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Beiträge von Christian Günther
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Rezensionen verfasst von
Christian Günther
(TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   

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Mein Weg
Mein Weg
von Tony Blair
  Gebundene Ausgabe

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Sympathischer Mensch, ehrbarer Staatsmann, untalentierter Autor, 23. August 2015
Rezension bezieht sich auf: Mein Weg (Gebundene Ausgabe)
---- Aktualisierung 06.07.2016 ----

Meinen Artikel zum Buch, kann ich heute, wo die Chilcot-Kommission nach siebenjähriger Untersuchung ihren Bericht vorgelegt hat, nicht mehr unkommentiert stehen lassen.
Blair hat getäuscht und Spekulationen als Fakten ausgegeben und somit Vertrauen schändlich mißbraucht. Ob er, aus welchen Beweggründen auch immer, bewußt gelogen hat oder zum Zeitpunkt der Entscheidungen womöglich glaubte im Sinne der Staatsräson und der nationalen Sicherheit zu handeln, weiß letztlich nur er allein, und es ändert auch nichts an dem Fakt, daß er - eines ehrbaren Staatsmannes unwürdig - Entscheidungen ohne ausreichende Entscheidungsgrundlage traf und die Nachwirkungen nicht (zumindest nicht nur) Folge von unvorhersehbaren Entwicklungen waren und sind, sondern maßgeblich der Tatsache geschuldet, daß völlig unvorbereitet in einen Krieg gegangen wurde, bei dessen Beginn gar kein belastbarer Plan für den Tag nach Saddam Hussein vorlag. Daß die US-Administration maßgeblich war und Blair de facto Bush einfach blind folgte, befreit ihn nicht aus der Verantwortung. Der Bericht der Kommission ist eindeutig und da mit äußerster Gewissenhaftigkeit und sich sehr viel Zeit nehmend erarbeitet, auch über jeden Zweifel erhaben.

Auch wenn ein emotionaler Impuls der Empörung, mich aus der Überschrift momentan gern nur den untalentierten Autor stehen lassen möchte, lasse ich Überschrift und den ursprünglichen, unmittelbar nach der Lektüre des Buches verfaßten Artikel unverändert stehen. Bei aller Wut, rufe ich mir ins Bewußtsein, daß ein Mensch und sein Leben nicht nur auf eine Fehlentscheidung und auf ein Versagen reduziert werden darf - und sei die negative Wirkung des Momentums noch so kolossal. Moralisch haben darüber Betroffene, juristisch gegebenenfalls Gerichte zu entscheiden, nicht ich.
Hat man sich mit Blair und seinem Wirken als britischer Premier beschäftigt, muß man ihm auch weiterhin zugestehen, daß er Großbritanien in vielen Punkten voran gebracht hat und tatsächlich zum Wohle seines Landes und seiner Menschen agierte. Daß diese Verdienste nun in den Schatten treten und sein Name auf immer mit dem Makel der zweifelhaften Kriegsführung samt ihrer Folgen behaftet sein wird, wird Blair zu ertragen haben.

"Politiker sehen sich allzu häufig der Schwierigkeit ausgesetzt, daß sie heute über Dinge zu entscheiden haben, die sie erst morgen wirklich verstehen." Dieser kluge und sehr ehrliche Satz stammt von Helmut Schmidt. Das Zitat soll nicht als Apologie für Blair herhalten, aber möglicherweise glaubte er tatsächlich das richtige zu tun und hoffte, es offenbart sich nicht als tragische Fehlentscheidung. Es gebietet die Fairness, diesen Aspekt auch in die Waagschale zu legen, auch wenn er natürlich nicht schwerer wiegt, als die Folgen der Fehlentscheidung und des Gerüsts an Falschbehauptungen drumherum.

---- ursprüngliche Rezension ----

Sich als britischer Ex-Premier als Autor zu versuchen, ist zugegeben beinah eine noch größere Herausforderung als die, vorher überhaupt Regierungschef zu werden. Die Messlatte hängt so unerreichbar hoch, daß man eigentlich nur scheitern kann. Und in beiden Kategorien war es dieselbe (Über-)Person, die sie so mythenbildend hoch hängte: Winston Churchill. An seinem Maßstab zu scheitern, ist wahrlich keine Schande. Figuren wie Churchill gibt es nun mal nur alle hundert Jahre und sichtbar werden sie auch nur dann, wenn die Zeitumstände es zulassen oder eher erfordern.

Glaubhaft ist jedenfalls, daß Tony Blair seine Autobiographie selbst abfaßte und keinen Ghostwriter hinzuzog. Zum einen erschien das opulente, fast 800 Seiten umspannende Werk erst ganze drei Jahre nach seinem Auszug aus Downing Street No.10 (meist werden solche Post-Regierungsära-Autobiographien ja schon binnen einer Jahresfrist in den Buchhandel gegeben, was allein kaum zu schaffen ist), zum anderen erweckt der Stil nicht den Eindruck, als wäre hier ein routinierter Profischreiber zu Werke gegangen.

Diese Tatsache unterstreicht durchaus den menschlich sympathischen Eindruck, den man auch durch das Lesen des Buches erneut von Blair erhält. Gänzlich unprätentiös schildert Blair für einen Staatsmann seines Kalibers erstaunlich offen und geerdet was in den verschiedenen Situationen auch emotional in ihm vorging; zeigt, daß ein normaler Mensch hinter einem steckt, der Premierminister werden will und es dann auch ganze zehn Jahre blieb. Schon zu Beginn gewinnt er persönlich durch die offen bekannte mulmige Unsicherheit, die ihn befiel, als klar war: Wahl haushoch gewonnen; nun mußt du liefern. Dieser Tenor zieht sich durch das gesamte Buch; auch im positiven; da wo er stolz ist auf Geleistetes, sagt er es auch unverhohlen und verteidigt rückblickend, wo die öffentliche Meinung eine Leistung nach seinem Ermessen nicht richtig einordnet oder einzuordnen vermag. Besonders lesenswert sind seine Argumentationen bezüglich des dritten Irakkriegs und der Intervention in Afghanistan. Man muß mit ihm gedanklich nicht d'accord sein, aber er schildert mit einer absoluten Sachlichkeit (die er zurecht bei den Gegnern allzu oft und auch in der Nachdiskussion bis heute vermißt; ich übrigens nicht minder) die Beweggründe, räumt Fehler ein, betont aber die aus seiner Sicht grundsätzliche Notwendigkeit dieser schweren Entscheidungen und widerlegt diverse, oftmals recht naiven oder gar einfältigen, verschwörungstheoretischen, gebetsmühlenartig vorgetragenen Vorwürfe. Wer an Aufklärung interessiert ist, sollte es zumindest lesen und abwägen. Es liest sich nicht wie eine Apologie; Blair rückt nur einige unsachliche Verunglimpfungen gerade. Man kommt nicht umhin, seinen eigenen Standpunkt, trotz aller grundsätzlicher Ablehnung von gewaltsamer Politik (sprich: Krieg), erneut auf seine prinzipielle Brauchbarkeit abzuklopfen. Ich muß gestehen, an einigen Stellen bröckelte mein friedliebendes Weltbild.

