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Beiträge von Gerhard Günther
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Rezensionen verfasst von
Gerhard Günther

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Hochhuth - Der Störenfried
Hochhuth - Der Störenfried
von Birgit Lahann
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,90

5.0 von 5 Sternen Keine Biografie, sondern ein "Gesprächsbuch" und täglich ein Gedicht, 9. Dezember 2016
Birgit Lahann verfasst keine Biografie, sondern schildert auf fast 400 Seiten ihre Gespräche mit dem schwierigen, umstrittenen, sehr belesenen, geschichtsversessenen, teilweise widersprüchlichen, manchmal rechthaberischen Autor, der aber wie kaum ein zweiter Schriftsteller der deutschen Nachkriegszeit vieles angestoßen und bewirkt hat, nicht zuletzt den Rücktritt eines baden-württembergischen Ministerpräsdenten.

Lahann ist eine Gesprächspartnerin auf Augenhöhe, die Rolf Hochhuth bei seiner Selbstdarstellung teilweise korrigiert bzw. auf Widersprüche hinweist und so viele interessante Details zur Sprache bringt.

Die Person Hochhuth kann nicht treffender porträtiert werden als mit diesem "Gesprächsbuch",
als Zugabe viele Mehrzeiler von Hochhuth (vgl. seine "Grundbuch" von 2016 mit 365 Sieben- bis Zwölfzeiler)
die Hochhuth zu jedem Thema parat hat.

PS Es täte unserem Land gut, hätten wir mehr solche "Störenfriede" wie Rolf Hochhuth-


ZERO - Sie wissen, was du tust: Roman
ZERO - Sie wissen, was du tust: Roman
von Marc Elsberg
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Lektürehilfe" - Personengruppen im Roman, 9. Dezember 2016
Was die Bewertung des Bestsellers von Marc Elsberg anbelangt,
schließe ich mich den vielen vorhandenen Rezensionen an:
- gute Unterhaltungsliteratur mit aufklärerischem Ansatz
- "Blackout" des Autors ist aber spannender, anschaulicher, einfach substanzieller
- schwächer als der themengleiche "Circle" (Hauptperson im Konzern), bei Zero eher
eine übertriebene Recherche- bzw. "Detektivstory"
- der als Einstieg angedeutete politische Kontext verflüchtigt sich leider (Drohne - US-Präsident)
- die dramatisierenden Phasen (z.B. in den Kanälen Wiens - vgl. "Der dritte Mann") sind "verspielt"
- London, Wien, New York und alles in der Woche - etwas zu sehr gerafft
- interessanter Aspekt: Das Freemee-Programm und die ActApps (S. 94-97)
darüber lohnt sich zu diskutieren
- S. 477 Neu in der TB-Ausgabe 2016 (Nachwort, Bonus-Zero-Video-Text, Redetext von Elsberg)
Hilfreich für die Lektüre:
Das Figurenverzeichnis auf S. 476 zu Beginn studieren oder gar Namen notieren,
denn wenn die Figuren dann nur mit Vornamen erwähnt werden, ist man
anfangs etwas verwirrt. Daher hier die Personengruppen:

Personenkonstellation Vgl. S. 476
Daily-Mitarbeiter: Cynthia Bonsant (Protagonistin)
Anthony Hearst Verleger
Chander Argawai IT-Forensiker
Jeff Techniker
Jugendliche: Viola Bonsant (Tochter), Adam, Edward Brickle =Eddie
Freemee: Carl Montik, Will Dekkert, Alice Kinkaid
EmerSee: Henry Emerald, Joaquim Proust
FBI: Erben Pennicott, Jonathan Stern, Marten Carson, Luis
Zero - Leute bzw. Videos
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Lückenpresse: Das Ende des Journalismus, wie wir ihn kannten
Lückenpresse: Das Ende des Journalismus, wie wir ihn kannten
von Ulrich Teusch
  Taschenbuch
Preis: EUR 18,00

32 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Gute "Vorlage" für das NDR-Medienmagazin ZAPP, 6. Oktober 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ulrich Teusch verarbeitet in seinem Buch verschiedene deutsche (u.a. Uwe Krügers „Mainstream“ und Thomas Meyer „Die Unbelangbaren“) und amerikanische Arbeiten zur Medienkritik und verbindet dies mit aktuellen Beispielen, Gesprächen, eigenen journalistischen Erfahrungen zu einer engagierten eigenen Position.

