20% Rabatt Hier klicken Superhero studentsignup Cloud Drive Photos Learn More Hier klicken naehmaschinen Hier klicken Learn More Fire Shop Kindle PrimeMusic GC HW16
Profil für Andrea Stobl > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von Andrea Stobl
Top-Rezensenten Rang: 106.921
Hilfreiche Bewertungen: 68

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
Andrea Stobl "Annoulla"
(REAL NAME)   

Anzeigen:  
Seite: 1 | 2 | 3 | 4
pixel
Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel. Roman
Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel. Roman
von Moritz Rinke
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

4.0 von 5 Sternen Es riecht nach Torf...., 4. Mai 2015
Der junge Berliner Galerist Paul Wendland kehrt zurück nach Worpswede, dem bekannten Künstlerdorf im hohen Norden. Dort ist er geboren und aufgewachsen, dort versucht er sein Geburtshaus vor dem Absinken im Teufelsmoor zu bewahren....
So beginnt das Buch, und von da an reihen sich anekdotenhafte Geschichten aneinander und wie bei einem Puzzle setzt sich langsam die Geschichte der Familie Kück zusammen: Großvater Paul, Bildhauer, der "Rodin des Nordens", dessen lebensgroße Bronzefiguren den riesigen Garten bevölkern, Großmutter Greta, die den ganzen Tag norddeutschen Butterkuchen backt, Mutter Johanna, die in den 60er und 70er Jahren beseelt ist vom angesagten indischen Spiritualismus, Ohlrogge, der von Mutter Johanna einst verschmähte Liebhaber, der seit 30 Jahren auf Rache sinnt... Und da ist noch die wunderschöne Tante Marie, die während der Nazizeit einst auf ungeklärte Weise verschwand und dem Roman eine Prise Krimihandlung hinzufügt. Ihrer aller Leben entspinnt sich vor der interessanten Geschichte von Worpswede und vor der Kulisse dieser beeindruckenden, flachen Landschaft im hohen Norden, wo die Wiesen "am Ende mit den Wolken zusammenflossen".

Das Buch hat mich thematisch natürlich erinnert an Josef Bierbichlers "Mittelreich", das ich hier auch einmal vorgestellt habe. Beiden Romanen gemein sind diese Familiengeschichten, erzählt vom Gesichtspunkt der Enkelgeneration, die mehr oder minder meine eigene Generation ist. Wieviele Geschichten ranken sich noch immer um die Nazizeit, die Zeit unserer Großeltern und Eltern. Vielleicht ist so ein Buch besonders für uns interessant, die wir Ähnliches selbst noch "aus erster Hand" gehört haben in den Erzählungen unserer Eltern und Großeltern.
Rinke schreibt mit viel verschmitztem Humor und es gelingt ihm, die Kauzigkeit seiner Figuren herauszuarbeiten, aber rein sprachlich - und auch inhaltlich - bleibt er am Ende doch meilenweit hinter Josef Bierbichler zurück, sofern man beide Bücher gegenüberstellen wollte. Ich hatte das Gefühl, daß Rinke sich der Ernsthaftigkeit des Themas durchaus bewußt ist, sich dann aber Vieles verflacht. Zuerst dachte ich beim Lesen, manch nicht auserzählte Andeutung ist norddeutschem Lakonismus geschuldet, aber dies wäre eine zu einfache Erklärung. Tatsächlich fehlen die - wiederum bei Bierbichler sprachlich und inhaltlich exzellent ausgeführten - Be- und auch Verurteilungen von seiten des Autors. Das Buch liest sich leicht - eher allzu leicht bei dem Thema, und das ist wohl der klitzekleine Wermutstropfen! Dennoch eine unbedingte Lektüreempfehlung....


