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A. Rieble

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Die Nonnen von Sant'Ambrogio: Eine wahre Geschichte
Die Nonnen von Sant'Ambrogio: Eine wahre Geschichte
Preis: EUR 14,99

5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Eine bewegende Geschichte, 5. November 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Als 1998 das Archiv der Kongregation für die Glaubenslehre geöffnet wurde, suchte der Kirchenhistoriker Hubert Wolf gezielt nach dem nur vage bekannten Fall Sant'Ambrogio und fand "etwa zwei laufende Meter Konvolute sowie im Kloster konfiszierte Dokumente und Bücher". Er läßt den Leser auf 448 Textseiten nacherleben, was sich ihm selbst enthüllte, als er sich Schritt für Schritt durch die Prozeßakten hindurcharbeitete. Der Autor verwendet in seiner wissenschaftlichen Forschungsarbeit erzählerische Elemente, indem er, wo es ihm angebracht schien, die Geschehnisse von der Perspektive der Hauptakteure darstellt, der Prinzessin Katharina von Hohenzollern-Sigmaringen, ihres Cousins Erzbischof Hohenlohe und besonders des Untersuchungsrichters Sallua. Im Prozeßverlauf werden einige Dutzend Zeugen und vier Angeklagte vernommen und die relevantesten Aussagen teils wörtlich dokumentiert. Die berichteten Geschehnisse werden begleitet durch kirchengeschichtliche Hintergrunderklärungen, was den spannungsvollen Gang der Lektüre merklich abbremst.

Am Anfang steht ein Aufsehen erregendes Heilungswunder, das 1796 der franziskanischen Nonne Maria Agnese Firrao (1754-1854) tatsächlich oder scheinbar widerfuhr. Zehn Jahre später gründet sie eine kontemplative Klostergemeinschaft mit strengen Regeln. Die Nonnen werden bis zur endgültigen Schließung des Klosters 1859 durch Jesuiten betreut, die sich nach Wiederzulassung des Ordens neu formieren. Wiederum zehn Jahre später wird die Klostergründerin wegen "angemaßter Heiligkeit" verurteilt, das Kloster aufgehoben.

Jedoch drei Jahre später dürfen die Nonnen zurückkehren. Diese glauben weiterhin an die Unschuld ihrer Gründerin und nehmen verbotenerweise Kontakt zu ihr auf. Als besonderer Förderer der Gemeinschaft erweist sich Kardinal Genga, der spätere Papst Leo XII.

Die Klostergemeinschaft enthält ein Virus der Verderbnis, das die Gründerin an ihre Nachfolgerin Maddalena weitergegeben hat. Es ist ein lesbisches Ritual, das als "Sukzessionsmodell" (S.289) den Fortbestand der Klostergemeinschaft sichern soll. Das Lusterleben des weiblichen Orgasmus wird mystisch überhöht. Es ist Ersatz für echte religiöse Ergriffenheit und mystische Vermählung, die z.B. von der heiligen Katharina von Siena überliefert ist (S.160f.). Religiöse Hingabe kann auf ehrgeiziger Nachahmung dessen beruhen, was nur Demut gewährt wird, sie entspringt und dient narzißtischer Selbstliebe und kann zu autosuggestiven Verhaltensweisen führen, die echten mystischen Phänomenen täuschend ähnlich sind.

Opfer dieses Systems wird die 13-jährige Maria Ridolfo, die spätere Novizenmeisterin und Vikarin Maria Luisa. Sie wird 1845 von der Äbtissin Maria Maddalena gemäß dem "System Sant'Ambrogio" durch einen Akt der "Purifizierung" mißbraucht. Bald darauf hat sie die erste "Vision". Es heißt zwar nach einer ihrer Aussagen, sie habe dadurch "Macht ausüben" wollen (S.274), aber - vom Autor nicht bemerkt - dürfte eher zutreffen, was sie in verleumderischer Absicht auf eine Mitschwester projizierte, nämlich, daß sie sich vor deren sexuellen Nachstellungen durch vorgestellte Träume schützen wollte. Ihr Beichtvater habe diese Träume jedoch sogleich als echte Visionen bezeichnet. Zum System Sant'Ambrogio gehört auch der "außerordentliche Segen", der vom Beichtvater unter anderem einen Zungenkuß verlangt. Maria Luisa lernt dieses System aus Schriften der Gründerin noch näher kennen und will es selbst anwenden.

Maria Luisa wird 1854 zur Novizenmeisterin und 1857 zur Madre Vicaria (S.154f.) gewählt. Ihre Machtausübung eskaliert 1858, in dem Jahr, als Prinzessin Katharina in das Kloster eintritt. Als es zu einer Konfrontation zwischen beiden um Wahrheit und Lüge kommt, versucht die Novizenmeisterin, Katharina durch Gift aus dem Weg zu räumen. Katharina kann im folgenden Jahr aus dem Kloster entkommen und erstattet Anzeige vor dem Inquisitionsgericht. Damit nimmt der Prozeß seinen Gang.

Den zweite Schwerpunkt nach Maria Luisa bildet der zweite Beichtvater Giuseppe Peters. Er heißt eigentlich Josef Kleutgen (1811-1883) und ist Spitzentheologe, den Papst und Kardinäle brauchen, um die Neuscholastik als offizielles philosophisches System der Kirche durchzusetzen und Alternativen zu verhindern. Warum er sein Pseudonym, das er in früheren Jahren in der Schweiz zu seinem Schutz angenommen hatte, auch in Rom gebraucht, ist seltsam, weswegen Wolf die Frage stellt, ob sich Kleutgen nicht zwei Identitäten gibt wie Dr. Jekyll and Mr. Hyde (S.336). Er duldet und fördert den Kult um die Gründerin Firrao und die Novizenmeisterin, deren Reizen und erotischen Wünschen gegenüber er auf verlorenem Posten steht, zumal er wegen einer früheren intimen Beziehung kaum als Beichtvater von Nonnen geeignet erscheint.

Maria Luisa legt unter Tränen ein volles Geständnis ab und ist bereit, ihre Strafe anzunehmen: "Ich suche nur nach Vergebung und Seelenheil" (S.303). Es ist traurig, daß sich nach einigen Jahren ihr Verstand und Persönlichkeit zerrütteten.

Kleutgen wurde als letzter im Jahr 1861 verhört. Hubert Wolf gelangt zu dem Schluß, der Untersuchungsrichter Sallua "kam ihm mit seinen Argumenten letztlich nicht bei" (S.357). Es ist kaum vorstellbar, daß Sallua erst bei seiner Vernehmung dessen wahre Identität erfuhr, wie es dem Leser erscheinen mag, dem Wolf einen erzählerischen Überraschungseffekt vorführen will. Vermutlich hat Sallua den scholastisch und rhetorisch geschulten Jesuiten unterschätzt und sich dessen Argumentationsebene aufzwingen lassen. Kleutgen kam mit einer milden Strafe davon und war später maßgeblich an der Formulierung des Unfehlbarkeitsdogmas des Papstes auf dem 1. Vatikanischen Konzil beteiligt.

Der Autor hat zu einzelnen Personen chronologische Daten sorgfältig dokumentiert, aber nicht zu den Ereignissen der entscheidenden Jahre 1856 bis 1858. Der Leser muß sich aus den vielen Aussagen der Nonnen selbst eine Chronologie erstellen. Besonders der Einfluß Kardinal Reisachs (1800-1869) auf die Tätigkeit von Peters in Sant'Ambrogio und ihre Beziehungen zueinander werden nicht ganz klar. Sicher ist, daß Ende 1856 Peters von seiner Aushilfstätigkeit als Beichtvater zum offiziellen zweiten Beichtvater aufrückte, nach Aussagen von Nonnen auf Wunsch Maria Luisas (S.172). Nach weiteren Aussagen war Peters in Sant'Ambrogio seit "zehn Jahren" tätig (S.149), also seit etwa 1850.
Wegen der genannten chronologischen Unklarheiten vergebe ich nur vier Sterne.

