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Michael Dienstbier "Privatrezensent ohne finanzielle Vorteile" (Bochum)
(TOP 500 REZENSENT)   

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Für eine positive Kritik: Das Ende der alten Rechten
Für eine positive Kritik: Das Ende der alten Rechten
von Dominique Venner
  Gebundene Ausgabe

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen „Man muß Worte durch Taten bekräftigen können, man muß das Leben einsetzen,..., 12. Juni 2017
...und dies muß bis zur Bereitschaft reichen, das Leben zu opfern, wenn es erforderlich erscheint." (81) Nein, ein Mann leerer Worte war Dominique Venner – politischer Aktivist, Historiker, Autor – nun wirklich nicht. Nur eine Woche, nachdem er der Zeitschrift Sezession ein Interview gegeben hat, aus dem das oben stehende Zitat entnommen ist, setzte Venner seinem Leben ein Ende, indem er sich in der Kathedrale Notre Dame in Paris in den Kopf schoss. Er gilt als spiritus rector der Nouvelle Droite in Frankreich und so war es auch nur der Front National, der offiziell kondolierte. Nach seiner Beteiligung an einem Putschversuch gegen de Gaulle 1956 – es ging damals um die aus Venners Sicht schandhafte Aufgabe Algeriens als französische Kolonie – verbrachte er mehrere Jahre im Gefängnis, wo er die vorliegende Schrift "Für eine positive Kritik" verfasste, die nun erstmals in deutscher Sprache vorliegt.

Es ist wichtig, sich mit Venners Schrift intensiv auseinanderzusetzen, markiert sie doch nach Meinung vieler Experten den Übergang von der alten zur Neuen Rechten, die heute in allen europäischen Nationen mehr oder minder wichtiger Teil des politischen Diskurses ist. Für Venner steht hier die Frage im Mittelpunkt, wie Veränderung zu erreichen ist, wobei es für ihn evident erscheint, dass dies nur mithilfe einer Revolution geschehen könne. Dies bedeute jedoch nicht, mit Mistgabel und Fackel zum nächsten öffentlichen Gebäude zu marschieren und dabei auf alles draufhauen, was sich bewegt. Zuerst müsse die Eroberung dessen stehen, was heute als vorpolitischer Raum bezeichnet wird: "Wir müssen reden, schreiben, erklären und die Presse des Widerstands für diese Aufgabe öffnen" (64), schreibt er, um wenig später zu präzisieren: "Verbalradikalismus und apokalyptische Übertreibungen haben nie zum Fortschritt des Nationalismus beigetragen, im Gegenteil." (65) Er muss es wissen, hatte ihn sein revolutionäres Ungestüm doch gerade mehrere Jahre im Knast eingebracht. Heute versuchen alle politischen Kräfte – linke, mittige, rechte – zuerst die Meinungshoheit im öffentlichen Raum zu erobern, wobei die digitalen Kommunikationsplattformen zum zentralen Kriegsschauplatz der Moderne geworden sind.

Es finden sich deutlich erkennbare Einflüsse von Gramscis Konzept der kulturellen Hegemonie und Lenins Pamphlet 'Was tun?' in der hier vorliegenden Schrift. Als Quelle des neurechten Selbstverständnisses sowie der Art und Weise, wie politische Veränderungsprozesse initiiert werden sollen, ist „Für eine positive Kritik“ von zentraler Bedeutung. Durch seinen spektakulär inszenierten Akt der Selbstzerstörung wollte Venner aufmerksam machen auf die seiner Meinung nach katastrophale Entwicklung und Frankreich und Europa, wobei bis heute spekuliert wird, was genau als Auslöser gewirkt haben mag: der globale Kapitalismus amerikanischer Art, die zunehmende Islamisierung der europäischen Kernländer oder die Einführung der Homo-Ehe, die zum Zeitpunkt seines Selbstmordes gerade das gesamte Land polarisierte. Wie dem auch sei, die Auseinandersetzung mit Venner lohnt!


Gelassen in den Widerstand: Ein Gespräch über Heidegger (Kaplaken)
Gelassen in den Widerstand: Ein Gespräch über Heidegger (Kaplaken)

5.0 von 5 Sternen "Unser Ziel ist die geistige Verschärfung." (90), 11. Juni 2017
Das Denken Martin Heideggers ragt bis heute wie ein monumentaler Fels aus der Landschaft der deutschen Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts heraus. Seine seinsgeschichtliche Metaphysik wird bis heute leidenschaftlich rezipiert und diskutiert. Für viele einer der größten Philosophen aller Zeiten, für andere ein kleinbürgerlicher Spießer, der mit den Nationalsozialisten paktierte, spaltet Heidegger bis heute. Im vorliegenden Band "Gelassen in den Widerstand: Ein Gespräch über Heidegger" diskutieren Martin Sellner und Walter Spatz – ihres Zeichens Mitglieder der zurzeit in den Medien sehr präsenten Identitären Bewegung – die Bedeutung des Denkens Martin Heideggers für die heutige Gegenwart aus Sicht der Neuen Rechten.

