jahr haben die finnischen Lapplandmeisen nach zwei Schweigedekaden überraschend wieder zu singen begonnen. Also sehen wir ihn auf dem Weg zu der finnischen Insel Uusimaa im Flugzeug, das leider unweit von Berlin eine Notlandung hinlegen muss. Was wird nun aus den Fluggästen, die sich auf einem morastigen Acker wiederfinden? Das erfährt der Leser erst mal nicht, denn nun sehen wir Susanne Sendler selbst zwanzig Jahre vorher bei ihren Filmaufnahmen auf Uusimaa, wo sie dem Schweigen der abrupt verstummten Lapplandmeisen auf den Grund zu gehen versucht und dabei in dem kleinen Hafenort Uusikaupunki auf der für gewöhnliche Sterbliche gesperrten Insel Teil einer ornithologischen Fach- und Solidargemeinschaft wird, die ähnlich wie in Kruso aus lauter schrägen Vögeln besteht. (Inseln waren im Jahr des Erscheinens des Romans 2014 der große literarische Knüller, denn außer dem späteren Sieger Kruso stand auch Pfaueninsel von Thomas Hettche auf der Liste der sechs Kandidaten für den Deutschen Buchpreis.) Poetische Naturbeschreibungen, die sich aus Susanne Sendlers Expeditionen ergeben, sind hier das einzig Erwähnenswerte. Von der Feldstation am Kap Lalli im Norden Uusimaas erkundet die Vogelkundlerin die Insel und spürt ein Exemplar der verstummten Lapplandmeisen auf. Der Inselalltag ist geprägt von Verlassenheit und dem Rückzug des zivilen Lebens. Viele Gebäude stehen nach der Umsiedlung der ursprünglichen Bevölkerung leer. Ähnlich wie Lutz Seilers »Kruso« macht sich der Roman die besonderen Umstände zunutze, um eine ganz besondere Stimmung der Exklusivität und Entrücktheit zu erzeugen.
Schließlich dürfen wir in einem dritten Handlungsstrang, der als genauso zäher Brei serviert wird wie seine Vorgänger, im Berlin des Jahres 2007 der amerikanischen Studentin Monika dabei zusehen, wie sie ihr Promotionsstipendium und dann ihre Aufenthaltsgenehmigung verliert. Lange 25 Seiten verwendet Friedrich darauf, seine Protagonistin im betulichen Ulysses-Stil aus dem Solarium steigen, durch Berliner Straßen und Parks flanieren und uns an ihren Assoziationen teilhaben zu lassen. Einziger Aufreger: ein Eichhörnchen, dem sie vergeblich zu folgen versucht. Da ist es dann doch der gelungenere Zeitvertreib, wenn man diesen Spaziergang selbst macht. Monika stößt schließlich in einer Kirche auf eine Chorgruppe, deren Leiter Hektor der Ehemann von Nancy ist, die die Forschungsstation auf Uusimaa leitet und dort Susanne Sendlers Freundin wurde. Das finnische Chorlied, das hier einstudiert wird und Monika magisch anzieht, verbindet diesen Strang mit der Susanne-Sendler-Handlung. Monika muss schließlich vor der Polizei fliehen, weil ihr die Abschiebung droht, und lebt nur noch von Lebensmittelkarten. Hektor gewährt ihr Unterschlupf. Doch als Monika in seiner Wohnung erwacht, sind Hektor und sein Sohn verschwunden.

Rätselhafte Einsprengsel, die für sich genommen als experimentelle Kurzgeschichten im Stil von Peter Handke verwertbar wären, an dessen Die Abwesenheit ich zuweilen denken musste, runden das verwirrend heterogene Gesamtbild ab. Eine Freundin von Monika sichtet ein UFO ("Svanhilds Sichtung"). Wir sehen die Hauptfigur des ersten Strangs in einem Urlaubsidyll mit seiner Frau Marta ("Sommer mit Marta"). Und die Flugzeuginsassen werden Zeugen des Anbruchs einer neuen Zeit durch die Entdeckung eines "Universums neuer Welten", nachdem sie eine Unterkunft mit Fernseher gefunden haben. Was da genau entdeckt wurde, dieser utopische Aspekt des Romans, bleibt vage und nur angedeutet. Es ist aber offenbar nicht unser Europa, in dem die Geschichte spielt. Im Schlusskapitel "Nach Uusimaa, nach Uusimaa!" sehen wir schließlich im Jahre 2017 alle drei Hauptfiguren von der finnischen Hafenstadt Oulu aus nach Uusimaa aufbrechen, zusammen mit den vielen nach dem Verstummen der Meisen Evakuierten. Denn nachdem die Meisen wieder zu singen begonnen haben, kann die Insel wieder besiedelt werden. Dem Autor - das immerhin muss man zugeben - gelingt ein grandioses Schlussbild, das gleich mehrere Zentralmotive des Romans bündelt und an einen Endpunkt führt.

Als wäre die trotzdem insgesamt ziemlich lahme, spannungsarme Handlung noch nicht enttäuschend genug, ist das Werk auch noch lausig lektoriert und weist mehr Fehler auf als so mancher Schulaufsatz eines Viertklässlers. Da steht ein Dativ, wo ein Genitiv (S. 128), »füllte«, wo »fühlte« (S. 248) und »hing«, wo »hängte« hingehört hätte (S. 106), werden »harmonieren« und »harmonisieren« verwechselt (S. 196) oder »dass« und »das« (S. 227). Wer teure Bücher für ein anspruchsvolles Publikum produziert, sollte doch etwas mehr Sorgfalt walten lassen. Der Gesamteindruck des Halbgaren, der diesen Roman durchweht wie ein böiger skandinavischer Nordwind, wird so noch verstärkt. Die ganze Flickschusterei wird dadurch, dass Friedrich seine drei Erzählungen am Ende auf unvorhersehbare Weise miteinander verschränkt und einem gemeinsamen Höhepunkt zuführt, zwar etwas runder und stimmiger. Doch alles in allem bleiben zu viele Fragen offen. Die utopische Weltenverbindung bleibt ein McGuffin. Und natürlich wird auch in das rätselhafte 20-jährige Gesangsmoratorium der Lapplandmeisen kein Licht gebracht. Aber alles andere wäre, so die ernüchternde Schlussfolgerung des Lesers, wohl nicht zeitgemäß dekonstruktivistisch und avantgardistisch gewesen, sondern hätte lediglich triviale Lesererwartungen befriedigt. Und damit wäre man dann sicher auch nicht mehr auf der Kurzliste für den Roman des Jahres gelandet.

