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Rezensionen verfasst von
Valentine (AB)

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Drei Tage und ein Leben: Roman
Drei Tage und ein Leben: Roman
von Pierre Lemaitre
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 20,00

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Düster, 18. September 2017
Kurz vor Weihnachten 1999 verschwindet in Beauval, einem verschlafenen französischen Provinzdorf, der kleine Rémi spurlos. Die Suchaktion, die man startet, als klar wird, dass er wohl nicht nur beim Spielen die Zeit vergessen hat, bleibt ohne Erfolg, die Polizei hat ebenfalls keine heiße Spur. Die Sensationspresse stürzt sich auf den Fall, während abseits der Kameras in gedrückter Stimmung Weihnachten gefeiert wird.

Besonders schlecht fühlt sich der zwölfjährige Antoine, nicht nur, weil Weihnachten mit seiner geschiedenen Mutter, einer wortkargen, überängstlichen Frau, den Zauber aus der Kindheit verloren hat, sondern weil er etwas über Rémis Verschwinden weiß, das er aber niemandem anzuvertrauen wagt.

Er zerbricht beinahe an seiner Sprachlosigkeit und seinen Schuldgefühlen, doch dann fällt die nächste Katastrophe über Beauval her in Form zweier heftigster Orkane am zweiten Weihnachtsfeiertag. Die Ungewissheit über Rémis Schicksal tritt zunächst in den Hintergrund, während die Dorfbewohner versuchen, ihre schwer in Mitleidenschaft gezogenen Häuser wieder bewohnbar zu machen. Sämtliche Spuren, die zu Rémi führen könnten, sind nun wahrscheinlich endgültig dahin.

Zwölf Jahre später kehrt Antoine als Student während der Ferien widerwillig nach Hause zurück und will eigentlich nur eins: fort, weit weg von dieser Enge, der Kleingeistigkeit, dem unreflektierten Festhalten an Konventionen und überkommener Tradition. Doch er muss auf die harte Tour feststellen, dass man die Vergangenheit nicht immer so einfach abstreifen kann.

In lakonischem, manchmal schon fast kindlich wirkendem Ton erzählt Pierre Lemaitre die Geschichte eines Jungen, der durch traumatische Ereignisse noch unglücklicher wird, als er es durch die Trennung der Eltern und die erdrückende Fürsorge seiner Mutter, die stets darauf bedacht ist, nach außen hin einen gewissen Schein zu wahren, sowieso schon war.

Eine schöne Geschichte ist das nicht, aber zumindest, was das Porträt des spießigen Kleinstadtmiefs angeht, eine relativ realistische (auch wenn alles etwas überzeichnet wird und eher an die 30er Jahre erinnert als an die Jahrtausendwende). Neid, heimliche Lästerei hinter dem Rücken der anderen, an Verleumdung grenzender Klatsch, Bigotterie und Frömmelei, kaum einer in Beauval, der sich nicht mindestens einer dieser Schwächen schuldig gemacht hat. Hinzu kommen für viele finanzielle Sorgen, als der größte Arbeitgeber im Ort Mitarbeiter entlassen muss, und Konflikte konstruktiv zu lösen, haben die meisten nie gelernt. Lieber packt man die Fäuste aus.

Kein gutes Umfeld für einen sensiblen Jungen wie Antoine, der niemanden hat, der ihm zuhört oder, noch schlimmer, nicht einmal zu wissen scheint, dass es gut sein kann, jemandem sein Herz auszuschütten. Er quält sich mit dem, was er weiß, und mit dem Wissen, dass es seine Mutter womöglich wahrhaft umbringen würde, wenn sie es erführe, also schweigt er.

Auch als Erwachsener verdrängt er, stürzt sich in eine stürmische Beziehung mit einer Kommilitonin, schüttet die Gedanken zu mit Sex und Studieren, bis es irgendwann nicht mehr geht. Was dann geschieht, ist seltsam passiv und schwer nachzuvollziehen und lässt den Leser niedergedrückt und ein wenig unzufrieden zurück, bis das Buch zum Schluss noch einmal mit einer Pointe aufwartet, die zwar nicht alle Fragen beantwortet, aber überrascht und das Geschehene in ein neues Licht rückt.

Der schmale Roman ist auf eine eigene Art spannend und auch irgendwie faszinierend, obwohl keine der Figuren durchgängig sympathisch dargestellt wird. Etwas störend empfand ich die Art der (wenigen) Sexszenen, die mir zu wenig gefühlvoll und zu triebhaft wirkten, obwohl das schon zur Handlung passte. Generell ist Lemaitre ein guter Beobachter, der anhand kleiner Details Figuren zu charakterisieren oder Gefühle darzustellen vermag, was ihm für meine Begriffe jedoch beim jungen Antoine besser gelungen ist als beim erwachsenen.

Ein düsteres Buch über ein düsteres Thema, das aber durchaus lesenswert ist, auch wenn man die meisten Protagonisten zwischendurch einmal kräftig schütteln möchte.


