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Rezensionen verfasst von
Mario Pf. (Oberösterreich)
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August 410: Ein Kampf um Rom (Reclam Taschenbuch)
August 410: Ein Kampf um Rom (Reclam Taschenbuch)
von Mischa Meier
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,95

4.0 von 5 Sternen Perspektiven zu Roms Plünderung im August des Jahres 410, 30. Januar 2017
Am 24. August 410 plünderte ein "westgotisches" Heer unter dem Befehl des einst in römischen Diensten gestandenen Generals Alarich die Stadt Rom. Am 27. August zogen diese Truppen wieder ab. Soweit die unbestrittenen Fakten, welche Mischa Meier und Steffen Patzold in das Zentrum ihres Werks gestellt haben. Dass die Plünderung Roms von den Autoren so knapp und kaum mit weltgeschichtlicher Bedeutung aufgeladen abgehandelt wird hat ihren Grund. Sie haben in ihrem Buch nämlich nicht versucht jenen Ereignissen im August des Jahres 410 ihre eigene Interpretation zu verleihen, sondern zeigen anhand ausgewählter Quellen von Zeitgenossen, Historiographen und modernen Historikern, welche Wandlungen die Vorstellungen vom Fall Roms über mehr als ein Jahrtausend erlebt haben. Es ist also nicht direkt ein Buch über Rom 410 sondern über die Interpretationen dieses Ereignisses.

Im Bestreben verschiedene Perspektiven auf den August 410 zu vermitteln ähnelt "August 410 - Ein Kampf um Rom" auch dem bedeutenden Werk Alexander Demandts "Der Fall Roms". Während Demandts Werk sich allerdings gezielt mit den Gründen für Roms Untergang auseinandersetzte, belassen es Patzold und Meier dabei die unterschiedlichen Deutungen dieses punktuellen Ereignisses sprechen zu lassen, anstatt den August 410 zum Grund für Roms Untergang hochzustilisieren. Der Untertitel "Ein Kampf um Rom" ist zudem an Felix Dahns gleichnamigen Roman angelehnt, der ebenso wie Dahns historische Romane und seine Darstellung der Westgoten und Roms Teil Bestandteil der sehr umfangreichen Quellenkritik Patzolds und Meiers ist. Genau genommen ist das gesamte Werk eine einzige große Quellenkritik, vom Zeigenossen Augustinus bis zu den modernen Historikern und Geschichtsinterpreten Herwig Wolfram (Geschichte der Goten) und Michael Kulikowski (Die Goten vor Rom).

Mit ihrer Quellenkritik beginnen Meier und Patzold allerdings beim römischen Hofdichter Claudius Claudianus, der seinen Gönner Stilicho zum großen Retter Roms und Antagonisten Alarichs stilisierte. Schon bei Claudianus wird deutlich wie verschwommen die Grenzen zwischen römischen Generälen und Barbarenfürsten damals waren, denn auch Claudianus Stilicho ist je nach Interpretation entweder römischer General oder Vandale. Neben Claudianus Zeitzeungis der Ereignisse untersuchen die Autoren aber auch die Deutungen der Ereignisse durch Hieronymus, Augustinus, Orosius oder Rutilius Namatianus. Gerade Augustinus Interpretation scheint jedoch von blanken Zynismus geprägt, der sich allerdings aus dessen Position als nordafrikanischer Bischof eines von gewaltbereiten Donatisten, sich durch Roms Plünderung in ihrem Weltbild genuin bestätigt fühlenden Heiden (Rom fiel weil sich die Römer von ihren altern Göttern abgewandt hatten) und in ihrem Glauben erschütterten römischen Flüchtlingen geprägten Bistums ergab.

Aber nicht bloß Weströmer lassen die Autoren zu den Ereignissen zu Wort kommen, sie haben mit Sokrates, Zosimos und Prokop auch Byzantiner gefunden, welche sich durchaus auch objektiver mit Roms Plünderung auseinandersetzten. Über den spätantiken Jordanes und den Bischof Isidor von Sevilla stoßen die Autoren schließlich in das Mittelalter und zu Otto von Freising vor, in dessen Zeiten der August 410 schon eine ganz andere Bedeutung hatte und vor allem über die Neuinterpretation der Goten eine neue Deutung erhielt. Mit Flavio Biondo, Franciscus Irenicus und Johannes Magnus endet schließlich die Ära der historiographischen Interpreteten.

Als erster Historiker, im Sinne der von den Autoren vorgenommenen Unterteilung in Zeitgenossen, Historiographen und Historikern, erfährt der selbst ernannte "Historiker des Römischen Reichs" Edward Gibbon seine Würdigung. Von Gibbon und Ferdinand Gregorovius leiten die Autoren schließlich zu August W. Grube und dem bereits eingangs erwähnten Felix Dahn über, dessen populärliterarischen Werke sehr stark zur Bildung eines Gotenbildes und der damit verbundenen Interpretation des Augusts 410 geführt haben. Nach einem Exkurs zu Wilhelm Capelle befinden wir uns schließlich schon an der Schwelle zum 21. Jahrhundert bei den beiden Historikern Herwig Wolfram und Michael Kulikowski, zu deren sehr unterschiedlichen Auffassungen die beiden konstatieren dass der Kampf um Rom weiterhin andauert.

Gerade in Kulikowskis Werk erhalten die Westgoten des Jahres 410 einen sehr modernen Anstrich einer Macht die vom römischen Imperium geschaffen wurde und sich schließlich gegen dieses wendete, es ja sogar im Herz des römischen Metropolismus traf. Eine Deutung die nicht von ungefähr kommt und doch ebenso ein Kind ihrer Zeit und ihres Umfelds ist, zumal Kulikowski als US-Amerikaner einem Land und einer Zeit entstammt in der sich diese Ereignisse auch auf die USA übertragen ließen. Genauso wie Kulikowski Roms Plünderung vom 24. bis 27. August im Lichte seiner Zeit als 9/11 des spätantiken weströmischen Imperiums interpretiert, das durch seine eigenen ehemaligen Verbündeten zu Fall gebracht wurde, haben schon vor ihm viele Geschichtsschreiber den Ereignissen eine Interpretation verliehen die eben den Umständen ihres Umfeldes und ihrer Zeit geschuldet war.

Mit "August 410 - Ein Kampf um Rom" haben Steffen Patzold und Mischa Meier eine sehr eindrucksvolle Quellenkritik geschaffen, die jedoch manchmal schon zuviel des Guten unternimmt, wenn es darum geht zunächst die geschichtlichen Hintergründe und Biografien der von ihnen vorgestellten Historiographen vorzustellen. Als sehr beispielhaft für diesen Übereifer kann etwa die Beschreibung von Otto von Freisings Leben und den zu dessen Zeiten eskalierten Streit um die römische Kaiserkrone gelten. Ist es gerade bei den spätantiken Geschichtsschreibern noch verständlich wenn ihre Lebensumstände und dergleichen akribisch aufgearbeitet wird, da sich daran auch die Entwicklungen vor und nach 410 darstellen lassen, so hebt sich Otto von Freisings Leben eindeutig davon ab. Genauso intensiv widmet man sich aber auch den Interpreten nach Otto von Freising. Dabei kommt jedoch manchmal die Darlegung zu kurz, wie die vorgestellten Persönlichkeiten den August 410 interpretierten.

Erwähnenswert ist zudem dass die Autoren in ihrer Quellenkritik ein spezielles Augenmerk auf die mit August 410 untrennbar verbundene Darstellung der Goten gelegt haben und vor allem wie sich diese über die Jahrhunderte entwickelt und verändert hat. Am Ende bleibt der August des Jahres 410 ein genauso großes Rätsel wie zuvor, doch man weiß umso besser darüber bescheit wie unterschiedlich dieses für das weströmische Imperium markerschütternde Ereignis über nun 1600 Jahre interpretiert und dargestellt wurde. Dass das Buch selbst nämlich keine Historiografie ist, wie man durchaus erwarten könnte, sollte man wissen, um nicht vom Inhalt enttäuscht oder auch überfordert zu werden, denn es setzt durchaus Vorkenntnisse der römischen Geschichte voraus. Stilistisch ist das Buch jedoch sehr gut gelungen, es liest sich zumindest sehr angenehm.

Fazit:
Eine höchst lesenswerte doch auch sehr anspruchsvolle Quellenkritik über die Bedeutung des Augusts 410 und die geschichtliche Darstellung der Goten.

[Diese Rezension basiert auf einem kostenfreien Rezensionsexemplar]
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 3, 2017 1:22 PM CET


Augustus: Prinzeps und Monarch
Augustus: Prinzeps und Monarch
von Dietmar Kienast
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,95

5.0 von 5 Sternen Der politische Augustus, 24. Januar 2017
Augustus-Biografien gibt es viele, doch nur wenige genießen das Prädikat "Standardwerk" und noch weniger von diesen sind auch für historisch interessierte Laien (für die im Gegensatz zum akademischen Publikum erzählerische Qualitäten eine Rolle spielen) ein überragender Lesegenuss. Dietmar Kienstas "Augustus: Prinzeps und Monarch" ist eine solche überaus gelungene Augustus-Biografie, die mit ihrem politischen Zugang zu Leben und Taten des ersten römischen Kaisers regelrecht fesseln kann.

Die eigentliche Biografie Augustus macht indessen vor allem die erste Hälfte des Werks aus, während sich die zweite mit Themen um Augustus Herrschaft auseinandersetzt. Während der biografische Anteil sich bemüht vor allem die Transformation des Kriegsherrn zum "Friedensfürsten" und der Republik zur Monarchie nachzuzeichnen, wird im Themen-Anteil schließlich auf konkrete Fragen zur augusteischen Ära eingegangen, die dessen Reichspolitik, die Festigung seiner Herrschaft und das Verhältnis des Prinzeps zu Senat, Rittern und Volk.

Kienast verzichtet auf Verklärung, Verdammung und sonstiges "Zurechtrücken" eines bei seinen Lesern bereits bestehenden Augustus-Bildes, er (und das macht den Standardwerk-Charakter des Buchs aus) zeichnet sein eigenes. Bei ihm steht zunächst einmal die Frage im Vordergrund ob Caesars Testament wirklich dem Zweck diente eine Dynastie zu begründen oder war es doch privater Natur? Viele Fragen wie diese konnten bis heute nie wirklich beantwortet werden und auch der Althistoriker Kienast will sich eine definitive Antwort nicht anmaßen, er hält nur die Fakten fest. Tatsachen wie dass man allein aus Caesars Testament noch nicht schließen kann dass dieser sich in Octavius einen direkten Nachfolger heranziehen wollte. Der junge Oktavian wurde von Caesar zwar gefördert, was Kienast ausgiebig untersucht, doch erst seine Stellung als magister equtium des Diktators hätte ihm während des Partherfeldzugs die Chance und Bühne geboten sich als "der" Erbe Caesars zu etablieren. Ungeachtetdessen war die Förderung Oktavians auch längst nicht so aussagekräftig über die Pläne des Diktators für seinen Großneffen wie sie manch andere Biografen inszeniert haben. Rein technisch war Gaius Octavius sogar ein homo novus, der nur mütterlicherseits mit Pompeius und den Juliern verwandt war. Die Octavii gehörten gerade einmal dem munizipalen Adel Italiens an, doch der junge Oktavian wuchs durchaus in einer halbwegs privilegierten Bankiersfamilie auf, etwas was seine Beziehung zu Geld und Vermögen nach Kienast durchaus prägen sollte.