Fazit: Die Meisen von Uusimaa sind die Luftnummer der Saison! Ein Stern für das großartige Finale und einer für das berückend poetische Inselkapitel "Waldeinsamkeit".


Johann Holtrop. Abriss der Gesellschaft. Roman (suhrkamp taschenbuch)
Johann Holtrop. Abriss der Gesellschaft. Roman (suhrkamp taschenbuch)
von Rainald Goetz
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,00

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Der Wolf von Schönhausen, 30. März 2016
Dieses Buch ist so etwas wie die intellektuelle Roman-Version von The Wolf of Wall Street mit Leonardo DiCaprio über den Irrsinn spekulativer Bankgeschäfte und deren perfide Gewinnler. Wie die Hauptfigur der Scorsese-Satire ist auch Johann Holtrop, der tragikomische Held dieses in wuchtigen Satzkanonaden daherkommenden CEO-Porträts, ein hyperaktiver und aktionistischer, zu kritischer Selbstreflexion aufgrund dieser Defizite letztlich unfähiger und sich mit Aufputschmitteln ("Tradon") funktionsfähig haltender Aufsteiger, der beständig den Blick nach vorn, nie zur Seite und selten nach hinten richtet. Es sind dies, so jedenfalls legt es Rainald Goetz nahe, Charaktereigenschaften, die hochriskante Finanztransaktionen, windige Termingeschäfte und größenwahnsinnige Investitionen in Luftnummern und deren fatale Folgen für den internationalen Finanzmarkt erst möglich machen. Bei dem Medien-Konzern Assperg, um den sich hier alles dreht, scheint ' viele Analogien sprechen dafür ' Bertelsmann Pate gestanden zu haben. Dreht man den Namen um und verkürzt ihn um eine Silbe (also "Mannbert"), ergibt sich eine Assonanz zu "Assperg". Die Kirch-Krise, die Neue-Markt-Blase, die Schröder-Ära ("jetzt waren die Protagonisten dieser einstigen Aufstandsparolenjugend real an die Macht gekommen, noch in Bonn waren Schröder und ['] der Turnschuh-Fischer, der blitzschnell zum Dreireiher- und Siegelring-Fischer mutierte Suppenkasper-Fischer, als neue Chefs der rot-grünen Regierung vereidigt worden, und wie war der Stil ihres Auftretens von Anfang an gewesen: unsympathisch, angeberhaft, grobianisch [',] mega-autoritär", gebundene Ausgabe, S. 154) sowie die Diskussion um überhöhte Managergehälter (Holtrop bekommt von Assperg bei seinem Abschied eine 40-Millionen-Euro-Abfindung) und natürlich die Ereignisse von 2008 sind folgerichtig Steilvorlagen aus der Wirklichkeit, die Goetz geschickt getarnt in seine Abrechnung mit den pathologischen Wucherungen neokapitalistischer Geschäftemacherei auf Konzernebene einfließen lässt.

Im Zentrum: Johann Holtrop, Vorstandsvorsitzender der Assperg AG, ein Endvierziger im Zenit seiner persönlichen Biografie, ein "Verkäufer", der vom "Finanziellen" keine Ahnung hat. "Mit jedem Gedanken war er dem Markt zugewendet, der Welt, und schon immer war es ihm schwergefallen, die andere Seite des Betrieblichen, die nach innen auf sich selbst gerichtete Ziffernexegese [...] ernst genug zu nehmen, um sich davon in den unternehmerischen Entscheidungen steuern zu lassen" (gebundene Ausgabe, S. 84). Die Handlung setzt ein mit einer folgenreichen Personalentscheidung: Thewe, der langjährige, verdiente, allerdings durch Korruption diskreditierte Chef der Konzerntochter Arrow PC im ostdeutschen Krölpa, soll entlassen werden. Holtrop, der sowieso die meisten seiner Kollegen verachtet, hält ihn für untragbar. Thewe versucht sich zur Wehr zu setzen, sucht Verbündete an verschiedenen Stellen des Konzerns und begeht, als ihm die Aussichtslosigkeit seines Unterfangens bewusst wird, Selbstmord. Schon während seiner Beerdigung wird Holtrop schmerzlich klar, da viele ihn spüren lassen, dass sie Holtrop für mitschuldig an Thewes Freitod halten, dass sein Stern im Sinken begriffen ist. Er hat eine Reihe von Fehlentscheidungen zu verantworten, wird schließlich von einem langjährigen Rivalen im Vorstand beim Konzernpatriarchen Assperg angeschwärzt. Als der ihn schließlich, wie früher zum Zeichen von Freundschaft und Verbindlichkeit, nach Mallorca einlädt, ist klar: Holtrop wird entmachtet.
Im dritten und letzten Teil des Romans gerät Holtrop, der seinen Sturz zunächst als Chance zu begreifen sucht und erst mal mit seiner Frau Pia nach Paris fährt, zusehends ins Schlingern. Er stellt ernüchtert fest, dass sich seine Frau nach den vielen Jahren seiner Arbeit im Vorstand, in denen Holtrop fast nie daheim war, längst eine eigene Existenz aufgebaut hat, in der er zum verzichtbaren Bestandteil geworden ist. Auch eine Affäre Pias mit Holtrops Kollegen Salger wird kurz angedeutet. In einem Restaurant an den Champs-Elysees rastet der gestürzte Topmanager aus und schmeißt einen Tisch um. Nach drei Monaten Psychiatrie kommt er nicht mehr auf die Beine. Den Zusammenbruch von 2008 erlebt er als gebrochene Figur am Rande mit. So jedenfalls hatte ich mir das vor der Lektüre der letzten dreißig Seiten des Romans gedacht. [WER DEN ROMAN NOCH LESEN MÖCHTE, SPRINGE JETZT BITTE ZUM LETZTEN ABSATZ.] Doch Goetz lässt seinen Helden eine zweite, noch fulminantere Karriere hinlegen, die Goetz, der den Rhythmus seines Romans nun völlig auf den Kopf stellt, im Schnelldurchgang abreißt. Die Jahre 2002 bis 2009: ein einziges rauschhaftes Staccato, kometenhafter Aufstieg aus der Asche, endgültiges Verglühen beim Wiedereintritt in die Atmosphäre der Irdischen. Es ist Holtrops Finanzberater Mack, der ihn erst an eine Londoner Investmentfirma vermittelt, wo er Partner wird, ihn kurze Zeit später bei den kriselnden Lanz-Werken ins Gespräch bringt und dann, nachdem Holtrop dort zunächst Aufsichtrats- und dann Vorstandsvorsitzender geworden ist, seine horrenden Managergehälter mit satter Provision auch noch höchst spekulativ anlegt und verschiebt, immer hart am Rande der Legalität. Als Stehaufmännchen wird Holtrop zum Liebling der Medien. Doch es kommt, wie es kommen muss: Der weiterhin nicht von den nüchternen Zahlen, sondern vom Wahn eigener Übergröße gelenkte Manager manövriert das Unternehmen in die Insolvenz und muss dafür den Kopf hinhalten. Etwas theatralisch lässt Goetz den erneut aus dem Magnaten-Himmel in eine bittere Realität Gestürzten schließlich von einem Zug überrollen. Literatur darf eben auch mal ein fettes Ausrufezeichen hinter eine dem wirklichen Leben abgelauschte Karriere setzen.