Die vierte Hand (detebe)
Die vierte Hand (detebe)
von John Irving
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Es menschelt mal wieder bei Irving..., 11. April 2015
Rezension bezieht sich auf: Die vierte Hand (detebe) (Taschenbuch)
Die vierte Hand, erschienen im Jahre 2001, ist der zehnte Roman von Irving. Es ist für mich fast eines der kuriosesten Bücher von Irving. Die Geschichte. wie immer bei Irving, höchst skurill: ein Fernsehreporter verliert auf einem seiner Einsätze seine linke Hand - sie wird ihm vor laufender Kamera von einem Zirkuslöwen abgebissen! Ein ambitionierter Chirurg in Cambridge, der seine eigenen Dämonen bekämpft, bietet sich daraufhin an, ihm eine neue Hand zu transplantieren. Eine Spenderhand ist bald gefunden, und damit nimmt das Leben des Fernsehreporters eine ungeahnte, äußerst seltsame Wendung....
Soviel zum groben inhaltlichen Gerüst des Romans. Wie Ihr schon seht, Irving bleibt sich treu. Er begreift die Natur des Menschen auch in den abstrusesten Situationen immer als zutiefst menschlich. Kein noch so vordergründig absurdes Verhalten wird von ihm in irgendeiner Weise moralisch "verurteilt". Allein heftigst verurteilt er in diesem Buch das Gebaren des sogenannten Katastrophen-Journalismus - was dem Leser dann auf diesen Seiten doch etwas Gänsehaut beschert, gerade jetzt nach dem Absturz der German Wings-Maschine vor einigen Tagen und dem Umgang damit in den Medien....
Irving gehört für mich zu den "menschlichsten" Autoren der Gegenwart. Der Leser begegnet in seinen Romanen einem Panoptikum menschlichen Daseins, und keines dieser Leben und keiner dieser Menschen bleibt uns am Ende "fremd". Wundersamerweise fällt des dem Leser leicht, sich mit diesen Protagonisten zu identifizieren, so skurill sie auch sein mögen....
Und das gibt dem Leser das beruhigende Gefühl, daß wir alle eben auch nur Menschen sind, daß jeder von uns so seine Macken und Verrücktheiten hat. Wie in all seinen Büchern bezeugt Irving auch hier wieder seine unbedingte Liebe zu den Menschen und zum Leben.
Sicherlich ist dies nicht gerade das beste Buch von Irving, aber eine allemal wundersame Lektüre!


Der Sommer ohne Männer
Der Sommer ohne Männer
von Siri Hustvedt
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Empfehlenswert..., 8. März 2015
Rezension bezieht sich auf: Der Sommer ohne Männer (Taschenbuch)
Siri Hustvedt legt hier eine Geschichte vor, die nicht neu ist, aber durch die so klugen Ausführungen der Autorin sich dann doch empfindlich unterscheidet von der meisten Literatur zum Klassiker "Frau Mitte 50 wird vom Ehemann wegen einer Jüngeren verlassen und geht auf die Suche nach sich selbst und nach ihren Optionen für das kommende Leben ohne Mann".

Damit ist der Inhalt auch schon umrissen. Wie man von dieser Autorin erwarten kann, nähert sie sich dem Ganzen jedoch auf äußerst behutsame Weise. Nichts nach dem Motto "Friede, Freude, Eierkuchen", in das sich unzählige Autoren weltweit leichtfüßig flüchten und dabei nie aus der seichten Tümpelei hinauskommen, austauschbar, auf Dauer enervierend simpel - Literatur vom Fließband. So einfach kann eine kluge Frau wie Hustvedt es sich selbst und ihren Lesern nicht machen, das würde ihrem ausgeprägten Intellekt und ihrer immensen empathischen Fähigkeit zuwiderlaufen. Mia, die verlassene Ehefrau im Buch, eine recht angesehene Lyrikerin, beklagt denn auch an einer Stelle "unsere seichte, minderwertige, erbittert antiintellektuelle Kultur, die Mittelmäßigkeit verehrt und ihre Dichter verachtet"... Eine Anklage, die den literarischen Anspruch Hustvedts widerspiegelt.
Ich glaube, das ist nun das vierte oder fünfte Buch von Hustvedt, das ich gelesen habe. Inzwischen weiß ich, daß ich mit ihren Büchern nichts falsch machen kann. Sie ist einfach eine wunderbar inspirierende Schriftstellerin...Die Zeit schrieb 2011: "Die intellektuelle Demut und die Wißbegier sind Siri Hustvedts Schwestern". Eine Aussage, die wohl auf all ihre Bücher zutrifft.


Accabadora
Accabadora
von Michela Murgia
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Tochter des Herzens..., 13. Februar 2015
Rezension bezieht sich auf: Accabadora (Taschenbuch)
"Glaubst du wirklich, daß die Dinge, die geschehen sollen, im richtigen Moment von allein geschehen?"
Die junge sardische Autorin Michela Murgia legt hier mit ihrem ersten Roman ein sehr schönes Buch vor. In einem kleinen Dorf im Sardinien der 50er Jahre wird die kleine Maria von der sogenannten Accabadora als "Tochter des Herzens" adoptiert und aufgezogen. Diese Art der inoffiziellen Adoption bot armen und kinderreichen Familien die Möglichkeit, das eine oder andere Kind in fremde Obhut zu geben, wobei das Kind aber nie den Kontakt zu seiner Familie verlor.
Maria wird also liebevoll von Tzia Bonaria großgezogen. Aber bald bemerkt sie, daß ein Geheimnis diese Frau umgibt. Erst nach Jahren wird Maria verstehen, was ihre Ziehmutter in so manchen Nächten aus dem Hause treibt, und diese Erkenntnis wird Maria für immer verändern...
Eine wunderschöne Geschichte über das Kindsein und das Aufwachsen in einem Italien zwischen archaischen Bräuchen und Moderne.


