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Beiträge von Matthias Berg
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Rezensionen verfasst von
Matthias Berg (Kassel)

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Das Zeitalter des Zorns: Eine Geschichte der Gegenwart
Das Zeitalter des Zorns: Eine Geschichte der Gegenwart
von Pankaj Mishra
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,00

66 von 73 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen das Buch ist brillant im Stil, konfus im Aufbau und hat eine ziemlich eindimensionale und triviale These, 25. Juni 2017
Ich habe mich sehr auf das Erscheinen dieses Buch gefreut, und begann die Lektüre mit großem Enthusiasmus. Leider währte dieser nicht lang. Der Autor investiert viel in stilistische Brillanz, aber wenig in konzeptuelle Klarheit. Er hat Unmengen von Material gelesen, aber irgendwie hat er es nicht geschafft, dieses Material zu ordnen und einen Text mit einem roten Faden und einer klaren Struktur zu schreiben. Ständig springt er hin und her, von den Aufklärern des 18. Jahrhunderts in die Gegenwart zu ISIS, zurück zu den deutschen Romantikern, dann ins frühe 20. Jahrhundert zu einem obskuren Theoretiker des Faschismus, dann zu den russischen Anarchisten des Zarenreiches, weiter zu indischen Intellektuellen... und so weiter.

Bei diesem wilden Parforce-Ritt wünscht man sich ein Kapitel, in dem er innehält, um einem seine Grundthese zu erläutert. Doch diese, wenn es sie denn gibt, muss sich der Leser selbst aus hundert Schnipseln zusammensuchen. Vielleicht habe ich was Wichtiges überlesen, aber Mishras Grundthese, so wie ich sie herausdestillieren konnte, ist ziemlich simpel, vielleicht gar simplistisch: Ausgehend von England und Frankreich erfasste eine unwiderstehliche Modernisierungsbewegung die gesamte Welt. Manche Länder früher, andere später (zB Deutschland oder Russland). Manche erfasste die Bewegung vollständig, in anderen waren nur die Eliten betroffen, während die Masse des Volkes in seiner vormodernen Denk- und Lebensweise verharrte (Paradebeispiel ist Indien, die Heimat des Autors).

Diese Modernisierung erzeugte Gewinner und Verlierer, und dieses Buch handelt von dieser Spannung auf der intellektuellen Ebene, exemplarisch und prototypisch beschrieben anhand des Duos Voltaire und Rousseau. Ersterer steht für den modernen Typus schlechthin, er surft die Welle des Fortschritts und der Aufklärung, Rousseau dagegen sieht die Entwicklung skeptisch, wird zum geistigen Anwalt der kleinen, einfachen Leute, der Hinterwäldler. Plakativ und metaphorisch ausgedrückt: Hier eine kalte und universalistische Vernunft; dort die Einbettung des Herzens in Identität und Tradition.

Was mich an Mishras Thesen (wenn man sie mal so nennen will) stört, ist ihre mangelnde Detailschärfe und Aussagekraft. Wenn man nur noch das Ressentiment gegen die Moderne als gemeinsamen Nenner sieht, dann erzeugt man eine Nacht, in der alle Katzen grau sind. Dann wirft man alles in einen großen Topf, rührt um, und hat dann ein ziemlich belangloses Allerlei. Ist der Kampf der deutschen Nationalisten gegen Napoleon wirklich analog zum Kampf des IS gegen den Westen? Nur weil sich bei beiden Ressentiment mit Zorn paart?
Indem der Autor ständig hin und her springt, und alle mit allen vergleicht, tut er so, als wenn es sich überall um das gleiche Phänomen handeln würde: um eine Art Revolte gegen die Moderne, angetrieben von einer ungesunden Mixtur aus Neid und Faszination. Das ist mir als intellektueller Ertrag nach 400 Seiten etwas dürftig.

Was aber wirklich stört an dem Buch ist seine geradezu monomanische Fixiertheit auf die Unzufriedenen der Moderne. Kein Wort darüber, welche Freiheiten und Fortschritte die Modernisierung der Gesellschaften, die Liberalisierung, die Demokratisierung für weite Teile der Bevölkerung mit sich brachte, für Frauen, Kinder, MInderheiten, Arbeiter.....
So bleibt er uns auch die Antwort auf die Frage schuldig, was denn angesichts der aktuellen Probleme zu tun sei: Etwa zurück in die glorreichen Zeiten der Vormoderne? Ging es den meisten Indern etwa um 1700 besser als heute? Sollen wir etwa in die Falle der Rousseauisten aller Couleur tappen, die ein Goldenes Gestern imaginieren, und die Gegenwart daran messen? Die dann ggf. mit Gewalt daran arbeiten, wieder in dieses Goldene Gestern zu gelangen (das es nicht gab)? Genau das ist es ja, was die (Quasi-)Faschisten und religiösen Fundamentalisten unserer Tage propagieren. Für meinen Geschmack hat Mishra zu viel Verständnis für diese Haltung.
Unsere Antwort auf die Probleme unserer Zeit kann kein Zurück sein, sondern ein Mehr an Aufklärung, Mehr an Fortschritt. Unzufriedene und Ressentimentbeladene wird es immer geben. Die Frage ist, ob ihre Klagen berechtigt sind.

Aber diese Fragen überhaupt öffentlich zu diskutieren, auch das ist ja schon eine Errungenschaft der Moderne...
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 15, 2017 1:28 AM MEST


Evolution in vier Dimensionen: Wie Genetik, Epigenetik, Verhalten und Symbole die Geschichte des Lebens prägen
Evolution in vier Dimensionen: Wie Genetik, Epigenetik, Verhalten und Symbole die Geschichte des Lebens prägen
von Eva Jablonka
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 42,00

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sehr gute Darstellung einer erweiterten Evolutionstheorie, mit einigen Übertreibungen, 18. Juni 2017
Es ist wirklich erstaunlich, dass ein solches Buch 12 Jahre warten muss, bis es ins Deutsche übersetzt wird. Diese Ausgabe basiert auf der zweiten, erweiterten Auflage von 2014. Insbesondere das Kapitel über Epigenetik wurde aktualisiert, da hier die Forschung in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht hat.

Die beiden Autorinnen gehören zu den sog. Neo-Lamarckisten, eine lose Gruppe von ForscherInnen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, das so genannte neo-darwinistische, gen-zentrierte Paradigma der Evolutionstheorie zu überwinden, hin zu einer Neuen Synthese.
Der Dreh- und Angelpunkt dieser „Neuen Synthese“ ist die Vererbung. Für Neodarwinisten findet Vererbung ausschließlich über die Gene statt, also über die DNA. Dem gegenüber behaupten die Autorinnen
1. dass Vererbung viel mehr als nur Gene ist
2. dass die Erzeugung erblicher Variation auch nicht-zufällig erfolgt
3. dass auch erworbene Information vererbt werden kann
4. dass evolutionärer Wandel nicht nur mittels Selektion erfolgt, sondern auch durch Lernen.