Eine Diskussion im eigentlichen Sinne ist das Gespräch zwischen Sellner und Spatz nicht. Vielmehr agieren die beiden auch als Stichwortgeber füreinander, um sich nicht gegeneinander, sondern miteinander dem Giganten Heidegger anzunähern. Beide betonen die Bedeutung des praktizierten Lebens – des Daseins – zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort, das bei Heidegger einen zentralen Platz einnimmt. In dieser konkreten Verortung des Menschen als Teil eines Ganzen sieht Sellner die entscheidende Relevanz Heideggers für heutiges Denken: "Heideggers Beschreibung des Daseins ist das tiefe und entschlossene Ja, sich als endliches Glied in einer Kette aus Tradition und Überlieferung zu befinden, die jeder subjektiven Wahlfreiheit vorausgeht. [...] Die moderne Subjektivität ist insofern selbstmörderisch, als sie diese Kette abreißt, sich nicht entschlossen zu Endlichkeit, Kontingenz und Überlieferung bekennt, sondern auf ihre Einzigartigkeit besteht." (27) Die "Entschlossenheit zum Dasein" (28), so Sellner weiter, sei anti-egalitaristisch und anti-individualistisch, beruhe sie doch auf überlieferten Voraussetzungen, die für alle Glieder der Kette gegeben seien: Kultur, Sprache, Volk und Herkunft. (vgl. ebd.)

Geschichtlichkeit, Endlichkeit, Verwurzelung in einem Ort, in einer Gemeinschaft als Voraussetzungen eines gelungenen Daseins – man erkennt deutlich, dass sich Sellner und Spatz in ihrer Heideggerexegese deutlich vom Diskurs der Gegenwart, der auf den Prinzipien der globalen Vielfalt, universalistischen Werten und der Gleichartigkeit aller Kulturen aufbaut, distanzieren: "Es ist die Zusammengehörigkeit als Menschen in unserem Dasein, die uns nicht zu einer „Menschheit“ machen, sondern uns verwurzelt in Geschichtlichkeit, Heimat, Volk und uns gleichzeitig in den "Äther", in die Nähe zum Sein, fügt." (95) Die auf Heidegger zurückgehende "Gelassenheit" bewerten Sellner und Spatz nicht als fatalistisch orientiert oder gar als Ausrede zum Nichthandeln, sondern ganz im Sinne des heroischen Realismus als Aufforderung zur Aktivität, zur Aktion, gegen dem unüberwindbar erscheinenden Zeitgeist. (vgl. 82) Hieraus lassen sich leicht die verschiedenen Aktionen der Identitären Bewegung – Besetzung des Brandenburger Tores, Sitzblockade vor der Parteizentrale der CDU etc. pp. – ableiten.

"Gelassen in den Widerstand" ist in zweierlei Hinsicht äußerst erkenntnisreich. Zum einen bietet das Gespräch einen subjektiv geprägten Einblick in einige zentrale Begrifflichkeiten und Konzepte der Philosophie Martin Heideggers. Zum anderen erhalten wir hier Einblick in das geistige Fundament und das Selbstverständnis der Identitären Bewegung. Es fällt schwer, aus Heideggers Denken konkrete politische oder gesellschaftliche Forderungen für die Gegenwart abzuleiten. Er hat seine Philosophie selbst stets als Weg bezeichnet und auf diesem Weg viele Kehren vollzogen, sodass sich bestimmte Festlegungen nach dem Motto "Heute würde Heidegger sich für XY einsetzen" im Reich der Spekulation bewegen müssen. Doch die vorliegende Auseinandersetzung zeugt von einer jahrelangen ernsthaften Beschäftigung mit Heideggers seinsgeschichtlicher Metaphysik und ist daher sehr zu empfehlen.


Der Übergang: Bericht aus einem verlorenem Land
Der Übergang: Bericht aus einem verlorenem Land
von Akif Pirinçci
  Gebundene Ausgabe

43 von 47 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Pirincci-Sound ist noch da, aber er wird ernster, pessimistischer..., 6. Juni 2017
Wer Akif Pirincci liest, sollte wissen, was ihn erwartet. Der Wissenschaftsstil ist ihm fremd, intellektuelle Tiefenschärfe hält er vor überschätzt, Statistiken kommen nur sehr dosiert zum Einsatz und Rücksichtnahme gegen die emotionalen Befindlichkeiten von Ethnien, Religionen oder Einzelpersonen sucht man vergebens. Und dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – gelingt dem Autor immer wieder eine Annäherung an die Realität, die mehr der Lebenswirklichkeit entspricht als so manche empirische Studie aus dem Hause Bertelsmann. In seinem neuen Buch "Der Übergang: Bericht aus einem verlorenen Land" attestiert Pirincci eine schleichende Veränderung Deutschlands zum Schlechteren hin, die mit der Migrationskrise nicht begonnen habe, jedoch unumkehrbar geworden sei.