In der Tiefe: Psychothriller
In der Tiefe: Psychothriller
von Elizabeth Heathcote
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

3.0 von 5 Sternen Strandthriller ohne großen Anspruch, 18. September 2017
Rezension bezieht sich auf: In der Tiefe: Psychothriller (Broschiert)
Carmen, freiberufliche Journalistin, und Tom, Finanzmakler in der Londoner City, sind seit einiger Zeit verheiratet und hoffen bald auf das erste gemeinsame Kind. Tom ist erfolgreich, attraktiv, sexy, weltmännisch, und dass Carmen nicht die erste Frau an seiner Seite ist, weiß sie genau, schließlich gibt es drei Kinder aus Toms erster Ehe mit Laura, dem Inbegriff einer perfekten englischen Upperclass-Mutter, die den Nachwuchs nun auf dem einst gemeinsamen großen Anwesen alleine großzieht. Und es gab Zena, Toms Geliebte, für die er Laura und die Kinder verließ. Zena, die auch Journalistin war, aber ungleich bekannter und glamouröser als Carmen. Zena, die aussah wie ein Model. Zena, die eines Tages in der Nähe von Toms Ferienhaus beim Baden ertrunken ist.

In eben jenem Ferienhaus verbringen Carmen, Tom und dessen Kinder ein "Vaterwochenende", als eine achtlos dahingesagte Bemerkung bei einer Zufallsbegegnung bei Carmen unliebsame Fragen aufwerfen, was damals wirklich passiert ist, als Zena tot am Strand gefunden wurde. Kann am Ende etwas dran sein an der Behauptung, Tom habe Zena umgebracht und den Badeunfall nur vorgetäuscht?

Carmens Vertrauen in ihren Mann schwindet mehr und mehr, je weiter sie bei ihren heimlichen Recherchen vorankommt und sich eingestehen muss, dass Tom ihr in der Tat so einiges im Zusammenhang mit Zenas Tod verschwiegen hat. Anscheinend kennt sie ihren Gatten nicht halb so gut, wie sie geglaubt hat.

Tom ist einer dieser Kerle, die in der Theorie ein echter Traumtyp sind, bei genauerem Hinsehen aber eher das Gegenteil darstellen. Dass er einen Hang zum Jähzorn hat, zeigt sich schon recht früh, und die Erkenntnis, dass er ein eifersüchtiger Kontrollfreak ist, lässt auch nicht lange auf sich warten. Wie er seine Frau klein hält und sich wie ein Pascha gebärdet, stößt schon auf, als Carmen noch ganz am Anfang ihrer Nachforschungen steht, und man fragt sich auch ganz ohne den grauslichen Verdacht, er könne Zenas Mörder sein, wieso sie sich von ihm so viel gefallen lässt.

Um der tatsächliche Täter zu sein, wird er aber fast ein wenig zu offensichtlich als Kotzbrocken aufgebaut. Er führt sich in der Öffentlichkeit ekelhaft auf, zwingt Carmen zum Sex, redet ihren Wunsch, wieder eine vollwertige Arbeit zu haben, nieder und ist auch als Vater keine allzu große Leuchte. Was Carmen dann beim Herumschnüffeln alles zutage fördert, passt eins a ins Bild, wobei sie manchmal aber auch eklatant doofe Fehler macht, so dass es gar nicht anders geht, als dass Tom ihr auf die Schliche kommt.

Bei aller Vorhersehbarkeit und den oft nervend holprigen Dialogen ist eine gewisse Spannung aber doch nicht von der Hand zu weisen, und tatsächlich gelingt es der Autorin, als man genau zu wissen glaubt, wie der Hase läuft, doch noch ein paar überraschende Wendungen einzubauen, und es kommt zu einem durchaus gelungenen, wenn auch etwas überstürzten Ende.

Sprachlich ist das Buch nichts Besonderes (vor allem, dass ständig Figuren "Ich weiß auch nicht, warum ich das getan habe" jammern oder "aus irgendeinem Grund" so und so handeln, geht einem irgendwann ziemlich auf den Keks), aber als anspruchslos-spannende Lektüre für einen Tag am Strand gäbe es sicherlich Schlechteres.


Die Kapitel meines Herzens
Die Kapitel meines Herzens
von Catherine Lowell
  Broschiert
Preis: EUR 15,00

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Viel Lärm um nichts, 26. August 2017
Rezension bezieht sich auf: Die Kapitel meines Herzens (Broschiert)
Samantha Whipple hat gerade ihr Studium in Oxford begonnen und hat einigermaßen Probleme, sich dort einzuleben. Es spricht sich in Windeseile herum, dass sie die letzte noch lebende (entfernte) Verwandte der Geschwister Brontë ist, und sie genießt deshalb die zweifelhafte Ehre, in einem fensterlosen, ungemütlichen Turm untergebracht zu werden, wo angeblich schon andere Berühmtheiten gewohnt haben. Mit zwischenmenschlichen Beziehungen tut sich Sam generell ein wenig schwer, da sie von früher Kindheit an alleine von ihrem einzelgängerischen Vater, einem Schriftsteller, großgezogen wurde, der sie auch noch zu Hause unterrichtet hat und ihr das Bewusstsein für das Erbe ihrer berühmten Vorfahren von Anfang an eingeflößt hat.

Sam hat ihren Vater über alles geliebt, der ums Leben kam, als sie fünfzehn war, doch als plötzlich rätselhafte Buchgeschenke und kryptische Hinweise auftauchen und sie sich darum von neuem mit ihrer Familiengeschichte beschäftigen muss, wird ihr klar, dass es ziemlich viel gab, wovon ihr der Vater nie erzählt hat.