Vererbung hat demnach vier Dimensionen: über Gene, über epigenetische Mechanismen, über das Verhalten bzw. soziales Lernen (etwa wenn Delphine ihren Jungen beibringen, wie man mit Schwämmen jagt), schließlich über symbolisch kodierte Informationsspeicherung und -weitergabe (die es nur beim Menschen mit seiner Sprache und Schrift usw. gibt.

Zum Stil des Buches: Es ist sehr gut zu lesen. Jedes Kapitel hat zwei Teile: im ersten wird die Theorie vorgestellt, gut verdeutlicht und aufgelockert mittels Bilder und Graphiken, viele davon witzig im Cartoon-Stil. Daran schließt sich immer eine Diskussion zwischen imaginären Gesprächspartern an, in der das Thema des Kapitels im Frage-und-Antwort-Rhythmus wiederholt wird, wobei einer der Diskutanten immer Einwände vorbringt, sozusagen den „Anwalt des Teufels“ spielt.
Besser kann ein populärwissenschaftliches Buch nicht geschrieben sein, was Stil und Aufbau betrifft.

Einwände hätte ich allenfalls beim Inhalt vorzubringen, denn mein Eindruck ist, dass die beiden Autorinnen in ihrer Begeisterung für die neuen Erkenntnisse, insbesondere im Bereich der Epigenetik, ihr Blatt etwas überreizen, und eine Revolution in der Biologie ausrufen, die bei genauerem Hinsehen doch nicht ganz so revolutionär ausfällt. Die epigenetischen Mechanismen etwa sind für den Fortgang der Evolution weniger bedeutsam als manche sie darstellen, denn sie sind nach ein, zwei Generationen schon wieder verwischt, während die Evolution in zig-tausenden von Generationen zählt.
(Tipp: Wen das Thema ganz generell interessiert, und die Argumente beider Seiten prüfen will, der möge folgendes googeln. "Does evolutionary theory need a rethink?" publiziert von der bekannten Zeitschrift NATURE. Eva Jablonka gehört natürlich zu dem Lager, dass diese Frage mit "Yes, urgently!" beantwortet. Mich persönlich überzeugen eher die Argumente der anderen Seite "No, all is well")

Auch die Behauptung, dass evolutionär relevante Variation auch nicht-zufällig entsteht, ist m.E zu stark. Letztlich läuft es darauf hinaus, dass bestimmte Stress-Situationen im Genom betroffener Organismen in bestimmten Abschnitten die Mutationsrate erhöhen, und damit die Wahrscheinlichkeit, dass so eine adaptive Veränderung erzeugt wird. Es bedeutet aber nicht (lamarckistisch!), dass diese Veränderungen gezielt erfolgen, dass das Genom also quasi mit Verstand auf Veränderungen reagiert, und sich selbst adaptiv umbaut.

Ich kann das Buch allen an dem Thema Evolution interessierten Laien empfehlen. Allerdings sollte man schon über ein gutes Maß an Vorwissen zu dem Thema verfügen, denn trotz aller Lockerheit in der Darstellung sind die Themen und Thesen doch ziemlich harte Kost.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 8, 2017 9:53 AM MEST


Kultur als Freund, Feind und Herr der Evolution (Die Psychogenese der Menschheit)
Kultur als Freund, Feind und Herr der Evolution (Die Psychogenese der Menschheit)
von Rolf Oerter
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 20,00

3.0 von 5 Sternen Ein interessantes Thema, dem der Autor leider nicht gewachsen ist, 12. März 2017
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Vor zwei Jahren habe ich Prof. Oerters Hauptwerk „Der Mensch, das wundersame Wesen“ gelesen, ein Buch, das mir sehr gefallen hat. Leider kann ich das von diesem Buch nicht sagen. Es ist sogar eine handfeste Enttäuschung.

Die Grundidee ist eigentlich sehr interessant: Das Verhältnis von Evolution/Natur und Kultur beim Menschen näher zu beleuchten. Doch die Ausführung, die uns Oerter bietet, hat gravierende Mängel (was umso seltsamer ist, als sich diese Mängel in oben genanntem Buch nicht finden).
Der zentrale Mangel des Buches ist, was Prof. Oerter unter 'Evolution' versteht, oder besser gesagt: Dass er Evolution leider nicht versteht.

Während er direkt zu Beginn seine Definition von 'Kultur' bietet, nämlich: Universum von Gegenständen bzw. geteilten Gegenstandsbezügen (eine Definition, die ich nebenbei bemerkt für unvollständig halte, da das entscheidende Element menschlicher Kultur nicht die Gegenstände sind, sondern die kumulative Anreicherung des Wissens über Gegenstände, real wie fiktive, über Generationen hinweg), so sucht man eine Definition von 'Evolution' in dem Buch vergebens. Irgendwie setzt er Evolution synonym mit Natur, und zwar mit einer leicht „verkitschten“ Natur, so mein Eindruck.

Was von Anfang an negativ auffällt, ist, dass der Autor fortwährend die Evolution personifiziert, etwa wenn er davon spricht, dies oder jenes sei (nicht) „im Sinne der Evolution“, oder „Dummheit sei ein Feind der Evolution“ (??). Zudem vermischt er immer wieder Moral und Evolution, etwa wenn er allen Ernstes meint, dass „gute Bildung für alle auch aus evolutionärer Sicht ein moralisches Gebot [ist]“ (S.34).

Ein weiterer Punkt, der mich immer wieder bei der Lektüre zusammenzucken ließ, war, dass Prof. Oerter die Evolution offenbar teleologisch auffasst, etwa wenn er von den „oberen Ebenen der Evolution“ spricht, so als wäre die Biosphäre darauf ausgerichtet, Denken und Erkenntnis, - also uns! - hervorzubringen.

Was Prof. Oerter hinsichtlich der Evolution definitiv nicht verstanden hat – und dieses Unverständnis durchzieht das ganze Buch -, dann ist es, in seiner Sprache formuliert, dass die Evolution den Organismen nur zwei Dinge „gebietet“: (a) überlebe, um dich (b) fortzupflanzen. Alles andere ist dem untergeordnet. Dieses Unverständnis zeigt sich exemplarisch in seiner Behandlung der Religion. Seitenweise referiert er dort den Unterschied zwischen intrinsischer und extrinsischer Religiosität, und kommt zum Schluss, dass erstere positiv mit Lebenszufriedenheit korreliert.
Was hat das mit Evolution zu tun? Nichts. Denn das einzige, was Religionen unter dem Blickwinkel der Evolution von Interesse werden lässt, ist die Frage, ob sie die Fortpflanzungsrate ihrer Mitglieder positiv oder negativ beeinflussen, doch diesen Aspekt erwähnt der Autor nicht einmal.
Der Evolution – wieder in Oerters leicht verquerer Sprache – ist die Lebenszufriedenheit der Organismen völlig egal. Eine glückliche und kinderlose Deutsche, die voll ihre intellektuellen, körperlichen und emotionalen Potenziale ausschöpft, um mit 95 Jahren zu sterben, ist, evolutionär betrachtet, ein Totalausfall. Eine unglückliche und arme Inderin, die mit 65 stirbt, nachdem sie sechs Kinder zur Welt gebracht hat, von denen vier überleben, ist damit verglichen (evolutionär) 'fit'.