Es fällt leicht, den türkischstämmigen Autor als pöbelnde Drecksschleuder abzutun. Mit Wonne prangert er die "grün-debile Toleranzdiktatur" (13) an und mokiert sich über arabische Jugendliche, die vom Staat alimentiert im öffentlichen Raum rumlungerten und nicht anderes zu tun hätten, als die "Rapability" (68) deutscher Frauen zu eruieren. In Zeiten der real existierenden Willkommenskultur reichen diese Stichwörter wahrscheinlich schon aus, um die Exklusionsmechanismen der "Zivilgesellschaft" zu aktivieren und den Verfassungsschutz auf den Plan zu rufen. Doch neben dieser Rhetorik der puren Provokation liefert „Der Übergang“ auch eine Analyse der Gegenwart, welche ziemlich nahe an dem liegt, was man mal als gesunden Menschenverstand bezeichnet hat, heute jedoch aus ideologischen Gründen kaum mehr öffentlich zum Ausdruck gebracht wird. Zu dem immer wieder vorgebrachten Einwand, Deutschland sei doch ein reiches Land und können die finanziellen Kosten der Migration locker schultern, antwortet Pirincci: "Das fortgeschrittene Industrieland Deutschland ist nicht reich, sondern es ist leistungsfähig! Diese Leistungsfähigkeit beruht auf einer Vielzahl von institutionellen und kulturellen Bedingungen. Zerstört man diese, schwindet die Prosperität." (117) Wirtschaftlich-kulturell gesehen beschreibt der Autor die Zuwanderung nach Deutschland unter dem Deckmantel des Asylrechtes als Negativauslese, deren finanzielle und vor allem kulturelle Auswirkungen irreversibel seien. Zuwanderung in den Arbeitsmarkt sei die große Ausnahme, Millionen von Neuankömmlingen mitsamt ihren Familien würden im Moment durch den Steuerzahler – Hartz IV – finanziert und seien langfristig für den deutschen Arbeitsmarkt nicht zu gebrauchen. Bewusst falsch dargestellt werde das durch die öffentlichen Medien, die immer noch in weiten Teilen im Dienste der Willkommenskultur stünden: "Wie sich doch die Symbolbilder ändern: gestern wieder rauchende Schornsteine als Zeichen des Wirtschaftswunders nach dem Krieg und heute ein gurkenschnipselnder dunkelhäutiger Küchenjunge als Beweis dafür, daß die [xxx] gar nicht so übel riecht, in die Merkel & Co uns hineingeritten haben." (186f.)

Auch wenn der übliche Pirincci-Sound noch vorhanden ist, hat sich in "Der Übergang" etwas verändert. Ernster, pessimistischer, mit weniger ironischer Distanz nähert sich der Autor seiner Thematik. Sehr ernst schreibt er über den "Gewöhnungseffekt" (204), den die permanente Terrorgefahr auf die Menschen hätte und die damit verbundene eiskalte Gleichgültigkeit - ja geradezu autistisch anmutende Apathie - mit der gerade in Deutschland über die eigenen Toten hinweggesehen würde. Ohne die Intervention der Angehörigen hätte es noch nicht einmal eine offizielle Gedenkminute des Bundestages für die Opfer des Breitscheidplatzes gegeben. Was nicht ins bunte, vielfältige, weltoffene Deutschland der offenen Grenzen passt, wird kühl beiseitegeschoben, auch das bedeutet Willkommenskultur im 21. Jahrhundert. Hier sind für Pirincci offenbar die Grenzen seines Humors erreicht.

Fazit: Provozierend, direkt, mal pöbelnd, mal ungewöhnlich ernst: Pirinnci hat für sich eine Nische entdeckt, die er gekonnt ausfüllt und damit das Genre der Gesellschaftskritik in Deutschland bereichert. Lesenswert!
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 13, 2017 10:24 PM MEST


Angst für Deutschland: Die Wahrheit über die AfD: wo sie herkommt, wer sie führt, wohin sie steuert
Angst für Deutschland: Die Wahrheit über die AfD: wo sie herkommt, wer sie führt, wohin sie steuert
von Melanie Amann
  Broschiert
Preis: EUR 16,99

5 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen 25% gelungene Recherche, 75% Politaktivismus à la Spiegel..., 5. Juni 2017
Parteineugründungen haben es schwer in Deutschland. Seit 1945 haben es nur die Grünen geschafft, sich langfristig im Bund und in den Ländern zu etablieren. Die AfD schickt sich nun an, es in dieser Hinsicht der Ökopartei gleichzutun. Doch sowohl bezüglich der Programmatik als auch der Außenwahrnehmung und –bewertung ist dies die einzige Gemeinsamkeit zwischen den beiden Parteien. Während weite Teile der Publizistik die Grünen von Anfang an als Bereicherung des Parteienspektrums journalistisch begleiteten – und es bis heute tun -, wurde die AfD seit ihrer Gründung 2013 – auch schon unter Lucke – als verkappte Wiedergängerpartei der NSDAP identifiziert. In den vergangenen vier Jahren hat sich die Spiegel-Journalistin Melanie Amann als AfD-"Expertin" etabliert und durfte bereits mehrfach in den wöchentlichen Polittalkshows ihre Sicht der Dinge zum Besten geben. Für sie ist die Partei ein Hort des Ressentiments, bestehend aus von Verlustängsten getriebenen Kleinbürgern, die sich hoffentlich bald selbst zerlegen wird. Gemessen an dieser Vorgeschichte ist ihr nun erschienenes Buch "Angst für Deutschland – Die Wahrheit über die AfD: wo sie herkommt, wer sie führt, wohin sie steuert" überraschend lesenswert, da es sich nicht nur im billigen AfD-Bashing erschöpft – ohne völlig davon abzusehen -, sondern auch zu einer recht realitätsnahen Analyse des Innenlebens der Partei gelangt, welche in der Tat das Potenzial hat, den langfristigen Erfolg der AfD zu gefährden.

