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Rezensionen verfasst von
Darkenwood

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Böse Gutmenschen: Wer uns heute mit schönen Worten in den Abgrund führt
Böse Gutmenschen: Wer uns heute mit schönen Worten in den Abgrund führt
von Bernd Höcker
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 7,95

2 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Also man soll ja, 4. August 2016
in einer Rezension auf den Text eingehen, sich mit den Aussagen des Werkes auseinandersetzen und auf dei Intetion des autors.

Also tue ich das jetzt mal.

Erste Aussage: Wir werden in einen Abgrund geführt. Stimmt. Die Arbeitslosenzahlen sind letzrthin gesunken, die Gewaltkriminalitätsrate in Berlin ist letzthin gesunken, der Schuldenstand des Bundes ist gesunken - alles sinkt, mehr Abgrund geht nicht.

Nächste Aussage: Böse Gutmenschen tyrannisieren uns. Stimmt. 30 Angriffe auf Asylantenwohnheime, 13 körperliche Angriffe auf die Menschen selbst in sechs Monaten allein in Berlin 2016 - mehr Tyrannis geht nicht. Und da ich sämtlichen Kommentaren zu 1-Sterne- sowie sämtlichen 5-Sterne-Rezensionen hier eindeutig entnehmen kann, dass die Rechtsbraunversifften dieses Landes nicht nur das einzig wahre Volk sondern auch die einzig wirklich guten Menschen dieser unserer Republik sind, passt ja alles wunderbar zusammen.

Nächste Aussage: Der Islam ist böse. Stimmt. Allerdings wäre ich auch böse, wenn ich beständig für alles verantwortlich gemacht würde, was irgendwelche Verbrecher tun, nur weil die der gleichen Religionsgemeinschaft angehören wie ich (in meinem Fall katholisch) oder die gleiche Nationalität haben wie ich (in meinem Fall deutsch).

Ich glaube, das reicht, um klarzustellen, wie präzise, vollumfänglich und schmerzhaft realistisch, ohne jedes Wunschdenken, dieses Buch auf den Nerv der deutschen Lebenswirklichkeit trifft, wie ihn tausende unserer rechtbraunversifften Mitmenschen jeden Tag erleben. Ein herausragendes Werk, das fast von Anders Breivik sein könnte. Deutschland kann stolz sein, dass seine demokratischen Traditionen, seine Meinungsfreiheit und sein Pluralismus sogar solche schonungslos gegen unsere demokratischen Institutionen gerichteten, menschenfeindlichen und antichristlichen Werke wie das vorliegende verkraften. Man kann es Allen, die gegenwärtig in den Redaktionen, den Richterstühlen und den Staatsanwaltsbüros sitzen, nur wärmstens ans Herz legen, damit sie mal sehen, wie die Welt aussähe, wenn sie woanders säßen. Z. B. in Dachau.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 12, 2016 2:18 PM MEST


The Roman Empire and the Indian Ocean: The Ancient World Economy and the Kingdoms of Africa, Arabia and India
The Roman Empire and the Indian Ocean: The Ancient World Economy and the Kingdoms of Africa, Arabia and India
von Dr Raoul McLaughlin
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 31,39

5.0 von 5 Sternen Wirklich erhellend, 20. Juli 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
und wenigstens für mich fast völlig neu, was hier über Steuerwesen und Fernhandel der Antike berichtet wird. Einzelne Ereignisse sind natürlich bekannt, aber die Zusammenhänge sind mir in dieser Form neu. Deshalb war ich den durchaus vorhandenen Wiederholungen im Text auch nicht gram, im Gegenteil.
Der Autor zitiert reichhaltig aus den unterschiedlichsten Quellen und verweilt eigentlich nie bei einzelnen Personen. Ein "sinnlicher" Eindruck der damaligen Welt entsteht so nicht. Aber der in dieser gedrängten, abstrakten Form vermittelte Faktenreichtum ist enorm.

Es macht Sinn, das Buch mit einem historischen Atlas daneben zu lesen, da es mit eigenen Karten nun wirklich nicht gerade überfrachtet ist. Ich konnte das nicht, weil ich es in der U-Bahn oder sonstwo mit mir 'rumgeschleppt habe, obwohl es für's häppchenweise lesen nicht so geeignet ist. Wer's kann sollte es, mit Atlas, möglichst an einem Stück lesen.

Insgesamt eine gute, umfassende und auch für andere Aspekte der antiken Geschichte sehr erhellende Darstellung eines Teils der griechisch-römischen Antike, der normalerweise sehr vernachlässigt wird. Die Römer sind sonst ja gern alles, Krieger, Politiker, Intriganten, Sklavenhalter, Unterdrücker, Gelehrte, Bildhauer, Schriftsteller, Philosophen - dass der antike Staat einen Fiskus hatte, dass er pekuniären Interessen und Zwängen unterlag, dass die berühmte römische Legionsmacht nur soweit reichte wie der Staatsschatz, und wie dieser Staatsschatz zu Stande kam, dass römische Imperatoren ihre politischen und militärischen Pläne oft genug an fiskalischen Erwägungen ausrichteten, dass Rom einen Sozialstaat hatte der zu finanzieren war und dass sich mancher, vor Allem ägyptischer und griechischer Kaufmann, ganz gern von Rom hat "unterwerfen" lassen, weil ihn das finanziell besser stellte, dass Rom die Provinzen oft eher entwickelte als ausbeutete, weil es durch die Ausbeutung mehr Geld verloren als gewonnen hätte - das sind Dinge, die Einem viel seltener erklärt werden. Hier ist das nun gelungen, wissenschaftlich fundiert und trotzdem auch für den Laien verständlich.

Hinsichtlich der Lesbarkeit war nur der für mich zu enge Zeilenabstand ein echtes Problem. Immer wieder rutschte ich mit den Augen zum vorherigen Satz und/oder konnte die Anschlusszeile nicht gleich finden. Da das Buch in der jetzigen gebundenen Ausgabe nicht billig ist, finde ich den engen, papiersparenden aber leserunfreundlichen Druck ein bisschen daneben. Ansonsten ist dieses Sachbuch ein reines Lesevergnügen. Man sollte nur ein bisschen Zeit mitbringen.


