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Rezensionen verfasst von
Timo Brandt "Ways are, there you go" (Wien)
(TOP 500 REZENSENT)   

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Der Fall Heine
Der Fall Heine
von Marcel Reich-Ranicki
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen Heine, mal wieder und immer, 18. Juli 2016
Rezension bezieht sich auf: Der Fall Heine (Taschenbuch)
Für viele ist er ein Euphemismus, ein überschätzter Kandidat auf den Posten eines großen deutschen Dichters. Die Ignoranz, sie ist schnell bei der Hand, wenn der Name Heinrich Heine in Literatenkreisen fällt. Dann wird gemäkelt: zu geringer Wortschatz, zu parfümiert, zu heiter, zu einfach, zu sehr Sing-Sang und die schrägsten Reime.

Marcel Reich-Ranicki gelingt es bereits in den ersten Sätzen seines Einleitungsessays den wahren Charakter, die wahre Schönheit und Vortrefflichkeit, die Einzigartigkeit und umfassende Pionierleistung von Heine hervorzuheben, was nicht einmal ein Kunststück ist, denn dieser Dichter war ein Unikum, ein widersprüchliches und leuchtendes. Die einzelnen Verdienste und Qualitäten von Heine werden in den vier Aufsätzen dieses Bandes immer wieder erwähnt, betont und veranschaulicht und auch wenn das Büchlein nicht als „Einführung“ in das Werk von Heine taugt, machen sie Lust darauf, die verschiedenen Teile seines Werks zu erforschen.

Gerade die drei letzten Texte werfen aber auch noch ein weiteres Kapitel der Person Heines auf und forschen nach den Wurzeln, den Antrieben seines Wirkens als Weltliterat, Kritiker und erotisch-sinnlicher Dichter. Eine große Rolle spricht Reich-Ranicki hier Heines emanzipiertem Judentum zu, ja macht es sogar zum Dreh- und Angelpunkt seiner geistigen Biographie. Im Zuge dieser Theorie gelingen viele Einblicke in Heines Persönlichkeit und es scheint am Ende gar nicht mehr so verwegen, Heine als Dichter der nie gefundenen Heimat, als ewig Unassimilierten zu sehen, der die Abweisung der Gesellschaft in seinen Liebesgedichten verarbeitet hat.

Um von Heine begeistert zu sein, muss man ihn selbst lesen. Aber um eine Ahnung dieser Begeisterung zu bekommen und auch ein bisschen mehr Background zu haben, lohnt es sich, diese gesammelten Aufsätze von Reich-Ranicki zu lesen.


Die Flatterzunge
Die Flatterzunge
von Friedrich Christian Delius
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,99

4.0 von 5 Sternen Über den langen Schatten von AH stolpern ..., 26. Juni 2016
Rezension bezieht sich auf: Die Flatterzunge (Taschenbuch)
Ein Mann, der im Orchester die Posaune spielt, ein Polsterzungeninstrument, riskiert eine dicke Lippe: in Israel unterschreibt er die Getränkequittung im Hotel mit dem schändlichsten aller deutschen Namen. Es folgt ein flotter Rauswurf und die gesellschaftliche Ächtung. Wie noch irgendwie ankommen gegen das Todschlagargument seiner Tat, kann es da noch Erklärungen und Entschuldigungen geben? Und wieso wird er so scharf verurteilt, wo er doch nur eine simple Dummheit begangen hat, statt Panzer an den Iran oder Saudi-Arabien zu liefern.

Sich mit der Relevanz von gesellschaftlichen und politischen Erscheinungen, mit Positionen und Debatten auseinanderzusetzen und die Instanzen der modernen Realität, vor allem der deutschen, zu hinterfragen, ist das große Thema im Werk des deutschen Schriftstellers Friedrich Christian Delius, ein Thema, um dass er sich bereits sehr verdient gemacht hat. Mit dem Blick auf das Aktuelle wie auch das Historische - zwei Elemente, die in seinen Büchern immer irgendwie zusammenfallen - erschließt er die Grundlinien in der Architektur des deutschen Selbstverständnisses, leuchtet aber auch die Ecken aus, in die dieses Selbstverständnis eben nicht dringt.