Als ich mit einem befreundeten Autor über den Roman des Büchner-Preisträgers sprach, der übrigens zeitgleich mit Goetz 2012 auf der Nominiertenliste für den Deutschen Buchpreis stand, waren wir uns einig über die sprachliche Wucht dieses Autors, aber auch darüber, dass uns hier weniger eine Geschichte erzählt wird als vielmehr ein Psychogramm dargeboten. Denn die Geschäfte und Transaktionen, die Beschlüsse von Vorstand und Aufsichtsrat, wer was in welcher Funktion und mit welchen wirtschaftlichen Konsequenzen tut, ob Holtrop in Hongkong eine Investition in das chinesische "Star TV" anbahnt, in New York zu tun hat, in Schönhausen im Büro sitzt, auf dem Weg nach Berlin ist oder die Niederlassung in Krölpa besucht, das bleibt für den Leser so austauschbar und verwirrend wie die Konzernstruktur oder wie die vielen Namen, für die es in Dostojewski-Manier eine Liste am Buchende hätte geben müssen. Und so fremd und fern und unerreichbar wie die festlichen Eröffnungen und Empfänge, bei denen Holtrop, der Getriebene, meist fehlt, ist ihm diese Welt der großen Geschäfte. Dies alles wie auch Holtrops Privatleben (seine Ehefrau Pia und die vier Kinder werden in den letzten Kapiteln nicht einmal mehr erwähnt) spielt als Geschehen, das eine Handlung in eine bestimmte Richtung oder auf einen Höhepunkt zu treibt, kaum eine Rolle, es ist nur Hintergrundrauschen für dieses Bildnis eines Getriebenen. (Und auch darin könnte man eine Parallele zu Filmen von Martin Scorsese sehen. Der Film Casino etwa besteht eigentlich nur aus Hintergrundrauschen.) Dass Goetz seinen Helden als nahezu asexuelles Wesen zeichnet, ist eine wohltuende Abwechslung zu vergleichbaren Porträts, die natürlich auch wilde Sex-Orgien für einen unverzichtbaren Bestandteil eines solchen Lebens auf der Überholspur halten. Tatsächlich fragt man sich aber, wie ein Leben, das fast nur aus 18-Stunden-Tagen besteht, die Libido nicht verkümmern lassen soll. Die widerliche Schilderung einer obszönen Darbietung in einem Londoner Sex-Club, in den Mack seinen Schützling mitgeschleppt hat, hätte sich der Autor insofern sparen können. Die Szene wirkt in Holtrops Welt wie ein Fremdkörper.

Das sind die Mankos, die in Kauf nehmen muss, wer sich auf "Johann Holtrop" einlässt. Entschädigt wird er durch das Gefühl, die morbiden Triebkräfte dieses für den Normalsterblichen unerreichbaren Universums, auch wenn der Autor, dessen Stil sich vom allgegenwärtigen Gestus der hochmütigen Verachtung, die nicht nur seine Hauptfigur, sondern die meisten Figuren auszeichnet, spürbar hat anstecken lassen, ein bisschen besser zu verstehen. (Dieser Satz war in seiner Unübersichtlichkeit übrigens ein typischer Goetz-Satz ' da muss was abgefärbt haben!) Und da des Autors süffisant vorgetragene Philippika gegen die Verworfenheit der Potentaten in Wirtschaft und Gesellschaft selbst vor der eigenen, also der schreibenden Zunft, in Gestalt von "Spiegel"-Journalisten (vgl. Kapitel IV des dritten Teils) nicht haltmacht, diese vielmehr als "immer noch feudal beherrschte[s] und von einzelnen Lokaldiktatoren diktatorisch geführte[s] Sondergebiet der deutschen Gesamtgesellschaft" (gebundene Ausgabe, S. 294) entmystifiziert, darf man wohl davon ausgehen, dass Rainald Goetz auch sich selbst nicht für einen besseren Menschen hält als die von ihm Porträtierten, sondern einsieht, dass ihn, der hier wie einst Böll den Zeigefinger erhebt, zu viel Macht ebenfalls korrumpieren würde, und daher bereit ist, von den vielen spitzen Pfeilen, die er in seinem Roman mit beißendem Sarkasmus fortwährend in alle Richtungen abschießt, auch gelegentlich selbst getroffen zu werden. Die Überheblichkeit des Tons von "Johann Holtrop" ist dem Autor unter diesen Umständen selbstverständlich unbedingt nachzusehen.