Der Kirschblütenmord
Der Kirschblütenmord
von Laura J. Rowland
  Gebundene Ausgabe

5.0 von 5 Sternen Und noch ein Krimi in dem's nicht (nur) um den Kriminalfall geht, 20. Juli 2016
Rezension bezieht sich auf: Der Kirschblütenmord (Gebundene Ausgabe)
sondern um den Ermittler und seine Lebenswelt. Kurz gesagt - was mir an Brunetti in Venedig so gut gefällt, gefällt mir auch an Sano Ichiro (was erstgeborener Sohn (Ichiro) der Familie Sano heißt, da er keine Brüder hat, ein bisschen überflüssig der Name aber sei's drum) im Edo des 17. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung.

Zunächst einmal zu ein paar Missverständnissen, die bezüglich des Buches unterwegs sind: Es spielt nicht "im japanischen Mittelalter". Zwar hat das 17. Jahrhundert, unser Barockzeitalter im Wesentlichen, in Japan noch den Höhepunkt und den Beginn des Niedergangs des Feudalstaates gesehen, der bei uns in Europa so integral zum Mittelalter gehört, das man ihn sich nirgendwo anders als eben im Mittelalter vorstellen kann. Aber 1. gab es im europäischen Barock noch Überreste des Feudalstaates (so ziemlich die gesamte Reichsverfassung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation beruhte noch auf dieser Staatsidee) und 2. zeigte die japanische Gesellschaft damals schon erste Entwicklungstendenzen einer barocken Gesellschaft, wie Schusswaffengebrauch, Manufakturwesen, und einsetzende "Verbürgerlichung" der Eliten und Machtpositionen. Der japanische Staat hat sich teilweise um deren Unterdrückung bemüht, war dabei sogar sehr brutal, aber er hat es letztlich nicht geschafft (auch wie in Europa).

Vor diesem Hintergrund ist der "Lokalkolorit" dieses Buches genau auf den Punkt getroffen. Ein Samurai hatte nur eine Existenzberechtigung, wenn er einen Herrn hatte. Einen Herrn zu haben und ihm zu dienen war der einzige "Beruf" den er haben konnte. Davon zu trennen war das "Amt" das ein Samurai inne hatte (oder eben auch nicht) und aus dem er, wenn er kein Daimyo mit großem Landbesitz war, per Gehalt auch seine einzigen Einkünfte beziehen musste. Hatte er ein "Amt" inne, was er durch Protektion bekam oder vom Vater erbte, war der letztliche "Amtsspender" auch sein "Herr" im Sinne des Samurai Verhaltens- und Ehrenkodexes (Bushido). Für ein Amt in der Staatsverwaltung war der Amtsspender immer der Shogun (Militärherrscher von ganz Japan). Im 17. Jahrhundert war der erste Fürst des Hauses Tokugawa immer automatisch auch Shogun. Der Shogun hatte "erbliche Gefolgsleute" (= europäisch: Lehnsleuten) des Hauses Tokugawa und er ernannte andere selbst zu Gefolgsleuten des Shogun. Bei Letzteren war dann der Rang im Gefolge nicht automatisch erblich. Wenn deren Söhne beim (ehrenhaften) Tod des Vaters nicht selbst wiederernannt wurden, waren sie noch Samurai, und der Shogun ihnen auch verpflichtet, aber sie konnten/mussten sich erstmal ein eigenes/anderes Amt suchen. Beim unehrenhaften tod und/oder Amtsverlust des Vaters verlor die ganze Familie ihren "Herrn" gleich mit dem Amt.
Verlor ein Samurai seinen Herrn, z. B. wenn dieser ohne Erben starb, selbst vom Shogun/vom jeweiligen Fürsten (= Daimyo) degradiert wurde oder den Samurai "verbannte", wurde der Samurai zum "Ronin". Er verlor damit nicht nur seine "Berufung" (Ehre, soziale Stellung und Ansehen) sondern auch seinen (Land)Besitz oder sein Amt, und damit alle Einkünfte. Bis zum Tokugawashogunat, also bis etwa Anfang/Mitte 17. Jahrhundert, begingen viele Ronin sofort Selbstmord, häufig mit ihren Familien. Ursprünglich verloren Ronin auch insgesamt ihren Status als Samurai. sie wurden damit nicht zu Bürgerlichen oder Arbeitern. Sie hatten in der japanischen Gesellschaft ÜBERHAUPT keinen Platz mehr. Dass ein neuer Herr sie in seine Dienste nahm und damit ihre Schande tilgte war äußerst selten. Über Jahrhunderte stellten deshalb Ronin, die sich nicht das Leben nahmen, den größten Teil der Kriminellen in Japan.
Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts, die Zeit, in der der Roman spielt, war der harsche Kodex etwas aufgeweicht. Zwar war ein Ronin immer noch ehrlos, und viele haben an der Demütigung und Schande persönlich sehr gelitten. Aber jetzt war es nicht mehr verboten und unter unter den bürgerlichen Kreisen Japans nicht mehr verachtet, wenn ein Ronin zum Lebensunterhalt Geschäftsmann wurde, jedenfalls wenn er ohne eigene direkte Schuld zum Ronin geworden war. Er konnte sogar seinen Status als Samurai behalten. Er war dann zwar unter den anderen Samurai verachtet, aber die Bürgerlichen mussten ihn weiterhin als Samurai achten und behandeln. Das heißt, er konnte sie jederzeit ungestraft verletzen oder töten, nur so zum Spaß. Betrügen, im Rahmen seiner Geschäfte mit ihnen, durfte er sie aber nicht. Als Geschäftsmann musste sich auch ein Samurai an die Gesetze halten. Gelegenheiten, Geschäftsmann zu werden, gab es genug. Es gab in größeren japanischen Städten (wie auch in den europäischen Barockstädten) bereits regelrechte "Einkaufsgegenden", mit Schreibwarenläden, Juwelieren, Arztpraxen (die aber eher in Japan als in Europa), Apotheken, Anwaltsbüros, Gemüse- und Obsthändlern, Tuch- und Kleidungshändlern, Bäckereien etc. Wer einmal Holzschnitte und andere japanische Bilder aus der Zeit sieht, der wird einige Motive sehen, wo Frauen (und auch Männer) alleine oder in Gruppen, auf "Shoppingbummel" sind. Japan hatte damals bereits seit Längerem eine funktionierende Geldwirtschaft samt einem frühen Bankenwesen einschl. "Zahlungsnoten" und/oder Kreditbriefen oder wenigstens Schuldverschreibungen. Einkünfte und, soweit nicht Landbesitz, Vermögenswerte eines Mannes/einer Familie wurden in einer Edelmetallmünzwährung berechnet, deren Gegenwert in "Koku" definiert wurde. Ein Koku, das war ursprünglich eine bestimmte Menge Reis, genug um einen Mann/eine Familie so und so lange zu ernähren. Je mehr "Koku", dest mehr "Überfluss" den man nicht unmittelbar für die Lebenserhaltung brauchte, also desto mehr sonstiger Konsum war möglich. Man war also reich, wenn man den Geldwert von vielen Koku sein Eigen nennen durfte.