Amann kategorisiert die Mitglieder der Partei anhand dreier Gruppen: Ideologen – Überzeugungstäter, denen es wirklich um ihre Sache gehe (Höcke, von Storch, Gauland) -, Karrieristen – ein Menschenschlag, dem es nur und das eigene Vorkommen gehe (Petry, Pretzell) – und den Idealisten, der größten Gruppe, die im Hintergrund die alltägliche Arbeit verrichte und das Rückgrat der Partei bilde. (vgl. S. 14f.) Hier sieht Amann auch einen Unterschied zur bewegten Anfangsphase der Grünen: "Anders als die 'Fundis' und 'Realos' bei den Grünen unterscheiden sich die Ideologen und Karrieristen der AfD nicht nach ihren politischen Zielen – eher danach, dass die eine Gruppe überhaupt politische Ziele verfolgt, die andere primär persönliche." (128) Diese Bewertung – so überspitzt sie auch sein mag – ist hilfreich, die für Außenstehende doch recht ungewöhnlichen Allianzen innerhalb der Parteiführung nachzuvollziehen.

Frei von einseitiger Berichterstattung oder Unwahrheiten ist die Darstellung aber wahrlich nicht. So schreibt Amann, dass der Ausdruck "Europa der Vaterländer", den die Partei häufig benutzt, eine Chiffre der europäischen Rechtspopulisten sei. (vgl. S. 251) Zuallererst ist dies aber der Begriff, den Adenauer und de Gaulle geprägt haben, um ihre Vision Europas in eine sprachliche Form zu gießen, eine Vision, die das Prinzip der Subsidiarität und der politisch-kulturellen Eigenständigkeit der Nationalstaaten hochhielt. Von diesem Ideal haben sich heute mit einer Ausnahme alle Parteien entfernt. Unfreiwillig komisch wird es, wenn Amann sich als Hobbypsychologin betätigt, um das angebliche Verhalten der AfD zu erklären. So schreibt sie: "Die AfD ernährt sich von negativen Emotionen wie Angst, Zorn und Enttäuschung. Deshalb greift die Partei gezielt Kirchen, Gewerkschaften oder wohltätige Organisationen an[.]" (304) Diese Umkehrung der Verhältnisse kann man nur noch als dreist bezeichnen. Es sind die beiden großen Kirchen, die immer wieder AfD-Mitgliedern ihr Christsein absprechen. Es ist Verdi, die „Handlungsanweisungen“ für oder besser gegen sogenannten Rechtspopulisten herausgibt, ein Vorgehen, welches erschreckend an das Vorgehen gegen „imperialistische Elemente“ in der DDR erinnert. Und es war die AWO, die den Essener AfD-Politiker Guido Reil wegen seiner politischen Aktivität ausgeschlossen hat. An solchen Stellen zeigt sich, dass hier nicht nur die um Objektivität bemühte Journalistin, sondern auch und vor allem die kämpferische Aktivistin zur Feder gegriffen hat.

Fazit: Amann und die AfD verbindet mittlerweile so etwas wie eine Hassliebe. Auf Parteitagen wird sie auch schon mal gerne süffisant vom Podium aus begrüßt. Und in der Tat profitieren beide voneinander. Amanns Karriere hat durch ihren Ruf als AfD-"Expertin" an Fahrt aufgenommen und das vorliegende Buch hat Bestsellerstatus erreicht; die Partei wiederum erfreut sich an der steten Aufmerksamkeit der alten Medien und der damit verbundenen für eine junge Partei so wichtigen Publicity. Auf dem Markt der (Anti-)AfD Publikationen ist diese noch eine der lesenswerteren.


Blasphemische Gedanken: Islam und Moderne
Blasphemische Gedanken: Islam und Moderne
von Slavoj Žižek
  Pocket Book
Preis: EUR 4,99

5.0 von 5 Sternen Europas Weg in die "repressive Homogenität" (56), 4. Juni 2017
Slavoj Zizek ist einer der interessanteren Denker, die in den vergangenen Jahren durchs Feuilleton gegeistert sind. Er publiziert unfassbar viel, sucht regelmäßig die Öffentlichkeit, äußert sich gerne und pointiert zu tagesaktuellen Themen und tritt bevorzugt unrasiert, mit verwaschenem Shirt und Jeans auf. Die Linke feiert ihn als einen ihrer Vordenker, doch hält er sich an keine Orthodoxie und verweigert sich so einer klaren Einordnung. In seiner kurzen Schrift "Blasphemische Gedanken: Islam und Moderne" beleuchtet Zizek den mittlerweile alltäglich gewordenen muslimischen Terrorismus aus durchaus ungewöhnlicher Perspektive.