Ein wichtiges Thema, das definitiv in ein Buch gehört, welches das Spannungsverhältnis von Kultur und Natur zum Thema hat, wäre das sog. demografisch-ökonomische Paradoxon, also die Beobachtung, dass weltweit Wohlstand und Bildung negativ mit der Fortpflanzungsrate korreliert. Auch dieses Phänomen diskutiert der Autor überhaupt nicht. Eine erstaunliche Lücke.

Wie willkürlich die Zuschreibungen und Etikettierungen von pro- und anti-evolutionär, die Prof. Oerter fortwährend vornimmt, letztlich sind, soll ein Beispiel zeigen.
An einer Stelle kritisiert er die Praxis des „Schächtens“ als anti-evolutionär (weil sie mit Schmerzen für die Tiere verbunden ist. Wobei sich mir die Frage stellt, ob Raubtiere in freier Wildbahn ihre Beute generell schmerzlos töten?). An einer anderen Stelle lobt er dagegen die Jagdmethode der Buschleute, die Beutetiere über viele Stunden zu Tode hetzen, oft nachdem sie sie mit Pfeilen verwundet haben, als evolutionsfreundlich. Wissenschaftlich ergibt das keinen Sinn. Ganz offenbar sind die genannten Wertungen (pro- bzw anti-evolutionär) nichts weiter als „gefällt mir“ versus „finde ich eklig/unschön“ aus der persönlichen Sicht des Autors.

Abschließend noch ein paar Sätze, die schlicht Fehler enthalten, oder die sonstwie hanebüchen sind:

„Harems sind unter anderem bei Schimpansen entstanden...“ (S.28) - Nein, bei Gorillas. Schimpanzen leben promiskuitiv.
„In menschlichen Gruppen herrscht die Monogamie vor“. (S.28) – Nein, etwa zwei Drittel aller untersuchten menschlichen Kulturen praktizierten oder erlaubten die Polygynie.
„Die Inuit ernähren sich hauptsächlich von Fisch und nehmem sehr viel Fett zu sich. Diese Ernährung würde uns krank machen“ - Falsch. Zigtausende von Menschen im Westen praktizieren die ketogene Diät, ohne krank zu werden.
„Evolutionär ist die Bekämpfung und Vernichtung anderer Ethnien im Menschen verankert.“ (S:58) – Dann ist der Frieden, wie wir ihn seit zwei Generationen in Europa erleben, wohl anti-evolutionär?
„Jagen verbindet Naturnähe mit dem Aggressionstrieb“ (S.106)... „Kriegszüge verbinden den Drang in die Ferne mit dem lustbringenden Aggressionstrieb,...“ (S.107) - Ich fass es nicht: Kein ernstzunehmender Psychologe spricht heute noch von einem „Aggressionstrieb“!

Leider ist das Buch nicht lesenswert, weil der Autor sich an ein Großthema herangewagt hat, mit dem er als reiner Entwicklungspsychologe, ohne Kenntnisse in Evolutionstheorie, überfordert ist. Die guten Passagen des Buches, etwa wo er für ein umweltverträglicheres, nachhaltigeres Leben wirbt, können diesen Mangel nicht kompensieren.


Against Empathy: The Case for Rational Compassion
Against Empathy: The Case for Rational Compassion
von Paul Bloom
  Taschenbuch
Preis: EUR 16,99

15 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Do we really suffer from too much empathy? I'm not convinced., 22. Januar 2017
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
My impression is that the author wrote this book not because the world has a real problem with too much empathy, but in order to start a controversy. Everybody likes empathy, so he writes a book against it - and ample media coverage is garanteed.

His arguments are based on a very narrow definition of „empathy“: It is when I feel the SAME as another person. When my little daughter is terrified by a thunderstorm and I pick her up to soothe her, that's not empathy, according to Prof Bloom, because I am not frightened by the thunderstorm. I care for my daughter, I am a kind father, I feel compassion.... anything but „empathy“. That's not the way the word „empathy“ is used by the great majority of speakers, even not by the majority of psychologists, but Prof Bloom needs the ultra-narrow definition in order to make a point.

Paul Bloom not only distinguishes „empathy“ from „compassion“, he opposes both emotions; we are told that they are totally different. I am not convinced. It may be correct to tell the two apart, because different parts of the brain are activated, but I think it is wrong to make a strong case in favour of compassion while disparaging empathy. In my opinion both are natural allies, they are sisters and tend to occur together, like, say, love and tenderness.

He is right that empathy is severely biased because it works like a spotlight, focusing on one person who is in distress while forgetting about all the rest, even if some people nearby in the shadow are even more in need of help. He is also right that empathy is oversold and that it is not the foundation of morality, as some have argued (notably Frans de Waal). He is right that empathy can cause havoc when occuring in the political sphere because of its biased functioning.

So we should argue that empathy is not the magic bullet that will save our world by ending prejudice, racism, violence... But Prof Bloom is not arguing for such a nuanced view, he is really making a case against empathy. One gets away with the message: a world without empathy would be a better place.

I don't think so. Despite all its shortcomings, empathy is indispensable in the sphere of intimacy, in close relationship between child and parent, between friends... in all small-scale social settings. It is another story when empathy with its inherent biases is applied to politics or economics, where problems of bigger scale are to be tackled. In chapter 4 the author tries to show that even when intimate relationships are concerned, we would be better off without empathy, but this is really the least convincing part of the book, because it is obvious that he has to twist the facts in order to make them fit his overall scheme.

There are two questions that can highlight the weakness of Bloom's arguments:

1) If empathy is so bad, if it brings about more damage than good, be it in politics or in intimate relationships: why did it evolve in the first place, and why is it a part of our basic mental equipment we are all born with (together with the capacity of joy, anger, disgust, lust, language...)? Because according to Bloom the problems with empathy are not a consequence of a mismatch, like some trait that served well as an adaptation in our hunter-gatherer past, but is detrimental in our modern environment.

2) Since empathy is part of our nature: how are we going to delete it from the minds of our children? How can we raise them to be low on empathy but high on „rational compassion“? It is revealing that one of Bloom's biggest fans is Amy Chua, the self-declared „Tiger-Mother“, who raised her kids to become tough and ultra-competetive persons (maybe not the worst trait in a highly competetive world?). If we really succeeded in deleting empathy from the minds of our children, I'm afraid we'll get a society of economists (Prof. Bloom is very fond of them and their „cold economic reasoning“!), a society of Donald Trumps, where people excel in rational, cold-blooded calculation, but the compassionate aspect will get lost somehow. Because empathy and compassion are not opposites but sisters. We should nurture both of them. And policy-makers should be able to apply utilitarian thinking when making far-reaching decisions.