Seine zentrale These formuliert Teusch auf Seite 39: „Nicht die Lüge kennzeichnet den Mainstream, sondern die Lücke.“ Nachrichten im „Lückenjournalismus“ sind gekennzeichnet durch spezifische Gewichtung, tendenziöse Bewertung (Doppelmoral) und teilweise gezielte Unterdrückung, was durch die gängigen Narrative in den Mainstream-Medien quasi systemimmanent geschieht.

Teusch konzentriert sich bei seinen Beispielen meist auf die Nachrichten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, zeigt Verstöße gegen den „guten Journalismus“ - auch von Alphajournalisten wie Claus Kleber auf. Gleichzeitig weist er auf bestehene „Freiräume“ – vor allem im Hörfunk und Spartensendern – hin und zeichnet ein differenziertes Bild, auch formuliert er seine „Erklärungsversuche“ (S. 156-167) durchaus vorsichtig.

Obwohl wünschenswert, erwartet er durch die zunehmende Medienkritik keine wesentlichen Veränderungen der öffentlich-rechtlichen Sender und sieht auch keine anderen Organisationsformen (168ff.) Zu erwarten sei, dass in Krisen oder gar Vorkriegszeiten (vgl. Russland- bzw. Putinberichterstattung) der Mainstream sich noch geschlossener präsentieren wird.
So bleibt am Schluss als Empfehlung an seine Leser – die wohl eine spezielle Minderheit darstellen – sich mit Hilfe von Alternativmedien im Internet, als Beispiel seien die Nachdenkseiten von Albrecht Müller genannt – vielseitig zu informieren und die Mainstreammedien kritisch zu beobachten.

Zu wünschen ist, dass das argumentative und flüssig geschriebene Buch von U. Teusch auch bei den Medienmachern selbst Beachtung findet, zumal es nicht die übliche Abwehrhaltung gegen die „Lügenpresse-Vorwürfe“ provoziert. Was „guter Journalismus“ ist muss unter den veränderten medialen Bedingungen weiter diskutiert werden.

Gewünscht hätte ich mir, dass U. Teusch genauer die von ihm beschriebene Methode der
„Einbettung“ (S. 108) eingegangen wäre, auch der zentrale Vorwurf der „gezielten Unterdrückung“ von Nachrichten (S. 40) wird von ihm nur spärlich belegt. Sehr häufig ersetzen Zitate aus Gesprächen,
z.B. mit Johannes Grotzky, Belege für Aussagen und Wertungen.

Auf Seite 53 stellt der Autor die wichtige Frage, was „Lücken“ von „Lügen“ unterscheidet.
Unvermeidliche Lücken sind m.E. nicht nur aus der täglichen Nachrichtenflut herausgefiltere Informationen, sondern vor allem nicht hergestellte Zusammenhänge zu den präsentierten Meldungen bzw. nicht gestellte, aber oft naheliegende Nachfragen zu einem Interview.


Total berechenbar?: Wenn Algorithmen für uns entscheiden
Total berechenbar?: Wenn Algorithmen für uns entscheiden
von Christoph Drösser
  Taschenbuch
Preis: EUR 17,90

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Titel etwas reißerisch, aber informatives Buch über Computerverfahren, 31. Juli 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
In 11 Kapiteln beschreibt der Wissenschaftsjournalist anschaulich grundlegende Routinen/Funktionen von Programmen, die heute auf Rechnern Verwendung finden wie Sortieren (Kap. 1), Verschlüsseln (Kap. 8), Verfahren der Routenplanung (Kap. 3) und Komprimieren (Kap. 9).

