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Beiträge von Gerhard Mersmann
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Rezensionen verfasst von
Gerhard Mersmann "GM" (Mannheim)
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   

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Everything's Beautiful
Everything's Beautiful
Preis: EUR 15,49

1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Reichweite der Inspiration des großen Miles, 6. Juni 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Everything's Beautiful (Audio CD)
Eine Referenz an einen großen Musiker, zumal einen Innovator und Giganten, wie Miles Davis einer war, kann zu einer sehr heiklen Sache werden. Wie soll es möglich sein, einen Superlativ an Kreativität, technischer Brillanz und Inspiration auf einem Musikalbum adäquat so darzustellen, dass mehr dabei herauskommt als eine im guten Fall exzellente Kopie? Und selbst das kann eigentlich nicht gelingen. Die großen Mythen der Musikgeschichte zu kopieren endet nicht selten in einer peinlichen Referenz.

Oder aber, und jetzt sind wir bei Robert Glasper, der das Werk von Miles Davis nahm, um zu dokumentieren, inwieweit die Stücke der Jazz-Ikone namhafte und außergewöhnliche Künstler der Jetzt-Zeit inspiriert hat. Das Album hat das Zitat Miles Davis "Everything Is Beautiful" nicht nur als Titel, sondern als Motto genommen, um an den Kern der Inspiration bei dem Schaffen der Künstlerinnen und Künstler, die bei dieser Miles-Davis-Collage mitgewirkt haben, heranzukommen. R&B, Rap, Hip Hop, Jazz und Pop sind auf Everything Is Beautiful vereint, mit Namen wie Bilal, Illa J, Erykah Badu, Phonte, Hiatus Kayote, Laura Mvulla, King, Georgia Anne Muldrow, John Scofield, Ledisi und Stevie Wonder.

Die Vorgabe, die Robert Glasper den Genannten exklusiv gemacht hat, war sich auf ein Miles Davis-Stück zu beziehen und sich, davon inspiriert, an die Arbeit und daraus eine zeitgenössische Version nach Ihrem Gusto zu machen. Zum Teil wurden originale Spuren aus dem Davis-Material genommen und mit verwendet. Bei dem Opener Everything Is Beautiful ist Davis Stimme zu hören, die die Beats kommentiert, bei anderen Stücken ist es seine Trompete.

Dabei herausgekommen ist so etwas wie eine Miles-Davis-Extrapolition in das Hier und Heute mit den existierenden Musikformen. Das ist sehr gelungen, wenn man dazu bereit ist, dem Gedanken zu folgen. Leitgedanke ist die Inspiration, die eine Realisierung zeitigt, die es in sich hat. Eine solche Herangehensweise ist eine Seltenheit.

Wer also hören will, wie sich Miles Davis, der für neue Einflüsse und Ideen offen wie sonst kaum jemand war, der oder die sollte sich dieses Album unbedingt anhören und auf sich wirken lassen. Und vielleicht das eine oder andere mit dem Original vergleichen und dabei hören und sehen, was sich getan hat. Wer Miles im Original hören will, soll es tun, auch das ist immer noch ein unvergleichliches Erlebnis. Aber die Inspiration an der Idee messen und dann zu urteilen, ist sicherlich nicht im Sinne des großen Erfinders, dazu war er zu innovativ.


Was geschah im 20. Jahrhundert?: Unterwegs zu einer Kritik der extremistischen Vernunft
Was geschah im 20. Jahrhundert?: Unterwegs zu einer Kritik der extremistischen Vernunft
von Peter Sloterdijk
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 26,95

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Von der Anstrengung, den Dingen auf den Grund zu gehen, 31. Mai 2016
Für die gewöhnliche Leserschaft gilt eine Feststellung, die durchaus verwirrend geraten kann: Es gibt Philosophen und Philosophen. Und Philosophen! Was unverständlich aussieht, ist relativ einfach zu erklären. Da existieren wirklich die Philosophen, die im großen Kanon der menschlichen Entwicklungsgeschichte mit großem Fuß die Korridore der Erkenntnis aufgestoßen haben. Das sind Gestalten wie Platon und Aristoteles, wie Kant und Hegel oder wie Nietzsche oder Sartre. Sie werden als solche, wenn auch kaum noch gelesen, so dennoch respektiert. Die nächsten Philosophen in der Liste sind diejenigen, die aufgrund einer kollektiven Bildungsirritation einfach die Chuzpe haben, sich selbst so zu nennen, ohne dass eine entrüstete Öffentlichkeit über sie herfiele. Und dann kommen, sehr selten, zeitgenössische Philosophen zum Vorschein, die gar nicht so genannt werden wollen, die aber vieles von dem, was die Liebe zur Wahrheit ausmacht, in sich tragen und in der Lage sind zu kommunizieren.

Einer der Philosophen, die eigentlich keine sein wollen, sondern sich eher als Dekonstrukteure dessen sehen, was philosophiegeschichtlich in unserem Tagen passiert, ist zweifelsohne Peter Sloterdijk. In nunmehr zahlreichen „Hauptwerken“ wie der Kritik der zynischen Vernunft, Sphären, Zorn und Zeit oder Du musst dein Leben ändern hat Sloterdijk nachgewiesen, dass er in der Lage ist, mehrere Erkenntnisstränge gleichzeitig bei der Vivisektion einer analytischen Fragestellung durch ein komplexes Gebilde zu steuern. Wenn einem zugesprochen werden muss, dass er das philosophische Handwerk beherrscht, dann ihm.

