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Beiträge von Falk Lucius
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Rezensionen verfasst von
Falk Lucius (Essen, Ruhrgebiet)
(REAL NAME)   

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Gottes Werk und Teufels Beitrag (detebe)
Gottes Werk und Teufels Beitrag (detebe)
von John Irving
  Taschenbuch
Preis: EUR 15,00

7 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Empathie und Subversion, 16. Januar 2006
Dieser Roman ist zunächst ein Lehrstück über Empathie, über Mitgefühl, das sich in der Figur des einen der beiden Protagonisten, Dr. Wilbur Larch, verkörpert, der nicht nur das Waisenhaus St. Cloud's im Staate Maine leitet, sondern dort auch illegale Abtreibungen vornimmt. Sein Mitgefühl gilt einerseits den Frauen, die sich eine Schwangerschaft (und auch den Preis einer Abtreibung) nicht leisten können, andererseits den Waisen, die aus ungewollten Schwangerschaften hervorgegangen sind und die er mit Liebe und Literatur großzieht. Eine andere Spielart des Mitgefühls zeigt sich in den Figuren von Homer, Wally und Candy, die in einer Dreiecksgeschichte gefangen sind, über alle daraus entstandenen Verwicklungen im Bilde sind und dennoch niemals einem der anderen Beteiligten die Wahrheit aufdrängen. Dieses Mitgefühl spiegelt aber nur in weiterem Sinne das Mitgefühl des Autors mit allen seinen Romanfiguren, die er niemals verurteilt, auch wenn sie verabscheuungswürdige Dinge tun wie die gewalttätige Melony oder der schwarze Mr. Stone mit seinen unheimlichen Messerspielen, der seine eigene Tochter mißbraucht.
Außerdem ist der Roman ein Lehrstück über Subversion, der zeigt, wie leicht Menschen dazu gebracht werden können, nur das zu sehen, was sie glauben wollen. Wieder ist der Meister dieses Spiels Wilbur Larch, der seinem Zögling Homer Wells zunächst durch eine über Jahre hinweg geschickt fingierte Herzkrankheit (Pulmonalklappenstenose) den Militärdienst erspart und ihm schließlich die Rückkehr ans Waisenhaus unter anderem Namen und als mit allen Diplomen versehener Arzt gestattet.
Vieles in diesem Roman ist ambivalent, zumindest für lange Zeit. Es bleibt offen, ob Homer Wells eher ein erfolgreicher Apfelzüchter oder ein talentierter Arzt sein wird. Es scheint zur Mitte des Romans hin so, als ob er nie wieder eine Abtreibung vornehmen würde, aber am Ende wird er es doch tun, und zwar genauso regelmäßig und professionell und illegal wie sein Mentor Wilbur Larch. Oder die schöne Candy: sie entscheidet sich weder für Homer, dessen Kind sie austrägt, noch für Wally, den sie trotz seiner Kriegsbehinderung heiratet, während sie weiterhin mit Homer sexuellen Umgang pflegt. Auf den englischen und den deutschen Titel hat etwas von dieser Ambivalenz abgefärbt: "The Cider House Rules" (Die Ziderhaus-Regeln) bezieht sich auf das Leben Homers auf der Apfelfarm Ocean View, "Gottes Werk und Teufels Beitrag" bezeichnet die zwei Aspekte von Wilbur Larchs Tätigkeit, nämlich Geburtshilfe und Abtreibung. Lange Zeit bleibt offen, welcher von beiden Lebensräumen schließlich das restliche Leben von Homer Wells bestimmen wird.
Für mich, der ich gerade einen Thriller gelesen habe ("Der Schwarm" von Frank Schätzing), stellt sich die Frage, weshalb dieser Roman Literatur ist, der Thriller jedoch nicht. Da ist zum einen die stets gleichbleibende heiter-distanzierte Art des Autors John Irving, der sich niemals zu effekthaschenden Actionszenen hinreißen läßt, auch wenn manches geschieht, das an Dramatik den Vergleich mit einem Thriller nicht zu scheuen braucht. Da ist des weiteren die unübersehbare Komposition, die weniger die Handlung selbst betrifft als vielmehr das Einführen und Variieren und Verflechten von Themen wie in einem Musikstück, und es versteht sich, daß dies sprachlich ausgeführte Themen sind. Und schließlich die Metaphern, für die ich hier nur zwei besonders gelungene Beispiele anführe:
»Sie scheuchte eine Möwe auf, die sich erhob und ein Stückchen weit über das Eis spazierte – wie eine alte Frau, die eine Anzahl von hinderlichen Unterröcken über eine Pfütze hebt.« (S. 500)
»Eine Art Zuckerguß schien sein Gesicht zu glasieren, ein Gewebe, zusammengesetzt aus Rechtschaffenheit und Adrenalin.« (S. 513)
Das ist für jemanden wie mich Genuß pur. Hinzu kommt der unvergleichliche, in leisen Tönen daherkommende Humor des Autors, der darin gipfelt, wie Homer Wells dem Ausschuß des Waisenhauses den birmesischen Satz »Nga sak kin« auswendig lernen läßt und ihn übersetzt mit »Möge Gott über deiner Seele wachen, die kein Mensch mißbrauchen möge«, während es doch nichts anderes bedeutet als »Curry-Fischbällchen«.
Dieser Roman ist eine Empfehlung für jeden, der sich noch einen Winkel in seinem Herzen offengehalten hat für Empathie und Subversion, und nicht zuletzt auch für Mediziner, die über der Routine ihres Berufes noch nicht zu Zynikern geworden sind.


