Jeans Store Hier klicken Neuerscheinungen Cloud Drive Photos UHD TVs Learn More sommer2016 Herbstputz mit Vileda Hier klicken Fire Shop Kindle Soolo festival 16
Profil für Volker Hartung > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von Volker Hartung
Top-Rezensenten Rang: 12.387
Hilfreiche Bewertungen: 2422

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
Volker Hartung
(HALL OF FAME REZENSENT)    (REAL NAME)   

Anzeigen:  
Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11-20
pixel
The Grace of Kings (The Dandelion Dynasty)
The Grace of Kings (The Dandelion Dynasty)
Preis: EUR 7,59

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Enttäuschung, 13. März 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Der in China geborene Ken Liu, Jahrgang 1976, lebt seit seinem zwölften Lebensjahr in den USA und hat in den letzten Jahren mit seinen Kurzgeschichten etliche Preise gewonnen, darunter 2012 und 2013 jeweils den Hugo. Für "The Paper Menagerie" gewann er zusätzlich einen Nebula und einen World Fantasy Award. Liu hat den letztjährigen Hugo-Gewinner für den Besten Roman ins Englische übersetzt: "The Three-Body Problem" von Xixin Liu.

Nachdem sein Romandebut in diesem Jahr prompt für den Nebula der amerikanischen Autorenvereinigung SFWA nominiert wurde, war ich schon sehr gespannt auf diesen ersten Band einer Fantasy-Reihe mit dem Anspruch, chinesische und amerikanische Einflüsse zu verarbeiten. Leider ist "The Grace of Kings" eine ziemliche Enttäuschung. Bei diversen Rezensionen auf amazon.com kann man nachlesen, dass es sich im wesentlichen um die Nacherzählung des Werks eines berühmten Historikers handelt. Das ist durchaus legitim, die Verarbeitung der Artus-Legende durch T.H. White in "The Once and Future King" etwa ist auch 70 Jahre nach seiner Entstehung noch ein lesenswerter Klassiker der Fantasy-Literatur. Dazu darf die Ausführung aber nicht derart schwach geraten. Der Handlungsaufbau dieses ersten Bandes der "Löwenzahn"-Reihe ist unbeholfen, der Erzählfokus wechselt unmotiviert zwischen einigen als Hauptpersonen etablierten Figuren und zahlreichen Nebencharaktere. Es gibt viel zu viel direkte Exposition, anstatt die Welt durch die Augen der Protagonisten zu zeigen. Man begegnet einer Figur, ihr Hintergrund wird in einigen Sätzen skizziert, und im Extremfall führt das zur Erwähnung einer weiteren Figur, die nun in einigen weiteren Sätzen beschrieben wird. Das macht das Lesen mühsam, und keine der Figuren konnte mein Interesse halten. Dazu kommen gestelzte Dialoge, die mir schon in "The Three-Body Problem" aufgefallen waren. Das ist mir in der von Joel Martinsen übertragenen Fortsetzung nicht so aufgestoßen, die insgesamt einen besseren Sprachfluss hat.

Vielleicht war meine Erwartungshaltung zu hoch, vielleicht war ich zu ungeduldig, jedenfalls habe ich nur ein Viertel des Buches (etwa 100 Seiten) geschafft, bevor ich es aufgegeben habe. Warum ausgerechnet die Autorenkollegen mit ihrer Nebula-Nominierung solche Begeisterung zeigen, ist mir unklar, vielleicht sind sie auf den für sie exotischen Weltenaufbau reingefallen. Für den diesjährigen Hugo werde ich diesen Roman jedenfalls nicht vorschlagen.


Hiero's Journey (English Edition)
Hiero's Journey (English Edition)

5.0 von 5 Sternen Klassischer Abenteuerroman, 3. Oktober 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Obwohl an sich eher Fantasy, entspringen immerhin die Voraussetzungen dieses postapokalyptischen Romans der Science Fiction. Im achten Jahrtausend unserer Zeitrechnung, fünftausend Jahre nach einem katastrophalen Atomkrieg, sind die Menschen nicht mehr die Herrscher der Natur, sondern müssen in einer feindseligen Umgebung um ihr Leben kämpfen. Schreckliche Mutationen sind durch den Strahleneinfluß entstanden: riesige Frösche und Schnecken, übergroße Raubkatzen und Fledermäuse, undefinierte Monster am Grunde von Teichen und Seen. Überhaupt geht der Trend in Richtung Gigantomanie, Godzilla läßt grüßen. Es gibt aber auch freundliche Entwicklungen, und die Menschen kultivieren neue Haustiere, die an Elche, Büffel oder Känguruhs erinnern. In den Nachfahren von Bären, Bibern und Hauskatzen finden sie sogar Verbündete, die Intelligenz und Kultur entwickelt haben. Leider gibt es auch weniger wohlgesonnene Intelligenzen unter dem Sammelnamen der "Unreinen", die natürlich die Weltherrschaft anstreben und die Macht des Atoms wiederbeleben wollen. Ihre Anführer haben telepathische Fähigkeiten, wie auch einige Auserwählte der "Guten". Die ziemlich klare Grenze zwischen Gut und Böse erinnert stark an Tolkien, etwaige Grauzonen werden schnell als Mißverständnisse aufgeklärt.

Der Titelheld Hiero ist für mich eine der originellsten Figuren der Fantasy schlechthin. Nominell ein Mönch und Nachfahre kanadischer Ureinwohner ("Indianer"), ist er Soldat, Gelehrter und Priester in einer Person, ein Lederstrumpf der Zukunft, teils konservativ, teils progressiv. Sein bei Ottowa gelegenes Kloster scheint eher protestantisch geprägt; tatsächlich trifft er im "Süden" (=Delaware) auf eine für ihn pervertierte, an Katholizismus angelehnte religiöse Sekte mit Zölibat und arroganten Würdenträgern. Er selbst darf durchaus heiraten, eine Prinzessin sollte es aber schon sein ;-) Und wie es sich für einen solchen Helden gehört, wachsen seine Fähigkeiten an den Herausforderungen, und im Bedarfsfall finden sich neue Verbündete.

Hieros Reise ist eine klassiche Abenteuergeschichte, in der Tradition des Goldenen Zeitalters der Science Fiction. Die Figuren sind zweidimensional, aber liebevoll gezeichnet, und die Welt ist mit atemberaubender Fantasie gestaltet. Abwechslungsreiche Hindernisse sorgen für kaum nachlassende Spannung, und trotzdem fühlt man sich geborgen in der Gesellschaft dieses postapokalyptischen Odysseus. Ein abschließendes Happy End steht nie in Frage, auch wenn Hieros offizieller Auftrag, die Erforschung und Reaktivierung der mystischen vor-apokalyptischen "Computer", ein wenig bizarr erscheint.Auch die ökologische Botschaft wirkt aufgesetzt und naiv, das war in den 70ern (zu Zeiten der "Ölkrisen") allerdings im Trend. Dem Lesevergnügen tut das alles keinen Abbruch, und Hiero hat zu Recht auch heute noch viele Fans.