In Kap. 2 wird beschrieben und problematisiert, in welcher Reihenfolge Google dem Nutzer Suchergebnisse anzeigt. „Pagerank“, der ursprünglich auf der Zahl der auf diese Seite verweisenden Links basierte, wurde inzwischen durch mehr als 200 „Signale“ ergänzt, was u.a. eine personalisierte Anzeige von Suchergebnissen möglich macht. Inwieweit bei diesem Algorithmus in seiner
„Blackbox“ auch kommerzielle Interessen von Google einfließen ist eine offene Frage.

Vorrangig ist dieses kommerzielle Interesse bei den Empfehlungen von Amazon und Netflix (Kap. 4),
die mit kollaborativen und inhaltsbasierten Filtern (S. 89ff) arbeiten. Vorgeschlagen wird also,
für was man sich bereits in der Vergangenheit entschieden bzw. interessiert hat und was Kunden mit ähnlichen Interessen gekauft bzw. gesehen haben, aber gleichzeitig sollten auch erfolgreiche Vorschläge gemacht werden, die jenseits des bisherigen Kaufverhaltens liegen.

Am Beispiel von drei anfänglichen Faktoren (Affinität zum Nutzer, Gewicht und Zeitfaktor) wird in Kap. 5 vereinfacht erklärt, welche Neuigkeiten uns Facebook entsprechend dem „EdgeRank“ anzeigt. Wenn aber dann auf Seite 108 berichtet wird, dass zehntausende Faktoren inzwischen einfließen und laufend neu justiert werden, hätte man schon gerne etwas Genaueres erfahren. Falls sich Menschen nur noch per Facebook informieren ist die Gefahr, dass sie dann in einer Filterblase (S. 109) leben, durchaus gegeben.

Die statistische Auswertung großer Datenmengen über einen längeren Zeitraum lässt eventuell Trends erkennen, die für Prognosen (z.B. Flu Trends = Grippewellen vorhersagen) oder auch im Börsenhandel genutzt werden können. (Kap. 6 und 7). Klassisches Beispiel ist, dass über entsprechendes Kaufverhalten z.B. ein „Schwangerschafts-Score“ ermittelt werden kann/könnte. (S. 118). Erkennbare Korrelationen sind aber kein Nachweis kausaler Zusammenhänge; allerdings ist zu befürchten, dass sich Unternehmen zum Beispiel bei der Kreditvergabe oder vorgeschlagenen Zahlungsmöglichkeiten nach solchen „Prognosen“, die dem Kunden nicht bekannt werden, richten. (S. 220)

Auf 12 Seiten wird in Kapitel 10 das Vorgehen erläutert, wie Partnerschaft-Vermittlungen das
„Matching“ mit Hilfe gewichteter Fragen bzw. Antworten berechnen. Problematischer als die Berechnung der Matching-Werte sind aber die Gültigkeit der psychologischen Annahmen über eine glückliche Partnerschaft und die Zuverlässigkeit der Antworten bzw. Wünsche und Selbsteinschätzungen der Interessenten.

Zum Schluss spricht Drösser noch die Möglichkeiten künstlicher Intelligenz („Deep Learning“) an, Fortschritte bei der Bild- bzw. Spracherkennung lassen ahnen, dass künftig sich selbst trainierende neuronale Netze noch besser mit Unschärfe umgehen und Fehler vermeiden können.

Fazit:
Drösser beschreibt, dass Nachrichten in Facebook und anderswo auf sog. „clickbaits“ reduziert werden, d. h. sie werden formuliert als „Köder“, die uns verführen sollen, darauf zu klicken, wofür dann Facebook eine entsprechend Vergütung berechnen kann. (S. 115/116 und 225/226).
Auch der ansprechende Titel seines Buches – sei er von Drösser oder vom Verlag formuliert – ist so ein „Köder“, der zum Buchkauf animieren soll:

„Total berechenbar?“ sind wir natürlich nicht, wie man im Schlusskapitel S. 213 erfährt, wer hätte das gedacht. Und natürlich „entscheiden auch keine Algorithmen für uns“, das tun immer noch wir, wenn auch im Internet zunehmend auf der Basis gefiltierter Informationen. Das Problem selektiver Wahrnehmung gibt es schon immer und unsere freiwilligen Kontakte sind von einer „filter bubble“ nicht so verschieden. So gesehen ist der Titel auch reichlich reißerisch.

