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Rezensionen verfasst von
Hajo von Kracht "rhadamanthys" (Zurich, Switzerland)
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Putins verdeckter Krieg: Wie Moskau den Westen destabilisiert
Putins verdeckter Krieg: Wie Moskau den Westen destabilisiert
Preis: EUR 16,99

11 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Boris vs. Wladimir - Ein leider notwendiges Buch, 2. Mai 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Reitschusters These: Ohne Verständnis dessen, was heute in Russland abgeht, begreift man Vieles nicht, was direkt um uns herum in Europa geschieht. Hier was ich aus seinem Buch herausgelesen habe: Die heutigen Machtstrukturen in Russland sind so etwas wie nukleare Zerfallsprodukte der alten Sowjetunion: die (ideologische) Chemie ist eine ganz andere, aber die radioaktive Verseuchung bleibt. Konkreter: Putins Herrschaft ist die Synthese von KGB (ohne den sozialistischen Überbau) und russischer Mafia. Wobei dieses Geheimdienst-Mafia-Amalgam nicht, wie etwa die italienische Mafia, mit den regulären Wirtschafts- und Machtstrukturen in Konkurrenz steht (und mehr oder weniger erfolgreich versucht, in diese einzudringen und sie sich zu Nutze zu machen), sondern – durch die chaotische Phase der Auflösung der Sowjetunion – es geschafft hat, Wirtschaft und Staat komplett zu übernehmen.

Diese Konstellation ist etwas historisch Neues, und ein so konstituiertes Staatswesen verhält sich anders als bekannte Muster. Nicht-ideologisch, flexibel, unberechenbar, verschlagen, zynisch, aggressiv, und … mörderisch.

Das wird von Reitschuster akribisch belegt. Starker Tobak, und wenn man alle Implikationen bedenkt, für den Autor durchaus nicht ohne Risiko. Die Mafia scherzt nicht, wenn man sie beim Namen nennt.

Ich halte Reitschusters Analyse im Wesentlichen für zutreffend. Deshalb ist sein Buch eine Pflichtlektüre – nicht nur für Leute, die Interesse an Russland haben, sondern darüber hinaus für alle, die die Situation in Europa heute begreifen müssen, denn das System Putin strahlt aus.

Natürlich wusste ich bereits vieles, was Reitschuster in dem Buch ausbreitet. Etwa, dass Putin aus dem sowjetischen Geheimdienst stammt, der nach dem Wegfall seiner kommunistischen Auftraggeber ein Eigenleben entwickelt hat. Was mir in dieser Form nicht klar war, ist Putins direkte Verstrickung in die russische Mafia. Insofern ist der Begriff Kleptokratie für dieses System eher zu harmlos, und man müsste – unter Lateinern – von einer Praedokratie, der Herrschaft von Räubern, sprechen.

Nochmal: das Buch ist wichtig zum Verständnis der politischen Situation in Europa und sollte weite Verbreitung finden. Kaufen! Lesen!

Das hindert mich nicht an einigen kritischen Anmerkungen.

1. Reitschuster lässt kein gutes Haar an Putin. Nicht ein einziges. Das ist ermüdend, und erweckt den Eindruck von Voreingenommenheit. Denn es gibt Aspekte an Putins Handeln, die sind vernünftig. Im Fall Edward Snowden etwa bin ich der Meinung – egal was Putins finstre Motive sein mögen – so ist es doch gut, dass nicht alle nach der selben Pfeife (der NSA) tanzen. Auch das Argument, möglicherweise kämen nach Putins Tod noch Schlimmere an die Macht, sollte nicht einfach beiseite gewischt werden. Wenn das russische nukleare Arsenal einst in Händen eines Schirinowski, eines Kadyrow, eines Dugin oder anderer Schattengestalten liegt, wünscht man sich Putin mit seiner zynischen Rationalität vielleicht zurück. "Schlimmer kann es nicht werden" war schon immer ein schlechter Ratgeber.

2. Putin hat dank seiner nachrichtendienstlichen Fähigkeiten ein vielschichtiges internationales System von Abhängigkeiten und Loyalitäten gestrickt, in dem er Strippen ziehen kann und dies auch tut. Dies zu erkennen und im Einzelfall abzuwehren tut zweifellos not. Einem breiten Publikum wurde "unsere Lisa" bekannt, als ein offenbar eingespieltes Netz von Russlanddeutschen, Pegida, NPD und fleissigen Bloggern in Windeseile ein Gebräu an Pseudo-Informationen zusammenbraute, Demonstrationen organisierte, und der russische Aussenminister Lawrow sich nicht zu schade war, die Sache offiziell aufzugreifen. Der Schuss scheint diesmal – weil zu offensichtlich – nach hinten losgegangen zu sein.
Wenn man Reitschuster folgt, war das nur eine winzige Spitze des Eisbergs. Und er zählt minutiös und über viele Seiten, mit vielen Namen, Verbindungen auf, die von Putin bespielt werden. Bei all den bekannten und unbekannten Namen, die hier auftauchen, macht diese Liste ganz nervös. Reitschuster versucht, nichts auszulassen, und gerade deshalb begibt er sich auf Gelände, wo ehr Vermutungen als feste Informationen vorliegen, und ich glaube, dass er die Stärke seines Arguments dadurch schwächt. Zu viele "auffallend ist …", "kann es Zufall sein …" gefolgt von Koinzidenzien. Hier wäre weniger mehr.