My bottom-line: Empathy/compassion on the one side and rational calculation on the other side complement each other. Each of them is useful in its own sphere. Not need to be AGAINST one of them.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 18, 2017 10:30 AM CET


Reichtum ohne Gier: Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten
Reichtum ohne Gier: Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten
von Sahra Wagenknecht
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

17 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen ein sympathisches und kluges Buch, das letztlich weltfremd bleibt, 8. Januar 2017
Was an dem Buch von der ersten Seite an überrascht, ist dass es von einer Linken verfasst sein soll. Irgendeine Spielart von „Sozialismus“ sucht man hier vergebens (was für die Intelligenz der Autorin spricht). Stattdessen bricht die Autorin eine Lanze für alle echten Unternehmer, die auf eigene Rechnung und Risiko arbeiten. Denen gönnt sie den erworbenen Reichtum.
Mehrfach zitiert sie zustimmend Ökonomen des sog. Ordoliberalismus oder auch Joseph Schumpeter, der immerhin auch ein Hausheiliger des „Economist“ ist, dem Zentralorgan des internationalen Wirtschaftsliberalismus. Hätte ich nicht gewusst, von wem das Buch stammt, so hätte ich auf ein Mitglied der CDU-Fraktion getippt, Abteilung „Mittelstandsvereinigung“. Der Titel des Buches hätte auch „Leistung muss sich wieder lohnen!“ lauten können. Als Anhängerin des Ordoliberalismus wäre Frau Wagenknecht auch in der FDP nicht fehl am Platze...

Auf den ersten Blick ist dies ein sehr sympathisches und kompetentes Buch. Was sie über die Auswüchse des (Finanz-)Kapitalismus schreibt, über all die, die ohne jede eigene Leistung über ein gigantisches Vermögen verfügen oder Einkünfte beziehen, über die modernen Räuberbarone, über die skrupellosen Renditejäger... all dem ist voll und ganz zuzustimmen.

Woran erkennt man aber dann doch, dass unsere „ordoliberale“ Autorin in ihrem Kern eine Linke ist?
Daran, dass auf die treffende Diagnose keine oder nur eine weltfremde Therapie folgt. Das ganze Buch ist daher für mich eine Art intellektueller „Koitus interruptus“. Man strebt beim Lesen dem Höhepunkt entgegen, und am Ende kommt... nichts.

Nachdem die Autorin im letzten Abschnitt das Eigentum neu gedacht hat und eine Reihe von Unternehmensformen vorgestellt hat, die sich am Gemeinwohl, und sei es nur an dem der im Unternehmen Beschäftigten, orientieren, ist das Buch auch schon zu Ende. Die entscheidende Frage ist ja: Wenn es gemeinwohlorientierte Formen wie die Carl-Zeiss-Stiftung schon seit langem gibt, warum sind sie sooo selten? , warum gründen fast alle nur Kapitalgesellschaften wie GmBHs und AGs ? Und wichtiger noch: Wie kann man erreichen, dass all die AGs in gemeinwohlorientierte Stiftungen umgewandelt werden?
Kurz: Wie könnte aus verantwortungsloser Gier wohlverdienter und sozialverträglicher Reichtum werden? Denn freiwillig, soviel ist klar, werden die Gierigen nicht von ihrem Laster ablassen...

Der zentrale Widerspruch (und Defekt) des Buches findet sich schon im Vorwort, und es hat mich gewundert, dass eine so kluge Frau wie Sahra Wagenknecht nicht selbst darüber stolpert.
Dort schreibt sie:
„Wenn wir wieder in wirklich demokratischen Gemeinwesen leben wollen, gibt es nur den umgekehrten Weg: Nicht die Politik muss sich internationalisieren, sondern die wirtschaftlichen Strukturen müssen dezentralisiert und verkleinert werden. Wir brauchen keine modernen Räuberbarone, die auf drei oder vier Kontinenten produzieren lassen und sich jeweils die Orte mit den billigsten Löhnen und den niedrigsten Steuern aussuchen können.“

Da hat sie Recht: diese globalen Räuberbarone brauchen wir nicht. Ja, sie schaden sogar. Fakt ist aber : diese kapitalistischen Raubtiere existieren.
Dann schreibt Sahra Wagenknecht weiter, gleich im Anschluss :
„Der Globalkapitalismus unserer Zeit lässt sich im nationalen Rahmen kaum noch bändigen. Demokratisch legitimierte europäische oder internationale Institutionen, die das leisten könnten, gibt es nicht und kann es wohl auch nicht geben.“ (S.27-28)

Auch da hat sie Recht, aber beide Aussagen wollen nicht zusammenpassen. Dummerweise attackiert die Autorin auch immer wieder die EU-Kommission, als undemokratisch und arrogant (das Übliche eben), ohne zu beachten , dass die Technokraten in Brüssel die Einzigen sind, die es weltweit noch mit den modernen Räuberbaronen à la Google oder Apple aufnehmen, ja: aufnehmen können! Denn die Regierungen in Paris, Berlin oder Dublin sind für die kapitalistischen Behemoths allenfalls Sparringspartner, die sich sehr einfach gegeneinander ausspielen lassen.

Das ist der Widerspruch des Buches: Die Kapitalisten agieren global, das ist ein Faktum, aber demokratisch legitimierte Institutionen kann es nur national geben. Wie also will man dem globalen Kapitalismus beikommen? Frau Wagenknecht hat keine Ahnung, und daher ist das schlaue und sympathische Buch letztlich nicht viel mehr als heiße Luft.

Fazit: Vieles in der Wirtschaft liegt im Argen. Theoretisch könnte es anders sein, die Modelle dazu sind vorhanden, aber niemand, auch Frau Wagenknecht nicht, weiß, wie es auch praktisch anders sein könnte.
Und das ist das Elend der Linken allgemein: Dass sie tolle Modelle für eine bessere Welt anbietet, mehr auch nicht.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 2, 2017 6:08 PM CET


Der Darwin-Code: Die Evolution erklärt unser Leben
Der Darwin-Code: Die Evolution erklärt unser Leben
von Thomas Junker
  Gebundene Ausgabe

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Sammelsurium aus Altbekanntem, Spekulationen und Irrtümern, 16. Oktober 2016
Mein Eindruck ist leider, dass die beiden Autoren sich auch noch an das große Darwinjubiläum 2009 dranhängen wollten, und so ein nicht sonderlich werthaltiges Sammelsurium aus Altbekanntem, Spekulationen und Irrtümern zusammenschrieben.

Bespiele für Altbekanntes:
Wie lieben Hamburger, Pommes und Schokolade, weil die Evolution unsere Steinzeit-Vorfahren darauf programmierte, Fettes und Süßes zu lieben. Weil es heute, anders als in der Steinzeit im Überfluss vorhanden ist, leiden viele unter Übergewicht.
Bsp. 2: Männer und Frauen sind so wie sie sind, insbesondere was ihre Formen betrifft, weil sie durch sexuelle Selektion, also durch die Vorlieben des jeweils anderen Geschlechts, so geformt wurden. Auch das hat man so oder ähnlich schon x-mal gehört oder gelesen.

