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Beiträge von Tobias Nazemi
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Rezensionen verfasst von
Tobias Nazemi
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (TOP 1000 REZENSENT)   

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SUPERBUHEI (Debütromane in der FVA)
SUPERBUHEI (Debütromane in der FVA)
von Sven Amtsberg
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,00

4.0 von 5 Sternen Wind of Change, 18. April 2017
Was kann man mehr von einem Buch erwarten, als dass es einen für ein paar Stunden aus dem Alltag reißt, mit Problemen konfrontiert, die nicht die eigenen sind, mit fremden Stimmungen, Gerüchen und Ängsten. Wer kennt nicht dieses tolle Gefühl, wenn man beim Lesen kurz innehält, aufblickt und sein eigenes Leben betrachtet. Wie friedlich, wie schön und wertvoll einem dann auf einmal alles erscheint. Wenn sich darüber hinaus noch die Protagonisten und das Setting eines Romans in die Träume schleichen, man morgens ein paar Sekunden braucht, um zu realisieren, dass man nicht in einem muffig riechenden Haus in Hannover-Langenhagen, sondern im eigenen, heimeligen Bett erwacht, dann, ja dann ist das Leseglück perfekt.

Eigentlich habe ich ja momentan überhaupt keine Zeit für irgendwelche Neuerscheinungen. Die Frühjahrs-Novitäten stapeln sich bei mir ungelesen im Regal und müssen warten, bis ich mit den Blogbuster-Manuskripten durch bin. Aber ich blättere zumindest mal rein, schau aufs Autorenfoto, lese den Klappentext, um ganz grob Bescheid zu wissen. Das tat ich auch bei diesem Buch – mit dem Resultat, dass ich es nicht mehr aus den Händen legen konnte. Die Story ist so skurril und dabei so trocken und auf den Punkt erzählt, dass es eine wahre Freude ist, sich in dieses miefige niedersächsische Setting fallen zu lassen.

Dabei landet man in einem Supermarkt in Hannover-Langenhagen, dem Superbuhei, wo Mona, eine solariumgebräunte Sitzschönheit, an der Kasse arbeitet. Bei den meisten Supermärkten findet man hinter den Kassen einen Bäcker. Im Superbuhei ist dort eine Kneipe, die so heißt, wie der wohl bekannteste Sohn der Stadt: Scorpions-Frontmann Klaus Meine. In dem wohl trostlosesten Ort auf Erden sitzen jeden Tag von 8:00 bis 18:00 Uhr ein paar Alkoholiker am Tresen und hören die immer gleichen Scorpions-CDs. Das ‚Klaus Meine‘ gehört Jesse, Monas Freund. Er ist der Sohn eines Elvis Imitators und mit seinem Zwillingsbruder Aaron in Hamburg Rahlstedt aufgewachsen. Nach dem Tod der Eltern fühlte er sich von Aaron bedroht und flüchtete vor dessen Nachstellungen nach Hannover.

Das klingt jetzt nicht besonders spannend, trotzdem hat mich der Roman begeistert. Amtsberg schafft es, trotz des skurrilen Settings, der schrägen Figuren und den Musikbezügen, keinen typischen PopLit-Roman abzuliefern, wie ich es zunächst erwartet hätte. Stattdessen entwickelt sich die Geschichte zu einem bedrückend intensiven Familienpsychogramm.

Da sind zunächst Jesses Eltern, ihre Träume und ihr Scheitern. Das verzweifelte Streben, irgendetwas Besonderes aus dem bisschen Lebenszeit zu machen. Doch es reichte nur für einen Imbisswagen, einen Glitzeranzug und zwei Jungs, die am gleichen Tag geboren wurden, an dem der King of Rock’n’Roll im fernen Memphis tot von der Toilette fiel. Auch der Wunsch des Vaters, der Geist von Elvis und vor allem sein Talent möge in die Rahlstedter Zwillinge fahren, ging nicht in Erfüllung. Stattdessen scheinen sie das Verlierer-Gen der Eltern geerbt zu haben.

Und so sitzt Jesse tagein, tagaus im Klaus Meine hinterm Tresen und blickt seinen volltrunkenen Stammgästen in ihr verlebtes Gesicht. Er weiß genau, sein Leben ist beinahe genauso trostlos wie ihres, aber es ist zumindest sein eigenes Leben. Eines, das er nicht mit seinem Bruder Aaron teilen muss, der ihn im Lauf der Zeit immer mehr kopierte, nachahmte und sich gegenüber Freunden sogar für ihn ausgab. Nach seiner Flucht aus Rahlstedt fühlte sich Jesse zunächst in Sicherheit. Doch er ahnt: Aaron ist ihm auf der Spur, vielleicht hat er ihn bereits gefunden.

Jesses Verfolgungs-Paranoia wächst, wird konkreter, nimmt immer mehr Raum ein. Er trinkt dagegen an, versucht zu verdrängen und auch der Sache nüchtern auf den Grund zu gehen. Aber nichts hilft; ihm fehlen die Beweise. Dennoch ist sich Jesse sicher, dass Aaron in der Nähe ist, vielleicht gerade in diesem Moment mit seiner Freundin Mona schläft, sein Leben Schritt für Schritt übernehmen will. Alles entwickelt sich zu einer am Ende wirklich super spannenden und bemerkenswerten Geschichte. Der relaxte Erzählton und der zurückhaltende, niedersächsische Humor bilden einen interessanten Kontrast zu der sich bedrohlich entwickelnden Szenerie, den tiefschürfenden Tresengedanken und der Tragik gescheiterter Lebensentwürfe.

Gewidmet ist dieser sehr empfehlenswerte Debütroman doch tatsächlich dem kleinen großen Sohn von Hannover-Langenhagen. Klaus Meine ist zwar kein Elvis, hat kaum noch Haare und kann nicht tanzen, doch dafür kann er wunderbar pfeifen. Der Autor tut das zwar nicht, aber wer will, könnte daraus ableiten, dass es oft die kleinen Dinge sind, die Großes bewirken. Wie auch bei diesem Buch: kleiner Verlag, große Entdeckung.