Aufgrund des hohen Anspruchs, den seine Texte auslösen, kann eine Auswahl kleinerer Texte und Vorträge vielleicht dazu beitragen, den Zugang zu diesem Metaphernakrobaten und Wissenstechniker etwas zu erleichtern. Die kurzen Texte sind nicht weniger anspruchsvoll, aber sie erfordern keinen Konzentrationsmarathon.

Der 2016 erschienene Sammelband mit dem Titel Was geschah im 20. Jahrhundert? Ist so eine Sammlung von Texten, die sich zum Zugang zu diesem interessanten Denker eignen. In insgesamt 12 Vorträgen und Aufsätzen setzt sich Sloterdijk mit zentralen Themen des 20. Jahrhunderts auseinander und setzt so manchen ihm typischen schrillen Akzent, der allerdings die Qualität der Erkenntnis nur beflügeln kann.

Und natürlich, bezogen auf den fragenden Titel, beschäftigt sich Sloterdijk in diesen kleineren Arbeiten mit großen Fragen wie der Ökologie, der Asynchronität in den Geschwindigkeiten zwischen digitaler Kommunikation und physischem Transport, mit dem Globus als sinnhaftem Kollektivsymbol der Globalisierung, über die adäquate Erzählform der Neuzeit, mit dem Reisen, der Ruhelosigkeit und der permanenten Bewegung als Urzustand der beschleunigten Welt oder mit der Langeweile als existenziellem Abgrund.

Alle seine Zugänge zu den anscheinend schrill klingenden Themen haben etwas Verstörendes und vermitteln dennoch immer das Gefühl, von essenzieller Bedeutung in Bezug auf die gestellte Frage zu sein. Genau das, was die selbst ernannten Philosophen, die ihre Monologe im Feuilleton mit der harten Suche nach Wahrheit verwechseln, bietet Sloterdijk auch in diesem Band: Schwierige, aber originelle Gedankengänge und verblüffende Wirkungszusammenhänge, die allesamt von den ausgetretenen Pfaden des Mainstreams abweichen und vieles in sich bergen, was zu interessanten Lösungen führen könnte.

Sloterdijks Was geschah im 20. Jahrhundert? Ist keine leichte Kost. Wer das behauptet, gehört zu einem der Phänomene, die das 20. Jahrhundert zuhauf ans Tageslicht gezerrt hat, nämlich das der Oberflächlichkeit. Sie ist niemals in der Lage, den Dingen auf den Grund zu gehen.


Fallen Angels
Fallen Angels
Preis: EUR 16,49

27 von 33 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sich selbst ein Ständchen, 21. Mai 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Fallen Angels (Audio CD)
Es ist die Zeit, in der es so manch großer Künstler fertig bringt, passend zu seinem fortschreitenden runden Geburtstag ein Werk vorzustellen. Diese Werke können unterschiedlich sein. Entweder, sie verweisen auf das bisherige, lange schöpferische Schaffen oder sie ziehen Bilanz. Ganz selten wird noch einmal eine neue Perspektive eröffnet, es gilt schließlich, das eigene Leben zu betrachten.

Bob Dylan legt passend zu seinem 75. Geburtstag das Album mit dem Titel Fallen Angels vor. Und der Titel ist das Einzige, was aus Dylans Feder stammt. Bei den 12 eingespielten Songs handelt es sich, und bereits da tappen vielleicht einige in die erste Falle, nicht exklusiv um Stücke Frank Sinatras, sondern um Standards aus der amerikanischen Jazzgeschichte. Zwar hat Frank Sinatra tatsächlich Young At Heart, Polka Dots And Moonbeams, All Or Nothing At All, That Old Black Magic oder Come Rain Or Come Shine gesungen, aber auch er griff auf das Kollektivgedächtnis des Jazz seines Landes zu.

Es sind die Weisen, die in diesem Land gefühlt immer schon gespielt wurden und von denen nicht nur ein Frank Sinatra, sondern auch ein John Coltrane nicht lassen konnten. Im Reigen solcher Größen fehlt Bon Dylan einfach. Er, der mit dem Protest begann und dem Protest gegen das Vorgefertigte immer treu bleib, er kann auch den Standards eine neue Perspektive der Interpretation geben. Wieder hat er diejenigen seiner Anhängerschaft enttäuscht, die ihn bereits passend in eine Schablone gepresste haben. Aber er passt weder in das Protest-Folk- noch in das Rock-Muster. Bob Dylan ist ein großer Musiker, der zum Nationalepos seines Landes, dem Jazz, genauso gehört wie die bereits Genannten und viele der Kreativsten mehr.

Fallen Angels ist in einer Weise arrangiert, die von der sonstigen Verwertung abgeweicht, weil Dylan weder voluminöse Bläser noch schmalzige Streicher einsetzt. Er lässt sie mit Minimalbesetzung spielen und singt dazu mit seiner ihm heute typischen, etwas heiseren, lyrisch klingenden Stimme, die eine Melancholie vermittelt, die in dem Wissen um die Vergänglichkeit des Schönen liegt.