Kardinal Reisach dürfte nicht weniger als Kleutgen an die himmlischen Kontakte Maria Luisas geglaubt haben. Schon als Erzbischof von München hatte er sich der Leitung der dubiosen Visionärin Louise Beck (1822-1879) aus Altötting unterstellt, mit der die Anfänge der bayerischen Redemptoristen untrennbar verknüpft sind. Ausführlich mit ihr befaßt sich der Redemptorist Otto Weiß in "Weisungen aus dem Jenseits?", 2011.


Die Bibelfälscher: Wie wir um die Wahrheit betrogen werden
Die Bibelfälscher: Wie wir um die Wahrheit betrogen werden

15 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Abrechnung, 20. September 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Klaus Berger bezeichnet sein Buch als einen "Aufschrei" und "planctus Germaniae" (Klage Germaniens) gegen die Verirrungen der deutschen Exegeten. Er rechnet mit seiner Zunft ab. Von dieser streitbaren und emotionalen Grundintention ist die Darstellungsform zu verstehen. Sie ist weniger systematisch als kompilatorisch angelegt, eignet sich daher zum Nachschlagen einzelner Punkte. Zum reich gegliederten Inhaltsverzeichnis kommen im Text noch weitere Unterüberschriften hinzu.
Bergers Kritik an der Exegese ist detailliert, an den Exegeten jedoch pauschal, insofern man nur wenige Namen erfährt. Sie beschränkt sich auf den deutschen Sprachraum.

Bergers Stil ist eigenwillig, kommt dem Verstehenswunsch des Lesers nicht unbedingt entgegen. Er gibt teilweise seinen eigenen theologischen Gedankenimpulsen nach, ohne sich darum zu kümmern, ob sich der Leser auf seiner jeweiligen Gedankenebene bewegen kann. Daher bekommt das Werk notwendigerweise eine subjektive Note mit Überlegungen, mit denen man sich nicht immer anfreunden kann.
Aus den Ausführungen des Autors wird deutlich, daß die geheimen Steuerungskräfte einer sich verirrenden Exegese aus dem Überlegenheitsdünkel, dem Neid und dem Rechtfertigungsbedürfnis des Protestantismus gegenüber der katholischen Kirche entspringen (S.213, 220). Aus Luthers "Freiheit eines Christenmenschen" und der "sola scriptura" machte man zwei zusammenpassende Zündungskabel. Letzteres Prinzip verstand man als Ermächtigung, den Ursprungsworten der neutestamentlichen Autoren kriminalistisch (S.15, 92) auf die Spur zu kommen, ihnen von einer überlegenen Warte des Bewußtseins ihre wahre Bedeutung zu geben, die den einfältigen Menschen vieler Jahrhunderte zuvor offenbar verborgen blieben.
Natürlich ist Klaus Berger auch Exeget von eigenen Gnaden. Er leugnet nicht die Existenz von Teufel und Dämonen, denen eine personale Natur zukomme (S.182), aber die Dämonen, die Jesus aus besessenen Menschen austrieb, seien "Totengeister" (S.22f, 25), was immer auch darunter zu verstehen sein mag.

Das erste Kapitel von I. Hinführung ist betitelt "Alles Lug und Trug". Gemeint ist die Auffassung radikaler Bibelkritik. Wenn nun tatsächlich nichts mehr vom Glauben früherer Generationen übrig bleibt, kann man die Bedeutung auch umkehren. Statt daß ich mir die vielen Uminterpretationen mit ihren Begründungen als neue Wahrheiten mühsam merke, glaube ich das als Wahrheit, was die Autoren der NT aussagen wollten, und bezeichne meinerseits die Prämissen der gemeinten Exegeten als "Lug und Trug". Ich besitze "Herders Theologischer Kommentar zum Neuen Testament", stattliche 10 Bände. Von den Autoren Joachim Gnilka (Matthäus), Rudolf Pesch (Markus), Heinz Schürmann (Lukas, unvollständig) und Rudolf Schnackenburg (Johannes) flößt nur Schürmann Vertrauen ein. Diese Autoren verfügen über enorme Fachkenntnisse, aber sie haben so gut wie keine Ahnung von Textanalyse und Erzählerhaltung. Die Persönlichkeiten der Evangelisten sind lediglich abstrakte Größen. Die Prämissen der exegetischen Urteile sind entweder von vorne herein unreflektiert oder, wenn reflektiert, nicht weiter hinterfragte Axiome. Einzelerklärungen ergehen sich teilweise ins Uferlose, ohne am Ende an ein Prinzip rückgebunden zu werden.

Teil III seines Buches nennt Berger "Exegese der Zukunft". Ich konnte für mich leider nicht viel Substantielles finden. Mit zwei übergeordneten Gesichtspunkten, die mir wichtig erscheinen, hat er sich überhaupt nicht auseinandergesetzt, a) mit der Bedeutung des Alten Testaments und b) mit der Gemeinschaft der Kirche und ihrem gelebten Glauben durch die Jahrhunderte.
a) Mir ist nicht bekannt, daß die Exegeten, die vom christlichen Glauben nichts mehr übriggelassen haben, mit dem Alten Testament ähnlich verfahren wären. Nun ist aber das Alte Testament die Grundlage für das Leben und die Lehre Jesu sowie des Glaubensbewußtseins seiner Jünger und aller zeitgenössischen Juden. Man sollte demnach keinem Exegeten etwas glauben, der sich nicht über die religiöse Wirklichkeit des Alten Testaments eine klare Vorstellung gebildet hat.

b) Die katholischen Exegeten nach dem zweiten Weltkrieg witterten Morgenluft. Endlich konnten sie nach Herzenslust Exegese betreiben und meinten, diese als echte Wissenschaft erweisen zu können, wenn sie bei Null anfingen, also die Glaubenslehre außer Acht ließen. Die Diskrepanz zwischen ihren Ergebnissen und dem gelebten Glauben der Jahrhunderte mit dem Glaubensbekenntnis als Grundlage schien sie keineswegs zu beunruhigen. Sie kamen in ihrem wissenschaftlichen Stolz gar nicht auf den Gedanken, daß, wenn ihre Ergebnisse von der Glaubenslehre abwichen, es daran liegen konnte, daß sie methodische Fehler begingen. Daß es ein definierbares Verhältnis zwischen Exegese und Glaubenslehre geben müsse, schoben sie einfach beiseite. Sie ignorierten, daß unzählige Menschen in die Nachfolge Jesu getreten waren und durch ein aufopferungsvolles Leben ein Vorbild der Heiligkeit gegeben hatten. Sie blieben beim "Wanderprediger" stehen und fanden nicht den Anschluß an die Gegenwart der Kirche, dessen Haupt der auferstandene Christus ist. Die Exegese der Zukunft kann also nur darin bestehen, sowohl die Wirklichkeit des alttestamentlichen Glaubens als auch die christliche Glaubenslehre als wissenschaftliche Grundlage zu erschließen und exegetische Fragestellungen an sie rückzubinden.

Von protestantischer Exegese ist kein Gesamtkonzept zu erwarten. Sie hängt kirchenhistorisch gesehen in der Luft. Sie muß mit drei Bällen jonglieren, der Zeit vor Luther und der Zeit nach Luther in der eigenen Kirchengeschichte und der lateinischen Kirche. Klaus Berger hält ihre Vorherrschaft für beendet.
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Casanova - Geschichte meines Lebens: Komplettausgabe aller 6 Bände (Erotik bei Null Papier)
Casanova - Geschichte meines Lebens: Komplettausgabe aller 6 Bände (Erotik bei Null Papier)
Preis: EUR 0,99

5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen phantastische Erzählung eines realen Lebens, 15. September 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Mir mißfällt das aufreizende Cover, das einseitig auf Casanovas Frauengeschichten abzielt. Die Übersetzung von Heinrich Conrad stammt von der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert. Mit Ausnahme einiger weniger Ausdrücke (jd. die Spitze bieten = mit jd. mithalten, Gold statt Geld, Düte statt Tüte, Püppchen statt Baby) macht sie keinen veralteten Eindruck. Der Text ist vom Projekt Gutenberg übernommen, enthält daher fast keine Rechtschreibfehler.