Eine Zeit ohne Tod
Eine Zeit ohne Tod
von José Saramago
  Taschenbuch

4.0 von 5 Sternen Das ewige Leben..., 13. Februar 2015
Rezension bezieht sich auf: Eine Zeit ohne Tod (Taschenbuch)
Stellt euch vor, in einem unbenannten Land hören die Menschen auf einmal auf zu sterben. So beginnt das Buch mit einem Paukenschlag, und der portugiesische Nobelpreisträger Saramago beschreibt nun minutiös die politischen, sozialen und psychischen Auswirkungen dieses "schlimmsten Albtraums, den ein menschliches Wesen je zu träumen vermochte". Das so heiß ersehnte ewige Leben erweist sich bei ganz profaner und auch philosophischer Betrachtung schlichtweg als Katastrophe. Plötzlich leben die Menschen in einer Gesellschaft "zwischen der Hoffnung, ewig zu leben, und dem Horror, niemals zu sterben". Bis eines Tages der Leiter der nationalen Fernsehanstalten einen mysteriösen Brief erhält.....
Mehr will ich euch nicht verraten.
Das Ganze hört sich nun sehr ernst und schwer an, ist aber mit viel Augenzwinkern in einer wunderbar leichtfüßigen Sprache geschrieben, und nicht selten muß man schmunzeln ob der realen Schwierigkeiten, die durch so eine Zeit ohne Tod entstehen und an die man so nie gedacht hätte. Am Ende habe ich mich trotzdem schwer getan, wie ich das Buch einordnen soll. Ist es ein Märchen, ist es eine Parabel, ist es eine Vision, ist es einfach eine schön fabulierte Geschichte? Keine Ahnung. Ist Saramagos Kosmos gar "das Terrain der großen Geheimnisse, der wahren Mirakel, die resistent sind gegen Deutung, Aufschluß, Klärung", wie ein Kritiker in der Frankfurter Rundschau schrieb?
Auf jeden Fall schlägt man dieses etwas skurrile Buch am Ende mit einem versöhnlichen Gefühl zu. Und empfehlen kann ich es allemal!


Schwarzer Rücken der Zeit
Schwarzer Rücken der Zeit
von Javier Marías
  Taschenbuch

4.0 von 5 Sternen Jeder erzählt Anekdoten..., 13. Februar 2015
Rezension bezieht sich auf: Schwarzer Rücken der Zeit (Taschenbuch)
Interessante Schriftsteller-Weisheiten finden sich in diesem Buch: Javier Marias, Autor der so wunderbaren Romane "Dein Herz so weiß", "Aller Seelen", "Morgen in der Schlacht denk an mich" und "Die sterblich Verliebten" schreibt nun in diesem Buch über das Schreiben selbst.
So gibt es auch keine Handlung, sondern eigentlich nur eine Anreihung von Einsichten in seine schriftstellerische Praxis und die Reflektion über die Reaktionen auf seine Bücher; vor allem geht es um seinen Oxford-Roman "Aller Seelen". Marias geht dabei der Frage nach, wieviel, auf welche Weise und warum selbst Erlebtes in seinen eigenen Roman Eingang gefunden hat. Das war stellenweise echt hochinteressant, oft auch amüsant. Es versteht sich von selbst, daß man diesem Mann gerne "zuhört", nach wie vor schreibt er einfach in einer wunderbaren Sprache - selbst in seinen ellenlangen Sätzen läßt man sich gerne verzaubern. Dem Leser wird dieser Autor ein gutes Stück nähergebracht.
Deshalb will ich das Buch hier nur kurz denjenigen empfehlen, die Javier Marias Romane auch gelesen haben!
"Ich bin nicht der erste Schriftsteller und werde auch nicht der letzte sein,
dessen Leben durch das bereichert oder verdammt oder nur verändert wird,
was er erdacht oder erdichtet und geschrieben und veröffentlicht hat."