Baba Dunjas letzte Liebe: Roman
Baba Dunjas letzte Liebe: Roman
von Alina Bronsky
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,00

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Tschernowo, weit von wo, 12. März 2016
Zunächst sollte hier vielleicht mit ein paar Missverständnissen aufgeräumt werden: Dies ist kein Roman (dafür ist diese Erzählung viel zu kurz) und dies ist keine Liebesgeschichte (jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinn).

Was dieses Buch schon eher ist: die Fortsetzung von Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche mit anderen Mitteln. Denn die Themen des großartigen Romans, mit dem Alina Bronsky wie auch diesmal für den deutschen Buchpreis nominiert war (Longlist), finden sich auch hier. Es sind natürlich die Themen, die auch Bronskys eigene Biografie konstituieren: das der kulturellen Entwurzelung durch Migration von Ost nach West, das einer dominanten Matriarchin, das der Konflikte, die sich zwischen Generationen massiv verstärken, wenn sie infolge Migration nicht mehr dieselben Werte und Überzeugungen teilen.

Baba Dunja ist wie die Hauptfigur der Schärfsten Gerichte der tatarischen Küche eine Frau mit ihrer ganz eigenen, mitunter von der Realität stark abweichenden Weltsicht, dominant, beratungsresistent, resolut. Die pensionierte Krankenschwester hält nichts davon, ihre Heimat zu verlassen, nur weil die Behörden dazu raten. Sie liegt im radioaktiv verseuchten Gebiet der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Da Baba Dunja die erste Rückkehrerin in das verstrahlte Gebiet war, ist sie in ihrem Land eine lebende Legende und gleichzeitig eine Art Bürgermeisterin des Ortes. Sie lebt in der Todeszone an der Seite einer überschaubaren Gruppe von zumeist älteren Menschen in einem kleinen, halb verfallenen Dorf namens Tschernowo. Ihre wichtigste Bezugsperson neben ihrem toten Mann Jegor, den sie immer noch sieht (sie kann tote Menschen sehen!), ist ihre Nachbarin, die korpulente Marja. Wichtigste Freizeitbeschäftigung sind die anstrengenden Reisen in die der Todeszone am nächsten gelegene Stadt Malyschi, wo sie ihre Rente abholt und ihre Post (Briefe oder Pakete ihrer Tochter Irina, die als Ärztin in Deutschland arbeitet).
Als eines Tages ein Fremder mit einem kleinen Mädchen ins Dorf kommt, ahnt Baba Dunja, dass dieser Besuch eine Racheaktion für eine gescheiterte Beziehung ist. Der Mann wird von Petrov, einem von Dunjas Nachbarn, mit einer Axt erschlagen, als er Baba Dunja bedroht. Wenig später holt die verzweifelte Mutter das Kind ab. Die Dorfbewohner verscharren den Toten und werden später dafür vor Gericht gestellt. Baba Dunja nimmt die Schuld auf sich, muss im Gefängnis Kopfkissenbezüge nähen und nimmt auch dieses Schicksal geduldig an. Ihre Tochter Irina, die an dem Medienrummel nicht ganz unschuldig zu sein scheint, der international entfacht wurde, um auf das Schicksal der Verurteilten aufmerksam zu machen, kommt zu Besuch und beichtet, dass ihre Familie in Deutschland längst nicht so heil und vollkommen ist, wie es sich Baba Dunja in ihren naiven Träumen ausgemalt hat. Irina ist seit Jahren geschieden und Laura, ihre Tochter, von zu Hause ausgebüxt. Die von Baba Dunja zu einem goldblonden Engel stilisierte Enkelin leidet unter den typischen westlichen Zivilisationskrankheiten. Ein Brief, den sie ihrer Großmutter geschickt hat, berichtet davon, doch Baba Dunja hat ihn mangels Fremdsprachenkenntnissen nicht lesen können. Sie schleppt ihn dafür ständig mit sich herum wie eine Heiligenreliquie.
Schließlich wird sie von Präsident Lukaschenko begnadigt. Dass ihr Fall in westlichen Medien ähnlich hohe Wellen geschlagen hat wie seinerzeit die Haft von Julja Timoschenko nimmt Baba Dunja kaum, bestenfalls achselzuckend zur Kenntnis.
Nach ihrer Begnadigung lässt Irina über den Anwalt Arkadij ausrichten, dass sie ihre Mutter nach Deutschland holen möchte. Alles ist in die Wege geleitet. Doch der Leser hat Baba Dunja gut genug kennen gelernt, um zu wissen, dass es für die inzwischen merklich geschwächte Seniorin nach der Entlassung nur ein Ziel geben kann...

Im typischen lakonisch-ironischen Bronsky-Ton geschrieben, ist auch das neue Werk der Autorin von Scherbenpark eine kurzweilige Lektüre voller fantasievoll erdichteter, liebenswert skurriler Figuren, kurioser Einfälle und rustikaler Lebensweisheiten.


Die Stunde zwischen Frau und Gitarre
Die Stunde zwischen Frau und Gitarre
von Clemens J. Setz
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,95

11 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die lasterhafte Welt der Natalie, 16. Februar 2016
Heil- und Pflegeanstalten haben sich als Ausgangspunkt für große deutschsprachige Romane bewährt: Oskar Matzerath schilderte seine Erinnerungen in der Blechtrommel als Insasse einer solchen und Thomas Mann ließ Hans Castorp im Zauberberg dem Davoser Sanatorium, das Schauplatz der Handlung ist, einfach nicht mehr entrinnen. Und nun also Clemes J. Setz mit seiner Natalie, einer leicht paranoiden Pflegerin, die zu Beginn dieses Romans ihre Stelle in einem Heim für Behinderte antritt.