Mit ihrem Literaturprofessor Orville, der sich streng, unnahbar und unerbittlich in der Benotung zeigt, verwickelt sie sich immer wieder in Streitgespräche über die Brontës und andere Dinge und hofft bei aller Antipathie, dass er ihr helfen kann, das Mysterium um die angeblichen Schätze aus dem Nachlass der Schwestern, die nie gefunden wurden, zu lösen.

Eine literarische Spurensuche rund um die Brontë-Schwestern, angesiedelt in einem altehrwürdigen britischen College, garniert mit Familiengeheimnissen und einem grantigen, aber gutaussehenden Professor - das klingt ganz nach meinem Beuteschema.

Dass die Dialoge hölzern wirken, Samantha eine unzugängliche Protagonistin ist, die sich hauptsächlich dadurch charakterisiert, dass sie so ziemlich alles blöd findet, und man sich durch einiges (pseudo?)literaturwissenschaftliche Geschwafel kämpfen muss, war ich zunächst hinzunehmen bereit, weil Catherine Lowell einige spannende Fragen bezüglich der Urheberschaft und des autobiographischen Gehaltes der Brontë-Romane aufwirft.

Leider hat sich das Durchhalten nicht gelohnt. Sam benimmt sich immer bescheuerter und unlogischer, und während die Auflösung ihrer familiären Verstrickungen noch halbwegs interessant ist, steht am Ende all der Rätselei um den "Schatz" der Brontës eine äußerst banale Schluss"pointe", und die wirklich reizvollen Denkansätze werden allesamt nicht zu Ende geführt. Hinzu kommt noch ziemlich viel von dem, was eine Figur im Roman einmal als "intellektuellen Narzissmus" bezeichnet, nämlich seitenweise Dialoge, in denen auf trockene und uninteressante Weise über Literaturtheorie schwadroniert wird.

Positiv hervorzuheben ist das umfangreiche Literaturverzeichnis am Ende des Buches, das sogar Angaben zu den deutschen Übersetzungen mit einschließt, und eine nette kleine Anspielung auf "Jane Eyre" im Epilog. Zudem habe ich Lust bekommen, die mir noch nicht bekannten Brontë-Romane kennenzulernen (und sei es nur, um festzustellen, ob "Agnes Grey" wirklich so furchtbar langweilig ist, wie hier behauptet wird).

Mit viel gutem Willen, weil ich bis etwa zur Hälfte des Buches wirklich neugierig auf die Auflösung war, und es sich trotz des Professorengequatsches weitgehend schnell und flott wegliest, gibt's von mir 3 Sterne.


Die Dame mit dem blauen Koffer: Roman
Die Dame mit dem blauen Koffer: Roman
von Valérie Perrin
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,00

3.0 von 5 Sternen Zwei Frauen, zwei Geschichten, 19. April 2017
Justine ist einundzwanzig, lebt noch bei ihren Großeltern, tanzt am Wochenende gerne im nächstgelegenen Club ab und arbeitet sonst im Altenheim eines kleinen französischen Städtchens namens Milly. Der schönste Bestandteil ihres Jobs ist für sie das Zuhören, wenn die alten Herrschaften aus ihrem Leben erzählen. Geschichten, die ihr besonders gut gefallen, schreibt sie sogar auf.

So wie die Geschichte von Hélène, die jetzt mit über 90 im Geiste fast die ganze Zeit mit ihrem geliebten Lucien an einem sonnigen Strand liegt. Hélène, die als junge Schneiderin Lucien kennenlernte, der in ständiger Furcht lebte, wie sein Vater und sein Großvater vor ihm irgendwann zu erblinden, und schließlich mit ihm die Dorfkneipe übernahm, wo sich die halbe Stadt gerne auf ein Gläschen traf. Dieses beschauliche Leben findet ein jähes Ende, als der 2. Weltkrieg mit schwerwiegenden Folgen über Milly hereinbrach und auch für Hélène und Lucien plötzlich nichts mehr war wie zuvor.

Während Justine aus vielen kleinen Puzzleteilchen, die sie Hélène entlocken konnte, ein trotz der provinziellen Kulisse ziemlich außergewöhnliches Lebensbild zusammensetzt, geschieht in ihrem eigenen Leben das eine oder andere, das sie dazu bringt, sich mit ihrer eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen. Ihre Eltern hat sie früh bei einem Autounfall verloren und ist gemeinsam mit ihrem Cousin, dessen Eltern bei demselben Unglück starben, bei den Großeltern in eher einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Die Umstände des Unfalls hat sie noch nie groß hinterfragt, doch nun ist ihre Neugier geweckt, und sie beginnt, Nachforschungen anzustellen, mit überraschenden und teils auch erschreckendem Ergebnis.

Valérie Perrins Stil ist wie der vieler moderner französischer Autor(inn)en ziemlich geradlinig, mit knappen Beschreibungen, kurzen Sätzen und schnörkellosen Dialogen, was jedoch ein gewisses surreales Element nicht ausschließt, das immer wieder zwischendurch anklingt wie etwa bei der Möwe, die Hélène anscheinend zeitlebens überallhin begleitet.