3. Wenn man einer generalstabsmässig angelegten geheimdienstlichen Operation wie Putins Einflussversuchen nachforscht, kann es passieren, dass man selbst der Paranoia anheimfällt. Das ist ein schwieriges Thema, weil der Paranoia-Vorwurf umgekehrt wieder dazu verwendet werden kann, die Versuche der Aufklärung zu diskreditieren. Was mich allerdings nicht überzeugt an Reitschusters Buch, ist, dass er bei all den Verbindungen, die er aufzeigt, Putin immer in der Rolle des Aktiven, des Verführers zeigt. Aber es gehören immer zwei dazu. Hier beginnen meine unbeantworteten Fragen: Was macht Putin so attraktiv bei Menschen meiner Umgebung, von denen ich weiss, dass sie kein Geld von Putin bekommen, nicht plump antiamerikanisch sind, dass sie nicht erpresst, verführt, mit Honigfallen herumgekriegt wurden? Nicht bei allen ist das so einfach wie bei Gerard Depardieu und Gerhard Schröder, die sich zu Deppen machen liessen, weil Raffgier und Ego sie in die Irre führten.

4. Und dann beibt die Frage: Wenn das alles so ist, wie Reitschuster beschreibt, was folgt daraus? Gestürzt werden kann das System Putin nur vom russischen Volk. Das wird noch dauern. Und bis dahin? Ist denn ein Satz wie beispielsweise: "Frieden in Syrien kann es nur mit Einbindung Russlands geben" dadurch falsch? Oder nur viel schwieriger?
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 21, 2016 12:47 PM MEST


Die granulare Gesellschaft: Wie das Digitale unsere Wirklichkeit auflöst
Die granulare Gesellschaft: Wie das Digitale unsere Wirklichkeit auflöst
Preis: EUR 8,99

64 von 66 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen 324 Minuten für die Granulare Gesellschaft, 28. Dezember 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Genau so viel Zeit (5 Stunden, 24 Minuten) veranschlagt meine Kindle App für das Lesen des Buches. Ich habe es nicht nachgemessen und bin so dem Muster gefolgt, das Kucklick für typisch erklärt: immer granularer, feiner wird die Wirklichkeit aufgelöst, Vorhersagen werden gemacht, Verhalten wird berechnet - von Maschinen. Immer weniger sind wir Menschen fähig, den Maschinen Paroli zu bieten.

Gleich vorweg: das Buch ist absolut lesenswert; Kucklick zeigt an einer Fülle von Beispielen, wie sich unter unserer von Big Data befeuerten Sicht die Verhältnisse auflösen, verändern, neu zusammensetzen. Alte sozialwissenschaftliche „Gesetze“, die in Wahrheit statistische Korrelationen auf einer bestimmten durchschnittlichen Aggregats-Stufe sind, zerbröseln, wenn man gleichzeitig jedes Individuum einzeln im Detail analysieren kann. Im politischen Bereich beispielsweise analysiert er die Auswirkungen der Feinauflösung der Wählerschaft in Obamas letztem Wahlkampf, wo ganz gezielt und mit hohem Aufwand genau die Individuen angesprochen wurden, die gerade noch als Wähler zu gewinnen waren, und zwar mit individuell auf sie zugeschnittenen Botschaften. Interessant ist auch der historische Vergleich zu den katastrophalen Folgen der Erfindung des Buchdrucks, als neue Sichtweisen und Debatten die dafür nicht vorbereiteten Gesellschaften trafen.

Trotzdem bin ich nicht zufrieden mit den Schlussfolgerungen des Buches, weil es meiner Meinung nach einige Fragen falsch stellt. Über weite Strecken kämpft sich Kucklich nämlich mit der Frage ab, wie der Mensch angesichts immer perfekterer Maschinen seine Einmaligkeit behaupten kann. Dabei sieht er als Rückzugsgebiete etwa die Irritierbarkeit, das Spielerische, das Empathische.

Aus meiner Sicht begeht Kucklick den selben Fehler wie viele andere Warner vor den digitalen Maschinen: Antropomorphe Projektion. Dies ist ein Mechanismus, den die Menschen angewandt haben, seit sie in den Naturkräften Naturgötter – im Blitz den Zeus - gesehen haben. Ich will das an einigen Beispielen erläutern.

Man könnte sich angesichts der Erfindung des Fernrohrs fragen, wo das menschliche Auge im Wettkampf mit dem Fernrohr bleibt, und Zweifel an der Leistungsfähigkeit des Auges äussern. „Das menschliche Auge hat den Wettkampf mit dem Fernrohr verloren; das Fernrohr sieht 100mal schärfer als das Auge.“ – Was natürlich Unsinn ist. Das Fernrohr ist ein Werkzeig; es sieht überhaupt nichts. Das menschliche Auge sieht mit Fernrohr 100mal schärfer als ohne. So wird ein Schuh draus.

Aber ist diese einfache Logik noch gültig angesichts autonom agierender Roboter? Ich möchte zunächst einen extrem einfachen Fall einer autonomen Maschine diskutieren: ein guter alter mechanischer Wecker. Ein Mensch zieht ihn auf und stellt ihn, damit er ihn am Morgen weckt. Dabei vergisst er, dass morgen Sonntag ist und er eigentlich ausschlafen könnte. Pünktlich früh um sechs rasselt der Wecker auf dem Nachttisch und der Mensch, der nicht mehr an den Wecker gedacht hat, schmeisst ihn voller Wut an die Wand. Sofern der Mensch nicht auf sich selbst wütend ist, sondern auf den Wecker, macht er den Fehler der anthropomorphen Projektion. (Es kann natürlich auch der Fall eintreten, dass der Wecker einen Defekt hat, aber auch dann ist Wut auf den Wecker eine ziemlich alberne Emotion).