Man fragt sich wirklich, wie er das macht, der Autor Clemens J. Setz. Da schreibt er einen Roman von über tausend Seiten, in denen wirklich nichts Aufregendes passiert, sich kaum etwas kontinuierlich zu einem Spannungshöhepunkt oder dramatischen Wendepunkt hin entwickelt, sondern in dem wir lediglich mitgenommen werden in die alltäglichen Verrichtungen, Begegnungen, Gedanken und Fantasien der 21-jährigen Pflegekraft Natalie Reinegg - und trotzdem sind wir eigentlich nie gelangweilt. Ein Grund ist zweifellos die Sprache des Autors, frei von Manierismen und Künster-Pathos, dem Volke aufs Maul geschaut und unglaublich bilderreich. Kaum ein Satz ohne originellen Vergleich oder illustrative Assoziation. Überhaupt ist dies ein Roman der Visionen, Assoziationen und Evokationen. Wie seine Hauptfigur scheint der Autor im Hirn über eine kaum jemals versiegende oder zum Stillstand kommende Quelle hervorsprudelnder Ideen, Vorstellungen und sprachlicher Bilder zu verfügen, die man eigentlich nur als Ausfluss einer autistischen Sonderbegabung verstehen kann (vor Jahren berichtete DER SPIEGEL über den Autisten Daniel Tammet, der wie Natalie Wörter synästhetisch begreift und daher eine Fremdsprache binnen einer Woche lernen kann). Setz' sprachliches Vermögen ist allerdings auch der Grund für einen der Schwachpunkte des Romans. Wie ein Krake ergreift der virtuose Fabulierer Besitz von allen seinen Figuren. Mit Ausnahme von Alexander Dorm mit seinem meschuggen: »Ja, Chris, haha!« trifft man im Roman auf erstaunlich viele Figuren, deren Redeweise austauschbar ist, weil sie mit derselben, nämlich des Erzählers Stimme, sprechen, Anglizismen verwenden und etwa ihre unfertigen Sätze in der Gegend herumstehen lassen wie bestellt und nicht abgeholt oder unfähig sind, auf das einzugehen, was zuvor gesagt wurde. »Non sequitur« nennt das Natalie und hat diese nicht zusammenpassenden Phrasen mit ihrem Ex Markus zur rhetorischen Kunstform stilisiert, doch Non sequitur ist auch dann stets gegenwärtig, wenn Markus gar nicht da ist. Auch Natalie ist keine normale, gesunde junge Frau. Sie ist Epileptikerin, auch wenn die letzten Anfälle Jahre zurückliegen, fühlt sich zuweilen »aurig«, d.h. in der Nähe eines Anfalls, und nimmt regelmäßig Medikamente. In einer endlosen Folge kurzer Kapitel blättert Setz nach und nach Natalies Berufs- und Privatleben auf, erzählt von ihrem Ex-Freund Markus, mit dem sie noch in regem Kontakt steht, von ihren vielen Macken und seltsamen Angewohnheiten, von ihrem unappetitlichen Sex-Leben, das vor allem darin besteht, dass sie sich regelmäßig jungen Männern zu einer kurzen Lustbefriedigung anbietet: die lasterhafte Welt der Natalie. Mal steht ihre heimliche Liebe zu dem Obdachlosen Mario im Fokus, den sie immer wieder erfolglos zu sich zu locken versucht, mal ihre geschiedenen Eltern und ihr in Dänemark lebender großer Bruder Karl, mal die ihr zugelaufene Katze Chat, mal ihre Bekannten Lothar und Frank aus einer offenen Begegnungsstätte namens Souterrain, die wahrscheinlich bald geschlossen werden muss. Spektakulär ist das alles nicht. Nur was sich zu Hause, unterwegs und im Beruf in Natalies Kopf (und nicht nur in ihrem) abspielt, das Crescendo zumeist maßlos verschrobener Gedanken, und darum geht es hier vor allem, das ist immer ziemlich originell und Setz findet dafür vor allem auch immer originelle, zeitweise grandiose Formulierungen. Eine Kostprobe: »Entwaffnet und koordinatenlos saß sie auf dem Küchenstuhl. Vor ihr die Schachtel mit der Maus. Wie Zeiger, die sich im Traum von einem Glockenturm lösen und in den Süden davonfliegen, fiel nach und nach alles, was Halt gab, von ihr ab. Bis der Stuhl irgendwo im Weltraum schwebte. Sie auf ihm. Ein Jägerhochsitz im Universum« (S. 959). Oder Setz' Angriff auf die politische Überkorrektheit: »Ich verstehe nicht, sagte B [Natalies Kollegin], warum man die Wörter nicht mehr sagen darf. Neger, Zigeuner, Stalker, Medium. Wenn man nichts Abwertendes dabei denkt, ist es doch nicht schlimm, oder? Wie soll das Wort selbst wissen, was man sich dabei denkt?« (S. 101f.)

Weil der Roman vor allem mit Verschrobenheit und grotesken Szenen punktet, ist es nur konsequent, dass von den vielen Insassen der Pflegeeinrichtung vor allem der an den Rollstuhl gefesselte Alexander Dorm ins Zentrum rückt. Er bekommt regelmäßig Besuch von seinem Opfer, Chris Hollberg, einem Mann, dessen Frau sich vor Jahren umbrachte, weil sie den Druck nicht länger ertrug, den Dorm auf ihre Ehe ausübte. Der homosexuelle Dorm hatte sich in Hollberg verliebt und sich als aufdringlicher Stalker betätigt. Natalie ist im Pflegeheim die Einzige, die in den Besuchen des scheinbar leutseligen Mannes, des »Arrangements«, wie seine regelmäßigen Besuche von den anderen Betreuerinnen bezeichnet werden, eine Racheaktion zu sehen vermag. Dorm, ist Natalie überzeugt, soll durch diese Besuche gedemütigt werden. Der folgende Dialog zwischen Dorm und Hollberg, nachdem dieser ihm alberne Hasenohren aufgesetzt hat, ist symptomatisch:
»Alles, was von Chris kam, war gut.
- ' kröne ich dich zum König der Juden, lallte Herr Hollberg. Applaus, Applaus.
- Hahaha, lachte Dorm.
- Toll, oder?
- Ja, Chris. Das ist toll!
- Ich finde, sagte Herr Hollberg, er sieht aus wie ein Weihnachtsbaum, den jemand zu schmücken versucht hat, aber dann hat sich der Weihnachtsbaum als elektrisch geladen herausgestellt. Starkstrom. Bzzzz!« (S. 538f.)