Hélènes und Luciens Geschichte hat berührende Momente, ist spannend und in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich, mir fehlten jedoch über weite Strecken ein bisschen die ganz großen Gefühle zwischen den beiden. Erst spät nimmt man ihnen die große Liebe wirklich ab. Die Darstellung der Geschehnisse im Krieg bleibt auch eher lapidar und geht nicht sonderlich in die Tiefe. Auch da hätten die Gefühlswelten deutlicher herausgearbeitet werden können. Gut gelungen hingegen ist die Beschreibung der Kneipe und der Stammgäste, hier vermittelt die Autorin viel Stimmung und Farbe.

Überraschenderweise sind es die familiären Verwicklungen bei Justine, die letztendlich für die meiste Spannung sorgen. Da tun sich Abgründe auf, mit denen nicht zu rechnen war, und es entspinnt sich förmlich ein kleiner, feiner Familienkrimi.

Die kriminalistischen Elemente, die rund um einen mysteriösen Anrufer im Altenheim eingebaut wurden, überzeugen hingegen nicht und finden eine ziemlich konstruierte Auflösung. Ebenso wenig glaubwürdig ist, dass Justine nach x Treffen den Namen des Mannes immer noch nicht weiß, mit dem sie seit einigen Wochen schläft. Vielleicht ist es auch eines der Bücher, bei denen man nicht jeden Aspekt auf die Realitäts-Goldwaage legen sollte.


Mörderische Insel: Ein Shetland-Krimi (Lynch & Macrae, Band 2)
Mörderische Insel: Ein Shetland-Krimi (Lynch & Macrae, Band 2)
von Marsali Taylor
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

4.0 von 5 Sternen Kriminelle Inselaktivitäten, 10. April 2017
Nach dem Trubel um den Mord auf einem Filmschiff ist bei Cass Lynch, der passionierten Seglerin von den Shetland-Inseln, wieder etwas Ruhe eingekehrt. Sie genießt es, in Ruhe auf ihrem Boot zu leben, und erteilt Segelunterricht für Kinder und Jugendliche.

Als gleich zwei fremde Yachten in ihrem Hafen anlegen, ist Cass' Neugier geweckt, und ziemlich bald ist sie sich mit ihrem derzeitigen Mitbewohner Anders und ihrem alten Freund Magnie einig, dass die beiden Pärchen, die mit den Booten unterwegs sind, ihnen irgendwie merkwürdig vorkommen. Bald ist von einem großangelegten Kunstdiebstahl die Rede. Während sich Cass noch fragt, ob oder wie die Neuankömmlinge damit zu tun haben, und ihren alten Bekannten Gavin Macrae von der Polizei einschaltet, gibt es auf der Insel einen tragischen Todesfall, bei dem es auch nicht mit rechten Dingen zugegangen zu sein scheint.

Cass Lynch, die mehr auf dem Wasser zu Hause ist als auf dem Festland, ist eine eher ungewöhnliche Ermittlerfigur und die Shetland-Inseln kein alltäglicher Krimischauplatz. Etwas sehr zufällig wirkt es schon, dass sie so kurz nach den letzten Ermittlungen, erneut in einen Kriminalfall hineinstolpert, aber das Problem besteht ja bei vielen Krimiserien, die sich außerhalb des herkömmlichen Polizeimilieus abspielen und ist zu vernachlässigen.

Dass Cass und ihre Freunde sofort sicher sind, dass mit den beiden Paaren auf den fremden Yachten etwas nicht stimmt, ist auch etwas weit hergeholt und lässt den Auftakt des Buches etwas konstruiert erscheinen, doch als sich tatsächlich Hinweise auf verdächtige Aktivitäten in einer kaum bewohnten Gegend der Insel verdichten, nimmt der Krimi Fahrt auf und segelt solide durch die stürmischen Gewässer der Ermittlungen, die für Cass und ihre Mitstreiter alles andere als ungefährlich sind.

Nebenbei behandelt Marsali Taylor auch Themen wie Heimat, Zugehörigkeitsgefühl und Vergangenheitsbewältigung. Dass Cass lieber Schiffsplanken als festen Boden unter den Füßen hat, wird dabei gelegentlich vielleicht ein wenig überbetont, bleibt aber doch im Rahmen des Glaubwürdigen.

Stilistisch ist auch der zweite Band ein wenig gewöhnungsbedürftig. Die Autorin wirft mit weniger nautischen Fachbegriffen um sich, beschreibt aber generell Sachverhalte häufig etwas umständlich, wobei schwerfällig wirkende Stellen womöglich auch der Übersetzung geschuldet sind, die mich nicht allzu sehr begeistert hat. (Die "Vliesjacke", die schon im ersten Band genervt hat, ist auch wieder da ...) Vielleicht wäre das Original von Band 3 mal zum Vergleich einen Versuch wert, denn nach dem etwas zähen Beginn mauserte sich das Buch zu einem soliden, spannenden Krimi, der auch - entgegen anfänglicher Befürchtungen - am Ende alle losen Fäden überzeugend verknüpft.

Gefehlt hat übrigens diesmal eine Karte der Inseln, die geholfen hätte, sich das Ganze geographisch besser vorstellen zu können.


