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Beiträge von Christian Günther
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Rezensionen verfasst von
Christian Günther
(TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   

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KL - Gespräch über die Unsterblichkeit
KL - Gespräch über die Unsterblichkeit
von John von Düffel
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,00

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen KL - als wäre er es selbst!, 15. August 2015
Man könnte es schon als anmaßend empfinden, wenn ein Autor eine reale Person, noch dazu eine der wenigen seit Jahrzehnten wirklich weltweit prominenten, ins Zentrum seines Buches stellt - ohne, daß es sich dabei um eine Biographie handeln würde, versteht sich, sondern um reine Fiktion. Umso mehr, wenn das Buch beinah durchgängig in Gesprächsform gehalten ist. Man könnte; hat man John von Düffels 'KL - Gespräch über die Unsterblichkeit' aber gelesen, wird man es nicht. Im Gegenteil.
Es ist eher eine Hommage an eine zweifellos skurrile Persönlichkeit, den Inbegriff von exaltierter Erscheinung und überlebensgroßem Charisma. Man kann Karl Lagerfeld (wen sonst?) in seiner Schrulligkeit rundweg ablehnen oder für seine glaubhafte Verkörperung von Selbstdisziplin und Stil aufrichtig bewundern: als besonderen Menschen stuft ihn wohl jeder ein; Freund wie Feind.

Und von Düffel fängt ihn so gut ein, daß man meint, man läse mehre Interviews mit dem Mode-Zaren höchstselbst - oder das, was sich eben ergibt, wenn der Maestro zur Audienz lädt. Es ist bei Lagerfeld ja meist eher ein von den Fragen weit fort schweifendes Monologisieren; aber immer intellektuell brillant, mit Oberflächlichkeit kokettierend, sich dabei aber oft ins Tiefgründige und fast Philosophische steigernd, analytisch meist kaum widerlegbar.

Hat man also mit den Jahren einige Interviews mit Karl Lagerfeld gelesen und/oder gehört, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, man läse im Buch O-Ton KL und nicht Düffels Fiktion. Nur eben vertieft in Themen, über die der echte KL bisher nicht oder kaum oder wenn nicht so ausführlich in einem seinen recht raren Interviews sprach. Besser hätte John von Düffel es nicht machen können; respektvoller auch nicht. Man erlebt exakt den KL, den man zu kennen glaubt; was von Düffel ihn sagen läßt, könnte sehr glaubhaft wirklich von ihm stammen - in Brillanz und Extravaganz, im völligen Losgelöstsein von alltäglicher Realität, schwebend im Zwischenraum von Sein und Schein, wie in der punktgenauen Analyse gesellschaftlichen Irrsinns (was beim echten KL stets nachhaltig fasziniert: wie kann ein Mensch, der sich so außerhalb aller Normalität bewegt und geradezu abschottet, ein so gutes Gespür für den Zustand der Gesellschaft haben?)

Daß John von Düffel ihn über Tod und Unsterblichkeit laut nachdenken läßt, ergibt gute 100 Seiten sehr gutes literarisches Material. Liest man die Passagen die KL spricht auch noch in der originalen Lagerfeld Sprechgeschwindigkeit, ist die Authentizitätsillusion perfekt.

Ja, ich schrieb >100 Seiten<. Das Buch aber hat 160 Seiten. Daß John von Düffel seinen Ich-Protagonisten, den Autor, der mit KL ein philosophisches Buch machen will, auf dem Weg von ihm, KL, aus Paris kommend und später noch einmal zu ihm nach Hamburg jeweils erster Klasse im Zug fahrend weitere (bei weitem nicht so) Prominente treffen läßt, gibt Rätsel auf.
Sicherlich: zufällige Begegnungen im Zug fügen sich auch im wirklichen Leben selten in den Handlungskontext des Davor und Danach; sie stehen naturgegeben irgendwie lose im Raum. Und im realen Leben, kann das ganz wunderbar sein. In einem Buch will man aber einen Bezug, und sei er noch so um die Ecke gedacht, aber den gibt es hier nicht (oder ich erkenne ihn nicht, mag auch sein).

Diese beiden Exkurse sind nicht einmal sonderlich misslungen; keineswegs. Es entsteht nur leider der Eindruck, der Autor habe sie mit ins Buch genommen, um - ja warum? - die Seitenzahl auf Buchstärke zu hieven?

Es ist gerade die Wucht der hochkonzentrierten Aussagen und enormen Persönlichkeit, die die Lagerfeld-Seiten füllen, die beim lesen fasziniert. Da wirken eine offenbar derzeit recht bekannte TV-Moderatorin, die 'real' im Zug gar nicht so üppig beleibt scheint wie auf der Mattscheibe, ansonsten aber selbst privat offenbar genauso schlagfertig und rhetorisch burschikos ist; und eine vor Jahren gründlich gescheiterte Politikerin, nunja, gelinde banal und helfen dem Buch nicht weiter. Auch wenn - und das will ich gerne unterstellen, beurteilen kann ich es nicht - beide ähnlich nah in der Fiktion an den tatsächlichen Personen sind, wie es Düffel bei KL gelang. Leider beschädigt John von Düffel damit ein wenig sein im KL-Teil wirklich brillantes Buch. Lesenswert ist es dennoch allemal; man kann das 2. und 4. Kapitel getrost überspringen (meinetwegen später separat angehen) und gezielt die KL-Kapitel 1,3 und 5 lesen, dann ist es wirklich meisterlich.


Der Appell des Dalai Lama an die Welt: Ethik ist wichtiger als Religion
Der Appell des Dalai Lama an die Welt: Ethik ist wichtiger als Religion
von Dalai Lama
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 4,99

5 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Essenz des Guten, 11. August 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Das ist doch naiv. Immer wieder hämmert dieser Gedanke von außen an die Schädelwand: Das ist naiv! Will beim Lesen stören. Naiv!!! Schreit es von draußen, zunehmend hysterisch; besorgt, ich könnte die Gedanken seiner Heiligkeit als vollkommen einleuchtend einstufen. NAIIIIIV!!!
Doch warum eigentlich? Und selbst wenn; ist was er sagt deshalb weniger wahr, weniger richtig?

Das kleine Buch (entstanden im Gespräch mit seinem Vertrauten Franz Alt), daß der Dalai Lama zu seinem 80. Geburtstag der Welt vorlegt, ist nichts weniger als die Essenz seiner lebenslangen Überlegungen; die Essenz seiner einleuchtenden Überzeugung, wie das Leben und das Miteinanderleben des Einzelnen und das ganzer Gesellschaften besser gelingen kann als gegenwärtig; nichts weniger als die Essenz des Guten.