In "Die Flatterzunge" stellt uns Delius einen durch die Verhältnisse veruteilten vor, einen Buhmann. Eine interessante Entscheidung ist, dass er das Hauptaugenmerk der Handlung dabei nicht so sehr auf die mediale Ausschlachtung des Fehltrittes legt, sondern stattdessen in tagebuchartigen Skizzen des Protagonisten die persönliche Seite der Geschichte erzählt. Hannes, der Protagonist, wirkt dabei weder besonders souverän, noch besonders engstirnig; Delius gelingt eine sehr authentische Gestalt, die weder zu einer Schreckgestalt noch zu einem Symbol für das selbstbestimmte Individuum verkommt, sondern ebenso reflektiert wie uneinsichtig mit seinem Schicksal hauszuhalten versucht und sowohl in die Gründe seiner eigenen Geschichte und Seele hinabsteigt als auch an der Oberfläche der heuchlerischen Kehrseite kratzt.

Wo muss man ein Bewusstsein für Geschichte und Bedeutungen haben und wo nicht? Wofür darf man Menschen verdammen und was ist erlaubt, was ist zu Unrecht eine Tabu und was zu Recht? Fragen, die aus den Kreuzungen der Gedanken entstehen, die der Protagonist wie kopflos und doch sehr klar in seinen Notizen niederschreibt. "Die Flatterzunge" ist letztlich nur eine sehr schmale Auseinandersetzung mit dem selbstgewählten Thema. Aber die direkte, unsouveräne Gangart des Buches macht es wieder zu einer Erfahrung, die die Wichtigkeit des Themas unterstreicht.


Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten
Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten
von Mathias Énard
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

4.0 von 5 Sternen Sinnliches Stück Geschichte, 24. Juni 2016
Beschwören kann man mit diesen Worten, mit Worten wie "Andalusien", "Safran", "Basilika", "Muezzin", "Silberlinge", "Taverne" und so fort, eintauchend die Sprache in das Licht und die vollen Farben.

Obwohl Mathias Énards Erzählung vordergründig eine historische Fiktion ist, die den realen Konstantinopel-Aufenthalt von Michelangelo Buonarroti zu einer Geschichte um Liebe, Selbstfindung und Intrige ausschmückt, ist einer die Stadt selbst einer der wichtigsten Protagonisten, ihre Pracht des Zusammenfalls von Orient und Okzident, geschmiedet aus der Multikulturalität von Osmanen, Christen, Kaufleuten, Tänzern, Dichtern, Sklaven, Wesiren, Heimatlosen und exotischen Tieren.
Es ist das Atemberaubende dieser Erscheinung in der Weltgeschichte, welches dem Buch seinen Ton gibt; die Fläche, in dem sich all die Emotionen und Bewegungen des Buches spiegeln.

Die Erzählung selbst ist wunderbares kurzes Stück, kühn ausgedacht und vertieft. Man wird als Leser hier keine großartige Geschichte finden, keinen epischen Atem - aber eine Sinnlichkeit, die nicht allein durch das Großtun von Sprache entsteht, sondern durch eine Feinheit der Üppigkeit. Das Schwebende wird gewahrt, um die Handlung zu tragen.


Die Liebe, der Zufall und das Paar: Essays zur homosexuellen Literatur (suhrkamp taschenbuch)
Die Liebe, der Zufall und das Paar: Essays zur homosexuellen Literatur (suhrkamp taschenbuch)
von Joachim Campe
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

5.0 von 5 Sternen "Das männliche Paar gibt es!", 29. Mai 2016
Am Beginn eines Jahrtausends, das zumindest in Westeuropa und Nordamerika schrittweise eine Gleichberechtigung gleichgeschlechtlicher Beziehungen mit sich zu bringen scheint, wirft Joachim Campe einen Blick zurück auf die Anfänge, die Wiederentdeckung des homosexuellen Paars in der hohen Literatur.

Er beginnt mit einer Vorrede, in der vor allem einige von Platons Dialogen mit einem neuen, interessanten Anstricht versehen werden. Im Anschluss beschäftigt er sich dann mit sechs bedeutenden Autoren und ihren Liebesbeziehungen und darüber hinaus auch mit den Partnerschaftsphilosophien, die sich in ihrem Leben, Denken und Werk manifestierten (und die teilweise auf den Vorgängern aufbauten oder sich davon abgrenzten). Besonderes Gewicht legt er dabei auf die jeweiligen Partner und hebt deren Bedeutung für das künstlerische Werk, aber auch für die Selbstfindung der Schriftsteller, hervor.
Campe schließt mit einem kleinen Streifzug durch die damalige Gegenwartsliteratur.