Mit Fallen Angels gibt sich ein Großer selbst ein Ständchen. Das macht er unprätentiös und im Wissen um die Kultur, in der er sich hat entwickeln können. So wild die Geschichte ist, auf die er als Individuum zurück blicken kann, so ruhig und selbstbewusst ist das Narrativ dieses Landes, das nicht umsonst auf die Universalthemen der Menschheit immer wieder rekurriert. Bob Dylan hat die Lieder aus dem kollektiven Gedächtnis seiner Nation genommen, die vor allem auf die Liebe verweisen. Das ist gut, das ist dem Anlass gebührend und es ist ihm vor allem vergönnt.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 30, 2016 12:22 PM MEST


The Sixth Sense
The Sixth Sense
Preis: EUR 20,99

5.0 von 5 Sternen Annäherung an eine Philosophie des Hörens, 19. Mai 2016
Rezension bezieht sich auf: The Sixth Sense (Audio CD)
In einer Welt, die ohne große Vorbehalte mit dem Adjektiv technokratisch bezeichnet werden kann, ist die Beschreibung des sechsten Sinns ein Unterfangen, das allenfalls in philosophischen Kategorien mit Begriffen wie Vor-Schein seriös thematisiert werden kann. Ansonsten unterliegt der Versuch, sich dem sechsten Sinn zu nähern, dem schnellen Verdacht, sich gehörig in den falschen Sphären verirrt zu haben. Das tonale Pendant der Philosophie könnte der letzte Ausweg sein, sich dieser Kategorie zu nähern. Und wenn es sich um ein anerkanntes epistemologisches Experimentierfeld handeln könnte, dann ist es der Jazz. Dort wäre es alles andere als verwegen, sich auf den Weg zum sechsten Sinn zu gegeben.

Der in Graz lebende Musiker und Musiklehrer Heinrich von Kalnein (saxophones/ alto flute) hat, zusammen mit Christian Bakanic (accordion/ grand piano/ Fender Rhodes) und Gregor Hilbe (drums/ live electronics/ loops) diesen Versuch auf dem Album The Sixth Sense unternommen. Mit insgesamt neun Aufnahmen hat sich das Trio auf verschiedenen Wegen dem Thema genähert. Die verschiedenen Zugänge vermitteln der Hörerschaft eine Ahnung davon, worum es sich handelt.

Aufkommende Ängste, dass es sich dabei um ein völlig verkopftes, schlecht hörbares Experiment handelt, sind zwar verständlich, aber ganz und gar nicht angebracht. Goerg, der Opener, kommt aus einem kurzen, schrillen Off schnell zu einer infantilen Melodielinie des Bebop, die allerdings in eine in das Konzept eines zeitgenössischen Fusion eingebettet ist.

The Sixth Sense, das Folgestück, in dem Flötensequenzen sich in den Akkordeonläufen spiegeln, wird getrieben von einer an einen strammen Ritt erinnernde perkussive Untermalung und vermittelt die Aporie des Unterfangens. Der sechste Sinn scheint auf unter dem Eindruck des Getriebenseins aus den Alltagsroutinen. Die lyrische melodische Reflexion lässt sich nicht abhalten von den harten Bedingungen des zeitlosen Treibens. Wake-Up Call greift genau diese Idee auf und nimmt das Tempo heraus, und verfremdet das im Thema angedeutete Aufscheuchen durch das genaue Gegenteil: durch stoisch wiederholte Akkorde auf dem Klavier haben haben Flöte und Saxophon die Möglichkeit, sich in der Erprobung der Vorahnung zu verlieren.

Dass in der Folge Titel wie Kammermusik 6 und Kammermusik 4 auftauchen, unterbrochen von Pfeil, lässt die Spekulation offen, dass die Vorgeschichte mit ihren Traditionen bei der Vorahnung eines durchaus produktive Rolle haben können. The Sun ist das Stück, in dem die Frage nach der unbändigen Energie gestellt wird, die erforderlich ist, um in das Jenseits der Erkenntnis zu gelangen. Good Night And Good Luck ist die Aufforderung, sich der Reise des Experimentellen anzuschließen, allerdings mit der Beigabe, dass sie sich nur aus dem Willen des Individuums selbst beschreiten lässt. Lampedusa A.K.A. At Last verweist nicht umsonst auf eine entlegene Insel, die, bevor sie durch die schrecklichen Ereignisse der Zeitgeschichte in den Fokus geriet, für das Marginale der Zivilisation steht, eine Grenzzone zwischen Realität und einer Ahnung der Sinne.

The Sixth Sense ist ein sehr gut hörbares, musikalisch ansprechendes Experiment, dem es gelingt, an eine Philosophie des Hörens heranzuführen und dennoch Genuss zu vermitteln. Eine Seltenheit!