Man kann es zynisch belächeln und den oben skizzierten Rufen recht geben. Und ja, natürlich wird die Welt nicht durch dieses kleinen Buch ab morgen eine bessere sein, werden die Menschen, die Menschheit nicht schlagartig alle Feindschaften zu Nonsens herabstufen, nicht Gier und Egoismus, Argwohn, hegemoniales Streben und Intoleranz aus ihrem Charakterprofil rückstandslos löschen (können).

Es war Udo Jürgens, der in einem seiner Lieder auf derartige (durchaus auch verständliche) Zweifel der Skeptiker zu Welt- und Lebensverbesserungsvorschlägen konterte: '' Doch aus Kindern werden Leute und die Utopie von heute wird die Wirklichkeit von Übermorgen sein.'* Wohlgemerkt: wird sein - nicht: könnte sein!

Das Überzeugende an den Ausführungen des Dalai Lama ist die Einfachheit seiner Gedanken. Sie umzusetzen bedarf es keines ideologischen Überbaus, keiner machtvollen Strukturen sie zu errichten, keines Umbruchs der eigenen nativen Kultur, kein Ablegen der Religion oder des Atheismus oder sonst welcher Lebensphilosophien. Es ist nichts weiter als ein Besinnen auf die empathische Urquelle, davon ausgehend, daß beinah jeder Mensch Frieden dem Kriege vorzieht, lieber geliebt wird als gehasst, Vergebung einer auf sich geladenen Schuld als moralische Erleichterung für sich empfindet etc.

Er macht dabei keine Vorschriften, erteilt keine Handlungsanweisungen, er rührt nur ans Innerste. Das muß man aushalten. Der Zyniker in mir faucht, weil es ihm an klugen Argumenten gebricht. Der Dalai Lama hat schlicht und ergreifend recht: Die Ethik an erste Stelle zu setzen (ohne Religionen, Kulturen, philosophische Gedankengerüste deshalb aufzugeben) genügt völlig. Das Leben, die Welt wäre friedlicher, freundlicher, lebenswerter. Man muß es nur tun. Jeder für sich! Keine Regierung kann das beschließen und durchsetzen. Aus der Selbstverantwortung kommen wir nicht raus. Daß er davon ausgeht, daß uns das gelingen wird, macht Mut. Sicherlich noch nicht morgen; vielleicht übermorgen. Das Buch ist ein wichtiger Beitrag Prioritäten zu überdenken.

Der innere Zyniker tobt wie das entlarvte Rumpelstilzchen, weil ihm dämmert, daß Zynismus noch keinen Menschen glücklicher, zufriedener oder zuversichtlicher gemacht hat; geschweige denn die Welt besser.

*(Auszug des Liedes: Sänger in Ketten; aus dem Album: Ohne Maske)


Zwei Herren am Strand: Roman
Zwei Herren am Strand: Roman
von Michael Köhlmeier
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,90

8 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Man will einfach, daß es genauso gewesen ist, 9. August 2015
Die Freundschaft zwischen Winston Churchill und Charlie Chaplin ist belegt. Die biographischen Fakten, die Köhlmeier in seinem Buch verarbeitet, auch. Den Raum dazwischen füllt der Autor nicht mit bunt blühender Phantasie; nur mit Fiktion, die sich so schlüssig zwischen die gesicherten Fakten fügt, daß keine Übergänge erkennbar sind - das könnte man einen Makel nennen - wahlweise: große Kunst.

Auffällig zielgerade schreibt sich Michael Köhlmeier durch sein Buch; ein Roman; das sollte der Leser nicht vergessen, auch wenn er sich liest wie Auszüge aus einer Doppelbiographie zweier überlebensgroßer Figuren des vergangenen Jahrhunderts. Zielgerade und sprachlich betörend klar und schön. Daß er den künstlerisch freien Raum für die ausdrückliche Fiktion in 'Zwei Herren am Strand' nicht missbraucht, um ein gewaltiges Epos aus dieser besonderen Männerfreundschaft zu konstruieren, ist nur zu loben. Die beiden Leben waren ohnehin schon groß genug, daß die Reduzierung auf das was sie tatsächlich verband, eingebettet in die für die Menschheit 'viel zu großen' Ereignisse ihrer Zeit, allemal genügen, um mit literarischer Füllung an all den Stellen, die nicht verifizierbar sind - eben der tatsächliche Inhalt ihrer privaten meist bei Spaziergängen geführten Gespräche, von ihnen talk walks genannt, die stets ohne weitere Anwesende oder Begleiter stattfanden - ein außergewöhnliches Buch entstehen zu lassen.

Köhlmeier zeichnet Churchill und Chaplin im Grunde so, wie sie wohl waren: zwei außergewöhnliche Sonderlinge, jeder für sich von auf andere Menschen magnetisch wirkendem Charisma und mit raumfüllender Aura, zweifellos Genies, keineswegs nur geliebt (jedenfalls nicht immer), mit einem (belegten) gemeinsamen Feind: Churchill nannte ihn den schwarzen Hund. Mehr oder minder willkürlich auftretende Depressionen, die die Annahme der Gefahr eines Suizids für beide eher zur hohen Wahrscheinlichkeit werden ließ. Wir wissen: beide wurden alt und starben natürlich. Ihr diesbezüglicher Pakt hielt und funktionierte.

Und da war noch ein weiterer gemeinsamer Feind, wie sich herausstellen sollte; nicht in ihnen, wie der schwarze Hund, die Depression; extern, und ebenfalls überlebensgroß: Adolf Nazi. Jeder bekämpfte ihn auf seine Weise. Chaplin mit seinem Meisterwerk 'The great dictator', in dem er Hitler in seiner Groteske schonungslos enttarnt und der Lächerlichkeit preisgibt (ohne ihn in Mimik und Gestik allzu sehr überzeichnen zu müssen; der Mann war erbärmlich karikaturesk genug, da reichte beinah einfaches nachahmen). Und Churchill, nun ja, weniger mit Humor...

Wie Michael Köhlmeier all das verwebt, ohne gewaltig auszuholen, ohne die ganz großen literarischen Gesten zu bemühen, sondern einfach in einem intelligenten, zurückhaltenden Erzählton, ist bewundernswert. Einfach und bescheiden wie der Titel des Buches: einfach zwei Herren am Strand. Um die nur geht es letztlich. Um ihre Freundschaft und Zuneigung und aufrichtige Sorge umeinander. Daß sie selbst und Teile ihres Tuns weltgeschichtlich wesentlich waren, vergißt man beim Lesen manchmal fast. Gerade das macht diese Geschichte und die Art, wie der Autor sie niederschrieb, so besonders.