Die Übersetzung der ebook-Version, die etwa 4500 Seiten umfaßt, ist eine Bearbeitung des 19. Jahrhunderts. Passagen, die damaligem sittlichem Gefühl zu weit gingen, wurden ausgelassen oder abgeschwächt. Eine vollständige Übersetzung wurde erst 1960-1962 von Heinz von Sauter angefertigt.
Casanova erweist sich als ein geistvoller, intellektuell brillianter Erzähler, der dem heutigen Leser erkennen läßt, auf welch niedrigem Niveau sich heutige Gesprächskultur bewegt. Im Leben selbst zu Späßen und Schabernak aufgelegt, liebt er es, viele Situationen aus einem erheiternden Blickwinkel darzustellen.

Als Achtjähriger nach Padua in Ausbildung gebracht, entwickelt sich Giacomo Casanova zu einem Wunderkind an intellektueller Auffassungskraft und Gedächtnis. Seine besondere Vorliebe gilt der Dichtung. Horaz, Ariost und andere Dichter zitierte er auswendig. Aus dem Stegreif konnte er Verse bilden. Mit 15 Jahren erhielt er die vier niederen Weihen, die ihm eine Aussicht auf eine kirchliche Laufbahn eröffneten. Ein Jahr später war er Doktor des weltlichen und kanonischen Rechts. Im Alter von 19 Jahren befindet er sich im Dienst des Kardinals Acquaviva in Rom, konversiert geistreich mit dem Papst und anderen hohen Personen, stolpert aber über eine Entführungsaffäre, in der er Hilfsdienste leistet. Von da an beginnt sein unstetes Leben, das ihn durch viele Länder Europas führt. Ein Beschäftigungsangebot des Preußenkönigs schlägt er aus, zwei weitere Möglichkeiten in Polen und Spanien scheitern an Zwischenfällen. Seine letzten Lebensjahre von 1785-1798 verbringt er im Dienst des Grafen Waldstein auf Schloß Dux in Böhmen. Dort verfaßt er seine Memoiren.

Seine menschliche Vergänglichkeit und sein erlöschendes Leben vor Augen, hat Casanova als einzigen Schatz seine Erinnerungen übrig, die er wahrheitsgemäß erzählen will, um so dem Sinn seines Lebens einen letzten Dienst zu erweisen. Besonders die Argumentationen vieler Dialoge vermitteln einen authentischen Eindruck von Glaubwürdigkeit, auf die wir angewiesen sind, wenn wir uns über die verschiedenen Seiten von Casanovas Charakter klar werden wollen.
Im Vorwort, mit dem man beginnen sollte, faßt er seine Lebenserkenntnisse und Ansichten zusammen. Im Erzähltext wird manches wieder aufgegriffen, meist nur in kurzen Reflexionen. Er spricht öfter von seinem guten Geist (13mal) oder bösem Geist (24mal), denen er gefolgt ist. Ein wichtiges Prinzip ist ihm die stoische Devise "Sequere Deum" - Folge (dem) Gott: "Überlasse dich dem, was das Schicksal dir bietet, sofern du nicht eine starke Abneigung dagegen empfindest" - entsprechend der Erfahrung des Philosophen Sokrates, der von seinem Daimon vor Falschem gewarnt, aber selten zu etwas Richtigem ermahnt wurde. Im Vorwort bekennt denn auch Casanova, sein einziges System im Leben, wenn es überhaupt eines sei, habe darin bestanden, sich von Wind und Wellen treiben zu lassen.

Zwei Zitate sollen Zeugnis von seiner Selbsterkenntnis geben:
1. Eine glückliche Beziehung hatte er zu seiner kurzzeitigen Haushälterin Dubois, die er am Ende an Herrn Lebel abtrat. Nachdem er abschließend ihre Vorzüge gewürdigt hat, bemerkt er: "Hätte ich mich mit einer Frau verheiratet, die es verstanden hätte, mich geschickt zu lenken, ohne daß ich ihr Regiment bemerkt hätte, so hätte ich mich um mein Vermögen bekümmert, hätte Kinder gehabt und stände jetzt nicht allein und arm in der Welt da." Hier wird erkennbar, daß Casanova von der Frau eine Initiative erwartet, die eigentlich er egreifen müßte. So macht er sich letztlich von der Frau abhängig. Es fehlt ihm die Entschlußkraft, eine dauerhafte Verbindung vorzuschlagen. In der Retrospektive des Erzählers entschuldigt er sein Versagen mit der Willkür des Schicksals, z.B. als er 1760 mit der 15-jährigen Rosalie von Nizza nach Genua abreist: "Ich dachte, daß Rosalie mir bis an das Ende meines Lebens angehören und ich nicht mehr das Bedürfnis empfinden würde, von einer Schönen zur anderen zu eilen. Mein Schicksal hatte es anders mit mir beschlossen, und gegen das Schicksal läßt sich nichts machen."

2. Bei seinem Besuch in Wolfenbüttel verbringt er acht glückliche Tage in der dortigen Bibliothek. In diesem Zusammenhang bemerkt er: "Heute sehe ich, daß nur einige ganz unbedeutende Umstände hätten zusammenwirken brauchen, damit ich in dieser Welt ein wahrer Weiser statt eines wahren Toren gewesen wäre."

Dank seiner intellektuellen Vielseitigkeit und phänomenalen Kombinationsfähigkeiten vermochte Casanova, sich auf einer gesellschaftlich hohen Ebene zu bewegen, die ihm von Geburt nicht zufiel. Letztlich galt er der Adelsgesellschaft als Sohn von Schauspielern, einer nicht gesellschaftsfähigen Berufsgruppe. Durch Gewinnspiele, kabbalistische Orakel und Horoskope sowie finanzielle Unterstützung dreier venezianischer Freunde bestritt der vagabundierende Abenteuer seinen anspruchsvollen Lebensstil.

Casanovas Besitz von okkulten Schriften und seine Zugehörigkeit zur Freimaurerei waren Anlässe für seine Haft unter den Bleidächern in Venedig. Seine spektakuläre Flucht, die ihm durch genaueste Planung und todesmutige Ausführung gelang, machten ihn in ganz Europa bekannt. In Paris erlangte er Zugang zu höchsten Regierungskreisen und wurde mit einigen politischen Aufgaben betraut.

Casanova wurde am bekanntesten durch seine Liebesabenteuer. Im Vorwort erklärt er, er sei für die Frauen geboren.
Casanova beurteilt Frauen nach schön und häßlich. Er liebte nur die schönen, geistvollen bzw. verständig naiven. Er glaubt, Frauen größere Liebesgenüsse gewähren zu können als andere Männer. In Zusammenhang mit seinem Verhältnis zu Bellino-Teresa bemerkt er: "Ich hatte immer die Schwäche, vier Fünftel meines eigenen Genusses in der Wonne zu finden, die ich dem reizenden Wesen verschaffte, dem ich mein Glück verdankte."