Der lange Abschied (detebe)
Der lange Abschied (detebe)
von Raymond Chandler
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,90

21 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen 5 Sterne, was sonst?, 13. Januar 2006
Rezension bezieht sich auf: Der lange Abschied (detebe) (Taschenbuch)
Ich gebe zu, ich gehöre zu denjenigen, die auf dem Umweg über das Medium Film zu Raymond Chandler gefunden haben. Ich schätze mal, auch in Ihrem Gedächtnis leben die Darsteller des Privatdetektivs Philip Marlowe: unvergessen Humphrey Bogart in "The Big Sleep" (1946) oder Robert Mitchum in "Farewell My Lovely" (1975). Vielleicht haben Sie auch Robert Montgomery in "The Lady In The Lake" (1947) gesehen. Aber "The Long Goodbye"? Da muss schon jemand ein Fan von Robert Altman sein, um sich an Elliot Gould zu erinnern (1973), und so einer bin ich allenfalls per Zufall; soll heißen, den Film habe ich meines Wissens nie zu Gesicht bekommen. Sie etwa? Dann meinen Glückwunsch.
Warum habe ich also das Buch gekauft? Zum einen wohl, weil Chandler in gewisser Weise süchtig macht. Nach "The Big Sleep" (1939), "Farewell My Lovely" (1940) und "The Lady In The Lake" (1943) war ich bereits ein Marlowe-Junkie und auf der Suche nach einem weiteren Roman mit diesem literarischsten aller Privatdetektive, der Schach spielt, klassische Musik schätzt, Flaubert kennt und zum Philosophieren neigt. Da kam mir der Verlagshinweis auf einer der letzten Seiten eines der genannten Romane gerade recht. Zum anderen war ich gespannt darauf, wie gerade Hans Wollschläger, der subtile Karl-May-Biograph, der sich auch schon mit anderen hochkarätigen Übersetzungen hervorgetan hat (in meiner Bücherwand stehen z.B. Edgar Allan Poe, Haffmans-Ausgabe; James Joyce: Ulysses, Suhrkamp-Ausgabe), mit Chandler umgehen würde. Soviel vorneweg: es war ein Genuss, was man weiß Gott nicht von jeder Übersetzung sagen kann.
Über das Buch selbst will ich gar nicht viele Worte verlieren, das will einfach gelesen sein. Nur soviel: Chandlers Sprache ist von einem Realismus durchdrungen, den man bei schlechterer Disposition (saurer Magen, Kopfschmerz, Stress, Kater, chronische Krankheiten) für Zynismus zu halten geneigt sein könnte, der aber nichts anderes ist als das Ergebnis akribischer Beobachtung. Zitat: »Aber Schlaf fand ich nicht. Um drei Uhr früh marschierte ich im Zimmer auf und ab und hörte zu, wie Katchaturian in einer Traktorenfabrik arbeitete. Er nannte das ein Violinkonzert. Ich nannte es einen ausgeleierten Treibriemen an einem Ventilator und ließ es mir gestohlen bleiben.« (Seite 90) Wer dafür zu zart besaitet ist, sollte das Buch freilich nicht zur Hand nehmen.
Was den Inhalt betrifft, geht es um eine verschachtelte Mordgeschichte, die weit in die sorgsam abgeschirmte Vergangenheit einiger Personen hineinreicht, den Leser in ein Labyrinth von Mutmaßungen stößt und hinter jeder Ecke mit einer neuen Wendung aufwartet. Ein Mordverdächtiger begeht Selbstmord. Oder wird er umgebracht? Ist er überhaupt ein Mörder? Wenn aber nicht er, wer dann? Ein Schriftsteller mit Burn-out-Syndrom, der im Suff zu Gewalt neigt, an die er sich danach nicht mehr erinnert, könnte etwas mit dem Mord zu tun haben, er glaubt es sogar selbst. Dann erschießt er sich im Vollrausch. Oder wird auch er von jemand anderem getötet? Und was hat es zu bedeuten, dass so viele verschiedene Leute mit äußerst unterschiedlichen Motiven Marlowe auffordern, seine Nase nicht in diese Angelegenheiten zu stecken?
Eigentlich ist der Roman eine moralische Abhandlung: Was ist Wahrheit? Kann man sich mit genügend Geld auf dem Konto seine Version der Wahrheit kaufen? Kann die Suche nach Wahrheit überhaupt von persönlichen Interessen getrennt werden? Mehr als einmal bekommt Marlowe dafür, dass er auch nur solche Fragen erwägt, etwas aufs Maul. Die Typen, die das besorgen, sind als Staffage reichlich vorhanden: brutale Polizisten, halbseidene Gangster, durchgeknallte Psychopathen. Aber auf eine gewisse Weise, unabhängig davon, dass es solche Leute auch wirklich geben könnte, sind sie nur Metaphern für den einen oder anderen Grund, weshalb die Suche nach der Wahrheit niemanden interessiert.
Und schließlich ist der Roman die Geschichte einer unerfüllten, verloren gegangenen Liebe, oder wenigstens der Abgesang darauf: »Es war die große Liebe zwischen uns – die wilde, geheimnisvolle, unwahrscheinliche Liebe, die nie kommt als nur ein einziges Mal.« (Seite 188) An einer solchen Stelle entlarvt sich Chandler als Romantiker jenseits jedes Zynismus. Aber andererseits kann er auch wieder nicht anders als sich zu dieser Haltung zu distanzieren: »Ich bin ein Romantiker, Bernie. Ich höre nachts manchmal Schreie, und dann gehe ich nachsehn, was los ist. Dabei verdient man keinen Penny. […] Es ist einfach nichts drin, keine Prozente, kein gar nichts.« (Seite 283)
Im übrigen: 5 Sterne, was sonst?