Was das Buch anstrengend macht, ist seine unnötige Detailliebe. Zu oft verliert sich Blair in Schilderungen bis ins Allerkleinste, unter Nennung aber auch wirklich aller auch nur weitestgehend involvierten Personen. Insbesondere für Nicht-Briten, die bis auf deutlich herausragende Politiker, die Genannten weder kennen noch irgendwie zuordnen können, wird das zu einer wirklichen Quälerei. Irgendwann überfliegt man nur noch und entwickelt einen Adlerblick, der die Buchseiten nach der Stelle scannt, wo wieder relevante Handlung einsetzt und die endlose Aufzählung samt Würdigung jeweils genannter Mitstreiter beendet zu sein scheint.

Auch das ewige 'Ich habe dies', 'Durch mich wurde das', 'Mir gelang oder auch nicht' oder 'Meine Entscheidung', ist schlicht ein schlechter Schreibstil. Daß in einer Autobiographie überdurchschnittlich viele Ich-bezogene Formulierungen fallen, ist unvermeidlich; aber 'Mein Weg' hätte auch den Titel 'Ich, ich, ich und mir und meinetwegen und nochmal Ich, ja wirklich ich' tragen können. Nicht aus Egozentrik; der Eindruck entsteht ganzheitlich gar nicht; es ist einfach ein Mangel an Autorenqualitäten.

Alles in allem dennoch ein lesenswertes Buch, nicht zuletzt, weil es einstweilen kaum eine vergleichbar gebündelte Schrift über die Ära Blair 1997-2007 gibt und selbst literarisch mäßig verfasste Selbstauskünfte immer ein wichtiges Puzzlestück sind, um politische/geschichtliche Entwicklungen und Zusammenhänge zu erkennen und zu verstehen.

Ob Blair als Staatsmann an Churchill herangereicht hätte, ist kaum fair zu beantworten; die Zeiten und die Herausforderungen waren völlig andere: dennoch wohl eher nicht. Der Alte war einfach zu außergewöhnlich; Blair aber durchweg ernstzunehmen und ehrbar und damit in den letzten hundert Jahren ganz sicher einer der Besseren im höchsten britischen Regierungsamt. Die Frage nach dem Heranreichen als Autor ist klar und fair zu beantworten: No, never! Er wird in keiner Vitrine einen Platz frei räumen müssen für den Literatur-Nobel-Preis.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 30, 2016 6:00 PM MEST


Wider den Terrorismus
Wider den Terrorismus
von Arno Gruen
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,00

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zu begreifen ist ein Anfang, 16. August 2015
Rezension bezieht sich auf: Wider den Terrorismus (Taschenbuch)
Man ist ernüchtert am Ende dieses kleinen Buches. Nicht, daß man ernstlich erwarten könnte, daß ein auch noch so anerkannter Psychoanalytiker und Soziologe, der Arno Gruen zweifelsohne ist, noch dazu inzwischen lebensweise 92 Jahre alt, mal eben einfach auf knappen 80 kleinen Buchseiten die Wurzel des Terrorismus frei legt und wir müssten sie dann nur noch ausheben; das nicht; aber was er freilegt, macht wenig Hoffnung auf signifikante Besserung. Jedenfalls, wenn man Realismus walten läßt und davon ausgeht, daß die Menschheit Fehler, die sie seit Urzeiten beharrlich kultiviert hat, nicht binnen weniger Jahre korrigiert ' auch wenn es in Anbetracht der technischen Möglichkeiten und den daraus resultierenden Gefahren heute bitter nötig wäre.

Gruens Analyse scheint leider sehr schlüssig und konfrontiert den Leser leider zu allem Überfluß - als wäre die Aussicht auf einen sich perpetuierenden Terrorismus in den Dimensionen der letzten 10-15 Jahre nicht schon unheilvoll genug - mit der Erkenntnis, daß wir ihn auch reichlich falsch bekämpfen. Oder zumindest nicht richtig, nicht an den Ursachen, sondern nur symptomatisch, also eben gerade nicht an der Wurzel.
Die Wurzel legt Gruen frei, nur sie auszuheben, wird uns nicht gegeben sein, will mir scheinen. Einstweilen hegen und pflegen wir sie eher betulich, wohl ohne uns dessen wirklich bewußt zu sein.

Gruen stellt sehr schlüssig dar, daß die Annahme: Terrorismus oder jedwede in Gruppen organisierte Gewalt gehe von einer Ideologie und ihren Demagogen aus, grundfalsch ist. Diese aber bekämpfen wir; mal mehr, mal weniger effektiv. Ihre Anhängerschaft aber, könnte man mit jeder Ideologie ködern, gleich welcher. Sie muß nur Gewalt zum Erreichen eines höheren Ziels legitimieren, um den ausführenden Mitläufern Gelegenheit zu geben ihr inneres Sinn-Vakuum zu füllen, die eigenen Versagensängste, Minderwertigkeitsgefühle etc. zu kompensieren und in einem vermeintlich höheren Sinn aufzulösen.

So banal es klingt: die Wurzel, vermutet Arno Gruen und begründet dies fachlich seriös und versiert, liegt in Kindern, die zu einem recht fixen Anteil (weltweit etwa 20%) Generation für Generation während des Heranwachsens in erheblichem Ausmaß zu wenig Empathie erfahren und/oder ein krudes Wertekorsett vermittelt bekommen, dem sie nicht gerecht werden können, und später als junge Erwachsene nicht zuletzt aus Angst und Selbsthass ein Ventil suchen. Jede Ideologie ' ganz gleich ob Religion, ethnischer Rassenwahn oder politischer Extremismus ' bietet da den ersehnten Ausweg, sich selbst nicht als schwach wahrzunehmen und mit der Gewalt anstelle von sich selbst andere zu strafen, bis hin zur brutalen und entmenschlichten Vernichtung, im Extremfall den sogar eigenen Tod billigend in Kauf nehmend.