Vor langer Zeit gab es ein legendäres Buch über "Zen and the Art of Motorcycle Maintenance", in dem der Autor Robert M. Pirsig sehr schön beschrieb, wie sinnlos wir unsere Emotionen auf Gegenstände richten, selbst wenn wir wissen, dass diese als Empfänger unserer Emotionen gar nicht existieren. Wenn das Motorrad stottert, hilft es nichts, es anzuschreien, sondern ich muss die Ursache beheben.

Gilt diese Logik noch angesichts der heutigen autonomen Maschinen? Kucklick beschreibt im Detail, wie in Spielhallen (etwa in Las Vegas) mit Hilfe raffiniertester Computerprogramme die Kunden optimal „gemolken“ werden, und die Menschen sich den so geschaffenen Verführungen kaum erwehren können. Hier ist aber der Fall ganz einfach: Nicht raffinierte Computerprogramme „melken“ Menschen, sondern Menschen (die Betreiber der Spielhallen und ihre beauftragten Computerspezialisten) „melken“ Menschen mit Hilfe von raffinierten Computerprogrammen. Indem ich die computergesteuerten Spielkonsolen anthropomorph auflade, verschliesse ich die Augen davor, was wirklich abgeht: Menschen können andere Menschen besser mit als ohne digitale Maschinen beeinflussen.

Ähnlich mit autonom agierenden Kampfdrohnen: Wenn eine solche Drohne versehentlich ein Krankenhaus samt Ärzten und Patienten ausradiert, wer ist hier am Werke, und wer ist verantwortlich? Die Drohne zum rechtsfähigen Subjekt zu erklären, ist ganz abwegig und lenkt davon ab, dass die Menschen, die die Drohne gebaut, programmiert und eingesetzt haben, die Verantwortung tragen. Auch die Drohne ist nur ein Werkzeug.

Die anthropomorphe Projektion ist auch die Basis für ein beliebtes Spiel, an dem sich auch Kucklick beteiligt: „Computer werden niemals können …“ – Wobei die Dinge, die in Ergänzung dieses Satzes genannt wurden – wie er schön zeigt - eine nach der anderen widerlegt wurden. Kucklich führt dieses Spiel dann zu Themen wie Empathie. Erschreckend ist das immer weitere Vordringen der Computer aber nur, wenn wir sie in ontologischer Verirrung als Subjekte betrachten. In Wahrheit sind Computer nichts als mechanische Implementationen von Modellen. Sobald der Mensch eine Theorie in einem Bereich aufstellen kann, die so ausgereift ist, dass sie in ein Modell gegossen werden kann, kann dieses Modell auch programmiert werden. Die zunehmenden Fähigkeiten von Computern sind nichts anderes als die Fortschritte in der Fähigkeit von Menschen, theoriegeleitete Modelle aufzustellen. Trivial: Mit Computern können Menschen schneller Berechnungen vornehmen als mit Bleistift und Papier, so wie es mit Bleistift und Papier besser geht, als nur im Kopf.

Was allerdings neu ist, ist, dass Menschen über immer mächtigere Werkzeuge verfügen, die sie zum Nutzen und zum Schaden anderer Menschen einsetzen können. Werkzeuge, die zeitlich und räumlich versetzt, unter indirekter Kontrolle von Algorithmen arbeiten, so gut wie gar nicht mehr für Dritte transparent sind, und dabei natürlich Fehler auftreten können.

Die gesellschaftliche Kontrolle solcher Werkzeuge ist derzeit nicht gegeben.


Altern wie ein Gentleman: Zwischen Müßiggang und Engagement -
Altern wie ein Gentleman: Zwischen Müßiggang und Engagement -
von Sven Kuntze
  Taschenbuch

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sven war ein Genosse in Tübingen, 7. Oktober 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Sven war Genosse in Tübingen, ein paar Jahre älter als ich (genauer gesagt, neun Jahre, aber das war mir damals egal). Ich selbst wurde als Gymnasiast in die späte Phase der 68er Bewegung gezogen, als der antiautoritäre, rebellische und individualistische Geist der frühen Zeit mehr und mehr durch dogmatische marxistische Ideologie ersetzt wurde, und leninistische, trotzkistische, maoistische, stalinistische und andere bizarre Varianten von Dogmatik, Rechthaberei und Sektierertum Einzug hielten. Als ich Sven begegnete auf Teach-ins, AStA Kongressen, Vollversammlungen, war er zweifellos genauso linksradikal wie ich. Aber da er, anders als ich, aktiv teilgenommen hatte, als sich die Radikalität der 68er aus viel breiteren Strömungen von philosophischen, soziologischen, psychoanalytischen – und auch politischen Wurzeln entwickelte, war für mich schon damals spürbar, dass er aus reicheren Quellen schöpfte als ich, der hauptsächlich theoretisch nachvollzog, was andere vorgedacht hatten.

Politik war damals mein Leben, und ausserhalb der zahllosen öffentlichen und konspirativen Veranstaltungen und Aktionen, die damals unsere Tage füllten, hatte ich keinen Kontakt mit Sven, aber er war eine vertraute Gestalt, freundlich, zugetan und ich hatte das Gefühl, dass ich ihn jederzeit um Rat fragen konnte. Was ich natürlich nie tat.

Später mussten wir uns alle, jeder für sich, aus dem Verlies linksradikaler Dogmatik wieder herausarbeiten. Schrittweise, über Jahre, und immer wieder über Brüche, in denen wir unsere eigenen Wege gingen und alte Zusammenhänge aufgaben. So habe ich den Kontakt zu Sven verloren.

Jahre später wurde er mir eine vertraute Gestalt im Fernsehen, und jedesmal freute ich mich: Mensch, das ist doch Sven, den kennst du doch! – Er enttäuschte mich nicht. Er war charmant, leicht ironisch, gut aussehend, und er machte ausgezeichneten Journalismus. Ich dachte höchstens: Schade, dass man den Kontakt zu interessanten und angenehmen Menschen so dumm verliert, weil man ihn nie gepflegt hat.