Und ja, man ist über Strecken so angetan von dieser ungestelzten Emotion zwischen den Freunden, daß man am Ende fast ein wenig enttäuscht ist, teilweise eben doch nur Fiktion gelesen zu haben. Man will einfach, daß es bis ins Detail auch wirklich genauso gewesen ist. Gerade in den Gesprächen zwischen den beiden. Aber gerade da ist Köhlmeier. Und gerade da ist er brillant.


Der Sinn des Lebens ist das Leben: Meine Geschichte
Der Sinn des Lebens ist das Leben: Meine Geschichte
von Hugues de Montalembert
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Vom Sehen ohne Augenlicht, 22. Juli 2015
Es ist wohl für jeden Menschen eine der brutalsten Vorstellungen, von einem Moment auf den anderen die Fähigkeit zu sehen zu verlieren; umso mehr für einen Menschen, der vom Sehenkönnen lebt. Hugues de Montalembert war Fotograf und Regisseur als er bei einem Überfall auf offener Straße in New York im Jahr 1978 sein Augenlicht verlor; da war er 35 Jahre alt.

Im 2011 erstveröffentlichten Buch 'Der Sinn des Lebens ist das Leben' schildert er vom Moment des Überfalls an seinen Umgang mit der alles verändernden Situation; er schildert seine Gedanken, seine Auseinandersetzung mit sich selbst, die Sinnsuche. Und er tut dies nicht als fortlaufende und durchgängige Erzählung; er wirft dem Leser Gedankensplitter hin, Fragmente ' oft nur ein paar Zeilen lang.

Unabhängig von der tiefen Erkenntnis seiner Überlegungen, formuliert er literarisch brillant. Es ist auf eine durchwärmende Art wohltuend seinen Schilderungen zu folgen. Den Zweifeln, der Entschlossenheit, wieder den Zweifeln, dem nüchternen Akzeptieren der Situation, dem Mut, dem Selbstverständnis und letztlich der Erkenntnis, daß Sehen und Sehen sehr unterschiedliche Dinge sein können. Er läßt in der Essenz keinen Zweifel daran, daß er, wenn es die Möglichkeit gäbe, gern wieder mit den Augen sehen können würde; er redet sich sein Schicksal also nicht schön. Aber er demonstriert überdeutlich, daß mit den Augen sehen zu können, keinesfalls bedeutet, auch wirklich alles sehen zu können. Und umgekehrt, daß ein Blinder sehr wohl sieht ' nur anders, und vielleicht sogar intensiver.

Am Ende ist man durch die Lektüre Hugues de Montalemberts Selbsterfahrungen dann ganz nah bei der Erkenntnis von Antoine de Saint-Exupéry, der seinen kleinen Prinzen etwas pathetisch sagen läßt: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Ist wohl was dran.


Was, wenn Europa scheitert
Was, wenn Europa scheitert
von Geert Mak
  Broschiert
Preis: EUR 9,99

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ach, Europa..., 16. Juli 2015
Rezension bezieht sich auf: Was, wenn Europa scheitert (Broschiert)
In der niederländischen Originalausgabe ist >>Was, wenn Europa scheitert<< nur der Untertitel. Geert Mak überschrieb seinen Aufsatz in seiner Heimat mit der Zeile: >>Der Hund von Tisma<< Keine Sorge, hier offenbart sich beim Leser keine peinliche Bildungslücke; den Bezug erläutert Mak darum auch sogleich auf der erste Seite. Die Anekdote schien ihm sinnbildlich für den Zustand Europas in unseren Tagen und geht zurück auf ein privates Erlebnis, was ihm der serbische Schriftsteller Aleksandar Tisma einige Jahre zuvor erzählte. Dessen Hund war an der Donau entlang laufend irgendwie auf eine Eisscholle geraten und trieb plötzlich auf dem Strom flussabwärts. Doch anstatt nun, als die Scholle erst wenige Zentimeter vom Ufer entfernt war, den Sprung an des rettende Ufer zu wagen, selbst wenn der mit einem zweifellos unangenehmen kurzen Bad im eiskalten Wasser einhergegangen wäre, stand der Hund wie erstarrt auf der Scholle und trieb immer weiter vom Ufer weg den breiten Fluss hinab. Je länger er in seiner Schockstarre verharrte, umso geringer die Wahrscheinlichkeit der Gefahr noch zu entkommen. Beherztes Handeln war geboten, doch der Hund tat nichts, verharrte, trieb sehenden Auges in sein Unheil. Den Buchumschlag des holländischen Originals zieren auch die von einander losgelösten Umrisse von Europas Staaten; wie lose dahintreibende Eisschollen...

Mak liefert mit seinem Büchlein eine kluge, kritische Analyse über den Ist-Zustand der EU und die Fehlkonstruktion des Euro, eine geschichtlich versierte Darstellung der Unterschiedlichkeit der europäischen Nationen und der eben gerade daraus entstanden Idee der Integration. Wohlgemerkt: nicht trotz, sondern gerade wegen dieser Unterschiede, gerade wegen der Gefahren, die aus ihnen keimen und die nur eingehegt werden können, wenn wir uns nicht von einander isolieren, wenn wir die Unterschiede bewahrend für einander stehen und nicht gegen einander. So ist sein Buch eine kluge Argumentation für den Zusammenhalt Europas und gleichwohl eine schonungslose Kritik an den gegenwärtigen wirtschaftlichen und politischen Eliten und ein krachendes Urteil gegen die Finanzmarktschausteller und ihre Religion, die ausschließlich Parameter der Ökonomie als Argument duldet und alles andere (Demokratie, Kultur, Philosophie, Psychologie (die des einzelnen und die ganzer Völker!), Geschichte, Lebensqualität abseits von monetärer Leistungsvergütung etc.) als Nonsens vom Tisch wischt und lächerlich macht, jedenfalls als Argument nicht duldet oder als für die Problemlösung irrelevant abtut - leider inzwischen fast immer mit Erfolg. Die politische Klasse folgt willfährig diesem völlig gestörten, monothematischen Weltbild. Man muß ganz gewiss kein Kommunist sein - Mak ist es nicht, ich bin es nicht - um dieser Irrfahrt unserer gesellschaftlichen, ausschließlich an Ökonomie ausgerichteten Lebensphilosophie entschieden Einhalt gebieten zu wollen. Man muß kein Kommunist sein, um zu der Auffassung zu gelangen, daß der Markt gefälligst dem Menschen zu dienen hat und nicht umgekehrt. (Man denke in diesem Zusammenhang an Merkels selbstentblössende Forderung nach Zitat: "mehr marktkonformer Demokratie" - ja geht's noch?)