Europa im freien Fall: Orientierung in einem neuen Kalten Krieg
Europa im freien Fall: Orientierung in einem neuen Kalten Krieg
von Yana Milev
  Broschiert
Preis: EUR 18,00

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der inszenierte Konflikt im Herzen Europas, 15. Mai 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Jeder Versuch, die weitere, einen Krieg vorbereitende Spaltung Europas zu thematisieren und Wissen darüber zu verbreiten, wie es zu dieser Entwicklung kommen konnte und politisches Bewusstsein über die Brisanz dieses Debakels zu vermitteln, muss per es schon einmal honoriert werden. Die sich mehrende Literatur, vor allem hinsichtlich des Ukraine-Konfliktes, stammt in der Regel von Journalisten, Historikern oder ganz einfach von Bestsellerautoren des Genres "politisch heiß". Eine Revue der bisher erschienenen Werke belegt, mit wenigen Ausnahmen, allerdings nur die tiefe Spaltung, die durch unsere Gesellschaft in dieser Frage mitten hindurch geht. Entweder es handelt sich um Ausführungen, die den dunklen Drahtzieher Wladimir Putin hinter jeder Verwerfung sehen oder es sind Schriften, die die USA als europäisches Blut saufendes Imperium darstellen. Obwohl in beidem eine gewisse Wahrheit liegt, so reicht das nicht, um eine starke, auf Vernunft gegründete Gegenposition gegen die Spaltung Europas zu begründen.

Yana Milev als Herausgeberin des kleinen Bandes Europa im freien Fall. Orientierung in einem neuen Kalten Krieg ist das Verdienst zuzuschreiben, verschiedene Menschen angesprochen zu haben, die vor dem Beginn dieser verhängnisvollen Entwicklung respektvoll als Intellektuelle bezeichnet worden wären. Yana Milev, ihrerseits u.a. Dozentin für Reflexionskompetenz an der Universität in St. Gallen, tat dieses nicht inflationär, dafür aber qualitativ hoch stehend. So sind die Autoren, die sie für einen kleinen Band sehr interessanter, aber unterschiedlicher Herangehensweise an das Thema stehen, renommiert genug, um Interesse zu wecken: Sloterdijk, Shemlev, Münkler, Grinberg und Ganser. In insgesamt vier Beiträgen wird die kritische Situation Europas beleuchtet.

Herfried Münkler, der Historiker und Spezialist in der Betrachtung der Neuartigkeit vom Krieg und Kriegsführung, geht vor allem auf die Frage der europäischen Mitte ein und ihren neuerlichen Verlust durch die Auflösung des Dialogs zwischen Russland und Deutschland. Der Philosoph und Kulturwissenschaftler Peter Sloterdijk schlägt in seinem Beitrag über digitalen Kolonialismus einige Sequenzen gegen die Cyber-geheimdienstlichen Aggressionen der USA. Der Schweizer Historiker und Friedensforscher Daniele Ganser schreibt eine kleine Chronik des von den USA betriebenen Regime Change und stellt diese Reihe von übergriffigen Interventionen gegen andere Nationen, Staaten und Völker in Beziehung zu ihrem eigenen Anspruch und der tatsächlichen Funktion des Imperiums. Und die russischen Autoren Ruslan Grinberg und Boris Shmelev stellen die Frage, ob so etwas wie ein europäisches Haus überhaupt möglich ist.

Nicht nur die Auswahl der Autoren ist in diesem Band gelungen, sondern die damit vorhandene Mischung unterschiedlicher Zugänge zu einem beunruhigendem Thema im Besonderen. Vor allem aus historischer Sicht muss doch sehr manipuliert, lanciert und inszeniert werden, um die Aktivitäten der USA, die zumeist völkerrechtlich nicht sanktioniert, ganz und gar nicht demokratisch und immer auf die Destabilisierung von Regionen, also auch Europas, ausgerichtet sind, als den eigentlichen Aggressor identifizieren. Es wird zudem deutlich, wie sehr Europa unter einer mangelnden eigenen weltpolitischen Identität leidet und wie sehr Deutschland unreflektiert diesen notwendigen Prozess, in dem es sich selbst auch definieren müsste, als Handlanger einer selbst gegen deutsche Interessen gerichteten Konfliktpolitik agiert.

Das Wohltuende an der Lektüre ist das nie aufkommende Gefühl, man befände sich in einer Propagandaschlacht. Alle Autoren haben eine solche Qualität, dass die Lektüre dazu führt, den schwelenden, inszenierten Konflikt inmitten Europas mit mehr Verstand zu betrachten.


German Power: Das Paradox der deutschen Stärke
German Power: Das Paradox der deutschen Stärke
von Hans Kundnani
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,95

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Geschichtsschreibung aus dem Think Tank, 6. Mai 2016
Sowohl subjektiv als auch objektiv hat sich Deutschland seit der Reichsgründung im Jahre 1871 als politischer Akteur wahrlich mehrere Male gewandelt. Das, was von Faktoren wie Bevölkerungsgröße, geographischer Lage und ökonomischer Potenz getrieben wurde, suchte in verschiedenen historischen Phasen nach einer eigenen Identität. Die Folgen dieser Suche waren zum Teil fatal, manchmal jedoch auch vorteilhaft. Dass sich, angesichts der rasanten internationalen Entwicklung besonders der letzten zwanzig Jahre, ein Autor der Frage nach der deutschen Identität im Kontext internationaler Bündnisse und Interessen stellt, ist nicht nur folgerichtig, sondern ein notwendiges Unterfangen.