Ich gestehe, ich habe es gar nicht mitbekommen, als er seine aktive Laufbahn beendete, und eines Tages sah ich ihn wieder auf dem Bildschirm in einer Talkshow, diesmal als Gast – eine Gesichtshälfte vollständig gelähmt. Ein schrecklicher Anblick.

Ich war so erschüttert, dass ich keinerlei Erinnerung daran habe, worum es in der Sendung ging. Das kann man natürlich heute im Internet nachlesen. Aber in dem Moment folgte ich der ganzen Sendung nur, um Sven anzuschauen, dem der Auftritt offenbar so wichtig war, dass er dafür in Kauf nahm, sich so entstellt zu zeigen, wie er war. Es war ihm sichtlich unangenehm; immer wieder drehte er die “gute” Gesichtshälfte zur Kamera, und mit einem Tüchlein bedeckte er den einseitig gelähmten Mund.

Jetzt habe ich sein Buch gelesen – Altern wie ein Gentleman. Abgesehen davon, dass der Titel etwas schräg neben dem Buch steht – hier vermute ich den Verlag am Werk, denn der Begriff “Gentleman” taucht sonst im Buch überhaupt nicht auf – ist es eine gut recherchierte, schön geschriebene Studie über die Besonderheiten der ins Alter kommenden “baby boomer” Generation, die Sven Kuntze die “vierziger” nennt.

Gleichzeitig ist das Buch auch sehr persönlich. Er selbst gehört zu dieser Generation, und er beschreibt, wie er sich der Herausforderung des Alters stellt.

Dass dieses Buch beide Perspektiven verbindet – die objektive des wissenschaftlichen Beobachters, der wahre Aussagen macht über eine Population, und die subjektive, die um Fragen ringt, deren Zielpunkt der eigene Tod ist – macht das Buch gleichzeitig interessant und problematisch.

Denn während die objektive Perspektive einer Wahrheit verpflichtet ist, die letztlich auf Statistik ruht, für den Einzelnen aber vielleicht ganz anders aussieht (“die 40er Generation hat den Generationenvertrag aufgekündigt”), ringt die subjektive mit dem Anspruch auf persönliche Ehrlichkeit. Man kann Sven Kuntze abnehmen, dass er beides sehr ernst nimmt. So hat er das Leben in Altenpflegeheimen so intensiv recherchiert, wie er sich mit dem Moment seines eigenen Ausscheidens aus dem Arbeitsalltag auseinander gesetzt hat. Beides habe ich noch vor mir und habe – nicht nur deshalb – Svens Ausführungen mit grossem Interesse gelesen.

Aber hier laufen die Dinge auseinander. Sven meint in dem Buch – das er vor der Operation schrieb, die sein Leben gerettet, aber sein Gesicht zerstört hat – dem Altern quasi als idealtypischer Vertreter seiner Generation entgegenzusehen. “Wir wissen, dass der Körper langsam entkräftet.”

Statistisch und insgesamt ist das die Wahrheit. Aber ich neige zu der Auffassung, dass die wirklich bösen und verderblichen Keulenschläge des Schicksals immer aus einer Richtung kommen, wo wir sie nicht erwarten und uns deshalb schwer wappnen können. Und dass der Weg nach unten in vielen Fällen weniger einer geneigten geraden Linie ähnelt als einer Treppe mit unregelmässig breiten und tiefen Stufen, von denen uns jede auf unterschiedlichste Art, aber immer unvorbereitet trifft.

Gerade weil ich Svens Buch die Ernsthaftigkeit abnehme, mit der er sich seinem Altern stellt, geht es mir seit Tagen nicht mehr aus dem Kopf und ich schreibe hier ganz unsinnig lange Texte darüber. Das ist doch schon mal etwas. Lieber würde ich mich mit ihm darüber unterhalten.


Eillein: Wirtschaftswunderkind
Eillein: Wirtschaftswunderkind
von Ullrich Sattes
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sehr persönlicher, lesenswerter Rückblick auf eine Kindheit in den Fünziger Jahren, 3. Oktober 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Eillein: Wirtschaftswunderkind (Taschenbuch)
Ein kleines, sehr persönliches autobiographisches Buch, schwungvoll geschrieben. Es berichtet auf knappen 100 Seiten über eine "ganz normale" Kindheit in den Fünziger Jahren aus naiver kindlicher Pespektive, mit vielen liebevoll beschriebenen amüsanten Details einer vergangenen Welt, und doch tritt auch die gar nicht kindliche Welt von Kriegsfolgen, Krankheit, Tod auf eine spannend erzählte Weise in die Erzählung ein und gibt ihr zusätzliche Tiefe.
Full disclosure: Ich komme auf Seite 88 auch kurz vor.


Der Fall FDP: Eine Partei verliert ihr Land
Der Fall FDP: Eine Partei verliert ihr Land
von Alan Cassidy
  Taschenbuch
Preis: EUR 29,90

4.0 von 5 Sternen Freisinniger Verfall, 16. Juni 2015
Bei den letzten kantonalen Wahlen erlebte eine Partei einen Aufwärtstrend, die jahrelang nur einen Weg kannte: nach unten. Gleichzeitig fällt auf, dass in vielen Fällen, zum Beispiel den jüngsten Volksabstimmungen in Zürich, die _Freisinnigen_ – von ihnen ist die Rede – derart eng verschweisst sind mit den illiberalen Populisten der SVP, dass man sich fragt, was der Begriff “Freisinn” heute überhaupt bedeutet.