Oktavians Aufstieg sollte erst mit Caesars Tod seinen Anfang nehmen, entsprechend verbindet Kienast diesen Abschnitt im Leben des späteren Augustus mit einer Darstellung der Probleme vor denen sich der Senat bei Caesars Tod gestellt sah. Von da an gilt Kienast Augenmerk vor allem der Art und Weise wie Oktavian seine ihm durch Caesars Testament und die Anerkennung dessen Veteranen verliehene Macht zu festigen und gegen Antonius Stellung zu beziehen begann. Der "ewige Zweite" hinter den Caesaren entpuppt sich bei Kienast jedoch nicht als verhinderter Heilsbringer und Republikbewahrer, sondern als mit seiner Prunkliebe und dynastischen Planungen für seine Kinder mit der Ptolemäerin Kleopatra an einen hellenistischen König erinnernder Gegenpol.

Und nach etwa 150 Seiten über Aufstieg, Sieg und Tod des Augustus ist man bereits bei der Aufarbeitung der politischen Aspekte der Herrschaft Augustus angelangt. Beginnend mit dessen Verhältnis zum Senat. Dabei stellt Kienast schon früh fest dass zu Augustus Zeiten durch die Bürgerkriege der Republik das Aussterben der alten Geschlechter bereits eine vollendete Tatsache war, so oder so hätten homines novi diese Lücke naturgemäß geschlossen, durch die Klientelpolitik der Triumvirn und die auch von Augustus praktizierte positive Diskriminierung dem Ritterstand angehörender Anhänger fand jedoch eine raschere Erosion der patrizischen Vormachtstellung statt. Ein noch interessanteres Kapitel ist das der Herrschaftssicherung gewidmete, in dem Kienast nicht nur die Propagierung Augustus Prinzipats behandelt, sondern auch Aspekte wie dessen Religionspolitik, mit der er sich eine Aura des Sakralen verleihen konnte. Doch selbst der politische Durchbruch Augustus als Prinzeps gerät bei Kienast zu einem brüchigen Bild des Friedens und der Althistoriker lässt klar zu Tage treten wie unsicher sich Augustus Herrschaft ungeachtet dessen Machtakkumulation gestaltete.

Nach Ausführungen zur Hofhaltung Augustus beschäftigt sich ein ganzes Kapitel samt Unterteilungen schließlich Militärwesen und Außenpolitik Augustus. Dabei gerät schon früh die Frage in den Mittelpunkt, ob das Imperium nicht mit zu wenig Legionen ausgestattet worden war. Kienast stellt diesbezüglich die Möglichkeit in den Raum dass Augustus Militärpolitik Ausdruck eines messerscharfen Kalküls war, hatte der Prinzeps die Truppen doch lange aus eigener Tasche bezahlen müssen. Anlass für die drastisch wirkende Beschränkung der Kampfstärke des Imperiums dürfte aber vorwiegend das Anliegen gewesen zu sein, die Heere als politischen Faktor auszuschalten. Nach Ausführungen zur Wirtschafts- und Baupolitik setzt sich Kapitel VII. schließlich mit einem in anderen Biografien nur angestriffenen Thema auseinander, der Reichspolitik Augustus, die aus einer Republik mit verbündeten Vasallenstaaten ein wahres Imperium formen sollte.

- Resümee -
Eine überragende Biografie, die soviel mehr ist als nur ein Lebensbild Augustus. Dietmar Kienast zeichnet nicht nur Oktavians Aufstieg nach, sondern setzt sich auf diesem Weg und darüber hinaus mit virulenten Fragen zur politischen Geschichte hinter Augustus Triumph auseinander. Detailliert, umfangreich und durch Kienasts angenehm lesbaren Erzählstil, sowie den mehr politisch- als kulturhistorischen Zugang zur Materie ein höchst lesenswertes Werk. Der einzige Makel ist lediglich die Verwendung manch lateinisierter (in lateinischer Schrift abgedruckter) Bezeichnungen.

[Diese Rezension basiert auf einem kostenfreien Rezensionsexemplar]


Cicero
Cicero
Preis: EUR 23,99

5.0 von 5 Sternen Bringmanns definitive Cicero-Biografie, 23. Januar 2017
Rezension bezieht sich auf: Cicero (Kindle Edition)
Mit Studien zum späten Cicero hat sich Klaus Bringmann einst habilitiert und die Jahre seiner Lehrtätigkeit haben ihn immer wieder zum größten Redner der späten Römischen Republik zurückgeführt. Rückblickend ist der Althistoriker überzeugt heute ein besseres Verständnis dieser faszinierenden Persönlichkeit erlangt zu haben und dieser Einsicht heraus hat sich Bringmann an seine definitive Cicero-Biografie herangewagt, ein Buch als Schlussstrich unter eine jahrelange Beschäftigung mit diesem Mann der doch in und an der Politik seiner Zeit gescheitert ist.

Gewidmet ist das Buch interessanterweise einem allgemeinen Publikum und damit einem möglichst großen Leserkreis. Anstatt jedoch wie andere Autoren nur einen Überblick über die Forschungserkenntnisse zu diversen Spezialthemen der römischen Geschichte und Ciceros Lebzeiten zu geben führt Bringmann nicht einfach durch die Forschungsgeschichte, sondern hat seine Cicero-Biografie eigenhändig und vollständig aus den Quellen heraus erarbeitet. Und von diesen gibt es mit 864 erhaltenen Briefen, davon allein 426 an Intimfreund Atticus, dem Cicero alles anvertraute, reichlich. Dazu kommen noch jene 58 Reden die er mit Hilfe Atticus einst selbst publizierte, zum Zwecke der Selbstdarstellung, aber auch weil schon Cicero meinte seine Musterreden besäßen didaktischen Wert. Anstatt sich also bei anderen Autoren zu bedienen und deren Meinung zu spiegeln hat sich Bringmann die Mühe gemachte eine genuin eigene Darstellung zu wagen, auf die andere dereinst wieder aufbauen können. Zum Ziel gesetzt hat sich der Althistoriker jedoch wesentlich ein abwägendes und pathosfreies Bild Ciceros zu vermitteln.

Bringmanns Biografie beginnt wo auch das Leben Marcus Tullius Ciceros begann, in Arpinum, wo sich in der Stadtnobilität die Tulii, Marii und Gratidii besonders hervorgetan hatten. Doch bis zu Ciceros Aufstieg sollte Gaius Marius der größte Sohn der Stadt bleiben. Der junge Cicero sollte jedoch zunächst einen typischen Lebensweg für die römische Jugend seiner Zeit einschlagen und schon in jungen Jahren mit griechischer Kultur und Bildung vertraut gemacht werden. Auch er war ein Produkt der Hellenisierung der geistigen Elite Roms und so steht im Zentrum seiner Jugend und seines Karrierebeginns auch die Bildungsreise nach Osten, auf welcher er sich Apollonius Molons Rednerkünste aneignete und seine Ausbildung vervollständigte. Bis zu diesem Punkt an dem er nach Rom zurückkehrte, um seine Karriere als Rechtsanwalt und auch seine politischen Ambitionen zu verfolgen war Cicero ein Niemand und der hätte er auch bleiben können.

Eine der Kernbotschaften Bringmanns Cicero-Biografie ist dass sich der frühe Cicero noch deutlich im Rahmen des für ihn wie seine Standesgenossen möglichen bewegte und keineswegs für den großen Durchbruch seines Lebens prädestiniert war. Cicero als typischer Römer gewissermaßen. Eine wichtige Rückbesinnung auf das wesentliche, wenn man bedenkt mit welchen Pathos manch andere Autoren den jungen Cicero in der Vergangenheit und auch Gegenwart über seine Zeitgenossen empor gehoben haben. Dementsprechend war auch Ciceros Wahl zum Konsul keine Selbstverständlichkeit, konnte er sich doch als erster seit dem Jahre 94 v. Chr. nicht auf das Beziehungsnetzwerk der Nobilität berufen. Noch entscheidender als Ciceros Wahlkampfpraxis keinen konkreten Standpunkt zu beziehen und einfach allen alles zu versprechen war es dass er sich dem neuen Machtzentrum unter Pompeius und dessen loyalen Volkstribunen angenähert hatte.

Zurückführen auf Bringmanns Bemühungen ein Cicero-Bild fern von Verklärung und Verdammung zu zeichnen lässt sich indes, dass der Althistoriker eben nicht nach genuinen Eigenschaften Ciceros sucht, um ihm eine Prädestination zu unterstellen, sondern den großen Rhetoriker vorwiegend als Spielball und Opfer der politischen Entwicklungen präsentiert. Damit reduziert Bringmann auch die Charakterdarstellung auf das Notwendigste und konzentriert sich mehr auf die Person als den Charakter Cicero. Die Biografie ist auch kein Exkurs in römischer Geschichte, auch wenn sie sehr detailreich gestaltet ist.

Fazit:
Sachlich im Ton und auf das Wesentliche konzentriert eine Cicero-Biografie fern von Verdammung und Verklärung.

[Diese Rezension basiert auf einem kostenfreien Rezensionsexemplar]


Schmutzige Demokratie: Ausgehölt - Ausgenutzt - Ausgelöscht?
Schmutzige Demokratie: Ausgehölt - Ausgenutzt - Ausgelöscht?
von Jürgen Roth
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,00

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Abschreckende Beispiele eines Verfalls der Demokratie, 17. November 2016
Wenn man in der ebenfalls im Ecowin-Verlag veröffentlichten WORTMELDUNG des ehemaligen österreichischen Bundespräsidenten Heinz Fischer davon liest, dass die Demokratie keinesfalls unerschütterlich ist wird man ihm wahrscheinlich zustimmen, aber sich noch nicht sonderlich durch diese Worte bewegt fühlen. Anders verhält es sich wohl nach der Lektüre von Jürgen Roths SCHMUTZIGE DEMOKRATIE, denn der investigative Journalist Roth nimmt sich in seinem Werk kein Blatt vor den Mund und spricht seine Befürchtungen offen aus. Roth wendet sich in SCHMUTZIGE DEMOKRATIE gegen die Macht der Neoliberalen und den rechten Rand, die ein unheilvolles Bündnis eingegangen sind.