Tierchen Unlimited
Tierchen Unlimited
von Tijan Sila
  Audio CD
Preis: EUR 13,95

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Belangloses Geschichtchen, 6. März 2017
Rezension bezieht sich auf: Tierchen Unlimited (Audio CD)
Was war das denn? Ich bin bass erstaunt und kann es gar nicht glauben, dass so ein dünnes Geschichtchen bei einem namhaften Verlag wie KiWi eine Chance bekommen hat. Auf dem ansprechend gestalteten Hardcover ohne Schutzumschlag wird der Titel per Aufkleber als ‚Unser Debüt in der deutschsprachigen Literatur‘ angepriesen. Und auf den ersten Blick klingt es auch gar nicht uninteressant. Eine Kindheit in Bosnien während des Jugoslawien-Kriegs, dann die Flucht nach Deutschland und das Erwachsenwerden in der rheinland-pfälzischen Provinz. Dort hat der Ich-Erzähler neben den Flüchtlings-Integrationsproblemen vor allem mit seiner Pubertät, dem Statusverlust seiner Familie und zu allem Überfluss auch noch mit Neonazis zu kämpfen.

Mit diesem Problemgemengelage werden wir als Leser gleich zu Beginn des Romans konfrontiert. In der ersten Szene fährt der Erzähler blutend, schwer verletzt und halbnackt auf einem Rennrad durch die Nacht. Er flieht vor einem jungen Rechtsradikalen, der ihn nackt aus dem Bett seiner Schwester gezogen und verprügelt hat. Es folgt eine peinliche Szene im Krankenhaus, bei der es nach der Erstversorgung der Wunden darum geht, seine Nacktheit vor den Blicken der Krankenhausbesucher zu verbergen. Solche Szenen kennt man aus einschlägigen Til Schweiger- Filmen oder alten Sketchen von Didi Hallervorden. An dieser Stelle, so auf Seite 15, hätte ich eigentlich schon aussteigen können, denn in dem locker flockigen Stil geht es munter weiter.

Generell scheint der Autor sich vorgenommen zu haben, den Themen Krieg, Flucht, Integration und Rechtsradikalität ihre Schwere zu nehmen und sie in lustig-leichten und unterhaltsamen Häppchen abzuhandeln. Da kann Sarajewo unter schwerem Granatwerfer-Beschuss liegen oder die Bevölkerung extrem unter Hunger und Kälte leiden – der Erzähler hat ganz andere Sorgen. Er muss Videospiele tauschen oder im Fluss baden gehen. Natürlich – Kinder arrangieren sich schnell mit schwierigen Verhältnissen. Da ist unter Umständen auch eine vom Krieg zerstörte Stadt nichts anderes als ein riesengroßer Spielplatz. Ich persönlich fand den locker flockigen Erzählstil eher unangemessen und die häufig wechselnden Rückblenden in Kindheit, Jugend und Erwachsensein unmotiviert und planlos.

Ich habe mich gefragt, was das Ganze soll. Was will der Autor mir erzählen? Wie es ist, wenn eine Akademiker-Familie nach der Flucht ihre Privilegien verliert und ihr Kind in Deutschland nur auf der Hauptschule landet? Dass Rechtsradikalität in den besten Familien vorkommen kann und die Flucht vor dem Krieg nicht unbedingt immer die beste Wahl ist? Das sind alles Themen, die in „Tierchen Unlimited“ vorkommen und durchaus interessant und erzählenswert sind. Doch sie werden nur gestreift und kollidieren mit dem augenscheinlichen Anspruch des Autors, daraus ein cooles Stück Popliteratur zu schaffen.

Mich hat der Roman deshalb nicht überzeugt. Ich könnte mir aber vorstellen, dass Fans von Tschick und Auerhaus daran Gefallen finden. Auch bei diesen beiden Coming-of-Age Romanen habe ich nie verstanden, wie man sich so dafür begeistern kann. Vielleicht passe ich auch einfach nicht zur Zielgruppe und bin mittlerweile zu alt für jede Art von Popliteratur. Vielleicht aber auch nicht, und „Tierchen Unlimited“ ist einfach nichts weiter als ein belangloses Geschichtchen.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 20, 2017 9:51 AM MEST


Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen
Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen
von Emma Braslavsky
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nicht schubladentauglich, 23. Januar 2017
Wie schön das ist, wenn man ab und zu mal über den eigenen Schatten springt, all die halbgaren Einschätzungen und Ressentiments und das ach so wertvolle Erfahrungswissen einfach mal ausblendet und sich frei und unvoreingenommen ein Urteil bildet. Ich gebe zu, das passiert mir nicht oft, denn ich bin so ein verdammt bequemer Schubladen-Typ und fahre damit eigentlich gar nicht schlecht. Oftmals bestätigen sich die Vorurteile ja. Aber ab und zu eben auch nicht, und das ist dann immer wieder richtig toll.

So geschehen bei diesem Buch von Emma Braslavsky, einer Autorin, von der ich vorher noch nie etwas gehört hatte, obwohl es bereits ihr drittes Werk ist. Seit einem halben Jahr lag dieser Roman mit dem etwas merkwürdigen Titel „Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen“ bei mir zu Hause rum, und ich verspürte all die Zeit nur wenig Lust, mich überhaupt damit zu beschäftigen. Das ist so ein überdrehtes und neunmalkluges Gesellschafts- und Umweltpolitik-Ding mit erhobenem Zeigefinger und einem ganzen Schwung sendungsbewusster Charaktere, so mein Vorurteil. Als ich dann noch sah, dass tatsächlich unzählige Akteure diesen Roman bevölkern – so viele, dass dem Roman eine zweiseitige Personenübersicht vorangestellt wird – fühlte ich mich in meinem Schubladendenken bestätigt.

Aber all meine Vorurteile lösten sich innerhalb weniger Minuten in Luft auf. Nach den ersten drei, vier Seiten hatte mich der Braslavskysche Plauderton in seinen Bann gezogen. Ich machte es mir bequem und las das 460 Seiten dicke Buch innerhalb von drei Tagen durch. Ok, ich hatte Urlaub und somit Zeit, aber es war auch wirklich ein tolles Leseerlebnis. Natürlich geht es um Gesellschafts- und Umweltpolitik, um all die hippen Weltverbesserer und Überzeugungstäter, um die unzähligen kleinen und großen Projekte, die unsere Welt retten und zu einem besseren Ort machen wollen. Aber da ist weit und breit kein erhobener Zeigefinger, die Autorin schafft es, dem Thema die Schwere zu nehmen und auch den verbissensten und humorlosesten Öko-Fundamentalisten mit seinen Schwächen und Selbstzweifeln mit einem liebevoll, ironischen Abstand darzustellen.

