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GH (Wien)

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Liebe: Ein philosophisches Lesebuch
Liebe: Ein philosophisches Lesebuch
von Kai Buchholz
  Taschenbuch

14 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zwischen Eros und Agape, 7. Mai 2009
Das Lesebuch lädt ein zum Wiederlesen der klassischen Texte zum Thema Liebe und zum Entdecken neuer Texte. So enthält es Platons "Gastmahl" mit seiner berühmten Erzählung über die Kugelmenschen, die von Zeus zweigeteilt wurden und nun verzweifelt ihre fehlende Hälfte suchen, Auszüge aus Ovids "Liebeskunst", Kierkegaards "Tagebuch des Verführers" oder Goethes "Werther". Es enthält aber nicht nur Texte von Philosophen über die Liebe, sondern auch Texte über das Liebesleben von Philosophen, namentlich über Kierkegaard, Sartre/Beauvoir oder Ludwig Wittgenstein. Hier kann man dann Fichtes These prüfen, dass die Wahl einer Philosophie davon abhänge, was man für ein Mensch sei, dass also die jeweilige Philosophie weniger Ergebnis streng logischer Deduktionen als vielmehr Niederschlag persönlichen Erlebens und Erfahrens sei.

Und da das für Autor und Leser gleichermaßen gilt, kann die Lektüre solcherart auch Ausgangspunkt und Angelpunkt für Selbsterforschungen werden. Mich z.B haben zwei Texte ganz besonders angesprochen, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten: Irenäus Eibl-Eibelsfeld über "Bindung, Liebe, Sexualität" und Benedikt XVI alias Joseph Ratzinger über "Gott ist Liebe". Der eine ist Verhaltenforscher und kritisiert in seinem Text die christliche Sexualmoral, der andere war Theologieprofessor und ist nun Papst und verteidigt sie. Beiden gemeinsam ist allerdings, dass sie gegen Freuds These antreten, dass Liebe nur eine sublimierte Form der Sexualität sei.

Bei Eibl-Eibelsfeld findet sich eine überzeugende Argumentation, dass es neben der Sexualität als Grundtrieb auch den "Bindungstrieb" als elementaren Trieb gebe. Der Bindungstrieb zeige sich im Geselligkeitsstreben und im Brutpflegetrieb. Und die Liebe sei nun, nach Eibl-Eibelsfeld auf diesen Bindungstrieb zurückzuführen und nicht von der Sexualität ableitbar. Umgekehrt stärke gerade beim Menschen die Sexualität die zwischenmenschliche Bindung: "Die Liebe wurzelt nicht in der Sexualität, bedient sich ihrer jedoch zur sekundären Stärkung des Bandes." Das gehört zum Intelligentesten, was ich über das Verhältnis von Liebe und Sexualität seit langem gelesen habe. Und es ist höchst kompatibel mit allem, was man seit einiger Zeit über die Bedeutung von Bindung im allgemeinen (John Bowlby) oder über die Biochemie der Liebe (und die Rolle des Oxytocin) herausgefunden hat.

Im Grunde nimmt nun Ratzinger von theologischer Seite dieselbe Zweiteilung vor und nennt sie nach den griechischen Worten für Liebe die Dimension des "Eros" und die Dimension der "Agape" (Nächstenliebe). Sehr interessant und aufschlussreich ist seine Bemerkung, dass im Alten Testament das Wort "Eros" nur zweimal vorkomme und im Neuen Testament gar nicht. Ich füge hinzu, dass umgekehrt im Symposion (Gastmahl) praktisch ausschließlich "Eros" und "Philia" vorkommen und die "Agape" unbekannt ist. So kann man schon aus dieser rein philologischen Betrachtung den Abstand ermessen, der zwischen dem griechischen und dem jüdisch-christlichen Denken hinsichtlich der "Liebe" herrscht. Ersteres bleibt seinem Wesen nach eine Genuss-Aristokratie, die sich, um eine Wendung Foucaults aufzugreifen, um den richtigen "Gebrauch der Lüste" sorgt. Letzeres definiert sich als eine Demokratie in und durch Nächstenliebe. "Die Mystik des Sakraments hat sozialen Charakter. Die Vereinigung mit Christus ist zugleich eine Vereinigung mit allen anderen, denen er sich schenkt." Damit spricht Ratzinger eine Qualität sozialer Bindung und Verbindung an, die dem griechischen Denken völlig fremd ist.

Andere werden wahrscheinlich an anderen Texten hängenbleiben, z.B. an Duras "Liebhaber" oder Barthes "Fragmente einer Sprache der Liebe". Die Fülle unterschiedlicher Texte stellt jedenfalls sicher, dass sich für jede und jeden eine "Andockstelle" für weiters Nachdenken findet.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 1, 2014 7:18 PM MEST


Fritz Morgenthaler. Psychoanalytiker - Reisender - Maler - Jongleur (Imago)
Fritz Morgenthaler. Psychoanalytiker - Reisender - Maler - Jongleur (Imago)
von Hans-Jürgen Heinrichs
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Von verspäteten Gästen und verschwundenen Vögeln, 8. April 2009
Auf dem Umschlag des Technikbuches von Morgenthaler ist eines seiner Bilder wiedergegeben, das Ölgemälde "Weiße Stühle". Es zeigt 5 weiße Stühle im Vordergrund, die locker um einen weißen Tisch gruppiert sind. Der Hintergrund ist in dunklen Farben gehalten, unterbrochen von einer blau-weißen Farbfläche, die sich bis zur Gruppe mit den Stühlen und dem Tisch erstreckt und mit dem Vordergrund verschmilzt. Ich denke an eine Gletscherzunge, die zu einem Plateau führt, auf der die Stühle stehen. Sooft ich das Technikbuch in die Hand genommen habe, habe ich mich gefragt, wieso gerade dieses Bild für den Umschlag verwendet wurde.