Die Kindle-Ausgabe ist leider mit über acht Euro unverschämt teuer, vor allem wenn man die grauenvolle Formatierung berücksichtigt. Zwar sind wohl viele Druckfehler gegenüber einer früheren Edition korrigiert worden, aber immer noch sind die Absätze durch viel Leerraum getrennt, und darüber hinaus finden sich viele Umbrüche mitten im Satz, was den Lesefluß deutlich stört. Den Nachfolgeband (The Unforsaken Hiero, 1983) gab es meines Erachtens schon mal im Shop, momentan ist er leider nicht mehr zu finden. Er ist genauso lesenswert wie der erste Band (diese Rezension bezieht sich im Grunde auf beide Romane), den Abschluß der geplanten Trilogie ist dem Autor leider vor seinem Tod nicht mehr gelungen.


The Dark Forest (The Three-Body Problem)
The Dark Forest (The Three-Body Problem)
Preis: EUR 6,59

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Tolle Fortsetzung des Hugo-Gewinners, 15. September 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Nachdem die trisolare Invasionsflotte gestartet ist, bleiben der Menschheit 400 Jahre, Technologien zur Verteidigung der Erde zu entwickeln. Die "Sophons" der Aliens befinden sich bereits im Orbit und verhindern Fortschritte der theoretischen Physik und damit die Erschließung höherdimensionaler Quanteneffekte (sie verfälschen z.B. Experimente der Teilchenbeschleuniger). Daher bleibt nur die Fortentwicklung herkömmlicher Mittel: Atombomben, Kernfusion, bessere Space Shuttles, effektivere Computer. Zu diesem Zweck wird weltweit das Kriegsrecht ausgerufen, und unter der Führung der UNO und des neugegründeten PDC (Planetary Defence Council) gehen zunächst alle Anstrengungen in diese Richtung. Neben der technologischen Schranke muß die Menschheit jedoch auch mit zunehmendem Defätismus der Militärs und einer Escapismus-Bewegung ringen, die die Flucht eines kleinen (aber welchen?) Teils der Menschheit in Generationenschiffen plant.

Die Sophons erlauben den Trisolariern (und damit ihren menschlichen Verbündeten von der ETO) darüber hinaus eine vollständige Überwachung aller irdischen Planungen. Dagegen sollen die von der UN eingesetzten sogenannten "Wallfacers" steuern, vier ausgewählte Persönlichkeiten, die weitgehende Handlungsfreiräume und Ressourcen zur Verfügung gestellt bekommen, ihre Pläne aber geheimhalten. Einer dieser Wallfacers ist Luo Ji, ein chinesischer Soziologe und die wichtigste Hauptfigur des Romans. Im Prolog begegnet er in einer schönen Staffelübergabe (übrigens aus der Sicht einer Ameise geschildert) der "Heldin" Ye Wenjie des ersten Romans. Ihm zur Seite steht außerdem Shi Qiang, der Polizist/Geheimdienstagent, der bereits in "The Three-Body Problem" eine Schlüsselrolle bei der Zerschlagung der ETO hatte. Er muß Luo Ji schnell mehrfach vor Anschlägen der Trisolarier schützen, denn diese scheinen ihn unverständlicherweise als größte Bedrohung ihrer Pläne anzusehen. Dabei ist Luo Jis Berufung als Wallfacer umstritten, denn er war zuvor in der Öffentlichkeit überhaupt nicht in Erscheiung getreten, weder als Wissenschaftler noch als Politiker. Und lange sieht es so aus, als ob Luo Ji seine Privilegien nur nutzt, um sich ein schönes Leben zu gönnen.

Eine weitere Hauptfigur ist Zhang Beihai, der einer der ersten Offiziere der neu gegründeten chinesischen Weltraum-Streitkräfte wird. Als "politischer Kommissar" ist er uns Westlern sicher am fremdesten. Der Autor versucht zwar Parallelen zu ziehen, etwa zum Kaplan einer christlichen Streitmacht, aber solche Ideologiewächter zeugen doch von einem kompett anderen Verständnis von Truppenmoral. Parallel beschreibt Liu episodenhaft die Stimmungslage beim einfachen chinesischen Volk. Für mich sind das wertvolle Einblicke in eine in Europa weitgehend unbekannte Gesellschaft, mit komplett anderer Generationendynamik. So tief gehen die Porträts der westlichen Figuren naturgemäß nicht (die anderen drei Wallfacers stammen aus USA, England und Venezuela). Der Autor bringt aber durchaus amüsante Referenzen an die westliche Popkultur an, bis hin zum Vergleich einer Situation mit einer Szene aus Wolfgang Beckers internationalem Kinohit "Goodbye Lenin".

Die Gründung der Sternenflotte und die Anstrengungen der Wallfacer (die sich bald mit von Trisolar gesteuerten Gegenpolen, den Wallbreakern, gegenübersehen) bilden den ersten Teil des Romans, in einer Welt, die uns wenige Jahr in der Zukunft noch relativ vertraut vorkommt. Der zweite Teil jedoch spielt 200 Jahre später, als die erste Probe der Trisolarier das Sonnensystem erreicht. Luo Ji, Shi Qiang, Zhang Beihai und andere haben die Jahrhunderte im Kälteschlaf verbracht, um zu diesem ersten Krisenzeitpunkt eingreifen zu können. Sie wachen auf in einer völlig veränderten Umgebung, über die ich nicht viel verraten möchte, denn die Schilderung dieser detailliert ausgearbeiteten, in sich schlüssigen Utopie bietet eine der großen Lesefreuden des Romans. Die Kälteschläfer gelten als Relikte aus einer fernen Vergangenheit und werden mit ihren düsteren Vorahnungen von ihren Nachfahren lange nicht ernst genommen. Sie ahnen als einzige, daß die moderne Menschheit trotz aller technischen Fortschritte den Trisolariern vielleicht doch nur wie die Ameise des Prologs gegenübersteht. Aber Luo Ji hat noch einen Trumpf parat, denn er hat die Galaxis als jenen dunklen Wald erkannt, auf den sich der Titel des Romans bezieht.

"The Dark Forest" ist für mich viel mehr als eine Fortsetzung des aktuellen Hugo-Gewinners, es ist ein eigenständiges Meisterwerk in der Tradition von Vernor Vinge und David Brin, dessen Hugo-Nominierung für 2016 sicher sein sollte. Ich persönlich bin ja skeptisch, ob selbst eine solch klare Bedrohung von außen die Menschheit auf längere Sicht zur Zusammenarbeit bewegen würde (selbst ihre Bemühungen zur Eingrenzung des Klimawandels sind ja ziemlich jämmerlich). Aber Cixin Liu präsentiert plausible Szenarien und wartet mit einer Fülle faszinierender Ideen für die nähere und ferne Zukunft auf (eigentlich müßte man den Autor Liu Cixin nennen, in der Reihenfolge <Nachname Vorname>, wie es in China üblich und bei den Figuren der Fall ist). Ich bin schon sehr gespannt auf den Abschlußband, der im nächsten Jahr erscheinen soll.

Die Kindle-Edition ist bereits zu einem fairen Preis erhältlich und recht gut formatiert, auch wenn mich die grobe Kapitelaufteilung gestört hat, die allerdings der Vorlage entsprechen wird. Gelegentlich sind mir einige unerklärliche Druckfehler aufgefallen (z.B. "years" statt "ears" auf Seite 96), da sind vielleicht ein paar Passagen beim Korrekturlauf überschlagen worden. Schön ist inzwischen die Integration der Fußnoten durch Einblendfenster, die sich beim Klicken auf die Referenznummer direkt auf der aktuellen Seite öffnen.