Christoph Drössers Buch bietet für interessierte Computernutzer eine gute Möglichkeit in überschaubaren Kapiteln grundlegende Verfahren der Datenverarbeitung kennenzulernen. Die wirtschaftlichen Interessen der Internetkonzerne und die gesellschaftlichen Gefahren werden nur angedeutet, mögliche „Gegenstrategien“ von Userseite werden kaum angesprochen (vgl. S. 17 Obfuscation). Trotzdem bietet das Buch reichlich Stoff für Information und Sensibilisierung für Internetnutzer.

Leider bleiben viele Erklärungen im Allgemeinen und Grundsätzlichen, ich hätte mir gewünscht,
dass z. B. einmal ein „Empfehlungsalgorithmus“ mit deutlich mehr Faktoren vorgestellt und analysiert worden wäre, um die Komplexität zu demonstrieren.

Nicht überzeugend finde ich die Anordnung der 11 Kapitel, die eine systematische Einordnung dieser Computerverfahren leider vermissen lassen. Sortieren, Komprimieren und Verschlüsseln haben eigentlich kaum etwas mit dem persönlichen „Entscheidungsproblem“ zu tun.
Bei den anderen Algorithmen wäre m.E. zu unterscheiden, ob meine Nutzerdaten ohne „meinen Auftrag“ ausgewertet werden, wie dies bei Empfehlungen bei Google, Netflix, Facebook etc. der Fall ist. Dagegen gibt man bei Routenplanung oder Online-Dating bewusst Daten und Bedingungen für einen gewünschten „Vorschlag“ ein.
Da diese Algorithmen als „Firmengeheimnis“ eine Blackbox darstellen, fordert Drösser zurecht, dass diese durch „Reverse engineering“ (S. 223) auf mögliche Diskriminierungen und Kriterien/Gewichtungen analysiert werden sollten. Dazu hätte ich gerne mehr erfahren.


Die Abstiegsgesellschaft: Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne (edition suhrkamp)
Die Abstiegsgesellschaft: Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne (edition suhrkamp)
von Oliver Nachtwey
  Taschenbuch
Preis: EUR 18,00

34 von 35 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Deutsche Nachkriegsentwicklung - polit-ökonomisch betrachtet, 15. Juli 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Oliver Nachtwey kennt - wie das fast 30-seitige Literaturverzeichnis zeigt - die gängigen Gesellschaftsanalysen und versteht es erkennbare Entwicklungen/Perspektiven überzeugend aufzuzeigen und auch sprachlich klar und eingängig zu formulieren. Die von Nachtwey durchgeführten Fallstudien in Industriebetrieben, die mehrmals angeführt werden, tragen dazu bei, die in der Abstiegsgesellschaft am stärksten Betroffenen nicht aus zu Augen zu verlieren. Das Buch bietet eine eindrückliche Zustandsbeschreibung der heutigen Gesellschaft und zeigt mögliche zukünftige Konfliktfelder auf.

Im ersten Kapitel wird ganz im Sinne der politischen Ökonomie dargestellt, wie die hohen Wachstumsraten in der Nachkriegszeit den Wohlstand aller Bevölkerungsgruppen gesteigert haben, der "Fahrstuhleffekt" führte zum scheinbaren Verschwinden der Klassengesellschaft. "Aus Proletariern werden Bürger." (S. 26).
Mit ökonomischen Daten wird gezeigt, dass seit den 70-iger Jahren das Wirtschaftswachstum zurückgeht bzw. stagniert und
neoliberale Konzepte, Globalisierung und Bankensystem die Krisenanfälligkeit erhöht haben, was mit einer "schleichenden" Umgestaltung des politischen Prozesses ("marktkonforme Demokratie") einherging. "Letzten Endes ist die Postdemokratie, genau wie der Neoliberalismus, eine Hülle für Klassenpolitik." (S.93)
Die Folgen dieser Entwicklung stellen sich für verschiedene Gruppen/Schichten der Bevölkerung jedoch unterschiedlich dar.
Die materielle Ungleichheit bzw. Ungerechtigkeit hat vertikal zugenommen, jedoch zeichnet sich die Gesellschaft durch vermehrte horizontale Gerechtigkeit aus. Die Diskriminierung vormals benachteiligter Gruppen hat abgenommen bzw. ein höherer Grad an horizontaler Gleichberechtigung wurde in der Zivilgesellschaft erreicht. (S.111)