Hans-Jürgen Heinrichs hat sich das auch gefragt. - und im Gegensatz zu mir eine überzeugende Antwort gefunden. Er bezieht das Bild auf die Metapher des "verspäteten Gastes" im Technikbuch. Dort schreibt Morgenthaler, dass er als Analytiker immer der "verspätete Gast" seines Analysanden sei. "[Ich] sitze mit ihm zwischen halbleeren Flaschen am schon abgegessenen Tisch. So saß noch niemand zuvor. Es ist eine neue Erfahrung für beide." Die Metapher taucht aber noch an anderer Stelle auf, nämlich in einem Brief vom August 1975 von Morgenthaler an Heinrichs. Dort charakterisiert sich Morgenthaler ebenfalls als "verspäteter Gast" - und zwar indem er sich auf das Gedicht "Verspätete Liebe" bezieht, das sein jugendlicher Freund aus Kreta" geschrieben hat:

Am Ende der Sichel
Sind wir noch zusammen,
wo niemals wir saßen
vor halbleeren Flaschen
am schon abgegessenen Tisch.

Das Bild des verspäteten Gastes macht so mehrere "Wandlungen" - um einen Begriff von Morgenthaler zu verwenden - durch: Es entsteht als Sprachbild in einem Liebesgedicht eines Freundes an Morgenthaler, der es in einem Brief an Heinrichs - als "Gabe", um einen weiteren Begriff Morgenthalers aufzugreifen -, weiterreicht und zugleich künstlerisch in ein Gemälde transformiert. Das Gemälde wiederum findet sich auf dem Umschlag eines Buches über psychoanalytische Technik, in dem das emotionale Geschehen zwischen Analytiker und Analysand mit dem Sprachbild des "verspäteten Gastes" beschrieben wird. Keine Frage, in all den Stationen dieses Zirkels ist eine "Verführung" deutlich spürbar - um damit den dritten zentralen Begriff Morgenthalers zu zitieren. Das ist ein heikler Begriff mit einer Reihe von problematischen Schattenbedeutungen: Und doch, oder gerade deshalb ist er unverzichtbar für Morgenthalers Technikverständnis.

Der zentrale Satz zur Verführung im Technikbuch lautet: "Und es gibt auch keinen analytischen Prozeß, in welchem der Analytiker seinen Analysanden nicht verführt, sich in eine vertiefende Beziehung zu ihm einzulassen, also eine emotionale Bewegung in Gang zu bringen und auch in Gang zu halten." Diesen Satz hat Heinrichs in seiner Besprechung des Technikbuches gerade nicht zitiert und damit die Ambiguität des "Verführungskonzeptes" noch verschärft. Wie man in einem weiteren Brief nachlesen kann, hat Morgenthaler das sichtlich irritiert. Er schreibt, dass das selektive Zitat die "Verzerrung" überhöhe und seine Theorie dadurch etwas "Dummes und Arrogantes" erhalte. Ja die Rezension sei voll von "zu intimen Dingen".

Hätter er das über das vorliegende Buch auch gesagt? Es enthält ganz sicherlich eine Reihe von "intimen Dingen". Zuerst einmal die 18 Briefe zwischen 1973 und 1983 von Fritz Morgenthaler an Hans-Jürgen Heinrichs, die im Buch im Faksimile-Druck wiedergegeben sind. Für den an der Morgenthalerschen Psychoanalyse Interessierten sind sie natürlich unglaublich spannend zu lesen und erlauben es, manche der Morgenthalerschen Sprachbilder in einem neuen Licht zu sehen. Ich habe versucht, das am Beispiel des "verspäteten Gastes" darzustellen. Dann berichtet Heinrichs auch Details aus seiner langjährigen Freundschaft mit Morgenthaler, die den privaten Menschen Fritz Morgenthaler zeigen: seine Ängste vor dem Älterwerden etwa.

Neben den Briefen enthält das Buch acht Aquarelle Morgenthalers von seiner China-Reise 1975 in farblicher Reproduktion und das eingangs erwähnte Ölbild "Weiße Stühle", leider nur in schwarz-weiß Reproduktion. Sodann einige Photos, die Morgenthaler beim Jonglieren zeigen. Das Thema des Jonglierens hat wohl eine ähnlich zentrale Bedeutung wie das des "verspäteten Gastes", wie Heinrichs an einem Traum Morgenthalers zeigt. Morgenthaler träumt davon, eine Zirkusnummer aufzuführen und einen Vogel in den Käfig zu zaubern. Aber kurz vor der Aufführung ist der Vogel verschwunden, das Kunststück würde misslingen. Wunderbarerweise gelingt es doch. Es wäre nun reizvoll, diesen Traum Morgenthalers an Hand seiner eigenen Traumdiagnostik (vgl. sein Traumbuch) zu deuten. Denn er selbst beschränkt sich auf Kommentare, die allerdings auch sehr anregend sind: "In einer geglückten Zeichnung, in einem geglückten Bild war immer der Vogel verschwunden und saß dann trotzdem drinnen. Suche ich das Ergebnis zu verstehen, ist eine Erklärung unauffindbar."

Schließlich enthält das Buch noch einführende Kommentare von Hans-Jürgen Heinrichs zu den großen Themenbereichen Morgenthalers: zur Traumdiagnostik, zur Technik der Psychoanalyse, zur Theorie der Sexualität und zur Ethnopsychoanlyse. Diese Artikel führen in die Thematik ein und stellen sie in einen größeren Zusammenhang innerhalb der psychoanalytischen Theorie. Heinrichs geht hier auch der Frage nach, ob und in welcher Weise sich die beiden großen Dissidenten der Psychoanalyse dieser Jahre, Lacan und Morgenthaler theoretisch ergänzen bzw. ergänzen lassen. Heinrichs ist sicherlich kein Hagiograph, seine Kommentare sind kritisch und zeigen auch die schwachen Stellen und Inkonsistenzen im Theoriegebäude Morgenthalers.