Die ganze Geschichte spielt irgendwann in der nahen Zukunft und ist eine Mischung aus Utopie, Dystopie und Realsatire. Das klingt interessant, kann aber auch schnell in die Hose gehen. Denn der Wechsel zwischen den einzelnen Stilen, Stimmungen und Ansichten bedarf sowohl jeder Menge Einfühlungsvermögen und Know-how als auch einer großen schriftstellerischen Bandbreite. Emma Braslavsky gelingt dies spielend, beinahe leichtfüßig und virtuos wechselt sie zwischen den zahlreichen Erzählstimmen, switcht zwischen jung und alt, Nachrichtenblog und Dialog und leitet den Leser durch die von ihr geschaffene, schöne neue Endzeit-Welt.

Aber am meisten gefallen hat mir, dass ich so etwas wirklich noch nie gelesen habe. Gerade Vielleser haben ja irgendwann das Gefühl, jede Geschichte so oder so ähnlich schon mal an anderer Stelle, mit anderen Worten und anderen Charakteren erzählt bekommen zu haben. Aber das hier ist wirklich einzigartig. Die Idee für den Roman, der Aufbau, die Charaktere, die ganzen vielen Einschübe, Theorien, Visionen, Orte – all das in dieser Kombination ist wirklich unique, kreativ und außerordentlich gelungen. Man merkt genau, dass die Autorin es sich nicht leicht gemacht hat. Sie hat sich Zeit gelassen, vieles genau recherchiert und hinterfragt. Über acht Jahre hat sie an diesem Roman geschrieben, mit vielen Wissenschaftlern und Experten gesprochen und alles abgesichert. Ich fühlte mich durch die Lektüre auf einem hohen Niveau und sehr intelligent unterhalten und habe an keiner Stelle auch nur ansatzweise irgendeine der kruden Theorien infrage gestellt, obwohl es sicherlich zig Kritikpunkte und Antithesen dazu geben wird. Aber darum geht es auch nicht. Es geht um die Geschichte, die da erzählt wird. Und da hat alles wunderbar gepasst, ein herrliches Endzeit/Jetztzeit-Spektakel, aktuell, inspirierend und genau das Richtige, um Schubladentypen wie mich mal wieder so richtig aus dem Trott zu bringen.


Die unsterbliche Familie Salz: Roman
Die unsterbliche Familie Salz: Roman
von Christopher Kloeble
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,00

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Schatten der Vergangenheit, 5. Dezember 2016
Ich bin auf der Suche nach einem Aufhänger. Brauche einen flüchtigen Gedanken, eine Assoziation, irgendeine Idee, womit ich diese Besprechung beginnen und im besten Falle auch abschließen kann. Hilfesuchend blicke ich zur Seite auf den Boden, doch mein Schatten liegt nur träge in der Sonne und macht mal wieder keine Anstalten, mir in dieser Angelegenheit zur Seite zu stehen. Warum auch, wird sich jetzt jeder denken. Ist ja nur dein Schatten.

Aber weit gefehlt. Wer Christopher Kloeblers großes Familienepos „Die unsterbliche Familie Salz“ gelesen hat, weiß, dass ein Schatten weit mehr sein kann, als der dunkle Bereich hinter einem undurchsichtigen Körper. Es gibt Menschen mit einem großen Schatten und einem kleinen Schatten, einem krummen, einem geraden und einem ausgefransten Schatten. Und nicht zuletzt gibt es Menschen ohne Schatten. „Vor denen musst du dich in Acht nehmen“ sagt Lola, das greise Oberhaupt der Familie Salz und gibt diese krude Lebensweisheit ihren Kindern und Kindeskindern weiter. Und so lebt das, was als fixe Idee Anfang des 20 Jahrhunderts auf dem Dach des altehrwürdigen Hotels Fürstenhof in Leipzig begonnen hat, auch im Jahr 2015 noch in den Köpfen der Salz-Nachkommen weiter.

Anfänglich hat mich diese Schattengeschichte, die sich als roter Faden durch den Roman zieht, etwas genervt. Ich fand es konstruiert und reichlich überflüssig angesichts des großen erzählerischen Bogens, der vom Kaiserreich, über die Weimarer Republik, das Dritte Reich, Nachkriegszeit, DDR, BRD und Wiedervereinigung bis in die heutige Zeit reicht. Doch dann habe ich mich eingelassen und eingesehen, dass es Sinn macht und letztlich das ist, was diesem Roman Gesicht gibt und woran ich mich wahrscheinlich noch in ein paar Jahren erinnern werde, wenn ich weite Teile, der aus verschiedenen Perspektiven erzählten Familiengeschichte, längst wieder vergessen habe. Der Spleen mit dem Schatten ist das, was die literarische Familie Salz von den Buddenbrooks, den Jaschis oder Lamberts dieser Welt unterscheidet.

Und auch wenn Kloebles Roman nicht unbedingt zur Weltliteratur gehört, so hat er doch genügend Format, um in der Bundesliga der deutschsprachigen Familienepen mitzuspielen. Allein sprachlich ist dieser Roman bemerkenswert. Erzählt wird aus Sicht der verschiedenen Familienmitglieder und teilweise auch ihrer Schatten. Der Sprachstil wechselt mit der Erzählperspektive. Lola beginnt und schildert aus ihrer kindlichen Sicht die Anfänge in München und Leipzig. Die faktisch trockenen Tagebucheinträge ihres späteren Mannes führen die Erzählung durch die Wirren des Krieges, und danach übernehmen die Schatten von Ava und der ungeborenen Emma entsprechend bildhaft emotional die Fortführung der Erzählung, bis am Ende noch einmal eine Ich-Erzählerin die Bühne betritt.

Das alles macht das Lesen dieses Buches zu einem echten Vergnügen. Kloeble gelingt es, die Geschichte der Familie aus diesen unterschiedlichen Perspektiven sehr glaubwürdig, bewegend und unterhaltsam aufzubauen. Wenn man sich erstmal an die Sache mit den Schatten gewöhnt hat, erscheint einem alles sehr stimmig, nichts kommt konstruiert und aufgesetzt daher. Zum Ende habe ich beinahe ängstlich auf ein kitschiges Happy End gewartet, aber auch in diese Mainstream-Falle tappt der Autor nicht und schließt sein Epos sauber, authentisch und trotzdem bewegend ab.

Daher muss ich auch gar nicht groß über meinen noch immer faul am Boden liegenden Schatten springen, um mit einer zugegeben etwas konstruierten finalen Formulierung, dieses Buch als optimale Lektüre für lange, kalte Winterabende und als perfektes Weihnachtsgeschenk zu empfehlen.