Kapitel 4 beschäftigt sich dann mit den prekär Beschäftigten, die sich - auch wegen Hartz4 - auf der "Rolltreppe abwärts" befinden. Hier bringt Nachtwey anschaulich die Erkenntnisse seiner Fallstudien ein, z.B. die Spaltung zwischen Stammbelegschaft und Leiharbeitern in der Automobilindustrie. Der Rückgang der unbefristeten Normalarbeitsverhältnisse wirkt psychologisch auf alle Beschäftigten, es entsteht Statusangst in der Mittelschicht. Der Aufstieg ist durch die Bildungsexpansion erschwert, die Abstiegsängste nehmen zu.
Die neu entstehende "Unterklasse" ist fragmentiert (S. 174), sie hat weder Klassenbewusstsein noch wirksames Handlungspotenzial. (S. 177). Als politische Perspektive sind daher allenfalls punktuelle und temporäre "Akte des Aufbegehrens" ( z.B. Occupy S. 205) zu erwarten. (S. 179)

Soweit die aktuelle überzeugende Gesellschaftsanalyse von O. Nachtwey, der im letzten Kapitel nun versucht, die Formen des Aufbegehrens näher zu beschreiben, wobei noch keine klaren Linien erkennbar sind. Die Gewerkschaften kümmern sich vorrangig um den Statuserhalt ihrer Mitglieder. Die Links-Partei, die letztlich in Folge der Hartz4-Reformen entstanden ist, wird als etablierte Partei ohne attraktive Gesellschaftsvision wahrgenommen und verliert als Protestpartei einen Teil des Wählerpotentials an die AFD.
Die von Nachtwey angeführten Erfolge von politischen Gruppierungen in Griechenland bzw. Spanien (S. 201 ff) sind kaum auf die deutschen Verhältnisse zu übertragen.

So bleibt als Fazit: "Aus der Abstiegsgesellschaft erwächst aber auch eine ernst zu nehmende Gefahr: dass regressive Modernisierung und postdemokratische Republik zu einer autoritären Strömung führen, die sich der liberalen Grundlagen unserer Gesellschaft entledigt." (S. 233)

Nachtweys Buch liefert eine eindrückliche Beschreibung des Zustands unserer Gesellschaft und fordert aurf, die vernachlässigte Debatte darüber, wie eine zukünftige Gesellschaft aussehen soll, zu führen.
Ein notwendiges, doch leider nicht optimistisches Buch, das keine Lösungen entwickelt.

Mit dem polit-ökonomischen Ansatz ist der Begründungszusammenhang stark vorgegeben. Die sinkenden Wachstumsraten und die ökonomischen Strategien der Krisenbewältung führen zu wachsenden Ungleichheiten mit entsprechenden Folgen für die soziale Schichtung. Eine neue Klasse "das Prekariat" bildet sich, was sich sozialpsychologisch auf Statusängste anderer Schichten auswirkt. Durch Individualisierung in der Gesellschaft und dem fehlenden Klassenbewusstsein des Prekariats sind allenfalls Akte des Aufbegehrens zu erwarten. Die Postdemokratie ist auch postrevolutionär.

Kritisch sei angemerkt, dass durch den polit-ökonomischen Ansatz und die Beschränkung auf die deutsche Gesellschaft viele Einflüsse - national und international - kaum bzw. nicht berücksichtigt werden. Zu fragen wäre u.a.