Schon das Vorwort von SCHMUTZIGE DEMOKRATIE ist unerwartet emotional und geißelt die sozialpolitische Verantwortungslosigkeit der wirtschaftlichen und politischen Elite, den Aufstieg nationalistisch-rassistischer Politiker und wie diesen Millionen folgen. Roth will eigentlich gar nicht zuviel darüber nachdenken, denn er glaubt es könnte seine geistige Gesundheit gefährden und wer sich selbst schon einmal in ähnlichen Gedanken verfangen hat wird ihm wohl zustimmen. Die Verführer der Massen brillieren in Verlogenheit und predigen mehr für alle, während sie dann doch nur eine noch ungebremstere Klientelpolitik verfolgen. In den Sozialen Medien geistern Lügenmärchen und urbarn legends herum, die fleissig genutzt werden, um den Mob anzuheizen und von den wirklich wichtigen Themen wie den Abbau des Sozialstaats abzulenken. Die Demokratie ist in Gefahr, doch von wem wird sie tatsächlich bedroht? Genau dieser Frage widmet sich Jürgen Roth gleich im ersten Kapitel von SCHMUTZIGE DEMOKRATIE und er kommt dabei zum Schluss, dass Europa drauf und dran ist seine Rechtsstaatlichkeit, Solidarität und seinen Humanismus zu verlieren. Was bleiben sind hohle Floskeln.

Zeitweise noch etwas wichtiger als die Argumentation woran die Demokratie wirklich krankt, ist Roth seine Kritik am Aufstieg "national-konservativer" Parteien, denn wie auf Seite 15 festgehalten sind laut Roth "fast alle rechtsextremen und rechtspopulistischen Parteien tief in korrupte und mafiose Machenschaften eingebunden" und genau das soll sein Buch auch belegen. Spätestens wenn sie den Gipfel der politischen Macht erreichen, soll es wie in den osteuropäischen Staaten zu einer "Verschmelzung von Korruption und organisierter Kriminalität" kommen.

Im Zuge von Roths Kritik am europäischen Umgang mit der Flüchtlingskrise wendet sich der deutsche Journalist auch Österreich und der Rolle eines Außenministers Sebastian Kurz zu. Die Verteidigung der Festung Europa fordert Menschenleben und Roth spricht diesen Umstand ungeschönt aus, wobei er auch Berichte des Arztes Ijos Bietzker verwendet, der die Hölle von Idomeni am eigenen Leib erfahren hat. Diese Bereitschaft Menschen "elend verrecken" zu lassen führt Europas Selbstdarstellung als Hüterin der Menschenrechte ad absurdum und diskreditiert die EU und ihre politische Führungsschicht. Die Anstürme auf die spanischen Exklaven Ceuta und Mellila liegen in weiter Ferne, doch vor Idomeni ließen sich die Augen weit schwerer verschließen. Währenddessen nutzt man die Debatten über die Kosten für die Aufnahme von Flüchtlingen, um jene über Steuerflucht und andere für die politische und wirtschaftliche Elite unangenehme Themen an den Rand des öffentlichen Bewusstseins zu drängen. Auf diese Weise argumentiert Jürgen Roth in SCHMUTZIGE DEMOKRATIE und wer damit nichts anfangen kann, dem sollte man von der Lektüre des Werks wohl eher abraten. An den Beispielen Ungarns, Tschechiens und der Slowakei führt Roth außerdem vor, wie gerade in Staaten mit weit unterdurchschnittlichen Migranten-Anteil die rassistische Hetze am schlimmsten ausfällt.

Roths Kritik an Viktor Orban, dem Vizepräsidenten der Europäischen Volkspartei (in der auch CDU/CSU und ÖVP vertreten sind) enthüllt wie dieser in Ungarn eine illiberale Demokratie installiert hat, die sich durch die Bereicherung der Elite, sozialen Kahlschlag, Hetze und Zensur auszeichnet. Doch im Windschatten von Orbans Fidesz-Partei liegt die noch radikalere Jobbik längst bei 20% und unterstützt rechtsradikale Milizen, die völkisches Gedankengut hervorkramen und Gewalttaten gegen Roma verherrlichen. Man kann zur Lage Ungarns auch auf den Journalisten Paul Lendvai verweisen, der ebenfalls einige Werke über seine Heimat im Ecowin-Verlag veröffentlicht hat. "Das ungarische Modell" beinhaltet auch einen Innenminister, der als ehemaliger Polizeichef während der Hochblüte des Organisierten Verbrechens abgesetzt wurde und später ein undurchsichtiges Netz von Sicherheitsfirmen etablierte.

Weniger ausführlich, aber durchaus noch umfangreich widmet sich Roth nach Viktor Orban auch Milos Zeman, Vaclav Klaus und sogar Robert Fico, ehe er sich der Türkei eines Recep Tayyip Erdogan zuwendet. Den rechtsextremen Grauen Wölfen und Erdogans Politik hat Roth bereits frühere Werke gewidmet, doch er wendet sich wie vor allem auch im Fall der osteuropäischen Staaten der Verbindung zwischen Regierung und Organisiertem Verbrechen zu. So ist es Erdogan etwa gelungen Einfluss auf die Mafia zu nehmen und diese für weniger legale Aktionen einzuspannen, wobei der Mafioso und Graue Wolf Sudat Peker eine Schlüsselrolle spielt.

Das Buch endet schließlich mit einer gesalzenen Kritik am neoliberalen System und wer vom Kaputtsparen unseres Sozialsystems wirklich profitiert. Gerade von diesem politischen Kapitel hätte ich gerne mehr gelesen, aber dafür gibt es wohl andere Werke Roths.

- Resümee -

Ein Werk das versucht sich mehreren Themen gleichzeitig zu widmen und dabei etwas vom eigentlichen Ziel wegdriftet. Orban, Erdogan, Rechtspopulismus und die Verantwortungslosigkeit der Neoliberalen - es ist sehr viel womit sich SCHMUTZIGE DEMOKRATIE beschäftigt und dabei von Österreich oder Deutschland wegführt. Interessant ist der Inhalt allemal, aber man sollte schon wissen worauf man sich einlässt, denn sonst ist das vielleicht nicht das Buch nach dem man gesucht hat. Für diesen Fall empfiehlt es sich aber wohl doch Rezensionen zu lesen. Roths teilweise sehr emotionale Sprache kann dem einen durchaus störend vorkommen, doch wenn man (wie eingangs erwähnt) selbst schon ähnlich wie Roth an der Korruption und Verlogenheit der Politik verzweifelt ist, fühlt man sich dieser Sichtweise sehr verbunden.

[Diese Rezension basiert auf einem kostenfreien Rezensionsexemplar]


Die Chaos-Königin: Hillary Clinton und die Außenpolitik der selbsternannten Weltmacht
Die Chaos-Königin: Hillary Clinton und die Außenpolitik der selbsternannten Weltmacht
von Diana Johnstone
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Hillary Rodham Clinton: Die verhinderte Kriegspräsidentin?, 16. November 2016
Liest man Diana Johnstones Buch, so erkennt man wie ausweglos die Lage für manchen US-amerikanischen Wähler 2016 gewirkt haben mag. Auf der einen Seite Donald Trump, auf der anderen die in den europäischen Medien deutlich milder behandelte Hillary Clinton. Dass Clinton 2008 in den Vorwahlen dem späteren US-Präsidenten Barack Obama unterlegen ist lag schon damals daran, dass man die ehemalige First Lady zu sehr als Teil des Establishments wahrnahm und ihr keinen "Change we can believe in" zutraute. Nun ist Clinton 2016 erneut gescheitert und das gegen den politischen Außenseiter Trump. Von 2009 bis 2013 diente Hillary Clinton als Barack Obamas Außenministerin und es sind genau diese 5 Jahre die ihr die ehemalige Pressesprecherin der Grünen im Europäischen Parlament, Diane Johnston, zur Last legt. Als mächtige US-Außenministerin prägte Clinton eine Politik, die 2016 durchaus einige Analysten mit Sorge erfüllte, ob die von europäischer Seite aus bevorzugte Wahl Clintons nicht doch einige Schattenseiten haben könnte.

- Die gemeinsame Kandidatin der Neokonservativen und liberalen Interventionisten -

Dass Clinton im Wahlkampf sogar die Unterstützung namhafter Republikaner und Neokonservativer, wie Paul Wolfowitz, erhielt war bereits bezeichnend dafür, dass sie nicht unbedingt die friedliebendste Wahl werden würde. Johnstones Buch macht eines deutlich, Clinton gehört eindeutig dem Lager der Falken an und übte unter dem Deckmantel eines liberalen humanitären Interventionismus politischen und militärischen Druck aus, der schlussendlich doch dazu dienen sollte die Vormachtstellung der USA aufrecht zu erhalten. Clintons Haltung gegenüber Russland könnte nicht stärker von Trumps abweichen und wirkte förderlich für jeden anti-russischen Scharfmacher in den Washingtoner Denkfabriken. Diane Johnstones Grundlinie in ihrer Argumentation gegen Clinton ist der Umstand, dass es sich bei der Ex-Außenministerin um eine überzeugte Verfechterin gewaltsamer Regimewechsel handelt, egal welches Chaos diese auch heraufbeschwören mögen.

Schon relativ früh entlarvt Johnstone die CHAOS-KÖNIGIN als jemanden der fest von der Überlegenheit der USA überzeugt ist und als Babyboomer noch in dieses Bewusstsein hinein geboren wurde. Für Clinton ist der Erhalt des ersten Platzes in der Weltordnung ein nationales Ziel, doch das amerikanische Imperium ist nach Johnstone ein verantwortungsloses. Es errichtet in seinen Kolonien keine Infrastruktur und hinterlässt nur Chaos, in dem schließlich radikale Gruppierungen wie der IS aufblühen können. Die 1934 geborene Johnstone wuchs noch in einer anderen Welt auf, als die 1947 geborene Clinton und so ist ihr Blick auf die Jüngere vielleicht auch noch etwas klarer. Als in Frankreich lebende US-Amerikanerin, die mit der Friedensbewegung in Berührung kam und russische Regionalwissenschaften und Slawistik studiert hat nimmt Diana Johnstone eine ungewöhnliche Beobachter-Rolle ein, denn sie hat einen völlig anderen Blickwinkel als die Mehrzahl der europäischen und amerikanischen Wahlbeobachter. Das macht Johnstones Standpunkte und Argumente auch besonders interessant, eben weil sie außerhalb zu stehen scheint. Johnstone lehnt auch das Argument ab, Clintons Wahl bzw. ihre ganz bewusste Inszenierung als weibliche Kandidatin hätte eine Verbesserung der gesellschaftlichen Stellung aller Amerikanerinnen garantiert. Dieser Hoffnung stellt Johnstone das Beispiel weiblicher Regierungschefs in südostasiatischen Staaten gegenüber, in denen sich rein gar nichts bewegte, auch wenn es eine Frau als Präsidentin oder Premierministerin gab.

