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Beiträge von Bernd Grill
Top-Rezensenten Rang: 20.066
Hilfreiche Bewertungen: 1942

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Rezensionen verfasst von
Bernd Grill "b_grill" (Königsbronn, Germany)

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E4 vs the French, Caro-Kann & Philidor (Grandmaster Repertoire)
E4 vs the French, Caro-Kann & Philidor (Grandmaster Repertoire)
von Parimarjan Negi
  Taschenbuch
Preis: EUR 28,49

15 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Pflichtlektüre für 1. e4-Spieler!, 21. August 2014
Der Inder Parimarjan Negi, seinerzeit einer der jüngsten Großmeister überhaupt, ist unter seinen Konkurrenten berüchtigt als besonders starker Spieler in der Eröffnung. Seine Vorbereitung gilt im allgemeinen als minutiös - sollte dies jemand jemals bezweifelt haben, dann sollte er unbedingt einen Blick in dieses Buch werfen. Dies gilt aber genauso für alle diejenigen, die dies ohnehin geglaubt hätten und ihre Weißpartien gerne mit dem Doppelschritt des Königsbauern eröffnen.

Der Verlag preist diese Publikation als den ersten von vermutlich insgesamt fünf Bänden an, die dem ambitionierten und aggressiv gestimmten Weißspieler ein Repertoire gegen alle Eröffnungen an die Hand geben möchte. Das klingt zunächst so ehrgeizig, daß man angesichts der überbordenden Fülle an Eröffnungstheorie heutzutage vermuten könnte, eine solche Zielsetzung müßte schon an ihrer Formulierung scheitern. Um das Werk nicht komplett ausufern zu lassen, sei nochmals darauf verwiesen, daß dies ein Reperotire-Buch ist, das Weißspielern Wege aufzeigt, mit Vorteil aus der Eröffnung zu kommen.

Den größten Teil des Buches nimmt die Französische Verteidigung ein, da dem Schwarzen hier am meisten Mittel und Wege zur Verfügung stehen, um das Spiel in verschiedene Bahnen zu lenken. Negi widmet sich hier ausschließlich 3. Sc3 - das heißt, alle Spieler, die Französisch gerne anders beantworten, gehen hier leer aus. Allerdings ist die Qualität der Analysen im Buch durchweg so hoch, daß ein mögliches Umschwenken von Spielern, die vielleicht die Tarrasch-Variante oder die Vorstoßvariante stets bevorzugt hatten, auf diesen Zug dennoch erfolgt. Erwartungsgemäß nehmen die schwarzen Standardantworten 3. ... Sf6 und 3. ... Lb4 den meisten Platz ein. Beachtlich ist vor allem, daß Negi auf so ziemlich jedes weniger bekannte System (zum Beispiel 6. ... Dc7 oder 6. ... Da5 anstatt 6. ... Se7 in der Winawer-Hauptvariante) eine Antwort parat hat, die meist so überzeugend wirkt, daß man sogar befürchten muß, daß die behandelte Variante früher oder später in Vergessenheit gerät, wenn sich Negis Empfehlungen erst einmal herumsprechen sollten. Insofern ist auch dieses Buch für Französisch-Spieler durchaus interessant, da sie den Empfehlungen des Inders erst einmal etwas entgegensetzen müssen.

Gegen die Caro-Kann-Verteidigung spielt er 3. Sd2 und analysiert speziell die Varianten des Hauptsystems mit 4. ... Lf5 sehr weit und tiefgründig. Man mag sich vielleicht wundern, daß dieses angeblich so aggressive Weiß-Repertoire gegen Caro-Kann auf dem Hauptsystem basiert, das für seine große Tendenz zum Remis bekannt ist. Nun, Negi räumt ein, daß Caro-Kann in der Tat eine besonders harte Nuß ist (und wer würde ihm da widersprechen wollen?) und schlägt daher nicht selten Neuerungen vor, die erst weit nach dem 20. Zug erfolgen. Ich war zunächst - ehrlich gesagt - skeptisch, inwiefern Neuerungen nach dem 20. Zug noch großes Verbesserungspotential in sich bergen, aber von Pappe sind die hier demonstrierten Empfehlungen keineswegs. Mein Eindruck ist, daß die Caro-Kann-Verteidigung spielbar bleibt (Gott sei Dank ...), aber eingefleischten Anhängern dieser Eröffnung mit Schwarz gibt Negi einige Arbeit an die Hand. Die Zukunft wird weisen, ob Negis Empfehlungen alte Bewertungen von als feuerfest angesehenen Varianten ins Wanken bringen können.

Um die Philidor-Verteidigung muß man sich nach diesen Analysen Sorgen machen, denn wenn Schwarz in vielen Abspielen nicht bald Verbesserungen finden sollte, dann muß davon ausgegangen werden, daß dieser in der modernen Turnierpraxis ohnehin recht seltene Gast sich künftig noch rarer machen wird.

Quality Chess steht für präzise und saubere Arbeit. Layout und Druck setzen seit Jahren Maßstäbe - die hier vorliegende Publikation macht da keine Ausnahme. Insofern bleibt nur abzuwarten, ob die weiteren Bände genauso attraktiv ausfallen werden.

Wie unkte doch einst Bobby Fischer: "Ich frage mich, was Gott eigentlich gegen 1. e4 spielen würde?!" Wir wissen es nicht, aber nach der Lektüre dieses Buches sei die Frage durchaus erlaubt, denn dann wissen wir zumindest, was er NICHT spielen würde!


Sicilian Sveshnikov (Grandmaster Repertoire)
Sicilian Sveshnikov (Grandmaster Repertoire)
von Vassilios Kotronias
  Taschenbuch
Preis: EUR 23,49

10 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sehr solide Arbeit, allerdings mit einem großen Makel behaftet!, 14. August 2014
Der griechische Großmeister Vasilios Kotronias hat bereits mit seiner im Quality Chess-Verlag erschienen Abhandlung über die Fianchetto-Variante des Königsinders eindrucksvoll bewiesen, daß die Qualität seiner Analysen überaus hoch ist und er keinesfalls vor harter Arbeit zurückschreckt, nur um der Wahrheit wieder ein Stückchen näher zu kommen.