Die Chroniken von Narnia (7 Bände)
Die Chroniken von Narnia (7 Bände)
von C.S. Lewis
  Taschenbuch

59 von 64 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Essenz tiefer Spiritualität, für Kinder erzählt, 22. Dezember 2005
Clive Staples Lewis (1898-1963) war fast 30 Jahre lang Literaturprofessor in Oxford (seit 1954 in Cambridge) und in dieser Zeit Mitglied des Freundeskreises "The Inklings" (1933-1949), dem auch ein anderer berühmt gewordener Professor angehörte, nämlich J.R.R. Tolkien. Kurz zuvor war er, der seinen Glauben als Jugendlicher verloren hatte, nach einer langen Diskussion mit dem überzeugten Katholiken Tolkien wieder zum Christen geworden. Wie Tolkien war er geprägt durch die erschütternden Erlebnisse des Ersten Weltkriegs auf den Schlachtfeldern von Frankreich. Ein Klassiker ist seine Oxford-Publikation 'Englische Literatur im sechzehnten Jahrhundert', aber dem allgemeinen Publikum bekannt wurde er vor allem durch einen Roman (Dienstanweisung für einen Unterteufel) und zwei Romanzyklen, die sogenannte Weltraum- oder Perelandra-Trilogie (Jenseits des schweigenden Sterns, Perelandra, Die böse Macht) und die Chroniken von Narnia.
Die Chroniken von Narnia lassen sich auf verschiedene Weise lesen, als Kinderbücher, als Allegorie oder als Fantasy-Romane. Ich denke, dass sie für jede Altersgruppe beinahe vom Schulalter an geeignet sind; jeder Leser wird das für sich herausziehen, was ihn besonders anspricht. Auf eine Weise sollte man sie aber auf keinen Fall lesen, nämlich in der vom Verlag vorgeschlagenen Reihenfolge, die zwar identisch ist mit der sogenannten 'chronologischen' Folge, die sich in den letzten Jahren auch in den amerikanischen Publikationen durchgesetzt hat, die aber keinesfalls der Folge entspricht, in der diese Bücher entstanden sind und in der Lewis selbst sie gelesen haben wollte. Er soll zwar später über eine andere Reihenfolge nachgedacht haben, in der die erzählten Ereignisse ihrer zeitlichen Abfolge nach angeordnet gewesen wären; eine solche Umstellung hätte aber erhebliche Überarbeitungen aller sieben Teile zur Folge haben müssen. Hier also noch einmal die empfohlene Folge der Bände:
Band 1 (1950): Der König von Narnia (The Lion, the Witch, and the Wardrobe)
Band 2 (1951): Prinz Kaspian von Narnia (Prince Caspian)
Band 3 (1952): Die Reise auf der 'Morgenröte' (The Voyage of the 'Dawn Treader')
Band 4 (1953): Der silberne Sessel (The Silver Chair)
Band 5 (1954): Der Ritt nach Narnia (The Horse and His Boy)
Band 6 (1955): Das Wunder von Narnia (The Magician's Nephew)
Band 7 (1956): Der letzte Kampf (The Last Battle)
Unbegreiflich bei dieser deutschen Ausgabe, auf die wir lange haben warten müssen (meine englische besitze ich schon seit 1976, gekauft in einer kleinen Buchhandlung in Menlo Park), sind zwei Dinge: erstens die eigenartige Neufassung der Einzeltitel (vor allem Bände 1, 5 und 6 nach der obigen Zählweise), zweitens der absurde Preis, der gegenüber der Ausgabe von 2000 nochmals erhöht wurde. Wer Englisch kann, sollte sich daher für weniger als die Hälfte des Preises die Harper-Collins-Ausgabe besorgen. Außerdem sind die Illustrationen von Pauline Baynes um Klassen besser. Wer allerdings die Geschichten seinen Kindern vorlesen möchte (so wie ich), kommt an der Anschaffung der deutschen Ausgabe nicht vorbei (seufz).
Über den Inhalt möchte ich mich hier nicht verlieren, nur soviel: Es kommt alles vor, was das Herz des Kindes und des Kind gebliebenen Erwachsenen erfreut, böse Hexen, liebe Faune, sprechende Tiere, schwarze und weiße Zauberei, mittendrin vier Kinder auf Abenteuern, und nicht zuletzt der Löwe Aslan, der Schöpfer und eigentliche Herr von Narnia. Das alles ist durchdrungen von einer tiefen Spiritualität, die man ungeachtet des Glaubens des Autors nicht als genuin christlich bezeichnen muss (im Gegensatz zum Perelandra-Zyklus). 'Harry Potter' ist eher eine Action-Variante der Chroniken von Narnia, und das 'Haus des Magiers' ist nur ein müder Epigone. Wenn mehr als fünf Sterne zu vergeben wären, müsste man sie den Chroniken von Narnia verleihen.
Ein Detail aus der Biographie von Clive Staples Lewis stimmt seltsam: Er starb am selben Tag wie Aldous Huxley, an dem auch John Fitzgerald Kennedy ermordet wurde. Alle drei haben - vielleicht mehr als in der Politik oder Literatur - im kulturellen Erbe der Menschheit ihre Spuren hinterlassen. Clive Staples Lewis war nicht der Geringste von ihnen.