- Bot die deutsche Ausgangslage in der Nachkriegszeit besondere Wachstums- und Aufstiegsmöglichkeiten?
- Hätte es politische andere Handlungsmöglichkeiten gegeben? ( Rolle der SPD und der Gewerkschaften)
- Auswirkungen der Deutschen Einheit und der Freizügigkeit im EU-Binnenmarkt nach 2005 auf die Arbeitswelt?
- Interessant wäre z.B. ein Vergleich mit Entwicklungen in der französischen Gesellschaft, der m.E. zeigen könnte,
dass Positionen und Handeln politischer Parteien einen wesentlich stärkeren Einfluss auf die Gesellschaft
haben können als die ökonomische Entwicklung, die nach O. Nachtwey der dominierende Faktor zu sein scheint.
(z.B. Frankreich 35-Stunden-Woche, Deutschland 40/42 Wochenstunden als tarifliche Regelung, Renteneintritt usw.)

Problem dieses "linken" Ansatzes ist es, dass die dargestellte reale Entwicklung in Deutschland weitgehend zwangsläufig bzw. alternativlos erscheint. Spätestens wenn man Handlungsstrategien entwickeln will, worauf Nachtwey bewusst verzichtet, wäre das
Verhältnis von Ökonomie und Politik - sowie deren Handlungsspielraum - näher zubetrachten.


Die Idee des Mediums. Reden zur Zukunft des Journalismus (edition medienpraxis)
Die Idee des Mediums. Reden zur Zukunft des Journalismus (edition medienpraxis)
von Bernhard Pörksen
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,80

4.0 von 5 Sternen Zukunft der "Qualitätsmedien" - keine Medienkritik, 5. Juli 2016
Seit gut 10 Jahren gibt es die Tübinger Mediendozentur zur Förderung des journalistischen Nachwuchses, das Highlight ist die Gastvorlesung in der Neuen Aula (2016 mit Sascha Lobo). Der von den Organisatoren B. Pörksen und A. Narr herausgegebene Sammelband enthält 9 Reden zur "Zukunft des Journalismus", wobei nicht immer eindeutig ist, ob es sich um die Originalreden der Gastdozenten (siehe Buch-Titelbild) handelt. Im Blickpunkt haben alle Beiträge den Studierenden der Medienwissenschaft die zukünftige Entwicklung ihres Berufsfeldes und die damit vorbundenen Herausforderungen vorzustellen.

In fast allen Beiträgen werden - in unterschiedlichem Umfang - angesprochen
- das Zeitungssterben
- ungenügende Zeit zur Recherche und schlechte Bezahlung der Journalisten
- Herausforderung durch Online-Medien
- Wettbewerb um Anzeigenkunden
- M. Döpfner sieht fünf Vorteile des digitalen Journalismus (S. 60ff)
- die geringe Bereitschaft, für Online-Zeitungen zu bezahlen (Gratiskultur)
- der mögliche Qualitätsverlust durch Beschleunigung
...

Medienkritik bzw. Selbstkritik hält sich in Grenzen, bedauert wird die mediale "Treibjagd" im Falle des Ex-Bundespräsidenten Wulff und anderer. Gefordert werden investigativer Journalismus und "Haltung" des Journalisten, um die Rolle der "Vierten Gewalt" auszufüllen,
wobei es nach Giovanni di Lorenzo eine Gratwanderung zwischen "vierter oder fieser Gewalt" ist.
Insgesamt sind die Chef-Redakteure sich ihrer elitären Rolle bewusst und erwartungsgemäß optimistisch, was die Zukunft ihrer Qualitätsmedien betrifft.

Eher praxisorientiert für künftige Journalisten sind die Beiträge von Alice Schwarzer und Roger Willemsen, die an Beispielen zeigen, was man bei Interviews beachten sollte, falls man wirklich Neues vom Interviewten erfahren will. Willemsen setzt sich kritisch mit der "Lage des Fernsehens" auseinander und fordert eine Besinnung auf "Nachrichtenfaktoren", da auch bei der Tagesschau immer stärker auf Quote und Unterhaltung/Bebilderung etc. geschaut würde.