A Deepness in the Sky (Zones of Thought)
A Deepness in the Sky (Zones of Thought)
Preis: EUR 6,99

5.0 von 5 Sternen Klassiker und Pflichtlektüre für SF-Fans, 5. August 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Der inzwischen 70jährige Vernor Vinge ist der Stanley Kubrick der SF-Literatur. Von seinen neun veröffentlichten Romanen wurden fünf für den Hugo nominiert, drei davon (plus zwei Novellen) gewannen den begehrten Preis. Der emeritierte Mathematikprofessor und Computerwissenschaftler aus San Diego vertritt die Ansicht, daß unsere Zivilisation auf eine (nicht-apokalyptische) technologische Singularität zusteuert, durch die Schaffung von künstlicher Intelligenz oder die grundsätzliche Integration von Computern und Menschen. In seinem Werk spekuliert er über Szenarien der fernen Zukunft und ist damit wesensverwandt zu David Brin und Charles Stross (zumindest mit seinen Space Operas). Vinge war in den 70ern mit der Anthropologin Joan Vinge verheiratet, ebenfalls eine hervorragende SF-Autorin, deren Werk aber eher ökologisch und soziologisch ausgerichtet ist (sie gewann 1981 einen Hugo für ihren von Hans Christian Andersen inspirierte grandiosen ersten Tiamat-Roman Die Schneekönigin).

"A Deepness in the Sky" ist der zweite von drei Romanen in Vinges "Zones of Thought" benannten Reihe, in der die Galaxis in Bereiche mit unterschiedlichen physikalischen Möglichkeiten aufgeteilt ist. Da die Handlung von "Deepness" aber lange vor den anderen Beiträgen angesiedelt ist, empfiehlt es sich vielleicht, hier zu beginnen: Seit Jahrtausenden erforscht die Menschheit in Raumschiffen, die relativistische Geschwindigkeiten erreichen, ihre unmittelbare Nachbarschaft und hat inzwischen in einem ca. 400 Lichtjahre durchmessenden Einflußbereich Kolonien aufgebaut. Während die planetaren Zivilisationen (inklusive der Erde) kommen und gehen, sorgt seit etwa 5.000 Jahren die Handelsorganisation Queng Ho für eine gewisse technologische und kulturelle Kontinuität. Durch perfektionierten Kälteschlaf und medizinischen Fortschritt mißt sich die objektive Lebensdauer privilegierter Händler in Jahrhunderten, die subjektive Lebenszeit durchaus in Jahrtausenden (es ist üblich, nicht nur auf der Reise, sondern auch im oft Jahrzehnte währenden Handelskontakt mit planetaren Zivilisationen einen Großteil der Zeit im Kälteschlaf zu verbringen).

Die Geschichte beginnt, als ein Queng-Ho-Flottenkapitän auf dem Planeten Triland einen geheimnisvollen Einsiedler aufstöbert, nach dem offenbar das Flagschiff benannt ist: Pham Nuwen. Der macht sich mit der Flotte auf den Weg zu einem rätselhaften, nur 50 Lichtjahre entfernten Sternensystem mit einer Sonne (dem OnOff-Stern), die in 200 Jahren nur für 30 Jahre scheint. Man erhofft sich physikalische Erkenntnisse, aber natürlich auch profitable Geschäfte - und möglicherweise die für die Menschheit erste Begegnung mit intelligenten Aliens. Leider trifft man am Ziel auf eine zweite Flotte der "Emergents", brutale Abgesandte eines totalitären Mehrplanetensystems, und schnell eskalieren die Feindseligkeiten, bevor der vorgefundene Planet Arachna genauer untersucht werden kann.

Arachna beherbergt nämlich tatsächlich eine fremdartige Zivilisation, spinnenartige Lebewesen, durch die Evolution perfekt an den extremen Sonnenzyklus angepaßt. Während der Dunkelphase suchen sie Zuflucht in Höhlen (damit ist der Begriff Deepness verbunden) und verfallen in einen Jahrzehnte dauernden Winterschlaf, um nach dem Erwachen ihre Welt wieder aufzubauen. Im aktuellen Zyklus sind sie allerdings gerade an dem Punkt angelangt, daß ihre technologischen Möglichkeiten ein Wachbleiben auch während der Kälteperiode ermöglichen. Zunächst ohne es zu wissen, werden sie zum Zankapfel der Emergents, die sie versklaven , und der Queng Ho, die vom Technologieaustausch profitieren wollen. Die detaillierte Darstellung der Aliens (genannt Spinnen/Spiders), ihrer Gesellschaft, Traditionen und Familienbande, ist eine der Stärken des Romans. Vinge bedient sich dabei eines cleveren Tricks. Die Spinnen haben aufgrund ihres komplexen Sehvermögens (die Augen scheinen an den zehn Beinen platziert zu sein) kein Fernsehen oder Video entwickelt, sondern könenn im wesentlichen nur über ihre Radiosendungen "beobachtet" werden. Dadurch bekommt der Leser ein durch die Übersetzer der Menschen im Orbit gefiltertes, anthropomorphes Bild. Trotzdem gehören die eingeführten Spinnen-Figuren zu den überzeugendesten Alien-Charakteren, die ich kenne. Mit Sherkaner Underhill, Victory Smith, ihren Kindern und ihrem Freund Hrunkner Unnerby, den herausragenden Wissenschaftlern, Ingenieuren und Soldaten der Spinnen, konnte ich mich oft stärker identifizieren als mit den Menschen der Zukunft und ihren verblüffenden technischen Möglichkeiten. Erst gegen Ende zeigt sich, wie fremdartig die Aliens tatsächlich sind und wie stark sie von den menschlichen Besuchern unterschätzt wurden.

Aber auch die menschlichen Charaktere bleiben in Erinnerung. Da gibt es die "bösen" Emergents: der pragmatische, sich als Vermittler aufspielende Podmaster Tomas Nau; sein sadistischer Stellvertreter Ritser Brughel und seine wie ein menschlicher Computer wirkende rechte Hand Anne Reynolt (hinter ihrer Perfektion verbirgt sich ein schreckliches Geheimnis). Und natürlich die "guten" Queng Ho: der junge Ezr Vinh, der nach dem Konflikt als einziger verbliebener Sproß der Eigenerfamilien die Leitung übernehmen muß; seine große Liebe, die von Triland stammende Trixia Bonsol; die geniale, aber fehlgeleitete Qiwi Lin Lisolet, die beim Abflug noch ein Teenager war; und vor allem ein gewisser Pham Trinli, der das größte Geheimnis der Expedition verkörpert und vielleicht bereits seit Jahrtausenden bei den Queng Ho seine Intrigen spinnt...