Der auf Englisch erschienene Band 18 der "Grandmaster Repertoire"-Reihe beleuchtet nun mit der Sweschnikow-Variante des Sizilianers einen überaus häufig anzutreffenden Gast in der modernen Turnierpraxis. Galt die Variante zur Zeit ihrer Entwicklung in den 70er-Jahren als anrüchig, so hat sie sich längst als besonders widerspenstige und dynamische Waffe erwiesen, der nicht wenige Weißspieler inzwischen ganz aus dem Wege gehen, wenn sie unbedingt einen Sieg brauchen. Da dies ein Repertoire-Buch aus der Sicht des Nachziehenden ist, sei allerdings darauf hingewiesen, daß an vielen Stellen fast nur weiße Alternativzüge beleuchtet werden, während Schwarz fast immer dem Pfad folgt, der meist aus nur einem einzigen vorgeschlagenen Zug besteht.
Damit kommen wir gleich zum größten Mangel des Buches: die aktuelle Novosibirsk-Variante (1. e4 c5 2. Sf3 Sc6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 Sf6 5. Sc3 e5 6. Sdb5 d6 7. Lg5 a6 8. Sa3 b5 9. Lxf6 gxf6 10. Sd5 Lg7) übergeht der Autor auf Seite 92 mit dem lapidaren Hinweis, daß dieser Zug außerhalb des Schwarz-Repertoires liege und er 10. ... f5, die Tscheljabinsk-Variante, als stärker einschätze. Folgerichtig ignoriert er die komplette Variante mit 10. ... Lg7. Legitim mag dieser Ansatz sein, aber verkaufsfördernd ist der lieblose Umgang mit diesem seriösen und hochaktuellen Komplex eher nicht. Schwarzspielern wird hier suggeriert, daß 10. ... f5 quasi der Weisheit letzter Schluß ist, und auch Weißspieler werden, falls sie doch auf einen Gegner treffen, der das "minderwertige" 10. ... Lg7 wählt (ein gewisser Magnus Carlsen soll schon so gespielt haben ...), aus dem Buch nicht weiter schlau. Wie gesagt: als Repertoire-Buch konzipiert, hat der Autor das Recht, diesen Weg einzuschlagen (zumal man dann mit Schwarz weniger Varianten kennen muß). Andererseits hat beispielsweise Großmeister Emanuel Berg in Band 15 dem Nachziehenden gleich drei Fortsetzungen in der Winawer-Variante mit 7. Dg4 angeboten, da er sie als nahezu gleichwertig ansieht und argumentiert, daß hauptsächlich der Spielstil oder die Turniersituation darüber entscheiden sollten, welche Fortsetzung man bevorzugt. Es hätte also durchaus andere Ansätze gegeben, mit dem Problem umzugehen.
Wer mit Weiß etwa 9. Sd5 den Vorzug gegenüber 9. Lxf6 gibt, hat natürlich keinerlei Probleme mit diesem Manko und wird hier einige neue Züge und Abweichungen finden, die von Schwarz genaues Spiel erfordern. Eines bleibt aber grundsätzlich festzuhalten: auch Kotronias kann die Theorie nicht neu erfinden. Zwar preist er immer wieder mit Recht das dynamische Potential dieses Systems an, doch in einem Punkt hat die Variante trotz allem mit einem großen Problem zu kämpfen: die forcierten Varianten sind zum Teil heute bis ins vorgerückte Endspiel oder bis zu einem forcierten Remis analysiert und bieten daher nur noch wenig Platz für Neuerungen. Wer also mit Schwarz auf Sieg spielt, muß bei der Wahl dieses Systems stets damit rechnen, daß eine ellenlange und von Weiß auswendig gelernte Variante aufs Brett kommt, die in ein lebloses Remis mündet. Diese Erkenntnis gab es auch schon vor der Publikation dieses Buches, aber eine echte Lösung gegen das Problem hat Kotronias auch nicht parat, zumal er weniger erforschte Systeme übergeht und seine Analysen offenbar primär darauf ausrichtet, nicht zu verlieren. Die letzten paar Kapitel des Buches behandeln bezeichnenderweise Stellungen im Hauptsystem (9. Sd5), die im 17. Zug oder noch später beginnen.

Der frühen Abweichung mit 7. Sd5 wird hier zum Glück ziemlich viel Platz eingeräumt, denn immer wieder hat sich dieser Zug als Waffe erwiesen, die einen unvorbereiteten Schwarzspieler schnell aus der Bahn werfen kann. Übrigens soll hier eine kleine Anekdote aus dem Jahr 2012 nicht unerwähnt bleiben: bei der Vorbereitung auf einen Mannschaftskampf in der Oberliga suchte ich in der Analyse nach etwas, womit mein Mitspieler dem zu erwartenden Sweschnikow-Aufbau seines Gegners begegnen könnte. Wir wählten das Abspiel mit 7. Sd5 Sxd5 8. exd5 Sb8 9. c4 a6 10. Sc3 Le7 11. Le2 0-0 12. 0-0 f5 13. a4!?, das auf Seite 71 behandelt wird. Der Autor favorisiert hier 13. ... Sd7 (das war auch das Ergebnis unserer Untersuchung), erwähnt hier aber, daß 13. ... a5 14. c5!? N dxc5 15. Sb5 Ld6 16. Lg5 eine weitere Idee sei, die Beachtung verdiene. In dem Mannschaftskampf kam genau jene Stellung aufs Brett (formal gesehen ist 14. c5 also keine Neuerung ...), und der Gegner verlor bald viel zu viel Bedenkzeit und geriet zudem in eine schlechte Stellung. Hätte es diese Buch nur damals schon gegeben ...

So gesehen ist der größte Nutzen, den beide Spieler aus dem Werk ziehen können, die Beschäftigung mit der großen Anzahl an weniger bekannten Systemen und Zügen aus WEISSER Sicht. Hier findet sich bestimmt die eine oder andere brauchbare Idee, um Schwarzspieler mit gesundem oder zumindest vertretbarem Risiko auf unbekanntes Terrain zu locken.