Als Neubürger, der die Parteien­geschichte der Schweiz eher oberflächlich und von aussen verfolgt hat, habe ich mit grossem Interesse "Der Fall FDP" gelesen: Eine Darstellung der Partei von ihrem staatstragenden Zenit in den 70ern bis zu ihrem heutigen Dasein als Juniorpartner der SVP. Flott und sehr gut lesbar geschrieben, erzählen Alan Cassidy und Philipp Loser von den Verwerfungen um das Verhältnis zur EU, dem Bankenfilz, und wie es geschah, dass die FDP stückweise an Bedeutung verlor, von _der_ Partei schrumpfte zu einer von vielen. In keiner zentralen Frage der Politik ist sie heute meinungsführend.

Während in Deutschland nach 1945 die CDU zu _der_ Partei wurde (und in Bayern die CSU diesen Part bis auf den heutigen Tag spielt), fiel diese Rolle in der Schweiz – schon früher – der FDP zu. Anders als in Deutschland waren die Kirchen in der Politik weniger dominant. Aber die Rezeptur war vergleichbar: Eine Prise Programmatik, darunter das was wirklich zählt: die Lenkung des Gemeinwesens durch Parlamente, Wirtschaft, Verbände, Presseorgane – alles kontrolliert von denselben gut vernetzten Akteuren, durch die normative Kraft des Faktischen. Durch die Begrenztheit der Schweiz war dieses Geflecht noch enger und exklusiver als selbst der Klüngel in der Adenauerzeit in Deutschland.

Insofern sind die deutsche und die Schweizer FDP, auch bei teilweise ähnlicher Programmatik, grundverschieden. Was der Schweizer FDP, wenn man dem Buch von Cassidy und Loser folgt, zum Verhängnis wurde, war, dass sie sich eines Tages darauf besann, ihre eigene freiheitliche, staatsabgeneigte Programmatik ("mehr Freiheit, weniger Staat") ernst zu nehmen. Das ist für eine Staatspartei ein gefährliches Unterfangen und führte die FDP auf eine abschüssige Bahn, von der sie – vorangetrieben vom Angstgegner Blocher – nie wieder herunter kam.

Das Buch ist informativ, die 210 Seiten lesen sich flott. Wenn es etwas auszusetzen gibt, dann vielleicht, dass es ein typisches Journalistenbuch ist. Es erzählt, wer in der FDP wann wo was gesagt und getan hat. Ideengeschichtlich ist es für mich etwas mager. Ich hätte gern genaueres darüber erfahren, welche Ideen verfingen, welche Argumente überzeugten, und welche nicht. Und auch der Austausch der Meinungen jenseits der FDP fällt – ausser dass Blocher immer wieder als zentrale Bezugsfigur gezeichnet wird – hinten runter. Aber sonst wäre das Buch vielleicht überladen, und ich hätte es nicht an einem Wochenende lesen können.


Die Kehrseite des Himmels
Die Kehrseite des Himmels
von Ljudmila Ulitzkaja
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

18 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein gigantisches Geflecht aus Myriaden von Fäden, 19. Mai 2015
Rezension bezieht sich auf: Die Kehrseite des Himmels (Gebundene Ausgabe)
Das Buch (Im russischen Original heisst es: “свяще́нный му́сор”, was soviel bedeutet wie "heiliger Müll") ist eine Sammlung von 33 Texten (einer davon – die Ausein­andersetzung mit ihrer Krebserkrankung besteht wiederum aus 7 Einzeltexten). Einige sind datiert. Der älteste ist von 1991.

Das Buch ist nicht zu trennen von den heutigen Verhältnissen in Russland, die uns westlichen Europäern als “System Putin” entgegentreten: aggressiv nach aussen, repressiv nach innen, weg von Europa. Keine Frage: Ulitzkaja kritisiert dieses System scharf und schonungslos. Trotzdem ist das Buch – und ist die Autorin – nicht in plattem Sinne “politisch”. Nur einzelne Texte setzen sich mit der Politik Putins direkt auseinander – vor allem eine Rede, die sie 2014 in Salzburg bei der Verleihung des Österreichischen Staatspreises für Europäische Literatur erhalten hat (die eindrucksvolle Rede gibt es online).
Gleich der erste Text gibt Aufschluss über den Titel des Buches. Er ist überschrieben: “Heiliger Kram” . Hierin erzählt Ulitzkaja liebevoll, wie sie über Jahre in einem Karton sammelte, wovon sie sich schwer trennen konnte: Bruchstücke, Nippes, Erinnerungsfetzen. Und wie sie diesen Karton irgendwann auf den Müll schmiss. – “Ich kann offenbar nichts wegwerfen. Das Bewusstsein hält an dem Plunder aus Glas, Metall, Erfahrungen und Gedanken, Wissen und Ahnungen hartnäckig fest. Was dabei wichtig und bedeutend ist und was ein Nebenprodukt der menschlichen Existenz, weiss ich nicht. Zumal der ‘Misthaufen’ mitunter wertvoller ist als die ‘Perle’.”

Ich kann ja verstehen, dass der Hanser-Verlag den Titel “Heiliger Kram” nicht genügend verkaufsfördernd fand und nach etwas anderem Aussschau hielt. Er wurde fündig in einem Text, in dem Ulitzkaja über ihren Ehemann Andrej Krassulin schreibt. Er ist Maler und Bildhauer. – “Andrejs Arbeiten der letzten Jahre sind monochrome Räume, erfüllt mit einem erregenden, aber nicht in Worte zu fassenden Gehalt, sie sind jener Ort der Betrachtung, des Schweigens und der Stille, nach dem wir uns in der erdrückenden Stadt sehnen, wenn wir atemlos herumhetzen und dabei fast zusammenbrechen. Ich schaue sie mir an und suche nach Worten: Die Kehrseite des Himmels? Das Tor zum Jenseits? Der Tod der Koordinaten? – Ein dummes Unterfangen”.