Die Essays in diesem Band sind sicher nichts für den Gelegenheitsleser und selbst Literaturinteressierte könnten sich daran stoßen, dass es Campe vor allem um seinen roten Faden, das homosexuelle Paar, und die Entwicklung dieser Idee geht; auch andere literarische Urteile und Ansichten werden zwar abgegeben und formuliert, sind aber eher kurze Anregungen und werden allerhöchstens in einen Kontext mit der Werkgeschichte gesetzt.

Trotzdem gibt es zwei Argumente, die dafür sprechen, dass "Die Liebe, der Zufall und das Paar" dennoch für viele Leser interessant und erfreulich wären (ganz abgesehen davon, dass Campe einen schönen Stil hat und sich in seinen Essays so gut wie verzettelt): Zum einen, weil der Einblick in die Lebensgeschichten der Autoren oft Unbekanntes offenbart und sich jeder Text auch als kleine, gelungene Biographie eignet - zum anderen, weil die Essays eine Palette von Fragen thematisieren, die die ganze Gesellschaft (und auch die persönlichen Beziehungen eines jeden, seien sie nun homo- oder heterosexuell) etwas angehen: Was ist eine vernünftige Sexualmoral? Wie äußert sich das Unakzeptierte oder Unterdrückte in Literatur und Gesellschaft? Wie wollen wir mit dem Andersartigsein umgehen? Was ist die Definition eines Paares? Wie können Beziehungen gelebt werden?

Man muss Joachim Campe ein großes Kompliment machen, dass er sich die Mühe gemacht, die sechs Autoren (Oscar Wilde, André Gide, E. M. Forster, Jean Cocteau, Christopher Isherwood, W. H. Auden) so genau zu studieren und so einflühlsam und informativ über ihr Leben und ihre Anliegen zu schreiben.


Wider die Natur: (Die Notizbücher) (suhrkamp taschenbuch)
Wider die Natur: (Die Notizbücher) (suhrkamp taschenbuch)
von Tomas Espedal
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Vergänglichkeit ist das Konzept der Liebe ..., 6. Mai 2016
"In dem Augenblick, als er sie sah, hatte er sein eigenes Alter vergessen."

Lebensgeschichten sind meist auch Liebesgeschichten. Beide handeln zwangsläufig von Ewigkeit und Vergänglichkeit. In der Liebe wie im Leben kann der Mensch sich unsterblich fühlen mit dem, was er erlebt hat und glaubt erreicht zu haben. Und wie der Tod das Leben beendet, so endet auch die Liebe unvorhergesehen oder erwartet und reißt alles ein, was man erlangt hat; öffnet darunter eine tiefe Verletzlichkeit. Denn die weiche Stelle, an der eben noch die Liebe lag, ist plötzlich der Vergänglichkeit ausgesetzt, die kalt ist und gleichzeitig diese weiche Stelle verbrennt mit dem Gedanken an alles, was nun entbehrt muss. Eigentlich bleibt viel, nämlich alle Liebe, die bereits war; aber plötzlich wirft dieses helle Licht der Vergangenheit tiefe Schatten auf die Gegenwart.

Das Ende der Liebe ist ein kleiner Tod, nur, dass man danach weitermachen muss. Vom Lieben und vom Weitermachen, vom Glücksversuch und vom Schmerz, handelt dieses Buch. Es ist eine Geschichte von der Unsicherheit, die man irgendwann als in der Liebe beheimatet erkennt; der Ferne, die alle Menschen um sich haben und die überbrückbar scheint, eine Durchquerung wert, wenn wir lieben. Es ist eine Lebensgeschichte, eine Biographie, die bei der frühen Liebe einsetzt, weitergeht zu Frau und Kind, und endet bei der großen Liebe zu einer jüngeren Frau. Nichts davon löst das Versprechen ein, hier geschehe etwas "Wider die Natur". Wenn überhaupt geht es darum, dass in der Natur, die wir sind, diese seltsame Einrichtung der Liebe ganz unumgänglich und trotzdem unmöglich ist, was sich verändert von Lebensabschnitt zu Lebensabschnitt.

"Begriff ich, was für ein Glück darin bestand, dass sie auf dem Sofa lag und las? Dass wir zusammen Abendessen würden? Ich dachte nicht darüber nach; ich war glücklich?"