Mehr will ich von der Handlung eigentlich nicht verraten. Es gelingt Vinge, mit seiner reichhaltigen, aber doch klaren Sprache die komplexen Zusammenhänge deutlich zu machen, ohne sich im esoterischen Wischiwaschi zu verlieren (wie es in Space Operas oft üblich ist). Aufgrund der Vielzahl der Charaktere und der Vielschichtigkeit der präsentierten Ideen bedarf es einer gewissen Anfangsanstrengung, bevor man in diesen Roman eintauchen kann. Aber der Lohn ist gewaltig, sowohl auf emotionaler Ebene als auch rein intellektuell. Allein die Kultur der kapitalistischen, aber ansonsten apolitischen Queng Ho, mit ihren Kälteschlaf-Zyklen, ihrer Freude an Bonsai-Züchtungen und anderen über Jahrtausende aufgebauten Traditionen ist so überzeugend wie faszinierend. Gerade durch den Kontrast zu den faschistischen Emergents erscheinen sie so glaubwürdig, wie es einer Zukunftserzählung nur gelingen kann. Und natürlich ist die Grenze zwischen "gut" und "böse" längst nicht so klar gezogen, wie es die Voraussetzungen vielleicht erscheinen lassen. Außerdem gefällt mir, daß es fast keine direkte Exposition gibt. Die raffinierten technologischen Extrapolationen werden fast beiläufig eingeführt und nur genau so weit erklärt, wie es für die Handlung von Nöten ist. Beispiel ist der Ramscoop-Antrieb, dessen Theorie bereits in den 60ern aufkam und der inzwischen von verschiedenen Autoren genutzt wird. Reisen mit Überlichtgeschwindigkeit kommen hier übrigens genausowenig vor wie künstliche Intelligenz (was aufgrund von Vinges Hintergrund ein wenig verwundert).

Die Kindle-Edition ist ordentlich formatiert, nur selten sind mir Fehler aufgefallen ("show" statt "snow"). Ab und zu gibt es fehlerhafte Umbrüche innerhalb eines Satzes. Schlimmer ist die Preispolitik. Wenn man bedenkt, daß die meisten Leser (wie ich) die Romane bereits als Taschenbücher besitzen, ist der aktuelle Preis von 6,99€ leicht unverschämt, mehr noch die 12,99€ für das Bündel mit dem Vorgänger "A Fire Upon the Deep". Zum Glück konnte ich beide Bände in einem kurzzeitigen Amazon-Angebot für jeweils 3,99€ erstehen, was ich als fairen Preis ansehe.


The Three-Body Problem
The Three-Body Problem
Preis: EUR 6,59

18 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Hugo-nominiertes Meisterwerk, 9. Mai 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: The Three-Body Problem (Kindle Edition)
Vielleicht ist die Nominierung dieses überzeugenden Romans ein Hoffnungsschimmer bei den leidgeplagten diesjährigen Hugos, ermöglicht erst durch den mutigen Rückzug von Marko Kloos. Selten werden ins Englische übersetzte Werke aufgestellt, dann gilt aber die Veröffentlichung in den USA als Nominierungsfenster. In China erschien dieser erste Teil einer Trilogie des 1963 geborenen und offenbar in seiner Heimat profiliertesten SF-Autors bereits 2008 und war dort überaus erfolgreich. Die Übersetzung übernahm der seit seinem 11. Lebensjahr in den USA lebenden Ken Liu (dessen erster eigener Roman gerade veröffentlicht wurde). Er wird sich auch den Abschlußband vornehmen, die für nächstes Jahr angekündigte Übersetzung des Mittelteils liegt in anderen Händen.

Sprachlich scheint mir die Übertragung sehr gelungen. Der Text fließt ohne übertrieben poetische Floskeln (die ich wohl aufgrund eines Vorurteils von einem Chinesen erwartet hätte), aber auch ohne Wissenschafts-Jargon. Besonders die Figuren, aber auch die gesellschaftlichen Zustände sind sehr plastisch geschildert. Einzig die (eher seltenen) Dialoge fand ich etwas gestelzt und unnatürlich. Ob das an der Vorlage oder der kulturellen Barriere liegt, kann ich natürlich nicht beurteilen.

Die Geschichte beginnt mit einem Prolog aus dem Jahr 1967 und kehrt später in Rückblenden zu den Folgejahren zurück. Am Höhepunkt der Kulturrevolution mußte Ye Wenjie als Teenager erleben, wie ihr Vater (ein Astrophysiker) von ihren Altersgenossinnen als reaktionärer Akademiker zu Tode geprügelt wurde. Als Physikstudentin ist sie selbst verdächtig, wird zur Umerziehung bei Rodungsarbeiten eingesetzt und einige Jahre später zwangsrekrutiert und interniert an einer militärisch abgeschirmte astronomischen Station. Dort macht diese vom Schicksal geschlagene Frau eines Tages eine Entdeckung, die fatale Auswirkungen auf die Zukunft der Menschheit haben kann...

In der "Gegenwart" folgt die Erzählung dem Materialforscher Wang Miao (er entwickelt gerade eine Nano-Faser), der von der Regierung (und, wie sich herausstellt, sogar einer übernationalen Allianz) als Krisenberater rekrutiert wird. Es liegt eine Bedrohung durch Außerirdische in der Luft, und ausgerechnet zu diesem kritischen Zeitpunkt scheint die wissenschaftliche Forschung der Menschheit zum Stillstand gekommen zu sein (Teilchenbeschleuniger liefern plötzlich widersprüchliche Resultate). Fast wie in einem Krimi versucht Wang u.a. mit Hilfe des zwielichtigen Polizisten Da Shi die Hintergründe zu ermitteln. Dabei muß er eine internationale anti-wissenschaftliche Organisation infiltrieren, was ihn schlußendlich zur inzwischen 65jährigen Ye Wenjie führt, deren hochbegabte Tochter sich gerade unter mysteriösen Umständen das Leben genommen hat. Und dann gibt es noch das merkwürdige titelgebende Computerspiel, eine komplexe virtuelle Realität namens "Drei-Körper-Problem". Soll diese etwa eine Simulation der Alien-Heimat darstellen?

Auf der einen Seite handelt es sich bei diesem Roman um (im besten Sinne) altmodische Science Fiction, in der wissenschaftliche Ideen extrapoliert werden, um eine fantastische Zukunftsvision zu entwerfen (der Autor hat eine Ausbildung in Computerwissenschaften). Auf der anderen Seite reflektiert der Roman aber auch sehr feinsinnig den Zustand der Menschheit und natürlich insbesondere der heutigen chinesischen Gesellschaft. Die Verteufelung (und teilweise Ausrottung) einer kompletten Wissenschaftsgeneration hat deutliche Spuren hinterlassen, und vielleicht ist vor diesem Hintergrund die pessimistische Grundeinstellung verständlich. Ohne zu viel verraten zu wollen, führen Überbevölkerung, ökologische Verwüstung unseres Planeten und die Unausweichlichkeit kriegerischer Konflikte im Roman zu einer Haltung, in der eine Alien-Invasion von intellektuellen Extremisten als heilbringende Lösung gesehen wird. Im Nachwort zieht der Autor Parallelen zur Invasion fremder Kontinente in der Menschheitsgeschichte und hinterfragt das Bild der wohlgesonnenen Aliens à la Star Trek.