Layout und Druckqualität sind wie immer hervorragend bei Quality Chess, und die analytische Arbeit an sich ist nicht zu beanstanden. Ob die Anschaffung dieses Buches nun nutzbringend ist, mag der geneigte Sweschnikow-Anhänger oder Bekämpfer anhand der obigen Ausführungen selbst entscheiden. Fazit: wer ohne die Novosibirsk-Variante leben kann, sollte auf jeden Fall zugreifen! Wer nicht, überdenke den Nutzen eben noch einmal ...
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 26, 2014 1:35 PM MEST


Fricsay: Sämtliche DG Aufnahmen, Vol.1 - Orchestral Works
Fricsay: Sämtliche DG Aufnahmen, Vol.1 - Orchestral Works
Preis: EUR 81,99

31 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Festtag für Sammler!, 5. August 2014
Die Veröffentlichung sämtlicher Orchesteraufnahmen Ferenc Fricsays ist ein überfälliger Schritt, für den man die Deutsche Grammophon nicht hoch genug loben kann. Dieser einmalige ungarische Dirigent gehört zu den ganz großen Vertretern seiner Zunft und hätte längst unter allen Musikfreunden eine Reputation verdient, die er außer unter Kennern bis heute nicht wirklich genießt. Nach dessen vorzeitigem Ableben (Fricsay starb im Februar 1963 an den Folgen einer nicht rechtzeitig erkannten Perforation der Gallenblase) verdrängte sein Nachfolger Herbert von Karajan den Ausnahmedirigenten Fricsay schnell von der Bildfläche.

Fricsays Aufnahmen sind aber größtenteils so vielfältig, schillernd und lebhaft wie man sich viele Werke nur wünschen kann. Sein Dirigat war unglaublich elegant (er verzichtete meist auf einen Taktstock), äußerst inspiriert, spontan und unberechenbar im positivsten Sinne des Wortes. Fricsay ging akribisch zu Werke, war dabei aber keineswegs unfreundlich zu den Musikern (in jenen Tagen keine Selbstverständlichkeit!) und schuf selbst unter schwierigsten Bedingungen eine Orchesterkultur im Nachkriegs-Berlin, die heute noch wie ein Wunder anmutet. Was Fricsay aus den Trümmern des 2. Weltkriegs entstehen ließ, nötigt auch heute noch allerhöchsten Respekt ab.

Wer beispielsweise seine Interpretation von Dvoraks Sinfonie "Aus der Neuen Welt" hört, möchte angesichts der Spontaneität und Frische der Darbietung nicht glauben, wie viele um Klassen schlechtere Konkurrenzaufnahmen den Markt fluten. Die Liste der Referenzaufnahmen in dieser Box ist lang - so lang, daß ein Kauf auf keinen Fall zu einer großen Enttäuschung geraten kann. Hier daher einige besonders hervorzuhebende Kostbarkeiten:

Die drei Klavierkonzerte seines Landsmanns Béla Bartók finden in Fricsay und Geza Anda am Klavier kongeniale Interpreten - eine Aufnahme, an die bis heute allenfalls Zoltan Kocsis' Aufnahme mit Ivan Fischer heranreicht.

Beethovens 3. Klavierkonzert mit Annie Fischer ist DIE Referenzaufnahme des Werkes schlechthin - ein Juwel, das seiner Wiederentdeckung im Grunde genommen noch harrt. Das vollkommen organische Zusammenspiel und die Liebe zu Details im Orchester heben diese Interpretation weit aus der Masse heraus.

Die Beethoven-Symphonien 1,3,5 und 7-9 würden wohl kaum dem Zeitgeist heutiger Tage entsprechen - dafür sind die Tempi zu langsam und der Klang im Allgemeinen zu satt. Trotz allem gilt die Aufnahme der Neunten als eine der besten überhaupt, und auch die Fünfte wurde von einer Jury zu den acht besten Einspielungen dieses Werkes aller Zeiten gekürt.

Smetanas "Moldau" ist ein weiterer Höhepunkt: so schillernd, vielseitig, fließend und doch völlig souverän wird dieses Werk nur selten dargeboten.

Prokofieffs "Symphonie classique" ist von unglaublichem Charme, und die Kodaly-Aufnahmen gelten schon lange als Klassiker. Das slawische Kolorit Kodalys ist einfach hinreißend eingefangen.

Die Mozart-Symphonien (29, 39, 40 und 41) entfalten eine wienerische Brillanz. Sie sind nicht so zügig gespielt wie dies heute meist zu erleben ist, punkten aber mit blitzsauberer Akkuratesse und großer Transparenz. Auch eine Auswahl der Klavierkonzerte Mozarts mit Clara Haskil sollte man unbedingt gehört haben. Die Grandezza dieses Spiels haben nur wenige jemals erreicht.

Die absoluten Höhepunkte dieses Schmuckkästchens sind meines Erachtens die Tschaikowsky-Symphonien 5 und 6. Die Fünfte wurde bereits 1949 (eine der frühsten Aufnahmen Fricsays überhaupt) in mono aufgenommen, doch der Klang ist dafür erstaunlich gut. Diese Interpretation ist unbeschreiblich: das wunderbare Klarinettensolo zu Beginn ist so bezaubernd gespielt und in die Harmonien eingebettet, daß der geneigte Hörer sofort überwältigt wird und ahnt, daß noch großartige weitere 40 Minuten folgen werden. In puncto Qualität nimmt diese Aufnahme einen absoluten Spitzenrang ein. Die Pathetique stellt jedoch alles in den Schatten. Sie liegt sogar in zwei Versionen vor: die erste von den frühen 50er-Jahren ist um sieben Minuten schneller als die zweite Version, die vier Jahre vor Fricsays Tod entstand. Die erste Darbietung ist schon atemberaubend und überaus präzise gespielt, aber die zweite ist eine Sensation. Fricsay hatte die Aufnahme nie freigegeben, weil er noch an ihr arbeiten wollte - dazu kam es zwar nicht mehr, aber es bleibt ohnehin fraglich, was an dieser Aufnahme noch zu verbessern gewesen wäre. Die Aufnahme würde übrigens erstmalig in der Box "Ferenc Fricsay - a life in music" im Jahre 2003 veröffentlicht - also 40 Jahre nach dem Ableben des Maestros. Die Pathetique kann also nicht nur als Tschaikowskys geistiges Testament, sondern auch als das von Fricsay angesehen werden.
Diese Pathetique ist ohne Übertreibung eine Jahrhundert-Interpretation, die mit alten eingefleischten Hörgewohnheiten und Schlampereien gründlich aufräumt. Fricsay genehmigt sich hier beispielsweise Rubati, die anderen Dirigenten sofort aus den Händen gleiten würden - gleich das Fagottsolo zu Beginn oder das abrupte Abbremsen vor der Klimax des Kopfsatzes legt Zeugnis davon ab. So organisch, so stimmig und so warmherzig hat man die Pathetique noch nie erlebt - fernab jeder falschen Gefühlsduselei oder rührseligen Kitschs. Man könnte meinen, daß diese Aufnahme das ganze Leiden Fricsays in sich vereint - wer das nicht gehört hat, dem fehlt etwas im Leben.