So, und jetzt kommst du: Roman
So, und jetzt kommst du: Roman
von Arno Frank
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,00

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ganz oben, ganz unten ..., 5. April 2017
"So, und jetzt kommst du" sagt der Vater des Ich-Erzählers (der, wie ich angesichts von kleinen versteckten Hinweisen im Romantext vermute, denselben Namen trägt wie der Autor) immer dann, wenn er sein Gegenüber sprachlos gemacht hat mit dem neuesten cleveren Trick, den er auf seinem Weg zum Reichtum angewendet hat. Jürgen Frank will nämlich mehr, als mit Frau und Kindern in einer beschaulichen Vorortsiedlung in der Nähe von Kaiserslautern zu leben. Er will Geld, Erfolg, Protz und Prunk und arbeitet mit den verschiedensten Geschäftsideen emsig an seinem Aufstieg.

Dass das nicht so einfach ist, wie er sich und anderen gerne vormacht, will er sich nicht eingestehen und ignoriert geflissentlich die unaufhörlich eintrudelnden Mahnungen und Behördenbriefe, bis schließlich die Polizei an der Tür klingelt und die Familie bei Nacht und Nebel aufbricht, nach Frankreich, wo der Vater geboren ist und wo alles noch viel, viel besser werden soll als in Deutschland. Das wird es auch ... vorerst.

Es ist eine schier unglaubliche Geschichte, die uns Arno Frank hier präsentiert und die, wenn man der Presse Glauben schenken darf, auf seiner eigenen Familiengeschichte basiert: die Geschichte eines unverbesserlichen Hochstaplers, der völlig frei von Skrupeln lügt und betrügt, immer abhaut, wenn es brenzlig wird, und dabei seiner Familie Unvorstellbares zumutet.

Was der Vater genau macht, erfahren wir nicht, denn das weiß der Erzähler als am Ende dreizehn- oder vierzehnjähriger Junge selbst nicht so genau. Er beschreibt nur das, was er selbst erlebt, ein Leben, das in einer völlig durchschnittlichen deutschen Mittelklassefamilie beginnt und später das komplette Spektrum von verschwenderischem Dolce vita an der Côte d'Azur bis zu versifften Bruchbudenunterkünften und Höllenfahrten in klapprigen Uraltautos abdeckt. Die Mutter bleibt bei alledem passiv, klinkt sich schnell aus, wenn es ihr zuviel wird, so dass die drei Kinder größtenteils sich selbst überlassen sind.

Frank erzählt ungeschminkt, drastisch, auch manchmal unflätig von der mehrjährigen Odyssee der Familie, den Spannungen untereinander, den Freiheiten, die die Kinder genießen, der ständigen unterschwelligen Angst vor dem Auffliegen und auch dem belastenden Halbwissen über das, was der Vater da so treibt. Das ist so absurd, dass es schon wieder vorstellbar ist und auf eine eigenartige Weise spannend.

Stilistisch gelingt es ihm nicht immer, den Ton eines Jungen im Alter des Erzählers zu treffen - er findet ungewöhnliche Metaphern und verwendet eher wenig gebräuchliche Fremdwörter, was diesbezüglich etwas unglaubwürdig wirkt, und die oft falschen französischen Einsprengsel sind auch grundsätzlich verzichtbar. Der Spannungsbogen und die Entwicklung der Charaktere sind aber bei aller Skurrilität des Geschehens glaubhaft und gelungen bis hin zum überzeugenden Schluss, und die 80er Jahre als Hintergrundkulisse sorgen für einen netten Nostalgiefaktor.

Übrigens: Wer sich beim Anblick des faden 80er-Jahre-Schutzumschlags gruselt, sollte ihn abnehmen. Die auf dem Cover eingeprägte Auto-Tankanzeige, deren Zeiger Richtung "Reserve" deutet, passt viel besser zum Buch als das langweilige Polaroidfoto.


Als das Meer uns gehörte: Roman
Als das Meer uns gehörte: Roman
von Barbara J. Zitwer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

3.0 von 5 Sternen Zuviel Drama ..., 30. März 2017
Tess Harding ist eine der angesagtesten Schuhdesignerinnen Amerikas und lebt mit Mann und Kind in einer stilvollen Wohnung in Manhattan. Für ihren Erfolg arbeitet sie hart, was auch bedeutet, dass Partnerschaft und Familienleben viel zu kurz kommen. Gerade als ihr das endlich bewusst wird, passiert etwas Unfassbares - ihr Mann wird bei einem Raubüberfall getötet.

Der neunjährige Robbie kann den Verlust des Vaters, der seine wichtigste Bezugsperson war, überhaupt nicht verwinden, und Tess weiß sich nicht zu helfen, weil er die Mutter, die immer so wenig zu Hause war, nicht an sich heranlässt. Verzweifelt beschließt sie, nach Montauk zurückzukehren, den kleinen, malerischen Küstenort auf Long Island, wo sie ihre Kindheit verbracht hat und wo Ike, ihr Onkel und Ziehvater, heute noch lebt.

Während Tess sich dort sofort wieder heimisch fühlt und eigentlich ihren Frieden finden könnte, hasst Robbie das verschlafene Provinzkaff aus tiefster Seele und rebelliert gegen alles. Nur der Forscher Kip, der mit seinem Segelboot immer wieder von Montauk aufs Meer hinausfährt, findet einen Draht zu dem verstörten Jungen und begeistert ihn für die Suche nach einem Wal, der in den Gewässern vor Montauk lebt und zu einer äußerst seltenen Art gehört.