Der Schwarm
Der Schwarm
von Frank Schätzing
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

90 von 108 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Spannende Unterhaltung und begründetes Unbehagen, 22. Dezember 2005
Rezension bezieht sich auf: Der Schwarm (Taschenbuch)
Irgendwie haben wir es ja schon immer gewusst: Die Natur lässt sich auf Dauer die Misshandlung durch den Menschen nicht gefallen und schlägt zurück. Aber hier ist es nicht die Natur als solche (eine amorphe Mixtur aus Biomasse, Tektonik und wild gewordenen Elementen), sondern es ist eine andersartige Intelligenz, beheimatet in den unerforschten Abyssalen der Tiefsee, welche die Natur aufgrund ihrer 200 Millionen Jahre alten kollektiven Erinnerung viel besser versteht als der Mensch und sie darum auch viel besser manipulieren kann. Am Ende erscheint der Mensch als bloßer temporärer Störfaktor, der den Planeten Erde wie ein Schimmelpilz befallen hat und nun beseitigt werden soll. Die Yrr (so der ihnen von einem Wissenschaftler durch Zufalls-Hack verliehene Name) erscheinen gewissermaßen als ultimative Ökologen, die sich auf Kompromisse nicht mehr einlassen.
So weit der Plot des Romans, der in seiner letzten Konsequenz fast unausweichlich auf das Ende der Menschheit zusteuert, angereichert mit zahlreichen absonderlichen Details wie zum Beispiel millionenfach auftretenden augenlosen Krabben, deren Fleisch durch einen Glibber ersetzt wurde, der zudem noch mit äußerst toxischen Bakterien verseucht ist. Grusel auf wissenschaftlichem Niveau, dazu noch angereichert mit populärer Psychologie, Philosophie und Religionswissenschaft bis zum Abwinken.
Spannend ist das allemal, aber was bleibt am Ende nach fast eintausend Seiten?
Bei mir seltsamerweise (weil wirklich erst am Ende, nachdem ich das Buch in weniger als zehn Tagen verschlungen hatte) vor allem Unbehagen. Dieses Unbehagen hat drei wesentliche Ursachen.
Erstens hat die Geschichte, so interessant sie auch aufbereitet sein mag (und Schätzing hat wahrlich nichts von dem ausgelassen, was derzeit an möglichen Schreckensszenarien durch die Medien geistert), einen gewaltigen logischen Konstruktionsfehler. Eine Tiefseepopulation wie die Yrr kommt nicht über ihren maritimen (und nicht marinen, wie Schätzing immer wieder falsch schreibt) Lebensraum hinaus und weiß nichts über Landlebewesen und deren Zivilisation. Der Autor gibt das auch zu, wenn er die Yrr einen vollständig kartierten Globus an die Menschen übermitteln lässt (mit einem Zustand der Erde vor 180 Millionen Jahren). Dieses Bild enthält nämlich alle Weltmeere in äußerster Detailliertheit, die Landmassen hingegen sind weiße Flächen. Zwar mögen die Yrr Tausende von Ertrunkenen untersucht haben und folglich mit der Physis des Menschen, ja sogar seinem Stoffwechsel vertraut sein (was einen weiteren logischen Fehler impliziert, denn sie wüssten dann auch längst, dass Menschen eben nicht Träger jenes Yrr-Pheromons sind, mit dem sie am Ende zum Einlenken gebracht werden), aber sie können nicht wissen, dass ein Biotoxin, durch explodierende Hummer verbreitet, in die Kanalisation und damit zurück in den Trinkwasserkreislauf gelangt. Sie können auch nicht wissen, dass zwei Drittel der Menschheit in Küstennähe wohnen und deshalb einem Tsunami bevorzugt zum Opfer fallen. Anders gesagt: Wer Landlebewesen beseitigen will, muss ihren Lebensraum kennen, denn der Krieg findet vorzugsweise auf dem Land statt. Oder der ganze Planet wird verseucht, unterkühlt, überschwemmt oder was auch immer, und dann gehen eben so ziemlich alle Lebensformen mit Ausnahme der maritimen und diversen Bakterien ohne Unterschied drauf. Was ja auch nicht besonders ökologisch wäre.
Zweitens müssen bis auf drei oder vier Personen alle sterben, die der Autor erst mit erheblichem Aufwand in die Erzählung eingeführt und mit Werten ausgestattet hat. Für deren Ableben nimmt sich Schätzing nicht viel Zeit, auch wenn er es bei den diversen Todesarten zu einem großen Variantenreichtum bringt. An Altersschwäche stirbt jedenfalls keiner (bis auf den Vater von Leon Anawak, aber der gelangte erst als Toter in den Roman). Man könnte natürlich einwenden, in einem solchen apokalyptischen Szenario hätte der Tod nun mal eine gewisse Präsenz, aber insgesamt habe ich dabei denn doch ein äußerst beklommenes Gefühl. Wenn Menschen sterben, müssen die Überlebenden Trauerarbeit leisten. Wenn erfundene Menschen sterben, sollte man zumindest ein wenig von der Trauerarbeit wahrnehmen, die ihr Demiurg geleistet hat, nämlich der Autor. Doch nichts dergleichen ist zu spüren. Schätzing erledigt sich seiner Figuren ohne mit der Wimper zu zucken. Da wird die langjährige und fast intime Freundin eines norwegischen Wissenschaftlers von einem Tsunami ins Meer gespült. Was macht der daraufhin? Seine Arbeit, weil es von ihm erwartet wird. Dazu trinkt er irgendwann mit einer Kollegin eine Flasche Pomerol. Als er später selbst dran glauben muss (er wird erschossen), ist seine einzige Reaktion ein kurzes Erstaunen, sonst nichts. Dieser Umgang des Autors mit seinen Figuren gefällt mir insgesamt nicht.
Drittens ist Schätzing einer bemerkenswerten Konsequenz seiner Geschichte ausgewichen, und das finde ich äußerst schade. Er schildert am Ende sehr eloquent, wie die Schriftreligionen durch die Existenz der Yrr erschüttert werden. Das geht mir aber nicht weit genug. Wenn die Yrr als Organisation von Einzellern schon die älteste Spezies auf diesem Planeten sind, ausgestattet mit erstaunlicher Intelligenz und der Fähigkeit zur Hervorbringung neuer Arten, dann erscheint es mir nur folgerichtig, wenn sämtliche Arten, die ja alle irgendwann aus dem Meer hervorgegangen sind, entstanden sind durch gezielte genetische Manipulation durch die Yrr selbst. Was dann letzten Endes heißen würde, dass die Yrr, zumindest was den Planeten Erde und seine Bevölkerung betrifft, identisch sind mit dem biblischen Schöpfergott. Was ja nur ein etwas radikalerer Schritt wäre weg von einer durch den Zufall bestimmten Auslese, die auch irgendwie vom Einzeller zum Menschen geführt hat, hin zu einer gezielten Schöpfung.
Damit komme ich zur Bewertung des Ganzen. Für Plot, wissenschaftliche Recherche und Aufbereitung hat der Autor fraglos fünf Sterne verdient. Für jeden meiner Unbehagenspunkte gibt es aber einen halben Stern Abzug, und nochmals einen halben dafür, dass er die literarische Qualität der Spannung geopfert hat. Bleiben also drei Sterne für zehn Tage guter Unterhaltung, die aber nicht nach einer Wiederholung verlangen.