Die Würdigung dieses Ausnahmedirigenten ist überfällig - viele seiner Aufnahmen bleiben absolut unvergessene Meilensteine, die auch nach mehr als einem halben Jahrhundert allen Musikern heutiger Tage als Inspiration dienen sollten. Auch einem Ferenc Fricsay konnte nicht alles gelingen, aber selbst die wenigen im Vergleich etwas schwächeren Aufnahmen können sich absolut hören lassen.

Zu einem Kauf dieser Box kann ich nur uneingeschränkt raten. Auch die Klangqualität ist in vielen Fällen so erstaunlich gut, daß man der Mehrzahl der Aufnahmen ihr Alter überhaupt nicht anmerkt. Die 45 CDs helfen bei der Überbrückung bis zu der Zeit, da die zweite Box mit den Bühnenwerken herauskommen wird - auf die darf man mindestens so gespannt sein!
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 20, 2014 8:29 AM MEST


Korchnoi (Move by Move)
Korchnoi (Move by Move)
von Cyrus Lakdawala
  Taschenbuch
Preis: EUR 22,40

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kurzweilig, fundiert und sehr lehrreich - absolute Empfehlung!, 18. Juni 2014
Rezension bezieht sich auf: Korchnoi (Move by Move) (Taschenbuch)
In der Reihe der Spielerportraits des Everyman-Verlags wendet sich IM Cyrus Lakdawala nun Viktor Kortschnoj zu. Um es gleich vorwegzunehmen: ich halte diese Publikation für seine bislang gelungenste.

Viktor Kortschnoj (*1931) ist wohl der stärkste Spieler aller Zeiten, dem es niemals gelang, Weltmeister zu werden. Seine entbehrungsreiche Jugend im belagerten Leningrad und ein alles andere als privilegiertes Leben haben ihn zu einem der größten Kämpfer in der Geschichte des Schachs gemacht. Sein unbändiger Siegeswille und seine kämpferische Einstellung ließen ihn zur Legende des königlichen Spiels werden. Selbst im Alter von 75 Jahren belegte Kortschnoj noch Rang 85 der Weltrangliste! Daß man von den Partien dieses Titans eine Menge lernen kann, ist daher keine Überraschung.

Kortschnojs Partien sind selten absolut fehlerfrei, sondern häufig von Komplexität, originellen Wendungen und Zeitnotschlachten geprägt. Der Unterhaltungsfaktor dieser sorgsam ausgewählten Partien (eine solche Wahl fällt angesichts von mehr als 5000 Turnierpartien nicht gerade leicht!) ist daher sehr hoch. Erfreulicherweise werden dabei nicht nur Klassiker wie seine Partie gegen Tal bei der UdSSR-Meisterschaft 1962 in Jerewan beleuchtet, sondern auch großartige Kampfpartien aus der jüngeren Vergangenheit. Kortschnojs Partie gegen den viel zu früh verstorbenen aserbaidschanischen Großmeister Vugar Gashimov ist eine epische Schlacht und eine der unglaublichsten Partien, die die Schachwelt jemals gesehen haben dürfte! Lakdawalas Schreibstil ist flüssig und voller Humor - seine Bewunderung für Kortschnoj ist dabei in jedem Moment spürbar. Während der Autor bei bisherigen Spielerportraits eher etwas auf Distanz blieb und damit eine etwas unterkühlt und blutleer wirkende Darstellung des Spielers erzielte, hat man hier den Eindruck, man würde oft direkt neben dem Brett sitzen und kiebitzen. Die dreisten Züge Kortschnojs, seine Zeitnotfehler und seine Launenhaftigkeit kommen dabei so plastisch herüber wie man es sich nur wünschen kann.

Daß Kortschnoj sämtliche Facetten des Spiels beherrschte, zeigt auch die Gliederung der Partien in verschiedene Abschnitte (Kortschnoj im Angriff, bei der Verteidigung usw.). Dieses Konzept wurde auch schon bei früheren Veröffentlichungen gewählt, kommt hier aber wegen der Vielseitigkeit Kortschnojs besonders gut zum Tragen. Die Partien selbst sind angesichts ihrer Komplexität recht ausführlich analysiert und erfordern daher einen gewissen Arbeitsaufwand seitens des Lesers, wenn er größeren Nutzen aus der Analyse ziehen will. Das Frage-Antwort-Konzept zwischen Schüler und Trainer erleichtert die Navigation etwas, aber angesichts des durchaus heterogenen Schiwerigkeitsgrades der Fragen ist auch ein reizvoller Aspekt geschaffen, sich den diversen Fragen ernsthaft zu nähern. Erfreulicherweise wurde auch die Zahl der Druckfehler im Vergleich zu früheren Jahren gesenkt - das etwas diagrammlastige Layout ist für Neueinsteiger in dieser Serie vielleicht noch etwas gewöhnungsbedürftig.

Lakdawalas Hingabe zu einem seiner Lieblingsspieler macht dieses Werk zu einem sehr bewegenden und fundierten Portrait dieses Jahrhundertspielers, das jedem - zumindest, wenn er genügend Englisch kann - empfohlen werden kann.