Ich erläutere das so ausführlich, weil der Leser die Hauptfigur, und auch die anderen Charaktere, ohne den kulturellen Hintergrund nicht verstehen kann. Sano ist der (bei Beginn der Geschichte knapp 30 Jahre alte) einzige Sohn eines schuldlos zum Ronin gewordenen Samurai-Schwertmeisters. Da der "alte" Sano-san beim Tod seines Herrn schon Familie hatte, beging er keinen Seppuku (ritueller Selbstmord) sondern machte eine Kampf- und Schwertschule auf, in der auch sein Sohn Ichiro kämpfen lernte. Einziger leidenschaftlicher Wunsch der Eltern, besonders des Vaters war und ist, dass der Sohn wieder zum ehrenhaften Samurai wird, mit einem Herrn, und durch große Taten für diesen Herrn die Schande der Familie tilgt. Dazu schickt er Ichiro auf die besten Schulen und lässt ihn umfassend bilden. Leider möchte Ichiro dann eigentlich Gelehrter bleiben, aber das ist kein Beruf für einen Samurai (tatsächlich gaben einige Samurai, die Gelehrter oder, schlimmer noch, Künstler bestimmter Kunstrichtungen sein wollten, ihren Samuraistatus, komplett und für immer und erblich, auf.) Der Vater nutzt die letzten Verbindungen und "nötigt" den Nachkommen einer Familie, der Urgroßvater Sano mal einen Gefallen tat, dazu, Ichiro ein Amt bei der Polizei zu verschaffen. Das Ichiro das nicht will, ist völlig gleichgültig.
Von da an ist Ichiro durch Ehre und Gewissen, durch Kindespflicht (die sogar über den Tod des Vaters weit hinausreicht), Kriegerpflicht und durch alle seine religiösen und sonstigen Überzeugungen sowie durch die Erwartungshaltung seiner gesamten Umgebung dazu verpflichtet, aus diesem Amt einen Erfolg zu machen. Es gibt nur ein Problem - Ichiro ist aufrichtig, pflichtbewusst, ehrenhaft bis zur Selbstvernichtung - aber eben nicht bis zur völligen Selbstverleugnung. Sich umbringen würde er, sich aufgeben nicht. Dass er intelligent, kreativ und flexibel ist, ist zwar seinen Vorgesetzten nicht eben Recht, aber es ist nicht wirklich das Problem. Aber er ist ein freier Geist. Alle sehen in ihm nur einen "er'". 'Er mein Sohn, er der Samurai, er der Polizist, er der mir verpflichtet ist. Aber Ichiro ist leider auch ein "ich", und dieses "ich" will nicht immer so wie die andern meinen, dass "er" muss. Ichiro will mit jeder Faser seines Seins seine Pflicht tun, seinen Vater stolz, seine Mutter reich, seinem Namen Ehre machen und das Bushido befolgen - nur will er sich eigentlich von Niemandem vorschreiben lassen, wie er das zu tun hat.

Selbiges geht nun gründlich schief, wie in der starren Gesellschaftsordnung nicht anders zu erwarten. Korruption aller Orten, Lügen statt Wahrheit, Eigensucht statt Hingabe, Verschwörung statt Pflichterfüllung - Willkommen, Sano Ichiro, in der schnöden Wirklichkeit, kaum dass er seinen Gelehrten- und Historikerschreibtisch (Historiker ist er nämlich eigentlich, das hat er studiert und das liebt er) mit der Polizeikaserne vertauscht hat (die er und die ihn nicht liebt, wirklich nicht). Ein etwas exotischer (Schein)selbstmord wird ihm übertragen, weil man ihn für einen Trottel hält. Damit sich das nicht ändert, bekommt er den unfähigsten Assistenten der Kaserne zugeteilt, der ihn dummerweise auch noch heiß verehrt. Leider ist der ursprüngliche Schabernack das Einlasstor zu einer groß angelegten Verschwörung, in die Ichiro hineingerät weil er die Nachforschungen nicht einstellt als man's ihm befiehlt. Immer wieder zaudert er, fürchtet die Entlassung, das "Roninsein" mehr als den Tod. Er fürchtet aber nicht für sich, sondern für seinen Vater. Er WILL ja gehorchen, er WILL ja ein guter Samurai sein, er WILL ja ehrenhaft sein, aber wenn doch das, was seine Vorgesetzten da verlangen, ihm so unehrenhaft vorkommt...... Gut, Bushido sagt, "Gehorchen". Bushido sagt aber auch: Wahrheit. Gerechtigkeit. Richtig und Falsch.

Es kommt natürlich, wie es kommen muss: Er definiert sich seine "Ehre" und seine "Pflicht" am Ende selbst. Der Schlamassel, in den ihn das bringt, scheint unauflösbar. Die Wendungen, die ihn überleben lassen (wie wird nicht verraten) kommen uns heutigen Europäern teilweise unwahrscheinlich bis unglaubwürdig vor. Für einen Mann in Ichiros Position, mit seinem Hintergrund, seinem Glauben und Erziehung und unter den Gesetzen des Tokugawashogunats sind sie vollkommen folgerichtig und logisch. Es ist an einigen Stellen selbst, vielleicht sogar besonders, für die Übeltäter der Geschichte und deren Familien/Freunde eben nicht damit getan, das etwas "nicht 'rauskommt". oder dass man die eigene Haut rettet. Für diese Menschen zu dieser Zeit waren andere Dinge manchmal sehr viel wichtiger. Japan hat heute noch eine der höchsten Selbstmordraten der Welt, nicht weil das Leben dort so furchtbar ist sondern weil vielen dort heute noch andere Werte manchmal höher stehen als das eigene Überleben.