Casanovas Liebesabenteuer folgen meist demselben Muster: Er verliebt sich in eine Schönheit, deren sinnliches Begehren er durch verliebtes Reden, durch Gesten und Handlungen weckt. Er möchte um der Liebe willen lieben und geliebt werden. Die sich steigernde Leidenschaft der Gefühle strebt schließlich unaufhaltsam ihrer höchsten Erfüllung in der geschlechtlichen Vereinigung zu. Durch sie erfährt die Geliebte ekstatisches Lebensglück und erblüht zu voller Schönheit. Für Casanova waren diese Taten der Liebe unverzichtbares Lebenselixier, was ihm etwa bitter abging, als ihm seine "kleine Frau" C.C. durch ihren Klosteraufenthalt entzogen war. Diese Art der Liebe ist selbstvergessen, augenblicksbezogen und bindungslos, sie duldet keine Vorbehalte, die Casanova als religiöse oder konventionelle Vorurteile bezeichnet. Casanova nimmt kühn und unbedenklich vorweg, was andere abwartend der Ehe vorbehalten. Gefühle in ihrer Übermacht scheinen ein Eigenrecht zu besitzen und der Bindung durch gesellschaftliche Regeln überlegen zu sein und üben so eine fast unüberwindliche Verführungskraft aus.
Drei Äußerungen Casanovas sollen seine Einstellung zur Ehe veranschaulichen:

1. Zu Beginn seiner Laufbahn als "Soldat Amors" wirbt er erfolglos um Angela Tosello, die ihn zwar zu lieben behauptet, aber ihre Gunst nicht vor der Ehe gewähren will. Ihre Freundinnen Nanetta und Martina zeigen Verständnis für diese Haltung. Darauf sagt Casanova: "Sie denkt nur an sich selber; denn da sie weiß, was ich leide - könnte sie wohl so handeln, wenn sie mich um meiner selbst willen liebte?" Casanova macht also seine Person zum alleinigen Rechtfertigungsgrund der Liebeshingabe. Er gesteht dies hinsichtlich der Nonne von Chambery ein: "Ich konnte mir aus meinen Gefühlen kein Verdienst mehr machen; ich hatte mich in diese neue M.M. leidenschaftlich verliebt, und die Liebe macht sehr selbstsüchtig; denn bei allen Opfern, die wir dem Gegenstand unserer Leidenschaft bringen, denken wir nur an uns selber."

2. Gegenüber der Portugiesin Pauline, die Casanova 1762 in London kennenlernt, bezeichnet er die Ehe als "das Grab der Liebe".

3. Nach der Trennung von Rosalie beginnt Casanova, deren Bedienstete Veronika als Nachfolgerin zu umwerben. Diese jedoch hält an Grundsätzen ehelichen Denkens fest. Es entspinnt sich folgender Dialog:
C.: Ich muß Ihnen sagen, daß ich entschlossen bin, mich niemals zu verheiraten, bevor ich nicht der Freund meiner Frau geworden bin.
V.: Das heißt: erst wenn Sie nicht mehr ihr Liebhaber sind?
C.: Ganz recht.
V.: Sie wollen da enden, wo ich beginnen will.

Den Gewissenszwiespalt zwischen religiöser Bindung und freier Liebeshingabe löst die Spanierin Ignazia nach längeren Kämpfen pragmatisch: Sie sagt zu Casanova: "Meine Leidenschaft für dich ist nur eine vorübergehende Verirrung." Ihre Liebeserfahrung wird sie gegenüber ihrem künftigen Ehemann, der nicht welterfahren wie Casanova ist, selbstbewußter und unabhängiger machen. Sie heiratet im folgenden Jahr.

Geht man davon aus, daß sich Liebe in lebenslanger Dauer wesenhaft verwirklicht, ist Casanovas Auffassung der Liebe als Usurpation des Augenblicks zu bezeichnen.

Casanova ist gegenüber Frauen sicherlich selbstsüchtig, aber auch fürsorglich. Er hält sich zugute, den meisten zu ihrem Glück verholfen zu haben. Dieses besteht in der Regel im ruhigen Hafen der Ehe. Besondere Hilfsbereitschaft zeigt er z.B. gegenüber der Apothekerfrau aus Montpellier, die sich von einem betrügerischen Glücksspieler hatte umgarnen lassen und durch halb Europa reiste. Casanova trifft sie in Leipzig krank und verzweifelt. Er sorgt für ihre Gesundung, reist mit ihr nach Wien und gibt ihr Mittel zur Heimreise. Er sucht sie einige Jahre später in Montpellier auf und fühlt Genugtuung, daß sie mit ihrem Ehemann ausgesöhnt lebt. Ohne seine Geldquellen, sagt Casanova, hätte vieles Gute nicht tun können.

Bei mehreren Mädchen und Frauen gelangt Casanova nicht zum Ziel seiner Wünsche. Diese sind Angela, Frau F., die Roman, Manon, Esther, Veronika, Armilliana. Ihnen gemeinsam ist, daß Casanova Zeit und Mühe aufgewendet hat, um sie sich geneigt zu machen. In zwei Fällen der Verweigerung jedoch glaubte er, ohne längere Vorbereitung sein Ziel erreichen zu können, bei MERCI und der CHARPILLON.

1. MERCI ist die Nichte eines Huthändlers in Spa, bei dem er Quartier gefunden hat. Die Nichte ist ernst und nicht zu Gesprächen aufgelegt. Ihre Schlafstätte grenzt an der Casanovas an. Nach einigen Tagen stattet er ihr morgens einen Besuch an ihrem Bett ab und greift unter die Bettdecke. Im selben Augenblick, so erzählt Casanova, "erhielt ich einen Faustschlag auf die Nase, so daß ich tausend Sterne sah. Ich brauche wohl kaum zu sagen, daß ich ex abrupto jede Lust verlor, zärtlich zu sein."

2. Die Verweigerung der CARPILLON bringt Casanova zu solcher Verzweiflung, daß er sich in die Themse gestürzt hätte, wenn nicht "sein guter Geist" einen Freund des Wegs geführt hätte, um ihn daran zu hindern. Zum Verständnis dieser dramatischen Geschichte sind einige Vorkenntnisse erforderlich:
a) Casanova hat ein Haus in London gemietet. Er möchte eine Mieterin, "die englisch und französisch spricht, und weder bei Tage noch bei Nacht Besuche empfängt." und bringt ein Plakat an. Ganz London amüsiert sich darüber. Casanova nimmt die Portugiesin Pauline an, die es nach England verschlagen hat und fast mittellos bis zur Aufforderung zur Rückkehr nach ihrer Heimat warten muß. Es entwickelt sich eine glückliche Liebesbeziehung zwischen beiden.
b) Die (Marianne) Charpillon, 17 Jahre alt, lebt 1763 seit vier Jahren mit Mutter, Großmutter und deren zwei Schwestern in London. Sie wurden aus Bern wegen Prostitution ausgewiesen und hielten sich einige Jahre in Paris auf. Dort trifft Casanova die Dreizehnjährige vor einem Laden und kauft ihr einen Ohrschmuck, der ihrer Tante (= Großtante) zu teuer ist. Finanzielle Schwierigkeiten veranlassen die Truppe, nach London weiterzuziehen.
c) Der venezianische Gesandte Morosini übergibt in Marseille dem nach England aufbrechenden Casanova einen Brief an die Charpillon, den er bestellen soll, wenn er sie fände.

Anläßlich einer Einladung wird Casanova von der Charpillon angesprochen, die sich an ihn von Paris her erinnert. Er übergibt ihr den Brief des venezianischen Gesandten. Vier Informationen weisen auf das kommende Verhängnis voraus:
a) Aus seiner Adresse erkennt sie, daß er "jener Italiener" ist, "der den Zettel aushängte". Sie hätte sich gerne einen Spaß gemacht, diese Wohnung zu mieten, um ihn verliebt zu machen und ihn "dann entsetzliche Qualen erdulden zu lassen".
b) Aber ihre Mutter sei dagegen gewesen.
c) Casanova bejaht ihre Frage, ob er aus der Identität der unbekannten Dame ein Geheimnis mache.
d) Die Charpillon lädt sich und ihre Tante zum Mittagessen am nächsten Tag ein.
Rückblickend bemerkt Casanova: "Diese Sirene hatte, schon ehe sie mich kannte, daran gedacht, mich unglücklich zu machen."