Wie ganz oben erwähnt; es ist ernüchternd. Wohl kaum läßt sich dieser Feind mit polizeilichen Mitteln oder gar militärischer Gewalt besiegen (notabene: letztlich ist auch das nur ein Beitrag zur Verstetigung der Gefahr und nicht zuletzt speist sich auch der Pool, auf den Armeen rechtsstaatlicher Demokratien zurückgreifen, weit überdurchschnittlich aus eben dem gesellschaftlichen Teil der von Kindheit an auf Aggression konditionierten Menschen. Das ist keine antimilitaristisch motivierte pauschale Verunglimpfung des Militärs, sondern leider Fakt.). Auch persönliche Schuld ist nur äußerst schwer moralisch einwandfrei vorzuwerfen, wenn man nicht selbstgerecht sein will, denn Menschen mit verkümmerten empathischen Fähigkeiten, leiden vor allem selbst daran und haben wiederum selbst in aller Regel nichts dazu beigetragen. Was ausdrücklich kein Freibrief für Gräueltaten sein darf! Doch, wenn es einem wirklich ums Verstehen geht, muß man es auf dem Schirm haben. Ob es bei etwaiger juristischer Behandlung berücksichtigt werden sollte, ist eine ganz andere Diskussion.

Wir kommen nicht umhin, alles daran zu setzen, weltweit den gesellschaftlichen Nährboden für individuelle Aggression auszutrocknen und so die Gefahr für Heranwachsende zu potentiellen Mitläufern menschenverachtender Ideologien und letztlich selbst zu Aggressoren (auch als Einzeltäter ohne terroristischen Kontext) zu werden, zumindest etwas zu senken. Lösen werden wir das Problem nicht, da wage ich keinen Optimismus, und größer wird es allein schon deshalb, weil immer mehr Menschen auf dieser Erde leben und immer leichter zu immer mehr technischen Errungenschaften Zugang haben. Die Ursache des Problems zu begreifen ist immerhin ein Anfang.


KL - Gespräch über die Unsterblichkeit
KL - Gespräch über die Unsterblichkeit
von John von Düffel
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,00

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen KL - als wäre er es selbst!, 15. August 2015
Man könnte es schon als anmaßend empfinden, wenn ein Autor eine reale Person, noch dazu eine der wenigen seit Jahrzehnten wirklich weltweit prominenten, ins Zentrum seines Buches stellt - ohne, daß es sich dabei um eine Biographie handeln würde, versteht sich, sondern um reine Fiktion. Umso mehr, wenn das Buch beinah durchgängig in Gesprächsform gehalten ist. Man könnte; hat man John von Düffels 'KL - Gespräch über die Unsterblichkeit' aber gelesen, wird man es nicht. Im Gegenteil.
Es ist eher eine Hommage an eine zweifellos skurrile Persönlichkeit, den Inbegriff von exaltierter Erscheinung und überlebensgroßem Charisma. Man kann Karl Lagerfeld (wen sonst?) in seiner Schrulligkeit rundweg ablehnen oder für seine glaubhafte Verkörperung von Selbstdisziplin und Stil aufrichtig bewundern: als besonderen Menschen stuft ihn wohl jeder ein; Freund wie Feind.

Und von Düffel fängt ihn so gut ein, daß man meint, man läse mehre Interviews mit dem Mode-Zaren höchstselbst - oder das, was sich eben ergibt, wenn der Maestro zur Audienz lädt. Es ist bei Lagerfeld ja meist eher ein von den Fragen weit fort schweifendes Monologisieren; aber immer intellektuell brillant, mit Oberflächlichkeit kokettierend, sich dabei aber oft ins Tiefgründige und fast Philosophische steigernd, analytisch meist kaum widerlegbar.

Hat man also mit den Jahren einige Interviews mit Karl Lagerfeld gelesen und/oder gehört, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, man läse im Buch O-Ton KL und nicht Düffels Fiktion. Nur eben vertieft in Themen, über die der echte KL bisher nicht oder kaum oder wenn nicht so ausführlich in einem seinen recht raren Interviews sprach. Besser hätte John von Düffel es nicht machen können; respektvoller auch nicht. Man erlebt exakt den KL, den man zu kennen glaubt; was von Düffel ihn sagen läßt, könnte sehr glaubhaft wirklich von ihm stammen - in Brillanz und Extravaganz, im völligen Losgelöstsein von alltäglicher Realität, schwebend im Zwischenraum von Sein und Schein, wie in der punktgenauen Analyse gesellschaftlichen Irrsinns (was beim echten KL stets nachhaltig fasziniert: wie kann ein Mensch, der sich so außerhalb aller Normalität bewegt und geradezu abschottet, ein so gutes Gespür für den Zustand der Gesellschaft haben?)

Daß John von Düffel ihn über Tod und Unsterblichkeit laut nachdenken läßt, ergibt gute 100 Seiten sehr gutes literarisches Material. Liest man die Passagen die KL spricht auch noch in der originalen Lagerfeld Sprechgeschwindigkeit, ist die Authentizitätsillusion perfekt.

Ja, ich schrieb >100 Seiten<. Das Buch aber hat 160 Seiten. Daß John von Düffel seinen Ich-Protagonisten, den Autor, der mit KL ein philosophisches Buch machen will, auf dem Weg von ihm, KL, aus Paris kommend und später noch einmal zu ihm nach Hamburg jeweils erster Klasse im Zug fahrend weitere (bei weitem nicht so) Prominente treffen läßt, gibt Rätsel auf.
Sicherlich: zufällige Begegnungen im Zug fügen sich auch im wirklichen Leben selten in den Handlungskontext des Davor und Danach; sie stehen naturgegeben irgendwie lose im Raum. Und im realen Leben, kann das ganz wunderbar sein. In einem Buch will man aber einen Bezug, und sei er noch so um die Ecke gedacht, aber den gibt es hier nicht (oder ich erkenne ihn nicht, mag auch sein).

Diese beiden Exkurse sind nicht einmal sonderlich misslungen; keineswegs. Es entsteht nur leider der Eindruck, der Autor habe sie mit ins Buch genommen, um - ja warum? - die Seitenzahl auf Buchstärke zu hieven?

Es ist gerade die Wucht der hochkonzentrierten Aussagen und enormen Persönlichkeit, die die Lagerfeld-Seiten füllen, die beim lesen fasziniert. Da wirken eine offenbar derzeit recht bekannte TV-Moderatorin, die 'real' im Zug gar nicht so üppig beleibt scheint wie auf der Mattscheibe, ansonsten aber selbst privat offenbar genauso schlagfertig und rhetorisch burschikos ist; und eine vor Jahren gründlich gescheiterte Politikerin, nunja, gelinde banal und helfen dem Buch nicht weiter. Auch wenn - und das will ich gerne unterstellen, beurteilen kann ich es nicht - beide ähnlich nah in der Fiktion an den tatsächlichen Personen sind, wie es Düffel bei KL gelang. Leider beschädigt John von Düffel damit ein wenig sein im KL-Teil wirklich brillantes Buch. Lesenswert ist es dennoch allemal; man kann das 2. und 4. Kapitel getrost überspringen (meinetwegen später separat angehen) und gezielt die KL-Kapitel 1,3 und 5 lesen, dann ist es wirklich meisterlich.