Immer wieder tauchen in ihren Texten religiöse Motive auf. Mit zwei jüdischen Grossvätern, christlich getauft, freier Geist, tut sie sich mit diesem Thema nicht leicht. “Ich habe einen schlechten Charakter, keine seriöse Kirche würde mich behalten. Vor kurzem ist mir klar geworden, was ich bin: eine Freiwillige im Christentum. Das heisst, sobald mir etwas nicht passt, verziehe ich das Gesicht und gehe. Und dann, wenn ich mich zurücksehne nach dem Kostbaren darin, klopfe ich wieder an und sage: Hier bin ich, ich will die Brosamen unter eurem Tisch aufsammeln.”

Obwohl aus dem Zusammenhang gerissen, charakterisiert “Kehrseite des Himmels” Ulitzkajas Werk nicht schlecht, und ich würde es eher so interpretieren, dass wir die Rückseite des Himmels sehen, weil er sich von uns abgewandt hat und wir unsere Probleme alleine lösen müssen. – “Heilige gibt es genug auf der Welt … doch es gibt zu wenige Gerechte, Menschen, die den Regeln folgen, anständige, barmherzige Menschen, die frei sind von Habsucht und Grausamkeit“.

Ulitzkajas Texte durchströmt grosse Zuneigung zu den konkreten Menschen und Dingen, über die sie schreibt. Und Traurigkeit, wenn sie ihr geschundenes Land beschreibt, für das sie sich mehr als einmal schämt. Aber sie verurteilt selten. Sie verrät in diesem Buch viel über sich selbst, witziges und intimes, wichtiges und unwichtiges. Diese Dinge nicht auseinander zu halten, ist Teil ihrer schriftstellerischen Methode. Auch diese beschreibt sie. – “Die Literatur erforscht mit künstlerischen Mitteln die Verflechtungen zwischen Mensch und Welt.” Die Lektüre Pasternaks hat sie überzeugt, “dass die Welt aus hauchdünnen Fäden gewebt ist, dass jedes lebende Wesen tausend Valenzen hat, die es mit seiner Umwelt und mit anderen Wesen verknüpfen. … Du berührst einen beliebigen Faden, und er führt dich in die Tiefe des Musters, durch Leidenschaft, Schmerz, Leiden und Liebe.”

Das ist der Unterschied zwischen grossen Literaten einerseits und politischen oder journalistischen Schreiberlingen wie mir andererseits: Wir verraten die Gegenstände, über die wir schreiben, weil wir zu Ergebnissen kommen wollen. Ulitzkaja sagt ausdrücklich: “Eine Erzählung, ein Roman oder ein Poem liefern nie einen Beweis oder eine Beweiskette für einen Gedanken oder eine Hypothese.”

Am Schluss des Textes “Der Mensch und seine Verbindungen” folgert sie: “Der Reichtum eines einzelnen Menschenlebens hängt davon ab, wie viele Fäden dieser Mensch festhalten kann. Die gesamte menschliche Kultur ist nichts anderes als ein gigantisches Geflecht aus Myriaden von Fäden, in dem genau so viele bewahrt werden, wie du selbst festhalten kannst.“


Schluss mit der Umerziehung!: Vom artgerechten Umgang mit den Geschlechtern. Wie Frauen in Unternehmen endlich aufsteigen und Jungen in der Schule nicht weiter abstürzen
Schluss mit der Umerziehung!: Vom artgerechten Umgang mit den Geschlechtern. Wie Frauen in Unternehmen endlich aufsteigen und Jungen in der Schule nicht weiter abstürzen
Preis: EUR 13,99

5.0 von 5 Sternen Frauen in Unternehmen: Umerziehung oder Entfalten der eigenen Fähigkeiten?, 8. Februar 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Schon 1987 hat Gisela Erler mit ihrem Schluss mit der Umerziehung Müttermanifest mutig und erfrischend anders über die Geschlechterfrage nachgedacht. In ihrem Buch von 2012 stellt sie fest, dass - nach vielen Jahren Frauenbewegung und Gleich­stellungs­massnahmen - Frauen in der Unternehmenswelt immer noch nicht "oben angekommen" sind. Sie fragt sich, woran das liegt, und was man da tun kann, oder - mit ihren Worten - "warum die vielen Bemühungen der globalen Wirtschaft, Frauen in wirkliche Führungspositionen zu befördern, so hartnäckig und gründlich scheitern und welche Strategien vielleicht erfolgreicher sein könnten."
Ihre Hauptthesen sind, dass erstens Männer und Frauen sich in ihrer Art, mit Situationen und Problemen umzugehen, tiefgreifender unterscheiden, als mit manchen egalitären (vor allem feministischen) Theorien vereinbar ist, dass zweitens soziale Institutionen optimiert sind auf die Kompetenzen des einen oder anderen Geschlechts, und dass man drittens - nachdem man die unterschiedlichen Bedürfnisse gut genug verstanden hat - nicht die Menschen den Institutionen anpassen soll, sondern die Institutionen den Menschen.
Das Buch ist schon deshalb lesenswert, weil es sehr persönlich und lebendig die Erfahrungen der Autorin mit dem von ihr aufgebauten, und von Frauen geführten PME Familienservice schildert; allein das ist schon eine beachtliche Lebensleistung. Gisela Erler präsentiert die beeindruckende Erfolgsgeschichte dieses Unternehmens als beispielhaft dafür, wie Frauen (erfolgreich) beruflich agieren können, und auch wie Leitungs- und Entscheidungsstrukturen unter weiblicher Regie funktionieren (oder nicht). Das ist hochinteressant zu lesen, auch wenn ich nicht sicher bin, wie weit man das als allgemein gültige Erkenntnisse über Frauen-Unternehmen lesen kann, oder nicht doch eher als die eines erfolgreichen Gisela-Erler-Unternehmens. Sie scheint die "business rules" dieser Organisation nachhaltig persönlich geprägt zu haben.