Uplift: The Complete Original Trilogy (Uplift Omnibus)
Uplift: The Complete Original Trilogy (Uplift Omnibus)
Preis: EUR 13,99

5.0 von 5 Sternen Anspruchsvolle Klassiker (plus ein mäßiger Erstling), 4. April 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
David Brin, Jahrgang 1950, gehörte in den 80ern und 90ern zu den bedeutendsten SF-Autoren, bevor sein literarischer Output unter seiner eigenen Wichtigkeit implodierte. Seitdem berät der gebürtige Kalifornier und Doktor der Weltraumwissenschaften Firmen und Agenturen (darunter CIA, Google und Proctor & Gamble) und verbreitet über seine Website, Vorträge und populäre Fernsehshows seine fragwürdigen Weisheiten ("Remember you are a member of a civilisation!"). Er scheint mir ein typischer amerikanischer Liberaler mit naiv-optimistischer Weltsicht zu sein, der immer noch daran glaubt, daß die Technik es schon richten wird. In der Science Fiction steht er als Physiker in der Tradition der "harten SF" von Arthur C. Clarke und Isaac Asimov, nutzt seine Werke auch zu Spekulationen über zukünftige Entwicklungen, legt aber insgesamt mehr Wert auf soziale und gesellschaftliche Entwicklungen als auf technische Gimmicks und präsentiert anders als seine Vorbilder differenzierte Charaktere. Unfreiwillig berühmt wurde er als Autor des "Postman", der als Roman 1986 u.a. für den Hugo nominiert war (er mußte sich verdient Orson Scott Cards Meisterwerk "Ender's Game" geschlagen geben), 1997 dann leider aber von Kevin Costner in einen grauenhaften Film verwandelt wurde (die Vorlage war lange nicht so pathetisch-patriotisch). Nach den zwei Gewinnen für den zweiten und dritten Uplift-Roman war Brin bis 2003 noch weitere vier Mal für den besten Roman nominiert.

Das Uplift-Universum

Auch wenn Brin eine Handvoll toller Einzelromane veröffentlicht hat sowie an der Fortschreibung von Asimovs Foundation-Zyklus beteiligt war, besteht sein Hauptwerk wohl aus seinen sechs Uplift-Romanen. Die ersten drei waren wohl nicht wirklich als Trilogie konzipiert, können aber durchaus sinnvoll zusammen betrachtet werden. Einige hundert Jahre in der Zukunft ist es der Menschheit gelungen, ausgewählten Schimpansen und Delfinen durch genetische Manipulationen menschenähnliche Intelligenz zu verleihen, inklusive Sprachfähigkeit und (bei Delfinen durch ausgeklügelte mechanische Aufsätze) des Gebrauchs komplexer Werkzeuge. Dies stellt sich als entscheidender Vorteil und gleichzeitig Stein des Anstoßes dar bei der ersten Begegnung mit außerirdischen Intelligenzen. Es gibt nämlich eine Milliarden Jahre alte Gemeinschaft der galaktischen (sauerstoff-atmenden) Zivilisationen, die ihre Herkunft alle auf die "Progenitoren" zurückführen, die dereinst Intelligenz in der Galaxis verbreitet haben. Unterstützt durch eine unvorstellbar umfassende galaktische (natürlich digitale) Bibliothek, verstehen diese Völker unabhängig von (durchaus auch kriegerisch ausgefochtenen) Differnzen ihre Hauptaufgabe in der Bewahrung der ökologischen Vielfalt und dem "Uplift" geeigneter Lebensformen zu wiederum intelligenten Mitgliedern der Gemeinschaft, was allerdings eine streng hierarchische Rangordnung zwischen "Patronen" (Förderern) und "Clienten" bedingt. Die Rasse der menschlichen "Wölflinge" ist somit eine Kuriosität, da sie zwar keine Förderer, aber bereits zwei prestigeträchtige Clientenrassen vorweisen kann (die im folgenden Chimps und Neo-Delfine genannt werden).

Sundiver (1980)

Brins ersten veröffentlichter Roman sollte man als eine Einführung in sein Uplift-Universum lesen. Für sich allein ist er nicht besonders gelungen. Die Mischung aus Kriminalgeschichte, wissenschaftlicher Spekulation und philosophischen Exkursen funktioniert nur bedingt. Die Hauptfigur ist als Kombination eines Detektivs mit einem Forscher, der möglicherweise auch noch schizophren ist, überfrachtet und unglaubwürdig. Die sicherlich gut recherchierten physikalischen Details bei der Erforschung der Sonnenkorona (und die dortige Suche nach den möglichen Patronen der Menschheit) wirken ermüdend. Fragwürdig ist die "utopische" Gesellschaft, in der potentiell gewalttätige Menschen weniger Bürgerrechte haben und mittels implantierter Chips überwacht werden. Dies scheint mir eine unreflektierte Fortschreibung der naiven US-amerikanischen Haltung, nach der man zur Wahrung der Zivilisation die "schlechten" Menschen wegsperren muß - was heute schon dazu führt, daß ein Prozent der erwachsenen amerikanischen Männer im Knast einsitzen.

Startide Rising (1983)

Der Nachfolger war dann bereits von ganz anderem Kaliber (und nebenbei auch deutlich länger) und gewann prompt den Hugo für den besten Roman des Jahres. Jahrzehnte nach den Ereignissen von "Sundiver" erzählt er die turbulenten und das Schicksal der Menschheit prägenden Abenteuer des ersten von Delfinen kommandierten Raumschiffes. Es gelingt Brin, diese auf den ersten Blick unwahrscheinliche Situation plausibel zu machen. Die "Streaker" hat flutbare Kabinen und natürlich ein ausgefuchstes System von Schleusen, um ein Zusammenleben der delfinischen Crew, der menschlichen Beobachter und eines einsamen Chimp-Wissenschaftlers zu ermöglichen. Leider tritt die Expedition schnell in ein Fettnäpfchen galaktischen Ausmaßes, als sie auf einen uralten Weltraumfriedhof in möglichem Zusammenhang mit den mysteriösen Progenitoren trifft und aus unklaren Gründen ihre Erkenntnisse nicht sofort mit den galaktischen Nachbarn teilt. Eine Hetzjagd beginnt, bei der die Streaker auf einem Wasserplaneten Zuflucht sucht (was ihrer Crew natürlich entgegenkommt). Es ist schon fabelhaft, wie hier eine im wesentlichen fremde Lebensform geschildert wird. Die Neo-Delfine sind Poeten (was Brin in nicht immer gelungene Haikus formt), aber auch formidable Kämpfer. Ihre soziale Struktur ist deutlich nicht-menschlich, mit Besonderheiten in Rangordnung und Sexualität, die die Eigenarten ihrer unbefangenen, fröhlichen, die irdischen Meere bevölkernden Ahnen plausibel fortschreibt. Die Erzählung wechselt zwischen etwa einem Dutzend Perspektiven, wobei den menschlichen Charakteren dann doch etwa die Hälfte der Aufmerksamkeit eingeräumt wird. Daneben gibt es immer wieder kurze Impressionen der verschiedenen rivalisierenden Aliens, die sich im Planetensystem an der Jagd beteiligen. In der dadurch bedingten starken Zersplitterung ist für mich eine Schwäche des Romans begründet, sie erfordert eine hohe Aufmerksamkeit, und trotzdem erscheinen die unzähligen beteiligten Alien-Rassen dann recht beliebig (nicht umsonst wurde nachträglich ein illustrierter Führer durch das Uplift-Universum veröffentlicht). Trotzdem lohnt sich die Anstrengung, denn die Hauptfiguren wachsen dem Leser doch sehr ans Herz, und die Handlung ist spannend und reich an Action.

The Uplift War (1987)

Den dritten Uplift-Roman würde ich vorsichtig als Höhepunkt von David Brins Werk betrachten (ich habe praktisch alles von ihm gelesen, aber manches ist mir nur noch dunkel in Erinnerung). Er hatte in der Zwischenzeit drei weitere Romane veröffentlicht und ganz offenbar seine Erzählkünste perfektioniert. Erneut mit dem Hugo ausgezeichnet, ist "The Uplift War" brillant, vielschichtig, und trotz einer nochmals verdoppelten Länge unendlich unterhaltsam. Die Handlung spielt auf dem von Menschen und Chimps kolonisierten Planeten Garth, kurz nach den Ereignissen in "Startide Rising" (über das weitere Schicksal der Streaker erfährt man aber nichts). Die übermächtigen Gubru annektieren den Planeten und drängen die Erdlinge in einen Guerilla-Widerstand.