Der Appell des Dalai Lama an die Welt: Ethik ist wichtiger als Religion
Der Appell des Dalai Lama an die Welt: Ethik ist wichtiger als Religion
von Franz Alt
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 4,99

5 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Essenz des Guten, 11. August 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Das ist doch naiv. Immer wieder hämmert dieser Gedanke von außen an die Schädelwand: Das ist naiv! Will beim Lesen stören. Naiv!!! Schreit es von draußen, zunehmend hysterisch; besorgt, ich könnte die Gedanken seiner Heiligkeit als vollkommen einleuchtend einstufen. NAIIIIIV!!!
Doch warum eigentlich? Und selbst wenn; ist was er sagt deshalb weniger wahr, weniger richtig?

Das kleine Buch (entstanden im Gespräch mit seinem Vertrauten Franz Alt), daß der Dalai Lama zu seinem 80. Geburtstag der Welt vorlegt, ist nichts weniger als die Essenz seiner lebenslangen Überlegungen; die Essenz seiner einleuchtenden Überzeugung, wie das Leben und das Miteinanderleben des Einzelnen und das ganzer Gesellschaften besser gelingen kann als gegenwärtig; nichts weniger als die Essenz des Guten.

Man kann es zynisch belächeln und den oben skizzierten Rufen recht geben. Und ja, natürlich wird die Welt nicht durch dieses kleinen Buch ab morgen eine bessere sein, werden die Menschen, die Menschheit nicht schlagartig alle Feindschaften zu Nonsens herabstufen, nicht Gier und Egoismus, Argwohn, hegemoniales Streben und Intoleranz aus ihrem Charakterprofil rückstandslos löschen (können).

Es war Udo Jürgens, der in einem seiner Lieder auf derartige (durchaus auch verständliche) Zweifel der Skeptiker zu Welt- und Lebensverbesserungsvorschlägen konterte: '' Doch aus Kindern werden Leute und die Utopie von heute wird die Wirklichkeit von Übermorgen sein.'* Wohlgemerkt: wird sein - nicht: könnte sein!

Das Überzeugende an den Ausführungen des Dalai Lama ist die Einfachheit seiner Gedanken. Sie umzusetzen bedarf es keines ideologischen Überbaus, keiner machtvollen Strukturen sie zu errichten, keines Umbruchs der eigenen nativen Kultur, kein Ablegen der Religion oder des Atheismus oder sonst welcher Lebensphilosophien. Es ist nichts weiter als ein Besinnen auf die empathische Urquelle, davon ausgehend, daß beinah jeder Mensch Frieden dem Kriege vorzieht, lieber geliebt wird als gehasst, Vergebung einer auf sich geladenen Schuld als moralische Erleichterung für sich empfindet etc.

Er macht dabei keine Vorschriften, erteilt keine Handlungsanweisungen, er rührt nur ans Innerste. Das muß man aushalten. Der Zyniker in mir faucht, weil es ihm an klugen Argumenten gebricht. Der Dalai Lama hat schlicht und ergreifend recht: Die Ethik an erste Stelle zu setzen (ohne Religionen, Kulturen, philosophische Gedankengerüste deshalb aufzugeben) genügt völlig. Das Leben, die Welt wäre friedlicher, freundlicher, lebenswerter. Man muß es nur tun. Jeder für sich! Keine Regierung kann das beschließen und durchsetzen. Aus der Selbstverantwortung kommen wir nicht raus. Daß er davon ausgeht, daß uns das gelingen wird, macht Mut. Sicherlich noch nicht morgen; vielleicht übermorgen. Das Buch ist ein wichtiger Beitrag Prioritäten zu überdenken.

Der innere Zyniker tobt wie das entlarvte Rumpelstilzchen, weil ihm dämmert, daß Zynismus noch keinen Menschen glücklicher, zufriedener oder zuversichtlicher gemacht hat; geschweige denn die Welt besser.

*(Auszug des Liedes: Sänger in Ketten; aus dem Album: Ohne Maske)


Zwei Herren am Strand: Roman
Zwei Herren am Strand: Roman
von Michael Köhlmeier
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,90

8 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Man will einfach, daß es genauso gewesen ist, 9. August 2015
Die Freundschaft zwischen Winston Churchill und Charlie Chaplin ist belegt. Die biographischen Fakten, die Köhlmeier in seinem Buch verarbeitet, auch. Den Raum dazwischen füllt der Autor nicht mit bunt blühender Phantasie; nur mit Fiktion, die sich so schlüssig zwischen die gesicherten Fakten fügt, daß keine Übergänge erkennbar sind - das könnte man einen Makel nennen - wahlweise: große Kunst.

Auffällig zielgerade schreibt sich Michael Köhlmeier durch sein Buch; ein Roman; das sollte der Leser nicht vergessen, auch wenn er sich liest wie Auszüge aus einer Doppelbiographie zweier überlebensgroßer Figuren des vergangenen Jahrhunderts. Zielgerade und sprachlich betörend klar und schön. Daß er den künstlerisch freien Raum für die ausdrückliche Fiktion in 'Zwei Herren am Strand' nicht missbraucht, um ein gewaltiges Epos aus dieser besonderen Männerfreundschaft zu konstruieren, ist nur zu loben. Die beiden Leben waren ohnehin schon groß genug, daß die Reduzierung auf das was sie tatsächlich verband, eingebettet in die für die Menschheit 'viel zu großen' Ereignisse ihrer Zeit, allemal genügen, um mit literarischer Füllung an all den Stellen, die nicht verifizierbar sind - eben der tatsächliche Inhalt ihrer privaten meist bei Spaziergängen geführten Gespräche, von ihnen talk walks genannt, die stets ohne weitere Anwesende oder Begleiter stattfanden - ein außergewöhnliches Buch entstehen zu lassen.

Köhlmeier zeichnet Churchill und Chaplin im Grunde so, wie sie wohl waren: zwei außergewöhnliche Sonderlinge, jeder für sich von auf andere Menschen magnetisch wirkendem Charisma und mit raumfüllender Aura, zweifellos Genies, keineswegs nur geliebt (jedenfalls nicht immer), mit einem (belegten) gemeinsamen Feind: Churchill nannte ihn den schwarzen Hund. Mehr oder minder willkürlich auftretende Depressionen, die die Annahme der Gefahr eines Suizids für beide eher zur hohen Wahrscheinlichkeit werden ließ. Wir wissen: beide wurden alt und starben natürlich. Ihr diesbezüglicher Pakt hielt und funktionierte.