Diese Markthörigkeit läßt uns auf unserer Scholle erstarren; dieser schäublische Glaube, daß Haushaltsdisziplin das einzige sei, was zählt. Irrtum! Es gab wahrlich überzeugte Kapitalisten, die es besser dachten und machten, die beherzt handelten, die ihre Staaten und deren Menschen entschlossen schützten und dem Markt abverlangten, daß er sich zu beugen habe. Mak führt US-Präsident Franklin D. Roosevelt als taugliches Beispiel an und erläutert anhand von Roosevelts New Deal und anhand seines energischen Handelns und seines beispiellos klugen Umgangs mit den Amerikanern während der krisenhaften 1930er Jahre, wie es besser ginge. Natürlich kann kein gelungenes Krisenmanagement als Blaupause für die nächste Krise herhalten, schon gar nicht 80 Jahre später. Aber es kann Orientierung geben. Dieses geschäftige Nichtstun, dieses geschwätzige Problemgerede, diese sorgenzerfurchten nationalen Ego-Debatten, dieses permanente ergebnislose Krisengegipfel und das dabei fortwährend die demokratische Legitimation untergrabende an Parlamenten-vorbei-Entscheide, wie das kaum mehr zu ertragende Gebrabbel von Alternativlosigkeit á la Merkel, Hollande, Cameron und wie diese (allerdings von uns gewählten!) Laiendarsteller von Staatsmännern auf der gegenwärtigen politischen Bühne Europas auch heißen, hätte jedenfalls zurück geblendet ins Jahr 1930 die USA zielsicher demontiert.

Weil wir Europa brauchen, weil die Integration Europas das Beste ist, was dieser Kontinent in den letzten tausend Jahren zustande gebracht hat, müssen wir Europa kritisieren und von seinen politischen Führen endlich beherztes Handel einfordern. Wir müssen die Einheitswährung kritisch analysieren und ihre gefährlichen Konstruktionsfehler endlich korrigieren, eben gerade weil eine gemeinsame Währung (richtig justiert!) für alle von Nutzen ist. Wir müssen unsere Marktgläubigkeit überwinden, um Probleme in der richtigen Relation zu sehen. Man könnte (zugegeben etwas vereinfacht) auch sagen: wir sind verängstigt wegen der Nichtrückzahlbarkeit von (Kredit-)Geld, was de facto nie existiert hat. Es steckt kein realer Wert dahinter - zero. Davon lassen wir uns erpressen?! Das ist blanker Irrsinn! Roosevelt ließ sich davon jedenfalls herzlich wenig beeindrucken, ohne deswegen gleich den Kapitalismus und seine Gesetzmäßigkeiten in normaler Zeit abzuschaffen; er hat ihm nur die Zähne ausgeschlagen als er zum Raubtier wurde...

Geert Mak kritisiert Europa - seine zum Teil verquasten, sich gegenseitig beargwöhnenden und behindernden Institutionen, seine zum Staatsmann nicht taugenden gegenwärtigen politischen Führer, aber auch uns, seine allzu oft realitätsverweigernden Bürger, die sich schwertun zu begreifen, daß sowohl aus historischer Erkenntnis als auch aus begründbarer Annahme um die weitere Entwicklung der hochtechnisierten, globalisierten Welt der unmittelbaren Zukunft, ein Zusammenstehen der Völker Europas geboten ist - und appelliert das Fehlerhafte zu richten, beherzt der Gefahr zu begegnen, nicht auf der Scholle tatenlos immer weiter in die Gefahr zu treiben. Er kritisiert konstruktiv und die Idee der europäischen Integration wieder in Erinnerung rufend, nicht destruktiv kaputt redend, was Re-Nationalisierungs-Phantasten in den letzten Jahren leider zur genüge tun (auffällig viele Ökonomen unter ihnen; manche gründen gleich eine Partei und scheitern dann an ihrer mangelhaften Sozialkompetenz - geradezu ein Sinnbild für falsch gesetzte Prioritäten!). Das Buch erschien im Herbst 2012 und wurde seither täglich dringlicher, denn wir treiben nach wie vor auf der Scholle, starr vor Angst das Falsche zu tun, und merken nicht, dass gerade diese Weigerung beherzt und mutig zu handeln, die schlechteste aller Optionen ist.

Jackie, der Hund von Tisma, wurde übrigens von ein paar Kindern gerettet.


Vom Leben gezeichnet
Vom Leben gezeichnet
von Harald Martenstein
  Gebundene Ausgabe

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Frühe Kolumnen geballt, 8. Juli 2015
Rezension bezieht sich auf: Vom Leben gezeichnet (Gebundene Ausgabe)
“Vom Leben gezeichnet“, das sind auf 170 Seiten 54 Beiträge aus den ersten beiden Jahren von Harald Martensteins Kolumne “Lebenszeichen“ bei der Wochenzeitschrift Die Zeit (2002-2007; seither an anderer Stelle im Blatt schlicht unter “Martenstein“).

Ist soviel Martenstein geballt zu verkraften? Nun für viele sicherlich nicht; insbesondere für jene, die regelmäßig mit der Kündigung ihres Abos drohen: Ich oder Martenstein! Nun bisher entschied sich Die Zeit immer für den spitz schreibenden, alles Verquaste der Lächerlichkeit preisgebenden und jeden ideologisch wild eifernden Missionar wortreich anknurrenden Kolumnisten. Danke! Denn wer sich an Martensteins Äußerungen so sehr abarbeiten kann, daß er Schaum vor dem Mund geifernd das Verschriftliche Böse in ihm zu erkennen glaubt, der... ähm, der gehört eh zu einer besonderen Spezies Mensch, deren Erleuchtung mir etwas zu grell erstrahlt. Belassen wir's dabei.

Offenbar mögen ihn ja doch recht viele und recht gern lesen. Es soll Menschen geben, die vor allem Martensteins Kolumne wegen Die Zeit Woche für Woche kaufen. Doch auch bei aller Sympathie (ich würde ja eigentlich gern viel lieber: Liebe schreiben) und Bewunderung für den Wort- und Gedankenkünstler, sollte man dieses Buch vielleicht nicht unbedingt am Stück durchlesen; was machbar wäre. Die Brillanz der einzelnen Kolumnen wirkt vor allem, wenn man sie sich einzeln zu Gemüte führt. Man muß ja nicht gleich eine Woche Abstand zwischen zwei Kapiteln halten und so den originalen Veröffentlichungsrhythmus simulieren, aber jeden Tag eine, scheint mir ein guter Intervall. Außerdem hat man dann länger was vom Buch; ist doch auch schön.

Ansonsten muß man Martenstein wohl kaum erklären. Es ist gar nicht nur was er beobachtet, denkt und letztlich schreibt, sondern ebenso wie er es in Buchstaben meißelt. Seine Sprachmelodik, die Architektur seiner Sätze ist einmalig. Einen Text von Martenstein erkennt man auch, wenn kein Name darunter steht. Seine Wortkraft und Wortfindung ist selten und seine die Sprache ausreizenden Wortschöpfungen erfordern einen Humor, den man entweder hat oder eben nicht. Beileid jenen, die eben nicht; allen anderen: viel Vergnügen beim Lesen!