Beispiele für Spekulatives:
Erstens sei Kunst als Fitness-Indikator bei der Partnerwahl entstanden, so wie der Schwanz der Pfauenmännchen. Doch wenn das so wäre, dann müsste ein Geschlecht beim Menschen, etwa die Männer, vorwiegend Kunst produzieren, das andere Geschlecht diese Darbietungen rezipieren und beurteilen. Das ist nicht der Fall: Wenn man sie lässt, dann produzieren Frauen genau so gerne und oft Kunst wie Männer. Dass Kunst durch sexuelle Selektion entstanden sein soll, ist daher eher unplausibel. Es gibt m.W. auch keine Untersuchungen, die zeigen, dass Künstler im Schnitt mehr Nachkommen haben als Kunstbanausen. Dass J.S.Bach so viele Kinder hatte, lag wohl eher an seiner Religion als an seiner Kunst.

Zweitens – so die These der Autoren - diene Kunst dazu, Menschengruppen zu „Superorganismen“ zusammenzufügen und zu -halten. Auch das ist unwahrscheinlich bis abwegig, denn Kunst kann nur flüchtige Erregungsgemeinschaften wie im Konzert, beim gemeinsamen Singen oder Tanzen bilden. Einen 'Superorganismus' kann man so nicht bilden, denn dazu braucht es soziale Regeln und moralische Normen, und diese liefert eher die Religion, nicht die Kunst als solche. Kunst kann also höchstens im Dienste der Religion Gruppen zusammenschweißen; alleine kann sie es nicht. Es gibt auch in der Geschichte kein Beispiel eines künstlerischen 'Superorganismus', etwa eines Ordens oder einer Kunstsekte, vergleichbar etwa der Mormonen oder Benediktiner im Bereich der Religion. Diese Tatsache allein sollte schon die Autoren stutzig machen.

Beispiel für Irrtümer: Junker und Paul erklären Formen der Selbstaufopferung (Extremfall: Heldentod fürs Vaterland oder das Selbstmordattentat) so: In der Steinzeit lebten die Menschen in Gruppen aus Verwandten. Wenn man sich damals für die Anderen aufopferte, dann war dies (wie bei Ameisen oder Bienen) ein Fall von „stellvertretender Fortpflanzung“: Die Gene des sich Opfernden leben dadurch umso besser in dessen Geschwistern weiter. Wer sich also heute für Fremde aufopfert, der tut dies, weil eine Art "Fehlzündung" im Gehirn ihn glauben lässt, dass er dies für seine Familie tut.
Zu Ende gedacht bedeutet das, dass wir immer, wenn wir einem Fremden etwas Gutes tun, ohne eine Gegenleistung erwarten zu können (z.B. anonym Geld spenden, Trinkgeld geben...), Opfer einer "Fehlzündung" sind, weil uns unsere Gene uns eine "Pseudofamilie" vorgaukeln.

Diese Vorstellung, dass die Wildbeuterhorden der Vorgeschichte aus Verwandten (Großfamilien) bestanden, ist längst widerlegt. Wenn man die heutigen Wildbeuter als Modell nimmt, dann lässt sich mit Bestimmtheit sagen, dass die meisten Mitglieder dieser Gruppen nicht (!) miteinander verwandt sind. Populationsgenetische Studien legen den Schluss nahe, dass das auch für unsere Vorfahren im Pleistozän gilt.
Selbstaufopferung aufgrund eines „genetischen Egoismus“, Stichwort: Verwandtenselektion, wäre also auch schon im Pleistozän eine Fehlanpassung gewesen, nicht erst unter heutigen Bedingungen. Um das Verhalten von Helden und Suizid-Attentätern heute mit 'Pseudo-Familien' zu erklären, wie in diesem Buch, ist es völlig ungeeignet.

Das Kapitel über Religion hat mich besonders enttäuscht, denn dort machen sich die Autoren nicht einmal die Mühe, dem Thema annähernd gerecht zu werden. Das geht schon bei der Definition, was Religion denn sei, los. Denn von einer Religion, so liest man, könne man nur sprechen, wenn ein Glaube an Götter vorliege. Damit fallen dann automatisch die ethnischen Religionen, wo keine Götter, sondern Geister und Ahnen im Mittelpunkt stehen, weg. Und damit gibt es dann Religion auch erst seit 10.000 Jahren, was praktisch ist, wenn man uns weismachen will, dass Religionen aus der Kunst entstanden sind.
Besonders ärgerlich ist, dass Junker und Paul hierzu zwar einen Wiener Nervenarzt, der vor 100 Jahren unter dem Titel „Totem und Tabu“ ein wenig zum Thema „Ursprung der Religion“ spekulierte, zitieren, die modernen Standardwerke (wie „Religion explained“ von Pascal Boyer, oder „In Gods we trust“ von Scott Atran) aber unerwähnt lassen.

Da der größte Teil des Buches aus schlecht begründeten Spekulationen und sogar Irrtümern besteht, kann ich dieses Buch definitv nicht empfehlen. Streckenweise wird hier der Name Darwin dazu missbraucht, um uns hanebüchene Thesen zu verkaufen.


Der Darwin-Code: Die Evolution erklärt unser Leben
Der Darwin-Code: Die Evolution erklärt unser Leben
von Thomas Junker
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,95

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Sammelsurium aus Altbekanntem, Spekulationen und Irrtümern, 16. Oktober 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Mein Eindruck ist leider, dass die beiden Autoren sich auch noch an das große Darwinjubiläum 2009 dranhängen wollten, und so ein nicht sonderlich werthaltiges Sammelsurium aus Altbekanntem, Spekulationen und Irrtümern zusammenschrieben.

Bespiele für Altbekanntes:
Wie lieben Hamburger, Pommes und Schokolade, weil die Evolution unsere Steinzeit-Vorfahren darauf programmierte, Fettes und Süßes zu lieben. Weil es heute, anders als in der Steinzeit im Überfluss vorhanden ist, leiden viele unter Übergewicht.
Bsp. 2: Männer und Frauen sind so wie sie sind, insbesondere was ihre Formen betrifft, weil sie durch sexuelle Selektion, also durch die Vorlieben des jeweils anderen Geschlechts, so geformt wurden. Auch das hat man so oder ähnlich schon x-mal gehört oder gelesen.

Beispiele für Spekulatives:
Erstens sei Kunst als Fitness-Indikator bei der Partnerwahl entstanden, so wie der Schwanz der Pfauenmännchen. Doch wenn das so wäre, dann müsste ein Geschlecht beim Menschen, etwa die Männer, vorwiegend Kunst produzieren, das andere Geschlecht diese Darbietungen rezipieren und beurteilen. Das ist nicht der Fall: Wenn man sie lässt, dann produzieren Frauen genau so gerne und oft Kunst wie Männer. Dass Kunst durch sexuelle Selektion entstanden sein soll, ist daher eher unplausibel. Es gibt m.W. auch keine Untersuchungen, die zeigen, dass Künstler im Schnitt mehr Nachkommen haben als Kunstbanausen. Dass J.S.Bach so viele Kinder hatte, lag wohl eher an seiner Religion als an seiner Kunst.