- Die schmutzige Außenpolitik der USA –

Von den USA trainierte Militärs stürzen einen als Diktator verunglimpften Regierungschef, weil dieser sich gegen eine US-freundliche Elite und deren Wirtschaftsinteressen durchzusetzen drohte – klingt wie ein Szenario aus dem vergangenen Jahrhundert? Doch im Fall des honduranischen Präsidenten Manuel Zelaya wiederholte sich 2009 was die USA seit Jahrzehnten duldeten oder sogar aktiv unterstützten. Beispiele wie dieses sind es, die Johnstones CHAOS-KÖNIGIN ins Zwielicht rücken und den Eindruck vermitteln die Vereinigten Staaten wären unter einem isolationistischen Präsidenten vielleicht besser dran. Johnstone zitiert so auch eine im April 2014 durchgeführte Studie der US-Universitäten Princeton und Northwestern, wonach die USA mittlerweile eine von Wirtschaftseliten geführte Oligarchie sind und das sollte niemanden überraschen, der die Macht der Lobbys in Washington kennt. Der vom scheidenden Dwight D. Eisenhower kritisierte militärisch-industrielle Komplex erlebte den Kalten Krieg als Wirtschaftsmotor und heute sind es Gruppierungen wie die Pro-Israel-Lobby die durch finanzielle Zuwendungen Einfluss auf die US-Außenpolitik nehmen, bis ihre Einflüsterer sogar selbst an den Schalthebeln der Macht sitzen.

Clintons Hang zum Einsatz von Smart Power beinhaltet auch die postdemokratische Idee NGOs gegen Regierungen auszuspielen, zumal sich solche Nichtregierungsorganisationen auch sehr effizient durch die Wirtschaft finanzieren und beeinflussen lassen. Wäre Johnstones Argumentation auf diesem Gebiet nicht so schrecklich nahe am Puls der Zeit man könnte sie vielleicht abtun, aber so beginnt man zu verstehen was wirklich dahintersteckt, wenn russische Diplomaten oder andere nicht durch die USA beeinflusste Regierungsvertreter den ungebührlichen Einfluss Amerikas kritisieren.

Der Einfluss von Exilanten-Lobbys auf die US-Außenpolitik, die Hilfe von milliardenschweren Gönnern für ihre Kandidaten in Washington, es verwundert nach Johnstones Darstellung nicht mehr, dass diese USA sich als verantwortungsloses Imperium verhalten. Und Johnstone bringt auch keine Heilsbringer oder Patentlösungen ins Spiel, sondern stellt die Dinge einfach dar wie sie sind. Dafür kann man sie nun schätzen oder ablehnen, denn sie öffnet dem Leser die Augen und was man sieht hat wenig mit dem Wohl der Menschheit zu tun. Ein interessanter Kritikpunkt ist auch Johnstones Feststellung, dass die US-amerikanische Linke längst den Schutz von Minderheiten über das Wohl der Mehrheit im Programm hat. Auch hier wirken sich wohl wieder Lobbys auf die US-Politik aus, denn Communitys lassen sich wohl leichter zur Wahlurne bewegen oder zu Spenden aufrufen als die breite Mehrheit. So gerät der Durchschnittsamerikaner allmählich unter die Räder. Der angebliche Minderheiten-Schutz wird von gewieften US-Außenpolitikern wie Clinton schließlich auch wieder als Pfeil in ihrem Köcher wahrgenommen, um mittels eines Teilen und Herrschen die Interessen der USA durchzusetzen.

Es überrascht, wenn eine ehemals von den Grünen beschäftigte Pressesprecherin Aussagen wie auf Seite 123 von sich gibt: "Die westlichen Mächte nähren ihren Anspruch als weltweite Unterstützter der Freiheit, indem sie Pussy Riot und Femen hochloben, während authentischer sozialer Protest in wachsendem Maß ausspioniert, unterdrückt, marginalisiert und ignoriert wird." Innerhalb ihres Analyserahmens liegt Johnstone mit dieser Aussage völlig richtig, denn die Demokratin Clinton und ihr Gefolge beschäftigt sich in ihrer Außen- und Innenpolitik längst nicht mehr mit dem Allgemeinwohl, sondern mit Sonderinteressen finanziell potenter Unterstützer. Die breite Masse der Wähler wird da schon mit Slogans und anderen Mitteln eingewickelt, während die wirkliche Politik von einigen wenigen beeinflusst wird.

- Russland verstehen -

Dass Johnstone Wladimir Putin ganz ohne Sarkasmus als gewähltes Staatsoberhaupt Russlands ist etwas woran sich mancher Leser vielleicht erst gewöhnen muss, es ist jedenfalls ungewöhnlich, wenn man Putin sonst von den Massenmedien nur als Schein-Demokrat vorgeführt bekommt. Die Slawistin Johnstone bemüht sich redlich den russischen Standpunkt zu verstehen und öffnet sich damit auch Kritik aus dem Lager jener die Russland lieber weiterhin als Teil einer Achse des Bösen sehen würden. Dabei betont Johnstone auch wie einseitig die Berichterstattung in der Weltpolitik abläuft und wählt als ihr Beispiel dafür den Kosovokrieg, dem sie sich in einem früheren Werk bereits ausführlich gewidmet hat. Johnstones Verteidigung Putins, Serbiens und Milosevics wirkt unkonventionell und lässt sich doch nicht als völlig unbegründete Übernahme russischer Propaganda abtun. Im schlimmsten Fall lässt sich Johnstone unterstellen, sie hätte die Kriege der USA aus einer kritischen französischen Perspektive erlebt und diese für sich übernommen.

- Failed States als Vermächtnis –

Während der Kosovo als gescheiterter Staat (in dem die Einschüchterung und Ermordung von Zeugen der Anklage in Kriegsverbrecherprozessen ein offenes Geheimnis ist) das Konto Bills geht, hat Hillary als Außenministerin Libyen den Stempel ihrer Außenpolitik aufgedrückt. Das von einer durch Frankreich angeführten Allianz bombardierte Libyen wird in DIE CHAOS-KÖNIGIN zum Schauplatz von Johnstones Versuch auch dem exzentrischen Diktator Muammar al-Gaddafi einige gute Seiten abzugewinnen. Johnstone porträtiert Gaddafi als einen populären Anführer, der sein Herrschaftsmodell auf seinen sonst kaum regierbaren Wüstenstaat zugeschnitten hatte und Islamisten bekämpfte, während diese von den USA gefördert wurden. Als sich Clinton sich voller Elan in die Befreiung Libyens stürzte wurde der demokratische Protest in Bahrain mit Billigung der USA im Keim erstickt.

- Resümee –

Diana Johnstones DIE CHAOS-KÖNIGIN ist ein in manchen Augen sicher sehr provokantes Werk, dem sich zugutehalten lässt, dass es sich nicht scheut unangenehme Tatsachen auszusprechen und in Verbindung zueinanderzusetzen. Die in Clinton gesteckte Hoffnung als 45. US-Präsidentin wäre womöglich bitter enttäuscht worden.

[Diese Rezension basiert auf einem kostenfreien Rezensionsexemplar]
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 15, 2017 6:12 PM CET


Die Akte Trump
Die Akte Trump
von David Cay Johnston
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,00

8 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die nicht so weiße Weste des 45. US-Präsidenten, 16. November 2016
Rezension bezieht sich auf: Die Akte Trump (Gebundene Ausgabe)
Donald Trumps Wahlkampfrhetorik hat provoziert und die USA im internationalen Ansehen wohl zurück auf die Stufe während der Jahre unter George W. Bush befördert. Doch bei aller Aufregung über die Pläne und Aussagen Trumps gingen dessen tatsächliche Machenschaften als Imobilientycoon und Geschäftsmann weitgehend unter. David Cay Johnston hat mit seiner AKTE TRUMP keine weitere Biografie des neuen US-Präsidenten vorgelegt, sondern versucht Trump anhand dessen dubioser geschäftlicher Machenschaften darzustellen, wobei er auch auf Trumps Vater und Großvater verweist. Schon der Auswanderer Frederick Trump und sein Sohn Frederick Christ Trump kultivierten unsaubere Geschäftskontakte. Die Stoßrichtung von Johnstons Werk ist nicht verwunderlich, denn als investigativer Journalist hat sich dieser den Ruf erworben ein Experte in steuerrechtlichen Angelegenheiten und Vermögensdelikten zu sein. Von Johnston stammt wohl auch die Theorie, dass Donald Trump womöglich gar kein Milliardär ist.

- Von Juni 1988 bis Juni 2015 -

Als Trump im Juni 2015 verkündete als US-Präsident kandidieren zu wollen wurde er von vielen Journalisten belächelt, doch der Pulitzerpreisträger Johnston war nach eigener Aussage überhaupt nicht von Trumps Schritt überrascht, immerhin verfolgte er dessen Karriere seit ihrer ersten Begegnung im Juni 1988, als Johnston über das Casinowesen in Atlantic City recherchierte. In Atlantic City versuchte Trump mit einem Casino Fuß zu fassen, ohne auch nur die geringste Ahnung von der Führung eines solchen zu haben.

Über die Jahre ist Johnston am Ball geblieben und hat zahllose Fakten zu den Unternehmungen Trumps zusammengetragen, die den designierten Nachfolger Barack Obamas in einem schiefen Licht erscheinen lassen. So charakterisiert Johnston Trump als einen rachsüchtigen und großspurigen Blender, der von seinem Ego getrieben wird. Aus europäischer Sicht wirken diese einschlägigen Schilderungen Trumps Verhalten ein wenig wie die Karikatur eines typischen korrupten US-Geschäftsmanns. Johnstons Trump besticht, lässt sich bestechen, nimmt es mit der Wahrheit nicht so genau, verprellt kleine Anleger, verleiht sich selbst Auszeichnungen und liebt es wenn er in den Boulevardblättern gut dasteht. Laut Johnston unternimmt Trump nichts wovon er nicht auch profitiert und so finanzierte er mit seinem Präsidentschaftswahlkampf auch fast exklusiv seinen eigenen oder ihm nahestehende Unternehmen, indem er entsprechende Dienstleistungen quasi bei sich selbst einkaufte und so Spendengelder in die eigene Tasche umleitete.