Berlin Wall: The Variation That Brought Down Kasparov
Berlin Wall: The Variation That Brought Down Kasparov
von John Cox
  Taschenbuch
Preis: EUR 19,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein bahnbrechendes und gelungenes Werk über eine topaktuelle Variante!, 24. April 2014
John Cox, britischer IM und Jurist, legt hier ein Buch vor, das nicht nur eine Marktlücke füllt, sondern auch von herausragender Qualität ist und erheblich zum Verständnis der Berliner Mauer beiträgt. Seit Kramniks WM-Match gegen Kasparov hat diese Variante (1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 Sf6 4. 0-0 Sxe4 5. d4 Sd6 6. Lxc6 dxc6 7. dxe5 Sf5 8. Dxd8+ Kxd8) den Weißspielern nicht wenig Kopfzerbrechen bereitet. Speziell aggressiv eingestellte Weißspieler mögen sich oft nicht recht mit dem frühen Damentausch und den zähen Stellungen, die daraus resultieren, anfreunden. Daß die Variante allerdings weit mehr als nur eine solide Remiswaffe ist, hat die Praxis schon oft genug bewiesen. Gerade den planlos agierenden Anziehenden müßte der hervorragend erklärte erste Teil des Buches mindestens so viel an Ertrag einbringen wie den Schwarzspielern, die diese Variante in ihr Repertoire aufnehmen wollen.
Bemerkenswert an diesem (allerdings in englischer Sprache erschienen) Werk ist schon der Aufbau an sich. Anstatt den Leser gleich mit Variantengeflechten zu überfallen, werden zunächst einmal typische Motive, Stellungen und entstehende Endspiele in aller Ausführlichkeit behandelt. Die Gliederung des Materials nach bestimmten thematischen Aspekten ist schwierig, aber dennoch gut gelungen. In aller Klarheit werden hier zunächst typische Ideen und Pläne erläutert, um sich später in den Partien besser zurechtfinden zu können. Dieser allgemeine Teil nimmt fast die Hälfte des Buchs ein und ist für das Verständnis dieser Variante absolut unentbehrlich. Man fragt sich unwillkürlich, warum nicht noch mehr Eröffnungsbücher so geschrieben sind!
Erst dann präsentiert der Autor im zweiten Teil die Varianten, wobei neun der elf Kapitel der Stellung nach 8. ... Kxd8 gewidmet sind. Nebenvarianten wie 4. d3 werden in zwei weiteren Kapiteln ebenfalls behandelt, aber das Hauptaugenmerk das Autors liegt mit Recht auf der Schlüsselstellung nach 8. ... Kxd8. Mit Hilfe der gut kommentierten Partien sollte es einem Leser, der sich die Mühe macht, diese harte Arbeit auf sich zu nehmen, gelingen, nicht nur ein besseres Verständnis für diese Variante zu entwickeln, sondern auch generell seine Spielstärke zu erhöhen. Trotz des Umfangs der Varianten sei nochmals daran erinnert, daß diese meist keineswegs forcierten Charakter haben - vielmehr ist ein gutes Stellungsverständnis (siehe erstes Kapitel) notwendig, um diese Variante mit beiden Farben gleichermaßen gut spielen zu können.
Auf Vereinsebene mag diese Variante nicht besonders beliebt sein, aber mit steigendem Niveau begegnet man ihr immer regelmäßiger. Eingefleischte und ambitionierte Spanisch-Spieler werden um eine genaue Untersuchung dieser Variante wohl nicht umhinkommen - Schwarzspieler, denen die Grabenkämpfe des Geschlossenen Spaniers (zum Beispiel in der Breyer-Variante) zu zäh sind, werden hier sicherlich ebenfalls Anregungen finden, um diese Variante besser zu verstehen. Immerhin erhält Schwarz das Läuferpaar im Gegenzug für seinen Doppelbauern und seinen Wanderkönig.
Die Beschäftigung mit dem vorliegenden Material ist langwierig (das liegt aber mehr in der Natur der Variante als am gefälligen Schreibstil des Autors), aber lohnend. Das praktisch konkurrenzlose Werk kann nicht nur aufgrund seiner gefälligen Systematik, sondern auch angesichts der hohen Druckqualität überzeugen. In diesem Sinne: weiter so, Master Cox!

(Kleine Anregung: Eine Abweichung mit 4. Sc3 ins Vierspringerspiel ist manchmal gar nicht so schlecht, da in dieser Eröffnung die meisten Schwarzspieler - meiner Erfahrung nach - keineswegs so sattelfest sind wie man denken sollte! Siehe dazu auch meine Rezension über das Vierspringerspiel von Cyrus Lakdawala.)


Leon Fleisher - Complete Album Collection
Leon Fleisher - Complete Album Collection
Preis: EUR 103,52

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Beeindruckende Hommage an einen zu wenig bekannten Pianisten und eine Schatzkammer der Klaviermusik!, 20. Februar 2014
Leon Fleisher (*1928) gehörte während der 50er- und 60er-Jahre zu den berühmtesten Pianisten seinr Zeit. Als eine arthrose-ähnliche Erkrankung seine rechte Hand lähmte, schien seine Karriere jedoch am Ende. Stattdessen spezialisierte er sich in den folgenden Jahren auf das schmale Repertorie für die linke Hand, konnte damit aber natürlich nicht mehr an den Ruhm früherer Tage anknüpfen. Über 35 Jahre später gelang es ihm, dank einer neuartigen Botox-Behandlung schließlich fast uneingeschränkt die rechte Hand wieder zu nutzen.