Casanova ist von Mariannes Schönheit hingerissen. Mit Schrecken erkennt er, daß sie das Bild Paulines in seiner Seele verdrängt. Er steht unter dem Zwang seines eigenen Systems: Wenn eine (junge) Frau Kriterien der Schönheit und des Geistes ausreichend erfüllt, ist es ihm nicht möglich, sie nicht in Besitz nehmen zu wollen. Denn, wie er im Vorwort erklärt: "Der Kultus der Sinneslust war mir immer die Hauptsache." Die erweckte Sinneslust ist aber nicht abstellbar, sondern muß durch sexuellen Vollzug gelöscht werden. Wegen ihres früheren Verhältnisses zu Morosini glaubt er, sie sei käuflich und es werde ihm leicht gelingen, sie zu besitzen.

Durch Goudar, einen zwielichtigen Charakter, erfährt Casanova, daß die Charpillon vor 16 Monaten die Geliebte Morosinis wurde und nach dessen einjährigem Aufenthalt einige weitere hochgestellte Liebhaber hatte. Es ist zu vermuten, daß das nunmehr 17 Jahre alte Mädchen sich in einer Phase befindet, in der sie stärker ihren eigenen Willen gegen Liebhaber und vielleicht auch ihrem Anhang von vier Frauen und drei zuhälterischen Schmarotzern zur Geltung bringen möchte. Von Lord Pembroke, mit dem er sich angefreundet hat, erfährt Casanova, daß sie ihm bereits ein Schnippchen geschlagen hat. Auf seine Bemerkung, er würde sie das nächste Mal erst hinterher bezahlen, antwortete sie: "Pfui, von Bezahlung spricht man nicht." Vielleicht lehnt sich die Charpillon gegen eine Bestimmung permanenter Prostitution auf. Sie möchte zumindest, daß auch ihre persönlichen Gefühle auf ihre Rechnung kommen. Casanova ist sich nicht klar, daß er die epigonenhafte Doublette des venezianischen Gesandten ist. Denn dieser hatte ihr ein ganzes Häuschen zur Verfügung gestellt mit der gleichen Bedingung wie auf Casanovas Plakat, daß sie keinen Besuche empfangen dürfe. Diese Tatsache dürfte sie dazu gereizt haben, sich bei Casanova zu melden.

Casanova denkt nicht daran, sich in die Situation des Mädchens hineinzuversetzen. Er rechnet mit einer "Entzauberung" ihrer Reize, sobald er sie besessen habe, "was nicht lange dauern kann". Nach seiner erfüllenden Beziehung mit Pauline nimmt er nicht die Mühe auf sich, durch verliebte Reden und geduldiges Warten sie sich geneigt zu machen. Nachdem sie schon zahlreiche Liebhaber gehabt hat, geht ihm die Achtung vor ihrer Person ab. Außerdem ist sie von den Absichten ihrer Familie abhängig.

Marianne Charpignon hingegen fühlt sich in ihrem Anspruch auf Achtung und aufrichtiger Zuneigung bestärkt durch die Bemerkung Casanovas, er verdanke der Dame, die bei ihm gewohnt habe, eine seiner "süßesten Erinnerungen". Neid und Eifersucht mögen in der Charpillon erwachen, zumal Casanova nicht bereit ist, sie in sein Geheimnis einzuweihen und so ein erstes Vertrauensverhältnis zustande zu bringen.
Das Mädchen treibt ein doppeltes Spiel, das sich nicht vereinbaren läßt: Sie erwartet von Casanova Rücksichtnahme und Zuneigung, gleichzeitig bittet sie um ein Darlehen von 100 Guineen. Casanova seinerseits ist sich wohl nicht bewußt, daß er es hier nicht, wie in den meisten übrigen Fällen, mit einer Ersteroberung zu tun hat. Er ist unerfahren auf diesem Terrain und wird so Opfer seiner sinnlichen Leidenschaften. Wie weit die kommenden Verweigerungen abgekartetes Spiel sind oder Schutzbehauptungen der Charpillon, ist schwer zu entscheiden. Das Unglück beginnt, als ihre "Lieblingstante" ihn ermuntert, ihre Nichte zu besuchen, die erkältet sei und im Bett liege. Sie nimmt jedoch gerade ein Bad, Casanova kommt hinzu, weigert sich jedoch auf ihre Aufforderung hin sie zu verlassen.
Casanova läßt sich auf einen absurd anmutenden Wunsch der Charpillon ein: Er solle ihr vierzehn Tage den Hof machen und keine Gefälligkeit von ihr erwarten, dann würde sie ihm gehören. Für Casanova bedeuten die vierzehn Tage notwendigerweise abwarten, um in den ersehnten Sinnengenuß zu kommen. Denn die eingegangene Bedingung schließt allmählich wachsende Zuneigung und gegenseitiges Vertrauen aus, die doch für die Vereinigung von Leib und Seele nach Casanovas eigener Überzeugung erforderlich sind. Die Carpillon hat nicht unrecht, wenn sie in einer Situation als Casanovas Ziel "die Befriedigung seiner tierischen Lust" bezeichnet. Es mag theatralisch klingen, aber doch einer inneren Sehnsucht entsprechen, wenn sie sagt: "Sie können mir's glauben: ich schäme mich, wenn ich daran denke, daß ich stets nur aus Gefälligkeit geliebt habe. Ich Unglückliche! Ich fühle mich zur Liebe geschaffen und ich habe einen Augenblick geglaubt, Sie seien der Mann, den mein guter Stern nach England geführt habe, um mich durch wahre Liebe glücklich zu machen."

Nach Ablauf der vierzehn Tage überläßt Casanova die Entscheidung über den vorgesehenen Ort der Liebesnacht der Mutter der Charpillon, statt sie in sein eigenes Haus mitzunehmen. Sie verweigert sich ihm und er schlägt sie grün und blau. Die Mutter habe die Verweigerung von ihr verlangt. Nun mußte wirklich jede Zuneigung zerstört sein. Aber die Charpillon fesselt ihn weiterhin und verweigert sich ihm zwei weitere Male. Als er eines Abends nach längerem Warten vor ihrem Haus eintritt und entdeckt, daß sie mit ihrem Friseur geschlechtlich verkehrt, verliert er den Rest seiner Beherrschung, schlägt alles zusammen, was er an Mobiliar trifft. Er läßt sich von falschen Nachrichten täuschen, die Charpillon läge im Sterben, und beschließt sich das Leben zu nehmen. Am Abend desselben Tages bemerkt er die Charpillon munter beim Tanzen.
Eine nicht unwesentliche Rolle an der Tragödie spielt der genannte Goudar, dem Casanova unbegreiflich viel Vertrauen entgegenbringt. Denn durch seine eifrigen Dienste ritt er ihn nur noch tiefer in sein Verderben.
Die Niederlage war beiderseitig: Casanova hatte ein halbes Vermögen für die Charpillon ausgegeben. Er konnte sich trösten, daß sie sich seinen Bemühungen unwürdig erwiesen hatte. Die Charpillon konnte sich nicht genügend von ihrem Anhang frei machen, sie erhob zu hohe Ansprüche für sich und Casanova und machte sich durch die Friseurszene unglaubwürdig. Sie war später mit einem Tommy Panton, Sohn eines Pferdezüchters, liiert und hatte von ihm einen Sohn. Von 1773-1777 nahm sie der Politiker John Wilke in Beschlag, mit dem sie bald Meinungsverschiedenheiten hatte und der sich nach einem heftigen Streit von ihr trennte. Von da an verlieren sich ihre Spuren. (Quelle: Judith Summers, Casanova's Women)
Man kann nicht umhin, Mitleid und eine gewisse Sympathie mit Marianne Charpillon zu empfinden, die Opfer einer parasitären Clique war.

