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Rezensionen verfasst von
Thomas Brasch (München)
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Der Geschichtenverkäufer: Roman
Der Geschichtenverkäufer: Roman
von Jostein Gaarder
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90

5.0 von 5 Sternen Das ist keine Satire auf den Literaturbetrieb, sondern auf unsere Klischees davon., 10. April 2014
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Der prosaische, deutsche Titel des Romans deutet an, wie wenig heldenhaft die Geschichte ist: die Lebensbeichte eines Verkäufers, eines Verkäufers von Geschichten. Sicher, es ist nicht mal eine sinngemäße Übersetzung des Titels ins Deutsche, doch offenbar fand ihn der Lektor oder wer sonst im Verlag recht treffend. Hieße der Titel „Der Geschichtenhändler“ oder „Der Geschichtenerfinder“, ich hätte eine andere Vorstellung des Helden konnotiert. Aber das hätte dann auch nicht dem entsprochen, was ich beim Lesen des Romans empfand. Für mich erzählt er weder sprachlich noch inhaltlich eine besonders ambitionierte Geschichte.

Der Held Petter resümiert über sein menschlich doch recht armes Leben, das er nun knapp 50 Jahre in sehr selbstgefälliger Trunkenheit gelebt hat, da ihm das Schicksal – neben Empathie und schneller Auffassungsgabe – auch die Begabung zu großer Fantasie zuteilte. Dieses Talent baut er nicht aus, sondern es reicht ihm, um sich schon früh eine sehr auskömmliche berufliche Existenz aufzubauen, die darin besteht, einer wachsenden Zahl von Autoren seine Ideen, Plots und Synopsen zu verkaufen und auch an den Tantiemen der daraus nicht selten entstehenden Besteller zu partizipieren.

Diese doch recht hanebüchene Grundidee des Romans legitimiert der Held und damit wohl auch der Autor mit einem landläufigen Klischee, an dem sicher auch etwas Wahres ist:

„Schon damals – und seither immer mehr – habe ich es komisch gefunden, dass unsere Kultur Menschen en Masse hervorbringt, die schreiben können und wollen, aber nichts zu sagen haben. Warum wollen sie schreiben, wenn sie offen und ehrlich zugegeben, dass es nichts gibt, was sie vermitteln könnten?“

Doch im weiteren Verlauf der Geschichte, die uns einen recht unsympathischen, einzelgängerischen Snob als Helden präsentiert, wird das Klischee wieder etwas relativiert – bedingt durch den immensen Einfluss des Helden auf die aktuelle Literatur:

„Doch das Problem war nicht nur, dass zu viele schlechte Bücher geschrieben wurden; das Problem war auch, dass es zu viele gute Bücher gab. Wir gehören einer Sippe an, die mit Wörtern um sich wirft. Wir produzieren mehr Kultur, als wir verdauen können.“

Alleinstehend sind die beiden Zitate schlau und spiegeln ein reales Phänomen. Solche Sätze verführen sicher deshalb auch einige dazu, diesen Roman als Satire des aktuellen Literaturbetriebs zu lesen. Da kann ich nur einstimmen, wenn es die Doppelbödigkeit meint. Denn die Satire erkenne ich hier weit weniger in den Klischees von einfallslosen Autoren, sondern weit mehr in der hier verbreiteten Naivität, dass herausragende Literatur auf einer einzigartigen Idee und entsprechendem Plot fuße. Dieser Gedanke ist so albern wie die häufige Laienreaktion auf moderne Kunst: das hätte ich auch gekonnt. Die Kunst beginnt dort, wo der Held Petter aufhört: bei der ebenso originären wie mühsamen Arbeit, aus einer schnellen Skizze ein beachtliches Werk zu schaffen.