Hans Kundnani, seinerseits ehemaliger Forschungsdirektor am European Council on Foreign Relations in London und heutiger Senior Transatlantic Fellow des German Marshall Fund und somit Mitglied eines amerikanischen Think Tanks, hat sich dieser Aufgabe gestellt. Unter dem Titel 'German Power. Das Paradox der deutschen Stärke' setzt sich Kundnani mit der historischen Metamorphose deutscher Außenpolitik auseinander. Das macht er chronologisch und sachlich, indem er von den Phasen, Personen und Konzepten spricht, die nie alleine und ohne Widerspruch auch innerhalb Deutschlands dominierten oder regierten, sondern immer auch mit anderen Varianten konkurrierten. Deutschland wurde und wird wegen seiner Mittellage, seiner Größe und seiner wirtschaftlichen Macht immer in zweierlei Hinsicht aus der Perspektive anderer Länder als Führungsnation, als Hegemonialmacht, aber auch als Risiko gesehen.

Von der so genannten Realpolitik Bismarcks bis hin zum nationalsozialistischen Größenwahn Hitlers hatten alle Protagonisten mit den drei Faktoren von Größe, Potenz und Lage zu kämpfen und kamen zu unterschiedlichen Schlüssen. Die große Zäsur bildete der II. Weltkrieg und die Domestizierung Deutschlands durch seine Teilung. Die Beschreibung dessen, was dann von Adenauer über Brandt, Kohl, Schröder und Merkel folgte, war angesichts des desaströsen Ausgangs des Weltmachttraumes notwendigerweise auch abhängig von den einzelnen historischen Phasen. Rekonvaleszenz nach dem Krieg, Kalter Krieg, Entspannung, Normalisierung, Veränderung.

Soweit, so gut. Was sich bei der Beschreibung der Nachkriegsgeschichte immer mehr als Leitidee seitens des Autors in den Vordergrund drängt, ist die vor allem von dem deutschen Historiker Heinrich August Winkler formulierte These von der Notwendigkeit einer bedingungslosen Hinwendung zum Westen und die Integration in dessen Bündnissysteme als Zweck schlechthin. Darunter leidet ab Mitte des Buches die bis dahin historische Darstellung. Was dem ansonsten durchaus kritischen Autor Kundnani von da an abgeht, ist die Fähigkeit der kritischen Reflexion der sich ebenfalls geänderten und ändernden Rolle der USA als Hegemonialmacht des Westens selbst.

So werden Abweichungen der deutschen Außenpolitik wie zum Beispiel beim Nein zum Irakkrieg 2002 oder beim Nein zum Bombardement Libyens als fatale Symptome einer Abkoppelung vom Wesen bezeichnet. Nachvollziehbar wiederum ist die Kritik, dass Deutschland seit der Wiedervereinigung schwankt zwischen der Suche nach einer strategischen Position und dem Nachgeben gegenüber der Perspektive wirtschaftlicher Opportunität.

Was allerdings nicht geht und meines Erachtens an eine pathologische Ausblendung grenzt, ist die unkritische Haltung gegenüber der Außenpolitik der USA mit den zahlreichen spektakulär fehlgeschlagenen Regimewechseln, der aggressiven Durchsetzung einer NATO-Linie zwischen dem Baltikum und dem Schwarzen Meer und dem mit 10 Milliarden Dollar geförderten Putsch in der Ukraine. Analog zu Winkler beginnt auch Kundnani die Geschichte der Ukraine-Krise mit der russischen Annexion der Krim und nicht mit der schleichenden Aggression der USA gegen die Ukraine. In Bezug auf die Fragestellung des Buches ist das alles nicht mehr hilfreich, wiewohl die Lektüre lohnt, sofern man den kritischen Blick nicht verliert.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 21, 2016 1:58 AM MEST


Der goldene Handschuh
Der goldene Handschuh
Preis: EUR 16,99

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Abort der Weltgeschichte, 29. April 2016
Rezension bezieht sich auf: Der goldene Handschuh (Kindle Edition)
Die siebziger Jahre der alten Bundesrepublik markierten eine Zäsur. In ihnen gelangte der Industrialismus des Wirtschaftswunders ernsthaft an Grenzen, in ihnen erodierte ein gesellschaftlicher Konsens, in dem die Politik radikalisiert wurde, und vieles, an das geglaubt werden konnte, verlor drastisch an Glanz. Da gab es immer noch atemberaubende Erfolgsgeschichten, da gab es immer noch ein uneingeschränktes Ja zum unbeschwerten Leben. Aber die Subkulturen wurden zahlreicher und größer. Nicht nur die des Wohlstandes und der Esoterik, sondern auch die der drastischen Armut und beklemmenden Gegenwelt.

Die hier von Heinz Strunk noch einmal erzählte Geschichte des Frauenmörders Fritz Honka, der seine Opfer regelrecht filetierte, spielte genau in den Milieus, die damals noch aufeinandertrafen, was heute nicht mehr vorstellbar ist. In den Kaschemmen des Hamburger Kiezes war es wirklich noch möglich, waschechte Penner und tatsächlich feine Herren gleichzeitig anzutreffen. Die einen brauchten ihren Schmierstoff in Form billigen Fusels, die anderen die Droge der Illusion, alles erleben zu können, wenn man nur wollte.