Zweitens – so die These der Autoren - diene Kunst dazu, Menschengruppen zu „Superorganismen“ zusammenzufügen und zu -halten. Auch das ist unwahrscheinlich bis abwegig, denn Kunst kann nur flüchtige Erregungsgemeinschaften wie im Konzert, beim gemeinsamen Singen oder Tanzen bilden. Einen 'Superorganismus' kann man so nicht bilden, denn dazu braucht es soziale Regeln und moralische Normen, und diese liefert eher die Religion, nicht die Kunst als solche. Kunst kann also höchstens im Dienste der Religion Gruppen zusammenschweißen; alleine kann sie es nicht. Es gibt auch in der Geschichte kein Beispiel eines künstlerischen 'Superorganismus', etwa eines Ordens oder einer Kunstsekte, vergleichbar etwa der Mormonen oder Benediktiner im Bereich der Religion. Diese Tatsache allein sollte schon die Autoren stutzig machen.

Beispiel für Irrtümer: Junker und Paul erklären Formen der Selbstaufopferung (Extremfall: Heldentod fürs Vaterland oder das Selbstmordattentat) so: In der Steinzeit lebten die Menschen in Gruppen aus Verwandten. Wenn man sich damals für die Anderen aufopferte, dann war dies (wie bei Ameisen oder Bienen) ein Fall von „stellvertretender Fortpflanzung“: Die Gene des sich Opfernden leben dadurch umso besser in dessen Geschwistern weiter. Wer sich also heute für Fremde aufopfert, der tut dies, weil eine Art "Fehlzündung" im Gehirn ihn glauben lässt, dass er dies für seine Familie tut.
Zu Ende gedacht bedeutet das, dass wir immer, wenn wir einem Fremden etwas Gutes tun, ohne eine Gegenleistung erwarten zu können (z.B. anonym Geld spenden, Trinkgeld geben...), Opfer einer "Fehlzündung" sind, weil uns unsere Gene uns eine "Pseudofamilie" vorgaukeln.

Diese Vorstellung, dass die Wildbeuterhorden der Vorgeschichte aus Verwandten (Großfamilien) bestanden, ist längst widerlegt. Wenn man die heutigen Wildbeuter als Modell nimmt, dann lässt sich mit Bestimmtheit sagen, dass die meisten Mitglieder dieser Gruppen nicht (!) miteinander verwandt sind. Populationsgenetische Studien legen den Schluss nahe, dass das auch für unsere Vorfahren im Pleistozän gilt.
Selbstaufopferung aufgrund eines „genetischen Egoismus“, Stichwort: Verwandtenselektion, wäre also auch schon im Pleistozän eine Fehlanpassung gewesen, nicht erst unter heutigen Bedingungen. Um das Verhalten von Helden und Suizid-Attentätern heute mit 'Pseudo-Familien' zu erklären, wie in diesem Buch, ist es völlig ungeeignet.

Das Kapitel über Religion hat mich besonders enttäuscht, denn dort machen sich die Autoren nicht einmal die Mühe, dem Thema annähernd gerecht zu werden. Das geht schon bei der Definition, was Religion denn sei, los. Denn von einer Religion, so liest man, könne man nur sprechen, wenn ein Glaube an Götter vorliege. Damit fallen dann automatisch die ethnischen Religionen, wo keine Götter, sondern Geister und Ahnen im Mittelpunkt stehen, weg. Und damit gibt es dann Religion auch erst seit 10.000 Jahren, was praktisch ist, wenn man uns weismachen will, dass Religionen aus der Kunst entstanden sind.
Besonders ärgerlich ist, dass Junker und Paul hierzu zwar einen Wiener Nervenarzt, der vor 100 Jahren unter dem Titel „Totem und Tabu“ ein wenig zum Thema „Ursprung der Religion“ spekulierte, zitieren, die modernen Standardwerke (wie „Religion explained“ von Pascal Boyer, oder „In Gods we trust“ von Scott Atran) aber unerwähnt lassen.

Da der größte Teil des Buches aus schlecht begründeten Spekulationen und sogar Irrtümern besteht, kann ich dieses Buch definitv nicht empfehlen. Streckenweise wird hier der Name Darwin dazu missbraucht, um uns hanebüchene Thesen zu verkaufen.


Lob der Lüge. Wie in der Evolution der Zweck die Mittel heiligt
Lob der Lüge. Wie in der Evolution der Zweck die Mittel heiligt
von Volker Sommer
  Taschenbuch
Preis: EUR 19,80

8 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Macht uns lügen, täuschen und tricksen schlau? Ich glaube eher nicht, 5. März 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Auch das nach der Lektüre des Buches ist mir nicht klar, was am Lügen so toll sein soll, dass man die Lüge loben sollte.
Professor Sommer macht im Grunde nicht viel mehr, als viele Fälle von Tarnen, Täuschen und Tricksen aus der Evolution  und der Biosphäre vorzustellen, und daraus zu schließen, dass derlei "krumme Dinge"  sich im Kampf ums Überleben oft als vorteilhaft erwiesen haben  und noch erweisen.
Das ist ohne Zweifel der Fall.
Andererseits haben sich in der Evolution auch unappetitliche Dinge wie Tötung von Artgenossen, Vergewaltigung und auch Kriege  (Ameisen!) als nützlich erwiesen. Wird Prof. Sommer als nächstes Bücher mit Titeln wie "Lob des Mordes"  oder "Lob der Vergewaltigung"  schreiben? Meines Erachtens liegt dem der Fehlschluss zugrunde, dass etwas, das sich unter bestimmten Bedingungen als nützlich erweist auch gut sei. "X ist nützlich" ist eine faktische Aussage. "X ist gut" ist eine moralische Aussage.

Der zweite grundlegende Fehler, den Prof. Sommer mE macht, ist, dass er großen, sehr großen Wert darauf legt, den Menschen nicht irgendwie aus der Natur zu lösen. Dieses Bestreben schlägt sich dann z.B. in seltsamen Ausdrücken wie "nicht-menschliche Tiere"  nieder. Menschen sind für den Autor nur eine Tierart unter anderen. Zwischen den Affen und uns liegen nur graduelle Unterschiede, darauf legt er ganz großen Wert. Phylogenetisch betrachtet ist das ohne Zweifel richtig, und dennoch liegen zwischen dem Homo sapiens heute und seinen haarigen Vettern Welten, die jedem unbefangenen Beobachter sofort ins Auge springen: Die eine Art hat jede Nische des Globus', von der Wüste zur Arktis, vom Dschungel zum Hochgebirge, besiedelt, hat dabei in wenigen tausend Jahren einen Entwicklungsschub  gemacht, den keine andere Tierart jemals geschafft hat. Die Großen Affen dagegen leben immer noch in ihren beschränkten Habitaten, sind vom Austerben bedroht  (von uns!). Die Einen haben sich Tiere und Pflanzen nach ihren Bedürfnissen gezüchtet, haben Universitäten, das Internet, und Pocken-Impfung; die „Kultur“ der Anderen besteht aus Stöckchen, mit denen Sie Termiten fangen, und aus Steinen, mit denen sie Nüsse knacken.