Aber ist Natalies Urteil verlässlich? Sie tickt ja selbst nicht ganz richtig. Dorm hasst sie und zeigt das auch immer wieder überdeutlich. Er glaubt, Natalie mache Chris Hollberg schöne Augen. Nach und nach entwickelt sich die Beziehung zwischen Natalie und Chris zu einer Art geistigem Ringkampf, denn trotz persönlicher Abneigung empfindet Natalie so etwas wie eine Seelenverwandtschaft mit Chris. Auch er neigt zu extravaganten Vergleichen und unorthodoxen Einfällen. Steuern die beiden unaufhaltsam auf eine gewaltige Katastrophe zu, an deren Ende das Pflegeheim in Schutt und Asche liegen wird?

So sehr man es als Leistung würdigen kann, aus dieser Vielzahl kleiner Einzelteile, Bilder und Geschichten eine insgesamt schlüssige Geschichte zu weben, so wenig entschädigt diese Kunst für das Manko, dass der Leser am Ende mit relativ leeren Händen dasteht. Denn je mehr Setz seine Leser rätseln lässt über verborgene Motive und möglicherweise verbrecherische Absichten, je mehr er es im Verborgenen knistern, unter der Oberfläche der wohl geordneten Pflegeheimwelt brodeln lässt, je mehr sich lange von allen Beteiligten geleugnete Konflikte bemerkbar machen, je mehr auch Natalies Verhalten im Widerspruch steht zu ihren qua Introspektion offenbaren Gefühlsregungen und Gedanken, umso mehr erwartet, ja erhofft der Leser eine explosive, alles umwälzende und auf den Kopf stellende Entladung all dessen, was sich seiner Empfindung nach auf Hunderten von Seiten aufgeladen hat. Dass es am Ende so gewaltig nicht kracht, sondern nur ein wenig scheppert, tja, das musste wohl so kommen, denn bekanntlich ist es leichter, Spannung aufzubauen, als sie am Ende durch eine furiose Enthüllung zu rechtfertigen. Richtig spannend wird es in diesem Roman, der eine Straffung auf 500 Seiten Wesentliches sicher gut verkraftet hätte, sowieso erst auf den letzten 150 Seiten, als Natalie sich dazu durchringt, den von ihr böser Absichten verdächtigten Hollberg zu beschatten und bei ihm einzubrechen. Und dass sie dabei eine Maus klaut, passt auch irgendwie zur virulenten Absurdität der Handlungsepisoden in diesem Roman. [BITTE JETZT ZUM ENDE DES TEXTES SPRINGEN, FALLS SIE DEN ROMAN NOCH LESEN MÖCHTEN!]

Schließlich fällt die Maske: Hollberg gesteht, dass er seit Jahren die sterblichen Überreste von Mäusen zu Pralinen verarbeitet, die er Dorm als Geschenke mitbringt. In einem der besten Kapitel (»SMS«, S. 959) glaubt Natalie mit Markus zu simsen, doch in Wahrheit ist Hollberg am anderen Ende der Leitung. Er erfährt durch das Versehen, dass Natalie seine Maus entwendet hat, und als sie ihm dann auch noch offenbart, dass sie sein Geständnis heimlich aufgezeichnet hat, dreht er durch: Er schlägt Natalie vor dem Behindertenwohnheim nieder und nachdem er selbst von Natalies heimlichem Verehrer Frank außer Gefecht gesetzt worden ist, läuft er Amok. Er kracht mit dem Auto in das Wohnheim und tötet dabei Frank, woraufhin er selbst - der Kreis schließt sich - zum besuchswürdigen Insassen einer Einrichtung für nicht ganz gesunde und somit lebensuntüchtige Menschen wird. Das furiose Finale entlarvt außerdem jemanden als Stalker - noch ein Kreis, der sich schließt -, von dem man das jetzt irgendwie nicht unbedingt gedacht hätte. Dennoch ist der Romanschluss natürlich weit davon entfernt, die Myriaden angerissener Themen und Theorien, begonnener Erzählstränge und Entwicklungen zu einem definitiven Endpunkt zu führen, der diesen Clemens-J.-Setz-Roman wie einen aufgelösten Ernö-Rubik-Würfel dastehen lässt. Nur dass es für Natalie in besagtem Pflegeheim keine Zukunft gibt, ist klar. Keine Antwort gibt es dagegen auf die Frage nach der Wahrheit über den Rollstuhl am Fenster, dem Ergehen von Mario, dem Grund für das Nagersterben in Asien, dem Fortbestand des Souterrains, dem Sinn der Lampe am Hund, einem möglichen Wiedersehen mit Karl - und, und, und. Dass der Autor dem geneigten Leser so vieles schuldig bleibt, mag man als künstlerisch ambitioniertes Spiel mit dem Rezipienten und letztendliches Ad-absurdum-Führen seiner Lesehaltung deuten und damit als hochgradig raffiniert, kunstvoll und preiswürdig (also auf dem Niveau von Mann und Grass) - oder eben als Luftnummer, als Zirkus-Kapriole mit lauter zappeligen Clowns, über die man heute kurz lacht und morgen nicht mehr spricht. Entscheiden Sie selbst.

P.S. Eigentlich wäre noch ein Stern Abzug angemessen für die Zumutung, dem Leser keine Kapitelübersicht zur Verfügung zu stellen, die es einem, falls man das Buch als Buch und nicht als E-Buch lesen möchte, erleichtert hätte, Stellen wiederzufinden, die man gern noch ein zweites Mal gelesen hätte (kann bei so einem Roman schon mal passieren). Aber wir wollen mal nicht kleinlich sein.