Im Roman ist die sehr junge Vaterschaft Petters eine sehr deutliche Metapher für seine bequeme und sich völlig selbstüberschätzende Vorstellung seines Beitrags zu den literarischen Werken, die auf seinen Ideen beruhen. Er befruchtet auf ausdrücklichem Wunsch seine 10 Jahre ältere Freundin Maria, wohl wissend, dass er auf die Entwicklung des Kindes nie Einfluss haben wird. Auf die Werke, die sich aus Petters „befruchtenden“ Ideen entwickeln, erhebt er jedoch den albernen Anspruch wie ein Erzeuger, der sein Kind erst im erwachsenen Alter kennenlernt und sich dann als stolzer Vater geriert.

Ich empfinde diesen Roman als literarischen Streich eines sehr cleveren Autors, der sich ab und an ins Fäustchen lachte als er Kritiken lesen durfte, die sich begeistert über seine gelungene Profanisierung des Literaturbetriebes freuten. Denn er selbst weiß sehr gut, dass Meisterwerke der Literatur nicht entstehen, weil dem Autor mal eine tolle Idee zugeflogen ist. Den deutlichsten Hinweis erbringt Jostein Gaarder in der doch ansonsten recht unverfrorenen Adaption des Plots von Max Frischs „Homo Faber“. Und für diesen von mir unterstellten „Geniestreich“ gebe ich letztlich meine 5 Sterne. Doch ich mag mich irren.


Der Distelfink: Roman
Der Distelfink: Roman
von Donna Tartt
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

4 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Umso weniger man über diesen Roman zuvor weiß, desto wunderbarer wird das Leseerlebnis sein., 10. April 2014
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Distelfink: Roman (Gebundene Ausgabe)
Geschafft! Einen grandiosen Roman mit über tausend Seiten nicht nur gelesen, sondern Seite für Seite genossen. „Der Distelfink“ ist sprachlich fulminant und in der Detailtiefe überbordend schön – wohl Dank auch der hervorragenden Übersetzer. Es mag manchen befremden, doch trotz der 1000 Seiten möchte ich vermeiden, Inhalt und Erzählstrang dieses Buch vorab zu schildern. Ich kann jedem nur empfehlen, ganz jungfräulich den Roman zu beginnen. Ahnungslos zu erfahren, auf welches Ereignis die ersten 100 Seiten zulaufen und darauf dann die Entwicklung eines traumatisierten jungen Menschen über die kommenden Jahre der Adoleszenz zu begleiten, wird ein ganz großes und bis zum Ende spannendes Leseerlebnis.


Dieter Rams: So wenig Design wie möglich
Dieter Rams: So wenig Design wie möglich
von Sophie Lovell
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 79,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen So geht Marke und Design., 1. April 2014
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Als Kind der 60er werde ich sentimental, wenn ich das Buch immer mal wieder zur Hand nehmen. Später geborenen Generationen, denen ich hier Abbildungen von Produkten, Messebauten und Schaufenster-Gestaltungen zeige, sind verblüfft über das zeitlose, noch immer gefallende Design, das dennoch diese einzigartige Handschrift trägt. Apples Chefdesigner Jonathan Ive schreibt einführende Worte über den erheblich Einfluss, den Dieter Rams auf sein ästhetisches Verständnis und seine Design-Philosophie hat. Doch das Credo von Dieter Rams sollten nicht nur Produktdesigner verinnerlichen, sondern alle, die Markenprodukte produzieren und überzeugend vermarkten wollen.

Sofern ein Buch in der Bildsprache, Gestaltung und Haptik dem Design von Rams überhaupt gerecht werden kann, tut es dieses von den mir bekannten am stärksten. Ja, es ist teuer, aber für Menschen, die wie ich, noch heute andächtig über den Schneewittchensarg streicheln und freudig einen Weltempfänger von Braun auf dem Flohmarkt erwerben würden, ist es jeden Cent wert.