Pisa-Alarm!
Pisa-Alarm!
von Uli Stein
  Gebundene Ausgabe

14 von 53 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Enttäuschung auf der ganzen Linie, 30. April 2003
Rezension bezieht sich auf: Pisa-Alarm! (Gebundene Ausgabe)
Der Pinguin und die Maus auf dem Cover hätten mich stutzig machen sollen. Eigentlich hatte ich ein Buch gesucht, das mich in meinem diesjährigen Toskana-Urlaub begleiten sollte. Aber bis zur letzten Seite tauchte der Schiefe Turm nicht auf. Erst als ich die Rückseite näher in Augenschein nahm, bemerkte ich, dass nicht Pisa gemeint war, sondern die Pisa-Studie. So etwas nenne ich grobe Irreführung.
Was den Inhalt betrifft, zeigt sich Uli Stein enttäuschend schlecht informiert.
Wenn er etwa anmerkt, nur 6% hätten gewusst, dass Lots Weib nicht zur Tanksäule, sondern zur Salzstange erstarrte, unterschlägt er, dass immerhin 8 von 300, also 24% wussten, dass Sodom und Gonorrhöe nur deshalb mit Feuer vernichtet wurden, weil besagter Lot sich nicht an die Gebote hielt (es heißt ja nicht ohne Grund »Lot kennt kein Gebot«).
Und wenn er behauptet, nur 2% hätten in Suzuki das japanische Pendant von Zaziki erkannt, lässt er die Tatsache unter den Tisch fallen, dass 3 von 100, mithin jeder Dritte wusste, dass Sushi-Mushi auf Japanisch eine Fischdose bezeichnet.
Alles in allem ist also unser Bildungsniveau gar nicht so schlecht wie uns der Cartoonist einzureden versucht. Hier versucht jemand aus Miesmachen Kapital zu schlagen. Pfui!
Da fällt es dann kaum noch ins Gewicht, dass ein Cartoon (der fragwürdige Gag mit dem defekten Druckertreiber, über den sich Kids in einem Museum mokieren) bereits im »Notebook« auftauchte und hier nochmals vermarktet wird. Auf dieses eine Prozent kommt es letzten Endes auch nicht mehr an.
Wenn ich diesem Machwerk dennoch 5 Sterne gebe, dann nur deshalb, weil kein anderes so gut unter das kürzere Bein meines Küchentischs passt, damit er nicht wackelt...