Prof. Sommer kann mit seinen Theorien diese gewaltigen Unterschiede nicht erklären. Ja, seine Grundannahme des Wir-sind-doch-alle-bloß-Tiere  verstellt ihm sogar die Sicht auf den wesentlichen Punkt. Menschen sind auf eine Weise sozial, die weit über das hinaus geht, was man unter Affen finden kann. Ob man das nun "eusozial" wie E.O. Wilson, oder "ultrasozial"  wie Peter Turchin oder Joseph Henrich nennt, ist letztlich egal. Das Gleiche gilt für unsere Intelligenz.
Der Autor vertritt nun die seltsame These, dass es gerade das allgegenwärtige Täuschen und Tricksen gewesen sei, dass uns so smart gemacht habe. Schlau durch Lüge bzw. Lügenabwehr?
Das ist sehr unplausibel.  Denn die Gehirne der Menschen sind ultrasozial und vernetzt. Unsere  Intelligenz ist ganz wesentlich ein soziale Intelligenz. So wie Computer vernetzt um vieles leistungsfähiger sind als einzelne PCs,  so basiert der Erfolg des Homo sapiens  auf Vernetzung, auf Kooperation in arbeitsteiligen Gruppen und auf Kumulation des Wissens. Würden die menschlichen Gruppen aus lauter „Ichlingen“  bestehen, die sich die ganze Zeit gegenseitig belauern und versuchen, sich übers Ohr zu hauen  und zu manipulieren, dann würde jede Kooperation  und Kommunikation zusammenbrechen, die Gruppen kämen nie von der Stelle, würden sich schließlich auflösen, eine kumulative Kultur käme nie zustande, weil es nie einen Wissensbestand gäbe, auf den man sich verlassen könnte, so wie es nie ein Geldwesen gäbe, wenn ein Großteil der Scheine gefälscht wäre.

Täuschung und Lüge sind also nicht der Grund für unsere Intelligenz und unseren Erfolg als ultrasoziale Spezies.  Die Lüge ist schlicht das Sand im Getriebe. Niemand käme auf die Idee zu sagen, dass die Getriebe so komplex geworden sind, weil immer so viel Sand hineingeriet. Lügner, Manipulatoren, Trickser und Sozialparasiten  („free-rider“) sind Elemente, die in funktionalen menschlichen Gruppen in Schach gehalten werden müssen, so wie Viren und Spam im Internet. Oder hat schon jemand mal behauptet, dass das Internet in 30 Jahren so groß geworden ist, weil es galt, mit all den Viren und Spam-Mails fertig zu werden? Absurd.


The Evolution of Everything: How New Ideas Emerge
The Evolution of Everything: How New Ideas Emerge
von Matt Ridley
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 25,49

5 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen The strange idea of pure "bottom-up" as an all-purpose explanation and panacea, 23. Januar 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
It's really amazing how such an intelligent and well-educated man like Mr Ridley can write such a primitive book. The answer is: Ideology. Like the ideology of Communism poisoned a brillant mind like Sartre's , the ideology of libertarianism poisones the intellect of Matt Ridley.

The title of the book is a misnomer, because we learn very little about evolution. The author just equates evolution with 'bottom-up', which is only part of the truth. It's true that evolution works bottom-up, but he fails to see that the results of this bottom-up process are living systems that include some top-down processes too. The genome is more than a haphazard aggregation of genetic material, it is a living system that has (evolved!) mechanisms to fight ('top-down') against rogue genes, and to edit the genetic material so that it can be of use for the organism.

Each organism has mechanisms to make sure that its parts toe the line. If its cells started to behave in a liberal, wayward way, the whole - the organism - would disintegrate, it would die. Therefore every cell of my body has suicidal mechanisms that can be activated by the whole if it's in the interest of the organism.
So, every living system has evolved bottom-up, but AS a system it is a mixture of bottom-up and top-down elements. Mr Ridley, blinkered by his ideology, sees only half of the picture.

The book is nothing more than the application of this half picture to all aspects of human life and culture. Have a look at the table of contents and you will see what I mean.
The leitmotiv of the book is presented somewhat belatedly in the epilogue:
'Bad news is man-made, top-down, purposed stuff, imposed on history. Good news is accidental, unplanned, emergent stuff that gradually evolves. The things that go well are largely unintended;; the things that go badly are largely intended.'
Then he gives us two lists to prove the point. Do I have to mention that these lists are highly biased, consisting of cherry-picked examples? Well, that's the way ideologists reason. It all boils down to 'confirmation bias' and selective perception.

I'd like to add some counter-examples to complete the picture:
(A) Bottom-up stuff that's bad news:
Traffic jams. Smog in big cities. The loss of a third (!) of arable land in the past 40 years. Overfishing. Overgrazing. The Great Pacific garbage patch. Oil and gas leaks. Massive deforestation in Brasil, Africa and Indonesia. Civil wars. Corruption weakening societies. Hundreds of species going extinct every month ('The Sixth mass-extinction'). Stockmarket bubbles. Global warming....

(B) Top-down stuff that's good news:
The urban structure of modern Paris (Baron Haussmann!). Anti-Trust laws. Laws that cleaned rivers and air in the last 30 years. International treaties to ban chlorofluorocarbons (which probably saved the ozon layer). EU rules and laws to combat overfishing. The international ban on whale-hunting. The international vaccination campaign to eradicate smallpox (completed) and polio (still going). Creation of the European single market. The Marshall Plan for post-war Germany....

The central tenet of libertarian creed is: Just let things go their way, don't interfere, and everything will be alright. The basic reason why libertarianism has not yet been proven wrong, (like the other big ideology, communism), is: A human world where things just happen naturally is impossible.
For two reasons:
(1) Human beings cannot help making plans. They always live and act purposefully. If a little man make a plan and it fails, only the little man and its surrounding is affected. But if a Big Man or Woman or organisation makes a big plan, and it fails or goes awry or turns nasty, the result may be catastrophic for the whole world. That's just a matter of scale, not an argument against acting purposefully or against design per se.
(2) After having crossed a certain threshold of complexity, human societies develop organisations and institutions. They come about in a bottom-up way, they evolve. No doubt about that. But once they are in place they exert a top-down pressure on every member and individual that is being part of it. This pressure is not evil or detrimental, it's simply the natural (!) way institutions function. If you abolish an institution like, say, a government, the whole system (Country, society, polity) simply will disintegrate and you get a sort of tribal patchwork like in Afghanistan or Somalia or Nigeria. Those crazy militia-men in Oregon or Montana are obviously dreaming of their own American version of Afghanistan, but does our author nurture this dream too?

To sum it up: The Libertarian idea of a pure bottom-up world is but a mirage, and not a very tantalizing one. The wisdom is in the middle of the road, as already Aristotle pointed out 2500 years ago.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 13, 2016 9:18 AM MEST


Autonomie: Eine Verteidigung
Autonomie: Eine Verteidigung
von Michael Pauen
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

36 von 39 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Wenn Gegen-den-Strom-Schwimmen zum neuen Konformismus wird, 31. Juli 2015
Dieses Buch war (mit Ausnahme von Teil 2 'Geschichte der Autonomie') eine herbe Enttäuschung, denn es liest sich über weite Strecken (insbesondere im letzten Teil) wie ein künstlich aufgeblasenes Werbe-Traktat für "Querdenken", Non-Konformismus, "Gegen-den-Strom-Schwimmen".
Das ist mir ein bisschen zu billig, denn einfach nur n i c h t  zum Mainstream gehören ist nicht schon Autonomie.
 