Hein Strunk gelingt es, die Leichtigkeit der Überlappung dieser Lebenswelten einzufangen. Was allerdings noch wesentlich kunstvoller ist, sind seine nahezu gestochenen Sätze, die dennoch ganz lapidar daherkommen, wenn er den Abgrund beschreibt, aus dem der Täter Fritz Honka kam und der aus ihm auch ein Opfer gemacht hatte, bevor er zur Bestie mutierte. Die Ambivalenz und die Nähe von bürgerlich heiler Welt und jenem Abort der Weltgeschichte, der sich Zum Goldenen Handschuh nannte, werden exzellent erfassbar gemacht. Dass der Leserschaft irgendwann deutlich wird, dass diese Gesellschaft mit ihren zwei Gesichtern vielleicht doch nur ein menschenverachtendes, abscheuliches Antlitz hat, kann dem Willen des Autors sicherlich zugerechnet werden.

Im Goldenen Handschuh wird diese vergangene, aber immer noch wirksame Welt wieder präsent. Mit allen Kulturbrüchen, die zwischen den siebziger Jahren und dem Heute liegen. Das Frauenbild, das damals durchgängig zu herrschen schien, gegen das der heutigen Zivilisation abzusetzen, ist eine derart schockierende Erfahrung, dass sie allein das Buch bereits zur Pflichtlektüre machen sollte. Die Ignoranz gegenüber dem selbstzerstörerischen Rauschverhalten ist eine zweite Markierung, die noch einmal dafür sorgt, den Atem anzuhalten.

Die große und tatsächliche Verstörung kommt jedoch durch die akribische Schilderung des Psychogramms jenes Fritz Honkas zustande, der gar nicht so daher kommt wie eine Bestie. Der eigentlich Ordnung und Halt sucht, der aber derart lädiert ist, dass ihn die geringste Form des geordneten Lebens bereits überfordert. Selbst Objekt von Sexual- und Gewaltmissbrauch, greift er in den tiefen Krisen, die aus dem Alkoholismus resultieren, auf genau die Erfahrungswelten zurück, die er bereits als Objekt erfahren hat. Auch Honka vergewaltigt und verprügelt, und auch Honka geht noch weiter. Nachdem die Opfer ermordet sind, zerlegt er sie wie Wildbret und verscharrt sie auf dem Dachboden.

Das Schlimme, das sich hinter dieser erzählten Geschichte verbirgt, ist die tatsächliche Realität. Es ist eine Welt, die historisch dokumentierbar ist und aus der Not geboren wurde. Der psychopathologisch beschriebene Fritz Honka ist auch eine Diagnose für eine Gesellschaft, die alles verarbeitet hatte, was der Wertschöpfung dienen konnte, nur nicht sich selbst. Eine Gesellschaft, in der moralisch noch der Krieg steckte, eine Gesellschaft, die an Macht und Wachstum glaubte und eine Gesellschaft, in der Schwäche eine Tabu war. Dort konnten Kulturen gedeihen, die keine waren. Fritz Honka war ein Beispiel dafür. Heinz Strunk hat das meisterhaft geschildert.


Stärker als die Zeit
Stärker als die Zeit
Preis: EUR 14,99

7 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Signale aus der Bonus-Zone, 29. April 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Stärker als die Zeit (Audio CD)
Der große Udo Lindenberg, derjenige, der die deutsche Sprache zu einer Massenakzeptanz im Rock gebracht hat, derjenige, der sich immer politisch geäußert hat, gegen Engstirnigkeit, gegen Provinzialität, gegen Rassismus, dieser Udo Lindenberg wird 70 Jahre alt und gönnt sich selbst ein Album. Gerade in der letzten Zeit traf es viele, populäre Vertreter der Branche in diesem Alter, Joe Cocker, Johnny Winter, Keith Emerson und viele mehr. Das lässt so einen wie Lindenberg nicht kalt. Er hat sich ein Herz gefasst und das Album mit dem Titel Stärker als die Zeit aufgenommen.

Niemand erwartet und niemand sollte erwarten, dass Lindenberg hier musikalisch Neues oder textlich Bahnbrechendes auf den Weg gebracht hat. Vielmehr handelt es sich um ein ehrliches Resümee in Bezug auf das eigene Leben und die Lektionen, die dieser sympathische Individualist aus der westfälischen Provinz, der sobald es ging zunächst nach Hamburg und später nach Berlin geflohen ist, gezogen hat. Der junge Schlagzeuger, der erst bei Doldingers Passport Jazz machte und danach die Schaufenster mit deutschsprachigem Rock klirren ließ.

Es geht in Stärker als die Zeit um die Universalthemen der Menschheit: Um Ziele, um Disziplin, um Hoffnung, um Liebe, um Selbstzerstörung und, das gehört zu einem guten Schluss, um Versöhnung. Doch der Rebell aus der Provinz versöhnt sich auch hier nicht mit den Institutionen und Haltungen, gegen die er einst rebelliert hat, er versöhnt sich mit sich selbst. Das mutet an wie eine Weisheit, die man dem jungen Udo Lindenberg nie zugetraut hätte, aber so ist das Leben. Die Wunden, der Schmerz, auch über die eigene Dummheit, lassen in günstigen Augenblicken das Seltene zu: dass der Mensch die richtigen Schlüsse daraus zieht.