Brin konzentriert sich diesmal auf eine Handvoll von Erzählperspektiven. Da ist Chimp-Leutnant Fiben, der sich nach dem Abschuß seines Schiffes auf den Planeten retten kann und dort u.a. auf die zwei sehr unterschiedliche Chimmies (Schimpansen-Damen) Sylvie und Gailet trifft. Der Tymbrini-Botschafter Uthacalthing ist mit dem Botschafter Kault der mächtigen, bislang neutralen Thenannin ebenfalls auf der Flucht vor den Invasoren. Die den Erdlingen wohlgesonnenen Tymbrini sind in der äußeren Form grob menschenähnliche Empathen, die ihre Gestalt in Grenzen ihrer Umwelt anpassen können. Mit den Menschen verbindet sie auch ein ausgeprägter Humor. Uthacalthing plant einen gewaltigen Scherz auf Kosten der Gubru, unter Einbeziehung der legendären Garthlinge, einer zum Uplift bereiten höheren Säugetierart, deren Existenz auf dem vor Jahrtausenden einer Massenausrottung zum Opfer gefallenen Planeten viele für einen Mythos halten. Uthacalthings Tochter Athaclena hat sich mit dem jungen Robert Oneagle, dem Sohn der Gouverneurin, in die Berge nahe der Hauptstadt zurückgezogen. Die beiden ungleichen Freunde werden dort bald zum Kristallisationspunkt des Widerstandes.

Nach den Delfinen aus "Startide Rising" präsentiert "The Uplift War" ein detailliertes Porträt der Chimps, die auf der einen Seite ihre menschlichen Patrone zu imitieren versuchen (etwa als Forscher an Universitäten), anderseits aber deutlich abweichende soziale Normen entwickelt haben. Wie die Neo-Delfine sind sie zwar geprägt vom Selektionsdruck des Uplift-Prozesses, haben sich allerdings auch viele Eigenheiten ihrer Vorfahren bewahrt. Sie benötigen viel Körperkontakt untereinander und leben üblicherweise in größeren Familiengruppen als ihre Förderer. So erscheinen sie überhaupt nicht als stark behaarte Menschen, sondern nur als die uns vertrauteste Gruppe der drei die Handlung bestimmenden Alienrassen.

Anders als die verwirrende Vielfalt der feindlichen Völker in "Startide Rising" werden die Gubru hier in all ihrer Fremdartigkeit sehr plastisch geschildert. Es sind vogelähnliche, dreigeschlechtliche Wesen, wobei offenbar nur bewährte Führungstrios die Geschlechtsreife erreichen. Ein solches Trio steht den unterschiedlichen Kasten der (vereinfacht kategorisiert) Krieger, Priester und Bürokraten vor und versucht gemeinsam politischen Konsenz zu erreichen. Hier geht allerdings manchmal erneut Brins verlorener Lyriker mit ihm durch, denn die Argumente in Versform fand ich doch gelegentlich anstrengend zu lesen.

Am faszinierendesten fand ich die Darstellung der scheinbar vertrauten und doch so fremden Tymbrini, die bereits in den vorherigen Bänden vorkamen. Ihre Empathie ermöglicht ihnen eine zweite, unterschwellige Kommunikation über sogenannte Glyphen, die für empathisch empfängliche Personen oberhalb ihrer in Tentakeln endenden Korona sichtbar Gestalt annehmen, und so verbindet Vater und Tochter auch über Hunderte von Kilometern ein schwaches emotionales Band. Athaclenas Freundschaft und Nähe zu Robert führt bei ihr dazu, daß sich ihr Körper weitestmöglich einem menschlichen annähert, während der 17jährige Robert rudimentäre empathische Fähigkeiten entwickelt. Das mündet in einer anrührenden Romanze, die zwar zu sehr intimen Momenten führt, allerdings keine sexuelle Komponente entwickeln kann (wir sind hier nicht bei Star Trek, wo praktisch alle Aliens trotz unterschiedlicher Gesichts- und Ganzkörperprothesen doch sexuell oder gar genetisch kompatibel sind).

Zusammenfassung

Mit seinem Uplift-Universum hat David Brin eine der überzeugendsten "Welten" der modernen Science Fiction konstruiert. Zwar geht manchmal die Fantasie mit ihm durch, aber insgesamt sind seine Romane wohlstrukturiert. Seine Figuren sind plastisch, seine Aliens gehören zu den besterfundenen überhaupt, seine reichhaltige Sprache ist klar und (auch in den genannten Lyrik-Versuchen) zweckdienlich. Gelegentlich nutzt er allerdings ohne Grund sehr seltene Vokabeln, was bei mir eher einen angeberischen Eindruck macht. Für im Englischen ungeübte Leser sind seine Bücher im Original daher nur bedingt zu empfehlen. Während die ethischen Fragen des Uplift-Prozesses nur gestreift werden (wollen Schimpansen und Delfine eigentlich intelligener werden?), kann Brin in anderen Werken durchaus wissenschaftskritisch sein (Empfehlung: Earth(1990). Die vorliegende Kindle-Edition der Trilogie ist praktisch fehlerfrei formatiert, allerdings ist die Kapiteleinteilung für den Lesefortschritt für meinen Geschmack zu grob (sie bezieht sich nicht auf die tatsächlichen Kapitel, sondern auf Abschnitte, die schon mal 50-100 Seiten umfassen können). Und wie bei allen Buchbündeln würde ich mir eine technische Möglichkeit wünschen, die Einzelromane für einen übersichtlicheren Lesefortschritt herauslösen zu können (bei Gesamtausgaben etwa von Dickens ist das noch gravierender, da dort das Einzelwerk nur wenige Prozent der Gesamtmasse ausmacht).


The Crying Game [Holland Import] [Blu-ray]
The Crying Game [Holland Import] [Blu-ray]

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Herausragender Film auf guter Import-Blu-ray, 29. November 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Für die Realisierung dieses kleinen britischen Films mußte Neil Jordan lange kämpfen. Zur Überraschung der Studioprofis wurde daraus ein weltweiter Hit, und Jordan gewann den Oscar für das beste Originaldrehbuch. Und dieses Buch hat es tatsächlich in sich. Dabei meine ich nicht so sehr das zentrale Gimmick, sondern den überhaupt unvorhersehbaren Verlauf der Geschichte. Sie handelt zunächst von einer unmöglichen Freundschaft und dann von einer unmöglichen Liebe. Je weniger man darüber weiß, desto mehr Freude hat man beim Zuschauen. Aber auch das Wiedersehen ist noch ein Erlebnis. Das liegt wohl an Jordans romantisch-magischer Sicht auf die Welt. Er schafft eine melancholische und doch lebensbejahende Atmosphäre. "The Crying Game" ist damit thematisch eine Fortsetzung seiner früheren Filme "Mona Lisa" (mit dem jüngst verstorbenen wunderbaren Bob Hoskins) und "Miracle - Geheimnis eines Sommers". Aufgrund dieses Erfolgs wurde ihm das (durchaus gelungene) "Interview mit einem Vampir" anvertraut, aber weitere Höhepunkte seiner Karriere blieben danach aus.