Nach seiner Niederlage gegen die Charpillon setzte Casanova seine Ersteroberungen nach dem bekannten Muster fort.

Unter den zahlreichen Liebesgeschichten wird jeder Leser andere bevorzugen. Ich selbst empfinde eine gewisse Vorliebe oder Schwäche für MARCOLINA.


Casanova's Women: The Great Seducer and the Women He Loved
Casanova's Women: The Great Seducer and the Women He Loved
Preis: EUR 7,80

5.0 von 5 Sternen Informative, 14. September 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Judith Summers' book gives valuable background information about important persons featuring Casanova's narration: Casanova's mother Zanetta, Donna Lucrezia, Bellino, Henriette, M.M. and C.C., Manon Balletti, Marquise d'Urfé, de Charpillon and Pauline, Sophia Williams and Teresa Imer.


Die vestalischen Jungfrauen in der römischen Kaiserzeit (Palilia)
Die vestalischen Jungfrauen in der römischen Kaiserzeit (Palilia)
von Nina Mekacher
  Taschenbuch
Preis: EUR 45,00

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5.0 von 5 Sternen Umfassend, 31. August 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Die Autorin hat einen wertvollen Forschungsbeitrag erbracht, indem sie alle Informationen über die Institution des Vestakultes während der Kaiserzeit gesammelt, in klarer Gliederung beschrieben und durch viele Abbildungen dokumentiert hat. Ich habe sehr viel von diesem Werk für die Bewertung einer Ehreninschrift für eine Obervestalin des 4. Jh. profitiert, deren Name getilgt wurde.


War's Allah's oder das Wort eines Mannes?? (Weimarer Schiller-Presse)
War's Allah's oder das Wort eines Mannes?? (Weimarer Schiller-Presse)
von J. Gehirn
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,90

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen aufrichtig und mutig, 13. Mai 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Um es gleich zu sagen: Das Buch ist herzerfrischend zu lesen für jeden, der einerseits die religiösen Überzeugungen und Bemühungen der Muslime achten möchte, andererseits aber das literarische Sammelsurium des Korans mit seinen Abstrusitäten und Widersprüchlichkeiten unerträglich findet.

Der pseudonyme Autor, der in seinem muslimischen Geburtsland (das er verschweigt) schon in jungen Jahren islamische Normen in Fragen stellte, wanderte nach unruhigen Jahren nach Deutschland aus, wo er die Freiheit des Rechtssystems und der Menschenrechte fand, nach denen er sich gesehnt hatte. Er appeliert teilweise direkt an die Leser, besonders an muslimische, ihren von Gott gegebenen Verstand zu gebrauchen und zu erkennen, daß der "perfekte" und gütige Gott nicht der Allah des Koran sein kann. Deswegen verwendet er oft das Wort "Logik". Er rauft sich Haare über die Unlogik im Islam und ruft einmal in verzweifelter Ironie: "Gibt es bitte irgendwo Logik zu kaufen?" S.73

Die Sprache des Autors ist originell. Er ist stolz, sich die deutsche Sprache selbst beigebracht zu haben (S.10). Sein Wortschatz ist teils bewußt, teils unbewußt der Umgangssprache angepaßt, aber trotzdem umfangreich und differenziert, z.B.:
"Frauen haben Rechte heute, doch wenn ihr Weiber euch nicht wehrt, dann seid ihr doch selbst schuld an eurem Elend. ... Die ganze Männerwelt besteht doch aus verzogenen Muttersöhnchen, die schon zu Machos erzogen werden, bevor sie die Windeln ablegen." S.22
Die Darstellungsweise ist assoziativ, den engagierten Impulsen des Autors gehorchend, und im allgemeinen flüssig zu lesen.

Der Autor bittet zwar um Verständnis für fehlerhafte "Satzformulierungen, Rechtschreibung oder Grammatik" (S.10), doch in manchem hätte man größere Sorgfalt erwarten können, z.B. in der Setzung von Anführungszeichen am Anfang und am Ende.


Das neue Wörterbuch Englisch Deutsch jetzt mit über 370.000 Einträgen
Das neue Wörterbuch Englisch Deutsch jetzt mit über 370.000 Einträgen
Preis: EUR 2,99

137 von 151 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen für einfache Ansprüche, 12. März 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ich habe mir neugierigkeitshalber "Das große Wörterbuch Englisch-Deutsch" von Matthias MATTING und "Das neue Wörterbuch Englisch-Deutsch" von David FISCHER heruntergeladen. Beide benutzen nach eigenen Angaben die Wortliste des BEOLINGUS-Servers der TU Chemnitz, FISCHER außerdem FreeDict vom FreeDict Projekt. Die angebotenen Bedeutungen sind daher nahezu identisch. Wem die im Lieferumfang enthaltenen einsprachigen Lexika, die den modernsten Stand der Lexikographie darstellen, zu anspruchsvoll sind, kann sich mit den privat erstellten billigen Angeboten zufrieden geben. Allerdings ist so gut wie keine Systematik erkennbar. Ich gebe zwei Beispiele:

1. Die identischen Bedeutungen von "faint" in beiden Lexika:
MATTING: matt; Ohnmacht {f}; Bewußtlosigkeit {f}; schwach [adj]; ohnmächtig werden, umkippen
FISCHER: Ohnmacht {f}; Bewußtlosigkeit {f}; matt; ohnmächtig werden; umkippen; schwach {adj}

Man erkennt, daß bei FISCHER die Adjektive "matt" und "schwach" lediglich um zwei Positionen nach hinten verschoben sind. Gemeinsam ist beiden die Angabe für Adjektiv {adj}, jedoch nur für "schwach", nicht auch für "matt". Das selbstverständliche Prinzip, daß Wortarten nebeneinander stehen, ist nicht eingehalten.

Die deutschen Substantive sind mit einer Genuskennzeichnung {f} versehen, was für den Kindle-Nutzer völlig überflüssig ist.

Jede Bedeutung ist durch einen Strichpunkt getrennt. Eine Differenzierung durch ein Komma bei zwei Wörtern gleicher Wortart wäre zu erwarten.

Jeder Englischkundige weiß, daß "faint" von seinem Ursprung her ein Adjektiv ist. Nach dem Oxford Dictionary kommt an zweiter Stelle die verbale Bedeutung, an dritter erst die substantivische.

2. Die identischen Bedeutungen von "jaded" in beiden Lexika:
MATTING: ausgepowert {adj} [ugs.]; ermattet; sich erschöpft; erschöpft {adj}; ermattete; erschöpfte sich
FISCHER: ausgepowert {adj} [ugs.]; ermattet; sich erschöpft {adj}; ermattete; erschöpfte sich; erschöpft {adj}

Wiederum stehen die Adjektive nicht nebeneinander, die Bedeutung "erschöpft" erscheint bei Fischer am Ende.
Es fehlt die wichtige Bedeutung "übersättigt". Die Verbform "to jade" scheint erst in jüngster Zeit in Gebrauch.

Die Endungsformen für jedes Substantiv (-s) und Verb (-s, -ing, -ed) können der Grundform nicht zugeordnet werden und erscheinen daher jeweils als eigener Eintrag mitsamt Übersetzung. Nicht immer wird alles berücksichtigt. Unter "bows" z.B. fällt die Verbform "verbeugt sich" und "Verbeugungen" unter den Tisch.
Adjektive auf -ing und -ed kommen häufig zu kurz: "accepted" - "anerkannt" und "catching" - "ansteckend" werden beispielsweise nicht genannt.

Redewendungen und phrasal verbs sind in den beiden Wörterbüchern enthalten, bestehen jedoch aus Einzeleinträgen. Da je Kindleseite nur ein Eintrag angezeigt wird, muß man endlos blättern, um hinzukommen.