Es ist auch ein Buch über das Glück. Und als solches hab ich es gelesen. Die Frage danach wird in Espedals Buch selten so offen gestellt wie in diesem Zitat, schwingt aber hinter allen Geschichten mit, weil es ja letztlich darum geht, wenn man die Hollywoodliebe beiseitelässt: darum, wie man Partnerschaften und Liebe in sein Leben integrieren kann, wie diese Beziehungen unseren Lebenswege unverhofft kreuzen und bestimmen. Und wie wir darauf aus sind, aus diesem Umstand Glück zu münzen, was aber immer wieder eine frustrierende Angelegenheit ist, denn da sind zwei Menschen, zwei Vorstellungen vom Glück, und man kann nie wissen, ob sich diese Vorstellungen aufeinander zu bewegen oder schon wieder am Auseinanderdriften sind.

Es ist ein poetisches, gesetztes Buch. Es ist fast durchgängig tiefgreifend geschrieben, was es in gewissem Sinne besonders macht. Aber dieser Stil kreiert auch eine Oberfläche, die ein bisschen wie eine eingehaltene Sorgfalt wirkt und mich daher nicht ganz mitgerissen hat. Ich konnte an dem Buch viel gewinnen, aber viel erlebt habe ich bei der Lektüre nicht und auch über die Liebe hat das Buch zwar viel zu sagen, auch viel Greifbares, aber bleibt trotzdem vor vielen Schwellen stehen, statt sie zu übertreten.

Ein Buch, das einen schnell neugierig macht, das man schnell mit Erwartung liest. Diese Erwartung wird gleichsam eingelöst und gleichsam nicht. Wie in der Liebe.


Rache ist sauer (detebe)
Rache ist sauer (detebe)
von George Orwell
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen Menschlich. Scharfsinnig. Aufrichtig. Moralisch. Großartig., 5. Mai 2016
Rezension bezieht sich auf: Rache ist sauer (detebe) (Taschenbuch)
In kaum einem Werk ist mir ein solches Maß an Scharfsinn, Gewissenhaftigkeit und Menschlichkeit begegnet, wie in den essayistischen Schriften und Berichten von George Orwell. Für mich persönlich ist es nicht übertrieben, bei der Beschreibung dieser 70 Jahre alten Texte, von Aktualität, entlarvender Meisterschaft und moralischer Größe zu sprechen - ganz ohne Ironie oder den Wunsch, die Texte, durch diese Bezeichnungen, bedeutender zu machen als sie sind.

Was Orwell vor allem eine Sonderstellung gibt, ist sein kompromissloses (jedoch nicht: radikalisiertes) Engagement, sein Blick, für die Leidtragenden der industrialisierten und ideologisierten Gesellschaft: die Soldaten an der Front, die Arbeiter in den Fabriken und die armen und von der Gesellschaft vergessenen Schichten der Bevölkerung – in Kombination mit einem Intellekt, der größere Zusammenhänge erfassen und darstellen kann, wie sie selten auf den Punkt gebracht werden. Ihm gelingt es einfachste und nahezu nicht zu widerlegende Aussagen zu formulieren, zum Beispiel über den Krieg und die öffentliche Meinung:

"Was die breite Masse der Bevölkerung betrifft, so rühren die erstaunlichen Meinungsumschwünge der heutigen Zeit und die Gefühle, die sich auf- und abdrehen lassen wie ein Wasserhahn, von der Suggestivkraft der Zeitungen und Radios her. Bei den Intellektuellen, würde ich sagen, hat das mehr mit Geld und der Sorge um die persönliche Sicherheit zu tun. Je nach Lage der Dinge werden sie in einem gegebenen Augenblick 'für den Krieg' oder 'gegen den Krieg' sein, aber in beiden Fällen fehlt ihnen völlig die reale Vorstellung, was der Krieg ist."

Seine Kritik an den Medien und den oberen Klassen ist sicher nicht allein auf weiter Flur in der Geschichte des 20. Jahrhunderts - aber nirgendwo habe ich so präzise formuliert gefunden, nirgendwo wird so schnell ersichtlich, wird kaum abstrakt und ungeschönt benannt, wo der Hund vieler Problematiken begraben liegt: direkt vor unserer Nase, im Aufbau der Gesellschaft, die vor allem auf Unterdrückung und Kontrolle basiert und auf eine immer größeren Ausbeutung und Spaltung hinausläuft.