Zu Beginn seiner Darlegungen reproduziert Zizek das typisch linke Argument, dass der Terror nicht zuletzt das Ergebnis der hiesigen Gesellschaftsordnung und des hiesigen Wirtschaftssystems sei: "Wer nicht kritisch über die liberale Demokratie sprechen will, der soll auch über den religiösen Fundamentalismus schweigen." (16) Wenig später provoziert er die geneigte Leserschaft mit der gewagten These: "Qutbs Gott nimmt somit genau dieselbe Position ein wie Hayeks Markt." (21) Sayyid Qutb war der zentrale Vordenker für Al Quaida und August von Hayek vertrat immer die These eines freien Marktes, aus dem der Staat sich komplett rauszuhalten habe. Doch Zizek belässt es nicht bei dieser platten Gleichsetzung von Kapitalismus und Islamterror. Seine Kritik wendet sich auch gegen den Umgang der westlichen Gesellschaften mit dem real existierenden Multikulturalismus, welcher sich im Moment hin zu einer immer totalitärer auftretenden Pflicht zur Toleranz entwickele: "Hier liegt das Paradox des toleranten multikulturellen Universums mit einer Vielfalt von Lebensstilen und anderen Identitäten: Je mehr Toleranz es gibt, desto stärker wird die repressive Homogenität." (56) Ein brillanter Satz, der allein schon die Lektüre der Schrift lohnt. Ein passendes Beispiel hierfür ist das geplante Netzdurchsuchungsgesetz von Heiko Maas, das Firmen wie Facebook vorschreiben will, "offensichtlich illegale" Inhalte zu löschen. Und wer bestimmt, was "offensichtlich illegal" ist? Aufruf zum Mord, klar, aber auch schon heftige Kritik am Islam? Und könnte es wer Facebook verdenken, wenn sie vorsichtshalber auch jede Menge legaler Inhalte löschten, um auch auf jeden Fall Strafzahlungen zu vermeiden? Man sieht, die von Zizek attestierte "repressive Homogenität" hat längst Einzug gehalten in den bundesdeutschen Gesetzgebungsprozess.

Fazit: Kurze Schrift, provokante Thesen, treffende Analyse. Es ist lohnend, sich mit Zizek zu beschäftigen. Hätte die Linke mehr unbequeme Denker von seinem Kaliber, wäre sie wohl nicht in ganz Europa im Abstieg begriffen.


Weltfremdheit (edition suhrkamp)
Weltfremdheit (edition suhrkamp)
von Peter Sloterdijk
  Broschiert
Preis: EUR 15,00

5.0 von 5 Sternen "Mündigkeit ist Entidiotisierung" (271), 26. Mai 2017
Rezension bezieht sich auf: Weltfremdheit (edition suhrkamp) (Broschiert)
1983 betrat ein neuer Stil - und damit auch eine neue Philosophie - die Bühne der Öffentlichkeit. Mit Kritik der zynischen Vernunft schrieb der bis zu diesem Zeitpunkt völlig unbekannte Peter Sloterdijk einen Bestseller, der mit seiner gewitzten, gelehrten, allumfassenden Gesellschaftsanalyse der Gegenwart den Spiegel vorhielt, welcher die hässliche Fratze der Dekadenz und der Oberflächlichkeit offenbarte. Zehn Jahre später führte Sloterdijk seine in eine Fröhliche Wissenschaft eingebettete Kritik der Moderne nahtlos fort. In "Weltfremdheit" beleuchtet der Autor zeitgenössische Methoden der anthropologischen Konstanten, der Welt auf Zeit oder für immer den Rücken kehren zu wollen.

Bereits zu Beginn zeigt sich, dass Sloterdijks Werk heute aktueller ist denn je und seiner Zeit – den zum größten Teil noch analogen frühen neunziger Jahren –weit voraus war: "Was Nietzsche in seiner Vision vom anbrechenden Zeitalter der letzten Menschen vor Augen hatte, ist der scheinbar unaufhaltsame Abstieg des Menschen von den alten manischen Höhen zur universellen selbstzufriedenen, semidepressiven Mittelmäßigkeit. [...] Wer könnte leugnen, daß das Medienzeitalter zu einem Triumph der entgeisterten Vitalität geführt hat – orientiert am Leitbild sportlich-musikalischer Grenzdebilität? Der letzte Mensch: der Passant vor einem Mikrophon." (38) Heute könnte man munter ergänzen: der Passant vor seinem Twitteraccount, seiner Selfiestange, seinem Facebookprofil etc.pp. Wie kann der Mensch in der total vernetzten Welt, die bestimmt ist durch den Fluch der permanenten aktiven und passiven Erreichbarkeit, Refugien der Einsamkeit, der Ruhe, der Abgeschiedenheit finden? Sloterdijk konzentriert sich im vorliegenden Buch auf die klassische mönchische Askese, den Drogenkonsum, das Sichhingeben an den Todestrieb, die meditative Verneinung der Welt im Buddhismus, die Flucht in die Musik und den Schlaf.

Entspannungsindustrie und Drogen – dies Beides identifiziert Sloterdijk als bevorzugte Methoden in den westlichen Gesellschaften, um sich von der gegebenen Welt abzuwenden. Den Trend zu mehr Achtsamkeit und Entschleunigung bezeichnet er als "Einübung in die Weltlosigkeit der Übermüdeten" (108), ein sozial akzeptierter Trend der Weltflucht, der in der Tat dazu geeignet sein könnte, temporär den Zustand entspannender Einsamkeit zu erlangen. Kritisch hingegen würde der weltflüchtige Drogenkonsument betrachtet, nicht etwa aus Sorge um dessen persönliches gesundheitliches Befinden, sondern vielmehr aus dem Bewusstsein der Masse heraus, dass er sich im Rausch befindend seiner Arbeitskraft beraubt und somit auch zum Schaden der Allgemeinheit handelt: "Wohl ist der Süchtige aus der Sicht der Gesellschaft ein Deserteur, der sich unerlaubt von der Realitätstruppe entfernt. Mehr noch entfernt sich der Droguierte von seinem Selbst, das ihn kraft seiner Existentialität "nach vorne" schicken würde in eine wache, belastbare, verantwortliche und schöpferische Verfassung;" (148)