Ein großes Verdienst haben natürlich die wunderbar natürlich agierenden Darsteller: Stephen Rea als warmherziger IRA-Soldat, ein junger Forest Whitaker ("Ghost Dog", "King of Scotland") als die IRA-Geisel und der vielbeschäftigte Jim Broadbent als Barkeeper, dazu Jaye Davidson als Dill (danach nur in einer einzigen Folgerolle zu sehen, nämlich als Ra in "Stargate"). Und dann ist da natürlich noch der Titelsong, ursprünglich in den 60ern ein kleiner Hit für Dave Berry. Vom Gesang her ziehe ich die Boy-George-Version vor, die zu den Endcredits läuft, auch wenn sie unter der typischen 80er-Produktion (Pet Shop Boys!) leidet.

Dieser herausragende Film ist bisher leider nur auf einer niederländischen Blu-ray erschienen, allerdings mit tollem Bild (im Originalformat 2.35:1) und tadellosem Originalton, mit optionalen niederländischen (keinen englischen!) Untertiteln. Keine Extras.


I Remember Pallahaxi (English Edition)
I Remember Pallahaxi (English Edition)
Preis: EUR 5,39

5.0 von 5 Sternen Schöne Fortsetzung eines Klassikers, 23. März 2014
Dies ist die posthum veröffentlichte Fortsetzung des Klassikers "Hello Summer, Goodbye" ("Der Sommer geht"), der unerklärlicherweise bei Amazon nicht als Kindle-Version erhältlich ist, bei anderen Anbietern allerdings durchaus (mobi-Format, zumindest in Englisch). Daher zunächst meine Kritik zu diesem Meisterwerk:

In den 70ern war die Nische des Jugendromans (YA = Young Adult) noch nicht kommerziell entdeckt. Andernfalls hätte Michael Coney vielleicht mehr Erfolg mit diesem wundervollen Roman gehabt. Er erzählt eine Geschichte vom Erwachsenwerden, vom Generationenkonflikt, vom Klassenkampf, der Entdeckung einer geheimnisvollen Ökologie, und nicht zuletzt eine zarte Romanze. Und das alles auf gut 200 Seiten (des deutschen Taschenbuchs). Heute würde man das natürlich zu einer Trilogie aufblähen, die Poesie in Pathos ersticken und die Konflikte mit blutigen Kämpfen anreichern. Doch wer das Glück hatte, in jungen Jahren auf "Der Sommer geht" zu stoßen, wird dieses Leseerlebnis niemals vergessen können.

Der Teenager Drove reist mit seinen Eltern zum Sommerurlaub zur Hafenstadt Pallahaxi. Er steckt in einer Lebensphase, die viele aufgeschlossene und überdurchschnittlich begabte Heranwachsende nachvollziehen können. Er beginnt die Lebenslügen seiner Eltern zu durchschauen und muß seine Ideale gegen die Erosion der Gewohnheit verteidigen. Seine herankeimende Beziehung zur örtlichen Wirtstochter Braunauge stößt nicht nur bei seinem Vater, dem Regierungsbeamten, auf Widerstand. Er gerät zunehmend in den Fokus des politisch hochbrisanten Konflikts zwischen den lokalen Küstenbewohnern und den Funktionären aus dem Inland. Denn diese haben offenbar eine geheime Agenda, die wohl mit der neu erbauten Konservenfabrik in Verbindung steht...

Ein großer Reiz der Erzählung liegt darin, daß die Exposition ausschließlich indirekt erfolgt. Wir erleben die Welt durch die Augen des Ich-Erzählers und erkennen nur allmählich, daß es sich um einen fremden Planeten mit eigenwilligen Jahreszeiten und ungewohnter Tierwelt handelt. Die "Loxen" gingen vielleicht noch als Abart unserer Ochsen durch, aber die geheimnisvollen, allgegenwärtigen Lorin und die gefährlichen Eisteufel sind Beispiele für eine einfallsreichen exotische Fauna. Und dann gibt es noch das "Grum", eine jährliche wiederkehrende komplexe Wandlung des Meers, auf die sich die Fischer aber offenbar perfekt eingestellt haben. Ganz zu schweigen vom düsteren Himmelsgestirn Rax, auf dessen Zusammenspiel mit der Sonne Phu eine komplette Schöpfungsmythologie basiert.

Der Engländer Michael Coney emigrierte 1972 40jährig nach Kanada und veröffentlichte in kurzer Folge fast ein Dutzend SF-Romane. "Hello Summer, Goodbye", seine achte Veröffentlichung, gilt als sein bester Roman. Es gab zwar ein positives kritisches Echo, aber finanziell blieb der große Erfolg wohl aus, so daß in den nächsten Jahren nur wenig Werke hinzukamen. Die (lose) Fortsetzung "I Remember Pallahaxi" erschien daher erst nach seinem Krebstod im November 2005.

"Träume von Pallahaxi" (so der deutsche Titel) ist für sich gesehen ein sehr schöner Roman, verblaßt aber im Vergleich mit dem Vorgänger und sollte eher als dessen Epilog angesehen werden. Die Handlung spielt viele hundert Jahre später. Inzwischen ist der Planet von Menschen entdeckt worden, die eine kleine Repräsentanz etabliert haben. Dieser Kunstgriff ermöglicht viele explizite Erklärungen der ökologischen Situation, die man sich vorher selbst zusammenreimen mußte. Ansonsten werden die Themen des ersten Romans geschickt variiert, und die Perspektive ist wieder die eines (nicht-menschlichen) Teenagers, möglicherweise eines fernen Nachkommens von Drove. Der Clou ist die Fähigkeit der Aliens, auf eidetische Erinnerungen ihrer Vorfahren zurückgreifen zu können. Es gibt auch wieder eine bewegende Liebesgeschichte, aber insgesamt tritt die Poesie zugunsten einer direkteren Erzählweise zurück.

Der Kindle-Edition fehlt leider eine ordentliche Kapitelaufteilung. Für mich gibt es nichts frustierenderes, als wenn ein Buch mich mit der Meldung begrüßt: "Im Kapitel verbleibend: 5 Stunden". Immerhin gibt es ansonsten nur wenige "Druck"fehler zu vermelden.


Amy Winehouse - Back To Black (BRD audio) [Blu-ray]
Amy Winehouse - Back To Black (BRD audio) [Blu-ray]
Preis: EUR 45,78

4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Blu-ray Audio kann die miese Aufnahmequalität nicht retten, 15. Februar 2014
Da ich die jüngere Musikszene nicht mehr intensiv verfolge, mag dies nicht viel bedeuten,aber "Back To Black" ist immerhin mein Lieblingsalbum der letzten zehn Jahre. Es enthält tolles Material, charismatisch gesungen und an sich schön (nostalgisch) arrangiert. Aber leider klingt die Musik so, als sei sie in einer Gummizelle aufgenommen worden. Der Stereoraum wird nicht ausgenutzt, besonders das Schlagzeug klingt blechern, die Stimme leicht schrill. Dies haben schon viele Rezensenten vor mir bedauert - von vornherein scheint dies eine merkwürdige Wahl für eine audiophile Veröffentlichung zu sein. Tatsächlich ist der hochauflösende Klang im direkten Vergleich höchstens minimal besser, vielleicht etwas luftiger. Das lohnt auf keinen Fall den Aufpreis (meine Wertung bezieht sich auf das PRODUKT, nicht die Musik).