Eine tödliche Story
Eine tödliche Story
Preis: EUR 0,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Fünf solide Sterne, 30. März 2014
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Eine tödliche Story (Kindle Edition)
Welchen Maßstab setzt man an, wenn man einen Krimi als eBook zum Einführungspreis von € 0,99 erwirbt? Ich habe zumindest nicht ein grandioses literarisches Highlight erwartet, sondern eine stimmige, kurzweilige und packende Geschichte. Die hab ich ohne jegliche Abstriche bekommen. Es ist ein solide verfasster Krimi, der zum Drehbuch einer deutschen TV-Produktion taugen würde. Ich wollte mich, wie beim sonntäglichen Tatort, gut unterhalten - nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Wer nun aber vielschichtige Charaktere, ungewohnte Milieustudien, überraschende Wendungen oder tiefsinnige Monologe eines vom Leben gezeichneten Ermittlers erwartet, wird seine Erwartung nicht erfüllt bekommen. Matthias Zipfel stattet seine klassische Welt des zynischen Verbrechens mit klassischen Stereotypen und bekannten Klischees aus. Daran ist nichts auszusetzen, denn es ist literarische Kost, wie ich sie mir zwischendurch mal wünsche so wie Kartoffelsuppe mit Würstchen oder eine Leberkäs-Semmel. Da es auch auf diesem Niveau miserable Hausmannskost gibt, kann ich Matthias Zipfel zwar keine 3 Gourmet-Sterne geben, doch gerne 5 amazon-Sterne für ein gelungenes Mahl.


Annees de Pelerinage 1-3
Annees de Pelerinage 1-3
Preis: EUR 12,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wunderbare Aufnahme, 27. März 2014
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Annees de Pelerinage 1-3 (Audio CD)
Bin auf diese Aufnahme durch den Roman "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" von Murakami aufmerksam gemacht worden. Sie ist wirklich grandios und war mir in diesem Umfang bis dahin überhabt nicht bekannt. In diesem Sinne, danke Herr Berman und danke Herr Murakami.


Oliver Twist
Oliver Twist
DVD ~ Barney Clark
Wird angeboten von Celynox
Preis: EUR 7,48

5.0 von 5 Sternen Hier war Weglassen eine gute Entscheidung, 27. März 2014
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Oliver Twist (DVD)
Ich habe mit meinem sechsjährigen Sohn zunächst das Buch in der Fassung des Arena-Verlages gelesen. Es ist eine sehr behutsam angepasste Adaption der Vorlage, die den Stil des Originals nicht veruntreut. Die Geschichte ist im Buch deutlich komplexer als im Film und die Auflösung der familiären Hintergründe des kleinen Helden sind selbst für einen Erwachsenen schwer nachzuvollziehen.
Das zwingt förmlich dazu, die Filmversion zu vereinfachen. Zudem vermittelt die Familiengeschichte Oliver Twists (Er ist ein Abkömmling aus einer Liaison in feiner Gesellschaft) das Gedankengut, dass sein Edelmut, seine Ehrlichkeit und Tugenden erblich bedingt seien. Das mag zur Zeit Charles Dickens unkritisch oder gar Absicht gewesen sein, doch heute möchte ich meinem Sohn solch Vererbungslehren nicht vermitteln. Entsprechend wird der Aspekt der Familiengeschichte in der sehr gelungenen Filmversion mit Ben Kingsley gänzlich ignoriert.

Auch wenn wir zu Beginn etwas irritiert waren, dass Rosa und ihre Tante, nicht auftauchten, waren wir beide am Ende begeistert. Es ist eine wunderschöne Verfilmung mit tollen Darstellern- Trotz toller Maske hat mein Sohn Ben Kingsley wiedererkannt, den er zuvor in dem Film Hugo schon gesehen hatte. Wenn man die Geschichte zuvor gelesen hat, ist die Verfilmung auch für einen Jungen in diesem Alter unkritisch. Er sollte es natürlich nicht allein anschauen und es sollte verstanden sein, dass hier geschauspielert wird und niemand wirklich erschlagen.