- Die Trumps -

Johnstons Darstellung der Trumps als schrecklich erfolgreicher Unternehmerfamilie beginnt bereits mit Großvater Frederick und bezieht auch bereits die nächste Generation der Trumps mit ein (Donald Trump Jr. und Ivanka Trump). So gesehen zielt Johnston nicht auf den Politiker Trump, sondern den Unternehmer (wobei es den Politiker Trump vor seiner Präsidentschaftskandidatur auch noch gar nicht gab). Inwieweit man es Donald Trump vorhalten kann, dass sein Großvater womöglich Bordelle betrieben hat und sein Vater bei einer Straßenschlacht auf Seiten des Ku-Klux-Klans teilnahm, sei allerdings dahingestellt. Der investigative Journalist Johnston schreibt flüssig und mit Nachdruck, aber er hat das Problem einerseits mit der sehr trockenen Materie von steuerrechtlichen Winkelzügen zu arbeiten und andererseits durchaus einseitig zu wirken. Die eindeutige Ausrichtung der AKTE TRUMP ist in jedem Kapitel des Werks erkennbar. Stellenweise stellt sich auch die Frage, ob Johnston bei seinen Lesern Vorinformationen über Trump voraussetzt (so als würde er Hintergründe beleuchten, die von anderen Medien ausgeblendet wurden) oder ob das Buch gar nicht den Anspruch verfolgt eine Art Kompendium zu Trumps Machenschaften zu sein. Man könnte sogar meinen die AKTE TRUMP wäre eigentlich eine lose Zusammenstellung von verschiedenen Artikeln über Trump.

Im Kapitel über Trumps Familiengeschichte erfährt man schlussendlich auch, dass Trumps Großvater sehr früh verstarb und Trumps Vater bereits als Teenager zusammen mit seiner Mutter das erste Unternehmen gründete. Frederick Christ Trump errichtete mit seinen Kindern schließlich ein Familienunternehmen, dessen designierter Erbe Fred Jr. sich jedoch mit seinem Vater überwarf, womit sich die Chance für Donald ergab die Führung zu übernehmen. Als Millionärssohn und Erbe des Familienunternehmens entspricht The Donald dann doch nicht ganz dem Bild eines Selfmade-Milliardärs, wobei er sich ja vielleicht wirklich selbst zum Milliardär erklärt hat. Donald Trump bewertet die Höhe seines Vermögens auch gerne nach seiner Stimmungslage und beziffert den Wert seiner Immobilien in Interviews gerne deutlich höher als gegenüber den Steuerbehörden. So gesehen ist für den spitzfindigen Steuerfahnder Johnston durchaus etwas dran an der Theorie, Donald Trump könnte zumindest auf dem Papier überhaupt kein Milliardär sein. Mehr Schein als Sein, so lassen sich auch einige der Projekte Trumps mit seinen Kindern bezeichnen. In Baja und Waikiki erlaubte Trump etwa die lizenzierte Nutzung seines Namens als Täuschung gutgläubiger Wohnungskäufer. Dass auch Ivanka und Donald Jr. an diesen Fällen mitwirkten, wobei die Lizenz-Verträge selbst per Klausel geheim zu halten waren, wirft ein Schlaglicht auf die Geschäftspraktiken der Trumps.

- Trump und die Mafia -

Interessant ist zweifellos wie Trump als New Yorker Bauunternehmer mit Hilfe seiner aus dem Dunstkreis der Organisierten Kriminalität stammenden Kontakte sogar Streiks umgehen kann und Gewerkschaften nicht zu fürchten braucht. Mit seinem zeitweiligen Senior Advisor Felix H. Satter (dem Sohn eines russischen Mafiosi und selbst verurteilten Aktienbetrüger) oder Joey No Socks/The Preppy Don Joseph Cinque (einem Drogendealer und Hehler für hochklassiges Diebesgut) beweist Trump wohl zumindest, dass er es mit Backgroundchecks für seine Mitarbeiter nicht so genau nimmt. Unterm Strich wird Trump zwar kein Mord oder eine vergleichbare Gewalttat unterstellt (abgesehen von den Trafficking-Vorwürfen um Trumps Model-Agentur), aber er steht zumindest als betrügerischer Geschäftsmann mit einem Hang zur Steuerhinterziehung, Skrupellosigkeit und sehr dubiosen Geschäftskontakten da. Dazu kommen gewisse Schrulligkeiten, die sein Ego betonen, wie die Zeit als Trump selbst versuchte unter dem Pseudonym John Barron und später als John Miller Klatschgeschichten über sich zu verbreiten.

Fazit:
Ein lesenswerter Einblick in die dubiosen Geschäftspraktiken eines Donald Trump.

[Diese Rezension basiert auf einem kostenfreien Rezensionsexemplar]


Winter is Coming: Die mittelalterliche Welt von Game of Thrones
Winter is Coming: Die mittelalterliche Welt von Game of Thrones
von Carolyne Larrington
  Taschenbuch
Preis: EUR 19,95

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine klare Empfehlung für jeden Fan, 16. November 2016
Der Winter kommt und damit auch das Weihnachtsgeschäft (jedenfalls zum Entstehungszeitpunkt dieser Rezension). Wenn man sich fragt, was man einem enthusiastischen Game of Thrones-Fan schenken könnte, dann dürfte Carolyne Larringtons WINTER IS COMING eine gute Wahl sein.

Dass Erfolgsserien eigene Begleitwerke hervorbringen ist kein neues Phänomen und manchmal ziehen diese Serien auch durchaus renommierte Wissenschaftler an, die interessierte Leser dann von ihrem Fachwissen profitieren lassen. Wenn ich daran denke, was ich während des Dan Brown-Hypes vor einigen Jahren alles über die katholische Kirche, die Bibel oder die frühchristliche Kirche gelernt habe, dann fühle ich mich bei jedem Stück Begleitliteratur, das ein fiktives Werk zum Anlass nimmt realhistorische Ereignisse zu beleuchten, an diese Zeiten erinnert. Als Leser der mit solchen Werken schon seine Erfahrungen gemacht hat fragt man sich allerdings meistens wie die betreffende Lektüre denn geschrieben ist. Im Fall von WINTER IS COMING kann man als Fan wohl beruhigt sein, das Werk liest sich sehr gut und ist frei von auch gelegentlich auftretenden Versuchen Teile eines Plots auf gegenwärtige politische Situationen umzumünzen.

Carolyne Larrington ist Game of Thrones-Fan (sie twittert sogar als @profcarolyne über ihre Leidenschaft) und Professorin für mittelalterliche Literatur an der Universität von Oxford. Nun könnte man sich von WINTER IS COMING eine völlig verklausulierte Abhandlung des Phänomens Game of Thrones erwarten, doch man erhält das Werk eines Fans für Fans. Carolyne Larrington gibt sich in WINTER IS COMING nicht als hochpräzise Wissenschaftlerin, sondern als Fan, die versucht ihre beiden Leidenschaften miteinander in Einklang zu bringen, indem sie interessierten Lesern eine Vielzahl von Hintergründen aus George R.R. Martins Epos erklärt. Das Buch ist gut geschrieben und meinem Eindruck nach wohl auch gut übersetzt, da es sich sehr flüssig und ohne befremdliche Stellen lesen lässt.

Möglicherweise könnte es auch zu einem Update des Werks kommen, denn die 2016 veröffentlichte Ausgabe endet mit den Ereignissen der fünften Staffel und kann die Entwicklungen aus der sechsten erst im Nachwort berücksichtigen. Vor Spoilern wird im Werk ausdrücklich durch Randmarkierungen gewarnt, sollte sich jemand zu den Unbefleckten (Unsullied) zählen, wie die Spoiler-Verweigerer im GoT-Fandom genannt werden. Gerade deutschsprachige Leser des Lieds von Feuer und Eis wissen wohl auch zu schätzen, dass sich Übersetzer Jörg Fündling die Mühe gemacht hat die in der deutschen Übersetzung aufgeteilten Romane zu erfassen und zu erfassen. Auch wenn das Werk grundsätzlich nur die ersten fünf Staffeln erfasst ist zwischen der Einleitung und dem ersten Kapitel eine Auflistung aller Romane und aller Episodennamen aller bisher veröffentlichten sechs Serienstaffeln enthalten.

Wie die Autorin betont sind Ereignisse wie die Rosenkriege für GoT keine direkten Vorlagen, sondern nur Einflüsse, die zur Gestaltung der Roman- und Serienwelt beigetragen haben. So ist WINTER IS COMING eine kleine Mittelalterkunde, die ich als historisch interessierter Mensch sehr empfehlenswert finde. Anhand der Verhältnisse in der Serie widmet sich WINTER IS COMING etwa auch einer Beschreibung des realen mittelalterlichen Erbrechts und seiner Konsequenzen. Manche der von Larrington aufgedeckten Querverbindungen sind vielleicht sogar interessanter als jene an die man selbst gedacht hat, so bezieht sie sich auch sehr gerne auf nordische Sagen und setzt Braavos weniger mit Venedig, als mit Brügge gleich.

Fazit:
Ein Werk das sich jedem Game of Thrones-Fan empfehlen lässt und aus dem man einiges über das europäische Mittelalter lernen kann.

[Diese Rezension basiert auf einem kostenfreien Rezensionsexemplar]


Invasion der Zukunft: Die Welten der Science Fiction
Invasion der Zukunft: Die Welten der Science Fiction
von Hans-Peter von Peschke
  Taschenbuch
Preis: EUR 29,95

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Überraschend umfassend, 16. November 2016
Einen "konkurrenzlos umfassenden Überblick zu allen Themen der Science Fiction in Literatur, TV, Film, Comic und Computerspiel" verspricht bereits der Klappentext zu Hans-Peter von Peschkes INVASION DER ZUKUNFT und der skeptische Leser, besonders wenn man Science Fiction-Fan ist, wird sich fragen, ob das Buch halten kann was es verspricht. Wie zumindest dieser Rezensent bei der Lektüre festgestellt hat ist INVASION DER ZUKUNFT jedoch keine jener dünnen Abhandlungen mancher Journalisten, die so nebenbei mal das Thema Science Fiction abhandeln und dabei mehr ihr Unverständnis offenbaren, anstatt interessante Zusammenhänge darzustellen. Hans-Peter von Peschke ist aber vor allem Fan und so nebenbei auch promovierter Historiker. Was er mit INVASION DER ZUKUNFT vorgelegt hat ist ein Werk, das auch den Ansprüchen von Science Fiction-Fans gerecht werden kann und das alleine ist wohl bereits das höchste Lob, das man aussprechen kann. Mir hat es als Science Fiction-Aficionado jedenfalls sehr gut gefallen und einige Aspekte nahe gebracht, die ich vorher gar nicht so genau wahrgenommen habe.

Ja, INVASION DER ZUKUNFT ist ein Werk in welchem Nitpicker durchaus den einen oder anderen Mangel finden werden, etwa Schreibfehler wie Hikaru Solo, Gene Roddenburry, Battlefront 4 (wobei man diese Zählung durchaus rechtfertigen könnte) oder die konsequente Verwendung von Jedis als Mehrzahl von Jedi. Aber in meinen Augen sind das Kleinigkeiten und jeder Vielschreiber wird wissen wie diese manchmal völlig unbewusst passieren können.