Universals Versuch, das neue Format zu etablieren, ist an sich zu loben. Während SACD und DVD-Audio zumindest im Pop-Bereich nur noch ein Nischendasein führen, preislich meist inakzeptabel sind (35 Euro aufwärts) und spezielle Hardware erfordern, sind Blu-ray-Geräte eigentlich inzwischen weit verbreitet, und 20 Euro für eine Scheibe mit Mehrwert wäre ich bereit zu zahlen. Unverständlich sind mir allerdings die Fehler, die bei der Einführung begangen wurden, was wohl auch schon wieder zum Stopp der Aktion geführt hat. Kein Fehler ist für mich übrigens die Ausstattung vieler Alben nur mit Stereo. Nicht immer ist ein Mehrkanalmix sinnvoll, wenngleich ein solcher oft eine Wiederentdeckung bekannter Alben ermöglichen kann. Aber ich bin z.B. dankbar für die BR-Audio von Supertramps "Breakfast in America" mit brillantem Stereoklang, die die remasterte CD mit ihren spitz klingenden Höhen deutlich in den Schatten stellt. Auf die angekündigte "Crime of the Century" hatte ich mich gefreut, jetzt scheint aber doch nur die (doppelt so teure) SACD zu erscheinen.

Noch ein paar Anmerkungen:

Ursprünglich gibt es eine Spezifikation, über die BR-Audio ohne Fernseher bedient werden können (z.B. Farbtasten zum Umschalten des Tons). Das hat sich aber nicht bis zu Universal durchgesprochen - immerhin startet die Scheibe sofort durch.
Die drei Tonspuren (PCM, DTS Master Audio und Dolby TrueHD jeweils in 24bit/96KkHz) scheinen mir redundant, da wohl in den allermeisten Fällen das gleiche Master nur mit anderer Technik präsentiert wird. Moderne Geräte verstehen sowieso alle drei Formate.
Stattdessen fehlen mir z.B. die Bonustitel der "Deluxe"-Ausgabe von "Back To Black". Und vom Speicherplatz her müßte es sogar möglich sein, eine BR-Audio "Amy Winehouse komplett" anzubieten, mit "Frank", "Back To Black" und allen zugehörigen Bonustiteln!
Pluspunkte: das Booklet mit den Texten und der beiliegende Download-Gutschein (aber Amazon könnte ruhig AutoRip zusätzlich anbieten).


Time And Again: Time and Again: Book One (FANTASY MASTERWORKS) (English Edition)
Time And Again: Time and Again: Book One (FANTASY MASTERWORKS) (English Edition)
Preis: EUR 6,49

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Phantastische nostalgische Zeitreise, 29. Dezember 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Jack Finney (1911 - 1995) war ein profilierter amerikanischer Autor von Krimis und Thrillern, der aber vor allem durch seine wenigen Ausflüge in die Science Fiction berühmt ist. Sein bekanntestes Werk, "Die Körperfresser kommen"/"Invasion of the Body Snatchers" (1955), eine Art Horrorparodie auf die Kommunisten-Paranoia seiner Landsleute, wurde bisher viermal verfilmt, am erfolgreichsten 1978 durch Philip Kaufman (mit Donald Sutherland, Leonard Nimoy und Jeff Goldblum).

Im 1970 erschienenen "Von Zeit zu Zeit" reist der Ich-Erzähler, Simon Morley, in der wohl sanftesten vorstellbaren Weise durch die Zeit. Im wesentlichen durch Selbsthypnose bewegt er sich zwischen "seinem" New York und einem nur unvollkommen durch frühe Fotographien und Zeichnungen dokumentierten New York des Jahres 1882. Und es ist der Kontrast dieser "nur" 90 Jahre auseinander liegenden Perioden, der den Roman mit Leben und Spannung erfüllt. Dabei ist der wesentliche Unterschied nicht die Technologie, sondern die Einstellung der Menschen zu ihrer Zeit. In den 1880ern gibt es sicher eher mehr Armut, Krankheit und Elend als in unserer "modernen" Zivilisation. Aber es gibt auch noch eine alltägliche Gelassenheit und eine stille Freude am Leben, die späteren Generationen abhanden gekommen sind. Illustriert wird dies etwa durch einen geselligen Abend der Pension, in der Simon unterkommt. Ohne Ablenkung durch Fernsehen oder andere moderne Medien vergnügen sich die Bewohner mit Charaden, Musizieren und Zaubertricks. Gesprächsthemen sind der Zeitung entnommene Ereignisse: die Gerichtsverhandlung gegen einen notorischen Mörder, Modeentwicklungen, Klatsch.

So verstehe zumindest ich die These des Autors, die man weitere 40 Jahre nach Entstehung durchaus weiterspinnen kann. Der zugrundeliegende Kontrast hat sich seitdem ja noch deutlich verschärft. Stilistisch gesehen mag gerade die erste Hälfte des Romans dem heutigen Leser etwas zäh vorkommen. Finney beschreibt Situationen und Menschen gern bis in die kleinsten Details. Aber genau diese Detailversessenheit macht für mich den Sog der Geschehnisse aus. Der Lesegenuß entsteht daraus, sich entführen zu lassen in diese fast noch greifbare und doch so entfernte Welt des 19. Jahrhunderts, mit Schlittenfahrten und von Pferden gezogenen Straßenbahnen. Erst im letzten Drittel spitzen sich die Ereignisse zum Thriller mit anschließender spannender Verfolgungsjagd zu. Die Figuren wirken plastisch, Charakterentwicklungen stehen aber nicht im Vordergrund. Nicht erwarten sollte man besonders feministische Positionen. Die Frauen sind durchaus sympathisch, erscheinen aber recht passiv und fremdbestimmt - wohl korrekt für 1882, vielleicht auch für 1970 noch die Norm. Manchmal scheint auch eine Art idealistischer Naivität durch: in merkwürdiger Erinnerung blieb mir eine Passage über "fröhliche kannibalistische Zulus" (Position 3541).

Während für H.G. Wells 1895 seine Zeitmaschine vor allem einen erzählerischer Kniff darstellte, mit dem er seine Allegorie auf die vorherrschenden Ideologien eine anschauliche Gestalt geben konnte, behandelten viele der späteren Zeitreisegeschichten wissenschaftlichen Aspekte und das Problem von Zeitparadoxen (Was passiert, wenn ich in die Vergangenheit reise und verhindere, daß meine Eltern sich kennenlernen?) Finneys Roman ist sich möglicher Paradoxen bewußt. Auf einer abstrakten Ebene ist er auch eine Reflexion über den verantwortungsvollen Umgang mit Technologie, Laut IMDB ist erst jetzt eine Verfilmung in Planung - es bleibt abzuwarten, ob der Grundton der Vorlage erhalten bleibt, oder ob der Stoff nur zu einem weiteren futuristischen Thriller mit Twist verarbeitet wird.

Die Kindle-Edition ist tadellos formatiert und fehlerfrei aufbereitet. Sie enthält die aus verschiedenen historischen Quellen zusammengestellten Schwarzweiß-Fotografien und -Zeichnungen, die auf dem 6-Zoll-Bildschirm naturgemäß arg klein geraten (dafür empfiehlt es sich, parallel ein Tablet bereitzuhalten).


Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11-20