Das Neue Wörterbuch stellt gegenüber dem Großen Wörterbuch darin einen Fortschritt dar, daß eine einzige Wortform keinen Mehrfacheintrag hat (rides - reitet; rides - Ritte), wie dies, zumindest bisher, beim Großen Wörterbuch der Fall ist. Weitere Unterschiede mögen bestehen, sind mir jedoch nicht bekannt.

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Eine echte Alternative zu den beiden selbstgestrickten Lexika findet man erst durch eine englische Sucheingabe: The Concise Collins English-German Dictionary (10 Euro), das der gedruckten Ausgabe (32 Euro) entspricht und allen Erfordernissen moderner Lexikographie gerecht wird. Läßt man sich die gesamte Definition anzeigen, folgt nach der Definition gleich der nächste alphabetische Eintrag. Das Adjektiv "suited" - "geeignet" findet sich unter "suit", in den beiden Wörterbüchern ist die Adjektivbedeutung nicht berücksichtigt.

Wer weniger Wert auf Systematik und Funktionalität eines lexikographischen Werkes legt als auf eine möglichst umfangreiche und punktuelle Wortliste, ist mit den beiden besprochenen Wörterbüchern besser bedient. Einen ebenfalls sehr umfangreichen Wortschatz bietet das "English-German Dictionary with Transcriptions" (7 Euro), dessen Wert durch viele Kleinschreibungen und manch andere Merkwürdigkeit gemindert wird.

Insgesamt wird man mit einiger Geduld auf Verbesserungen und Weiterentwicklungen warten müssen.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 27, 2013 9:06 AM CET


Collins Concise English-German Dictionary (English Edition)
Collins Concise English-German Dictionary (English Edition)
Preis: EUR 9,99

21 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Empfehlenswert, 12. März 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Das Collins Concise English-German Dictionary ist im Augenblick das einzige reguläre Verlagsangebot, das Kindle-fähig gemacht wurde. Es zeigt alle Vorzüge eines modernen Lexikons in der Gestaltung der Stichwortartikel. Der Kennzeichnung "concise" - "knapp" entsprechend wird man keine zu speziellen Wörter und Wortableitungen finden. Für englische Lektüre erweist sich das Dictionary als zuverlässiger und ausreichender Begleiter. Der übersichtliche Aufbau eines Artikels lädt auch zu spontaner Ergänzung der eigenen fremdsprachlichen Kenntnisse ein.
10 Euro für dieses Lexikon ist erschwinglich, gebunden kostet es 32 Euro.

Wünschenswert wäre sicherlich ein weiteres umfangreiches lexikographisches Werk, etwa aus den Verlagen Langenscheidt oder Klett. Der Preis dafür wäre aber nicht nur höher, sondern Einzelartikel auch umfangreicher und weniger schnell zu überschauen.

Die privat erstellten Lexika erfüllen keine höheren Ansprüche.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 11, 2013 9:52 PM MEST


Der talentierte Mr. Ripley (detebe)
Der talentierte Mr. Ripley (detebe)
von Paul Ingendaay
  Taschenbuch
Preis: EUR 13,00

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Beeindruckend, 10. März 2012
Das Buch zeichnet sich aus durch Konsequenz, Geradlinigkeit und - trotz zweier grausiger Morde - innere Frische. Letztere verdankt sich der starken Empfindung und Sorge der Marge Sherwood für Richard (Dickie) Greenleaf (als lebenden und verschwundenen), wovon selbst Tom Ripley nicht unberührt bleibt. Sehr beeindruckend ist, wie es der 33-jährigen Verfasserin in einem langen Spannungsbogen gelingt, Tom Ripley zwei Identitäten jonglieren zu lassen.

Keine fiktive Erzählung ist ohne Schwächen: Der Roman beginnt schleppend, Toms Biographie bleibt vage. Den polizeilichen Ermittlern entgeht ein Schwachpunkt der Geschichte: Nachdem sich Tom in Norditialien einen Gebrauchtwagen gekauft und sich in einem venezianischen Palazzo eingemietet hat, ergibt sich die Frage nach der Finanzierung, die zwar von Marge angesprochen, aber mit Toms Hinweis auf die billige Miete sogleich ad acta gelegt wird.

Angenehm erscheint mir auch, daß der Roman ohne Erotik auskommt - vor allem im Hinblick auf die diversen Filmversionen. Toms Abneigung gegen Marges Unterwäsche ist ein Hinweis auf "a little homosexuality" (Highsmith).

Der Roman ist von der Perspektive Tom Ripley's erzählt, jedoch nicht mit übertriebener Reflexion, die den Fluß der Erzählung über Gebühr behindern würde. Zu wenig reflektiert bleibt bespielsweise Toms Insistieren auf eine Zugfahrt nach Paris in zwei Särgen, sodaß ein - vielleicht nicht unbeabsichtigter - Interpretationsspielraum für den Leser bleibt.

Bemerkenswert sind auch Momente der Rückschau und Reue, in denen sich Tom einen entscheidenden Fehler vor Augen hält: seine Eifersucht auf Dickies Beziehung zu Marge.


Der Jesuswahn: Wie die Christen sich ihren Gott erschufen. Die Entzauberung einer Weltreligion durch die wissenschaftliche Forschung
Der Jesuswahn: Wie die Christen sich ihren Gott erschufen. Die Entzauberung einer Weltreligion durch die wissenschaftliche Forschung
von Heinz-Werner Kubitza
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

98 von 229 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Wunschdenken, 18. Januar 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Es ist nicht uninteressant, das vorliegende Buch und Hermann Deterings "Falsche Zeugen. Außerchristliche Zeugen auf dem Prüfstand", von denen ich durch Leserbriefe der lokalen Zeitung erstmals erfuhr, zu vergleichen. Detering geht über Kubitza hinaus, indem er die historische Existenz Jesu völlig ausschließt und ihn mitsamt den Evangelien als Erfindung des zweiten Jahrhunderts erklärt. Darin war er konsequenter als Kubitza, der die Aussagen der Evangelien teils als faktisch (Johannes der Täufer), teils erfunden (Wunder, Auferstehung, Hölle, Gericht) beurteilt. Während man bei Detering einen durchaus wissenschaftlichen Stil erkennen kann, besteht Kubitzas Grundhaltung und Vorgehensweise in der Aburteilung alles dessen, was den christlichen Glauben ausmacht. Dies schlägt sich in einer subjektiv gefärbten Ausdrucksweise nieder und findet ihren traurigen Höhepunkt im abschließenden Spottkapitel "Karriere eines Gottes". Der Titel "Jesuswahn" allein, in opportuner Nachahmung zu Dawkins' "Gotteswahn", zeigt von vornherein, daß das Buch nichts mit Objektivität zu tun haben kann. Freilich, viele greifen nach dem Buch, um sich in ihren schon bestehenden Ansichten bestärken zu lassen.

Mir geht es im Folgenden mehr um thematisch übergeordnete Gesichtspunkte als um Einzelaussagen des Buches:

Der christliche Glaube ist per definitionem ein ungeschuldetes Geschenk Gottes, auch wenn der Mensch dabei mitwirkt. Das Geschenk besteht darin, an eine göttliche Seinsebene zu glauben, die über der geschöpflichen steht. Geht dieser Glaube verloren, bleibt gewöhnlich nur eine weltimmanente Denkebene übrig. Vom Autor, der seinen Glauben abgelegt hat, sind demnach keine gültigen Deutungen der biblischen Schriften zu erwarten.

Bereits auf der ersten Seite des Vorworts ist die Prämisse des Buches zu finden: Die Bibel gehört auf den "Schutthaufen der Geschichte". Diese oberste Prämisse gilt es dann durch das ganze lange Buch zu beweisen (quod erat demonstrandum). Am Ende (S. 357) steht eine dreiste Behauptung: "Religion ... ist keine anthropologische Konstante". Das Gegenteil ist der Fall. Wo hat es in der Menschheitsgeschichte ein Volk ohne Religion gegeben? Wie kann sich der Autor anmaßen, nicht nur gegen das Christentum zu sprechen, sondern implizit alle anderen heutigen Religionen mit einzubeziehen?