Nun zu ihren Thesen.

Der nicht ganz so kleine Unterschied: Angeboren oder erworben?

Mit etlichen Studien belegt Gisela Erler, dass Knaben und Mädchen schon von Geburt an alles andere als gleich sind, wenngleich es nicht immer einfach ist, zu sagen, worin genau die Unterschiede jenseits der körperlichen bestehen. Unbestritten und offenbar vererbt ist etwa die unterschiedliche Grösse, auch wenn diese durch Umwelt­faktoren (Er­nährung usw.) beeinflusst wird. Aber nicht nur sichtbare und leicht messbare körperliche Unterschiede bestehen, sondern auch solche der Art, Probleme anzugehen, sich einzubringen, in Teams erfolgreich zu sein. Hier betritt Gisela Erler ein seit Jahrzehnten heiss umkämpftes Terrain. Es gibt - wohl dokumentiert und seit Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus auch wild popularisiert - typisch männliche und weibliche Lebens-Strategien. In der Schule führen diese unterschiedlichen Strategien dazu, dass Knaben öfter scheitern, im Berufsleben dazu, dass Frauen weniger Erfolg haben - trotz Umerziehung, Förderung, Coaching, Gleichstellung.

Gisela Erler stellt fest, dies habe nichts damit zu tun, dass mentale Fähigkeiten verschieden ausgeprägt sind - dass also die einen dümmer sind als die anderen - sondern dass die unterschiedlichen Strategien die Herangehensweise betreffen, wie Männer respektive Frauen mit Wettbewerbssituationen, Hierarchie, deduktivem vs. induktivem Schliessen usw. umgehen. Das ist alles unbestreitbar. Die Frage ist: kann und soll man das ändern?

Traditionell stossen hier zwei Denkschulen aufeinander: die einen sagen: diese Unterschiede sind anerzogen, deshalb können sie auch umerzogen werden. Gisela Erler berichtet von solchen Versuchen und ihrem wiederholten Scheitern. Die andere Denkschule sagt: Umerziehung ist zwecklos, denn die unterschiedlichen Dispositionen der Geschlechter sind angeboren, oder wie man heute sagt: genetisch bedingt.

Umerziehung ist Gisela Erlers Sache aus guten Gründen nicht. "Die Schaffung des neuen Menschen von oben oder von außen kann nicht Ausgangspunkt von Politik sein", und sie stellt kritisch fest: "Während heute der pädagogische Grundsatz, Kinder in ihren erkennbaren Talenten zu bestärken und zu fördern, relativ unbestritten ist, scheint auf dem Feld der Geschlechterrollen genau die umgekehrte Maxime zu gelten: Wehret den Anfängen!"

Weil sie gegen die Umerziehung ist, stellt sich Gisela Erler auf die Seite derer, die eine genetische Basis für die unterschiedlichen Gender-Lebensstrategien annehmen. Damit schwächt sie meiner Meinung nach ihre Position. Denn im Fall der Menschen ist die biologische und die kulturelle Identität unentwirrbar vermengt. Oder, wie Albrecht Lamparter in unserem alten ökolibertären Club vor vielen Jahren prägnant formuliert hat: Die Natur des Menschen ist die Kultur. Damit meine ich, Kultur prägt den Menschen viel tiefgreifender als ein paar Umerziehungs-Sitzungen im Kinderladen oder Umschulungen, Coachings usw. je aufheben können. Kultur wird nicht anerzogen sondern aufgesogen. Versuche verschiedener Despoten, Neugeborene ohne Kontakt zu Mitmenschen aufwachsen zu lassen, um den "natürlichen" Menschen zu studieren, endeten mit dem Tod der armen Kreaturen. Die These "weil kulturell erworben, deshalb umerziehbar" verkennt die kulturellen Tiefenschichten, die uns formen - und die sich auch mit der Zeit verändern - die aber willkürlichen Umerziehungsmassnahmen ganz verschlossen sind.

Gleichwertig, nicht gleichartig

Mit vielen Beispielen belegt Gisela Erler, wie die Institutionen Schule und Unternehmen heute die typischen Eigenschaften von Männern und Frauen bewerten. Ganz platt: Heisst es in der Schule, es wäre besser, die Jungen wären wie die Mädchen, gilt im Berufsleben, es wäre besser, die Frauen wären wie die Männer. Und dann wird umerzogen. Mit dem Ergebnis, dass die jeweiligen Ressourcen der Umerziehungs-Subjekte nicht gefördert sondern zugedeckelt werden. Das ist alles schön und gut lesbar beschrieben, selbst wenn man nicht jedem einzelnen Argument und Beispiel beipflichtet. (Ich selbst habe aus der Perspektive der Mitarbeiter den im Buch behandelten Fall der ehemaligen HR-Chefin bei SAP ganz anders erlebt und mein Bedauern mit der Dame hält sich in Grenzen.)

Das Interesse der Autorin gilt eindeutig dem gesellschaftlichen Bereich der Unternehmen, der auch in ihrem Buch viel mehr Platz einnimmt als das eher knapp behandelte Subsystem Schule. Insofern ist die im Titel angedeutete Symmetrie "Frauen in Unternehmen, Jungen in der Schule" etwas irreführend, und wer das Buch hauptsächlich liest, um das Erziehungswesen besser zu verstehen, mag enttäuscht sein.