"Was mich am meisten bedrückt, wenn ich an die Antike denke, ist der Umstand, dass diese Hunderte von Millionen von Sklaven, auf deren Rücken ganze Zivilisationen generationenlang beruhten, nichts über sich hinterlassen haben. Wir kennen nicht einmal ihre Namen."

Nietzsches Wahn von den wenigen Übermenschen, denen alle anderen dienen: längst hat die Geschichte seinen Forderung eingelöst und wird sie weiter einlösen. Dabei geht es nicht einmal um Namen, sondern vielmehr darum, dass wir ausblenden, unter welchen Bedingungen Menschen leben mussten, während sich „große Geschichte“ ereignete und immer noch leben, während wir den Lebensstandard genießen, den ihre Arbeit gewährleistet.

Die Menschlichkeit: selbst für die meisten aufgeklärten Menschen endet sie am Rand der humanistischen Disziplinen, Schriften und Wissenschaften. Für Orwell endet sie dort nicht. Er weiß, dass ihr wahres Feld ein oft nicht wahrgenommenes ist; ein Feld der Ausbeutung, von dem niemand sprechen mag.

Während der zweite Weltkrieg, vordergründig ein Krieg der Ideologien, tobt, schreibt Orwell:

"Den Lebensstandard der gesamten Welt auf das Niveau des englischen zu bringen, wäre kein größeres Unternehmen als der Krieg, den wir gegenwärtig führen. Ich behaupte nicht, und mir ist nicht bekannt, dass sonst jemand es tut, dass damit alles an sich bereits gelöst wäre. Es geht mir nur darum, dass Entbehrung und Knochenarbeit abgeschafft sein müssen, ehe man an die eigentlich menschlichen Probleme herangehen kann."

Heute gibt es noch weitere Probleme, vom Klimawandel über Epidemien bis zum Atommüll, denen wir uns stellen sollten, anstatt Kriege und Scheinkriege auszufechten.
Es ist, gewiss, eine sehr einfache Position, die Orwell bezieht. Wie oft in seinen Texten, die trotzdem sehr viel um diese einfache Position herum erörtern. Aber obwohl sie einfach ist, macht sie mehr her, als ein Großteil des ganzen Geschnatters, Gezeters und Gebrülls unserer heutigen Debattenkultur, wo einer den anderen moralisch richtig stellt, ohne dass man einfach mal ehrlich von den grundsätzlichen Problemen unserer gesellschaftlichen Systeme ausgeht. Orwell legt den Finger auf das Wesentliche, was heute viel zu selten getan wird.

Was ich an Orwell auch sehr schätze, ist, dass durch die Schlichtheit und die nie auftretende Selbstüberschätzung in seinem Stil, keine moralisierende Atmosphäre oder Haltung aufkommt. Sein Impetus ist die Wahrheit und dass man sie gerecht betrachte. Selbst wenn er zu so einem schwierigen Thema wie Rache schreibt, bleibt er bei seiner analytischen Verfahrensweise und zeigt, dass es eigentlich ein nicht so schwieriges Thema ist:

"Strenggenommen gibt es so etwas wie Vergeltung oder Rache gar nicht. Rache ist eine Handlung, die man begehen möchte, wenn und weil man machtlos ist: sobald aber dieses Gefühl des Unvermögens beseitigt wird, schwindet auch der Wunsch nach Rache."

Orwell hat hier meiner Ansicht nach zwar nicht bedacht, dass das Gefühl des Unvermögens durchaus bleiben kann, auch wenn andere Umstände eintreten. Aber unsere Generation, die den Plots von dutzenden Rachefilmen aus Hollywood kennt und denen die Wichtigkeit dieses Gefühls mit der Popkultur eingeimpft wurde, täte gut daran, sich einmal anhand von George Orwells Definition die eigenen Gefühle anzuschauen, um zu begreifen, dass Rache meist nur ein selbstgewählte, erniedrigte Position einem anderen Menschen gegenüber ist, die man auch schlicht überwinden kann.

Vieles, was George Orwell in diesem Band schreibt, ließe sich zusammenfassen mit einem Satz von ihm selbst:

"Die Tatsache, dass man eine derart banale Banalität niederschreiben muss, zeigt, was die Jahre des Rentier-Kapitalismus aus uns gemacht haben."