Wovon wir lebten
Wovon wir lebten
von Silke Scheuermann
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,00

6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Enttäuschung auf den zweiten Blick, 24. November 2016
Rezension bezieht sich auf: Wovon wir lebten (Gebundene Ausgabe)
Von dieser Autorin hatte ich noch nie gehört, obwohl sie schon einige Romane herausgebracht hat. Umso schöner, dass ich sie jetzt endlich entdeckt habe. Und nachdem ich Silke Scheuermanns „Wovon wir lebten“ gelesen habe, frage ich mich, warum ist sie eigentlich so unbekannt? Warum findet man zu diesem im September veröffentlichten Roman gerade mal nur eine Handvoll Besprechungen? In den Blogs findet sie überhaupt nicht statt, und selbst bei Amazon gibt es bisher nur zwei „Rezensionen“. Dabei ist die Lektüre höchst unterhaltsam, zieht den Leser in die Handlung hinein und lässt einen bis zum Schluss nicht mehr los. Und das ist doch eigentlich das, was wir alle von einem guten Buch erwarten, oder? Hier bekommt man es.

Ich habe mich jedenfalls in Silke Scheuermanns Geschichte sofort wohl gefühlt. Von der Lesestimmung und auch sprachlich hat mich das an Donna Tarts Distelfink erinnert. Ein Junge wird in schwierigen Verhältnissen erwachsen, orientiert sich, verliert und verliebt sich und findet am Ende seinen Weg. Ein dickbändiger Entwicklungsroman, schnörkellos und geradeheraus erzählt, mit starken, gut aufgebauten Charakteren, zahlreichen Spannungsbögen und einem abwechslungsreichen Setting. Vieles von dem, was Donna Tarts 10-Jahres-Bestseller auszeichnet, hat auch Silke Scheuermanns aktueller Roman im Angebot. Und jetzt stellt sich die Frage, warum startet dieser Roman nicht durch? Was fehlt ihm zum Durchbruch?

Wenn man genauer hinschaut – sozusagen auf den zweiten Blick – fehlt eine ganze Menge. Zunächst einmal fehlt mir die Begeisterung. Ich habe „Wovon wir lebten“ wirklich gerne gelesen, fand den Roman gelungen und gut erzählt, aber so richtig begeistert bin ich nicht. Das war nach der Lektüre des Distelfinks vor drei Jahren definitiv anders. Ich erinnere mich, dass ich damals regelrecht euphorisiert war, beinahe jedem von diesem Leseerlebnis erzählt und das Buch mehrfach verschenkt habe. Das wird mit diesem Roman nicht passieren.

Aber warum? Naturgemäß fällt es einem leichter zu begründen, warum man etwas nicht gut findet, und deswegen nicht begeistert ist, als wenn man etwas gut findet aber trotzdem nicht begeistert ist. Begeisterung ist immer emotional und mit plausiblen Argumenten nur selten zu erfassen. Wie die Liebe, wie Musik, wie mein Lieblingsessen. Wenn es einem Buch gelingt, mich emotional zu packen, wenn eine Geschichte vom Kopf weg ins Herz und den Bauch geht, dann ist es mehr als nur gut. Das kann aus einem Satz heraus kommen, der erzeugten Lesestimmung, einer tragischen Wendung, einem erhellenden Gedanken. Das kann alles Mögliche sein, nur bitte nicht vorhersehbar, nicht konstruiert und auf emotionale Wirkung bedacht. Und genau das passiert in diesem Roman.

Es ist ja noch ganz ok, wenn man die unerfüllte Jugendliebe Jahre später in einer Entziehungsklinik wieder trifft und beide nach viel Hin und Her doch noch endlich ein Paar werden. Kitschig, ja, aber das kann ja tatsächlich mal passieren. Wenn beide Liebenden aber ein großer Standesunterschied trennt, die Beziehung daran zu zerbrechen droht, urplötzlich aber am Sterbebett ihres richtigen Vaters herauskommt, dass sie in Wirklichkeit eine von seinesgleichen ist, das ist mir persönlich dann etwas zu viel Barbara Cartland. Da fange ich nicht nur an, mit den Augen zu rollen; da ärgere ich mich auf einmal, dass ich bisher so viel Gefallen an einer derart billig konstruierten Geschichte gefunden habe.

Ok, ich übertreibe mal wieder ein wenig. Denn eigentlich ist nur das Ende des Romans wirklich Mist. Die ersten dreihundert Seiten sind intensiv, aufwühlend und richtig gut. Doch die Wandlung des Protagonisten Marten vom Drogenjunkie zum Feinschmecker-Koch in der zweiten Romanhälfte habe ich Silke Scheuermann nicht mehr so richtig abgenommen. Und wenn man erstmal beim Lesen eine Augenbraue hochzieht ist auch das Augenrollen nicht mehr weit.


Mitten im Land
Mitten im Land
von Bastian Asdonk
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 20,00

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Walden 2016, 8. November 2016
Rezension bezieht sich auf: Mitten im Land (Gebundene Ausgabe)
Davon liest und hört man jetzt immer öfter: von Menschen, die das Hamsterrad verlassen, einen Cut machen und noch einmal ganz von vorne anfangen. Alle Verpflichtungen, Geldsorgen, Zeitfresser und überflüssigen Tand über Bord werfen, um einfach, frei und natürlich zu leben. Wie der namenlose Held dieses kleinen feinen Buches von Bastian Asdonk, einem Debütanten aus – wie kann es anders sein – Berlin.

„Mitten im Land“ ist die Geschichte eines Karriereristen aus der Großstadt, der nach einem Burnout seinen Job an den Nagel hängt und mit der Abfindung ein Haus mit großem Seegrundstück in der ostdeutschen Provinz erwirbt. Eigenes Gemüse anbauen und Schritt für Schritt zum Selbstversorger werden, so lautet der Plan. Ganz so wie Henry David Thoreau es in seinem Aussteiger-Klassiker Walden beschrieben hat. Der Protagonist ist ganz alleine, kein Partner, keine Freunde. Und wie er da so ganz für sich das Bad putzt, Gemüsebeete anlegt und sich ein Risotto zubereitet, da kommt beim Lesen fast so etwas wie Murakami-Stimmung auf. Die ausführliche Beschreibung der kleinen Alltäglichkeiten, Essen zubereiten, Gartenarbeit – all das hat etwas Meditatives; man kommt den Dingen nah, ist fokussiert und gleichzeitig entspannt. Eine Stimmung, die sich auch auf den Leser überträgt.