Weltfremdheit, Weltflucht – ein Zeichen von Weisheit, vielleicht sogar von so etwas wie existentieller Notwehr? Solche Töne klingen an, wenn Sloterdijk das ruhelose Treiben in der Eventgesellschaft als "Stück panischer Endlichkeit, zu dieser mühevollen melancholischen und gierigen Abwicklung von Lebensinhalten in der Zeit" (240) betrachtet, um anschließend lakonisch zu diagnostizieren: "Wer könnte leugnen, daß dies der Daseinsstimmung der schwersten seelischen Grundstörungen entspricht?" (ebd.) Heiter, voller Sprachwitz und stets mit einer Mischung aus Staunen, Fassungslosigkeit und ironischer Distanziertheit analysiert Sloterdijk die Daseinsbemühungen des Menschen, wobei er sich bei der Beschreibung des aktuellen Welttreibens stets auf die Leuchttürme des abendländischen Denkens – Sokrates, Nietzsche, Heidegger – bezieht. Mit dieser Herangehensweise begeistert Peter Sloterdijk seit mehr als dreißig Jahren seine Leserschaft und gehört weiterhin zu den bedeutendsten public intellectuals Deutschlands.


Was ist Metaphysik?
Was ist Metaphysik?
von Martin Heidegger
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,80

5.0 von 5 Sternen "Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?" (24), 25. Mai 2017
Rezension bezieht sich auf: Was ist Metaphysik? (Taschenbuch)
"Sein und Zeit" – das vielleicht bedeutendste philosophische Werk des 20. Jahrhunderts. Und das, obwohl das 1927 von Martin Heidegger veröffentlichte Werk vom Titel her eigentlich eine Mogelpackung ist. Weder Sein noch Zeit, sondern das Da-sein – Heideggers Formel für den einzelnen Menschen – steht im Zentrum seines Hauptwerkes, welches sich fundamentalontologisch mit den Grundbedingungen der richtigen konkreten Lebenspraxis auseinandersetzt, ein sprachlicher und inhaltlicher Parforceritt, der bis heute fasziniert. Es stimmt, unmittelbar zugänglich ist das Denken und Schreiben Martin Heideggers nicht. Dies liegt vor allem an seinen Nominalisierungen und Neuwortschöpfungen, die er für die Umschreibung seiner auf dem Sein basierten Metaphysik heranzieht. Doch die Mühe lohnt sich – Heidegger eröffnet neue Horizonte des Denkens, die bis heute jeden Menschen irgendwann einmal unmittelbar berühren. Als Einstieg in das Werk Martin Heideggers bietet sich gleich aus mehreren Gründen seine 1929/30 an der Universität Freiburg gehaltene Antrittsvorlesung "Was ist Metaphysik?" an. Sie ist, erstens, mit 55 Seiten recht kurz und beschäftigt sich, zweitens, mit den Fundamenten von Heideggers Denken, welche für das Verständnis von "Sein und Zeit" unerlässlich sind.

Wo anfangen? Heidegger beginnt mit zwei Stimmungen, die dem menschlichen Dasein zugrunde lägen: Langeweile und Angst. Dahinter stecke mehr als die alltägliche Langeweile, weil gerade wieder einmal nur Mist im Fernseher läuft, oder die Angst vor etwas ganz Bestimmten, einer Krankheit oder einem Misserfolg, zum Beispiel: "Mit der Grundstimmung der Angst haben wir das Geschehen des Daseins erreicht, in dem das Nichts offenbar ist und aus dem heraus es befragt werden muß. Wie steht es um das Nichts?" (35) Die in uns wesende Angst ist die Angst vor dem Nichts, woraus nach Heidegger einer der zentralen Merkmale des Daseins resultiere: "Da-sein heißt: Hineingehaltenheit in das Nichts." (38) Das Nichts nimmt im Denken Heideggers eine bedeutende Position ein. Das Nichts ist die Grundbedingung menschlicher Freiheit, das Nichts bedeutet die Offenheit – im Guten und im Schlechten – alles menschlichen Handelns und Strebens. Im fundamentalontologischen Duktus Heideggers lautet das wie folgt: "Das Nichts ist die Ermöglichung der Offenbarkeit des Seienden als eines solchen für das menschliche Dasein. Das Nichts gibt nicht erst den Gegenbegriff zum Seienden her, sondern gehört ursprünglich zum Wesen selbst. Im Sein des Seienden geschieht das Nichten das Nichts." (ebd.)