Vielleicht hat das Buch Einigen nicht gefallen, weil sie einen modernen Psychothriller nach amerikanischem Muster erwarten. Das ist Der Kirschblütenmord mit Sicherheit nicht. Der Kriminalfall ist an sich wenig spektakulär, jedenfalls wenn man viele moderne Psychothriller kennt. aber die psychologischen Hintergründe der Mörder, insbesondere die der Gesellschaftsordnung, einem System im Niedergang, geschuldeten seelischen Deformationen der Handelnden sind wunderbar geschildert. Die Szenen sind alle herrlich koloriert, Kleider, Landschaft, Häuser, Gesichter, Einrichtungen, Düfte, Geräusche und Geschmäcke - da knistert die Seide, da singen die Schwerter als wäre man dabei. No- und Kabukitheater, Teezeremonien und Neujahrsfest - es ist Alles da.

Ich habe das Buch gerade zum zweiten Mal gelesen. Den Kriminalfall hatte ich komplett vergessen, aber der Eindruck vom Japan der Samuraizeit war mir noch völlig präsent geblieben. Wer bereit ist, sich auf den historischen Roman einzulassen, der in diesem Krimi steckt, der wird sicher reich belohnt werden. Wer lieber einen Splatter-Reißer hat, der sollte die Finger davon lassen.


Tod zwischen den Zeilen: Commissario Brunettis dreiundzwanzigster Fall
Tod zwischen den Zeilen: Commissario Brunettis dreiundzwanzigster Fall
von Donna Leon
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein schwieriger Fall, 9. Juni 2016
für die Rezensentin ist dieses Buch.

Ich liebe Bücher. Ich liebe Bibliotheken. Ich liebe Venedig. Ich mag Guido Brunetti sehr. Also - wie könnte ich anders, als dieses Buch zu mögen? Zumal - ich bin hier eher der Meinung der Bibliothekarin, dass das Buch als Gegenstand auch einen enormen Wert hat, als der Meinung Brunettis, dass nur der Text zählt. Und dieses Buch ist vom Diogenesverlag mal wieder wunderschön gemacht. Leineneinband, Fadenheftung, schöner Schrifttyp, hach ja.......

Trotzdem ist denjenigen, die es mit 1- 2 Sternen bewerten, zuzustimmen. Der Kriminalfall an sich - wie soll ich mich ausdrücken? - regt einen nicht gerade zum Fingernägelabkauen an vor lauter Spannung. Das plätschert so dahin. Das steht da sowieso nur, weil auch ein Schwanengesang einen Kriminalfall haben MUSS, wenn er denn dann im Gewand eines Krimis verkauft wird. Ein Schwanengesang auf Venedig, auf die "alte Buchwelt" und ihre Liebhaber, auf den venezianischen Adel und auf Guido Brunettis früher einmal leidenschaftlich vertretene, jetzt aber nur noch müde, mit einem leisen Hauch Zynismus, erinnerte Prinzipien und Illusionen. Unzweifelhaft steht dieser Schwanengesang im Vordergrund. Was hier ohne jede echte Aggression dargestellt wird, ist keine Strafsache sondern der langsame Tod der Serenissima. Selbst der Mord, so brutal und abstoßend er ist, wirkt wegen der "künstlerischen", bildhaften Beschreibung der Blutspuren an der Wand eigentümlich abstrakt. Wie sich das für das Venedig gehört, stirbt sie mit Eleganz, mit Elegie, in ihrer Frühlingspracht, widerstandslos, unbeschützt, sinnlos - aber in ihrer ganzen Schönheit und in ihrem ganzen Stolz intakt und ungebrochen.

Der hemmungslose Vandalismus an Venedigs (und ganz Italiens) schönstem literarischen Erbe, seine gewaltsame Kommerzialisierung als "Raubkunst" für Menschen, die mit Büchern gar nichts anfangen können außer ihre primitive Gier und ihre Eitelkeit zu befriedigen, und als "krönender Abschluss" der Mord an einem alten Mann, der diese Bücher (scheinbar) über Alles liebte - das ist, für sich genommen, nicht wirklich spannend. Das ist nicht einmal wirklich interessant. Aber als Sinnbild für den Untergang Venedigs und den Raubbau an Italiens einzigartigem kulturellen Erbe ist das an Eleganz und Stilgefühl nur schwer zu überbieten.

Mit der Serenissima stirbt eine ganze Welt, und mit ihr stirbt auch ihre Schönheit. Sie wird zerrissen und verramscht, von modernen Barbaren überlaufen, vernichtet, und zertrampelt. Das Beste daran ist - die Barbaren sind keine Fremden. Keine Invasoren. Keine Ausländer, Zugewanderte oder sonstige "Buhmänner". Es sind Venezianer. Es sind die eigenen Leute. Und sie tun es für's Geld, oder aus Rachsucht, oder schlicht, weil sie's können. Weil sie keiner daran hindert.

Weil Gier und Geld und Kleinlichkeit und korruption so normal sind, so ungemein alltäglich, dass selbst Guido Brunetti, einst der unermüdliche Kämpfer in Strahlender Rüstung, nicht mal mehr zuckt, als man ihm mal wieder von einem Korruptionsfall erzählt. Für sechs Polizeiboote wurden 12 Navis gekauft, bezahlt, und nie geliefert, wobei es sich um Modelle handelt, die a) niemand braucht, die b) nicht funktionieren und die c) nie wirklich von der venezianischen Polizei bestellt wurden. "Wird es jetzt Frühling, was meinen Sie?" fragt Brunetti, die Sonne und die nach Glyzinien duftende, seidige Brise genießend. Und sein Kollege lächelt und lässt das Thema fallen.

Deutlicher kann man es nicht mehr sagen, ohne es zu sagen - es ist vorbei. Selbst Guido Brunetti kämpft nicht mehr. Was soll da noch kommen?

Dazu passt es wundervoll, dass der Fall, und seine Frau, Brunetti einmal mehr in die ebenfalls versinkende Welt des alten venezianischen Adels transportieren. Der alte Gegensatz zwischen Guido und seinem Schwiegervater ist obsolet geworden. Sie lieben beide ihre Stadt, aber sie haben es aufgegeben, sie retten zu wollen. Der Conte transferiert sein Geld in's Ausland. Insb. nach Nordeuropa. Dorthin, woher aus italienischer Sicht alle Barbaren stammen. Jetzt sollen Zivilisiertheit und Rechtstaat des Nordens den Rest des alten italienischen Vermögens bewahren vor der einheimischen Barbarei in Venedig/Italien. Guido seinerseits denkt daran, dass Paola den Palazzo einmal erben wird, und er dann irgendwie das Geld für die Heizungsrechnung wird beischaffen müssen. Die Contessina Elisabetha, eine Freundin von Guidos Schwiegermutter, versucht durch kulturelle Stiftungen an die Stadt Venedig einen Teil ihres Familienkunsterbes für die Zukunft zu retten, aber ihre Absicht scheitert ebenfalls.