Ohne Worte: Was andere über dich denken
Ohne Worte: Was andere über dich denken
von Thorsten Havener
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Verstehen und verstanden werden, 4. Juli 2015
Offenbar ist es ein Naturgesetz, daß sobald ein Mensch mit einer durchweg glaubhaften Kompetenz auf egal welchem Fachgebiet sich daran macht sein Fachwissen für Laien, die an der Sache aber eben doch durchaus interessiert sind, kompatibel aufzubereiten, prompt aus einer Ecke anderer fachlich Versierter ein Entrüstungssturm losbricht - immer! Wie kann er nur? Wenn der laiengerechten Aufbereitung dann auch noch eine Spur Humor innewohnt und sie zu allem Überfluß auch noch leicht verständlich, unterhaltend präsentiert wird, wird die Entrüstung mit Verve nur noch weiter die Aggressionsskala hinauf gepeitscht: Frevel; Jauche über ihn!

Es stimmt ja; derartige Bücher wie 'Ohne Worte ' Was andere über Sie denken' birgen immer das Risiko gefährliches Halbwissen zu manifestieren in sich. Man kann Thorsten Havener aber nicht vorwerfen, daß er darauf abzielt oder es allzu fahrlässig in kauf nähme. Das Buch ist unterhaltsam; darin liegt (auch) sein besonderer Wert. Der Autor meidet allzu fachliche Erklärungen - da wo sie nötig sind, bringt er sie aber an! - und vermittelt seinen Lesern einen kleinen Einblick in die Fähigkeit Körpersprache zu deuten. Und erklärt einleuchtend die beiderseitige Wechselwirkung von Empfindung und Körpersprache. Also eben nicht nur unsere Stimmung beeinflusst unsere Körperhaltung, sondern ebenso umgekehrt: Posen in der Körperhaltung rückkoppeln auf unsere Stimmung. So löst man natürlich keine grundlegenden Probleme ' man kann sprichwörtlich natürlich nicht alles weglächeln ' aber man beeinflusst sehr wohl seine Lebensqualität. Um Halbwissen vorzubeugen, weist Havener wieder und wieder darauf hin, daß man stets mehrere Aspekte in ein Bild bringen muß und sich dringend davor hüten sollte, aus einzelnen Bewegungen oder Gesten letztinstanzliche Schlüsse zu ziehen. Das ginge ziemlich sicher nach hinten los. Der Klassiker: Verschränkte Arme bedeuten keineswegs immer Ablehnung; sie können es bedeuten; häufig steht mein Gegenüber aber einfach nur sehr gerne so, weil es eine recht bequeme Haltung ist. Derartig warnende Grüße an die Halbwissen-Experten gibt es im Buch zuhauf; ebenso Beispiele, wo der Autor selbst mit all seinen Fähigkeiten schlicht ratlos bleibt. Mehr kann er nicht tun, um dem Leser klar zu signalisieren: Hier sind ein paar Tipps, die können im Alltag helfen besser zu verstehen und besser verstanden zu werden, schlicht Missverständnisse zu vermeiden; mehr nicht!

Gegen Laien, die ein Kapitel lesen und danach neunmalklug meinen, sie hätten damit ein Psychologie-Studium erfolgreich durchlaufen, kann kein Autor von Büchern dieses Schlages etwas ausrichten. Das muß man aushalten. Dennoch ist der Vorwurf, der auch Havener immer wieder trifft: das sei alles zu wenig fachlich, vollkommen unsinnig. Zumal er meist aus der Ecke von Menschen kommt, die selbst Experten sind und mit wenigen Lockerungsübungen des eigenen fachlich verbohrten Verstandes zu dem Schluß gelangen könnten, daß sie wohl kaum zu den Adressaten dieses Buches gehören. Verehrte Experten, für Sie ist das Buch nicht gemacht! Sie wissen schon alles und brauchen Herrn Havener natürlich nicht. Sie lesen 1000 Seiten starke Fachwälzer (und nörgeln womöglich auch daran noch herum, und wer weiß, vielleicht sogar fachlich fundiert und zurecht), die ich aber nicht verstünde. Das hilft nicht weiter. Wenn durch Bücher wie dieses, das zwischenmenschliche Verständnis hie und da ein wenig wächst, ein paar Missverständnisse weniger in die Welt geraten, dann hat es seine Berechtigung. Daß es auch noch ein unterhaltsames Vergnügen ist, Haveners Gedanken zu folgen, ist dabei gewiss nicht schädlich - und auch nicht schändlich!


Was ich noch sagen wollte
Was ich noch sagen wollte
von Helmut Schmidt
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,95

21 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Exemplum, nicht Vorbild, 27. Mai 2015
Rezension bezieht sich auf: Was ich noch sagen wollte (Gebundene Ausgabe)
Man könnte es eine Spitzfindigkeit nennen oder wortklauberisch; und natürlich gerade bei einem, dessen Wertlegung auf Genauigkeit zuweilen manchem ohnehin schon pedantisch scheint, wäre diese Annahme durchaus auch verzeihlich. Doch Helmut Schmidt differenziert in den Begriffen nicht unbegründet. Das deutsche Wort Vorbild ist ihm in der Bedeutung zu groß, zu dicktuerisch, zu absolut. Es schwebt, wenn man das Wort verwendet, immer der unausgesprochene Anspruch mit, die als Vorbild bezeichnete Person müsse in allen Belangen fehlerlos und ideal sein, zumindest fast, und wenn bei so manchem Vorbild dann eine weniger rühmliche Facette zutage tritt, kippt die Ehrerbietung allzu leicht in maßlose Enttäuschung. Unnötig, befindet Schmidt. Kein Mensch ist frei von Makeln und eine Vorbildlichkeit kann auch nur punktuell in Erscheinung treten, etwaige Schwächen in anderen Fragen machen dies nicht automatisch zunichte. Wenn man alles relativiert und bis in den letzten Winkel durchleuchtet – eine unsympathische Modeerscheinung des gegenwärtigen Zeitgeistes – dann entledigen wir uns nach und nach beinah aller denkbarer Vorbilder. Das wäre sehr unklug. Daher bevorzugt Schmidt das lateinische Exemplum, was auch im Englischen die geläufigste Vokabel ist, wenn man von Vorbildern spricht, aber eben auch da im Sprachsinn bei weitem nicht so überbordend konnotiert wie das deutsche Wort Vorbild.