Da kann ich nur noch meine Unterschrift drunter setzen. Ich will nicht den Antikapitalisten spielen, will Orwell nicht unter diesem Label abgestempelt, eingeordnet und vergessen wissen. Aber es ist diese schlichte Aussage, die aussagt, was an vielen Stellen im Argen liegt, noch heute.

Orwell-Essays lesen, das heißt, generationenübergreifend, eine gewisse Mündigkeit hochhalten und lernen. Ich bin froh, dass ich diese Erfahrung machen durfte; sie war heilsam und zugleich schmerzlich und ich werde noch öfters auf sie zurückkommen.


100 zu 1: Frühe Stories (detebe)
100 zu 1: Frühe Stories (detebe)
von Philippe Djian
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,90

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5.0 von 5 Sternen Teilweise krass, teilweise herumbaumelnd. Bei aller Begeisterung nicht immer beeindruckend, aber knallig., 3. Mai 2016
"Sie tranken und die Nacht brach herein. Ihre Seelen öffneten sich wie exotische Blumen, sie sahen allmählich klarer."

Diese Geschichten steigen aufs Gas. Sie sind mit einer gewissen Schnurzegal-Haltung geschrieben; sie fabulieren gern, auf leicht virtuose, leicht obszöne, leicht trashige, leicht abwegig-banale Art. Sie handeln fast ausnahmslos von Leuten, die ein wenig gegen das Leben sind. Von Verlierern, die sich noch über Wasser halten wollen. Von schrägen Typen, die sich in bizarren Szenarien bewegen. Immer geht es ein bisschen um die Liebe, ein bisschen um das Wahre, aber vor allem ums Überleben. Es gibt Gewalt und Sex und Außergewöhnlichkeiten, aber vor allem eine Orientierungslosigkeit, die sich in allem Bahn bricht, jeder einzelnen Geschichte und ihren Motiven - ganz egal, ob es um lustmachende Leichen, Experimente mit 100 zu 1 Ergebnissen oder eine Utopie mit Frau und Vogel geht. Die Plots wirken hingerotzt, die Sprache ist immer scharf und hat immer ihre Stärken, einen Sog und einen Drive.

Ich mag Philippe Djian und ich mag, wie er schreibt. Und irgendwie mag ich auch die meisten seiner Geschichten, auch wenn ich wenig aus dem ziehen kann, was darin verhandelt wird. Djian hält sich nicht mit Botschaften auf und er ist ein bisschen vernarrt in kleine, aufregende Widrigkeiten. Er pflastert die Straßen seiner Protagonisten mit allerlei ulkigen bis heftigen Schlaglöchern und irgendwie ist alles egal und doch richtig wichtig, überlebenswichtig.

"Die Sonne strömte voll herein, wie Eiweiß."

Ein bisschen fühlt man sich an Bukowski erinnert, aber Djians Prosa hat eine viel größere Beschleunigung und sehr viel weniger Selbstreferenzialität. Der Autor verschwindet hinter seinen Schöpfungen, in den jungen Männern, die sich etwas Beständiges wünschen, einen Rückzugsort von der Welt und eigentlich wollen sie alles und sie stehen irgendwie kurz vor dem nichts, dass überall ist.

Ich würde "100 zu 1" nur empfehlen, wenn es den Leser nicht stört, dass die Erzählungen sich kaum aufbauen, sondern einfach einschlagen. Sie entwickeln sich nicht einfach, sie explodieren, implodieren, steuern auf einen Höhepunkt zu. Sie sind von einer ungeheuren Lebendigkeit, dann wieder voller aufgehängter Verzweiflungslust. Sie rufen eine schräge Begeisterung hervor, wie Kerouac oder Henry Miller oder der schon erwähnte Bukowski, aber sind manchmal auch gar nicht so beeindruckend. Halt gut. Guter Stoff.