Brunetti, passend, ergeht sich diesmal nicht in Gedanken über die verflixten "alten Seilschaften", an die Vetternwirtschaft der alten venezianischen Familien, die ihn früher so oft und so sehr gestört haben. Statt dessen genießt er den Moment mit allen Sinnen. Er bedauert dass seine Mutter nicht mehr erlebt wie ihr Sohn Guido einer Contessina Morosini in ihrem Pallazzo formvollendet die Hand küßt. So ändern sich die Zeiten.

Leider ändert sich in der Questura überhaupt nichts, und das ist der einzige Schwachpunkt, der mich wirklich stört. Brunetti, seine Kinder, die Schwiegereltern, Venedig - alle sind älter und abgeklärter (weniger positiv ausgedrückt: desillusioniert und zynisch). Aber Patta ist immer noch Patta, und, am unglaubwürdigsten, Signorina Elettra ist immer noch unverändert Signorina Elettra. Jedenfalls insoweit als sie immer noch jung und morgenschön an ihrem Computer sitzt. Ihr rosa Angorapullover (bei 20 Grad Außentemperatur in Venedig im Frühling im Büro?) bringt Guido nach einem Blick, trotz Abneigung gegen Rosa UND gegen Angora, sofort zum Träumen. Herrgott, nach all den Jahren, eine Nummer kleiner geht's selbst mit Elettras Schönheit irgendwann mal auch?

Auch Paola hat sich nicht verändert. Äußerlich nicht und auch nicht innerlich. "Sic transit gloria mundi" wäre ein passenderer Titel für Alles und Jedes in dem Buch gewesen - nur nicht für die zwei.

Das ist ein grober Kontrast zu dem gesamten Rest des Buches, der sehr störend wirkt. Wie eine ausgemachte Schlampigkeit der Autorin. Als hätte sie einfach nicht gewusst, wie sie die beiden Frauenfiguren, sonst zwei der wichtigsten Figuren in und für Guidos Umfeld überhaupt, in der Geschichte unterkriegen soll.

Insgesamt passt es aber zu dem Eindruck, dass es sich hier eher zufällig um einen Brunettikrimi handelt. Eigentlich ist das ein Buch von einer Venedigliebhaberin über den langsamen Tod ihrer Stadt, für das man irgendeinen Aufhänger suchte, und warum nicht Brunetti? Als Krimi also wirklich nicht zu empfehlen. Aber als ein elegisches Buch über Venedig fernab des üblichen Kitsches, zynisch, aber elegant, traurig, aber nicht jämmerlich - das ist schon wunderbar und berührend zu lesen. Wer die Stadt einmal gesehen und ehrlich bewundert hat, der hat hier ein Erle(s)nis vor sich. Und wann hat man das bei einem Kriminalroman schon mal?


Das letzte Jahrhundert der Pferde: Geschichte einer Trennung
Das letzte Jahrhundert der Pferde: Geschichte einer Trennung
von Ulrich Raulff
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,95

8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Ziemlich enttäuschend, 2. Juni 2016
IIch habe mich richtig gefreut, als ich das vorangekündigte Buch dann endlich in der Hand und danach im Regal hatte. aber - kaum hatte ich mich "freigeschaufelt" und begeistert angefangen zu lesen, war es mit der Begeisterung auch schon wieder vorbei. Denn es war nichts mit der groß angekündigten Geschichte der Pferde im "langen 19. Jahrhundert". Die kam höchstens mal zufällig, alle paar Seiten mit höchstens drei Sätzen am Stück vor.

Ich bitte im Voraus um Entschuldigung, falls ich jetzt einigen Kulturbegeisterten auf die Füße treten sollte, aber das Buch ist im Wesentlichen ein Schaulaufen des Autors und seines persönlichen Bildungs- und Belesenheitsniveaus. Es ist, als hätte Ulrich Raulff weniger nach einem Thema als nach einem Anlass gesucht, mal so richtig zu zeigen was er nicht Alles gelesen, beschaut und beurteilt hat. Das Werk, das dabei herausgekommen ist, hat nicht einmal genug Struktur, um als Anekdotensammlung im Stile des altehrwürdigen "Hausfreunds" zu taugen. Einen bildungstheoretischen Vortrag mit schönen und besinnlichen Bildern aus dem Beamer, ein Beispiel für bildungsbürgerliches "freies Assoziieren" oder für ein sonntagnachmittägliches "Brainstorming" - das alles hätte das Werk mit Fug und Recht sein können, aber leider kein Buch über die Geschichte des Pferdes im letzten und vorletzten Jahrhundert. Das mäandert schlimmer als der Orinokofluß, vom Hölzchen auf's Stöckchen und wieder zurück. Das bleibt bei keinem einzigen Thema, bei keinem Gedanken länger als zwei bis drei Sätze hängen und trotzdem - oder vielleicht gerade deswegen - wiederholt es sich nach kurzer Zeit in einigen Punkten. Das springt zwischen den Jahrhunderten, den geographischen Räumen, zwischen Geschichte, Philosophie, Malerei, Literatur und Politik ohne Punkt und Komma hin und her, dass es den (selbst geneigten) Leser nur so graust. Ich habe mich schon ab Seite 25 dabei ertappt, dass ich jede Seite erst mal nach dem Wort "Pferd" scrollte, immer mit der Versuchung kämpfend (falls ich das Wort nicht mindestens zweimal fand), die Seite einfach zu überschlagen.

Insgesamt wirkte das vom Verlag u. a. m. als großer Wurf einer kulturgeschichtlichen Darstellung angekündigte Werk auf mich eher wie ein ad hoc Vortrag, den ein Belesener spontan einem Freund oder einem guten Bekannten halten mag, von dem er erwarten kann, dass der weiß, was der Vortragende meint. Als nicht mit dem Autor befreundeter oder gut bekannter Leser eines mehrhundertseitigen Buches, das in der gebundenen Ausgabe nicht gerade billig ist, fühlt man sich da nicht gerade gut und fair behandelt. Für mich persönlich kam erschwerend hinzu, dass raumgreifende Zitate nach Ernst Jünger und Oswald Spengler mich selten für ein Buch einnehmen können. Eine gewisse konservativ-bildungsbürgerliche Herablassung im Ton rundete meinen negativen Eindruck ab.