Dies im ausführlichen Vorwort klarstellend, widmet er sich auf den folgenden zweihundert Seiten der Fragestellung nach seinen persönlichen Vorbildern. Das war die Idee, die vom Verlag an ihn herangetragen wurde und der er, ein wenig nach seinen Vorstellungen ausgebaut und thematisch hier und da abschweifend und auf andere ihm wichtige Punkte eingehend, auch folgt.

Herausgekommen ist dabei ein Buch, was so persönlich geraten ist, wie kaum eines seiner 45 Bücher zuvor. Es bleibt zwar dabei: eine Helmut Schmidt Autobiographie im klassischen Sinne wird es nicht geben, ist also auch dieses Buch nicht, aber der knurrige Hanseat gibt hier für seine Verhältnisse erstaunliche Einblicke in seine sehr privaten Empfindungen (ich sage ganz bewußt nicht Gefühle).

Er durchschreitet viele Lebensstationen und benennt dabei die Personen, die ihm in der jeweiligen Phase zu Vorbildern im oben beschriebenen Wortsinn wurden. Einige waren es für einen konkreten Zeitabschnitt und er entnahm ihnen wichtige Erkenntnisse für sein Denken und Tun, andere blieben es sein Leben lang. Besonders ist dabei, daß Schmidt die Betonung nicht ändert, egal ob er von Zeitgenossen oder historischen Figuren redet, ob von herausragenden, weltbekannten Namen oder eher unbekannten persönlichen Weggefährten ohne sonderlichen Rang - typisch Schmidt eben. So finden römische Staatslenker wie Mark Aurel oder Marcus Cicero, die vor etwa 2000 Jahren lebten, genauso Erwähnung wie Willi Berkhan, ein lebenslanger, enger persönlicher Freund Schmidts, der Schriftsteller und Freund Siegfried Lenz genauso wie der sicherlich nicht von allen gleichmäßig geschätzte frühere chinesische Staatschef Deng Xiaoping usw., die Liste ist lang. Und niemand wird einfach nur erwähnt, sondern es wird immer sehr nachvollziehbar begründet, warum Schmidt ihn oder sie ein Vorbild nennt. Schmidt, dem Kritiker gern polemisch vorhalten, er hielte sich selbst für den Größten, nutzt dieses Buch, um ganz klar aufzuzeigen, wie vielen unterschiedlichen Menschen er verdankt, der geworden zu sein, der er heute ist, und er verneigt sich vor den Genannten und spricht in hanseatischer Sachlichkeit eine an einigen Stellen sogar anrührende Bewunderung aus.

Das skandalisierte Aufbauschen eines an sich bekannten Faktes; eine Liebesaffäre vor mehr als 40 Jahren, deren nur ein paar wenige Zeilen umspannende Erwähnung an der Stelle im Buch ganz und gar schlüssig und berechtigt ist; der Erwähnung aller wichtigen, klugen und wahrlich auch anrührenden Gedanken im Buch in der medialen Berichterstattung über das Buch vorzuziehen, belegt leider einmal mehr den inzwischen bedenklichen Zustand unseres gesamtgesellschaftlichen Intellekts. Das Setzen auf die virulente Oberflächlichkeit und sich immer mehr etablierende Schlagzeilenkultur, macht offenbar auch vor den Marketing-Strategen im Grunde ernstzunehmender Verlage nicht Halt (die Annahme, daß es der Verlag selbst war, der eben jene Passage besonders lancierte, erscheint mir zulässig).

Der in einigen Artikeln zu lesende Kritikpunkt, daß “Was ich noch sagen wollte“ etliches enthält, was für jene, die bereits viele von Schmidts Büchern gelesen haben, ähnlich auch schon in anderen Schriften zu lesen war, ist zutreffend. Allerdings kann doch bitte niemand ernstlich davon ausgegangen sein, daß ein 96jähriger mit seiner inzwischen 46. Buchveröffentlichung (und niemand weiß wie vielen Aufsätzen, öffentlichen Reden und Interviews) 230 Seiten durchgängig mit noch nie ausgesprochenen oder niedergeschriebenen Gedanken füllt!? Und auch wenn die meisten Bücher von Helmut Schmidt Bestseller wurden, darf wohl auch davon ausgegangen werden, daß diese thematische, neu verfasste Bündelung für die meisten Leser doch ein Erkenntnisgewinn darstellt. Und auch für die Stammleserschaft, die über die Jahre keine Buchveröffentlichung ausließ, finden sich an vielen Stellen im Buch anregende Erweiterungen von zuvor anderswo Erwähntem und eben doch auch noch einiges, an ganz aktuellen Hinweisen oder nie zuvor publizierte Erinnerungen. Am Ende des Buches, meint man doch ein wenig den Menschen Helmut Schmidt erkannt zu haben, nicht nur den überlebensgroßen Staatsmann und publizierenden Hochleistungsdenker, der einem in seinen Büchern weit häufiger begegnet.
Kommentar Kommentare (6) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 24, 2015 1:21 AM MEST


Dann Mach's Gut Live
Dann Mach's Gut Live
Preis: EUR 11,49

122 von 125 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Leben hört nicht auf komisch zu sein..., 1. Mai 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Dann Mach's Gut Live (Audio CD)
“Das Leben hört nicht auf komisch zu sein, auch wenn Menschen sterben; genauso wenig wie es aufhört ernst zu sein, wenn wir lachen.“ Mit diesen Worten, mit diesem Zitat von George Bernard Shaw entließ Reinhard Mey sein Publikum bei den Konzerten seiner Tournee im Herbst letzten Jahres in die Pause. Sechzig mal hätte man in diesem Moment Abend für Abend eine Nadel auf den Boden fallen hören, selbst in den größten Sälen. Sechzig mal war es in den vorangegangenen vier-fünf Minuten, als hielten all die vielen tausend Zuhörer im Saal inne und wünschen dem Einzelnen da im Lichtkegel alle Kraft nur irgendwie heil durch das letzte Lied vor der Pause zu kommen: “Laß nun ruhig los das Ruder“. Das Lied endet mit den Worten: “Und das Dunkel weicht dem Licht, mag es noch so finster scheinen. Nein, hadern dürfen wir nicht – doch wir dürfen weinen.“ - dann Stille. Auch wenn dann bald kraftvoller Applaus einsetzte, die Menschen in die Pause gingen, die Stille wirkte nach, setzte sich gegen alle Geräusche durch. Selten war ein Konzertmoment so intensiv, selten so unverstellt die Sicht in die Seele des Künstlers.