Aber „Mitten im Land“ ist mehr als nur eine Aussteiger-Idylle. Denn irgendwo auszusteigen heißt auch, woanders neu einzusteigen und in einer Gemeinschaft zunächst erstmal fremd zu sein. Trotz seines unabhängigen und selbstbestimmten Lebens ist Asdonks Held gezwungen zu interagieren, muss einkaufen, braucht ab und zu einen Handwerker und hin und wieder mal jemanden fürs Bett. Er hat dafür die hübsche Verkäuferin aus dem Supermarkt ins Auge gefasst. Doch an ihr sind noch andere interessiert.

Und so rückt der Aussteiger in den Fokus der kleinen branden- oder mecklenburgischen Gemeinde, die genauso zu sein scheint, wie man sich die ostdeutsche Provinz gemeinhin immer vorstellt: landschaftlich schön, aber strukturschwach, bodenständig und notorisch fremdenfeindlich. Die heimelige Selbstversorger-Idylle wird eines nachts nicht nur von gefräßigen Nacktschnecken gestört, sondern auch vom gewaltbereiten und rechts von der Mitte befindlichen Landvolk.

Es spitzt sich zu, wird brutal und bedrohlich. Ein schöner Spannungsbogen baut sich auf und gerade als es vorhersehbar in Richtung klassische Gut-oder-Böse-Geschichte abdriftet – die Rechten vertreiben den Fremden aus dem Dorf – setzt Asdonk den Blinker und nimmt die Ausfahrt. Das Fazit klingt banal, fast wie eine dieser schnöden, auf Tafeln geschriebenen Lebensweisheiten bei Facebook. Die Bösen sind nicht böse, sie haben nur Angst. Das kenne ich von unserem Hund. Der bellt auch erstmal alles Fremde an. Und trotz aller Banalität ist diese Erkenntnis mal erfrischend anders, ja ich würde sogar sagen mutig. Denn wer hat schon Verständnis für Fremdenfeindlichkeit?

Generell bin ich ziemlich begeistert von diesem kleinen Buch, das ich innerhalb weniger Stunden durchgelesen habe. Stellenweise erinnerte mich das Setting, diese eigentümliche Brandenburger Tristesse, stark an Juli Zehs „Unterleuten“ oder Stanisics Uckermark-Epos „Vor dem Fest“. Zwei Romane, die nach dem Lesen noch lange nachhallen. Es hätte mich nicht gewundert, wenn die eine oder andere Romanfigur aus Unterleuten oder Fürstenfelde auch hier plötzlich aufgetaucht wäre. Diese Assoziationen und das bereits beschriebene Murakami-Flair machen ‚Mitten im Land‘ zum perfekten Buch für ein paar Stunden Ausstieg aus dem Alltag.


Die Erziehung des Mannes: Roman
Die Erziehung des Mannes: Roman
von Michael Kumpfmüller
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zur vollsten Zufriedenheit, 13. September 2016
Es ist schon komisch. Da meint man ein wenig Bescheid zu wissen, alle wichtigen Player im Literaturbetrieb zu kennen und dann kommt die Longlist des Buchpreises mit Namen daher, die man noch nie gehört hat, wie Platzgumer oder Kumpfmüller. Zumindest Letzteren hätte ich kennen müssen, denn er hat bereits mit einigen Titeln, wie zum Beispiel „Die Herrlichkeit des Lebens“ auf sich aufmerksam gemacht. Doch er ist mit all seinen Werken bisher komplett an mir vorbeigegangen. Aber das ist Vergangenheit, den Namen werde ich mir merken, denn mit der „Erziehung des Mannes“ hat er einen grandiosen Einstand bei mir gehabt.

Wie den Melle konnte ich auch diesen Longlist-Titel einfach nicht aus der Hand legen und hab die 315 Seiten in einem Rutsch innerhalb von zwei Tagen gelesen. Trotzdem weiß ich nicht, ob ich diesen Entwicklungsroman anderen Lesern so ohne Weiteres ans Herz legen kann. Denn mich hat die Geschichte so berührt, weil ich mich an so vielen Punkten im Protagonisten Georg wiedergefunden habe. Stellenweise hatte ich das Gefühl, Kumpfmüller zitiert aus meinem Leben, beschreibt meine Jugend, meine ersten Schritte ins Erwachsenenleben, meine gescheiterte Ehe und den anschließenden Rosenkrieg. Stellenweise erschienen mir sogar einige Dialoge, als wenn ich sie vor Jahren schon mal genau so geführt habe.

Das heißt, es ist mal wieder alles andere als objektiv, was meine Begeisterung für diesen Roman anbetrifft. Auch wenn ich mit offenem Mund Seite um Seite wie paralysiert umblätterte, heißt das nicht, dass es anderen auch so gehen wird. Aber vielleicht erzähle ich trotzdem mal kurz, worum es hier geht.

Da ist Georg, ein Musikwissenschaftler und Komponist von klassischer Musik. Der Roman startet irgendwann Anfang der Achtziger, Georg studiert und lebt seit einigen Jahren mit Katrin zusammen – erst in Freiburg, dann in Hamburg. Doch mit Katrin läuft es nicht mehr so gut, besonders im Bett – da passiert schon seit langer Zeit gar nichts mehr. Georg leidet still vor sich hin, käme sich aber schäbig vor, deswegen Schluss zu machen. Also ein super anständiger Typ; einer der Verständnis hat, der einen stundenlang im Arm halten kann, Seite an Seite liegen und Zärtlichkeiten austauschen kann, ohne Hintergedanken. Er geht dann einfach irgendwann ins Bad und erleichtert sich, anstatt Katrin irgendeine Körperlichkeit abzufordern, die sie ihm freiwillig nicht gewähren will. Später heißt es dann von ebendieser Katrin: ‚Warum hast du es dir nicht einfach mit Gewalt genommen?‘ Und Georg kann nicht fassen, dass sie das wirklich sagt. Erste Lektion gelernt.