Daneben gibt es aber auch die Tendenz, das Herausfordernde, das Radikale am Morgenthalerschen Ansatz zu nivellieren oder zu glätten, es für den analytischen Mainstream kompatibel zu machen. Ich habe nicht gezählt, wie oft Heinrichs von "Veränderung", "Entwicklung" oder "Reifung" schreibt, wenn er über Morgenthalers Konzept der "Wandlung" referiert. So als ob das orthodoxe Reifungskonzept dasselbe wäre wie Morgenthalers Konzept der "Wandlung". Oder wie oft und wie vehement er gegen das Plomben-Konzept der Perversion anschreibt. Die metapsychologische Diskussion scheint mir hier aber nur Blendgranate zu sein. Die Plomben Theorie ist mittlerweile ja auch in psychiatrischen Lehrbüchern ein Standardeintrag. Das eigentliche "Skandalon" an Morgenthalers Plomben-Theorie ist aber die ihr inhärente Ethik. Und auch wenn Heinrichs die diesbezüglichen, berühmt gewordenen Stellen immer wieder zitiert, scheint er doch nicht recht daran zu glauben. Und tief im Innersten dann doch aus dem "vereinsamten Fetischisten" einen "kinderreichen Vater", aus dem "ausgeschlossenen Rauschgiftsüchtigen" einen "integrierten Bankangestellten" machen zu wollen.

Wie auch immer, in einem - und das ist vielleicht die Hauptsache - bleibt Heinrichs Buch ganz nah am Morgenthalerschen Geist: Es verführt. Zum Wiederlesen und Weiterdenken der Morgenthalerschen Konzepte.


Lysistrate
Lysistrate

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sexuelle Abhängigkeit und Woll-Ökonomie, 21. März 2009
Rezension bezieht sich auf: Lysistrate (Taschenbuch)
In einer Art ewigen Bestenliste" aller Aristophanesstücke würden nach wie vor die Wolken ganz vorne liegen und die Lysistrate nur einen der hinteren Plätze einnehmen. Denn die Wolken (mit ihrer Sokrates Parodie) waren vom Altertum bis in die Neuzeit hinein das am öftesten bearbeitete, kommentierte und zitierte Aristophanes-Stück. Erst dann wandte sich das Blatt und die Lysistrate wurde immer populärer. Und in der heutigen Aufführungspraxis ist sie unangefochten die Nummer eins. Zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Rezension konnte man z. B. auf youtube 169 Videobeiträge zu Aristophanes finden, die meisten davon zur Lysistrate: Aufführungen aus allen Teilen dieser Welt, mit Inszenierungen von großen Staatsbühnen und kleinen Schultheatergruppen.

Woher kommt nun die Popularität der Lysistrate gerade in neuerer Zeit? Otto Seel meint, es liege an ihrer "sublimen Frechheit, Unverhülltheit, Obszönität und hintergründigen Gutgelauntheit". Das stimmt sicherlich, gilt aber in gewisser Weise für die meisten Aristophanes Komödien. Bei der Lysistrate im speziellen steht aber die sexuelle Abhängigkeit der Männer von den Frauen im Zentrum. Wenn sich die Frauen verweigern, wenn sich die Hose ungebührlich spannt, dann verlieren alle weltpolitischen Themen ihre Bedeutung.

Chorführer: Ja seht nur, da kommen von Sparta schon
Die Gesandten mit zottigen Bärten
Und zwischen den Beinen mit Pflöcken, o Graus
Als wollten sie Schweine dran binden. (...)
Entsetzlich! Euer Leidensstrang ist straff
Gespannt, und die Entzündung scheint bedenklich.

Spartaner: Gar gruslig, nit zum säge. Chömmet nu
Grad her, wer's sei, mir machet Friede jetzt.

Das Harte zwischen den Beinen lässt die stolzen griechischen Heerführer weich werden. Das macht einen gut Teil des komischen Effekts aus. Und das wird in den diversen Inszenierung zum Teil bis ins Groteske überzeichnet: Männer mit halbmeterlangen Phalli sind da zu sehen, verzweifelt, orientierungslos und in alles einwilligend, was nur ihrer Not ein Ende macht. Gewiss, auch den Frauen fällt die Enthaltsamkeit nicht leicht, ihre diesbezüglichen Ausflüchte und Ausweichmanöver machen den anderen Teil des komischen Effekts aus. Aber sie fällt ihnen doch leichter als den Männern und eben deshalb können sie den Sex auch zu einem Druck- und Erziehungsmittel einsetzen.

Lysistrate könnte man so als satirische Kritik am Phallozentrismus und an der Phallokratie lesen. Das wird noch deutlicher in der Kritik der politischen Ökonomie, wie sie Aristophanes im Dialog zwischen Lysistrate und dem Ratsherren in Szene setzt. Hier wird der männlichen, korrupten, verschwenderischen Ökonomie eine "weibliche" entgegengesetzt, die ihr Vorbild in der Hauswirtschaft, namentlich in der Wollerzeugung hat:

"Wie die Wolle vom Kot und vom Schmutz in der Wäsche man säubert,
so müsst ihr dem Staate von Schurken das Fell reinklopfen, ablesen die Bollen:
Was zusammen sich klumpt und zum Filz sich verstrickt -Klubmänner für Ämterbesetzung
Miteinander verschworen - kardätschet sie durch und zerzupfet die äußersten Spitzen (...)"

Die Kritik an Ämtermissbrauch, Korruption und Vetternwirtschaft ist heute so aktuell wie damals. Und vielleicht ist das ein weiterer Grund, wieso dieses Stück heute mehr denn je Theatermacher und Publikum fasziniert.