Warum tut er sich das an? Warum spielt er das Lied, was in der Zeit zwischen Schreiben und Veröffentlichung des Albums im Mai 2013 und Beginn der den Liedern des Albums gewidmeten Konzertreise im September 2014 seine, selbst wenn vielleicht schweren Herzens ersehnte, so doch traurige Erfüllung fand?
Wohl, weil es das Leben ist. Wohl, weil er seit jeher anhand seines (Er-)Lebens seinem Publikum, den zufälligen Fremden, wie den langjährigen und den jüngeren treuen Freunden, Seelennahrung in beinah allen Lebensbelangen reicht. Wohl, weil sich aus selbst Erlebtem die substanziellsten und aufrichtigsten Geschichten erzählen lassen; die, die lachen machen; die, die nachdenklich machen; und eben auch die, die trösten können. Und so wie er sein Publikum seit Jahrzehnten wissen läßt, was ihn auch im familiären Kontext freut oder regelrecht glücklich macht – und das hat nicht im Geringsten etwas mit boulevardesker Distanzlosigkeit zu tun! - und so auch stets Worte und Lieder fand für das, was ihn grämt, empört und fast verzweifeln läßt, ist es letztlich nur das konsequente Abschreiten eines aus für jeden ersichtlicher Überzeugung gegangenen Weges, auch vor der wohl größten Traurigkeit nicht Halt zu machen, sie auch auf der Bühne her zu zeigen, daß es ein wenig tröste. Nicht nur jene, die selbst eine Wunde aushalten müssen, die nicht heilt, sondern hoffentlich auch den Sänger selbst ein wenig, durch die Resonanz seines Publikums.

Und ganz nach dem klugen Satz von G.B. Shaw oben geriet auch der Abend, das Konzert, erfreulicherweise zum 16. mal festgehalten in Form dieses Doppel-Live-Albums (zum 18. mal, wenn man die beiden französischen Live-Alben mitzählt).
Der Abend war heiter und hell und in manchen Momenten laut lachend lustig. Der Abend war nachdenklich und ernst, Wut brach sich in Worten Bahn und auch der Mut Traurigkeit nicht zu kaschieren, Tränen zuzulassen.
Die Gleichzeitigkeit der Ereignisse mag zuweilen verstören, doch liegt vielleicht gerade darin die Kunst der Balance. Lässt man den Weg von Reinhard Mey bis dato Revue passieren, verkörpert er seit jeher (und mit den Jahren immer noch mehr) eben genau das: In den Momenten des größten Glücks sich dennoch gewahr zu sein, daß anderswo Leid ist und Tränen fließen; gerade dann! Nicht um sich selbst die Stimmung zu vermiesen, sondern um sich vor schamlosen Auswüchsen und Größenwahn zu bewahren. Und in den Phasen zehrender Trauer dennoch die guten Gründe zu erkennen, sich des Lebens zu freuen; gerade dann! Um das Hadern abzuwehren, um nicht im Schmerz verloren zu gehen, um ein kleines Lächeln zu retten, wenn das sorglose Lachen schon verloren ist.

All das liegt in seinen Liedern, all das ist in jedem seiner Konzerte erlebbar, vielleicht gerade bei dieser jüngsten Tournee ganz besonders, festgehalten auf diesem neusten Live-Album.

Vor drei Jahren schrieb ich zum damals frisch veröffentlichten Mitschnitt der 2011er Tournee “Gib mir Musik!“ einen Vergleich, der offenbar sehr vielen aus der Seele sprach, darum zitiere ich mich hier ganz einfach einmal selbst:
“… Es ist jedes Mal als träfe man einen lieben alten Freund, einen engen Vertrauten, den man aufgrund der unterschiedlichen Lebenswege leider nur alle paar Jahre sieht. Doch wenn man sich trifft, ist schon nach Sekunden die alte Vertrautheit und Verbundenheit wieder da und man erlebt einen wundervollen Abend miteinander, redet und trinkt, lacht, hört zu, denkt nach, erspinnt neue Weltgerüste und empört sich über Ungerechtigkeit, erzählt sich neues, erinnert sich an lang zurückliegendes und bekennt einmal mehr gemeinsam die unerschütterliche Liebe zum Leben, mit allem was nun einmal dazu gehört... … So ist eben kein Live-Album von Reinhard Mey wie das andere, so wie auch kein langes, gutes Gespräch mit einem Freund wie das andere ist. Natürlich saß man wie immer an einem Tisch, mit ein paar Gläsern Wein und am Ende waren etliche Krümel und Flecken auf der Tischdecke, die Kerzen niedergebrannt und man lag sich in den Armen und verabredete sich für in drei Jahren wieder an diesem Tisch. Von außen betrachtet ist es alle paar Jahre immer dieselbe Szene. Doch nicht für die, die mit an dem Tisch saßen.“

Es bleibt nur dankbar zu sein, daß Mey es zur schönen Tradition werden ließ, seine Programme als beinah ungekürzte Konzertmitschnitte zu veröffentlichen, seit nunmehr zwanzig Jahren gänzlich lückenlos. Die reduzierte Darbietung allein mit Gitarre und die somit oft stark divergierende Wirkung der Lieder im Vergleich zu den aufwendigen Versionen die er im Studio mit oft sehr vielen Musikern ersinnt, machen jedes seiner Live-Alben zur schönen Ergänzung zur jeweiligen Studio-Produktion, so auch dieses. Weil eben nicht besser oder schlechter, sondern grundlegend anders, vielleicht noch fokussierter auf den Text als ohnehin.

Und natürlich auch der Tradition in der Tradition wegen. Denn nicht nur das konsequente Bereitstellen eines Konzertmitschnitts jeder Tournee, sondern auch das Aufwarten mit Liedern, die ohne Umweg übers Studio direkt auf der Bühne landen, machen Reinhard Meys Live-Alben einfach unverzichtbar, weil einem jene sonst glatt entgingen. Im vorliegenden Fall gleich zum Konzertauftakt das eigene Lampenfieber humorig bezwingende “N'abend“ und gegen Konzertende das augenzwinkernd lebensweise “Mann kann nicht immer nur die Wahrheit sagen“. Textliche Erweiterungen um ganze neue Strophen (hier bei “Danke, liebe gute Fee“ und “Ein Stück Musik von Hand gemacht“) oder hie und da ein paar eingestreute, von der ursprünglichen Fassung abweichende Gimmicks, verlängern die Liste der Gründe für die Unverzichtbarkeit, zu denen unbedingt auch die reinen Wortanteile zwischen den Liedern gehören. Gerade diese unbefangene Art mit seinem Publikum zu reden, frei von Show-Attitüde oder sonst welchem Anschein von Inszenierung, schaffen diese ungewöhnliche Nähe zwischen dem einen da oben und den drei-viertausend da unten in dem großen Saal. Keinem anderen Künstler dieser Größenordnung gelingt diese Unmittelbarkeit, daß jeder Konzertbesucher am Ende des Abends das Gefühl hat, Mey hätte sich ein paar Stunden allein nur mit ihm und ein paar wenigen anderen in kleinem Rahmen unterhalten. Wenn man einen Sinn dafür hat, kann das mehr faszinieren, als eine sauteure, aufwendige Bühnenproduktion. Auch wenn die Vorstellung, Reinhard Mey einmal wie Pink oder Helene Fischer unter wild waberndem Lichtspektakel elfengleich durch den Saal über die Köpfe des Publikums schwebend zu erleben, eine durchweg amüsante wäre. “Über den Wolken“ ist ja textlich geradezu prädestiniert für derartigen Zirkus. Warum sich so manches Pop-Sternchen hoch oben unter der Hallendecke räkelt, erschließt sich aus den meist recht dünnen Texten nicht wirklich, aber es sieht zugegeben gut aus. Auch die Medienreaktion darauf wäre wohl ungleich größer, als bei den genannten Damen, vom Überraschungsmoment beim Publikum ganz zu schweigen...