Basierend auf diesen Vorüberlegungen, beantwortet Heidegger seine anfängliche Frage nach dem Wesen von Metaphysik: "Das menschliche Dasein kann sich nur zu Seiendem verhalten, wenn es sich in das Nichts hineinhält. Das Hinausgehen über das Seiende geschieht im Wesen des Daseins. Dieses Hinausgehen aber ist die Metaphysik selbst. [...] Die Metaphysik ist das Grundgeschehen im Dasein. Sie ist das Dasein selbst." (44f.) Bis heute hält sich das Vorurteil, Heidegger habe nichts zu sagen gehabt und das durch seine komplizierte Sprache zu kaschieren versucht. In diesen Kreisen benutzt man auch gerne das Verb "heideggern", um jemanden zu brandmarken, der viel redet, ohne irgendetwas zu sagen. Dieser Vorwurf ist mehr als haltlos, wie jeder merkt, der sich die Mühe macht, tief in das Denken Heideggers einzusteigen. Sprache war für ihn – wie für jeden ernstzunehmenden Philosophen – mehr als nur ein Kommunikationsmittel, Sprache war und ist auch immer Teil der Botschaft: "Die Sprache ist das Haus des Seins" - so brachte Heidegger diesen Gedanken über das Wesen der Sprache auf den Punkt. Sich darauf einzulassen ist sicherlich herausfordernd, bereitet aber viel Freude und kann dem geneigten Leser nahebringen, was wahrhaft Denken heißt.


Walter Benjamin: Das Leben eines Unvollendeten
Walter Benjamin: Das Leben eines Unvollendeten
von Lorenz Jäger
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 26,95

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Meister der "Deutung des Atmosphärischen und des künstlerisch-literarisch Vermittelten" (248), 22. Mai 2017
Das Ende Walter Benjamins hat etwas Tragisch-filmreifes und beflügelt bis heute die Phantasie vieler Zeitgenossen. Vor den Nationalsozialisten aus dem besetzten Frankreich fliehend, nahm er sich 1940 in einem französisch-spanischen Grenzort mit Tabletten das Leben, auch wenn sich bis heute – wie so häufig in solchen Fällen – diverse Mordtheorien hartnäckig halten. Doch seine Wirkungsgeschichte endete nicht mit seinem Tod; vielmehr fasziniert Benjamins Denken, Handeln und Schreiben bis heute. Literatur- und Kulturkritiker, Philosoph, Journalist, Künstler, Freund von Drogenexperimenten – Benjamin passt so recht in keine Schublade. In seiner hervorragenden Biografie "Walter Benjamin: Das Leben eines Unvollendeten" gelingt Lorenz Jäger eine spannende Rekonstruktion des Lebens Walter Benjamins und der Zeit, in der er lebte.

"Es fällt einem sehr auf, in wie langen Sätzen man spricht. Auch dies mit horizontaler Ausdehnung und wohl mit Gelächter zusammenhängend. Das Passagenphänomen ist auch die lange horizontale Erstreckung, vielleicht kombiniert mit Abflucht in die ferne flüchtigwerdende, winzige Perspektive." (191) Rausch und Inspiration – zumindest zeitweise ließ sich Benjamin von THC-Produkten inspirieren. Und schaut man sich sein unvollendet gebliebenes Passagenwerk – eine Sammlung von Bildern, Essays und Aphorismen, mit der er die real existierende kapitalistische Lebenswirklichkeit abbilden wollte – an, so lassen sich dort in der Tat rauschhafte Elemente identifizieren.

Der bedeutendste Literaturkritiker seiner Zeit und darüber hinaus zu werden, das war das unbescheidene Ziel dieses Multitalentes. Und diesem Ziel ist er recht nahe gekommen. Seine Studie zum deutschen Trauerspiel hat Maßstäbe gesetzt und sein Langessay Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit war seiner Zeit um viele Jahre voraus und ist bis heute Teil von Seminaren über Kulturtheorie an vielen deutschen Universitäten. Von Anfang an hatte er Kontakt zu Horkheimer und Adorno, den Gründern der Frankfurter Schule und der Kritischen Theorie, und hat diese antikapitalistische Denkrichtung maßgeblich mitbeeinflusst.

So spannend wie sein Schaffen gestaltete sich auch das Leben Walter Benjamins. Drogen, Frauen, ständige Geldprobleme, Exil in Frankreich, früher Tod auf der Flucht vor den Nationalsozialisten. Dass diese Vielschichtigkeit abgebildet wird, ohne den einen oder anderen Aspekt zu überakzentuieren bzw. wegzulassen, ist das große Verdienst der vorliegenden Darstellung, der eine möglichst breite Leserschaft zu wünschen ist.


Gevierteilt (suhrkamp taschenbuch)
Gevierteilt (suhrkamp taschenbuch)
von E. M. Cioran
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,00

5.0 von 5 Sternen "Die Hoffnung ist die normale Form des Deliriums." (154), 21. Mai 2017
Ein gelungener Aphorismus kann mehr zum Ausdruck bringen als eine ganze Bibliothek. Diese ultimative Verdichtung von Geist, Formwollen und Formkönnen erscheint mir mehr und mehr als die wahre Königsdisziplin der Philosophie, die in Cioran ihren Meister des 20. Jahrhunderts gefunden hat. Der Solitär, Kulturpessimist, mit seiner Existenz Hadernde, große (Anti-)Moralist, der, aus Rumänien stammend, seit Ende der dreißiger Jahre in Paris gelebt und nur noch auf Französisch geschrieben und veröffentlicht hat, gehört zu den bedeutendsten Geistesgrößen des 20. Jahrhunderts, dessen Denken uns Heutige in seiner Zeitlosigkeit immer noch anspringt, direkt betrifft und zum Reflektieren animiert.