Deutsches Wörterbuch
Deutsches Wörterbuch
von Jacob Grimm
  Taschenbuch

25 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Bibel der Germanisten, 28. April 2003
Rezension bezieht sich auf: Deutsches Wörterbuch (Taschenbuch)
»Im Anfang war das Wort«: So steht es auf der Tafel, die der Engel auf dem Stich des Innentitels hochhält. Die Initiatoren dieses enormen Werkes haben das Bibelwort zwar ein wenig profan interpretiert, gleichwohl wird beim Blättern deutlich, wie sehr unser ganzes Leben vom Denken in Worten geprägt ist, und dieses wiederum von einer langen genealogischen Reihe etymologischer Stamm- und Sinnverwandtschaften, die uns in einer Weise, die uns im Alltag gar nicht bewußt ist, viel mehr eigentlich zu Europäern als ›nur‹ zu Deutschen macht.
Einer der ersten Eindrücke, der denjenigen überwältigt, der die zwei riesigen und gewichtigen Kartons mit den 33 Bänden entgegennimmt, ist der einer immensen Arbeit geradezu besessener Forscher, die es zustandebrachten, daß ein Werk, dessen Umfang man anfangs nur ahnen konnte, mit unerwarteter Kontinuität auch durch mehrere Kriegsperioden hindurch 135 Jahre nach seinen ersten Vorbereitungen mit dem Registerband 1971 abgeschlossen werden konnte. (Übrigens sei jedem, der diese Arbeit würdigen möchte, unbedingt das Buch »Der Mann, der die Wörter liebte« von Simon Winchester ans Herz gelegt: Das Oxford English Dictionary ist schließlich die Entsprechung zum DWB.)
Für Germanisten und Historiker ist das DWB natürlich ein unverzichtbares Hilfsmittel beim Ermitteln von Wortbedeutung, semantischem Umfeld und etymologischer Herkunft, nicht nur für untergegangene Ausdrücke in älteren Texten, sondern durchaus auch für unsere moderne Sprache. Ansonsten ist es - auch in dieser wahrhaft preisgünstigen Taschenbuchausgabe - ein Werk für jede Art von Liebhabern im besten Sinn, denen es nicht fremd ist, einen sinnlichen Genuß zu empfinden, wenn sie etwas Großes berühren dürfen.


Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär
Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär
von Walter Moers
  Gebundene Ausgabe

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die deutsche Antwort auf Douglas Adams, 28. April 2003
Walter Moers hat nicht nur bewiesen, daß er mit dem Handwerkszeug eines Autors (vom Atlas bis zum Synonymwörterbuch) umgehen kann, sondern er erweist sich auch als legitimer Erbe des skurrilen deutschen Erzählers Kurt Kusenberg, dessen Gesamtwerk er offenbar gut kennt, und nicht zuletzt als die ultimative deutsche Antwort auf Douglas Adams.
Was ihn gerade vom galaktischen Anhalter wohltuend unterscheidet, ist neben seinem überraschenden sprachlichen Niveau (bei gleichzeitig hohem Unterhaltungswert) die äußerst geschlossene Komposition seines Romans, die tatsächlich am Schluß dieses einen Bandes keinen einzigen Erzählfaden unverknüpft hängenläßt. Ganz abgesehen davon, daß Douglas Adams den Beweis schuldig geblieben ist, daß er zeichnen kann (was nicht heißen soll, daß die hervorragenden Illustrationen die Hauptsache wären oder überhaupt irgendeine literarische Bedeutung hätten).
Endlich wieder einmal ein Buch aus deutscher Feder, das wirklich humorvoll ist, das keinen internationalen Vergleich zu scheuen braucht und das man uneingeschränkt empfehlen kann. Dem Autor meine Glückwünsche und meine Hochachtung!


Wer ist John Galt?. Atlas Shrugged: Atlas Shrugged: Wer ist John Galt?
Wer ist John Galt?. Atlas Shrugged: Atlas Shrugged: Wer ist John Galt?
von Ayn Rand
  Taschenbuch

176 von 194 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nichts für Sozialromatiker, 28. April 2003
Ein Schinken, aber was für einer! Wenn ich das Buch gelesen hätte, als es mir vor etwa 25 Jahren empfohlen wurde (damals hieß es noch »Atlas wirft die Welt ab«), hätte ich vermutlich nur die Hälfte von dem verstanden, was seine Bedeutung ausmacht. Man muß wohl erst durch ein großes Stück dieser uns umgebenden alltäglichen, von Menschen geschaffenen Hölle (die nichts anderes tun als es gut mit uns meinen) gegangen sein, um dahinterzusteigen. Und es ist bedeutend.
Das Buch ist ein Roman und zugleich ein philosophisches Manifest, sehr gut lesbar und sehr spannend. Die Vorwürfe an die Autorin, sie hätte zu eindimensionale Charaktere geschaffen, trifft nicht zu. Die Personen sind differenziertester Gedanken und Gefühle fähig, sie lernen (einige wenigstens) und sie verändern sich. Die Sprache ist modern und zugleich bilderreich. Nun aber zum Inhalt: Worum geht es eigentlich?
Hauptperson ist Dagny Taggart, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der größten Eisenbahngesellschaft der Vereinigten Staaten in einer nicht näher bezeichneten Zeit, die in der Zukunft zu liegen scheint, aber in vielen Zügen an unsere sozialstaatliche Gegenwart erinnert. Sie erlebt, wie Leistung diskreditiert und Bedürftigkeit zu einem Wert an sich erhoben wird. Sie erfährt, wie eine Umverteilung von Wohlstand zum Zusammenbruch gesellschaftlicher Normen führt. Sie muß sehen, wie ihre besten Freunde aus der Industrie einer nach dem anderen durch Gesetze und Verordnungen zur Aufgabe gezwungen werden. Alles um sie herum bricht zusammen, und niemand scheint den Verfall aufhalten zu können oder auch nur zu wollen, während korrupte Politiker und opportunistische Unternehmer sich sinnlos bereichern und das Land gleichzeitig immer mehr in Armut versinkt. Die achselzuckende Redensart »Wer ist John Galt?« wird von denen im Munde geführt, denen alles egal zu sein scheint, und Dagny Taggart nimmt den Kampf gegen diese Gleichgültigkeit auf, bis sie gezwungen wird anzuerkennen, daß ihr Leben ihr selbst gehört und niemand das Recht hat von ihr zu fordern, sie müsse für andere leben.
Während die Geschichte erzählt wird, finden wir ganz nebenbei Antworten auf Fragen, die uns bewegen oder bewegen sollten, wie etwa: Was sind die wirklichen moralischen Werte, nach denen man leben sollte? Welche Bedeutung haben Verstand und Gefühl? Und auch untergeordnete Probleme werden gestellt und finden überraschende Lösungen, beispielsweise: Ist Geld (Gelderwerb, Geldbesitz) etwas Schlechtes? Was haben ein Künstler und ein Industrieller gemeinsam? Woran erkennt man menschliche Größe?
Dieses Buch wird nicht jeder lieben, eher nur wenige. Hassen werden es diejenigen, die in ihrem sogenannten Beruf keinerlei Werte schaffen, sondern nur die Werte verbrauchen, die andere geschaffen haben. Von denen wird der Vorwurf kommen, den man seit Erscheinen des Romans immer wieder gehört hat und sogar in so renommierten Werken wie der »Encyclopaedia Britannica« nachlesen kann: Er sei ein Manifest des ungehemmten Egoismus und ein Plädoyer für ungezügelt freie Marktwirtschaft. Die Leuten, die das behaupten, können sich diese Ausgabe tatsächlich sparen. Es ist wahrlich kein Buch für Sozialromatiker.
Uneingeschränkt empfehlen kann man es hingegen denjenigen, die wirkliche Werte hervorbringen und dafür bisher nur die soziale Ächtung als Ausbeuter oder Streber oder Nestbeschmutzer empfangen haben: innovativen, erfolgreichen Unternehmern; großen, einsamen Künstlern; wahrheitsliebenden, radikalen Denkern. Und natürlich all denjenigen, die für diese Personen Sympathie empfinden.
Will jemand behaupten, so eine Haltung sei anachronistisch, nicht zeitgemäß? So eine Behauptung zeigt nur, daß die apokalyptische Entwicklung, die Ayn Rand ausgemalt hat, bereits begonnen hat. Nicht zeitgemäß? Im Gegenteil: »Atlas Shrugged« (so der Originaltitel) ist zwar ein Buch aus den 50er Jahren, seine Zeit wird aber erst noch kommen.
Kommentar Kommentare (9) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 13, 2017 11:21 AM CET