Udo Lindenberg hat in Bezug auf seinen bevorstehenden Geburtstag gesagt, er befinde sich, in Anbetracht der Heftigkeit seines bisherigen Lebens, nun in der Bonus-Zone. Und aus dieser Zone sendet er Signale in Form von Songs, die mal etwas schwülstig als Balladen (Durch schwere Zeiten), mal als drückende Rockwellen (Einer muss den Job ja machen) oder nahezu als Gebet (Wenn du gehst), die dem musikalischen Lebenswerk Lindenbergs entsprechen und die vor allem durch eines glänzen: Authentizität, Unverwechselbarkeit, nur durch Lindenberg geprägt.

Stärker als die Zeit ist ein glaubwürdiger Rückblick auf ein bewegtes Leben. Lindenberg enttäuscht sein Publikum nicht, er bleibt sich treu und vermittelt, dass Irren menschlich und Hoffnung zum Überleben notwendig ist. Sympathischer geht es kaum. Und diese Botschaften sind tatsächlich stärker als die Zeit.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 13, 2016 10:07 PM MEST


Biografie: Roman
Biografie: Roman
von Maxim Biller
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,99

6 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ungeheuerlichkeit, zur Sprache gefunden, 25. April 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Biografie: Roman (Gebundene Ausgabe)
Ein heute kaum noch erhältlicher Roman über den spanischen Bürgerkrieg von dem vergessenen deutschen Autor Karl Otten trug einen Titel, der die Situation hervorragend trifft: Torquemadas Schatten. Torquemada, der Großmeister der spanischen Inquisition, wurde schon damals bemüht, um die schrecklichen Zustände eines historisch überkommenen Moralismus, die Herrschaft des Dogmas und die mit ihr verbundene Zensur und Selbstzensur zu beschreiben. Torquemada warf bereits vor den endgültigen Sieg des spanischen Faschismus seine Schatten und insofern handelt es sich um eine Metapher, die auch zeitgenössische Phänomene durchaus gut illustrieren kann.

Ein beklemmendes Beispiel dafür ist die nahezu inquisitorische Kritik an Maxim Billers neuem Roman Biographie. Es ist anzunehmen, dass Biller mit dieser Geschichte zweier unzertrennlicher Freunde aus einem jüdischen Nest in der Ukraine, die es in ihrer beider Biographie durch Städte wie Prag, Hamburg, Berlin, Tel Aviv und andere Hotspots dieser Welt treibt, auch der gegenwärtigen Befindlichkeit im moralinsauren Deutschland einen Schock versetzen wollte. Aber das, so die These, ist in dem 900-Seiten-Werk wohl nur eine billigend in Kauf genommene Mitwirkung. Zentral geht es um die nicht auflösbare, in alle Lebensbereiche strahlende Traumatisierung jüdischer Familien durch die Höllenfahrt des 20. Jahrhunderts in Zentraleuropa.

Der nicht enden wollende, weil für beide existenziell substanzielle Dialog um den Ausweg, die Flucht, die brachiale Abwendung von dem Geschehenen, ohne es vergessen zu wollen, ist sprachlich zu einem Projekt geworden, das in der deutschen Gegenwartsliteratur seinesgleichen sucht. Das mag genau das sein, was viele Rezensenten aus dem wohl saturierten, aber blutarmen Feuilleton so echauffiert. Vom ersten bis zum letzten Satz entfacht Maxim Biller in diesem Roman ein sprachlich-metaphorisches Feuerwerk, wie es keiner der viel gefeierten Nachwuchstalente der deutschen Gegenwartsliteratur in der Lage wären zu zünden. Wer so schreibt, der hat die Vehemenz der Katastrophe mit der Muttermilch eingeflößt bekommen, vom Holocaust, vom Krieg, vom Kommunismus, vom Zusammenbruch, und alles immer wieder gespiegelt durch die Ereignisse in und um den Staat Israel, von Yom Kippur bis Intifada. Da bleibt das Gestelze der political correctness notgedrungen auf der Strecke.

Der Erzählfaden von Biographie ist die Biographie dieser beiden Brüder, die keine sind, die sich aber verstehen, weil sie die Aporien ihres Lebens als ein Faktum akzeptieren, das sie nicht ertragen, mit dem sie aber umzugehen haben. In dieser Welt der teilweise erfolgreichen, teilweise schon im Ansatz zum Scheitern verurteilten Eskapismen hat der bildungsbürgerliche Diskurs keine Chance. Dort, wo es ums nackte Überleben geht, spielen alle Phantasien, die vor dem Zusammenbruch das menschliche Hirn durchschießen, die zentrale Rolle: Sexuelles, Martialisches, Befremdliches. Wer diesen Zusammenhang nicht sieht, den zwischen historisch einzigartigem Trauma und dieser hastigen Art, zu konfrontieren, zu verdrängen und zu fliehen, der hat das Instrumentarium, diesen Roman verstehen zu können, aus der Hand gegeben oder gar nicht erst erworben.