Die Schatzinsel (2 DVDs) - Die legendären TV-Vierteiler
Die Schatzinsel (2 DVDs) - Die legendären TV-Vierteiler
DVD ~ Michael Ande
Preis: EUR 7,99

5.0 von 5 Sternen Baby-Boomer Nostalgie, 27. März 2014
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Perfekter Abschluss. Nach der Lektüre der Schatzinsel habe ich - Kind der Sechziger - diesen Vierteiler mit meinem sechsjährigen Sohn im Urlaub gemeinsam genossen. Ja, ich weiss, ist erst ab 12 Jahre. Aber wenn man zuvor das Buch gelesen hat und gemeinsam schaut und dabei die Gelegenheit nutzt, zu erklären, dass die genauso schauspielern wie er mit seinen Freunden, dann ist das unkritisch - zumindest bei uns. Die vielen Tote sind ja nun mal auch eine historische Tatsache. Grimms Märchen sind da immer noch schauriger als jeder Abenteuerroman und dessen Verfilmungen.

Der Film hält sich sehr dicht an der Vorlage und die meisten Romanfiguren sind so besetzt, dass man nicht irritiert ist. Einzig die Hauptfigur Jim Hawkins hätte ich gerne jünger besetzt gehabt.


Oliver Twist. Mit einem Vorwort von Garth Nix: Arena Kinderbuch-Klassiker
Oliver Twist. Mit einem Vorwort von Garth Nix: Arena Kinderbuch-Klassiker
von Charles Dickens
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 7,99

5.0 von 5 Sternen Die Zeiten ändern sich, das Mitfühlen bleibt., 26. März 2014
Ich mag diese Reihe von Jugendklassikern sehr. Bislang habe ich mit meinem sechsjährigen Sohn die Schatzinsel, Robin Hood und jetzt Oliver Twist gelesen. Es sind sehr behutsam angepasste Versionen, die den Stil der Originale nicht veruntreuen. Entsprechend lang sind die Versionen und erfordern einige Tage, bis man sie vorgelesen hat. Sicher ist es stilistisch und sprachlich für einen Erstklässler herausfordernd, doch für alle drei gilt, dass er der Handlung ohne große Mühe folgen konnte. Oliver Twist war jedoch die größte Herausforderung. Denn es tauchen sehr viele Personen auf und die Auflösung der familiären Hintergründe des kleinen Helden sind selbst für einen Erwachsenen komplex.

Es gibt in dieser Fassung jedoch zwei Dinge zu beachten. Zum einen - mir unverständlich - wurde der alte Fagin, Ver- und Anführer der Diebesbande, hier mehrfach als Jude benannt. Dafür gibt es inhaltlich keinerlei Notwendigkeit mehr. Ich habe "Jude" mit "der Alte" beim vorlesen ersetzt. Zum zweiten vermittelt die hier beibehaltene originale Familiengeschichte Oliver Twists (Er ist ein Abkömmling aus einer Liaison in feiner Gesellschaft) das Gedankengut, dass sein Edelmut, seine Ehrlichkeit und Tugenden erblich bedingt seien. Das mag zur Zeit Charles Dickens unkritisch oder gar Absicht gewesen sein, doch heute möchte ich meinem Sohn solch Vererbungslehren nicht vermitteln. Entsprechend wird auch der Aspekt der Familiengeschichte in der sehr gelungenen Filmversion mit Ben Kingsley gänzlich ignoriert.


Freiheit gehört nicht nur den Reichen: Plädoyer für einen zeitgemäßen Liberalismus
Freiheit gehört nicht nur den Reichen: Plädoyer für einen zeitgemäßen Liberalismus
von Lisa Herzog
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,95

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen „Der schlimmste Feind der Freiheit ist die Gleichgültigkeit.“ Gerhard Baum, 25. März 2014
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Vor kurzem las ich Gustave le Bons „Psychologie der Massen“ , in dem er darauf verweist, dass Freiheit zu den Begriffen zählt, „deren Sinn so unbestimmt ist, dass dicke Bände nicht ausreichen, ihn festzustellen. Und doch knüpft sich eine wahrhaft magische Macht an ihre kurzen Silben, als ob sie die Lösung aller Fragen enthielten.“ Dem kann man angesichts der seit Jahrhunderten fortlaufenden Lektüre über das Wesen und die Voraussetzung der „Freiheit“ nur wenig widersprechen. Wer sich dem Thema dennoch annähern möchte und sowohl einen historischen Blick als auch einen aktuellen Diskurs über die Freiheit im allgemeinen und den in Misskredit geratenen Liberalismus im speziellen wünscht, dem kann ich den sehr klugen und leicht lesbaren Essay von Lisa Herzog sehr empfehlen.