Die Chroniken von Narnia, 7 Bände
Die Chroniken von Narnia, 7 Bände
von Clive S. Lewis
  Taschenbuch

355 von 371 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Essenz tiefer Spiritualität, für Kinder erzählt, 24. April 2003
Clive Staples Lewis (1898-1963) war fast 30 Jahre lang Literaturprofessor in Oxford (seit 1954 in Cambridge) und in dieser Zeit Mitglied des Freundeskreises "The Inklings" (1933-1949), dem auch ein anderer berühmt gewordener Professor angehörte, nämlich J.R.R. Tolkien. Kurz zuvor war er, der seinen Glauben als Jugendlicher verloren hatte, nach einer langen Diskussion mit dem überzeugten Katholiken Tolkien wieder zum Christen geworden. Wie Tolkien war er geprägt durch die erschütternden Erlebnisse des Ersten Weltkriegs auf den Schlachtfeldern von Frankreich. Ein Klassiker ist seine Oxford-Publikation 'Englische Literatur im sechzehnten Jahrhundert', aber dem allgemeinen Publikum bekannt wurde er vor allem durch einen Roman (Dienstanweisung für einen Unterteufel) und zwei Romanzyklen, die sogenannte Weltraum- oder Perelandra-Trilogie (Jenseits des schweigenden Sterns, Perelandra, Die böse Macht) und die Chroniken von Narnia.
Die Chroniken von Narnia lassen sich auf verschiedene Weise lesen, als Kinderbücher, als Allegorie oder als Fantasy-Romane. Ich denke, dass sie für jede Altersgruppe beinahe vom Schulalter an geeignet sind; jeder Leser wird das für sich herausziehen, was ihn besonders anspricht. Auf eine Weise sollte man sie aber auf keinen Fall lesen, nämlich in der vom Verlag vorgeschlagenen Reihenfolge, die zwar identisch ist mit der sogenannten 'chronologischen' Folge, die sich in den letzten Jahren auch in den amerikanischen Publikationen durchgesetzt hat, die aber keinesfalls der Folge entspricht, in der diese Bücher entstanden sind und in der Lewis selbst sie gelesen haben wollte. Er soll zwar später über eine andere Reihenfolge nachgedacht haben, in der die erzählten Ereignisse ihrer zeitlichen Abfolge nach angeordnet gewesen wären; eine solche Umstellung hätte aber erhebliche Überarbeitungen aller sieben Teile zur Folge haben müssen. Hier also noch einmal die empfohlene Folge der Bände:
Band 1 (1950): Der König von Narnia (The Lion, the Witch, and the Wardrobe)
Band 2 (1951): Prinz Kaspian von Narnia (Prince Caspian)
Band 3 (1952): Die Reise auf der 'Morgenröte' (The Voyage of the 'Dawn Treader')
Band 4 (1953): Der silberne Sessel (The Silver Chair)
Band 5 (1954): Der Ritt nach Narnia (The Horse and His Boy)
Band 6 (1955): Das Wunder von Narnia (The Magician's Nephew)
Band 7 (1956): Der letzte Kampf (The Last Battle)
Unbegreiflich bei dieser deutschen Ausgabe, auf die wir lange haben warten müssen (meine englische besitze ich schon seit 1976, gekauft in einer kleinen Buchhandlung in Menlo Park), sind zwei Dinge: erstens die eigenartige Neufassung der Einzeltitel (vor allem Bände 1, 5 und 6 nach der obigen Zählweise), zweitens der absurde Preis. Wer Englisch kann, sollte sich daher für weniger als die Hälfte des Preises die Harper-Collins-Ausgabe besorgen. Außerdem sind die Illustrationen von Pauline Baynes um Klassen besser. Wer allerdings die Geschichten seinen Kindern vorlesen möchte (so wie ich), kommt an der Anschaffung der deutschen Ausgabe nicht vorbei (seufz).
Über den Inhalt möchte ich mich hier nicht verlieren, nur soviel: Es kommt alles vor, was das Herz des Kindes und des Kind gebliebenen Erwachsenen erfreut, böse Hexen, liebe Faune, sprechende Tiere, schwarze und weiße Zauberei, mittendrin vier Kinder auf Abenteuern, und nicht zuletzt der Löwe Aslan, der Schöpfer und eigentliche Herr von Narnia. Das alles ist durchdrungen von einer tiefen Spiritualität, die man ungeachtet des Glaubens des Autors nicht als genuin christlich bezeichnen muss (im Gegensatz zum Perelandra-Zyklus). 'Harry Potter' ist eher eine Action-Variante der Chroniken von Narnia, und das 'Haus des Magiers' ist nur ein müder Epigone. Wenn mehr als fünf Sterne zu vergeben wären, müsste man sie den Chroniken von Narnia verleihen.
Ein Detail aus der Biographie von Clive Staples Lewis stimmt seltsam: Er starb am selben Tag wie Aldous Huxley, an dem auch John Fitzgerald Kennedy ermordet wurde. Alle drei haben - vielleicht mehr als in der Politik oder Literatur - im kulturellen Erbe der Menschheit ihre Spuren hinterlassen. Clive Staples Lewis war nicht der Geringste von ihnen.
Kommentar Kommentare (7) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 30, 2010 10:48 PM MEST