Ungewöhnlich für eine Rezension, aber aufgrund der Ungeheuerlichkeit an Ignoranz erlaubt, sei darauf hingewiesen, dass der Ethikrat der vereinigten Feuilletons durch den nahezu kollektiven Verriss von Maxim Billers Biographie sich nicht nur zu einer Analogie von Torquemadas Schatten mausert, sondern auch in einer ungewohnten Breite die eigene Ignoranz dokumentiert. Wer Geschichte, vor allem das Desaster des 20. Jahrhunderts, aus der Perspektive europäischer Juden als etwas betrachtet, das hinter uns liegt und die Tischsitten des Bürgertums einfordert, der hat im wahren Sinne des Wortes nichts verstanden. Wer es lernen will zu verstehen, der lese Maxim Biller.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 25, 2016 7:46 PM MEST


Solo (1954-1961)
Solo (1954-1961)
Preis: EUR 10,99

5.0 von 5 Sternen Die höchste Form des urbanen Blues, 6. April 2016
Rezension bezieht sich auf: Solo (1954-1961) (Audio CD)
Er war der Outcast schlechthin. Und dabei ist seine Biographie schon wieder stereotyp für einen Afroamerikaner, der es im Jazz zu etwas gebracht hat. Geboren und die ersten Jahre verbracht in North Carolina, dann die Übersiedlung in den New Yorker Stadtteil Harlem, Mekka des Jazz, der Vater geht stiften, der Sohn wächst bei der Mutter auf. Sie bringt ihn zum Klavier und dort beginnt, stimuliert von Kirchenchören und House Rent Parties, die Genese des revolutionärsten Jazz des XX. Jahrhunderts.

Thelonious Monk, dessen Schaffen nun in der reinsten verfügbaren Form unter dem Titel Monk Solo vorliegt, gilt neben Charlie Parker und Dizzy Gillespie als Mitbegründer des Bebop, jenes Genres, das alles aus den Angeln hob, was die binäre Musik bis dato zu bieten hatte. Obwohl Monk zu Recht zu den Vätern des Bebop gezählt wird, was die Konstruktion seiner Stücke wie die Infantilität seiner Melodielinien hinreichend dokumentieren, wird er kaum damit assoziiert. Monk hatte die Größe, sich nicht darum zu scheren, was die anderen von ihm dachten. Er schwamm immer gegen den Strom, selbst gegen den, der ihn selber trieb. Ihm fehlt das Herzrasen des Bebop-Mainstreams, aber er illustriert seine Konstruktionsprinzipien wie kein anderer.

Monk Solo umfasst vieles von dem, was Monk komponiert hat. Und nahezu alles, was er komponiert hat, wurde zum Jazz-Standard. Die Interpretation seiner eigenen Stücke auf diesem Album verdeutlicht die Genialität dieses bipolaren Musikers. Die wohl bekannten Stücke bekommt die Hörerschaft präsentiert in ihrem konstruktiven Aufbau, in ihrem Standardarrangement und in mehreren eigenwilligen Interpretationen. Gerade diese Art, die Stücke zu spielen, ohne Orchestrierung, ohne rhythmische Fremdakzentuierung und ohne melodischen Ornamente, zeigt das kühl kalkulierende, das verfremdende und das aufbrausende Temperament Thelonious Sphere Monks.

Die biographischen Daten, die auf der einen Seite so wichtige Zugänge schaffen, um das handelnde Subjekt zu verstehen, treten in dieser Werkschau wieder in den Hintergrund. Ob Alkohol oder Benzedrine, ob bipolare Störung oder sanfter Soziopath, alles, was diesen Outcast in seiner sozialen Existenz zu beschreiben hilft, tritt bei Monk Solo zurück.

Hier tut sich etwas auf, das die Jazzgeschichte selten zu bieten hat. Hier ist die Hörerschaft mit dem Komponisten im Werkstudio, jenseits der Brände und Polizeisirenen der Insel Manhattan, jenseits des Zeitgeistes, jenseits der Gravitationskräfte des Alltags und wird Zeuge, wie die wohl urbanste Form des Blues entwickelt wurde. Es ist keine Geheimformel, aber eine extrem eigenwillige Perspektive, mit der Monk die wohl bekannten Schemata zitiert, verfremdet und moduliert wieder beschleunigt. Wenn das Gewohnheitsohr die Beschleunigung erwartet, dann nimmt er das Tempo heraus, wenn eine Akkordfolge logisch erscheint, folgt eine Dissonanz und wenn das Verharren erwartet wird, dann nimmt dieser Genius wieder Fahrt auf, voller Verachtung.

Wer die Muße hat und es aushält, der sollte sich Monk Solo zu Gemüte führen. Nicht einmal, nicht zehnmal, sondern für den Rest des Lebens. Die existenziellen Etüden, die von Thelonius Monk zu hören sind, sind Anfang, Höhepunkt und Ende eines Genres zugleich. Und dem Superlativ folgt bekanntlich die Tristesse. Aber ist das nicht auch das Wesen dessen, was als Blues beschrieben wird?


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