Dann taucht irgendwann Jule auf und Georg versucht mit ihr den Absprung von Katrin, kommt dadurch vom Regen in die Traufe, aber das wird er erst später erkennen, wenn er auch diese Lektion gelernt hat. Jule entpuppt sich als der Albtraum eines jeden Mannes. Eine dominante, selbstverliebte Lehrerin, die alles besser weiß, alle Register zieht, um ihren Willen durchzusetzen und auch nicht davor zurückschreckt, dafür die Kinder zu instrumentalisieren. Ja, Georg hat einen schweren Fehler gemacht, als er Jule geheiratet und mit ihr auch noch drei Kinder gezeugt hat. Ein Fehler, der sein ganzes weiteres Leben bestimmen wird. Denn natürlich steht so ein grundanständiger Kerl wie Georg auch nach dem voraussehbaren Scheitern der Beziehung zu seiner Verantwortung als Vater. Obendrein liebt er seine Kinder sehr, ein Umstand, den Jule auch noch Jahre nach der Scheidung für ihre Zwecke zu nutzen weiß.

Und während Georg sich durch diesen Beziehungskrieg kämpf, geht das Leben weiter. Die Kinder werden größer, es wird nicht einfacher, sondern anders schwer. Nebenher gilt es noch, die eigene Karriere und eine neue Liebe, ein neues Glück aufzubauen. Doch Jule lässt nicht locker, am Ende haben alle verloren: Georg, Jule und die Kinder – die nächstes schmerzliche Lektion.

Am Ende des Romans ist Georg über sechzig und blickt erschöpft zurück. ‚Er war stets bemüht‘, würde im Arbeitszeugnis seines Lebens stehen. Einer, der bei Vorgesetzten und Kollegen gleichermaßen beliebt war und sich durch sein großes Einfühlungsvermögen ausgezeichnet hat. Doch leider fehlte ihm bei der Durchsetzung seiner Ziele die nötige Konsequenz und die Fähigkeit, Dinge auch gegen starke Widerstände durchzusetzen. So konnte Georg die ihm übertragenen Lebensaufgaben leider nicht zur vollsten Zufriedenheit ausführen. Er verlässt uns nach 315 Seiten auf eigenen Wunsch, um sich mit seiner Geschichte für die Shortlist des deutschen Buchpreises zu bewerben.

Ich wünsche Georg und Herrn Kumpfmüller bei diesem Unterfangen viel Erfolg und auf ihrem weiteren Lebensweg beruflich wie privat alles Gute.


Die Welt im Rücken
Die Welt im Rücken
von Thomas Melle
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

73 von 82 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Was guckt der so?, 8. September 2016
Rezension bezieht sich auf: Die Welt im Rücken (Gebundene Ausgabe)
Das Erste, was mir beim Melle-Lesen auffiel ist, dass das ja ein bisschen wie Stuckrad-Barres Panikherz ist, nur besser, nur ohne Udo, ohne diesen ganzen Show-Biz-Kram, irgendwie noch abgefahrener und ehrlicher. Da lässt einer die Hosen runter, aber jetzt mal so richtig, ohne Rücksicht auf Verluste. Nicht wie Stuckiman, der schon beim Schreiben die entsprechende Premierenlesung mit Playlist und Gastauftritt von Udo und Konsorten im Hinterkopf hatte. Melle hat gar nichts im Hinterkopf. Melle will reinen Tisch machen. Diesen ganzen bipolaren Scheiß endlich hinter sich lassen. Es aufschreiben, sich freischreiben, die Meute sich jetzt noch einmal das Maul über ihn zerreißen lassen, und dann war es das, dann ist er damit durch. So der Plan. "Wenn ich mich nämlich nicht freischreibe, bleibe ich stecken, das weiß ich, und meine Texte würden weiter von diesen Doppelgängern bevölkert und beschwert sein."

Jetzt heißt es überall zunächst einmal: Was? Der Melle ist irre? Und ich so: Hab ich mir doch gleich gedacht. Und mein Über-Ich sofort: Ach komm, hör auf. Aber es ist tatsächlich wahr. "Die Welt im Rücken" ist autobiografisch, Melle ist Melle und keine Romanfigur. Er hat das Versteckspiel satt und sagt es frei heraus: Ja, ich bin krank, manisch-depressiv oder neudeutsch: bipolar gestört. Und er ist es immer noch, wird das nie wieder los, kann keine Entwarnung geben, uns kein Happy End anbieten.

Wie das so ist, wie es einem damit geht, das beschreibt er in diesem Buch. Und das macht er so gut, so intensiv und literarisch bemerkenswert, dass er damit schon wieder für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde. Auch diese Nominierungs-Meriten scheinen ihn wie seine Krankheits-Schübe immer wieder zu ereilen. Nach "Sickster" in 2010 und "3000 Euro" im Jahr 2014 jetzt also schon wieder. Warum? Weil Melle einfach ein unglaubliches Talent ist, sprachlich virtuos, ein hochintelligenter Kopf und einer, der etwas zu erzählen hat.

Und hier hat er es sogar vergleichsweise einfach gehabt. Er musste sich nichts ausdenken, nicht in Charaktere schlüpfen, sich nicht hinter ihnen verstecken. Er musste keinen Plot aufbauen, sondern einfach nur dem Durchlittenen eine lesbare Struktur geben. Und das ist die große Stärke dieses Buches, das sich nicht Roman nennt und trotzdem sehr gute Chancen hat, der beste des Jahres zu werden. Es ist einfach schonungslos offen, ehrlich und authentisch. Ich ziehe meinen Hut vor so viel Mut, die Bereitschaft, auch das Intimste preiszugeben; die manischen Höhenflüge mit allen Peinlichkeiten, Arroganz- und Wutanfällen.

Ich finde, es ist noch etwas anderes und wesentlich schwerer zuzugeben, dass alles aus einem selber kommt und nicht die Folge irgendeines Drogenmissbrauchs ist. Stuckrad-Barre hatte in seiner Panikherz-Drogenbeichte eine Exit-Option, konnte sich jederzeit von sich selber distanzieren und sagen: Das bin nicht ich, das hat die Droge aus mir gemacht. Aber jetzt bin ich clean, alles ist vorbei. So eine Exit-Strategie gibt es für Thomas Melle nicht. Weder im Buch noch im wirklichen Leben. Das, was er da beschreibt, ist immer er, er und die Krankheit, beide untrennbar miteinander verbunden. Er ist die Krankheit und die Krankheit ist er. Als das ist er jetzt bekannt. Biopolarität wird der Literaturbetrieb zukünftig mit seinem Namen verbinden. Und dann heißt es vielleicht auf irgendeiner Lesung: Du, der Melle guckt so komisch. Ob er wieder einen Schub hat?