Bis auf die letzten vier CDs (die größtenteils neue Einspielungen mit Werken für die linke Hand enthalten) stammen die Aufnahmen allesamt aus der Zeit vor dem vermeintlichen Karriereende. Doch trotz des Alters dieser Aufnahmen ist sowohl ihr Klang erstaunlich lebendig als auch ihre Bedeutung kaum zu unterschätzen. Fleishers Spiel hatte analytische Kraft und war häufig darauf ausgerichtet, Strukturen zu verdeutlichen und vergleichsweise schmucklos zu wirken. Leidernschaftlich sind seine Interpretationen trotzdem: beispielsweise gilt seine Wanderer-Fantasie immer noch als Geheimtipp unter den Referenzaufnahmen dieses Werkes. Aaron Coplands selten zu hörende Sonate wirkt bei Fleisher alles andere als leblos oder karg, obwohl der Tonsatz - wie so häufig bei diesem Komponisten - tatsächlich recht asketisch ist. Was diese Box so ungemein wertvoll macht, sind indes weniger die Klassiker (wohl kaum ein passionierter Sammler käme ohne Fleishers glänzende Aufnahmen der Klavierkonzerte von Beethoven und Brahms unter George Szell aus und dürfte sie schon lange besitzen), sondern die eher selten zu hörenden Werke, die Fleisher nicht nur als brillanten Virtuosen, sondern als auch Kammermusikpartner erster Güte ausweisen. So kann beispielsweise seine Aufnahme des Klavierquintetts von Johannes Brahms mit dem Juilliard Quartett ohne Einschränkungen zu den besten Darbietungen dieses Werkes gezählt werden. Fleisher war sich auch nie zu schade dafür, sich in Werken wie Brahms' Liebeslieder-Walzern unterzuordnen und stattdessen einem Quartett an Solisten die Gelegenheit einzuräumen, sich zu präsentieren. Neben den vielen referenzverdächtigen Aufnahmen (zu denen sicherlich auch Schuberts B-Dur-Sonate gerechnet werden muß) ist es besonders erfreulich zu sehen, daß viele seit Jahrzehnten vergriffene Aufnahmen nun wieder zugänglich sind und ein beredtes Zeugnis von Fleishers insgesamt zu wenig beachteter Kunst ablegen.
Fleishers makelloses, unprätentiöses und zeitloses Spiel macht heuer genauso viel Eindruck wie damals und kann einen nur fassungslos machen ob der Tatsache, daß einer der größten Pianisten seiner Zeit von einer schrecklichen Krankheit fast dauerhaft aus dem Verkehr gezogen worden wäre. Heute spielt Fleisher noch immer, und auch wenn sein Spiel wegen nie vollständig erfolgter Heilung im Greisenalter natürlich nicht mehr die Brillanz früherer Tage haben kann, so läßt sich doch immer noch mühelos erahnen, welch gigantisches Potential in diesem superben Pianisten gesteckt hätte. Man höre nur sein "Jesus bleibet meine Freude" (Arrangement von Dame Myra Hess) in dem 2007 bei Vanguard Classics erschienenem Album "Two Hands". Wer da nicht sentimental berührt ist, muß aus Stein sein. So müssen wir ansonsten eben mit relativ wenigen Aufnahmen aus vergangenen Tagen Vorlieb nehmen, deren Faszination dem geneigten Hörer allerdings damals wie heute ungetrübten Hörgenuß bereiten sollte.
Daher sei auch SONY noch ein großes Lob für diese sorgsam ausgestattete und gut recherchierte Box gezollt. In Zeiten rascher Vermarktung und lieblos aufbereiteter Boxen ist diese Veröffentlichung mit Original-LP-Covern und schönem Hardcover-Booklet ein Paradebeispiel dafür, wie man es auch machen kann.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 27, 2014 12:33 AM MEST


Nocturnes
Nocturnes
Preis: EUR 22,93

9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Legende kehrt zurück ..., 17. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Nocturnes (Audio CD)
Ivan Moravec, ein stiller und viel zu wenig beachteter tschechischer Pianist (*1930), legte Mitte der 60er-Jahre eine Einspielung der Nocturnes von Frédéric Chopin vor, die bis heute mit Fug und Recht zu den Referenzaufnahmen dieser Werke zählen darf.
Moravecs minutiöse Beschäftigung mit sämtlichen Werken, die er einspielt, bringt ihm ein vollkommen natürliches und sicheres Gespür für Chopins Nachtstücke ein, die wie vielleicht keine zweite Werkgruppe im Schaffen des Komponisten die Quintessenz seiner Tonsprache und seiner Stilistik beinhalten. Beeinflußt von Rossini und Bellini sowie deren Belcanto-Stil schreibt Chopin ausladende Melodien über einem harmonisch schlicht anmutenden Fundament. Wenn die Nocturnes aber eine große Herausforderung für den Interpreten bereithalten, dann ist es die Tatsache, daß die Werke voller versteckter harmonischer Wendungen sind, vertrackte Mittel- und Gegenstimmen aufweisen und zudem alles andere als gefällige Salonmusik darstellen - dafür sind sie doch viel zu abgründig in manchen Passagen, dunkel und neuartig in ihrer Konzeption.
Ivan Moravec versteht es wie kein Zweiter, die Melodien scheinbar mühelos, gleichsam schwebend und doch vollkommen natürlich über dem harmonischen Fundament zur Entfaltung zu bringen und dabei gleichzeitig doch alles andere als glatt und oberflächlich zu spielen. Die sorgsam ausgeloteten dynamischen Schattierungen, artikulatorischen Variationen und subtilen Veränderungen der Balance zwischen den Stimmen lenken die Aufmerksamkeit des Hörers gekonnt auf die Stellen, die diese Piècen weit aus der Masse gefälliger Unterhaltungsmusik in den Pariser Salons herausheben. Das Cis-Dur-Nocturne op. 27,2 wirkt so nach dem cis-moll-Nocturne op. 27,1 nicht etwa wie eine isolierte Komposition, sondern vielmehr als ein idealer Gegenpart zu der archaisch anmutenden Stimmung im Vorgängerwerk. Man beachte beispielsweise, wie Moravec gerade in diesem Werk die arpeggierten Bässe durchaus kraftvoller in Szene setzt als andere und doch dabei niemals die organische Struktur die Oberstimmen verletzt. Wie zauberhaft wirkt danach das nächste Nachtstück ...
Trotz - oder gerade wegen? - des durchaus ungewohnten Spiels, das mit eingefleischten Hörgewohnheiten durchaus aufräumt, hat kaum ein Kritiker seither die Aufnahme ernsthaft hinterfragt oder gar als zu modern gebrandmarkt. Im Gegenteil - Moravecs Spiel ist frei von allen Klischees (von denen es bei Chopin ja nun wahrlich genug gibt) und zeugt von einem sensiblen und tiefgreifenden Verständnis für diese keineswegs leicht zugängliche Werkgruppe des großen polnischen Klavierpoeten. Der Klang wurde gegenüber der früheren Veröffentlichung (die allzu lange nicht erhältlich war) weiter verbessert - man entschärfte vor allem die an manchen Stellen etwas dumpf und breiig klingenden Bässe, die nun viel ausgewogener daherkommen.
Natürlich muß der geneigte Pianophile nicht gleich die Aufnahmen von Rubinstein, Pires oder Weissenberg entsorgen. Moravecs Darbietungen sind nicht so brisant wie die von Weissenberg, aber Stoff zum Nachdenken bieten sie allemal. Wenn das Ergebnis aber so gelungen ist wie hier, fällt die Neubwertung liebgewonnener Hörgewohnheiten sicherlich nicht sehr schwer. Dies bleibt somit neben Lipattis Walzern, Zimermans Balladen und Pollinis Etüden eine der ganz großen Aufnahmen in der Aufnahmehistorie der Werke Chopins, die kein ernsthafter Sammler entbehren kann.