Insgesamt scheint mir das Werk eher unverdaulich. Ich habe es daher auch nicht behalten.


Magic Of The Waltz
Magic Of The Waltz
Preis: EUR 9,99

5.0 von 5 Sternen Eine schöne Zeit, 12. Mai 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Magic Of The Waltz (MP3-Download)
kann man mit der Musik haben. Macht Laune, enthält ein paar sehr kreative und überraschende Arrangements. Eine Reihe Walzer, die man (so) nicht jeden Tag hört. Orchesterleistung ist wie immer sehr schön. Es zahlt sich aus, wenn man die leichte Muse zwar nicht zu schwer, aber dennoch ernst nimmt.


Erzherzogin Sophie: Die starke Frau am Wiener Hof. Franz Josephs Mutter. Sisis Schwiegermutter
Erzherzogin Sophie: Die starke Frau am Wiener Hof. Franz Josephs Mutter. Sisis Schwiegermutter
von Christa Bauer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,95

9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Eher entäuschend, 11. April 2016
Viel Neues wird einem hier in der Tat nicht geboten. Eher kommt manches aus anderen Büchern schon Bekanntes zu Kurz. Sofies politisches Leben als Erzherzogin wird fast immer nur gestreift. An einigen Stellen schien mir die Apologetik der Autorinnen etwas auf Kosten der Objektivität zu gehen, z. B. wenn Sofie's Religiosität (um jeden Preis) nicht bigott gewesen sein soll. Man verstehe mich recht, unser heutiges Verständnis von "bigott" auf die katholische Gläubigkeit in der Mitte des vorletzten Jahrhunderts anzuwenden, ist wohl wesentlich bigotter als es Sofie jemals war. Aber einige Kapitel später wird ihre Einschätzung zum Konkordat beschrieben, und zu eben dessen späterer Wiederaufhebung. Das Konkordat war für weite Teile der k . k. bzw. k u. k. Bevölkerung schon damals ein völliger Anachronismus. Insb. hinsichtlich der Deklassierung der nicht-katholischen Bevölkerungen und der Macht, die es der Kirche einräumte, wurde es damals schon als unverständlicher Rückgriff auf mittelalterliche Vorstellungen empfunden. (Ich bitte es inhaltlich nicht mit den heute geltenden Konkordaten zu verwechseln). Wenn Sofies Glaube "moderner" war, als man ihr nachsagte - wie passt das?

Was mich gestört hat, war mehr "der Geschmack" den einige Stellen bei mir auf der Zunge hinterließen. Während Wien allein in der 1848/1849er Revolution mehr als 2.000 Tote hat, während das Haus Habsburg seine eigene Hauptstadt bombadieren läßt, verbringt Sofie mit ihrer Familie zwei (eher kurz gehaltene) Exile in Innsbruck und in Tirol, wo sie wunderschöne Blumenwiesen und neue Freunde findet. Gut, sie ist nicht freiwillig abgereist, sondern geflohen. Sie war über die Revolution erschrocken, sie hatte Angst um die Zukunft ihres Sohnes, alles richtig. Trotzdem ist es nach der ausführlichen Schilderung des wirklich tlw. recht idyllischen Exils, im Kontrast zu den Leiden der Revolutionäre (Tot, lebenslanges Exil, langjährige schwere Kerkerstrafen, Armut, Berufsverbot etc.) nicht leicht nachzuvollziehen, dreimal oder noch öfter hintereinander weg lesen zu müssen, dass die zurückgekehrte Erzherzogin, deren Besitz, Heim, Freunde etc. nicht angetastet wurden, "dem Volk" die Revolution und deren "schreckliche" Erfahrungen "nie verziehen" hat. Metternich war abgesetzt und im Exil, Kaiser Ferdinand hatte zu Gunsten von Sofies Sohn abgedankt und war nach Prag verschwunden, und, wie gesagt, die Revolution war blutig niedergeschlagen worden. Niemand aber hatte Sofie ein Haar gekrümmt oder auch nur ihren Frisiertisch angetastet. Selbst im 19. Jhd. ist das ein bisschen wenig, um es "niemals zu verzeihen".

Insgesamt hat das Buch die Tendenz, zu wenig über zu viel, aber dafür zu viel über zu wenig zuschreiben. So liest man über Seiten hinweg immer wieder, dass Sofie eigentlich durchaus Reformen wollte und sich für Reformen einsetzte. Was das eigentlich für Reformen waren, und welchen (evtl. deeskalierenden) Einfluß sie auf die Revolution hätten haben können, bleibt weitgehend verborgen.
Sofie war zudem "wohltätig". Sie stiftete hier, sie besuchte da - und dabei bleibt es. Mehr Informationen gibt's nicht. Dabei machen sich andere Biographien durchaus die Mühe, die Auswahl der Stiftungen etc. und die gestalterischen Einflüsse der jeweiligen "hohen Wohltäter" im Detail unter die Lupe zu nehmen. Waren doch solche nach den persönlichen Vorstellungen gestalteten Wohltätigkeiten damals, gerade für Frauen, die einzige Möglichkeit eigene Prinzipien und Konzepte direkt in die Praxis umzusetzen. Es wäre also sehr interessant gewesen, über Sofies Wohltätigkeit mehr zu erfahren. Man hätte dann auch sehr viel mehr über sie selbst und über ihre geistigen Horizonte erfahren.