Und da war noch ein weiterer gemeinsamer Feind, wie sich herausstellen sollte; nicht in ihnen, wie der schwarze Hund, die Depression; extern, und ebenfalls überlebensgroß: Adolf Nazi. Jeder bekämpfte ihn auf seine Weise. Chaplin mit seinem Meisterwerk 'The great dictator', in dem er Hitler in seiner Groteske schonungslos enttarnt und der Lächerlichkeit preisgibt (ohne ihn in Mimik und Gestik allzu sehr überzeichnen zu müssen; der Mann war erbärmlich karikaturesk genug, da reichte beinah einfaches nachahmen). Und Churchill, nun ja, weniger mit Humor...

Wie Michael Köhlmeier all das verwebt, ohne gewaltig auszuholen, ohne die ganz großen literarischen Gesten zu bemühen, sondern einfach in einem intelligenten, zurückhaltenden Erzählton, ist bewundernswert. Einfach und bescheiden wie der Titel des Buches: einfach zwei Herren am Strand. Um die nur geht es letztlich. Um ihre Freundschaft und Zuneigung und aufrichtige Sorge umeinander. Daß sie selbst und Teile ihres Tuns weltgeschichtlich wesentlich waren, vergißt man beim Lesen manchmal fast. Gerade das macht diese Geschichte und die Art, wie der Autor sie niederschrieb, so besonders.

Und ja, man ist über Strecken so angetan von dieser ungestelzten Emotion zwischen den Freunden, daß man am Ende fast ein wenig enttäuscht ist, teilweise eben doch nur Fiktion gelesen zu haben. Man will einfach, daß es bis ins Detail auch wirklich genauso gewesen ist. Gerade in den Gesprächen zwischen den beiden. Aber gerade da ist Köhlmeier. Und gerade da ist er brillant.


Der Sinn des Lebens ist das Leben: Meine Geschichte
Der Sinn des Lebens ist das Leben: Meine Geschichte
von Hugues de Montalembert
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Vom Sehen ohne Augenlicht, 22. Juli 2015
Es ist wohl für jeden Menschen eine der brutalsten Vorstellungen, von einem Moment auf den anderen die Fähigkeit zu sehen zu verlieren; umso mehr für einen Menschen, der vom Sehenkönnen lebt. Hugues de Montalembert war Fotograf und Regisseur als er bei einem Überfall auf offener Straße in New York im Jahr 1978 sein Augenlicht verlor; da war er 35 Jahre alt.

Im 2011 erstveröffentlichten Buch 'Der Sinn des Lebens ist das Leben' schildert er vom Moment des Überfalls an seinen Umgang mit der alles verändernden Situation; er schildert seine Gedanken, seine Auseinandersetzung mit sich selbst, die Sinnsuche. Und er tut dies nicht als fortlaufende und durchgängige Erzählung; er wirft dem Leser Gedankensplitter hin, Fragmente ' oft nur ein paar Zeilen lang.

Unabhängig von der tiefen Erkenntnis seiner Überlegungen, formuliert er literarisch brillant. Es ist auf eine durchwärmende Art wohltuend seinen Schilderungen zu folgen. Den Zweifeln, der Entschlossenheit, wieder den Zweifeln, dem nüchternen Akzeptieren der Situation, dem Mut, dem Selbstverständnis und letztlich der Erkenntnis, daß Sehen und Sehen sehr unterschiedliche Dinge sein können. Er läßt in der Essenz keinen Zweifel daran, daß er, wenn es die Möglichkeit gäbe, gern wieder mit den Augen sehen können würde; er redet sich sein Schicksal also nicht schön. Aber er demonstriert überdeutlich, daß mit den Augen sehen zu können, keinesfalls bedeutet, auch wirklich alles sehen zu können. Und umgekehrt, daß ein Blinder sehr wohl sieht ' nur anders, und vielleicht sogar intensiver.

Am Ende ist man durch die Lektüre Hugues de Montalemberts Selbsterfahrungen dann ganz nah bei der Erkenntnis von Antoine de Saint-Exupéry, der seinen kleinen Prinzen etwas pathetisch sagen läßt: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Ist wohl was dran.


Was, wenn Europa scheitert
Was, wenn Europa scheitert
von Geert Mak
  Broschiert
Preis: EUR 9,99

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ach, Europa..., 16. Juli 2015
Rezension bezieht sich auf: Was, wenn Europa scheitert (Broschiert)
In der niederländischen Originalausgabe ist >>Was, wenn Europa scheitert<< nur der Untertitel. Geert Mak überschrieb seinen Aufsatz in seiner Heimat mit der Zeile: >>Der Hund von Tisma<< Keine Sorge, hier offenbart sich beim Leser keine peinliche Bildungslücke; den Bezug erläutert Mak darum auch sogleich auf der erste Seite. Die Anekdote schien ihm sinnbildlich für den Zustand Europas in unseren Tagen und geht zurück auf ein privates Erlebnis, was ihm der serbische Schriftsteller Aleksandar Tisma einige Jahre zuvor erzählte. Dessen Hund war an der Donau entlang laufend irgendwie auf eine Eisscholle geraten und trieb plötzlich auf dem Strom flussabwärts. Doch anstatt nun, als die Scholle erst wenige Zentimeter vom Ufer entfernt war, den Sprung an des rettende Ufer zu wagen, selbst wenn der mit einem zweifellos unangenehmen kurzen Bad im eiskalten Wasser einhergegangen wäre, stand der Hund wie erstarrt auf der Scholle und trieb immer weiter vom Ufer weg den breiten Fluss hinab. Je länger er in seiner Schockstarre verharrte, umso geringer die Wahrscheinlichkeit der Gefahr noch zu entkommen. Beherztes Handeln war geboten, doch der Hund tat nichts, verharrte, trieb sehenden Auges in sein Unheil. Den Buchumschlag des holländischen Originals zieren auch die von einander losgelösten Umrisse von Europas Staaten; wie lose dahintreibende Eisschollen...