"Gevierteilt" – 1979 erschienen – besteht aus vier Essays und einem abschließenden Hauptteil, der unter der Überschrift "Ansätze zum Taumel" thematisch verbundenen Aphorismen versammelt. Die trügerische Hoffnung auf Erlösung, die Befreiung vom Dasein, der Verfall als unser aller Schicksal – hier klingt mehrfach Heideggers "Sein zum Tode" an -, die Sinnlosigkeit alles menschlichen Tuns, Denkens und Handelns im Angesicht eines gigantischen Universums des Nichts, welches uns Primaten die Fähigkeit zum über uns Hinausfragen gegeben hat, gleichzeitig aber auch nur die Ansätze einer Antwort verweigert – diese Daseinsverzweiflung durchzieht Ciorans gesamtes Denken und Nachdenken über die Welt: "Der Tod ist ein Zustand der Vollkommenheit, der einzige, der für einen Sterblichen erreichbar ist" (76), sinniert er, um später zu präzisieren: "Der Tod wäre eigentlich nur das Aufhören einer Anomalie." (158)

Es sind die einfachen und gerade deshalb auch die bedeutenden Fragen des Menschen, die Cioran hier stellt und versucht, für sich und andere verständlich zu machen. Warum ist Seiendes und nicht vielmehr Nichts? Ist das Leben lebenswert, obwohl alles Strampeln von uns Humanoiden kaum Spuren hinterlässt und nahezu jeder von uns drei, vier Generationen später komplett vergessen sein wird? Lohnt sich das ganze Sorgen um sich und andere, die ganzen Ängste, die sich jeder irgendwann einmal macht im Angesicht der eigenen Endlichkeit und ganz konkret im Angesicht des eigenen nahen Todes? Ist Selbstmord nicht vielleicht doch die vielleicht rationalste Antwort, die man auf die Frage nach dem eigenen Sein geben kann? Im Gegensatz zu vielen anderen Denkern verweigert sich Cioran Erklärungen oder gar Handlungsweisungen für seine Leser. Er fragt, er sinniert und wir sind bei seinen Denkwegen quas live dabei. Bei einem grandiosen Stilisten und ewig Zweifelnden wie Cioran ist das ein großartiges Erlebnis, welches das Potenzial hat, einen die Welt in neuem Licht sehen zu lassen. Und paradoxerweise sind seine so düster klingenden Zeilen auch das Zeugnis einer irgendwie vorhandenen Lebenslust: Wer schreibt, ist definitiv nicht tot!


Die verfehlte Schöpfung
Die verfehlte Schöpfung
von E. M. Cioran
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,00

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Daß noch die letzte Mißgeburt die Gabe besitzt, Leben zu geben, 'auf die Welt zu bringen' - ..., 10. Mai 2017
Rezension bezieht sich auf: Die verfehlte Schöpfung (Taschenbuch)
…gibt es Demoralisierendes?" (14) Lebensekel, Daseinsverzweiflung, Selbstmord, die Menschheit als missratene Schöpfung eines bösartigen oder unfähigen Schöpfers – Cioran, der 1911 geborene rumänischstämmige Essayist und Aphoristiker, seit 1937 in Paris lebend und nur noch auf Französisch schreibend, war ein großer Pessimist, Existentialist, ein Zweifler und Verzweifler, ein Nietzsche des 20. Jahrhunderts. Ist Hoffnung überhaupt noch eine Option für den Menschen oder eine an Naivität nicht zu überbietende Dummheit? "Man sieht nicht recht, wie die Menschheit als Ganzes zu retten wäre; im Falschen verheddert, einer inferioren Wahrheit hörig, wird sie stets Anschein und Substanz verwechseln" (48) Und doch gibt es in der Gedankenwelt Cioran Hoffnung auf zumindest so etwas Ähnliches wie Erlösung – eine Erlösung, die in dem Verzicht auf alle physischen und metaphysischen Sinnversprechungen besteht: "Der Verdammte sehnt sich nach dem Paradies: dieses Streben erniedrigt, kompromittiert ihn. Frei sein heißt, sich auf ewig von der Idee der Belohnung lösen, nichts von den Menschen noch von den Göttern erwarten, es heißt, nicht nur auf diese Welt und auf alle Welten verzichten, sondern auf das Heil selber, es heißt sogar, seine Vorstellung zerbrechen, diese Kette der Ketten." (63) Viele Fragen ergeben sich aus den Sentenzen Ciorans: Ist der Mensch überhaupt zur Freiheit geschaffen, wenn Freiheit bedeutet, sich von allen Ketten der Sinnillusionen zu verabschieden? Ist diese Art der Freiheit überhaupt erstrebenswert? Lebt es sich nicht viel besser in Ketten gelegt, wenn diese Ketten Hoffnung, Sinn und die Illusion von Freiheit vermitteln? Ist Selbstmord Kapitulation oder das einzig wahre Freiheitsversprechen?

"Die verfehlte Schöpfung" – 1979 erstmals veröffentlicht – bestehend aus 6 Abschnitten, mal kurze Aphorismen, mal längere, essayistische Texte, nimmt sofort gefangen. Der Stil ist klar, prägnant, die Gedanken existentialistisch, Grenzbereiche des menschlichen Daseins auslotend. Cioran ist ein Sinnsucher der anderen Art, der sich allen Angeboten verweigert und gerade in dieser Position des Außenseiters, des Geistes, der stets verneint, sein philosophisches Epizentrum gefunden zu haben scheint. Das ist mitreißend und von zeitloser Aktualität!


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