Manch Anderes in dieser Biographie scheint widersprüchlich. Sofie sei eine hingebende Mutter gewesen, die sich um die Erschöpfungsanfälle ihres Erstgeborenen sehr gesorgt hat. Sie habe jeden Tag, trotz aller offiziellen Verpflichtungen, mehrere Stunden mit ihren Kindern verbracht. Das ist bei einer Erzherzogin damals natürlich weder selbstverständlich noch einfach gewesen, verdient also, heute wie damals, jede Anerkennung. Zwei Seiten weiter liest man, mit etwas Erstaunen, dass der Erziehungsplan, den Sofie für Franz Josef stets en Detail mit den jeweiligen Betreuern ausarbeitete (steht ebenfalls im Buch), ein "unmenschlicher Drill" gewesen sei. Er habe den jungen Thronfolger nicht nur um ein paar (gerade für einen Herrscher) sehr wertvolle menschliche Eigenschaften gebracht (u. a. Menschenkenntnis), sondern ihn auch ständig an den Rand der Erschöpfung und darüber hinaus getrieben. Ich wüßte gerne, wie Frau Mutter das in ihrem Kopf übereinandergebnracht hat: Die Angst er überarbeite sich einerseits und den von ihr mitgeschaffenen Erziehungsplan, der zu der Überarbeitung führte andererseits. Wo sie ihn ja jeden Tag sah und sich von allen Erziehern Berichte geben ließ, müsste der Zusammenhang ihr ja irgendwann einmal aufgefallen sein.

Alles in Allem: Für einen Essay "Über das private Leben der Erzherzogin Sofie am Wiener Hof" hätte das hier sehr gut gereicht. Für ein ganzes Buch, eine Biographie noch dazu, die Neues über Sofie bringen wollte, viel Neues - dafür ist es leider viel zu wenig. Schade.


Armut ist ein brennend Hemd
Armut ist ein brennend Hemd
von Annegret Held
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,00

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein großartiges Buch, aber kein Heimatroman, 22. März 2016
An diesem buch hat mich alles gestimmt: Sprachwahl, Darstellungsart, Figuren und die Konstruktion. Das Einzige, was absolut nicht gestimmt hat, waren die Klappen- bzw. Buchrückentexte und die dort zitierten Pressestimmen. Denn dies ist weder ein "Heimatroman", noch ist dies "knorrig" (klingt nach den klischeeüberladenen Bauernschlauen aus dem Komödiantenstadel, die in dem Buch nicht auftauchen) noch ist dies die Schilderung einer Frau, die "sich überlegt, wie sie ihre Familie durchbringt". Wenigstens hat man sich das eine Klischee gespart, dass es sich bei Finchen um eine "starke Frau" handelt. "Heimweh nach dem Dorf, das schon so lange nicht mehr existiert" kam bei mir auch weiß Gott nicht auf. nur Erleichterung, dass solche Dörfer heute in Deutschland nicht mehr existieren.

(Ab hier Achtung Spoiler)

Es ist lange, sehr lange her, dass ein Buch mich emotional so aufgewühlt hat. Ich war wütend, traurig, frustriert, verzweifelt und wieder wütend. Wie Amazon Kunde (die bisher einzige 1-Sterne-Rezension) durchaus zutreffend feststellt: "Entspannende Lektüre" ist das auf gar keinen Fall. Ich möchte nicht wissen, wie viele Leute sich bei der dämlichen Buchbeschreibung auf dem Umschlag noch mit diesem Buch "verkaufen" werden. "Armut ist ein brennend Hemd" hat nämlich deutlich mehr mit Brecht zu tun als mit Ganghofer, Thoma oder gar Courths-Mahler. Das ist kein Heimatroman, das ist Realismus pur. Völlig schonungslos. Die Armut, die hier beschrieben wird, wohl, nach wissenschaftlichen Darstellungen zu schließen, auch völlig zutreffend geschildert wird, ist weder in "arm, aber ehrlich" noch "ärmlich aber sauber" einzuordnen, oder in eine der anderen schwülstigen Sentimentalitäten, die den Reichen schon immer dazui gedient haben, ohne Gewissensnöte reich sein zu können. Die Leute hier leben im Dreck, die Armut nimmt über lange Phasen regelrecht viehische Züge an, der Hunger führt dazu, dass die Leute das letzte Restchen Menschenwürde auch noch drangeben müssen. Zwischenzeitlich gibt es immer mal wieder die eine oder andere bessere Phase, wo's voran geht, besser wird. Aber weder mit der Natur/Wetter noch mit den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen können die Menschen irgendeinen dauerhaft belastbaren Pakt schließen. Egal wie hart sie arbeiten, egal wie gutwillig sie sind, es fehlt ihnen schlicht, materiell und strukturell, jede echte Verfügtungsgewalt über ihr Leben. Der Krieg holt ihre Söhne, ohne sie zu fragen, die Armut ihre Töchter, wenn sie nicht verhungern wollen, die endlosen Geburten und Mangelernährungen holen die Frauen und die nächste längere Schlechtwetterphase vernichtet wieder eine Ernte, produziert die nächste Hungersnot. Manchmal stehen die Leute sich aber auch selbst im Weg, wenn sie das falsche Stück Lebensart verteidigen, z. B. die ewige Erbaufteilung der Äcker an alle Kinder und Kindeskinder, die die Erde auslaugt und den Ertrag weiter reduziert.

Dabei fehlt, unglaublich wohltuend, jeder "erhobene Zeigefinger" der Autorin. Zwar spielt das Ganze in der Zeit von der napoleonischen Besatzung vor 1813 bis zur Phase nach der (gescheiterten) Revolution von 1848 (also bis in die späteren 1850er) in einem Westerwälder Bauerndorf, das von einem Grafen und einem Herzog abhängt. Der katholische Dorfpfarrer hat auch viel Einfluss. Aber mit Ausnahme des Grafen, der hauptsächlich durch Gleichgültigkeit und Abwesenheit glänzt, kommt die in anderen Büchern stets als allein-schuldig und "böse" dargestellte "Obrigkeit", durchaus gemischt weg. Man gibt sich Mühe, die Armut zu lindern, wenn man sie denn wahrnimmt. Ansonsten entstehen die Versagen der Obrigkeit entweder, weil die Amtsträger (Förster, Dorfschulzen) in eigenen Zwängen festhängen - der Förster kann von seinem Gehalt nicht leben, was Absicht seines Brotherren ist: Er soll sich nach der Verhaftungsprämie strecken, was er auch tut. Der Förster verhaftet einfach schlichtweg jeden, weil seine eigene Familie sonst hungern müsste. Oder die Obrigkeit versagt, weil sie die armen Schweine über der großen Politik mal wieder vergessen hat. Der Priester will die Menschen bessern, aber dass es ihnen besser GEHT, dafür ist er lange nicht zuständig. Nicht, weil er nicht will, sondern weil er kaum kann, mangels Möglichkeiten. Er weiß, dass die Dorfmädchen, die als Dienstmädchen in die Stadt gehen, kaum eine Chance haben, sich ihren Herren zu entziehen. Aber er verweigert den Frauen, wenn sie mit den unehelichen Kindern ins Dorf zurückkommen (müssen) dort das christliche Begräbnis, den Müttern UND den Kindern. Bis er am Ende nachgibt, und sie doch in geweihter Erde bestattet. Aus Mitgefühl, und weil ihm als "Bezahlung" der Vater eines der Mädchen den Dachstuhl des Kirchturms repariert.