Mak liefert mit seinem Büchlein eine kluge, kritische Analyse über den Ist-Zustand der EU und die Fehlkonstruktion des Euro, eine geschichtlich versierte Darstellung der Unterschiedlichkeit der europäischen Nationen und der eben gerade daraus entstanden Idee der Integration. Wohlgemerkt: nicht trotz, sondern gerade wegen dieser Unterschiede, gerade wegen der Gefahren, die aus ihnen keimen und die nur eingehegt werden können, wenn wir uns nicht von einander isolieren, wenn wir die Unterschiede bewahrend für einander stehen und nicht gegen einander. So ist sein Buch eine kluge Argumentation für den Zusammenhalt Europas und gleichwohl eine schonungslose Kritik an den gegenwärtigen wirtschaftlichen und politischen Eliten und ein krachendes Urteil gegen die Finanzmarktschausteller und ihre Religion, die ausschließlich Parameter der Ökonomie als Argument duldet und alles andere (Demokratie, Kultur, Philosophie, Psychologie (die des einzelnen und die ganzer Völker!), Geschichte, Lebensqualität abseits von monetärer Leistungsvergütung etc.) als Nonsens vom Tisch wischt und lächerlich macht, jedenfalls als Argument nicht duldet oder als für die Problemlösung irrelevant abtut - leider inzwischen fast immer mit Erfolg. Die politische Klasse folgt willfährig diesem völlig gestörten, monothematischen Weltbild. Man muß ganz gewiss kein Kommunist sein - Mak ist es nicht, ich bin es nicht - um dieser Irrfahrt unserer gesellschaftlichen, ausschließlich an Ökonomie ausgerichteten Lebensphilosophie entschieden Einhalt gebieten zu wollen. Man muß kein Kommunist sein, um zu der Auffassung zu gelangen, daß der Markt gefälligst dem Menschen zu dienen hat und nicht umgekehrt. (Man denke in diesem Zusammenhang an Merkels selbstentblössende Forderung nach Zitat: "mehr marktkonformer Demokratie" - ja geht's noch?)

Diese Markthörigkeit läßt uns auf unserer Scholle erstarren; dieser schäublische Glaube, daß Haushaltsdisziplin das einzige sei, was zählt. Irrtum! Es gab wahrlich überzeugte Kapitalisten, die es besser dachten und machten, die beherzt handelten, die ihre Staaten und deren Menschen entschlossen schützten und dem Markt abverlangten, daß er sich zu beugen habe. Mak führt US-Präsident Franklin D. Roosevelt als taugliches Beispiel an und erläutert anhand von Roosevelts New Deal und anhand seines energischen Handelns und seines beispiellos klugen Umgangs mit den Amerikanern während der krisenhaften 1930er Jahre, wie es besser ginge. Natürlich kann kein gelungenes Krisenmanagement als Blaupause für die nächste Krise herhalten, schon gar nicht 80 Jahre später. Aber es kann Orientierung geben. Dieses geschäftige Nichtstun, dieses geschwätzige Problemgerede, diese sorgenzerfurchten nationalen Ego-Debatten, dieses permanente ergebnislose Krisengegipfel und das dabei fortwährend die demokratische Legitimation untergrabende an Parlamenten-vorbei-Entscheide, wie das kaum mehr zu ertragende Gebrabbel von Alternativlosigkeit á la Merkel, Hollande, Cameron und wie diese (allerdings von uns gewählten!) Laiendarsteller von Staatsmännern auf der gegenwärtigen politischen Bühne Europas auch heißen, hätte jedenfalls zurück geblendet ins Jahr 1930 die USA zielsicher demontiert.

Weil wir Europa brauchen, weil die Integration Europas das Beste ist, was dieser Kontinent in den letzten tausend Jahren zustande gebracht hat, müssen wir Europa kritisieren und von seinen politischen Führen endlich beherztes Handel einfordern. Wir müssen die Einheitswährung kritisch analysieren und ihre gefährlichen Konstruktionsfehler endlich korrigieren, eben gerade weil eine gemeinsame Währung (richtig justiert!) für alle von Nutzen ist. Wir müssen unsere Marktgläubigkeit überwinden, um Probleme in der richtigen Relation zu sehen. Man könnte (zugegeben etwas vereinfacht) auch sagen: wir sind verängstigt wegen der Nichtrückzahlbarkeit von (Kredit-)Geld, was de facto nie existiert hat. Es steckt kein realer Wert dahinter - zero. Davon lassen wir uns erpressen?! Das ist blanker Irrsinn! Roosevelt ließ sich davon jedenfalls herzlich wenig beeindrucken, ohne deswegen gleich den Kapitalismus und seine Gesetzmäßigkeiten in normaler Zeit abzuschaffen; er hat ihm nur die Zähne ausgeschlagen als er zum Raubtier wurde...

Geert Mak kritisiert Europa - seine zum Teil verquasten, sich gegenseitig beargwöhnenden und behindernden Institutionen, seine zum Staatsmann nicht taugenden gegenwärtigen politischen Führer, aber auch uns, seine allzu oft realitätsverweigernden Bürger, die sich schwertun zu begreifen, daß sowohl aus historischer Erkenntnis als auch aus begründbarer Annahme um die weitere Entwicklung der hochtechnisierten, globalisierten Welt der unmittelbaren Zukunft, ein Zusammenstehen der Völker Europas geboten ist - und appelliert das Fehlerhafte zu richten, beherzt der Gefahr zu begegnen, nicht auf der Scholle tatenlos immer weiter in die Gefahr zu treiben. Er kritisiert konstruktiv und die Idee der europäischen Integration wieder in Erinnerung rufend, nicht destruktiv kaputt redend, was Re-Nationalisierungs-Phantasten in den letzten Jahren leider zur genüge tun (auffällig viele Ökonomen unter ihnen; manche gründen gleich eine Partei und scheitern dann an ihrer mangelhaften Sozialkompetenz - geradezu ein Sinnbild für falsch gesetzte Prioritäten!). Das Buch erschien im Herbst 2012 und wurde seither täglich dringlicher, denn wir treiben nach wie vor auf der Scholle, starr vor Angst das Falsche zu tun, und merken nicht, dass gerade diese Weigerung beherzt und mutig zu handeln, die schlechteste aller Optionen ist.

Jackie, der Hund von Tisma, wurde übrigens von ein paar Kindern gerettet.


Vom Leben gezeichnet
Vom Leben gezeichnet
von Harald Martenstein
  Gebundene Ausgabe

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Frühe Kolumnen geballt, 8. Juli 2015
Rezension bezieht sich auf: Vom Leben gezeichnet (Gebundene Ausgabe)
“Vom Leben gezeichnet“, das sind auf 170 Seiten 54 Beiträge aus den ersten beiden Jahren von Harald Martensteins Kolumne “Lebenszeichen“ bei der Wochenzeitschrift Die Zeit (2002-2007; seither an anderer Stelle im Blatt schlicht unter “Martenstein“).