Die Morgenlandfahrt: Eine Erzählung (suhrkamp taschenbuch)
Die Morgenlandfahrt: Eine Erzählung (suhrkamp taschenbuch)
von Hermann Hesse
  Taschenbuch
Preis: EUR 6,00

61 von 65 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Reise ins Innere, 11. April 2003
Was an dieser kleinen Erzählung Hesses so sehr anrührt, ist zum einen die völlige Verschmelzung der inneren und äußeren Welt, die seit dem spirituellen Aufbruch der westlichen Welt, ihrer Orientierung hin zu östlichen Philosophien, zum 'Morgenland' eben, für viele schon Teil der Erfahrung geworden ist, zum anderen und vor allem aber die wunderbare Erlösung des Erzählers aus seinem bemitleidenswerten Befangensein in Irrtum und Verzagtheit und trotzigem Leugnen erlebter geistiger Einheit hin zu erneuter vertrauensvoller Hingabe. Am Ende steht seine Bereitschaft zur Selbstauflösung nicht in ein nihilistisches Vakuum, sondern in eine höhere Einheit. Da aber jedes Individuum vor dieser Wahl steht, nämlich entweder während seines Lebens irgend etwas zu tun und dann sang- und klanglos zu vergehen oder sich selbst zur höchstmöglichen Blüte zu entfalten und so viel wie möglich von dem, was es auf diesem Weg erworben hat, wieder auf eine Weise abzugeben, dass viele etwas davon haben, darum geht diese Erzählung jeden etwas an.
Wie universell dieses Buch ist, habe ich unter anderem dadurch erfahren, dass noch jeder, mit dem ich darüber gesprochen habe, es lesen wollte, was mich dann oft veranlasste, es zu verschenken, ich weiß nicht mehr, in wie vielen Exemplaren im Laufe der Jahre. Und es gab niemanden, der nicht begeistert war.
Wer sich hier schon über den Inhalt informieren möchte, dem sei die hervorragende Kindler-Rezension empfohlen. Ich fasse mich daher entsprechend kurz.
Was zunächst wie eine Reise durch 'wirkliche' geographische Gegenden zu beginnen scheint, entpuppt sich allzu bald als eine Reise ins Innere, doch je weiter der fiktionale Chronist vertrauensvoll in dieses Innere vordringt, desto mehr zweifelt er am Sinn dieser Reise und hat zu dem Zeitpunkt, da er mit der Niederschrift seines Berichts beginnt, sogar schon begonnen, die Wahrheit seiner Erinnerungen in Frage zu stellen. Doch nichts ist hier wie es zu sein scheint. Weder ist der bescheidene Diener und Bundesbruder Leo überhaupt verschwunden noch ist er überhaupt ein Diener, sondern vielmehr der Oberste der Oberen im Bund der Morgenlandfahrer. Jedoch auch wenn der Chronist vieles falsch in Erinnerung hat (ein Lehrstück in selektiver Wahrnehmung und subjektiv-falscher Interpretation), ist er tatsächlich nie abtrünnig geworden, wie er geglaubt hat, und das Bewahren der Wahrheit ist seine eigentliche Aufgabe.
Der lineare und nur einmal unterbrochene Handlungsverlauf dieser Geschichte wird natürlich erst durch die wunderbare, schon früh an Übersetzungen geschulte Sprache Hermann Hesses zum Meisterwerk. Wer nach einer inspirierten Fortführung der Gedanken aus dem 'Steppenwolf' gesucht hat und sich irgendwann einmal an das 'Glasperlenspiel' begeben möchte, findet hier das fehlende Glied der Kette. Und mancher mag dabei den Morgenlandfahrer in sich selbst entdecken.
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