Der Klappentext ist, wie so oft, etwas irreführend. Kips Forschungen und der seltene Wal nehmen deutlich weniger Raum ein, als die Zusammenfassung vermuten lässt. Im wesentlichen ist "Als das Meer uns gehörte" die Geschichte einer Karrierefrau, die nach einem heftigen Schicksalsschlag versucht, wieder auf die Beine zu kommen, und erneut lernen muss, worauf es im Leben wirklich ankommt.

Das Buch lässt sich gut an; gleich zu Beginn passiert die Katastrophe, die Tess' und Robbies Leben auf den Kopf stellt, und die Sprachlosigkeit beider angesichts des schlimmen Verlustes tut förmlich weh beim Lesen. Tess' Entscheidung, für eine Weile nach Montauk zu ziehen, ist nur folgerichtig, sie will und muss weg aus dem alten Leben, in dem sowieso nichts mehr ist wie zuvor, und dieses herrliche Fleckchen Erde mitsamt seinen Bewohnern wird so wunderschön beschrieben, dass man sich gut vorstellen kann, dass dort auch tiefe Wunden heilen können (und am liebsten selbst dorthin fahren möchte).

Auch die Szenen auf dem Wasser, besonders mit dem Wal in der Nähe, sind unglaublich berührend gezeichnet. Die Liebe zum Meer spricht aus jeder Zeile. Eine besondere Erwähnung verdient auch die ausgesprochen schöne Covergestaltung mit dem in Meeresfarben schillernden Schutzumschlag.

Sehr schade ist aber, dass sich mit dem Fortschreiten des Buches immer mehr Ungereimtheiten und Logikfehler einschleichen oder Szenen einfach komplett unrealistisch sind, zum Beispiel, was das Verhalten des Wales oder den Verlauf der Segeltörns angeht. Auch Robbie ist nicht nur plötzlich vaterlos und traumatisiert, sondern auch noch gehörlos, wobei sich das vollkommen relativiert, wenn er seine Hörgeräte in Verbindung mit seinem Cochlea-Implantat trägt. Es gibt noch mehr solcher Konflikt- bzw. Entwicklungspotentiale, die angerissen, aber nicht konsequent zu Ende gebracht werden, während an anderen Stellen die Dramatik nicht wohldosiert eingesetzt, sondern mit dem ganz, ganz dicken Hollywood-Pinsel aufgetragen wird.

Das ist wirklich ein Jammer, denn die Autorin versteht durchaus zu schreiben und Atmosphäre zu schaffen, aber eine richtig gute Bewertung (mit einem halben Extra-Punkt für die großartigen Schilderungen) ist unterm Strich leider nicht drin.


Eine englische Ehe: Roman
Eine englische Ehe: Roman
von Claire Fuller
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,00

9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ein trostloses Eheleben, 21. März 2017
Rezension bezieht sich auf: Eine englische Ehe: Roman (Gebundene Ausgabe)
Gil Coleman, Schriftsteller und leidenschaftlicher Büchersammler (fast könnte man schon Bücher-Messie sagen), stöbert gerade wieder einmal in der örtlichen Buchhandlung, als er glaubt, er habe gerade Ingrid vorbeigehen sehen. Ingrid, seine Frau, die seit zwanzig Jahren verschollen ist, die ihn damals mit den zwei Töchtern alleine zurückließ, deren Verbleib nie geklärt werden konnte. Außer sich verlässt er den Laden, um die Frau zu suchen, doch er stürzt und verletzt sich schwer; die Frau ist weg.

Weil er wegen der Unfallfolgen vorerst nicht alleine leben kann, reisen seine Töchter auf die Insel, und es kommt, wie es kommen muss, die alten Konflikte und unverarbeiteten Probleme brechen sich neue Bahn.

In Briefen, die Ingrid kurz vor ihrem Verschwinden an Gil geschrieben und in diversen Büchern versteckt hat, wird parallel dazu die Vorgeschichte deutlich: Mitte der 70er Jahre kommt die Norwegerin Ingrid zum Studium nach England und verwickelt sich in eine Affäre mit Gil, ihrem Professor, eine stürmische Angelegenheit mit vielen Aufs und Abs.

Als Ingrid ungeplant schwanger wird, heiraten die beiden und ziehen in ein Häuschen auf einer Insel im Süden, einen zum Wohnhaus umgebauten früheren Badepavillon. Nach der Geburt ist Ingrid mit dem Baby mehr oder weniger auf sich gestellt, Gil zieht sich in sein "Schreibzimmer" in einem Nebengebäude zurück und beteiligt sich kaum am gemeinsamen Leben.

Das geht in den darauffolgenden Jahren so weiter, und Ingrid fragt sich immer öfter, ob das jetzt alles war - Kinder, Alltag, nicht mal ein abgeschlossenes Studium und nur wenig Anerkennung von ihrem Mann. Trost findet sie nur beim Schwimmen im Meer, und selbst das nimmt ihr Gil manchmal krumm, während er sich nach wie vor ins Schreiben und in seine Bücher flüchtet.