Ist soviel Martenstein geballt zu verkraften? Nun für viele sicherlich nicht; insbesondere für jene, die regelmäßig mit der Kündigung ihres Abos drohen: Ich oder Martenstein! Nun bisher entschied sich Die Zeit immer für den spitz schreibenden, alles Verquaste der Lächerlichkeit preisgebenden und jeden ideologisch wild eifernden Missionar wortreich anknurrenden Kolumnisten. Danke! Denn wer sich an Martensteins Äußerungen so sehr abarbeiten kann, daß er Schaum vor dem Mund geifernd das Verschriftliche Böse in ihm zu erkennen glaubt, der... ähm, der gehört eh zu einer besonderen Spezies Mensch, deren Erleuchtung mir etwas zu grell erstrahlt. Belassen wir's dabei.

Offenbar mögen ihn ja doch recht viele und recht gern lesen. Es soll Menschen geben, die vor allem Martensteins Kolumne wegen Die Zeit Woche für Woche kaufen. Doch auch bei aller Sympathie (ich würde ja eigentlich gern viel lieber: Liebe schreiben) und Bewunderung für den Wort- und Gedankenkünstler, sollte man dieses Buch vielleicht nicht unbedingt am Stück durchlesen; was machbar wäre. Die Brillanz der einzelnen Kolumnen wirkt vor allem, wenn man sie sich einzeln zu Gemüte führt. Man muß ja nicht gleich eine Woche Abstand zwischen zwei Kapiteln halten und so den originalen Veröffentlichungsrhythmus simulieren, aber jeden Tag eine, scheint mir ein guter Intervall. Außerdem hat man dann länger was vom Buch; ist doch auch schön.

Ansonsten muß man Martenstein wohl kaum erklären. Es ist gar nicht nur was er beobachtet, denkt und letztlich schreibt, sondern ebenso wie er es in Buchstaben meißelt. Seine Sprachmelodik, die Architektur seiner Sätze ist einmalig. Einen Text von Martenstein erkennt man auch, wenn kein Name darunter steht. Seine Wortkraft und Wortfindung ist selten und seine die Sprache ausreizenden Wortschöpfungen erfordern einen Humor, den man entweder hat oder eben nicht. Beileid jenen, die eben nicht; allen anderen: viel Vergnügen beim Lesen!


Ohne Worte: Was andere über dich denken
Ohne Worte: Was andere über dich denken
von Thorsten Havener
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Verstehen und verstanden werden, 4. Juli 2015
Offenbar ist es ein Naturgesetz, daß sobald ein Mensch mit einer durchweg glaubhaften Kompetenz auf egal welchem Fachgebiet sich daran macht sein Fachwissen für Laien, die an der Sache aber eben doch durchaus interessiert sind, kompatibel aufzubereiten, prompt aus einer Ecke anderer fachlich Versierter ein Entrüstungssturm losbricht - immer! Wie kann er nur? Wenn der laiengerechten Aufbereitung dann auch noch eine Spur Humor innewohnt und sie zu allem Überfluß auch noch leicht verständlich, unterhaltend präsentiert wird, wird die Entrüstung mit Verve nur noch weiter die Aggressionsskala hinauf gepeitscht: Frevel; Jauche über ihn!

Es stimmt ja; derartige Bücher wie 'Ohne Worte ' Was andere über Sie denken' birgen immer das Risiko gefährliches Halbwissen zu manifestieren in sich. Man kann Thorsten Havener aber nicht vorwerfen, daß er darauf abzielt oder es allzu fahrlässig in kauf nähme. Das Buch ist unterhaltsam; darin liegt (auch) sein besonderer Wert. Der Autor meidet allzu fachliche Erklärungen - da wo sie nötig sind, bringt er sie aber an! - und vermittelt seinen Lesern einen kleinen Einblick in die Fähigkeit Körpersprache zu deuten. Und erklärt einleuchtend die beiderseitige Wechselwirkung von Empfindung und Körpersprache. Also eben nicht nur unsere Stimmung beeinflusst unsere Körperhaltung, sondern ebenso umgekehrt: Posen in der Körperhaltung rückkoppeln auf unsere Stimmung. So löst man natürlich keine grundlegenden Probleme ' man kann sprichwörtlich natürlich nicht alles weglächeln ' aber man beeinflusst sehr wohl seine Lebensqualität. Um Halbwissen vorzubeugen, weist Havener wieder und wieder darauf hin, daß man stets mehrere Aspekte in ein Bild bringen muß und sich dringend davor hüten sollte, aus einzelnen Bewegungen oder Gesten letztinstanzliche Schlüsse zu ziehen. Das ginge ziemlich sicher nach hinten los. Der Klassiker: Verschränkte Arme bedeuten keineswegs immer Ablehnung; sie können es bedeuten; häufig steht mein Gegenüber aber einfach nur sehr gerne so, weil es eine recht bequeme Haltung ist. Derartig warnende Grüße an die Halbwissen-Experten gibt es im Buch zuhauf; ebenso Beispiele, wo der Autor selbst mit all seinen Fähigkeiten schlicht ratlos bleibt. Mehr kann er nicht tun, um dem Leser klar zu signalisieren: Hier sind ein paar Tipps, die können im Alltag helfen besser zu verstehen und besser verstanden zu werden, schlicht Missverständnisse zu vermeiden; mehr nicht!

Gegen Laien, die ein Kapitel lesen und danach neunmalklug meinen, sie hätten damit ein Psychologie-Studium erfolgreich durchlaufen, kann kein Autor von Büchern dieses Schlages etwas ausrichten. Das muß man aushalten. Dennoch ist der Vorwurf, der auch Havener immer wieder trifft: das sei alles zu wenig fachlich, vollkommen unsinnig. Zumal er meist aus der Ecke von Menschen kommt, die selbst Experten sind und mit wenigen Lockerungsübungen des eigenen fachlich verbohrten Verstandes zu dem Schluß gelangen könnten, daß sie wohl kaum zu den Adressaten dieses Buches gehören. Verehrte Experten, für Sie ist das Buch nicht gemacht! Sie wissen schon alles und brauchen Herrn Havener natürlich nicht. Sie lesen 1000 Seiten starke Fachwälzer (und nörgeln womöglich auch daran noch herum, und wer weiß, vielleicht sogar fachlich fundiert und zurecht), die ich aber nicht verstünde. Das hilft nicht weiter. Wenn durch Bücher wie dieses, das zwischenmenschliche Verständnis hie und da ein wenig wächst, ein paar Missverständnisse weniger in die Welt geraten, dann hat es seine Berechtigung. Daß es auch noch ein unterhaltsames Vergnügen ist, Haveners Gedanken zu folgen, ist dabei gewiss nicht schädlich - und auch nicht schändlich!