Mittelreich: Roman (suhrkamp taschenbuch)
Mittelreich: Roman (suhrkamp taschenbuch)
von Josef Bierbichler
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,00

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sanfter ist er nicht geworden...., 13. Februar 2015
Die süddeutschen Leser werden den Autor kennen, handelt es sich doch um den Schauspieler Josef Bierbichler. Trotz seiner vordergründig "bayerischen Urkraft" in Aussehen und Sprachklang glänzt Bierbichler für mich immer vor allem in seinen leisen Tönen (die SZ bezeichnete ihn mal so schön als "zärtlichen Schauspiel-Berserker").
Ich räume ein, daß ich in diesem Fall vielleicht kein allzu objektiver Kritiker sein kann, ist mir doch die Welt der bayerischen Provinz nur allzu vertraut, erliege ich genüßlich Bierbichlers ausdrucksstarkem, süddeutsch geprägtem Sprachduktus, diesem wunderbar "verschwurbelten Starkdeutsch", wie die FAZ es passend beschrieb.

Bierbichler erzählt im Roman die Chronik einer Familie, deren Lebensmittelpunkt das Gasthaus "Zum Fischmeister" an den malerischen Ufern des Starnberger Sees bildet. Die Geschicke der Besitzer des Gasthauses über zwei Weltkriege hinweg hinein bis in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts werden erzählt. Vor allem die politische Stimmung der frühen Nachkriegsjahre wird genauestens beobachtet, wenn Kriegsheimkehrer und Vertriebene auf die Daheimgebliebenen treffen und man sich in dieser neuen "Zusammensetzung" das Leben neu gestalten muß; wenn dann aber auch am Wirtshaustisch sich die anonyme "Volksseele" Luft macht und man mit Unbehagen feststellt, daß "der Teppich, der das unter ihn Gekehrte bisher deckte, noch immer tadellos den Heimatboden ziert"; wenn mit den Jahren die "Moderne" Einzug hält in die abgeschlossene Welt dieser Landbevölkerung und der Seewirt Pankratz in seinem Sohn Semi die Verflüchtigung und bewußte Aufkündigung der jahrhundertelangen bäuerlichen "Werte" erkennen muß; wenn das gelebte Leben an Religion und Glauben verzweifeln läßt und dem Seewirt kurz vor dem Tod nur die Erkenntnis bleibt, daß beides nur "Verdrängung und Feigheit" bedeutet...

Sprachlich bemerkt man durchgehend den in langen Theaterjahren geschulten Freund des präzisen Wortes. Unzählige Textstellen sind da schon beeindruckend in ihrer kraftvollen Metaphorik. Inhaltlich wird dem Leser so manch bittere und unbequeme Wahrheit über unser Land zugemutet. So geizt Bierbichler nicht mit politisch überaus korrekten Be- und Verurteilungen, persönlichen Einschätzungen und Ausblicken. So wie Bierbichler von den Bewohnern des Wirtshauses berichtet, wird man sich bewußt: so oder ähnlich mögen sich unzählige Familiengeschichten in jenen Jahren wohl in der deutschen, nicht nur bayerischen Provinz zugetragen haben; insofern steht das Buch für mich trotz aller subjektiven "Menschelei" exemplarisch für viele Erfahrungen und Lebensläufe des vergangenen Jahrhunderts. Vielleicht hat gerade dies auch seinen Erfolg ausgemacht. Die FAZ schrieb 2011:
"Sanfter ist er nicht geworden, aber doch reif für Suhrkamp:
Josef Bierbichler wütet in seinem ersten Roman wie die Axt im Walde
gegen Gschaftlhuberei und Nationalsozialismus".

Ich muß dieses Buch einfach empfehlen, eine manchmal unbequeme, aber genau deshalb uneingeschränkte Lesefreude - übrigens auch für "Nicht-Bayern"!