Das Buch beginnt vielversprechend mit dem Satz "Gil Coleman blickte aus dem Fenster der Buchhandlung im ersten Stock und sah seine tote Frau unten auf dem Gehweg", der die Neugier weckt und Appetit auf eine ungewöhnliche Familiengeschichte macht. Auch der Aufbau des Buches, in dem sich die auktorial erzählte Gegenwartshandlung mit Ingrids Briefen, in denen sie ihre eigene Geschichte schildert, abwechseln, ist geschickt gewählt. Bei den Colemans wirkt sich die Vergangenheit besonders stark in die Gegenwart hinein aus.

Mit den Personen warmzuwerden fällt allerdings recht schwer. Insbesondere Flora, die jüngere Tochter, aber auch Ingrid und Gil sind spröde und schwer fassbar, ihre Beziehung zu anderen sind nicht ohne Gefühle und Leidenschaften, aber durch die Bank verkorkst und manchmal sogar regelrecht ungesund. Selbst die Anfänge von Gils und Ingrids Studentin-Professor-Affäre kommen seltsam freudlos und humorlos daher, und Ingrids weiteres Leben ist auch weitgehend trostlos, sie verliert sich selbst, während sie auf der Insel quasi festsitzt und von ihren Mutterpflichten und düsteren Gedanken erdrückt wird.

Die Figuren erscheinen oft überspannt, tun Dinge, die kaum nachzuvollziehen und spürbar auf "Merkwürdigkeit" hin konstruiert sind: Flora malt ihrem Freund mit Edding ein Skelett auf die Haut, das er tagelng nicht abwäscht; Ingrid versteckt ihre Briefe in Büchern, statt sie Gil zu geben; Flora läuft ständig in einem alten Ballkleid herum, das mal ihrer Mutter gehört hat ... Für mich war das zuviel des Guten bzw. Seltsamen und dem Gesamteindruck des Buches ziemlich abträglich.

Bei aller Kritik hat mich das Buch aber trotzdem bei der Stange gehalten, weil ich wissen wollte, was wirklich mit Ingrid passiert ist und weil es in beiden Handlungssträngen einige überraschende Wendungen gab. Am Ende war ich dann auch halbwegs versöhnt.

Eine Extra-Erwähnung verdient das schlicht-schöne Cover und das in hübschem Wellenmuster gehaltene Vorsatzblatt.

Die Übersetzung hingegen hat mich oft geärgert, hier wurde für meinen Geschmack viel zu viel wörtlich übersetzt, im Deutschen unübliche Begriffe verwendet oder ganz falsch übersetzt. Ich habe mich immer wieder gefragt, ob mir das Buch im Original nicht vielleicht um einiges besser gefallen hätte, wenn mir nicht ständig solche sperrigen Stellen das Lesen verleidet hätten.


Zurück in Berlin: Roman
Zurück in Berlin: Roman
von Dr. Ulrike Draesner
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sehr lesenswerter Exil- bzw. Rückkehrerroman, 4. Januar 2017
Rezension bezieht sich auf: Zurück in Berlin: Roman (Gebundene Ausgabe)
Bei einer Atlantiküberquerung auf einem heruntergekommenen Schiff trifft die namenlose Erzählerin, eine US-Amerikanerin, auf einige Menschen, die den Krieg in Europa hautnah erlebt haben. Unter anderem eine englische Gouvernante, einen ehemaligen französischen Widerstandskämpfer, einen "strammen Deutschen" und das britische Ehepaar Eric und Nora Devon. Eric ärgert sich massiv über die markigen Sprüche des Deutschen, wozu er allen Grund hat, wie bald klar wird. Denn Eric ist gebürtiger Deutscher mit jüdischem Blut und ist ein paar Jahre vor dem Krieg aus Deutschland geflüchtet.

Was wie großes Glück klingt, nämlich die Flucht rechtzeitig angetreten zu haben und nicht unter dem unbarmherzigen Naziregime verhaftet oder gar getötet worden zu sein, hat bei Eric vor allem eines bewirkt: schwere Schuldgefühle und die Unfähigkeit, über seine persönliche Vergangenheit zu sprechen. Er hat alles, was vor seiner Emigration geschehen ist, verdrängt und ausgeblendet, nicht einmal Nora weiß irgendwelche Details über seine Kindheit oder seine Familie.

Doch nun sind die Devons mit ihrer amerikanischen Begleiterin auf dem Weg nach Berlin, wo Eric aufgewachsen ist. Erstmals seit zwanzig Jahren setzt er wieder einen Fuß auf deutschen Boden und begibt sich eher widerwillig und von Nora angespornt auf die Suche nach Spuren seiner Familie. Ein aufwühlendes Unterfangen, das Eric viel Kraft kostet, weil es ihn zwingt, endlich zurückzublicken und sich dem Vergangenen zu stellen - auch den eigenen Fehlern.

Allein schon als Zeitdokument ist dieser wiederentdeckte Roman einer hierzulande kaum bekannten Autorin lesenswert. Erstmals veröffentlicht wurde das Buch 1959, und erstaunlich hellsichtig wirken manche Passagen, in denen über die Zukunft des damals geteilten Deutschlands spekuliert wird. Bei einem heute erschienenen Buch würde man annehmen, der Autor habe der Figur den Gedanken hübsch passend in den Mund gelegt, hier bekommen wir jedoch die echte Perspektive der Nachkriegszeit zu lesen.