Grandmaster Repertoire 15: The French Defence -- Volume 2
Grandmaster Repertoire 15: The French Defence -- Volume 2
von Emanuel Berg
  Taschenbuch
Preis: EUR 23,49

13 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine wahre Fundgrube für die Anhänger der Winawer-Variante!, 10. Februar 2014
Die Winawer-Variante ist eine dieser Varianten im Schach, deren Popularität einer wahren Achterbahnfahrt glich. Zunächst galt die Hauptvariante mit 7. Dg4 (die der Gegenstand dieses Buches ist) lange Zeit wegen des Opfers mit 7. ... Dc7 als verdächtig. Nachdem die Anziehenden mit immer neuen Ideen aufwarteten und die Grundfesten dieses Abspiels erschütterten, gingen immer mehr Schwarzspieler dazu über, 7. ... 0-0 zu spielen. Auch hier fanden die Weißen immer neue Mittel und Wege, Schwarz in Verlegenheit zu bringen - man konnte fast den Eindruck gewinnen, daß die gesamte Winawer-Variante kurz vor ihrem Ende stand. Zahlreiche Schwarzspieler haben sich aber der Rehabilitierung dieser Variante verschrieben und sie zu neuem Leben erweckt. Der junge schwedische Top-Großmeister Emanuel Berg spielt diese Variante schon seit zwei Jahrzehnten und darf als überaus kompetenter Autor angesehen werden.
Erfreulicherweise bietet er in seinem Buch gleich drei mögliche Abspiele für Schwarz an: 7. ... Dc7 oder 7. ... 0-0, gefolgt von 8. ... f5 oder 8. ... Sbc6. In puncto Umfang nehmen alle Varianten nahezu gleich viel Platz ein, so dass auch der Eindruck, alle diese Systeme seien spielbar, zusätzlich untermauert wird. Die Qualität der Analysen ist nicht nur sehr hoch - die unerprobten Empfehlungen des Großmeisters, der sich nicht zu schade ist, etliche Geheimnisse preiszugeben, werten die analytische Arbeit noch weiter auf. Die Klientel, an die sich das Buch wendet, ist allerdings recht hoch in puncto Spielstärke anzusiedeln. Lange Textpassagen mit tiefgründigen Erklärungen gibt es nur an wenigen Schlüsselstellen. Ansonsten wird eine Spielstärke von mehr als 2000 DWZ-Punkten wohl erwartet, da viele minderwertige Züge erst gar nicht erwähnt werden, sondern vom Leser selbst widerlegt werden müssen. Dank der Analyseengines heutiger Tage kann man dieses Defizit sicherlich ohne große Mühe wettmachen, doch ist die Beschäftigung mit dem Buch unterwegs möglicherweise eine recht harte Kost. Andererseits wimmelt es in diesem Buch nur so von interessanten Stellungen, die die Aufmerksamkeit des geneigten Lesers sicherlich auf sich ziehen werden. Trotz des wohl relaitv kleinen Kreises an potentiellen Lesern bleibt festzuhalten, daß Berg hier meines Erachtens eine bahnbrechende Arbeit vorgelegt hat, die allemal das Potential hat, hartgesottenen Winawer-Spielern ein treuer und verlässlicher Begleiter für die nächsten Jahre zu sein. Berg selbst räumt ein, daß in vielen noch unerprobten oder wenig untersuchten Abspielen sicherlich weiterhin Platz für Verbesserungen ist. Besonders bemerkenswert finde ich die noch relativ neue Idee mit 12. h4 (anstelle des weitaus gebräuchlicheren 12. Dd3) in der Hauptvariante mit 7. ... Dc7 (8. Dxg7 Tg8 9. Dxh7 cxd4 10. Se2 dxc3 11. f4 Sbc6), da diese Variante einen unvorbereiteten Spieler rasch vom Brett fegen kann. Da es dem Autor selbst schon so erging, richtet er sogar ein besonderes Augenmerk auf diese Variante und erhebt sie sogar zum wichtigsten Abspiel der Variante mit 7. ... Dc7. Nicht unerwähnt bleiben soll auch, daß der Autor der Zugfolge 7. ... cxd4 anstatt 7. ... Dc7 den Vorzug gibt, weil er meint, daß 8. Ld3 nach 7. ... Dc7 eine lästige Option ist. Nach 7. ... cxd4 8. Ld3 ist hingegen 8. ... Da5 seiner Meinung nach eine Verbesserung. Natürlich kann Weiß nach 7. ... cxd4 einfach auf d4 zurücknehmen anstatt auf g7 zu schlagen, aber nach 8. ... Dc7 verspricht dies laut Berg nichts Besonderes.
Layout und Druckqualität sind wie immer hervorragend bei Quality Chess und runden dieses anspruchsvolle, aber gelungene (allerdings in englischer Sprache gehaltene) Werk über die Hauptvariante im Winawer würdig ab. Unbedingte Kaufempfehlung!


Sämtliche Orchesterwerke (Ga)
Sämtliche Orchesterwerke (Ga)
Preis: EUR 21,99

10 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Maestro Abbado und Ravel - welch ein Glücksfall!, 21. Januar 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Sämtliche Orchesterwerke (Ga) (Audio CD)
Der Tod Claudio Abbados am 20. Januar 2014 riß eine große Lücke in die Riege absoluter Top-Dirigenten. Der Italiener Claudio Abbado (*1931) gehörte zu den leisen, aber ganz großen MAestros seiner Zeit. Seine bescheidene und werkdienliche Art brachte ihm Bewunderung und Sympathien allerorts ein. Neben seinen Verdi-Opern gehören zu seinen größten Leistungen meines Erachtens die Einspielungen von Werken impressionistischer Komponisten.