Blue Is the Warmest Color
Blue Is the Warmest Color
von Julie Maroh
  Taschenbuch
Preis: EUR 17,78

5.0 von 5 Sternen Nochmal anders als der Film, melodramatischer, 24. April 2016
Rezension bezieht sich auf: Blue Is the Warmest Color (Taschenbuch)
Mal abgesehen davon, dass die Sexszenen dort einen geradezu malträtierenden (meinetwegen realistischen) Charakter haben, war ich zunächst ein Fan der Filmversion von "Blau ist eine warme Farbe". Mir gefiel, dass es darin nicht nur um sexuelle Ausrichtung oder lesbische Wirklichkeit geht, sondern dieses größere Thema sich gut über andere Lebensthemen wie Berufung, Familie, Kunst vs. gewöhnlicher Job, Leidenschaft und Beziehungsverständnis, Unterschiede und Ähnlichkeiten von Charakterzügen und einiges andere geht. Wie sich Stück für Stück aus der Liebesgeschichte die Persönlichkeit von Adele herausschält, wie sie Fehler macht, ihre Sehnsüchte zu kontrollieren versucht, unverstanden bleibt, das ist teilweise großes Kino.

Ich war nicht darauf gefasst, dass die Geschichte mich noch einmal, diesmal auf ganz andere Weise berühren könnte. Auf die Zartheit, Tragik und melodramatische Tiefe des Originalcomics war ich nicht vorbereitet. Sie hat mich umgehauen.

Die Geschichte des Comics ist in vielen Facetten eine andere als die des Films (und selbst dort, wo die gleichen Aspekte auftauchen, werden sie anders eingesetzt und haben meist eine andere Konsequenz) und nutzt das Medium der Graphic Novel gut für diese neue Erzählausrichtung. (Teilweise hat es mich an Fun Home erinnert, weil sich auch dort die Zeitlinien übereinanderlegen.) Im Ganzen wird aus der Geschichte mehr eine Art Melodram, die sich die ganze Zeit mehr um die Verwirrung der Gefühle und die verqueren Beziehungsverhältnisse der beiden dreht. Auch ist die Geschichte kürzer und wird anders erzählt, nämlich durch Tagebucheinträge.

Trotz all dieser Anmerkungen, bleibt zum Schluss die schlichte Empfehlung: Lesen! Mir ist herzlich egal, was man diesem Comic alles unterstellen könnte: es ist zeichnerisch, aber auch von der Story her ein sehr berührendes und schön komponiertes Kunstwerk, das man bestimmt öfter und immer wieder gern lesen wird. Tieftraurig, wahr und großartig.


Pittsburgh Phil & Co.: Stories vom verschütteten Leben
Pittsburgh Phil & Co.: Stories vom verschütteten Leben
von Charles Bukowski
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,90

5.0 von 5 Sternen Hard Stuff, tough, schmerzlich, grauenvoll und tief schneidend, 16. April 2016
Die meist zwischen 5-7 Seiten langen Storys dieses Bandes haben es in sich. Es kommen darin vor: Vergewaltigung, Mord, Verzweiflung, Schläge ins Gesicht, Elend, Alkohol, Sex, Kannibalen, Nazis, Misogynie etc.

Hätte mir jemand diese Liste vorgelegt und gesagt, ich würde so etwas gern lesen, ich hätte nie und nimmer dran geglaubt.
Dann kam Bukowski. Zunächst mit vielen Gedichten, hunderten Seiten voller Gedichte (ich halte Charles Bukowski für einen der besten Dichter überhaupt). Ich hatte lange sehr große Bedenken mich von diesem Genre wegzubewegen und mir seine Prosa anzusehen. Zunächst schien diese Angst vor Enttäuschung sogar berechtigt: der erste Roman, den ich von ihm las, Das Liebesleben der Hyäne, gefiel mir nicht besonders gut.
Trotzdem gab ich den Stories noch eine Chance. Und sie haben mich umgehauen.

Man kann viel über die Zärtlichkeit sprechen, die in den Storys von "Pittsburgh Phil & Co" liegt und man hätte wohl oft recht damit; doch hat es keinen Sinn zu verschweigen, dass diese Erzählungen teilweise furchtbare Sachen schildern. Schauderhaftes. Gräuel. Gewalt und Sinnlichkeit, die ganz dicht beieinander liegen. Geradezu Ungeheuerliches also. Und das alles prägnant und mit meisterlicher Direktheit.