Zu kurz kommt m.E. in den meisten Beiträgen das Spannungsfeld zwischen Medien und Lesern/Zuschauern. Passen sich die Medien immer mehr dem "Publikumsinteresse" an oder erzeugen sie durch ein wenig anspruchsvolles Programm gerade diese oft beklagte Niveaulosigkeit? Erwarten Zeitungsleser mehr Möglichkeiten zur Interaktivität und kritischem Feedbackmöglichkeit zu Artikeln, wobei die
Medien gerade die betreuungsintensiven Leserbriefspalten bzw. Online-Kommentar-Möglichkeiten einschränken?


Unser Shakespeare: Einblicke in Shakespeares fremd-verwandte Zeiten
Unser Shakespeare: Einblicke in Shakespeares fremd-verwandte Zeiten
von Frank Günther
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unvollständiges Wissen gibt Raum für Spekulationen, 3. Juli 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Vor 400 Jahren ist William Shakespeare gestorben. Aber ist dieser Mann auch der Verfasser der 37 Dramen oder nur ein "Strohmann" für einen adligen Autor, wie der Film "Anonymus" von Roland Emmerich 2011 nahelegt? Das preiswerte Taschenbuch des fachkundigen Übersetzers Frank Günther schien mir eine geeignete Lektüre, um eine "literarische Bildungslücke" zu schließen und Antwort auf die "Verfasserschaftsfrage" zu erhalten.

Wer einen Überblick über Shakespeares Dramen und Figuren im Stile einer "schülergerechten" Zusammenfassung erwartet, der wird enttäuscht. F. Günther geht es - wie der Untertitel "Einblicke in Shakespeares fremd-verwandte Zeiten" zeigt, um

- die Präsentation der wenigen historischen Fakten und Quellen zur Person Shakespeares
- den historischen Kontext der Schauspielergruppen um 1600 in London
- die religiösen und politischen Konflikte im Elisabethanischen Zeitalter
- den Shakespeare-Hype Ende in Deutschland um 1800
- eine Widerlegung der Autoren, die die Verfasserschaft Shakespeares anzweifeln
- die Probleme des Übersetzens einer damals kaum normierten Sprache
- die Frage, ob Klassiker im Lauf der Jahrhunderte nicht für heutige Leser unverständlich werden
u.v.m.

Alles unterhaltsam und sprachlich gekonnt in kleinen Kapiteln zu lesen, mit Witz und aktuellen Bezügen angereichert. Zugleich ein Zeitbild von England bzw. London um 1600, das den meisten Leser neu sein dürfte. Ein Shakespeare-Experte, der es versteht, verständlich zu schreiben, und der überzeugend darlegt, dass Shakespeare der Verfasser der mit seinem Namen verbundenen Werken ist.

PS: Verunsichert haben mich die negative Rezension von "Sonett72" und dort anschließenden Kommentare, die
lesenswert sind. Trotzdem lasse ich es bei den 5 Sternchen, da ich die Lektüre genossen habe.


Der Wohlfahrt-Komplex: Das Geschäft mit den Flüchtlingen, den Arbeitslosen und den Armen
Der Wohlfahrt-Komplex: Das Geschäft mit den Flüchtlingen, den Arbeitslosen und den Armen
von Roger Reyab
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,85

8 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Schlechtes "Schülerreferat", 21. Juni 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Der Autor R. Reyab (vermutlich Pseudonym) hat viele Bücher/ebooks zu aktuellen Themen im Angebot, die vom Titel her gewisse Nähe zum Rechtspopulismus ahnen lassen. 1,99 € habe ich für das ebook investiert, um mir mal eines dieser Werke genauer anzuschauen.

- Ansprechendes Titelblatt (Foto + Titel)
- kein Inhaltsverzeichnis
- eher Ansammlung von Kurzreferaten mit angefügten Quellennachweisen
- 1 Schaubild (Beschäftigte bei Caritas und Diakonie), keine Tabellen
- kein Literaturverzeichnis
- nur Internetquellen, weder Bücher noch Zeitschriften als Quelle
- oft umfangreiche Zitate ("Kopien") aus Internetquellen bzw. eigenen Publikationen
- Fülltext mit umständlichen Beschreibungen und Beispielen
- aber stark wertende Wortwahl,
- Lieblingswort "Kraken" = gemeint ist die Wohlfahrtsindustrie

Selbstverständlich ist es richtig und wichtig, das "Geschäft" mancher Helferorganisationen kritisch zu
untersuchen, doch sollte dies auf sachlich-fundierter Basis geschehen und nicht einfach nur
als Stimmungsmache.