Womit Peschkes Werk wirklich auftrumpft ist ein fast enzyklopädisches Wissen über vergangene und aktuelle Science Fiction-Phänomene, sowie durch die Science Fiction formulierte und eingetretene Zukunftsvisionen (wie das drahtlose Jahrhundert eines Hugo Stross von 1910). Das Werk bietet jedoch deutlich mehr als eine Darstellung wie einige Science Fiction-Visionen der Vergangenheit mittlerweile wahr geworden sind oder noch wahr werden könnten, es wendet sich auch der historischen Entwicklung der Science Fiction und besondere Subgenres zu. So erfährt man von Peschke auch wie sich Technologiegläubigkeit und Technologiesorgen entwickelt haben oder dass Dystopien schon seit einigen Jahrzehnten klar im Trend liegen. INVASION DER ZUKUNFT greift als Überblick auf Werke aus allen Medien zurück, nicht nur auf Filme, Romane und TV-Serien, sondern auch auf Comics, Heftromane und Videospiele. Während vieles in so einer Überblicksdarstellung nur gestriffen werden kann hat sich der Autor jedoch auch für ein Herzensprojekt entschieden, nämlich ein eigenes Kapitel über das deutsche Phänomen Perry Rhodan. Peschke stellt am Beispiel Perry Rhodans dar, was in anderen Franchises ebenso praktiziert wird, nämlich wie sich Reboots, Autorenwechsel und Generationenübergänge in der Fangemeinde auswirken können. Als bekennender Star Wars-Fan, der sich auch mit dem shared universes von Marvel oder DC beschäftigt, würde ich mir sogar ein eigenes Buch über dieses Thema wünschen, es ist jedenfalls etwas, das Fans langlebiger Science Fiction-Sagen eindeutig beschäftigt, vor allem je älter man selbst wird und entweder mit Abneigung auf Reboots oder Sorge um den Fan-Nachwuchs reagiert.

Fazit:
Ein Werk das seinem fast enzyklopädischen Anspruch durchaus gerecht wird. Von einem Fan für Fans!

[Diese Rezension basiert auf einem kostenfreien Rezensionsexemplar]


Journey to Star Wars: The Force Awakens: Lost Stars
Journey to Star Wars: The Force Awakens: Lost Stars
von Claudia Gray
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,39

5.0 von 5 Sternen Von Jelucan bis Jakku, 15. November 2016
~ Vorab ~

Lost Stars ist zwar "nur" ein Jugendbuch, doch es gehört zu den bisher besten Werke des Projekts JOURNEY TO THE FORCE AWAKENS und es ist womöglich sogar das beste Star Wars Jugendbuch, das bisher veröffentlicht wurde (Werke der Star Wars Legends eingeschlossen).

Warum? Weil es die Wurzeln des Imperiums und die gesamte klassische Trilogie durch die Augen zweier durchaus sympathischer Charaktere schildert, die sich nach Alderaan für zwei gänzlich unterschiedliche Wege entscheiden. LOST STARS ist dabei nicht so politisch angehaucht wie die Werke James Lucenos, aber auch nicht so oberflächlich wie die Charakterbiografien eines Ryder Windham. Claudia Grays Werk steht auf eigenen Beinen und erzählt seine Geschichte aus einer einzigartigen Perspektive, durch die Augen ihrer Protagonisten. Die Geschichte ist natürlich spannend, weil keiner von beiden eine Überlebensgarantie besitzt und schon das Titelbild von einem abstürzenden Sternenzerstörer geziert wird.

~ Inhaltsangabe ~

Die imperiale Eroberung des Outer Rim hat nun auch Jelucan erreicht. Zur Feier des "Anschlusses" an das Imperium wird eine große Parade abgehalten, an der auch Groß Moff Tarkin teilnimmt. Für den achtjährigen Thane Kyrell zählt jedoch nur eines, er will die imperialen Raumschiffe sehen und ist begeistert, als er ein Lambda Shuttle entdeckt. Auch die zu den Talbewohnern zählende Ciena Ree verfolgt die Veranstaltung gespannt. Jelucans Aufnahme ins Imperium bietet den Talbewohnern eine Chance zum Aufstieg und den talentiertesten Kindern Jelucans eine Möglichkeit zum Eintritt in die imperiale Akademie. Als sich Thane und Ciena schließlich anfreunden haben sie nur ein Ziel: Piloten im Dienste des Imperiums zu werden. Gemeinsam trainieren sie nun Jahre für die Aufnahmeprüfungen der Imperialen Akademie und avancieren als Kadetten zu den Klassenbesten. Doch die Grausamkeit des Imperiums kennt keine Gnade und so macht der sich anbahnende Konflikt auch keinen Halt vor der Beziehung der beiden Jugenfreunde...

~ Zum Buch ~

Die über 500 Seiten von LOST STARS kommen dadurch zustande, weil auch dieses Jugendbuch, wie seine zahllosen Vorgänger, über einen größeren Schriftgrad und ein geringeres Seitenformat verfügt, als echte Hardcover-Romane. Doch LOST STARS ist packender und "besser“ geschrieben als so ziemlich jedes Jugendbuch das in den letzten Jahren als Teil der Star Wars Legends veröffentlicht wurde. Claudia Gray hat keine Probleme damit ihren Weg in diese Welt zu finden. Grays Darstellungen des Lebens auf einer Outer Rim Welt, in der Imperialen Akademie und im Dienst des Imperiums bzw. der Rebellion sind stimmig und fügen sich nahtlos in jene Vorstellungen ein, die man als Fan hat.

Dass sich LOST STARS zwei begeisterten Piloten widmet ist ein weiterer Bonus des Romans, auch wenn dieser Aspekt auf der Reise zu THE FORCE AWAKENS inflationär gebraucht wird. Auch die Heldin von Greg Ruckas SHATTERED EMPIRE ist eine Pilotin und selbst Chuck Wendigs AFTERMATH macht eine Y-Wing-Pilotin zur Protagonistin. Während AFTERMATH gänzlich in der Ära nach Endor spielt und nur mit Rückblenden zur Schlacht von Endor spielt arbeitet sich LOST STARS nur in diese Ära vor und erklärt einem doch mehr über den Zustand des Imperiums, seinen tiefen Fall und wie das alles so geschehen konnte.

LOST STARS deckt alles ab was in der klassischen Trilogie an Raumschlachten zu finden war. Man ist dabei als die Tantive IV geentert und später Alderaan zerstört wird, man erfährt wie die Scouts auf Dantooine nur eine verlassene Rebellenbasis vorfinden und was aus Vaders Flaggschiff Devastator nach der Zerstörung des Todessterns wurde. Im Gegensatz zum alten EU setzt sich Vader nach Yavin jedoch nicht via Hyperraumsprung ab und strandet irgendwo, sondern lässt sich aus dem Trümmerfeld des Todessterns abholen. Die Schlacht um Hoth wird nur kurz gestriffen, doch dafür sind wir auch dabei, als Vader Jagd auf den Millenium Falcon macht und auf Bespin dessen Hyperantrieb manipulieren lässt. Das eigentliche Finale des Buchs ist natürlich die Schlacht von Endor. Thane Kyrell ist auf der Liberty stationiert und Ciena Ree auf der Executor. Beide Schiffsnamen sollten Star Wars-Fans bekannt vorkommen, denn die Liberty ist das erste Schiff, das vom Superlaser des zweiten Todessterns vernichtet wird und die Executor stürzt schlussendlich auf den Todesstern. Das feurige Ende einer Jugendfreundschaft und jahrelangen Rivalität?

~ Romeo und Julia ~

Die Freundschaft zwischen Thane und Ciena beginnt unter widrigen Umständen. Die Gesellschaft auf Jelucan ist zwischen den beiden Siedler-Gruppen gespalten. Die ursprünglichen Siedler (die Talbewohner) kamen als Verbannte nach Jelucan, da sie ihrem gestürzten König die Treue hielten. Entsprechend haben sich in den Tälern ein ausgeprägter Ehrenbegriff und rückständig anmutende Bräuche erhalten. Die zweite Welle der Siedler kam freiwillig nach Jelucan und siedelte sich an den Hängen der Berge an, sie brachten schließlich die Minenindustrie nach Jelucan. Thanes und Cienas Freundschaft überwindet diese Gegensätze durch deren gemeinsame Liebe zur Fliegerei und als sie es schließlich in die Imperiale Akademie schaffen scheint der Gegensatz endgültig überwunden.

Wäre da nicht das Imperium. Denn Kadetten der Akademie dürfen keine innigen Beziehungen miteinander pflegen und sogar das noch rein freundschaftliche Verhältnis Thanes und Cienas wird zur Zielscheibe einer Ordnungsmaßnahme. Kaum ausgemustert ergibt sich für beide jedoch eine weitere Chance, die dann durch die Zerstörung Alderaans und Thanes Gewissensbisse zerstört wird.

Erst nach Yavin und Thanes Desertion nimmt der Romeo und Julia-Plot um Thane und Ciena Fahrt auf. Zuvor streiten die beiden immer wieder ab aneinander interessiert zu sein, doch der Schock der Zerstörung von Alderaan, der Verlust von Freunden und das unerwartete Wiedersehen führen zu einem verhängnisvollen Kuss. Doch beide stammen aus gegensätzlichen Welten und es ist Thane, der nicht versteht, wieso Ciena nicht auf die gleichen Gedanken kam wie er. Trotz ihrer gemeinsamen Vergangenheit gibt keiner der beiden seine Prinzipien auf und bleibt sich selbst treu, wobei es vor allem Cienas Ehrbegriff ist, der verhindert, dass sie und Thane jemals zusammen finden können. Man wünscht sich ja ein Happy End für die beiden und sogar eine Fortsetzung von LOST STARS, doch man will auch nicht, dass einer der beiden seine Prinzipien dafür aufgeben muss. So gesehen hat Claudia Gray eine sehr mitreißende Beziehungsdynamik geschaffen, die auch nicht allzu überzogen oder deplatziert wirkt.

~ Thane Kyrell ~

Der Held von LOST STARS ist eigentlich ein verbitterter Zyniker. Die offizielle Inhaltsangabe lässt die Interpretation zu, dass einfach einer der beiden Protagonisten die Rebellen wählen musste, doch obwohl Thane als Jugendlicher bereits seine späteren Beweggründe für einen Wechsel zur Rebellion erkennen lässt sträubt er sich jahrelang dagegen. Thane glaubt nicht mehr an Wunder und kann der Idealvorstellung einer Neuen Republik nicht viel abgewinnen. Es fällt Thane auch schwer sich Autoritäten unterzuordnen. Doch als Kind, dass von seinem Vater nur Schläge und von seiner Mutter rein gar nichts erwarten konnte hat Thane ein ausgeprägtes Bewusstsein dafür entwickelt, dass man den Schwächeren schützen muss.