Die Enden der Welt (Hochkaräter)
Die Enden der Welt (Hochkaräter)
von Roger Willemsen
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,99

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Fort will man sein....", 13. Februar 2015
Willemsens Reiseberichte "Die Enden der Welt" nahm ich eigentlich ohne jegliche Erwartung zur Hand - und wurde mehr als positiv überrascht! Daß Willemsen schreiben kann, war mir klar, aber ich hatte wahrlich nicht damit gerechnet, mit einem so äußerst begabten Romancier konfrontiert zu werden...
Willemsen nimmt den Leser mit auf seine Reisen, die ihn im Verlauf von 30 Jahren durch die Weltkontinente, an die ungewöhnlichsten Orte geführt hatten: Gibraltar, Minsk, Island, Kapstadt, Katmandu, Patagonien, Nordpol, Timbuktu etc.
Dabei sind dies keine akribisch notierten Reiseberichte, die, seien wir ehrlich, oft schnell langweilig werden können; Willemsen gibt einfach seine Eindrücke und Gedanken während dieser Reisen wieder: Flüchtige oder nachhaltige Begegnungen, beeindruckende Beschreibungen der Orte und Landschaften. Sein Besuch bei einem todkranken Kind ist der Ausgangspunkt, vor allem der Ausgangspunkt für seine Reflexionen über das Reisen selbst:
"Sein Leben - von einer Lebensreise konnte man ja kaum sprechen - ging zu Ende, und ich fragte mich: Wohin wäre er gern gereist? Wo angekommen? Was hätte ihn getrieben? Was hätte er allein erfahren? Wo wäre ihm zugestoßen, was man eine Selbsterfahrung nennt?"
Es geht in diesem Buch auch immer darum, daß Reisen ein Weg zu sich und auch weg von sich sein kann:
"So gibt es Reisende, denen nur der erste Schritt gelingt: Sie folgen ihrem Impuls zu verschwinden. In der Fassade dringen sie weder zur Freude noch zum eigenen Bedürnis durch, verfangen sich in Fotografien, im eigenen Land, im Herkommen, in Analogien zum Bekannten. Und gelangen nicht weg von sich. Es gibt auf allen Reisen diese Stimmung, in der der Ausstieg dominiert. Noch ist man nirgends angekommen, noch möchte man nirgends ankommen. Fort will man sein, entkernt, gern heimatlos."

Beim Lesen erstaunte mich Willemsens Beobachtungsgabe und deren literarische Umsetzung. Als Germanist und Literaturwissenschaftler hat er sich natürlich durch die "hohe" Literatur gelesen, aber allein das reicht nicht aus, um so schreiben zu können, wie er es tut. Seine Sprache macht in ihrer metaphorischen Vielfalt, ihrem Wortreichtum und bestechenden Nachdenklichkeit einfach nur Freude:
"Vor dem weiten Horizont streckt sich die sich selbst überlassene Natur in eine Ferne, die nur fern sein will, gereihte Silhouetten, für den Distanzblick gemacht. Alles flieht, die Landschaften dehnen sich, um auf immer neue Weise hintergründig zu werden. Der Mensch aber, klein gemacht vom Überfluss der Natur, verliert sich im Panorama des Seltenen..."
Man kann dieses Buch getrost in Etappen lesen, kann von Kapitel zu Kapitel reisen, sich von Ort zu Ort weiter tasten oder ganz einfach frei treiben lassen. Ein sehr schönes Buch für all jene von uns, die gerne reisen - und sei es nur in Gedanken...
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 20, 2015 2:50 PM MEST


Einfach so/ Zu sehen: Zwei Romane (suhrkamp taschenbuch)
Einfach so/ Zu sehen: Zwei Romane (suhrkamp taschenbuch)
von Lily Brett
  Taschenbuch