Die Antwort kennt nur der Wind
Die Antwort kennt nur der Wind
von Johannes Mario Simmel
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 20,50

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Routiniert vollgepackte Klischee-Kiste, 16. Februar 2016
Der Anfang ist spektakulär: Ein Mann geht mit seiner bildschönen Geliebten bei Bilderbuchwetter am Cap d'Antibes von Bord einer Luxus-Yacht, nähert sich einem Luxus-Hotel, wo er ein wichtiges Treffen hat, und wird erschossen. Wie aber kann ein ermordeter Ich-Erzähler noch einen Roman schreiben? Der Autor findet dafür eine plausible Erklärung, auf die man allerdings fast 600 Seiten warten muss.

Nachdem Johannes Mario Simmel mit seinem »Kaviar«-Roman, mit »Alle Menschen werden Brüder« und »Liebe ist nur ein Wort« in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts seinen Zenit als Schriftsteller erreicht hatte, erweckt dieses Anfang der siebziger Jahre erstveröffentlichte Buch, das seinen Titel wie fast immer bei Simmel einem Liedtext (des Antikriegsliedes »How many roads...«) verdankt, den Eindruck einer Routine-Arbeit. Die deutlichen Anleihen bei seinem Frühwerk »Ich gestehe alles« sprechen ebenfalls dafür, dass Simmel hier nicht auf dem Gipfel seines Erfindungsreichtums stand. Der Roman ist weniger komplex angelegt als seine Vorgänger und auch wenn erneut eine Vielzahl von Figuren das Werk bevölkern, lassen sich die meisten doch austauschen und sind für den Fortgang der Handlung unwichtig. Typisch für den Simmel der Siebziger ist die intensive Einarbeitung in ein bestimmtes Themengebiet, das dann für den Roman als Kulisse dient. Hier ist es die Welt der Wirtschaftskriminalität und der multinationalen Konzerne, in dem Folgeroman »Niemand ist eine Insel« die Film- und Fernsehbranche.

Simmel verwebt in »Die Antwort kennt nur der Wind« zwei Geschichten miteinander, in denen jeweils der Erzähler und Protagonist Robert Lucas, ein Versicherungsdetektiv, im Zentrum steht. Die erste ist die Geschichte einer Liebe, denn bei seinen Ermittlungen im Fall einer in die Luft gesprengten Yacht mit zahlreichen Todesopfern trifft Lucas in Cannes die Malerin Angela Delpierre. Sie findet in ihm und er in ihr nach einigem Zaudern zu Beginn die Liebe des Lebens. Diese Liebesgeschichte wird zwar einmal kurzzeitig schwer erschüttert, als Lucas' Ehefrau eine Intrige spinnt und Lucas und seine Absichten unter Zuhilfenahme einer Freundin, die den beiden frisch Verliebten an der Côte d'Azur begegnet ist, diskreditiert, ansonsten sonnen sich Robert und Angela häufig im eigenen Glück und die Schilderung desselben sorgt für beträchtliche Längen in dem Roman. Roberts und Angelas Einkaufstouren, das gemeinsame Sitzen auf dem Balkon mit Meerblick oder in einem der vielen vornehmen Restaurants an der Croisette, Ausflüge zu einer kleinen Kapelle, deren Pfarrer Angela einst in großer Not beistand – hier soll augenscheinlich das Interesse einer vorwiegend weiblichen Leserschaft bedient werden, für die es Unterhaltung genug bedeutet, sich in die mondäne Glitzerwelt der Betuchten und Behängten versetzen zu können. Schließlich konnte sich 1973, als der Roman erschien, längst nicht jeder eine Flugreise ans Mittelmeer leisten. Fallhöhe entsteht in der Liebesgeschichte durch die schwere Erkrankung, die Robert Lucas seiner Freundin und auch allen anderen Vertrauten verschweigt: Er leidet an einem Raucherbein und einer Herz-Insuffizienz. Die von Lucas immer wieder verschobene medizinische Untersuchung bringt schließlich die bittere Wahrheit: Er wird sein Bein abnehmen lassen müssen. Simmel zieht dieses Thema allerdings unnötig in die Länge, inszeniert das Leiden seines Helden in Form von regelmäßig wiederkehrenden Schwächeanfällen und Schmerzattacken und kaschiert damit halbwegs geschickt, dass seine beiden Hauptfiguren in der von ihm angelegten Geschichte wenig Entwicklungspotential haben, nachdem sie einander gefunden haben. So muss eine vollkommen überzeichnete Hysterikerin, Roberts Ehefrau Karin, herangezogen werden, um noch etwas Dramatik zu erzeugen: Karin spuckt Gift und Galle, als sie von der Liebschaft ihres Mannes erfährt, versucht ihm zu schaden, wo sie kann, nachdem er die eheliche Wohnung für immer geräumt hat, um mit Angela zusammen sein zu können.

Die zweite Geschichte, die der Roman erzählt, ist ein Krimi und wesentlich ereignisreicher. Die Privatyacht des illustren Bankiers Hellmann mit einer Reihe von angesehenen Personen an Bord wurde in die Luft gesprengt und Robert Lucas ermittelt im Auftrag der GLOBAL-Versicherung: Selbstmord oder Mord? Im ersteren Fall müsste die GLOBAL nicht zahlen. Weitere Morde geschehen: Ein Sachverständiger, der offenbar bei der Untersuchung des Wracks etwas herausgefunden hat, stirbt, danach der amerikanische Öl-Milliardär Kilwood, Kopf des internationalen Elektronik-Konzerns KOOD, den nach dem Tod Hellmanns schwere Gewissensnöte peinigten, dann eine Krankenschwester, die in den Fall verwickelt war, und schließlich ein Erpresser, der von den Tätern zu viel Lösegeld für von ihm verwahrte Beweismittel gefordert hat. Auch auf Robert Lucas wird ein Anschlag verübt. Doch seltsam: Je mehr Morde geschehen, desto weniger berühren sie den Leser, weil er merkt, dass auch der Autor sich eigentlich kaum für sie interessiert, dass es ihm um etwas ganz anderes geht: um die böse, böse korrupte Welt – in diesem Fall die der Finanzjongleure, Steuerbetrüger und internationalen Konzerne –, gegen die sowieso jeder machtlos ist. Repräsentiert werden sie in diesem Roman durch eine Reihe von Unternehmern und Bänkern, die eng mit den Geschäften der KOOD verbunden sind.