Im Gegensatz zu Ciena ist Thane nicht bloß ein Zyniker und damit weniger naiv, sondern erlebt auch hautnah zu welchen Grausamkeiten das Imperium fähig ist. Anders als Ciena wird Thane in der Imperialen Akademie auch den Piloten zugeteilt, während Ciena zur Brückenoffizierin avanciert. Als Pilot erlebt Thane schließlich auch die Grausamkeit des Imperiums und die Schlagkraft der Rebellion. Er ist ein Teil des Vorauskommandos, dass auf Dantooine die ehemalige Rebellenbasis sichert und nach der Zerstörung des Todessterns fällt ihm der unglamouröse Job zu regelmäßige Patrouillen über eine Minenkolonie zu fliegen. Minen bedeuten im Imperium jedoch auch Sklavenarbeiter, eine eingeschüchterte Bevölkerung und eine völlig trostlose Umgebung. Davon sieht Ciena in ihrer gesamten Karriere nichts.

Dass sich Thane der Rebellion anschließt ist eine lange gereifte Entscheidung er tut es nicht, um eine Neue Republik zu gründen, sondern um das Imperium zu bekämpfen. Der Kampf gegen Palpatine wird für ihn zur Rebellion gegen seinen eigenen grausamen Vater und somit war Thanes Entscheidung wohl schon von anfang an vorherbestimmt. Doch man kann Thane auch als den Sohn aus reichem Hause beschreiben, der sich aus nicht ganz so idealistischen Gründen der Rebellion anschließt. So oder so, Thane Kyrell ist einer der interessantesten Rebellen, weil er eben kein Idealist ist.

~ Ciena Ree ~

Cienas Hintergrund ist deutlich bescheidener als Thanes. Ohne Thanes Freundschaft und materielle Unterstützung hätte es Ciena weit schwieriger gehabt und wohl nicht geschafft zusammen mit ihm die begehrten Plätze an der Imperialen Akademie auf Coruscant zu ergattern. Ob von der Autorin gewollt oder nicht, Cienas Karrierestart als vorgebildete Eliteschülerin war nur durch Thane möglich. Wer von beiden nun der wirklich bessere Pilot ist lässt LOST STARS offen, doch nach Jahren im aktiven Einsatz als Pilot hat Thane am Ende zumindest die höhere Routine. Ciena ist jedoch die erfahrene Offizierin.

Als Talbewohnerin ist Ciena konservativer als Thane und die Ankunft des Imperiums auf Jelucan lässt ihre Familie persönlich profitieren. Cienas Mutter wird Aufseherin in einer örtlichen Mine, eine Position die vorher nur Angehörigen der zweiten Siedlerwelle vorbehalten war. Als Imperiale ist Ciena zwar gezwungen viele ihrer Rituale zu vernachlässigen, doch Treueschwüre und Ehre bleiben die bestimmenden Faktoren ihres Lebens. Trotz allen Zweifeln am Imperium muss sie diesem gegenüber loyal bleiben. Es ist wie mit den Treueschwüren gegenüber dem Lehnsherrn, auch wenn dieser korrupt, grausam und unfähig ist, muss man ihm weiterhin folgen. Doch die Idealistin Ciena glaubt daran, dass man das Imperium nur von innen heraus verändern kann. Wenn die guten Menschen das Imperium verlassen, wer bliebe dann noch, um das Imperium von innen heraus zu verändern? Doch Ciena fällt ihr Glaube an das Imperium mit den Jahren immer schwerer, sie hat nur das Glück nicht oft genug in ihrer Loyalität auf die Probe gestellt zu werden.

~ Kritik ~

Neben allem Lob gibt es auch einige Dinge die sich an LOST STARS kritisieren lassen. Ganz oben auf meiner Liste steht da Darth Vader. Ciena Ree diente jahrelang auf dessen Flaggschiffen Devastator und Executor, doch Vader spielt in ihrem Leben als Brückenoffizierin nur eine sehr geringe Rolle. Rees einzige erwähnungswürdige Begegnung mit Vader bleibt dessen Rettung aus dem Trümmerfeld über Yavin.

Dass die beiden Protagonisten sich ewig treu bleiben, immer wieder über den Weg laufen und manchmal simpel gestrickt wirken macht den Roman etwas vorhersehbar, kann aber auch dem Jugendbuchgenre angelastet werden. Zumindest versucht die Autorin nicht durch das Auftauchen Nash Windriders als Brückenoffizier und Kendy Ideles als Rebellenpilotin noch eine Dreiecksbeziehung ins Spiel zu bringen, damit das Drama perfekt ist. Man muss den Charakteren jedoch auch einige Jugendtorheiten zugestehen, immerhin sind sie exakt im gleichen Alter wie Luke und Leia. Als der erste Todesstern explodiert sind sie 18 und gerade frische Akademieabsolventen, mit großen Hoffnungen und Träumen. Als der zweite Todesstern zerstört wird sind sie immerhin schon 22 und seit 4 Jahren Veteranen eines scheinbar endlosen Bürgerkriegs, aber eben noch sehr jung, jung genug der Jugendliebe treu zu bleiben? Die Liebesbeziehung der beiden Protagonisten wirkt erzwungen, doch im Rahmen eines Jugendbuchs kommt sie nicht unerwartet.

Mit den beiden Nebencharakteren ash Windrinder (immerhin ein Alderaaner) und Kendy Idele hätte man vielleicht auch etwas mehr anstellen können. Kendy taucht überhaupt erst wieder sehr spät auf und spielt als Staffelkameradin Thanes keine bedeutende Rolle, während Nash als Alderaaner weder verfolgt, noch diskriminiert wird. Er wird sogar zu einem noch fanatischeren Imperialen, obwohl er an der Akademie der lockerste von Thanes Mitbewohnern war.

~ Cameos ~

Groß Moff Tarkin ist der erste bekannte Charakter, der innerhalb der Story auftaucht und das bereits ganz zu Beginn. In seiner Funktion als Statthalter in den Outer Rim Territories macht Tarkins Auftritt nicht nur Sinn, er ist auch höchst passend inszeniert. Jelucan wird nicht einfach gewaltsam besetzt, sondern mit dem Versprechen von Fortschritt und einem besseren Leben ins Imperium überführt. Interessant ist in diesem Fall natürlich, dass ein junger Lieutenant Piett zu Tarkins Entourage zu gehören scheint. Der Tarkin-Protege Piett wird später Captain der Executor und unter Vader zum Admiral aufsteigen.

Natürlich muss neben Tarkin und Piett auch Darth Vader einen Auftritt feiern, doch erst als Ciena auf die Devastator versetzt wurde. Bei seinem kurzen Auftritt wirkt Admiral Ozzel sogar wie ein williger Förderer Cienas, die dann bei dessen Tod durch Vaders Machtwürgegriff rein zufällig nicht dabei ist. Überhaupt scheint Ciena keiner einzigen Hinrichtung durch Vader beigewohnt zu haben.

Auf Seiten der Rebellen macht Thane hingegen rasch Bekanntschaft mit VIPs. Nachdem er und Ciena bei einer Gala für ihren Abschlussjahrgang noch als Kadetten auf Leia Organa trafen trifft sie Thane auf Hoth schließlich wieder. Im Gegensatz zu Tarkin, der sich an Ciena erinnern konnte, ist Thane für Leia jedoch ein gänzlich Unbekannter. Zuvor wurde Thane jedoch von Wedge Antilles für die Rebellion rekrutiert und erhält seine Tour der Basis durch Dak Ralter, ehe er auf der Liberty einmal Mon Mothama begegnet und General Rieekan unterstellt wird. Über und auf Endor trifft Thane schließlich auch Admiral Ackbar, General Madine und Lando Calrissian. Nur Han Solo und Luke Skywalker laufen ihm nie über den Weg, wobei er vom legendären Commander Skywalker jedoch deutlich mehr weiß, als den erst kurz vor Endor beförderten General Solo. Lukes Legenden-Status ist vielleicht als ein direkter Vorgriff auf THE FORCE AWAKENS, immerhin wird dieser auch im Episode VII-Tie in THE WEAPON OF A JEDI Jasen Frys betont. Selbst nach Jahrzehnten ist Luke immer noch eine Inspiration für junge X-Wing-Piloten.

Die Gala im Imperialen Palast deutet außerdem darauf hin, dass der Jedi Tempel auch im Jahr der Schlacht von Yavin noch dieser Funktion diente. Die Ähnlichkeiten der Jedi Rats-Kammer in den Prequels und des imperialen Thronraums in Episode VI dürften also daher stammen. Eine interessante Querverbindung. Die imperialen Kadetten sind sich jedoch überhaupt nicht bewusst, was der Palast früher war und die Propaganda des Imperiums wirkt perfekt. Mace Windu wird im Geschichtsunterricht als Verbrecher gegeißelt, der Glaube an die Macht ist nur noch eine rückständige Religion und Thane Kyrell kann Lukes Jedi-Ritter-Erbe rein gar nichts abgewinnen.

~ Nach Endor ~

Innenansichten zum Zustand des Imperiums versuchte bereits AFTERMATH zu vermitteln, doch Chuck Wendigs Roman spielte vor der Schlacht um Jakku, während LOST STARS sogar einige Monate über diese hinaus gehen dürfte. LOST STARS konzentriert sich sehr stark auf einen 8 Jahre dauernden Zeitraum, vom Beginn der dreijährigen Akademie-Ausbildung seiner Protagonisten bis zur Schlacht von Jakku. Der abstürzende Sternenzerstörer auf dem Cover sollte jedem Star Wars-Fan bereits aus dem ersten Teaser Trailer bekannt sein, es ist die Inflictor.

Was AFTERMATH zu vermitteln versuchte kleidet LOST STARS in klarere Worte, das Imperium hat seine besten Soldaten, Piloten und Offiziere verloren als der zweite Todesstern zerstört wurde. Das war im Expanded Universe nicht so, denn die Elite des Imperiums führte nach Endor noch einige Jahre erfolgreich Krieg. Doch die Bedeutung der Todessterne machte LOST STARS bereits im Fall des ersten Todessterns klar. Auf diesem war weit mehr als eine Million Imperiale stationiert und der Todesstern war wie eine imperiale Welt. Einen Posten hier zu ergattern war prestigeträchtig und Großmoff Tarkin konnte eine Menge der besten Akademieabsolventen für seinen Todesstern abzweigen. Eine Stationierung auf dem Todesstern war jedoch auch deutlich bequemer als auf einem Außenposten irgendwo in der Pampa, in einer tödlichen Rebellenhochburg oder einem beengenden Sternenzerstörer. Bessere Unterbringung und Verpflegung waren nicht zu unterschätzende Argumente für eine Bitte um Versetzung auf den Todesstern, denn dort durften sogar schon Jungoffiziere mit einer eigenen Kabine rechnen. Durch die Zerstörung des ersten Todessterns wurde Ciena Ree schließlich zum Lieutenant Commander und die Chancen standen gut, dass sie es auch in Rekordzeit zum Commander bringen würde.