Bereits 1971 legte Abbado mit Debussys "Nocturnes" und Ravels "Daphnis et Chloe"-Suite Nr. 2 eine Aufnahme vor, deren Qualität bis heute mitreißt und beispielhaft geblieben ist. Seit dieser Zeit mag sich die interpretatorische Ästhetik ein wenig geändert haben, aber die Leistung der Bostoner und Abbados war schon damals ein deutlicher Fingerzeig.
Die spätere, hier vorliegende Gesamteinspielung der Ravel'schen Orchetserwerke mit dem London Sympony Orchestra gehört zu den Einspielungen, die vorbehaltslos empfohlen werden können. Man höre nur, wie düster und unterschwellig die unheilvollen Klänge in "La valse" in größter Klarheit und Transparenz zum Tragen kommen. Auch die charmante Leichtigkeit und unbändige Spielfreude, die "Le tombeau de Couperin" durchzieht, könnte kaum authentischer wirken. "Daphnis et Chloe" ist meines Erachtens der Höhepunkt der Sammlung: schon zu Beginn, als die einzelnen Töne des Chors dahinschweben, liegt eine Spannung in der Luft, die förmlich greifbar ist und sich schließlich in einem atemberaubenden Danse bacchanale triumphal am Ende löst. Der geglückten Momente sind in dieser Box derart viele, dass sie hier aufzuzählen den Rahmen sprengen würde.
Abbados Ravel ist von großer Transparenz, aber auch ungebremster Vitalität und unerhörtem Klangsinn. Dynamische Kontraste werden mit größter Vehemenz in Szene gesetzt und die Tempi bleiben stets flüssig. Gerade in den dunklen Registern (Kontrafagott, Bassklarinette) erreicht Abbado eine Klarheit, die ihresgleichen sucht. Überhaupt wirken alle Stimmen stets organisch in das komplizierte Geflecht eingebettet - selbst scheinbar unwichtige Harfentöne sind hier immer wieder gut hörbar, ohne mit technischen Tricks nachhelfen zu müssen.
Diese Box kommt ohne einen echten Schwachpunkt aus und ist auch in klanglicher Hinsicht rundum gelungen. Ärgerlich ist lediglich, daß die Klavierkonzerte im Gegensatz zu der anderen Gesamtaufnahme, die ich empfehlen würde - die von Charles Dutoit - ausgespart wurden: ein Umstand, der umso bedauerlicher ist, wenn man die Refernezaufnahme Abbados des G-Dur-Konzerts mit Martha Argerich kennt.


Klavierwerke
Klavierwerke
Preis: EUR 14,20

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Hamelin in Topform - feurig, atemberaubend und mitreißend!, 19. November 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Klavierwerke (Audio CD)
Heitor Villa-Lobos zählte zu den produktivsten Komponisten des 20. Jahrhunderts und hinterließ ein gigantisches Oeuvre, in dem meist brasilianische Rhythmen mit europäischer Musik der frühen Avantgarde gepaart wurden. Seine besten Klavierwerke bilden da keine Ausnahme: "As tres Marias", die beiden "Prôle do bébé"-Suiten und Rudepoema gehören zum Besten im Schaffen des Komponisten, das er uns auf dem Gebiet der Klavierliteratur hinterlassen hat.
Die harmlos und verspielt anmutenden drei kurzen Stücke zu Beginn (As tres marias) sind durchaus tückisch und wesentlich diffiziler zu spielen als ihr harmloser Klang vermuten ließe. Dem grandiosen Virtuosen Marc-André Hamelin dienen sie indes eher als Einspielübung für die kommenden Aufgaben - was aber keineswegs bedeuten soll, daß ihm die Stücke nicht absolut hinreißend gelungen wären.
In der ersten Suite gelingt es dem Kanadier, die reizenden Melodien und ihre verborgene Poesie wunderschön herauszumeißeln aus dem rhythmisch oft sehr vertrackten Geflecht an Unterstimmen. Den ganz speziellen Charme dieser Petitessen paart Hamelin mit einem makellosen Gefühl für präzisen Rhythmus und goldrichtiger Balance zwischen Melodie und Unterstimmen. Diese Qualitäten treten in der wesentlich längeren und noch deutlich anspruchsvolleren zweiten Suite in den Hintergrund, da der Tonsatz wesentlich dichter und komplizierter geraten ist. Die Stücke sind häufig von einer expressionistischen Härte durchzogen - sowohl was die dissonante Harmonik als auch den perkussiven Rhythmus betrifft, der teils an brasilianische Tänze, aber auch an Bartók erinnert. Wenn man Hamelin überhaupt etwas vorwerfen kann, dann ist es die Tatsache, daß er hier zum Teil sehr dick aufträgt und den Stücken möglicherweise einen monumentaleren Charakter als beabsichtigt verleiht. Dessen ungeachtet ist seine Technik blitzsauber, texttreu und von atemberaubender Durchschlagskraft. Der gläserne Wolf (Nr. 9) gerät unter Hamelins Händen zu einem rhythmischen Parforce-Ritt ohne Rücksicht auf Verluste - Hamelin weiß aber zu jeder Zeit, was er tut. Er dosiert das Risiko genau richtig und verspielt sich dabei kein einziges Mal. (Zwar ist dies eine Studioaufnahme, aber die Stücke sind dennoch derart anspruchsvoll, daß sie am Rande der Spielbarkeit wandeln.)
Wer nun denkt, daß der Interpret sein Pulver verschossen hat, irrt sich gewaltig: den fulminanten Abschluß der CD bildet Rudepoema, die wohl größte Schlacht für Klavier solo im gesamten Expressionismus. Eine gigantische Klangfülle, aberwitzige technische Schwierigkeiten und kraftraubende Passagen gilt es hier zu meistern. Hamelin scheint dieses Stück allerdings wie auf den Leib geschneidert zu sein, da er alle Anforderungen nicht nur erfüllt, sondern bei weitem übertrifft. Mit dieser auch in klanglicher Hinsicht phantastischen Einspielung kann allenfalls Nelson Freires Einspielung aus den 70er-Jahren noch mithalten. Ansonsten gilt hier: anschallen, Atem anhalten und staunen, bis der letzte dumpfe Schlag nach 20 Minuten im Nichts verklingt.
Marc-André Hamelin ist seinem Ruf als Supervirtuosen hier wieder einmal vollauf gerecht geworden - man glaubt es kaum, daß jemand so Klavier spielen kann. Wer Villa-Lobos liebt, kann auf diese CD auf keinen Fall verzichten - und wer Hamelin liebt, ebenfalls nicht!


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