Wie diese Geschichten es schaffen den Leser - selbst wenn er sich überhaupt nicht mit den Taten der Protagonisten identifizieren kann - mit ihren Themen in den Bann zu ziehen, kann ich nicht genau sagen. Oder vielleicht habe ich es schon gesagt. Es hat sicherlich etwas mit der Prägnanz und der Direktheit zu tun. Mit der Art wie vieles in den Storys als unausweichlich dargestellt wird. Es sind Schauder und Voyeurismus, die hier eine Rolle spielen.
Aber ich behaupte, das ist nicht alles. Man bleibt auch dran, liest weiter, weil man spürt, wie sich in all diesen Figuren etwas quält und regt, dass, egal wie sehr es pervertiert ist, doch seinen Ursprung in etwas zutiefst Menschlichem hat. Dass darin Zärtlichkeit und Grauen des Menschen liegen, in den Dingen, die wir miteinander tun wollen und uns dann teilweise gegenseitig antun, das hat Bukowski großartig im Hintergrund seiner Texte aufgespannt.

Von harten Männern und von Elend handeln diese Storys. Teilweise ist Henry Chinanski, Bukowskis alter Ego, der Protagonist, teilweise haben die Erzählungen aber auch andere Figuren und völlig chinanski-fremde Schauplätze und Themen – wie etwa Cowboys, Schaufensterpuppenliebe oder Einbrecher. Was sie alle vereint sind vielleicht the dark side of the american dream und die ebenso dunkle Seite des amerikanisch-männlichen Selbstverständnisses.

Es gibt sicher viele Leute, die moralisch etwas gegen Bukowskis Storys haben und auch meinen, man könnte moralische Einwände und Argumente gegen sie vorbringen. Ich bin mir da nicht so sicher. Ich bin gegen jede Verherrlichung von Gewalt, vor allem Gewalt gegen Frauen.
Doch ich finde in diesen Storys nichts, was mich glauben lässt, dass auch nur ein einziger Mann wegen ihnen rechtfertigen könnte, seine Frau zu schlagen. Ganz, ganz, ganz im Gegenteil.
Diese Erzählungen handeln vom "verschütteten Leben", vom Absturz, vom Elend. Es gibt darin keinen Platz für Glorie, nie den Ansatz einer Rechtfertigung oder kruden Ideologie. Keine Bösewichte treten hier auf, sondern die Pein als vielfältig operierendes Gemeinsames, dass die Verlorenen unter den Menschen alle teilen.


Das Liebesleben der Hyäne: Roman
Das Liebesleben der Hyäne: Roman
von Charles Bukowski
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

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3.0 von 5 Sternen Zäh ... leider, 16. April 2016
Ich bin ein großer Fan von Bukowskis Gedichten und Short-Storys - dies war dann der erste Roman, den ich von ihm gelesen habe und ich muss sagen: wo die Gedichte und Short Storys mich wirklich bewegt, teilweise aufgewühlt (und auch unterhalten) haben, ist es mir bei "Das Liebesleben der Hyäne" zum ersten Mal passiert, dass mich Bukowski gelangweilt hat - etwas, das ich vorher noch nicht erlebt hatte.

Vielleicht liegt das am Genre. Wären die Kapitel und Geschichten dieses Romans in einigen Kurzgeschichten nicht besser aufgehoben, ohne den Anspruch auf eine breitere Form, einen längeren Atem? Ich glaube fast, dass dem so ist. Vielleicht sind es auch meine Ansprüche an den Roman, die diesen Eindruck entstehen lassen oder verstärken.

Aber ehrlich gesagt, glaube ich, dass es mit der Entwicklung der Figuren zu tun hat. Während eine Kurzgeschichte nur das Bild einer Person entfalten muss, muss der Roman zwangsläufig auch seine Figuren entwickeln, nicht nur eine Handlung, sondern auch innere Bewegungen vorantreiben, wie sie sich ja auch in jedem echten vollziehen.

Man verstehe mich nicht falsch: es sind nicht primär die Wiederholung der Handlungen und Schauplätze oder die Thematik des Buches, die mich stören. Nur: während jedes Gedicht und jede Short-Story lebendiger Ausdruck ist, wandert der Roman aus diesem Lebendigen hinaus, und Kapitel für Kapitel in eine Starre hinein, in der es schwer ist, noch Gründe zum Weiterlesen zu finden.

Wer einen (nicht unbedingt monotonen) Reigen an Nummern im Bett, Dichterlesungen, versoffenen Abenden und gelegentlichen Geistesblitzen und Zynismen abgespult haben will, der greife zu und genieße. Ich werde erstmal schauen, was es noch so an Gedichten und Short-Storys gibt - die seien allen Lesern wärmstens empfohlen!!


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