LOST STARS formuliert es so, dass die Schlacht um Endor als große Show Palpatines gedacht war. Die Flotte musste sich zurückhalten, um den dort stationierten Offizieren eine gute Sicht auf die Zerstörung der Rebellion zu bieten. Es sollte Palpatines großer Triumph werden, die Rebellenflotte mittels des Todessterns auszulöschen. Doch damit das gelingen konnte hätten doch auch hunderte Generäle und Admiräle vor Ort sein müssen? Das wird in LOST STARS angedeutet und könnte in künftigen Romanen mit Endor-Bezügen noch ein heißes Diskussionsthema werden. Aus der Sicht Thane Kyrells scheint es so als wäre auf jeder Brücke eines Sternenzerstörers über Endor ein Admiral gestanden und aus AFTERMATH wissen wir zumindest, dass die seltsam gewandten Gestalten in Palpatines Nähe dessen Berater waren. Weitere hochrangige Imperiale hat uns Episode VI jedoch nicht gezeigt.

Nach Endor kam es unter anderem auch zu Machtkämpfen zwischen den Imperialen. Laut LOST STARS versuchte Mas Amedda zwar auf Coruscant die Ordnung aufrecht zu erhalten, doch es wurden am laufenden Band neue Imperatoren ausgerufen, die dann wie Kriegsherren übereinander herfielen. Das Blutvergießen dezimierte die imperiale Flotte und wer Lieutenant über Endor war konnte innerhalb eines Jahres damit rechnen zum Commander befördert zu werden. Ein Commander konnte sich hingegen erhoffen als Captain sein eigenes Kommando zu erhalten.

Die Schlacht um Jakku sollte unter Großmoff Randd zur Entscheidungsschlacht mit der Republik werden. Unter Randd hatte sich die größte imperiale Flotte seit Endor versammelt und doch endete die Schlacht mit einer Niederlage des Imperiums. Von der Schlacht selbst erfährt man im Roman sehr wenig, ebenso über die Geschichte danach. Das Imperium soll am Rande des Kollaps stehen, die Neue Republik hat einen Waffenstillstand abgeschlossen, doch die Imperiale Flotte versteckt sich und sammelt neue Kräfte.

~ Resümee ~

LOST STARS bietet eine stimmige Star Wars-Geschichte, die sich perfekt in die klassische Trilogie einfügt und seine Protagonisten nicht zu irgendwelchen Überhelden macht, die infragestellen, ob man die Großen Drei überhaupt gebraucht hat. Die Handlung von LOST STARS ist etwas hintergründiger, die Protagonisten bestimmen nicht das galaktische Geschehen und beeinflussen es auch nur geringfügig. Stattdessen beobachten sie und lassen uns die Geschichte durch ihre Augen erleben. Man fiebert mit beiden mit und hofft auf ein Happy End, gerade weil keiner der beiden eine Überlebensgarantie besitzt. Die Charakterisierung der beiden Protagonisten ist meiner Ansicht nach sehr gut gelungen und das obwohl LOST STARS ein Jugendbuch ist, von dem man als Veteran des Expanded Universe nur sehr wenig erwarten würde. Die Qualität des Werks überrascht und legt die Latte für künftige Jugendbücher der neuen Einheitskontinuität sehr hoch.


Karl Renner: Zu Unrecht umstritten? Eine Wahrheitssuche.
Karl Renner: Zu Unrecht umstritten? Eine Wahrheitssuche.
von Siegfried Nasko
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 25,00

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Renner-Biografie des Renner-Experten, 26. Oktober 2016
Nach der im Februar erschienen Renner-Biografie Richard Saages (Der erste Präsident: Karl Renner- eine politische Biografie) ist Siegfried Naskos "Karl Renner: Zu Unrecht umstritten? Eine Wahrheitssuche." bereits das zweite Werk, das sich mit dem in die Kritik geratenen Gründer der Ersten und Zweiten Republik beschäftigt. Doch mit Siegfried Nasko meldet sich der wohl bekannteste Renner-Biograf zu Wort, dessen zusammen mit Johannes Reichl verfasste Renner-Biografie "Karl Renner: Zwischen Anschluß und Europa" als wichtige Quelle von Richard Saage herangezogen wurde. Die im Oktober erschienene Renner-Biografie Naskos kann sich im Gegenzug bereits an einigen Stellen auf Saages Werk beziehen.

Wie gewichtig Siegfried Naskos Beitrag zur Renner-Forschung ist wird Lesern bereits bei der hochkarätigen Autorenauswahl für die drei Vorwörter der vorliegenen Biografie klar. Neben Hugo Portisch (dem Nasko bei den Recherchen zur Dokumentation Österreich II zur Seite stand), geben sich auch Ex-Bundespräsident Heinz Fischer (der selbst ein Werk über Karl Renner veröffentlicht hat) und der Präsident des Niederösterreichischen Kulturforums (das die Entstehung der Biografie gefördert hat), Ewald Sacher, die Ehre. Siegfried Nasko ist als Gründer und langjähriger Leiter des Karl-Renner-Museums in Gloggnitz der Karl Renner-Experte schlechthin, der für sein Werk auf Originalquellen und auch noch einige Zeitzeugen zurückgreifen konnte. Thematisch ist Naskos Renner-Biografie mehr auf den Menschen Karl Renner ausgelegt, während Saages Biografie etwa auch den austromarxistischen Theoretiker Renner hervorzuheben versuchte.

Zumindest in der Einleitung Naskos lässt sich auch bereits ein positiv gefärbtes Renner-Bild erkennen, womit klar sein dürfte, dass sich der Autor die Verteidigung Renners vor seinen modernen Kritikern zum Ziel gesetzt hat. Folglich ist es auch ein Ziel des Werks die Verdienste Renners ins rechte Licht zu rücken und das Handeln des Staatskanzlers aus dem Kontext seiner Zeit heraus begreifbar zu machen.

- Stilistisches -

Siegfried Naskos Renner-Biografie liest sich deutlich angenehmer als jene des Wissenschaftlers Richard Saage, was sich vielleicht auch Naskos Erfahrungen als Museumsbetreiber oder Pressesprecher zurückführen lässt. Der Autor versteht es jedenfalls Sachverhalte klar und verständlich zu formulieren, ohne stellenweise in verklausulierte Formulierungen abzudriften. Da Nasko als Österreicher und etablierter Renner-Biograf vehementer auf die 2012 erfolgte Debatte um die Umbenennung des Dr.-Karl-Renner-Rings reagiert nimmt er sich auch des Themas von Renners Beitrag zur Etablierung des Dogmas von Österreich als erstem Opfer des Nationalsozialismus an. Seit der Waldheim-Affäre hat die moderne Zeitgeschichteforschung Österreichs begonnen dieses 1945 aus Renners Sicht wohl höchst nützliche Postulat abzuschütteln, um die Mitschuld Österreichs am Zweiten Weltkrieg und den Verbrechen des Nationalsozialismus offenzulegen. Der Republikgründer der den Mantel des Schweigens über die braunen Flecken der österreichischen Geschichte zu breiten versuchte musste in diesem Zusammenhang irgendwann in die Schusslinie geraten und so versucht der Renner-Biografie Nasko nun Karl Renners Ansehen zu retten, in dem er dessen "staatstragenden Opportunismus" ins Rampenlicht rückt. In Verbindung mit der etwas distanzierteren Biografie Richard Saages ergibt sich so ein Renner-Bild, das es seinen Betrachtern ermöglicht Renner und dessen Entscheidungen zu verstehen und sogar zu würdigen.

- Karl Renner und der Anschluss -

"Wer von Renner spricht, denkt im ersten Moment meist an sein 'Ja' zum Anschluss. Man simplifiziert dieses Ja und übersetzt es in eine Zustimmung zu den Nazis, die es nie, auch nicht einen Moment gegeben hat!" (S. 109)

Laut Siegfried Nasko geht die Darstellung Renners sehr stark auf Äußerungen des einstigen Wiener Vizebürgermeisters und SA-Brigadeführers Thomas Kozich zurück, der nach seiner Verurteilung vor einem Volksgericht 1947 bei Bundespräsident Renner um eine Amnestierung ansuchte und abgelehnt wurde. Kozich revanchierte sich daraufhin wohl mit Unterstellungen gegenüber Renner, wobei ihm Nasko jegliche Glaubwürdigkeit abspricht. Im Gegenteil, 1938 soll Renners Ja zum Anschluss von NS-Funktionären und politischen Weggefährten Renners sogar als höchst unehrlich aufgenommen worden sein. Der Biograf Nasko sieht in Renners Anschluss-Befürwortung hingegen den für Renner typischen Versuch sich einzubringen und zu mildern, nachdem Renner sich nicht mit der Illegalität anfreunden konnte und so auch nicht von den Revolutionären Sozialisten für ihre Sache gewinnen ließ.

- Detailreich -

Nach einer generellen Abhandlung von Karl Renners Leben im ersten Kapitel "Vom verarmten Bauernsohn zum zweimaligen Republikgründer" und dem zweiten Kapitel über Renners Politik des Konsenes ("Kooperation als Evolutionsmaxime") widmen sich die restlichen 12 Kapitel chronologisch den verschiedenen Abschnitten von Renners Leben, wobei es Siegfried Nasko versteht auch die eine oder andere Anekdote aus Renners Briefverkehr oder Zeitzeugenberichten einzustreuen. Naskos Renner Biografie bietet einige solcher Episoden, die ein Gefühl für den Menschen Karl Renner vermitteln. Wie schon im Kapitel über Renners Konsens-Politik dargelegt sieht Nasko Renner als einen Konsens-Menschen, der Krieg, Bürgerkrieg und blutige Revolutionen zutiefst verabscheute. Renners Bereitschaft gewalttätige Opposition zu vermeiden ging wie während der Herrschaft des NS-Regimes bis zur Selbstverleugnung. So lassen sich auch Renners Anbiederungsversuche gegenüber Stalin und seine Unterstützung des Opfermythos Österreichs als Bestreben deuten Übergriffe durch die Rote Armee und eine Wiederkehr der Siegerjustiz von Saint Germain zu vermeiden. Nasko deutet Renners Entgegenkommen gegenüber Stalin auch als taktischen Schachzug, um den Einfluss der KPÖ zu schmälern und Österreich das Schicksal einiger seiner Nachbarstaaten zu ersparen. Nicht zuletzt widmet sich Naskos Biografie auch dem Visionär Renner, dessen Vorstellung eines vereinten Europas oder einer Donauföderation sich mit den Zielen einer Europäischen Union vergleichen ließen.

- Resümee -

Siegfried Naskos aktuelle Karl Renner-Biografie zeichnet nicht bloß das Leben des zweimaligen Staatsgründers nach, sondern hilft vor allem dessen Handlungen und Entscheidungen zu verstehen. Man könnte sogar behaupten die vorliegende Biografie macht ihre Leser zu "Renner-Verstehern".

[Diese Rezension basiert auf einem kostenfreien Rezensionsexemplar]


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