Der Traum: Fragmente zur Theorie und Technik der Traumdeutung (Bibliothek der Psychoanalyse)
Der Traum: Fragmente zur Theorie und Technik der Traumdeutung (Bibliothek der Psychoanalyse)
von Fritz Morgenthaler
  Taschenbuch
Preis: EUR 22,90

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Traum als Gabe, 21. März 2009
Das Buch besteht aus zwei theoretischen Aufsätzen Morgenthalers zur Traumdiagnostik, drei Transkripten von Traumseminaren und je einem Kommentar von Ralf Binswanger und Mario Erdheim zu Theorie und Praxis der Morgenthalerschen Traumdiagnostik. Den Herausgebern kann man zu dieser Zusammenstellung nur gratulieren: "Fragmente" sind die einzelnen Beiträge wohl nur insofern, als sie das Traumthema unter verschiedenen Perspektiven beleuchten, ohne es zu einem großen Ganzen zusammenzuführen. In sich sind die Arbeiten dieses Bandes durchaus geschlossen. Sie variieren und transponieren das Traumthema und erzeugen so unterschiedliche Klangfarben. Was könnte dem Geist Morgenthalers näher sein, der selbst so oft von Wandlung, Färbung, Variation, Erweiterung gesprochen hat?

Das Hauptthema ist der Traum, bzw. präziser, die Traumdiagnostik. Mit diesem Begriff "ergänzt" Morgenthaler den Freudschen Begriff der Traumdeutung. Mehrfach versichert er, dass seine Art der Traumdiagnostik im Hintergrund schon in der Freudschen Traumlehre zu finden sei. Ihm gehe es darum, sie in den Vordergrund zu stellen. Während es in der klassischen (Freudschen) Traumdeutung hauptsächlich um das Genealogische geht, um das Rückübersetzen manifester Trauminhalte in die persönliche Geschichte des Träumers, geht es in der Morgenthalerschen Traumdiagnostik hauptsächlich um das Dynamische, um das Rückübersetzen manifester Trauminhalte in aktuelle Beziehungsmuster. Während die Traumdeutung einen verborgenen Sinn dechiffrieren will, möchte die Traumdiagnostik eine verborgene emotionale Tendenz freilegen. Die Traumdeutung fragt: Was kann dieser Traum bedeuten? Die Traumdiagnostik fragt: Was kann es bedeuten, dass dieser Mensch zu dieser Zeit diesen Traum erzählt? Welche Bedeutung liegt in diesem Vorgang?

Im ersten Aufsatz dieses Bandes stellt Morgenthaler diese Methode an Hand einer Freudschen Traumanalyse dar. Eine Pflegerin träumt einen Traum, den sie ihrer Dienstherrin erzählt, den diese wiederum Freud erzählt. In Morgenthalers Darstellung wird der Traum ein Geschenk, eine Art Gabe, die von Traumerzähler zu Traumdeuter weitergegeben wird. Die beteiligten Personen sind wie kommunizierende Gefäße, die über den Traum miteinander in Kontakt, Konflikt, Identifikation treten.

Im zweiten Aufsatz wird die Technik der Traumdiagnostik näher ausgeführt. Es ist nach dem bisher Gesagten wohl nicht überraschend, dass die Konzepte der Traumdiagnostik den allgemeinen technischen Konzepten ähneln, wie sie Morgenthaler in seinem Technik Buch beschrieben hat. Besonderen Stellenwert hat hier wie dort die "Sukzession", also die Reihe, die Folge von Äußerungen, in der sich der Traum wiederfindet. Um die emotionale Tendenz herauszufinden, ist es wichtig, die ganze Reihe im Blickfeld zu behalten und nicht den Traum als isoliertes Ereignis zu betrachten. Was sich hingegen nur im Traumaufsatz findet ist das Konzept des "fraktalen" Traumes, wie ich das nennen würde. Morgenthaler beschreibt mehrere Träume, in denen ein bestimmtes Traumelement den geträumten Traum selbst repräsentiert. Eine Frau träumt davon, einen Teller in der Hand zu halten und jemandem zu geben. Der Teller steht nach Morgenthaler für den Traum selbst. Das ist psychodynamisch einmal eine Referenz auf den Traum als Gabe, formal gesehen aber eine Selbstähnlichkeit, eine seltsame Schleife, eine Rückbezüglichkeit. Was kann diese Selbstähnlichkeit bedeuten? Zweifelsohne eröffnen sich hier weitere, spannende Fragen über das Traumgeschehen.

In den Traumseminaren geht es ebenfalls um die Freilegung der emotionalen "Tendenz", aber sozusagen unter verschärften Bedingungen. Für die Diagnostik steht nur der Traum selbst zur Verfügung. Es gibt keine zusätzlichen Angaben und v.a. keine Assoziationen des Träumers. Wie und wo soll man da den Hebel ansetzen? Wieder geht es um die Beachtung der formalen und strukturellen Elemente, um die Abfolge im Traum, seine Bewegung bzw. Statik, um die Position der Traumelemente, um ihre Stellung zueinander, mit einem Wort: um seine formale Komposition. Ein Vergleich zu einem Musik- oder Theaterstück drängt sich geradezu auf und Morgenthaler bedient sich auch der Theaterstückanalogie mehrfach. Auch die Gegenübertragung auf den erzählten Traum kann einen interessanten Zugang eröffnen, wie in einem der Traumseminare demonstriert wird.

Das Faszinierende an diesen Arbeiten ist, dass Morgenthaler gerade das Selbstverständlichste und Einfachste am Traum immer wieder hervorhebt und zeigt, wie dieses den Schlüssel zum Traum bietet. Das Allerselbstverständlichste, das ist die Tatsache, dass der Traum geträumt und erinnert und erzählt wurde und nicht etwa vergessen oder verschwiegen wurde. Sonst hätten wir ihn nicht. Allein die Tatsache, dass er erinnert wurde, verweist schon auf eine Problematik, eine Tendenz, einen Rest. Der Traum ist nicht restlos geglückt. Denn wäre er restlos geglückt bzw. aufgegangen, wäre er nicht erinnert worden, so Morgenthaler. Von solchen Gegebenheiten geht die Morgenthalersche Traumdiagnostik aus, um die emotionale Bewegung des Traums und damit des Träumers freizulegen. Ein faszinierender Ansatz, ein faszinierendes Buch!