Insgesamt gelingt es Annegret Held hier, das Leben in den Katen und Gehöften des Westerwalds im 19. Jahrhundert so lebendig und realistisch nachvollziehbar zu machen, wie sie das schon in "Meine Nachtgestalten" mit den am Rande stehenden Existenzen der Jahrhundertwende vom 20. zum 21. Jahrhundert konnte. Die Figuren kann man kaum noch mal vergessen, wenn man sich einmal auf sie eingelassen hat. In beiden Büchern wird einem der (dumme) Spruch, dass Armut nicht schändet, gründlich abgewöhnt.

Fazit: Wer sich für das "wahre Leben" der kleinen Bauern und Häusler im 19. Jahrhundert interessiert, wer die Nase voll hat von irgendwelchen Traumtänzereien oder Verlogenheiten über "die gute alte Zeit", dem sei das Buch von Annegret Held wärmstens empfohlen. Wer eine Annäherung sucht an das Leben der Armen, die es ja auch heute noch mehr als genug an allen Ecken und Enden der Welt gibt, kann mit diesem Werk auch sehr viel anfangen. Wer sich als Einschlaflektüre oder zur Entspannung/Unterhaltung einen "Heimatroman" im Genresinne wünscht, dem kann man nur sagen: Finger weg!


GoodFellas - Drei Jahrzehnte in der Mafia [dt./OV]
GoodFellas - Drei Jahrzehnte in der Mafia [dt./OV]
DVD
Preis: EUR 2,99

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Genial gemacht, aber einfach unerträglich im Original, 7. März 2016
die letzte Berlinale brachte diesen Film auf die ganz große Leinwand (statt per DVD auf meinen kleinen Bildschirm zu Hause) und ich veranstaltete Freudentänze und ließ einige andere Filme dafür sausen. Vor Allem, weil die Berlinaleaufführung im englischsprachigen Original kam, was für mich (fast) immer ein echter Vorteil ist. Und dann saß ich da - und mir standen nach 45 Minuten alle Haare zu Berge. Gemacht ist der Film genial - Scorsese eben. Kamera, Schauspieler, Kulissen, Musik, Kostüme - alles dran. Das Drehbuch mit seinem selbst-parodistischen Humor und Szenen gefiel mir auch, wenn mir auch Der Pate deutlich besser gefällt. Aber dieser Text, diese Dialoge...... Ich saß da und dachte, wenn jetzt noch ein einziges Mal das Wort "fuck" kommt, dann kriege ich einen Schreikrampf. Ich weiß, das das wohl realistisch ist, wahrscheinlich redeten die in Henry Hills Welt wirklich so, aber, großer Gott, über 2 Stunden lang, wie aus einer Batterie von Maschinengewehren, im Sekundentakt, immer und immer wieder, ohne Pause, ohne Abwechslung, immer das gleiche blöde Wort, als wäre die Tonspur des Films eine Schellackplatte mit einem Sprung! Ich habe immer darauf gewartet, dass das aufhört, statt dessen wurde es schlimmer und schlimmer. Ich ziehe von den 149 Minuten der Aufführung mal 10 Minuten dialogfreien Raum ab, und komme dann bei "fuck" oder "fuckin" im Sekundentakt auf 139 x 60 = 8.340 mal "fuck". 8.340 mal das gleiche Wort, hintereinander, im Stakkato. Das grenzt an die chinesische Wasserfolter. Kein Witz, kein Schauspieler, keine geniale Kamera kann das für mich noch ausgleichen. Ich hatte mir, in einer "Meisterwerkeserie" die DVD schon vorher besorgt. Ich werd's jetzt mal mit der deutschen Tonspur versuchen, ob die dafür eine Lösung gefunden hat, die man ertragen kann. Falls nicht, fliegt das Meisterwerk 'raus.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 22, 2016 1:17 PM MEST


Kempinski erobert Berlin: Roman
Kempinski erobert Berlin: Roman
von Horst Bosetzky
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

2.0 von 5 Sternen Konstruktion gefällt mir nicht, 6. März 2016
Ich habe eigentlich nicht unbedingt etwas gegen eine geschachtelte Erzählwiese. Für manche Geschichten erhöht es die Spannung oder die Darstellungstiefe, wenn nicht immer in einem Fluß und chronologisch erzählt wird. Aber die Sprünge in diesem Roman gefallen mir nicht. Man ist immer wieder mitten in einer Szene, wenn diese plötzlich abbricht, und man auf einmal Jahre später an einem anderen Ort und in einer völlig anderen Situation ist, ohne einen Hinweis darauf zu haben, wie oder warum sich die Hauptperson damals aus der anderen Situation herausbewegt hat Das Buch beginnt z. B. mit einer Mordszene, die sporadisch wieder aufgegriffen, aber nicht geklärt wird. 50 Seiten später scheint ihre Hauptfunktion immer noch darin zu bestehen, dass sie die Berufswahl der Hauptperson nachhaltig beeinflußt hat. An anderer Stelle ist man mitten in der Handlung, man hat einige Seiten gelesen, gerade erst kommt die Szene so weit, dass man einen ersten Eindruck hat, warum der Autor diese Szene gewählt hat, um dem Leser etwas über Kempinski zu vermitteln - da ist schon wieder Schluß, mitten drin. Warum der Autor hier zu einer ausgedehnten Schilderung der Geschichte Preußisch-Polens übergeht, und die Szene auch danach nicht an der Stelle fortsetzt, an der er sie grundlos unterbrochen hat, wird nicht klar. Im Ergebnis entstand bei mir der Eindruck, dass der Autor nur springt um zu springen, nicht weil die Geschichte davon besser oder informationsreicher wird. Für mich war das kein Roman sondern eine eher lose Aneinanderreihung von Episoden, die nur dadurch verbunden sind, dass Berthold Kempinski darin irgendwie mitspielt.


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