Die deutsche Steuerfahndung ermittelt parallel zu Lucas. Und aus der französischen Hauptstadt reist ein Spezialermittler des Außenministeriums an, der dafür sorgen soll, dass nicht zu vielen hoch stehenden Persönlichkeiten auf die Füße getreten wird, denn die KOOD hat auch Geschäfte auf Regierungsebene gemacht. Die Auflösung des Falles ist dann nicht sehr spektakulär [SPOILERWARNUNG]: Die erwähnte Gruppe von ebenso reichen wie skrupellosen Unternehmern, die alle mit der KOOD zu tun haben und schon von Kilwood beschuldigt wurden, ist von Hellmann unter Druck gesetzt worden, nachdem dieser illegale Manipulationen und Devisenspekulationen entdeckt hat, und steckt hinter dem Mord. Entscheidende Figur dabei: Hellmanns eigene Schwester, eine geldgierige und dekadente Edelstein- und Schmuck-Fetischistin. Sie brachte den Sprengsatz an Bord des Schiffs. Die Krankenschwester musste sterben, weil sie das Dynamit beschaffte. Die Ermordung Kilwoods, der durch seine Gewissensnöte zum Risiko geworden war, wurde als Selbstmord getarnt. Das klingt nicht unspektakulär, doch auch dieser Kriminalplot entfaltet leider kaum Dynamik: In drei, vier Stufen enthüllt sich das perfide Mordkomplott. Und am Ende zeigt sich, dass Lucas schon ganz am Anfang alles ganz leicht hätte herausfinden können. Die Aufklärung des Falles wird durch die Liebes- und Leidensgeschichte von Robert und Angela immer wieder in den Hintergrund gedrängt, sodass sich die Spannung, die sich durch die Mordermittlungen aufbaut, nicht halten kann. Simmel versucht dem entgegenzuwirken, indem er sich der alten Schriftstellerregel »Mach es deinem Helden so schwer wie möglich!« bedient. Lucas ist schwer krank, steht ständig kurz vor einem Zusammenbruch oder Herzinfarkt und muss mit der Diagnose leben, dass ihm in Kürze ein Bein amputiert werden muss. Das funktioniert am Anfang sehr gut, durch den repetitiven Gebrauch nimmt es der Leser allerdings bald als Masche wahr. Schöner wäre es gewesen, wenn sich für den Ermittler Schwierigkeiten ergeben hätten, die unmittelbare Folgen seiner Ermittlungen sind. Das geschieht aber nur am Anfang, als Lucas schon ganz nah dran an der Wahrheit ist: Das Treffen mit der zwielichtigen Nicole Monnier wird jedoch gerade noch rechtzeitig von der Verschwörerbande vereitelt, nachdem sie davon Wind bekommen hat. Auch das Ende ist packend, weil sich Lucas direkt mit den Verbrechern anlegt. Als absehbar ist, dass sie mit ihren Verbrechen davonkommen werden, weil mal wieder höchste politische Zirkel sie protegieren und staatliche Interessen betroffen sind, beschließt Lucas, der an die Beweise des getöteten (mit Nicole Monnier befreundeten) Erpressers gelangt ist, in dessen Fußstapfen zu treten. Er ist desillusioniert und möchte sich und seiner Liebsten mit erpressten 15 Millionen Mark die Zukunft sichern, nachdem die Verschwörer dafür gesorgt haben, dass ihm der Fall seitens seines Vorgesetzten bei der GLOBAL mit der Begründung des Ehebruchs entzogen worden ist. Wie man es von Simmel, dem notorischen Schwarzseher, gewohnt ist, triumphiert aber auch diesmal wieder der Sumpf aus Korruption und Machtkalkül. Lucas bekommt zwar seine Millionen und er wird auch, wie es eine Wahrsagerin prophezeit hat, mit seiner Liebsten vereint, aber anders, als er es sich wohl vorgestellt hat.

Ein Trivialroman ist nicht gezwungen, Klischees und Übertreibungen zu meiden wie der Teufel das Weihwasser. In diesem Roman ist vieles aber einfach zu dick aufgetragen. Mag die Idee eines Mordkomplotts habgieriger Kapitalisten noch Genre-kompatibel sein, so wirken die vielen weiteren Verbrechen doch reichlich unrealistisch und der dilettantisch durchgeführte Mordanschlag am Schluss (Sam Peckinpah lässt grüßen!) geradezu grotesk. Wenn beim Roulette etliche Male hintereinander dieselbe Zahl gewinnt, weil es die Glückszahl von Angela und Robert ist, und Robert deshalb als reicher Mann das Casino verlässt, wenn eine Wahrsagerin als Orakel für den Ausgang des Romans in Szene gesetzt wird, ist die Grenze zum trivialsten Kitsch klar überschritten. Der Autor steht sich auf diese Weise auch ein bisschen selbst im Wege, da er doch offensichtlich als Mahner und Kritiker gesellschaftlicher Fehlentwicklungen durchaus ernst genommen werden möchte.

Fazit: Ein solider Simmel mit starkem Beginn und furiosem Finale, aber leider auch beträchtlichen Längen im Mittelteil. Aus heutiger Sicht faszinierend ist, dass der Roman von 1973 mit Blick auf das Thema Banken und Spekulationsgeschäfte nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat. Die Habgier der großen Tycoons und der kleinen Spekulanten – ein zeitloses Thema. Simmels Bücher dienen auch heute noch, zeitgemäß bearbeitet, als Vorlage für Mehrteiler im Fernsehen – warum nicht dieser?


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