Die Frösche.
Die Frösche.
von Aristophanes
  Taschenbuch

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Antiker Dichterstreit, 8. März 2009
Rezension bezieht sich auf: Die Frösche. (Taschenbuch)
Die Rahmenhandlung dieser Komödie ist rasch erzählt: Dionysos, der Gott des Rausches, aber auch des Theaters langweilt sich nach des Euripides Tod und will in die Unterwelt steigen, um ihn zurückzuholen. Dort angekommen wird er Schiedsrichter im Dichterstreit zwischen Aischylos und Euripides und entscheidet sich schließlich - entgegen seinem ursprünglichen Plan - den Aischylos (und nicht den Euripides) mit an die Oberwelt zu nehmen. Inhaltlich gibt es zwei etwa gleich lange Teile, einmal die Geschichte um die Reise des Dionysos in die Unterwelt (Akt 1-3) und dann den Dichterstreit zwischen Euripides und Aischylos (Akt 4-5).

Der erste Teil zielt auf den "schnellen Lacher" ab. Dionysos wird uns hier als Angsthase präsentiert, der sich angesichts der befürchteten Schrecken der Unterwelt in die Hose macht und sogar straflos von seinem eigenen Sklaven verhöhnt werden darf. Auch die Verkleidungs- und Verwechslungskomik gehören schon zum Repertoire der antiken Komödie. Dionysos verkleidet sich als Herakles und bezieht prompt Prügel von der Wirtin im Hades, weil der wirkliche Herakles dort die Zeche geprellt hat. Dass sich Dionysos bei der Überfahrt in die Unterwelt auf ein Quak-Duell mit Fröschen einlässt, spricht auch nicht gerade für einen überlegenen göttlichen Geist, gibt der Komödie aber einen sinnfälligen Titel.

Der zweite Teil operiert mit subtileren Scherzen: Aischylos gegen Euripides, das ist wie alt gegen neu, Mythos gegen Logos, alte Tugend gegen moderne Freigeisterei, Klassik gegen Romantik. Das Duell geht über mehrere Runden und umfasst Themenwahl, Personenführung, Einsatz des Chors, Gestaltung der Prologe, Rhythmik der Lieder. Und es schwankt unentschieden hin und her. Euripides muss Treffer einstecken, weil er angeblich unmoralische Stoffe auswählte, Leute aus dem Volk auf die Bühne stellte und seine Prologe zu monoton gestaltete. Sehr witzig und untergriffig demonstriert Aischylos, dass man auf jede Einleitung des Euripides die Floskel ... kam um seinen Pomadentopf" anhängen könne. Aischylos muss v.a. wegen der angeblichen Dunkelheit und Schwerfälligkeit seiner Sprache Treffer einstecken. Schließlich siegt Aischylos. Alles andere wäre auch eine Überraschung gewesen, wenn man die konservative Grundhaltung des Aristophanes in Rechnung stellt.

Die Übersetzung von Heinz Heubner in der vorliegenden Reclam-Ausgabe ist flott, frech und witzig und sie trägt meiner Meinung nach entscheidend zum Lesevergnügen bei. Sie bricht aber das Versmaß und verzichtet damit auf ein wichtiges Stilmittel des griechischen Textes. Man muss sich entscheiden. Urteilen Sie selbst:

"Und weiter, bei mir gab's vom ersten Vers an kein müßiges Herumstehen. Frau, Sklave, Herr, Mädchen und alte Vettel - sie kamen alle zu Wort"
(Euripides in der Übersetzung Heubner)

"Sodann vom ersten Vers an ließ ich niemand müßig stehen,
und reden musste mir die Frau und reden selbst der Sklave,
es sprach der Mann, die Jungfrau sprach, das alte Weib."
(Euripides in der Übersetzung Seeger)

Wie auch immer: Man zeige mir einen einzigen heutigen, modernen Komödiendichter, der, sagen wir einen Dichterwettstreit zwischen Goethe und Kleist so in Szene zu setzen vermöchte wie Aristophanes den zwischen Aischylos und Euripides. Wo der leichte Scherz getragen ist von einer tiefen Kenntnis von Leben und Werk der Parodierten und wo umgekehrt dieses tiefe Verständnis die Leichtigkeit des Scherzes erzeugt. Ich glaube nicht, dass es auch nur einen einzigen gibt. Und genau deshalb ziehe ich den Aristophanes den meisten Modernen vor.


Aufzeichnungen aus dem Kellerloch
Aufzeichnungen aus dem Kellerloch
von Fjodor M. Dostojewskij
  Taschenbuch

20 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Philosophie eines Kellerlochmenschen, 1. März 2009
Da sitzt einer in einem Kellerloch und hält eine Brandrede gegen Fortschritt als Menschheitsziel und Glücklichsein als Lebenszweck. Es ist eine große Verweigerung den sozialen und humanen Ideen gegenüber, ein Plädoyer für das Individuum, das sich auch in Not und Elend in seiner Individualität behauptet, ja gerade erst durch diese Erfahrungen zu seiner Individualität findet. In psychologischer (nicht chronologischer) Hinsicht ist die Rede des Kellerlochmenschen gewissermaßen eine Antwort auf die Rede des Großinquisitors aus den Brüdern Karamasow. Der Großinquisitor steht für alles, was dem Kellerlochmenschen verhasst ist: Das Glück des Brotes, das Glück der Unfreiheit, das Glück der sinnstiftenden, kollektiven Ordnung. Der Kellerlochmensch lehnt all das ab, aber nicht im Namens eines anderen, anspruchsvolleren, besseren Glücksmodells, sondern weil er das stille Glück selbst als Lebensziel ablehnt:

"Denn vielleicht liebt der Mensch nicht allein die Glückseligkeit? Vielleicht liebt er im gleichen Maße auch das Leiden? Vielleicht ist für ihn das Leiden ebenso vorteilhaft wie die Glückseligkeit? Und zuweilen liebt der Mensch das Leiden fürchterlich, bis zur Leidenschaft. (...) Indessen bin ich davon überzeugt, dass der Mensch auf wirkliches Leiden, das heißt auf Zerstörung und Chaos, niemals verzichten wird."