3.0 von 5 Sternen Die richtigen Worte, 13. Februar 2015
"Einfach so" ist ein sehr autobiographisches Buch. Die Protagonistin Esther erzählt sich durch ihr tägliches Dasein als Autorin von Nachrufen in diversen amerikanischen Zeitschriften. Mit ihrem Mann, einem Kunstmaler, ist sie vor einigen Jahren von Australien nach New York gezogen. Das Buch lebt von dem Kontrast Australien-Amerika, Melbourne-New York, aber hauptsächlich vom Bewußtsein der Protagonistin als Kind jüdischer Eltern, die den Holocaust überlebten (was ja auch schon in Bretts Kolumnen einen großen Raum einnimmt). Von einer Handlung im eigentlichen Sinne kann man nicht sprechen, eher von einer Aneinanderreihung von Begebenheiten, die dann oft als Ausgangspunkt dienen zu Betrachtungen über die Ereignisse des Holocaust. Esther stilisiert sich im Roman als typische, in sich zerrissene Nachfahrin der vom Holocaust gezeichneten jüdischen Generation; einem amerikanischen Cliche folgend, besucht sie seit Jahren regelmäßig einen Analytiker, um den indirekten Auswirkungen des Holocaust auf ihr Dasein auf den Grund zu gehen. Einen Großteil der Erzählung nimmt ihr Verhältnis zu ihrem verwitweten Vater ein - dem direkten Holocaust-Überlebenden, der sich im hohen Alter noch entschließt, von Australien nach Amerika überzusiedeln und dort wieder zu heiraten.
Ich überlege, was mich dann doch etwas verstört an diesem autobiographischen Roman: Vielleicht ist es die Beharrung auf detaillierten Beschreibungen von Esthers Verdauungsschwierigkeiten (ich weiß nicht, wie oft das Wort "Scheiße" oder "scheißen" im Roman vorkommt!). Der Leser versteht natürlich dieses ständige In-sich-Hineinhorchen der Protagonistin und die immer wiederkehrerende Darstellung ihrer sexuellen Aktivitäten (auch dies an manchen Stellen fast zu viel des Guten).
Ich vermag den Bezug herzustellen, was diese Beschreibungen über den für Unsereinen nicht nachvollziehbaren Ballast aussagen, den diese Generation der "Holocaust-Kinder" ein Leben lang mit sich herumschleppen muss. Nur so erkläre ich mir diesen Fokus auf all das Körperliche und das Sexuelle, da es ein Ausdruck des Bewußtseins ist, am Leben zu sein, ein Ausdruck des paradoxen Schuldgefühls, daß man das Leben auskosten darf, wohingegen die Eltern durch die Hölle gehen mußten. Dazu paßt auch in der Umkehrung Esthers absolute Abneigung, mit ihren Kindern, ihrem Vater oder anderen über Körperliches-Sexuelles zu sprechen. Sie fühlt sich immer unwohl dabei. Auch dies ein Zeichen der Zerrissenheit...Es ist also ein seltsames Buch, so ganz anders als Bretts Kolumnen oder der Roman "Chuzpe".
Nur 2 Jahre nach dem letztens beschriebenen Einfach so erschienen, scheint Brett in "Zu sehen" wieder zurückgefunden zu haben zu der Schreibweise, die mir in ihren Kolumnen New York begegnet war. Sie teilt das Buch in Themenbereiche ein und entwickelt dazu ihre Gedanken, die wieder absolut autobiographisch sind, aber im Gegensatz zum vorherigen Roman den Leser nicht nur mit Vermutungen zurücklassen, sondern Vieles, was im vorherigen Roman etwas fahrig und willkürlich wirkt, tiefergehend erklären. Insofern war dies für mich ein befriedigenderes Leseerlebnis. Man könnte auch sagen, daß Brett im ersten Roman ihr Leben nur symptomhaft beschreibt, während im zweiten Roman den Ursachen überlegter auf den Grund gegangen wird.
Als Leser hatte ich von Anfang an das Gefühl, daß Brett beim Schreiben beider Bücher auch eine Art Selbstanalyse betreibt, so als würde es ihr helfen, sich selbst und ihr Leben durch den Schreibprozess besser zu verstehen. Gerade Bretts Beharrung auf das Finden des richtigen Wortes macht solche Texte wie in diesem Buch sehr wertvoll für mich:
"Ich habe einen fast kindlichen Glauben an die Macht des Wortes.
Die richtigen Worte könnten die Welt verändern.
Die richtigen Worte könnten die Menschen bewegen."
Ich würde dem potientiellen Leser empfehlen, den Roman "Zu sehen" dem Vorgänger "Einfach so" vorzuziehen. In gewissem Sinne ist das zweite Buch eine - weitaus besser ausformulierte - Quintessenz seines Vorgängers....


Vom Ende einer Geschichte: Roman
Vom Ende einer Geschichte: Roman
von Julian Barnes
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Verzerrungen, 29. September 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Vom Ende einer Geschichte erzählt eigentlich darüber, wie wir unsere Vergangenheit in unserer Erinnerung wahrnehmen, welchen Verzerrungen diese Erinnerungen unterworfen sind - bewußten und unbewußten. Dem Protagonisten Tony wird eines Tages das Tagebuch seines alten Schulfreundes Adrian vermacht, der sich vor vielen vielen Jahren umgebracht hatte. Und so beginnt Tony, seine Vergangenheit und die menschlichen Beziehungen, die ihn mit dem Verstorbenen verbanden, aufzuschlüsseln. Und vor allem beginnt er, die Brüche wahrzunehmen, die letztendlich nur in der Spiegelung unseres Lebens durch unsere ehemaligen Weggefährten erkennbar sind...Ein meisterhafter kleiner Roman.


Seite: 1 | 2 | 3 | 4