All das wird Thomas Melle vermutlich durch den Kopf gegangen sein, als er sich entschieden hat, dieses Buch zu schreiben. "Da muss ich, da will ich jetzt durch", wird er sich gedacht und insgeheim geschworen haben, es so intensiv und bemerkenswert zu machen, dass manche Autoren bereit wären, ihr Schicksal mit seinem zu tauschen, wenn sie nur auch so ein Werk schaffen könnten.

Und genau so ist es geworden. Ich habe dieses Buch wie im Rausch innerhalb eines Wochenendes durchgelesen, habe Melle mit wachsender Begeisterung durch alle mentalen Berge und Täler begleitet, mir mehr als die Hälfte des Buches laut vorgelesen, um den Flow und den einzigartigen Sprachrhythmus noch intensiver zu erleben und das Buch am Ende tief beeindruckt aus der Hand gelegt.

Auch wenn ich erst zwei Titel von der diesjährigen Longlist gelesen habe: Melle ist jetzt schon mein absoluter Favorit auf den Titel. Und wenn ich mir das Autorenfoto im Umschlapklapper anschauen, dann habe ich das Gefühl, er rechnet selber auch damit. Oder warum guckt er sonst so komisch?
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 8, 2016 11:05 AM MEST


Von Liebe und Hunger: Roman
Von Liebe und Hunger: Roman
von Julian Maclaren-Ross
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,00

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Hardboiled, 6. September 2016
Von diesem Autor habe ich noch nie etwas gehört – genauso wenig wie vom Arco-Verlag aus Wuppertal. Trotzdem wollte ich den dort erschienenen Roman auf der Stelle und unbedingt lesen. Schuld daran war eine Buchkritik von Edelgard Abenstein (auch noch nie gehört) auf Deutschlandradio Kultur. Das wäre ein Buch für alle, die Dashiell Hammett, Raymond Chandler und auch Ernest Hemingway mögen, hieß es da. Diese Namen dagegen kenne ich nur zu gut. Das sind die Helden meiner jungen Lesejahre, mit diesen Autoren bin ich erwachsen geworden, sie haben mein Männerbild geprägt. Einmal so cool und lässig sein wie Philip Marlowe oder so schlicht, trocken und intensiv schreiben können wie Hemingway. Das war der Plan, damals als ich zwanzig war.

Aber wie das nun mal so ist; Ziele und Pläne ändern sich oder geraten in Vergessenheit. Genauso wie auch Julian Maclaren-Ross. Der 1964 verstorbene Schriftsteller war eine schillernde Figur in den Nachkriegsjahren in Großbritannien, bekannt für ein paar Kurzgeschichten aber vor allem auch für seine Erscheinung und seinen Lebensstil. Ein stets in Anzug, Krawatte und dunkler Sonnenbrille gekleideter Dandy-Säufer, der den Vorschuss auf seine Geschichten in den Londoner Kneipen durchbrachte. Er hat genau diesen einen, 1947 erschienenen Roman geschrieben und war damit für kurze Zeit ein Star. Hier in Deutschland kannte man ihn nicht. Erst jetzt, 52 Jahre nach seinem Tod, hat der kleine, ambitionierte Arco-Verlag diesen Autor wiederentdeckt und sein Romandebüt in der Übersetzung von Joachim Kalka dem deutschen Publikum zugänglich gemacht. Diese Wiederentdeckung allein ist schon eine tolle Story. Die teilweise autobiografische Geschichte über den erfolglosen Staubsauger-Vertreter Richard Fanshawe ist es aber auch.

Der Vergleich zu den Harboiled-Genre Autoren Hammett und Chandler ist durchaus zutreffend. Auch der Romanheld in „Von Liebe und Hunger“ ist so ein hartgesottener, kettenrauchender Zyniker wie Marlowe und Konsorten. Sprachlich erinnert mich dieser Roman schon sehr an die genannten Vorbilder. In kurzen knappen Sätzen werden wir vom Ich-Erzähler in das Roman-Setting eingeführt. Keine Ausschmückungen, nichts wird verschachtelt, alles ist klar skizziert und auf den Punkt gebracht.

Man ist sofort drin, kann sich den kleinen englischen Badeort im Jahre 1939 gut vorstellen, sieht vor dem inneren Auge die Staubsaugervertreter von Haustür zu Haustür ziehen, klingeln, Teppiche reinigen, Verkaufsgespräche führen. Später sitzen die Männer in den Kneipen, tauschen sich über ihre Erfolge und Misserfolge aus und überlegen, ob sie nicht einfach die Branche wechseln und lieber Bürsten verkaufen sollten. Aber so oder so – es ist immer nur ein Hungerlohn; einen echten Ausweg gibt es nicht und der Krieg steht praktisch schon vor der Tür. Auch die Liebe, die einzige Abwechslung in dem tristen Vorkriegsalltag, gestaltet sich für den Romanhelden schwierig und endet in einem Desaster.

Von Liebe und Hunger – der Titel dieses Romans ist Programm. Genau darum geht es. Und hier unterscheidet sich Maclaren-Ross von Hammett und Chandler, die ja in erster Linie Krimiautoren waren. Es passiert kein Verbrechen, das es aufzuklären gilt. In dieser Geschichte geht es nur um den schnöden Alltag in einer wirtschaftlich und politisch schwierigen Zeit, um enttäuschte Hoffnungen, um verschmähte Liebe und den geheimen Traum des Protagonisten, irgendwann einmal Schriftsteller zu werden. Das sind auch heute noch typische Themen der Gegenwartsliteratur und zusammen mit der schnörkellosen, einfachen Sprache erscheint dieser Roman beinahe zeitlos.

Alles in allem ist dies eine wunderbare literarische Wiederentdeckung, ein tolles Lesevergnügen und eine besondere Empfehlung für die letzten lesenden Männer. Dieser Roman ist ehrlich und authentisch, klar auf den Punkt und dabei lässig und entspannt – so wie Männer insgeheim alle gerne wären, wenn ihnen da nicht immer irgendetwas dazwischen kommen würde: Frauen, Kriege oder einfach nur die eigenen Unzulänglichkeiten. Maclaren-Ross ist der Alkohol und dann schließlich mit 52 Jahren ein Herzinfarkt dazwischen gekommen. Zu jung zum Sterben und zu alt, um unsterblich zu werden.