Solche Gedanken standen schon im Zeitalter Dostojewskijs im Widerspruch zum humanistisch-sozialistischen Zeitgeist, galten als rückständig, politisch reaktionär, religiös verbrämt. Heutzutage käme wohl noch eine psychopathologische Klassifizierung hinzu. Wer das Glück der Herde so brüsk ablehnt, kann nicht ganz normal sein. Aber gerade das kann und will der Kellerlochmensch ja nicht sein. Er bezieht seinen Grenzposten, das Kellerloch und beunruhigt uns mit seinen Gedanken über Freiheit und Glück.

Der zweite, deutlich längere Teil der "Aufzeichnungen" gibt eine Episode aus dem Leben des Kellerlochmenschen wieder. Bevor er Philosoph im Kellerloch wurde, war der Kellerlochmensch Kanzleibeamter. Und schon damals ein Außenseiter, ein schwieriger, von Selbstzweifeln geplagter Mensch. Ein Abendessen mit ehemaligen Klassenkameraden wird zu einem Fiasko. Was immer er bei seinen Kameraden gesucht haben mag, er erhält Demütigungen und Erniedrigungen. Anschließend besucht er ein Freudenhaus und trifft dort auf die Prostituierte Lisa. Und hält ihr eine flammende Rede gegen die Prostitution. Für einen Augenblick sieht es so aus, als könnten die beiden Außenseiter einander retten. Aber der Kellerlochmensch ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt und im Grunde unfähig, sich einem anderen Menschen emotional zu nähern. Es ist die Geschichte von einem, der sich nicht in den Strom des Lebens und Liebens einfügen kann und will, der darunter leidet und doch seinem Leiden einen Sinn abringen will. Und sei es auch nur als Philosoph im Kellerloch.


Die Angestellten: Aus dem neuesten Deutschland
Die Angestellten: Aus dem neuesten Deutschland
von Siegfried Kracauer
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen E.T.A Hoffmann Figuren mit moralisch-rosafarbener Hautfarbe, 1. März 2009
Rationalisierungsdruck, Computerisierung, Jugendwahn oder Kompetenzverlust des einzelnen Angestellten: Man meint vielfach, dass das Begleiterscheinungen der neoliberalen Wende seit den 1980er Jahren sind, dass das früher anders und besser war. Und man ist bass erstaunt, wenn man genau diese Themen in Siegfried Kracauers Beschreibung der Angestelltenwelt aus dem Jahre 1929 wiederfindet.

"Die Powers (oder die Hollerith-) Maschinerie, die zu Buchungen und zu allen möglichen statistischen Zwecken verwandt wird, vollbringt auf mechanischem Weg Leistungen, zu deren Bewältigung es früher der nie mit automatischer Sicherheit funktionierenden Kopfarbeit und einer ungleich längeren Dauer bedurfte." Man ersetze nur Hollerith durch IBM und man kann nicht sagen, ob dieser Satz 1929 oder 2009 geschrieben wurde. 80 Jahre wie ein Sekundenschlag. Alles war schon immer so.

Noch eindrucksvoller ist aber das Psychogramm der Angestelltenseele, das Kracauer hier zeichnet: "Der Andrang zu den vielen Schönheitssalons entspringt auch Existenzsorgen, der Gebrauch kosmetischer Erzeugnisse ist nicht immer ein Luxus. Aus Angst, als Altware aus dem Gebrauch zurückgezogen zu werden, färben sich Damen und Herren die Haare, und Vierziger treiben Sport, um sich schlank zu erhalten." Nicht einmal der metrosexuelle Mann ist also eine Neuigkeit. Man kann aus diesen und weiteren Beispielen nur einen Schluss ziehen: Der Großbetrieb produziert und reproduziert seit seinen Anfängen vor knapp 100 Jahren seinen eigenen Angestelltentypus. Und Sorgen und Freuden, Arbeits- und Freizeitverhalten dieses Typus sind sich über 100 Jahre strukturell mehr oder weniger gleich geblieben.

Zwischen den Zeilen schwingt auch eine politische Botschaft mit. Obwohl kein marxistischer Theoretiker im engeren Sinn, stellt sich Kracauer doch die (marxistische) Frage, wieso sich die Angestellten nicht mit den Arbeitern solidarisieren und organisieren. Seine eigenen Reportagen geben die Antwort darauf: Was aus der marxistischen Perspektive ein Problem, ein Widerspruch war, zeigte sich in den von ihm beschriebenen Lebenswirklichkeiten als erwartbare und konsequente Position. Diesen Schluss hat er selbst allerdings so nicht gezogen.

Dass sich die Beschreibungen heute noch so frisch lesen, hängt auch mit dem Stil zusammen. Es sind Reportagen im besten Sinn des Wortes. Kracauer portraitiert den einzelnen, gibt Interviews wieder, zitiert aus Broschüren und Zeitungen. Und er findet v.a. immer wieder beeindruckende Begriffe und Bilder für die von ihm beschriebene Welt. So etwa die "moralisch-rosa Hautfarbe" als Charakteristikum des idealen Angestellten (eigentlich von einem interviewten Personalleiter übernommen) oder den Subtypus der "E.T.A Hoffmann Figuren" untern den Angestellten: "Irgendwo sind sie steckengeblieben und erfüllen seitdem ununterbrochen banale Funktionen, die alles andere eher als unheimlich sind. Dennoch ist es, als seien diese Menschen in eine Aura des Graues gehüllt." Solche Wendungen sind es, die die Reportagen in den Rang der Literatur heben.