Fazit: Niveau eines schlechten Schülerreferats, Hälfte des Inhalts aus dem Internet zusammenkopiert.
Oder nur Masche, um mit populistischen Themen abzukassieren ?


Medien im Krieg (Telepolis): Krise zwischen Leitmedien und ihren Rezipienten
Medien im Krieg (Telepolis): Krise zwischen Leitmedien und ihren Rezipienten
Preis: EUR 4,99

5.0 von 5 Sternen Fundierte Medienkritik, 8. Juni 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Sammlung von Artikeln und Interviews rund um die problematische Mainstream-Berichterstattung über den
Ukraine-Konflikt etc. Dazu Darstellung und Interviews mit betroffenen/"angegriffenen" Journalisten, denen
Uwe Krüger in seiner Netzwerkanalyse problematische Interessenverflechtungen bzw. Kommunikationsstrukturen nachweist.
(vgl. Beitrag in der "Anstalt")
Die Artikel mit Zitaten und Interviews geben dem Leser die Gelegenheit, die Argumente nachzuvollziehen,
sie bieten den selbst den "Qualitätsjournalismus", den sich der mündige Leser auch von den Mainstream-Medien wünscht.


Weit Gegangen: Roman
Weit Gegangen: Roman
von Dave Eggers
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,99

4.0 von 5 Sternen Flüchtlingsschicksal - aus anderer Perspektive, 8. Juni 2016
Rezension bezieht sich auf: Weit Gegangen: Roman (Taschenbuch)
Wenn man sich nach dem großen Erfolg von Dave Eggers "Circle" und seiner Beschreibung der bedrohlichen Macht der "Internet-Kraken" mit dem Autor beschäftigt, so sieht man, dass er schon lange brisante politische Themen aufgreift.
"Weit Gegangen" erzählt das über ein Jahrzehnt andauernde Flüchtlingsschicksal des jungen Sudanesen Valentino bis zu seinem Leben in den USA. Der 2006 im Original erschienene Roman basiert weitgehend auf Valentinos Fluchtweg, also noch bevor 2011 der Südsudan nach einer Volksabstimmung ein selbstständiger Staat wurde. Der aktuelle Bürgerkrieg im Südsudan und die Flüchtlingssituation in Europa verschaffen dem Roman neue Aktualität.

Das Schicksal in Flüchtlingslagern, die Versklavung von Kindersoldaten, die aus machtpolitischer Absicht geschürte Gewalt zwischen ethnischen Gruppen, aber auch die Diskriminierung der "Lost Boys" in den Vereinigten Staaten werden eindrücklich geschildert, wobei m. E. gerade die nicht-europäische Perspektive des Buches den Zugang bzw. die Lektüre dieser bedrückenden Flüchtlingsthematik erleichtert bzw. eine gewisse Distanz schafft.

Etwas zu kurz kommen im Roman die politische Konstellation und das ökonomische Interesse der Staaten an den Rohstoffen bzw. den Ölvorkommen im Sudan. Dies ist dadurch bedingt, dass das Flüchtlingsschicksal weitgehend aus der eingeschränkten Perspektive des Kindes bzw. Heranwachsenden Valentino geschildert wird und so authentisch wirkt.

Der umfangreiche Roman mit gewissen Längen ist sprachlich eher eine einfach zu lesende Lektüre, aber keine "leichte", inhaltlich eher bedrückend als unterhaltend (obwohl Eggers dramatisierende Teile eingefügt hat).
Ein "Entwicklungsroman" über ein eindrückliches Leben bzw. Überleben eines sudanesischen Jungen, der nach vielen Jahren Asyl in den USA erhält.


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