Der Jonas-Komplex: Roman
Der Jonas-Komplex: Roman
von Thomas Glavinic
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

12 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Der Thomas-Komplex, 5. September 2016
Rezension bezieht sich auf: Der Jonas-Komplex: Roman (Gebundene Ausgabe)
Manche Bücher liest man so dahin. Blättert Seiten, nickt hier und da zustimmend, wundert sich, lächelt oder schüttelt missbilligend den Kopf. Und obwohl man sich ganz gut unterhalten fühlt und eigentlich auch nichts auszusetzen hat – thematisch, sprachlich und überhaupt – ist man nicht zufrieden und irgendwie ratlos. Der Jonas-Komplex ist so ein Buch. Normalerweise hätte ich es mit leerem Blick und schulterzuckend ins Regal gestellt, und wenn mich einer nach meiner Einschätzung fragen würde, hätte ich gesagt: Es ist gut, ich weiß aber nicht warum.

Doch da ich ja nun mal über die Bücher schreibe, die ich lese, muss also eine Meinung her. Entweder zu Thomas Glavinic oder zu seinem neuesten Roman; im besten Fall zu beidem.

Fangen wir bei Thomas Glavinic an. Ja, was soll ich zu dem Typen sagen? Ich habe ihn nie getroffen, mich nie mit ihm auseinandergesetzt, sondern einfach nur zwei seiner Bücher gelesen. Trotzdem glaube ich, ihn schon gut zu kennen. Wer seinen überwiegend autobiografischen Roman „Das bin ja ich“ kennt, kommt nach den ersten Seiten von Jonas-Komplex nicht umhin zu denken: Das ist ja er. Schon wieder dieser Romane schreibende Ösi-Macho auf seinem Drogentrip durch Wien.

Die Frage, bei der normalerweise alle Autoren mit den Augen rollen, nämlich: Wieviel Autobiografisches steckt in ihren Romanfiguren? Diese Frage kann man sich bei Glavinic sparen, denn es sind auf alle Fälle mehr als 70 Prozent. Ich kenne nur wenige Autoren, die ihr eigenes Leben so hemmungslos in ihren Romanen ausrollen. Die FAZ nennt diesen Seelenstriptease „Die Vermessung des Ichs“, in Anspielung auf den Glavinic-Bro Daniel Kehlmann.

Und so ist es auch in diesem Buch. Einer der drei Protagonisten ist einwandfrei der Autor himself. Nach zwei Romanen und dem Liken seiner Facebookseite, kenne ich die Kneipen, in denen er abhängt, die Orte, wo er sich seine Drogen besorgt, die Saufkumpels und habe sogar eine leise Ahnung, wer die junge erfolgreiche Autorin namens Helen sein könnte, mit der sein Roman-Ego ab und zu ins Bett geht. Ich will das eigentlich alles gar nicht wissen, mir ist das peinlich – zu viel Information. Ich halte mir Augen und Ohren zu und rufe laut: Blumenwiese! Und trotzdem kann man natürlich nicht genug davon bekommen. Wie ein Voyeur liest man immer wieder hin, begleitet die Glavinic-Figur durchs Wiener Nachtleben und wird den ganzen Suff und Dreck auch nach 750 Seiten nicht leid, obwohl man natürlich ganz genau weiß, was passieren wird. Wenn er erstmal ordentlich getankt und gekokst hat, schreibt er wieder Mails an Gott und die Welt, von denen er am nächsten Morgen nichts mehr weiß. Oder er wacht neben irgendeiner wildfremden Frau auf, die eine Lederjacke mit Fransen trägt.

Aber da sind ja noch zwei weitere Protagonisten, nämlich Jonas, ein stinkreicher Sonderling, der extreme Erfahrungen liebt und ein 13-jähriger Jugendlicher aus der Steiermark, der gerne masturbiert und ansonsten sehr gut Schach spielt. Ich muss ganz ehrlich sagen, ich habe nicht so richtig verstanden, was Glavinic mir mit dieser Figurenkonstellation sagen will. Irgendwo auf den ersten Seiten und im Klappentext steht: „Beim letzten Durchzählen kam ich auf mindestens drei Personen, die jeder von uns ist. Erstens die, die er ist, zweitens die, die er zu sein glaubt und drittens die, für die ihn die anderen halten sollen.“

Ok, das klingt zunächst so, als wenn es einem weiterhelfen könnte. Die erste Figur ist natürlich Drogen-Glavinic. Aber ist die zweite Person, die, die er zu sein glaubt, dann Jonas? Oder ist es der junge Schachspieler? Aber wer bitteschön ist dann die dritte Person? Oder ist alles ganz anders und der Glavinic-Darsteller ist die dritte Person, weil er eben ein Darsteller ist, nicht authentisch, sondern die Person, für die andere einen halten sollen.

Mir raucht der Kopf. Ich bekomme da keine Ordnung rein. Das ganze Buch bleibt mir ein Rätsel. Dabei liest es sich noch nicht mal kompliziert oder schwierig. Ganz im Gegenteil, der Roman ist sehr unterhaltsam und leicht verständlich. Nichts Hermetisches, keine frei schwebenden Assoziationen – es liest sich so weg. Andererseits ist er aber sprachlich auch nicht wirklich bemerkenswert. Ich habe keine Formulierungen und Passagen entdeckt, die man sich unbedingt anstreichen muss. Kein besonderer Rhythmus, keine Melodie. Trotzdem clean und sauber formuliert und irgendwie cool und lässig. Und bin mir sicher, dass Glavinic damit auf der Longlist des Deutschen Buchpreises landen wird. Weil er bisher fast immer mit einem seiner Romane dabei war, entweder als Quoten-Macho, als Quoten-Österreicher oder mit diesem Buch als Quoten-Ü-700-Seiter. Verdient hätte er es diesmal alleine für den Jonas-Part und die Figur des Jungen aus der Steiermark. Denn da sind auch noch Wochen nach der Lektüre Bilder im Kopf, die man so schnell nicht mehr los wird. Wie die Expedition zum Südpol, das Betäuben und Aussetzen an irgendwelchen skurrilen und einsamen Orten auf der Welt und natürlich die Pflegemutter, die das Schamhaar des 13-Jährigen nach Läusen durchsucht.

Und am Ende frage ich mich: Ist der Zustand, in dem ich mich jetzt befinde, dass ich nämlich überhaupt nicht weiß, ob ich da ein gutes, ein schlechtes oder einfach nur ein ziemlich durchschnittliches Buch gelesen habe, ob dieser Zustand Zufall ist oder aber ein sehr ansteckendes literarisches Krankheitsbild namens „Thomas-Komplex“.


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