Wenn Religion keine anthropologische Konstante ist, was kann dann über den Menschen ausgesagt werden? Darauf gibt Kubitza in einem Youtube Interview vom 18.4.2011 folgende Antwort: "Es ist schwierig zu akzeptieren, daß das Entstehen des Menschen mehr oder weniger zufällig war und daß wir uns auf einem Planeten befinden, der sich am Rande einer unbedeutenden Galaxie befindet und daß er irgendwann stirbt und nichts von ihm übrig bleibt." Das Leben endet in Auflösung menschlicher Materie.

Am Gottesglauben des Alten Testamentes und in der Persönlichkeit Jesu findet Kubitza einiges Positive, aber schwerer wiegt letztlich das Negative, wie die als Höllenmythos bezeichnete Wirklichkeit des Bösen, von der Jesus spricht. Deswegen zieht er auch rechtzeitig eine Zwischenbilanz, um keine Zweifel aufkommen zu lassen: "Das Christentum ... entpuppt sich als weltgeschichtlicher Irrtum, als folgenreicher Selbstbetrug, als eine weltanschauliche Luftnummer." (S.229) So starke Worte verwendet jemand, der sich als Realität einreden möchte, was seinem Wunschdenken entspricht. Ähnliches offeriert er bereits in der Einleitung dem gewogenen Leser: "Das christliche Paradigma kann intellektuell verantwortbar als erledigt, die Frage nach seiner Wahrheit in negativem Sinne als gelöst betrachtet werden." (S.11) Etwas aber hat Kubitza von den Evangelisten und Paulus gelernt: Er läßt sich nicht von einer ungeduldigen Naherwartung des Erlöschens des Christentums bestimmen, sondern räumt ihm "noch Jahrhunderte" des Bestehens ein. Aber freilich, jetzt schon gilt es fleißig zu rütteln.

Kubitza profitiert viel von den unzähligen Theorien und Aussagen der historisch-kritischen Forschung. An deren Ergebnisse, insofern sie den tradierten Glauben in Zweifel ziehen, hängen sich auch nicht wenige Wissenschaftsjournalisten an. Inzwischen können die Anhänger gewisser Medien dahingehend indoktriniert gelten, daß Jesus einfach deswegen als unbedeutende Größe eingestuft werden kann, weil so wenig außerchristliche Quellen über ihn berichten. Die tiefere unterschwellige Indoktrination besteht darin, den Autoren der Evangelien und der kanonischen Briefe jede Glaubwürdigkeit abzuerkennen, da sich diese von der Warte heutigen Bewußtseins in einem vorrationalen, ja mythischen Bewußtseinszustand befinden; wen interessieren dann noch die Inhalte der neutestamentlichen Schriften, wen ihre literarische Qualität und kunstvolle Gestaltung? Dieser quellenhörigen Tendenz schließt sich Kubitza voll an. Flavius Josephus behandelt er ausführlicher, Tacitus und Sueton nur im Vorübergehen (S.65f).

Luther nannte den Teufel einen Nachäffer Gottes. In diese Richtung zu verstehen ist Kubitzas Versuch, weltimmanentes Denken als primäre Quelle der Erkenntnis anzupreisen und die christliche Lehre als sekundär abzutun. Die "Aufklärung" hat demnach das Christentum überflüssig gemacht, weil die Menschen endlich nach Tausenden von Jahren aus sich selbst die humanen Grundlagen der menschlichen Gesellschaft erarbeitet haben.

Das abschließende Spottkapitel stellt Gott als Einsamkeit liebenden Bewohner eines Pflegeheimes dar. In einem abseits gelegenen Winkel des Anstaltsgeländes läßt er die Stationen seines Lebens vorüberziehen. Er ist erstaunter Zuschauer seines menschengemachten monotheistischen Werdegangs. Widerstrebend räumt er dem zum Sohn erhobenen Prediger aus Galiläa einen Platz neben sich ein. Mit dem von Theologen zudiktierten Heiligen Geist kann er nie etwas anfangen. Er erlbt die epochen der Kirchengeschichte mit Interesse für Architektur und Kunst und Desinteresse für theologische Disputationen. Nach den Stationen der Neuzeit weiß er, daß er, nach dem Gesetz von Werden und Vergehen (S.357), abtreten muß wie einst die römischen Götter. Nur seine Anhänger versuchen noch, "das Rad der Geschichte rückwärts zu drehen".
Nun, in Wirklichkeit ist es Kubitza, der das Rad der Geschichte in eine heidnische Zeit zurückdrehen will, freilich ohne Götter, da sich der Gottesglaube nach einer Spiritualisierungsphase in Nichts auflösen wird (S.364). Soweit Kubitzas Nichts erhoffende poetisch-träumerische Zukunftsvision.

Wer Kubitzas Buch von Anfang bis Ende gläubig gelesen hat, den kann wahrhaftig kein christlicher Gedanke mehr anfechten. Aber was nützt es ihm? Welche positive Orientierung gibt ihm der Autor außer der allgemeinen Aussage, daß der heutige Mensch auch ohne Christentum verantwortlich leben kann (S. 358)?

Es darf nicht unerwähnt bleiben, daß die gesamte abendländische Geistes- und Kulturgeschichte sowie die politische Geschichte außerhalb Kubitzas Horizont liegen. Man erfährt nichts über die Philosophie der Griechen, über ihre mit natürlichem Denken erreichte Gotteserkenntnis, nichts über das Staatsdenken der Römer, in deren Machtbereich sich die Inkarnation ereignet, nichts über das Ringen um ein ideales Menschenbild in Kunst und Literatur, nichts über die Auseinandersetzung des Christentums mit der stoischen und neuplatonischen Philosophie, die sich letztlich als dem christlichen Denksystem unterlegen erwiesen.

Man erfährt auch nichts über die Faktizität christlicher Kultur, von den Bildungsanstrengungen, die von der Missionierung der europäischen Völker ausging, nichts von der Pflege der Wissenschaften an den Universitäten, nichts von den Ordnungen des Mittelalters bis zur Neuzeit, die sich sichtbar in den Phasen der Architektur manifestieren und die Musik zur Hochblüte führten. Welche triste Aussichten liefern da atheistische Parolen für die Zukunft!

Wenn also unsere heutige Kultur, die auf einer über 2500 Jahre währenden Kontinuität beruht, fortdauern soll, wie Kubitza selbstverständlich annimmt, wie kann man dann ein wesentliches Konstruktionselement dieser Kultur, das Christentum, eliminieren, ohne daß diese Kontinuität selbst zerbricht? Im Umkehrschluß bedeutet dies: Weil das Christentum die Kontinuität unserer Kultur 2000 Jahre lang gewährleistete, ist es auch Garant jeder zukunftigen Kontinuität.

Wozu ist Kubitzas "Jesuswahn" nütze? Soll man ihn auf den "Schutthaufen" werfen, um das Ausgangsbild des Buches wieder aufzugreifen? Die Umwelt belasten? Nein, in die Müllverbrennung (roter Einband!) soll er, wo er rückstandsfrei noch einige Energie für Ungläubige und Gläubige liefert, mit der Möglichkeit reinigender Wirkung für den Autor, von s e i n e m Wahn befreit zu werden.

Es gibt zahlreiche exegetisch seriöse Angebote, z.B.:
Karl Jaroš, Das Neue Testament und seine Autoren. UTB 2008; Jesus von Nazareth. Ein Leben, 2011.
Marius Reiser, "Der unbequeme Jesus", 2011.
Rebecca Vitz Cherico, ATHEIST to CATHOLIC: 11 stories of conversion (Druck u. Kindle)
Kommentar Kommentare (101) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 15, 2014 5:22 PM MEST


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