Was ich noch sagen wollte
Was ich noch sagen wollte
von Helmut Schmidt
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,95

23 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Exemplum, nicht Vorbild, 27. Mai 2015
Rezension bezieht sich auf: Was ich noch sagen wollte (Gebundene Ausgabe)
Man könnte es eine Spitzfindigkeit nennen oder wortklauberisch; und natürlich gerade bei einem, dessen Wertlegung auf Genauigkeit zuweilen manchem ohnehin schon pedantisch scheint, wäre diese Annahme durchaus auch verzeihlich. Doch Helmut Schmidt differenziert in den Begriffen nicht unbegründet. Das deutsche Wort Vorbild ist ihm in der Bedeutung zu groß, zu dicktuerisch, zu absolut. Es schwebt, wenn man das Wort verwendet, immer der unausgesprochene Anspruch mit, die als Vorbild bezeichnete Person müsse in allen Belangen fehlerlos und ideal sein, zumindest fast, und wenn bei so manchem Vorbild dann eine weniger rühmliche Facette zutage tritt, kippt die Ehrerbietung allzu leicht in maßlose Enttäuschung. Unnötig, befindet Schmidt. Kein Mensch ist frei von Makeln und eine Vorbildlichkeit kann auch nur punktuell in Erscheinung treten, etwaige Schwächen in anderen Fragen machen dies nicht automatisch zunichte. Wenn man alles relativiert und bis in den letzten Winkel durchleuchtet – eine unsympathische Modeerscheinung des gegenwärtigen Zeitgeistes – dann entledigen wir uns nach und nach beinah aller denkbarer Vorbilder. Das wäre sehr unklug. Daher bevorzugt Schmidt das lateinische Exemplum, was auch im Englischen die geläufigste Vokabel ist, wenn man von Vorbildern spricht, aber eben auch da im Sprachsinn bei weitem nicht so überbordend konnotiert wie das deutsche Wort Vorbild.

Dies im ausführlichen Vorwort klarstellend, widmet er sich auf den folgenden zweihundert Seiten der Fragestellung nach seinen persönlichen Vorbildern. Das war die Idee, die vom Verlag an ihn herangetragen wurde und der er, ein wenig nach seinen Vorstellungen ausgebaut und thematisch hier und da abschweifend und auf andere ihm wichtige Punkte eingehend, auch folgt.

Herausgekommen ist dabei ein Buch, was so persönlich geraten ist, wie kaum eines seiner 45 Bücher zuvor. Es bleibt zwar dabei: eine Helmut Schmidt Autobiographie im klassischen Sinne wird es nicht geben, ist also auch dieses Buch nicht, aber der knurrige Hanseat gibt hier für seine Verhältnisse erstaunliche Einblicke in seine sehr privaten Empfindungen (ich sage ganz bewußt nicht Gefühle).

Er durchschreitet viele Lebensstationen und benennt dabei die Personen, die ihm in der jeweiligen Phase zu Vorbildern im oben beschriebenen Wortsinn wurden. Einige waren es für einen konkreten Zeitabschnitt und er entnahm ihnen wichtige Erkenntnisse für sein Denken und Tun, andere blieben es sein Leben lang. Besonders ist dabei, daß Schmidt die Betonung nicht ändert, egal ob er von Zeitgenossen oder historischen Figuren redet, ob von herausragenden, weltbekannten Namen oder eher unbekannten persönlichen Weggefährten ohne sonderlichen Rang - typisch Schmidt eben. So finden römische Staatslenker wie Mark Aurel oder Marcus Cicero, die vor etwa 2000 Jahren lebten, genauso Erwähnung wie Willi Berkhan, ein lebenslanger, enger persönlicher Freund Schmidts, der Schriftsteller und Freund Siegfried Lenz genauso wie der sicherlich nicht von allen gleichmäßig geschätzte frühere chinesische Staatschef Deng Xiaoping usw., die Liste ist lang. Und niemand wird einfach nur erwähnt, sondern es wird immer sehr nachvollziehbar begründet, warum Schmidt ihn oder sie ein Vorbild nennt. Schmidt, dem Kritiker gern polemisch vorhalten, er hielte sich selbst für den Größten, nutzt dieses Buch, um ganz klar aufzuzeigen, wie vielen unterschiedlichen Menschen er verdankt, der geworden zu sein, der er heute ist, und er verneigt sich vor den Genannten und spricht in hanseatischer Sachlichkeit eine an einigen Stellen sogar anrührende Bewunderung aus.

Das skandalisierte Aufbauschen eines an sich bekannten Faktes; eine Liebesaffäre vor mehr als 40 Jahren, deren nur ein paar wenige Zeilen umspannende Erwähnung an der Stelle im Buch ganz und gar schlüssig und berechtigt ist; der Erwähnung aller wichtigen, klugen und wahrlich auch anrührenden Gedanken im Buch in der medialen Berichterstattung über das Buch vorzuziehen, belegt leider einmal mehr den inzwischen bedenklichen Zustand unseres gesamtgesellschaftlichen Intellekts. Das Setzen auf die virulente Oberflächlichkeit und sich immer mehr etablierende Schlagzeilenkultur, macht offenbar auch vor den Marketing-Strategen im Grunde ernstzunehmender Verlage nicht Halt (die Annahme, daß es der Verlag selbst war, der eben jene Passage besonders lancierte, erscheint mir zulässig).

Der in einigen Artikeln zu lesende Kritikpunkt, daß “Was ich noch sagen wollte“ etliches enthält, was für jene, die bereits viele von Schmidts Büchern gelesen haben, ähnlich auch schon in anderen Schriften zu lesen war, ist zutreffend. Allerdings kann doch bitte niemand ernstlich davon ausgegangen sein, daß ein 96jähriger mit seiner inzwischen 46. Buchveröffentlichung (und niemand weiß wie vielen Aufsätzen, öffentlichen Reden und Interviews) 230 Seiten durchgängig mit noch nie ausgesprochenen oder niedergeschriebenen Gedanken füllt!? Und auch wenn die meisten Bücher von Helmut Schmidt Bestseller wurden, darf wohl auch davon ausgegangen werden, daß diese thematische, neu verfasste Bündelung für die meisten Leser doch ein Erkenntnisgewinn darstellt. Und auch für die Stammleserschaft, die über die Jahre keine Buchveröffentlichung ausließ, finden sich an vielen Stellen im Buch anregende Erweiterungen von zuvor anderswo Erwähntem und eben doch auch noch einiges, an ganz aktuellen Hinweisen oder nie zuvor publizierte Erinnerungen. Am Ende des Buches, meint man doch ein wenig den Menschen Helmut Schmidt erkannt zu haben, nicht nur den überlebensgroßen Staatsmann und publizierenden Hochleistungsdenker, der einem in seinen Büchern weit häufiger begegnet.
Kommentar Kommentare (6) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 24, 2015 1:21 AM MEST


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