Die Wolken: Komödie
Die Wolken: Komödie
von Aristophanes
  Taschenbuch

10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Antiker Moraltrompeter, 1. März 2009
Rezension bezieht sich auf: Die Wolken: Komödie (Taschenbuch)
In den Wolken geht es um eine satirische Abrechnung mit der neuen Philosophie, mit der Sophistik. Diese wird interessanterweise mit Sokrates identifiziert. Otto Seel zeigt in seinem Nachwort, dass Aristophanes damit mehr oder weniger, direkt oder indirekt an jenem Sokratesbild mitgezeichnet hat, das den Sokrates als Frevler und Leugner der Götter, als Verdreher von Recht und Unrecht und als Verführer der Jugend zeigt und das ihm schlussendlich Prozess und Verurteilung eingebracht hat. In der "Apologie" wird Aristophanes jedenfalls namentlich als einer der Verleumder genannt: "Denn solcherlei habt ihr selbst gesehen in des Aristophanes Komödie, wo ein Sokrates vorgestellt wird, der sich rühmt, in der Luft zu gehen, und viel andere Albernheiten vorbringt, wovon ich weder viel noch wenig verstehe." (Platon, Apologie)

Tatsächlich war es wohl das Anliegen des Aristophanes, die neue Philosophie zu demaskieren, zur Kenntlichkeit zu entstellen, als das zu präsentieren, was sie seiner Ansicht nach war: eine frevelhafte und lächerliche Methode der Naturerforschung und v.a. eine Kunst der Rechtsbeugung. Dazu erfindet er ein Szenario, wo sich der einfältige Bauer Strepsiades just in dem Moment für die Philosophie zu interessieren beginnt, wo er nach einer Möglichkeit sucht, sich vor dem Schuldenzahlen zu drücken. Er meint, bei Sokrates könne er die Kunst der zwei Reden lernen, insbesondere die Kunst, die schwächere (schlechtere) Sache zu stärkeren (besseren) zu machen.

Strepsiades erweist sich aber als allzu unbedarft für die neuen Lehren. Von der Naturphilosophie versteht er nur, dass nun nicht mehr Zeus regiere, sondern der "Wirbel". Er (miss-)versteht den Paradigmenwechsel vom theologischen zum kosmologischen Prinzip als Machtwechsel innerhalb der theologischen Paradigmas: Der neue Gott "Wirbel" hat den alten Gott Zeus entthront. Schlimm ist es, wenn man die neue Philosophie missversteht, Man macht sich lächerlich. Noch schlimmer, so suggeriert Aristophanes, ist es allerdings, wenn man die Lehren richtig versteht. Man setzt sich über Maß und Anstand hinweg und verprügelt z.B. den eigenen Vater. Das zeigt uns Aristophanes am Beispiel von Pheidippides, dem Sohn von Strepsiades.

Das klingt eigentlich eher nach konservativem Spott und Hohn denn nach befreiender Komik. Und das ist es auch. Friedell hat das besser in Worte gefasst, als ich es je könnte: "Ohne klassizistische Vorurteile betrachtet, ist Aristophanes ganz einfach der großartigste Revolverjournalist, von dem die Weltliteratur zu künden weiß. Wie so viele Satiriker, war er nichts weniger als ein freier Geist, sondern ein Philister mit umgekehrtem Vorzeichen, ein kleinherziger Denunziant und unter der Maske des Moraltrompeters eine ganz amoralische Größe." (Egon Friedell, Kulturgeschichte Griechenlands)

Trotzdem sind die Wolken in ihren besten Stellen unglaublich witzig. Der Unterricht des Strepsiades liest sich wie eine zweieinhalbtausendjährige Vorwegnahme der Doppelconferencen Farkas/Grünbaumscher Prägung. Vom parodistischen Spiel mit den Formen und Metren bleibt in einer Übersetzung naturgemäß am wenigsten übrig. Doch auch hier ist es Otto Seel gelungen, zumindest einen Eindruck vom sprachlichen Reichtum dieser Komödie zu geben.


Technik: Zur Dialektik der psychoanalytischen Praxis
Technik: Zur Dialektik der psychoanalytischen Praxis
von Fritz Morgenthaler
  Taschenbuch
Preis: EUR 19,90

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wandlungen im analytischen Prozess, 2. Januar 2009
Die Psychoanalyse hat kein "Ziel", schreibt Morgenthaler. Oder auch: "Der analytische Prozess ist kein Mittel, um sich in einem linearen Verlauf immer besser und immer glücklicher zu fühlen." Das klingt manchen wie eine Provokation oder aber gar wie ein unfreiwilliges Eingeständnis der Ineffizienz der Psychoanalyse. Doch Morgenthaler ist es ernst mit solchen Formulierungen und er bezieht damit die denkbar schärfste und extremste Gegenposition zum heute vorherrschenden psychotherapeutischen Diskurs.

Statt von Zielen spricht Morgenthaler von "Wandlungen". Und das ist nicht eine semantische Spitzfindigkeit. Ziele sind definierbar, planbar, überprüfbar und werden erreicht oder verfehlt. (z.B. die klassischen Ziele der Psychoanalyse: Genitalität, Generativität und Integrität) Wandlungen sind schwer definierbar und kaum planbar. Nicht um "Heilung" geht es also, ja nicht einmal um die berühmte "Arbeits- und Liebesfähigkeit". Sondern um so wenig greifbare Dinge wie "Erweiterung des Erlebnisbereiches", "Befreiung und Erweiterung der Emotionalität", "Flexibilität und Elastizität in der Beurteilung der eigenen Konflikthaftigkeit".

Wandlungen sind ziellose Veränderungen, die aber die Veränderung von Zielen (Ansichten, Meinungen, Haltungen) bewirken können. Und das ist der entscheidende Punkt: In der Morgenthalerschen Psychoanalyse geht es um diese Ermöglichung von Veränderung durch Lösen von Fixierung. Das ist durchaus klassisch Freudianisch gedacht und formuliert, d.h. in Begriffen der Libido-Ökonomie wie Besetzung, gebundene und frei-flottierende Energie etc.

Eine diesem Konzept gemäße Technik arbeitet also durchaus mit den traditionellen Konzepten und Begriffen der psychoanalytischen Behandlungstechnik, als da sind: Übertragung, Übertragungswiderstand, Identifikation, Deutung. Aber in gewisser Weise werden die Konzepte selbst "gewandelt" und relativiert. Immer geht es darum, den "analytischen Prozess" herzustellen und aufrechtzuerhalten. Der so verstandene "analytische Prozess" zeichnet sich dadurch aus, dass er das Sichtbarwerden und damit das Durcharbeiten des Unbewussten zulässt.