Die Autoren definieren Autonomie als die "Fähigkeit (...), selbstbestimmt, also im Sinne eigener Wünsche und Überzeugungen zu handeln, und zwar auch dann, wenn dazu Widerstände zu überwinden sind."
 
Hier stocke ich schon, denn was heißt hier "eigene...", Und warum sollte der Aspekt "Widerstände überwinden" essentiell sein?
Die Widerständler im Dritten Reich (die Geschwister Scholl oder die Verschwörer des 20. Juli) waren sicher autonom, doch beriefen sie sich nicht auf eigene Werte, sondern auf hergebrachte Werte der Aufklärung und des Humanismus, die sie sich zu "eigen" gemacht hatten.
Aber genauso können sich auch Konformisten Lebensentwürfe oder Werte aktiv zu eigen machen. Etwa, wenn jemand schon mit 18 Jahren weiß: Ich möchte mal Beamter werden, denn ich liebe die Routine und die Sicherheit und die Aussicht auf Beförderung alle paar Jahre. So jemand wird dann zum Prototyp des Spießers, aber er hat dieses Spießerleben selbstbestimmt gewählt, ist also ein "autonomer Spießer", eine Figur, die es im Weltbild von Welzer gar nicht gibt!

Umgekehrt gibt es jede Menge Konformismus unter denen, die ach wie stolz auf ihr öffentliches Gegen-den-Strom-schwimmen sind (man denke nur an das Biotop Prenzlauer Berg!). Wer schon einmal eine Gruppe Punker oder Rocker gesehen hat, der weiß, dass auch diese Leutchen ihre Dresscodes haben. Wie viele Attac- oder Occupy-Sympatisanten reden bloß nach, was ihre Vordenker ihnen an oft kruden Theorien vorsetzen?
Wenn alle Individualisten sein wollen, dann ist - ganz logisch und unvermeidlich - Individualismus der neue Konformismus.

Das ist der zentrale Defekt des Buches: Dass die Autoren konsequent Autonomie mit Non-Konformismus gleichsetzen. Das ist Unfug, denn viele sog. "Autonome" sind Konformisten innerhalb ihrer Subkultur; und viele sog. Konformisten sind Selbst-Denker im Gewand des angepassten Spießers. Streng genommen kann man als Beobachter überhaupt nicht feststellen, ob Person X autonom ist oder nicht, denn dazu müsste man Zugang zu ihren innersten Beweggründen haben.

Im vierten Teil des Buches (>>Autonomie heute<<) gehen den Autoren (oder eher dem Autor Harald Welzer, der - wie ich glaube - in diesem Teil federführend war) dann die Pferde durch. Hier wird's unangenehm schrill und alarmistisch. Die Autoren schwadronieren allen Ernstes von einem "informationellen Totalitarismus", vom drohenden "Ende des Geheimnisses und der Privatheit". Gleichzeitig beklagen sie dann aber auch, dass das Internet, unter dem Schutz der Anonymität, eine Brutstätte von S***storms und Pöbeleien sei. Ja was denn nun? Entweder uns droht durch die digitalen Medien die totale Transparenz und das Ende der Privatheit, oder aber die Anonymität?
 
Man kann über Google, Facebook und Co denken was man will, aber mit Totalitarismus hat das, zumindest beim aktuellen Stand der Dinge, wenig bis nichts zu tun (ich gehöre zu denen, die den echten Totalitarismus in der Geschmacksrichtung 'real existierender Sozialismus' aus eigener Anschauung kennen). Ein totalitaristisches System basiert darauf, dass eine Person oder eine Gruppe oder Partei oder Junta versucht, die totale Kontrolle (daher der Name) über die ganze Gesellschaft zu erlangen, und diese Kontrolle notfalls mit Gewalt durchsetzt. Frage an die Autoren: Was droht Facebook denen an, die nicht bei ihnen mitmachen (wie ich)? Wie bestraft Apple die, die seine Produkte nicht kaufen? Wozu sammelt Google so viele Daten? Um uns mit personalisierter Werbung zu quälen? Schlimm!

Hier werden offenbar die digitalen Medien und die durchaus vorhandenen Gefahren und Schattenseiten derselben zu einem Monster aufgebläht, nur damit sich die Autoren als Widerstandskämpfer gerieren können. Wow! Wie mutig: Seht her, ich bin nicht bei Facebook und benutze nur ein altes Nokia. Macht mich diese digitale Askese zum Graf Schenk von Stauffenberg des 21. Jahrhunderts? Das könnte man meinen, wenn man die Hysterie der Autoren ernst nähme.

 Geradezu putzig wird es dann, wenn uns auf den Seiten 282ff zehn Regeln an die Hand gegeben werden, wie wir als tapfere Partisanen wider den informationellen Totalitarismus unsere Autonomie verteidigen können. Eine Auswahl:

Regel 1 etwa lautet: "Verkaufen Sie niemals persönliche Souveränität für montäre Vorteile". Diese Regel muss jeder verletzten, der als Arbeiter oder Angestellter sein Geld verdient.

Regel 3: "Üben Sie digitale Askese". Wer es sich erlauben kann, ohne Internet, Handy und e-mail auszukommen, der mag dies tun. Warum ich autonomer werde, wenn ich mich technisch auf den Stand der Siebziger begebe, erschließt sich mir nicht.

Regel 5: "Glauben Sie niemals, dass der annoncierte Vorteil einer technischen Innovation ein Vorteil für Sie ist." - Stünde dort 'Glauben Sie nie ungeprüft...', dann könnte man es ernst nehmen, aber in dieser Form ist es natürlich unsinnig, denn ich glaube nicht nur, dass e-mails gegenüber Briefen den Vorteil der Schnelligkeit haben, ich weiß es sogar (wie Milliarden Nutzer auch). Hier, wie in weiten Teilen des Buches, schießen die Autoren in Ihrer Hysterie weit über das Ziel hinaus.

Regel 7: "Treten Sie für Ihr eigenes Urteil ein." - Geht's noch banaler? Das ganze Internet ist voll von Blogs und Foren, in denen Millionen User nichts anderes tun, als ihr eigenes Urteil rauszuposaunen (ich mache gerade nichts anderes, smile).

In einem Punkt muss ich Welzer und Co voll zustimmen: "Lassen Sie sich nie von den periodisch um sich greifenden Hysterien anstecken". (S.283) Zum Beispiel von der Hysterie, wir wären längst alle Marionetten von Google und Co ' ohne es auch nur zu ahnen, und als bräuchte es Professoren für Transformationsdesign (was immer das auch sein mag) um uns davor zu warnen.

Im Grunde ist die Botschaft des Buches weder originell oder neu. Es ist das, was wir moderne Menschen seit langem hören: "Sei du selbst!" - "Mach dein Ding!" ... Was die Autoren dabei übersehen: Wenn (fast) alle dieser Aufforderung, Individualisten zu sein, folgen würden, dann wäre eben dieser Zwang zum Individualismus der neue Konformismus.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 16, 2016 12:32 PM MEST


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