Viele der damals aktuellen Themen haben (leider) nichts an Brisanz eingebüßt: nationalistisches Denken (und Nazis in der Politik), Vergangenheitsbewältigung, Integration, um nur einige zu nennen. Gottlob passé ist die deutsche Teilung, die ja gerade in Berlin spürbar war und den Alltag prägte, wie uns Carleton in einigen eindringlichen Szenen vor Augen führt. Sehr anschaulich schildert sie auch das damalige Stadtbild Berlins mit Nachkriegsbausünden neben Bombenruinen.

Erics Probleme mit seiner Identität und Zugehörigkeit nehmen einigen Raum ein, werden aber konsequent von außen geschildert. Er wirkt oft extrem in seinen Emotionen und Äußerungen und bleibt dem Leser dadurch eher etwas fremd. Generell beeindruckt das Buch aber mit einer facettenreichen und glaubhaften Figurenzeichnung, die nur gelegentlich das eine oder andere Klischee streift, und einem detaillierten, treffenden und nicht immer schmeichelhaften Porträt der deutschen Nachkriegsgesellschaft.

Das einzige, was im Gesamtbild etwas stört, ist die komplett farblos bleibende Erzählerin, bei der man spürt, dass sie nur ein Vehikel ist, das die Handlung vorantreiben und als neutrale Beobachterin und Erzählstimme dienen soll. Da spürt man die Absicht, ist ein wenig verstimmt und fragt sich, ob es nicht auch ohne diesen Kniff gegangen wäre.

Trotzdem eine sehr empfehlenswerte Wiederentdeckung, die Deutschland nach dem Krieg aus einer sehr interessanten Perspektive schildert.


Etta und Otto und Russell und James: Roman
Etta und Otto und Russell und James: Roman
von Emma Hooper
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Der lange Weg zum Meer, 8. Dezember 2016
Etta ist 83 Jahre alt und merkt, dass ihre geistigen Fähigkeiten nachlassen. Manchmal weiß sie gar nicht mehr so richtig, wer sie ist. Doch dass sie noch nie das Meer gesehen hat, weiß sie, und deshalb schnürt sie eines Tages die Wanderstiefel, packt einen Rucksack mit dem Nötigsten und macht sich auf den Weg an die kanadische Ostküste, die nur schlappe dreitausend Kilometer entfernt liegt. Ihrem Mann Otto hinterlässt sie einen Zettel und eine Rezeptesammlung, damit er nicht verhungert, während sie unterwegs ist.

Während ihres langen Marsches schlägt sich Etta zunächst alleine durch, bis sich ein Kojote zu ihr gesellt, den sie James tauft, und schließlich wird die Presse auf sie aufmerksam, und Etta wird zu einer kleinen Berühmtheit. Doch das ist ihr alles gar nicht so wichtig. Sie will einfach nur ans Meer.

Auf dem Weg lässt sie ihr langes Leben Revue passieren, erinnert sich an ihre Kindheit, an ihre Schwester, an ihre erste Begegnung mit Otto und Russell, die wie Brüder aufgewachsen sind, und an den Krieg, der zunächst nur eine ferne Bedrohung schien, von der im Radio zu hören war, bis dann immer mehr junge Männer einrückten.

Otto und Russell sind heute noch Nachbarn und gute Freunde, und während Otto zu Hause versucht, alleine zurechtzukommen, macht sich Russell mit seinem alten Truck auf den Weg, um Etta zu suchen.

Die Ausgangssituation des Buches ist reizvoll - eine alte Frau, die spürt, dass es um ihren Verstand nicht gut bestellt ist, will sich einen Herzenswunsch erfüllen und zieht kurzerhand zu Fuß los, ungeachtet des weiten Weges. Ettas schwankender Geisteszustand ist über das ganze Buch hinweg auch gut eingefangen, glasklare Phasen wechseln sich mit Verwirrtheit ab, und manchmal verschwimmen sogar die Grenzen ihrer eigenen Erinnerungen mit denen Ottos, die sie eigentlich nur aus seinen Briefen von früher kennt.

Schön eingefangen sind auch Ottos und Russells Kindheit auf der Farm, ein karges, von harter Arbeit geprägtes, aber dabei gar nicht unglückliches Leben, Ottos Erlebnisse im Krieg und Ettas Werdegang, die, selbst kaum den Kinderschuhen entwachsen, schon mit sechzehn Jahren als Lehrerin zu arbeiten begann. Wenige Seiten genügen, um ein lebhaftes Bild der Menschen und der damaligen Zeit zu zeichnen, und es steckt sehr viel an persönlicher und globaler Geschichte in diesen gut 300 Seiten.

Umso mehr ist zu bedauern, dass das Buch stilistisch gewöhnungsbedürftig ist. Fehlende Anführungszeichen stören den Lesefluss, die Erzählweise wirkt oft eher distanziert, und die Autorin scheint nicht ganz sicher zu sein, ob das Ganze nun realistisch oder märchenhaft daherkommen soll. Irgendwie wird es am Ende ein Mix aus beidem, mit einigen surrealen Einsprengseln, die es nicht gebraucht hätte. Schade auch, dass sich Russells Geschichte irgendwann belanglos im Sande verläuft, während Ottos und Ettas Parts zu einem angemessenen Ende gebracht werden.


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