Doch Reinhard Mey genügt sein Instrument – was er übrigens viel zu selten öffentlich gewürdigt virtuos spielt; vielleicht nicht wie Clapton oder Knopfler, doch er spielt viel mehr liebevoll Erdachtes als bloße, die Stimme tragende Akkordgerüste; die Begeisterung darüber, was er singt, läßt die Aufmerksamkeit für das, was er spielt leider manchmal zu sehr im Schatten stehen – und ihm genügt seine Stimme, mehr braucht er nicht. Das Aufregendste in Sachen Gestaltung bei dieser Tournee, war seine Frisur, die nach eigenen Angaben noch aus dem Frühjahr stammte. Man muß schon viele Plattencover von ihm zurückblättern, um auf Bilddokumente zu stoßen, wo seine Haare noch länger waren als im jüngsten Tournee-Herbst. Ich ließ es mir natürlich nicht nehmen; zurück bis 1976, zum ersten französischen Live-Album “Recital á l'Olympia“ mußte ich stöbern, danach war immer kürzer! Davor allerdings auch durchaus noch bedeutend länger. Wir werden sehen, wo es noch hinführt. Und weil auf Mey mehr Verlass ist, als auf Zeitmesser aus eidgenössischer Fertigung, dürften wir ziemlich genau in einem Jahr ein großzügiges Dutzend neuer Lieder in Form des dann 27. Studioalbums in den Händen halten und können vor erstmaligem ein- oder auflegen anhand der Fotos im Booklet dann das aktuelle Ausmaß der Frisur überprüfen.

“Dann mach's gut - Live“ ist eine schöne Erinnerung an einen schönen Abend im letzten Herbst, und für jene die nicht dabei waren – was wohl für sehr viele gilt, denn Meys Konzerte sind ja schon geradezu chronisch ausverkauft und das zu allermeist bereits viele Monate im voraus – eine schöne Möglichkeit nachträglich den Abend nachzuempfinden.

Wir sehen uns im Herbst 2017, um dann endlich wieder einen Abend lang eine weiße Tischdecke zu besudeln, um aus dem Leben zu erzählen, gemeinsam darüber nachzudenken, es zu feiern, um gemeinsam zu lachen und wenn nötig ein wenig zu trösten... Mit diesen oder ähnlichen Gedanken verlassen wohl viele den großen Saal nach einem Reinhard Mey Konzert. In der Zwischenzeit legt man immer mal wieder eines der mit diesem nun 42 Alben auf (man hat noch zwölf mehr zur Auswahl, will man seine Fremdsprachenkenntnisse auffrischen).
Kommentar Kommentare (14) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 9, 2016 8:35 PM MEST


Buch der Sehnsüchte
Buch der Sehnsüchte
von Leonard Cohen
  Gebundene Ausgabe

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Spräche Cohen deutsch, schriebe er nicht so, 30. April 2015
Rezension bezieht sich auf: Buch der Sehnsüchte (Gebundene Ausgabe)
Man kann es nicht am Stück lesen und man kann es (leider!) nicht mit Genuss lesen. Sicher, Leonard Cohens Lyrik tastet sich oft an den Grenzen des ästhetisch gerade noch Verkraftbaren entlang, doch das ist es nicht. Dafür mag man ihn ja (auch). Seine Fähigkeit poetisch alles einzufangen, das Abstoßende genauso klar wie das Schöne, das Göttliche wie das allzu Menschliche, die pure Lust am Leben, gar Gier, und ein Blickwinkel, der Gott und körperliche Geilheit eben gerade nicht widersprüchlich scheinen läßt, auf der einen Seite; auf der anderen eine Geistlichkeit beinah völlig frei von körperlichen Bedürfnissen; all das einzufangen, darzustellen und in seiner Sprach- und Liedkunst zu vereinen macht ihn groß.

Nur diese Übersetzungen! Poesie zu übersetzen ist zugegeben schwer, vielleicht sogar wirklich unmöglich. Einen anspruchsvollen Sachtext zu übertragen, kann schon gründlich mißlingen, weil hintergründiger Wortsinn im Flusse eines Satzes eben oft recht weit vom offensichtlichen aus dem Wörterbuch abweichen kann. Ein Roman ist da schon ungleich schwerer in eine andere Sprache zu hieven. Von Gedichten sollte man vielleicht wirklich die Finger lassen, jedenfalls wenn man beabsichtigt im vorgegebenen Vokabular des Dichters zu bleiben. Das, was die Übersetzer – es waren neun, leider ist nicht verzeichnet, wer wofür verantwortlich ist – hier rhetorisch zusammen-staksen, ist über weite Strecken kaum erträglich und ganz gewiss nicht im literarischen Sinne von Leonard Cohen.

Wie es besser geht, zeigte M.G. Schoeneberg mit seinen Übersetzungen einiger Liedtexte Cohens für das 2014 von vielen Sängern und Musikern gemeinsam geschaffene Album “Poem – Leonard Cohen in deutscher Sprache“. Schoeneberg klebte eben nicht am Wort, sondern hat sich am Geist und an der inhaltlichen Idee der Texte orientiert, hat die Aussage und das zugrundeliegende Gefühl herausgefiltert und dies dann in deutscher Sprache neu poetisch zusammengebaut. Um singbare Texte zu erhalten, war diese Vorgehensweise unerlässlich und, ja, auf diese Weise driftet man sicherlich zuweilen etwas vom Original ab. Für reine Wortübertragungen mag dies dann zielverfehlend sein, doch wenn man etwas bedauerlicherweise nicht gut hinbekommt, sollte man es besser einfach lassen.

Ein Genuss ist diese Übersetzung des “Book of longing“ jedenfalls nicht. Es reicht nur, um gerade noch ein wenig die Weite von Cohens gedanklichem Universum zu bestaunen, seine Schönheit erschließt sich einem so leider kaum. Wenn das Sprachvermögen des Lesers im Englischen ausreicht, unbedingt zum Original greifen.


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