Für die Behandlung der Situation von Frauen in Unternehmen ist aber die Kontrastierung mit der Welt der Erziehung sehr erhellend, weil sie klar macht, dass sich hier ein - im Habermas'schen Sinne - gesellschaftliches Subsystem zeigt mit einer eigenen Logik. Andere Subsysteme mit wieder jeweils anderen Logiken (Familie, Kirche, Politik, Militär) werden am Rande gestreift.

Da alle diese Subsysteme sich fortlaufend weiterentwickeln, und ausserdem aufeinander ausstrahlen, ergibt sich, dass die Bewertung von "typisch" männlichen und weiblichen Verhaltensmustern in diesen Systemen ebenfalls verändert werden kann. Ein interessantes, und meiner beruflichen Erfahrung in einem globalen Unternehmen nahes Nebenthema des Buches ist auch, dass sich diese Systeme und ihre Wertigkeiten in verschiedenen Kulturen durchaus verschieden darstellen.

Ressourcen freisetzen und Spass haben

Vielleicht ist der Einband des Buches ein wenig vollmundig. "Wie Frauen in Unternehmen endlich aufsteigen" (mit Betonung auf "endlich") - nein, ein weiterer How-to-Guide ist dieses Buch nicht. Stattdessen ist es ein Plädoyer. Frauen (und Männer) sollen aufhören, sich zugunsten von äusserlich aufgedrückten Normen zu verbiegen. Stattdessen sollen sie Interesse und Respekt zeigen vor der Verschiedenheit anderer Menschen, aber auch vor den in ihnen selbst ruhenden Fähigkeiten. Nicht, weil ein Normsystem das von aussen aufzwingt, sondern weil alles dann mehr Spass macht und die eigenen Ressourcen freisetzt.

Damit steht dieses Buch zu Recht in direktem Zusammenhang mit dem, was unter dem Etikett ökolibertär vor dreissig Jahren in einem kleinen Kreis von Menschen diskutiert wurde - auch ich war einer der Teilnehmer - als wir uns überlegten, wie wir politisches Handeln ableiten können nicht aus dem Geist kollektiver Vorschriften und Verbote (damals dem sozialistische Normensystem, das grosse Teile der Grünen beherrschte), sondern als Angebote, anknüpfend an die Interessen der Menschen. Patentrezepte haben uns nie so interessiert wie die Freisetzung einer Dynamik. Gisela Erler ist sich treu geblieben.


Leben im Quadrat
Leben im Quadrat
von Dagmar Schifferli
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,00

5.0 von 5 Sternen Die Kraft der leisen Stimme, 1. November 2014
Rezension bezieht sich auf: Leben im Quadrat (Gebundene Ausgabe)
In Dagmar Schifferlis neuem Roman erleben wir Antonia Weber, die ein ganz normales Leben führt. Es passiert nichts wirklich dramatisches. Als Lehrerin ist sie gefordert, Pflegeschülerinnen auf Altenarbeit vorzubereiten, und ihnen persönlich Halt zu geben, auch dort, wo sie in Wirklichkeit wenig tun kann. Von ihren Eltern dachte sie, sie habe sie sich abgenabelt, bis dort neue Bedürftigkeiten entstehen, aus denen Ansprüche erwachsen, durch die sie ihre Unabhängigkeit in Frage gestellt fühlt. Das Kind einer Freundin bleibt übers Wochenende - eine willkommene Begegnung, die sich doch als anspruchsvolle und anstrengende Aufgabe erweist. Eine Beziehung tut sich am Horizont auf, erwünscht, aber auch diese erscheint ungemütlich problembehaftet.

Wie gesagt, passiert nichts dramatisches in dem Buch. Und doch nagt dieses Leben - als wenn von vier Seiten an ihr gezogen wird - an Antonias Substanz. Schön ist an dem Buch, dass dieses Nagen, so unspektakulär es daherkommt, glaubwürdig ist. Dass man versteht, warum Antonia irgenwann nicht mehr kann. Und warum es dann doch irgendwie weiter geht.


Anker® Ultra Slim Wireless Bluetooth Mini-Tastatur (Deutsch) für Smartphones und Tablets - schwarz
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4.0 von 5 Sternen Gute Sache, professionell geliefert, 16. August 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Schnell und gut geliefert. Auspacken. Einschalten. Funktioniert tadellos.
[Womit ich bis jetzt noch nicht klargekommen bin: Ich verwende die Tastatur an meinem Samsung Galaxy Note 3, und einige der Sonderzeichen kommen im Smartphone falsch an. Ich weiss nicht wo ich die Tastatur konfigurieren kann/muss. Weder die Beschreibung der Tastatur noch die des Smartphone geben mir Hinweise.]


Arbeitsfrei: Eine Entdeckungsreise zu den Maschinen, die uns ersetzen
Arbeitsfrei: Eine Entdeckungsreise zu den Maschinen, die uns ersetzen
von Constanze Kurz
  Gebundene Ausgabe

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein unbefangener Blick in eine Umwälzung, die uns alle betrifft, 4. Februar 2014
Das Buch "Arbeitsfrei" von Constanze Kurz und Frank Rieger beschreibt die enorm fortgeschrittene Automatisierung traditioneller Wirtschaftszweige u.a. anhand der Produktion von Brot: vom Getreideanbau bis zum Vertrieb. Ich fand es erfreulich, dass sie sich - bis auf den Epilog - weitgehend mit Bewertungen zurückhalten und versuchen, die neue Qualität der "arbeitsfreien" Wirtschaft unbefangen darzustellen. Natürlich drängen sich dabei Fragen auf, was denn die gesellschaftlichen Konsequenzen dieser (unaufhaltsamen und sich immer weiter beschleunigenden) Entwicklungen sind. Darauf hat wohl derzeit niemand eine Antwort.


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