Wenn Konfusion auftritt, schreibt Morgenthaler, ist dieser analytische Prozess in Gefahr und dann ist es ratsam, "technisch" zu denken. Technisch denken heißt in diesem Buch immer wieder v.a. der "Sukzession im Assoziationsverlauf" zu folgen, bis sich ein "Summationseffekt" einstelle. Was heißt das? Es bedeutet, der Sequenz, der Reihenfolge, in der die Mitteilungen gemacht werden, Aufmerksamkeit schenken. Es hat eine (unbewusste) Bedeutung, ob ein Traum vor einer Erinnerung oder einem Alltagserlebnis erzählt wird oder nachher. Diese Bedeutung wird die Übertragungsdynamik in spezifischer Weise färben. Die Gegenübertragung spielt in all diesen Ausführungen interessanterweise eine völlig untergeordnete Rolle.

Es sei nicht verschwiegen, dass sich manche Passagen dieses Buches auch für den mit der Psychoanalyse Vertrauten sehr hermetisch darstellen. Es ergibt sich auch eine merkwürdige Diskrepanz zwischen der sehr präzisen Beschreibung der "Werkzeuge" und ihrem mehr oder weniger intuitiven Einsatz. Das hängt sicher mit der gewollten Vermeidung von Schablonen und einfachen Logiken zusammen, vielleicht aber auch mit der Nichtberücksichtigung der Gegenübertragung zum Verständnis der analytischen "Szene".


Sex: Ein philosophisches Lesebuch
Sex: Ein philosophisches Lesebuch
von Kai Buchholz
  Taschenbuch

8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nachtschattengewächse im Garten der Lüste, 2. Januar 2009
Nach dem philosophischen Lesebuch "Liebe" hat Kai Buchholz nun ein weiteres mit dem Titel "Sex" herausgegeben. Und hier geht es nun um die dunklen Seiten der Liebe, um die Nachtschattengewächse im Garten der Lüste. Manche dieser Pflanzen können Krankheiten lindern, die Genussfähigkeit steigern oder berauschend wirken. Sie können aber auch zu Bewusststeinstörungen und Delirien führen und sogar tödlich sein. Und in derselben Bandbreite erscheint auch der Sexus in diesem Lesebuch: einmal als Mittel der Reinigung und Hygiene, dem Heiligen nahe (Roger Caillois), als Quelle für Lust und Genuss (Mallanaga Vatsyayana), als Element einer selbstbestimmten Lebensführung (Simone de Beauvoir), aber auch als Grenzüberschreitung, Exzess und Zerstörung. In 10 Kapiteln wird so ein abwechslungsreicher Bogen des philosophischen Denkens und Dichtens über den Sexus gespannt.

Wie immer schreibt das Leben selbst die unglaublichsten Geschichten. Nichts was sich de Sade an Blasphemien oder Ausschweifungen ausgedacht hatte, das nicht von den römischen Kaiser Tiberius, Caligula und Nero in der Praxis überboten worden wäre. Sueton berichtet über Tiberius dass er sich junge Buben als "Fischlein" gehalten habe, "die ihm beim Baden zwischen den Beinen durchschwimmen, dort spielen und ihn lecken und beißen mussten". Caligula habe mit all seinen Schwestern Inzest getrieben und Nero seinen Lieblingsknaben Sporus entmannen und in ein Mädchen verwandeln lassen. Nichts was Apollinaire an Grausamkeiten in "Die elftausend Ruten" erzählt, das nicht von den kühlen psychiatrischen Berichten des Richard von Krafft-Ebing in den Schatten gestellt würde. Der Bericht von Theodor Lessing schließlich über den Massenmörder Fritz Haarmann liest sich wie eine Vorwegnahme des CSI Schemas - und war und ist wahrscheinlich aus demselben Grund bis heute populär.

Der Garten der Lüste scheint einen Gärtner zu brauchen, soll er nicht zu einer Hölle der Lüste verkommen. Aber was soll umgejätet, was zurechtgestutzt und was kultiviert werden? Der Philosoph Thomas Nagel (und ähnlich Gernot Böhme, Robert Nozick) scheint die Zauberformel gefunden zu haben. Sie lautet in Kurzfassung: Gegenseitige Anerkennung im Liebesspiel (und erinnert ein wenig an Habermas gegenseitige Anerkennung im Kommunikationsspiel) Normal und gut ist alles, was wir, mündige Subjekte, uns gegenseitig zu- und anerkennen. Somit ist ex negativo, eine Definition des Perversen möglich: Es ist, kurz gesagt, die asymmetrische Lusterfüllung.

Das klingt nicht schlecht und liegt auch voll im Wind des Zeitgeistes. Der bläst mit voller Kraft die Symmetrien vor sich her: Symmetrie zwischen den Schichten, Symmetrie zwischen den Geschlechtern. Bekanntlich sahen das Freud und in seiner Nachfolge Lacan anders, als sie eine grundlegende Asymmetrie zwischen den Geschlechtern hervorhoben. Das Spiel des Begehrens wäre dann ein intersubjektives, aber Mann und Frau machten dabei unterschiedliche Spielzüge. Wenn die Asymmetrie aber etwas Grundlegendes ist, dann ist die Symmetrisierung nur eine Scheinlösung.

Das letzte Kapitel erlaubt wie schon beim Liebesbuch einen Blick durchs Schlüsselloch. Mehr oder weniger nackt sind dort zu sehen: der Marquis de Sade, Arthur Schopenhauer, Simone de Beauvoir und Michel Foucault. Summa summarum: Ein Buch, das durch seine Textauswahl und Gruppierung Zusammenhänge und auch Widersprüche deutlich macht und zum Weiterdenken anregt.


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