Nicht ideologisch, bestenfalls idealistisch hält sie auf knapp 200 Seiten ihr „Plädoyer für einen zeitgemäßen Liberalismus“, der meines Erachtens auch Not tut. Denn der liberale Geist, der sich in der Vergangenheit immer sehr wohltuend als Korrektiv bei starken rechts- wie linksideologischen, gesellschaftspolitischen Ausschlägen erwiesen hat, steht seit der Finanzkrise am Pranger. Sowohl der rechte als auch linke Flügel – verdächtig einhellig – machen ihn nicht nur für das Finanzmarktdebakel, sondern für alle sozialen Verwerfungen in einer globalisierten Marktwirtschaft allein verantwortlich. Der Liberalismus wird so dankbar auch zum Sündenbock der staatlichen Finanzkrisen, in dem die Politik vorgibt, dass die Rettung der globalen Finanzmärkte ja erst zu Schieflage der Staatshaushalte geführt habe.

Dennoch, und dies gibt Lisa Herzog unumwunden zu, kann man die jüngsten Repräsentanten des Liberalismus nicht in allen Anklagepunkten freisprechen. Dass der Liberalismus so gut als Sündenbock taugt, hat er einer Gruppe selbsternannter Neoliberaler zu verdanken, die das enge Bild eines staatlich gegängelten Marktes schufen. Gegen dieses Bild möchte Lisa Herzog anschreiben:

„Das Bild, gegen das ich anschreibe, ist das einer Frontstellung von Markt und Staat, in der der Markt ausschließlich als Reich der Freiheit und der Staat ausschließlich als Reich von Zwang und Unterwerfung angesehen wird.“

Damit dies überzeugend gelingen kann, ist ein philosophischer, soziopsychologischer sowie ökonomischer Diskurs der Freiheit angebracht.

Bei der philosophischen Annäherung an die Freiheit gerät man leicht in Sophisterei. Jegliche Definition von Freiheit findet umgehend ihren Kritiker, dem diese zu eingeschränkt oder jene zu weit ist. Doch Lisa Herzog bedient sich pragmatisch. Im wesentlichen verweist sie bei der Definition auf die negative sowie positive Freiheit, sprich erstere, die uns wenig verbietet und zweite, die uns vieles erlaubt, um als Einzelner ein selbstbestimmtes, eigenverantwortliches Leben zu führen. Darüber hinaus überlässt sie es dem Leser, welche weiteren Spielarten er präferieren möchte.

Das Dilemma mit dem philosophischen Ideal der Freiheit wird einem persönlich sehr schnell deutlich, wenn man in die erzieherische Elternschaft eintritt. Zwar kann man sich dem schnell entledigen, in dem man sich auf Kant besinnt, der Vernunft als wesentliche Voraussetzung der Freiheit des Menschen einfordert. Die beizubringen, sehen wir ja als vorderstes Ziel unserer Erziehung. Doch gerät man dann sehr schnell auf elitäres, snobistisches Glatteis. Denn diese eingeklagte Vernunft findet sich nach kantischem Maßstab wohl bei kaum einem Mitglied in der heutigen Gesellschaft. Schon sein kategorischer Imperativ wird selten konsequent beherzigt.

In der Meinung gespalten werden wir schon durch die Frage unseres Menschenbildes. Überwiegend findet man doch ein negatives, wie Machiavelli beschreibt, dass die Menschen kleingeistig und kurzsichtig und vor allem immer auf ihren eigenen Vorteil bedacht seien. Gerne auch wie Adam Smith, der erkennt, dass die Eitelkeit, das Streben nach der Bewunderung von anderen, die Ursache dafür sei, dass Äcker bebaut, Städte gegründet und Wissenschaft und Kunst vorangetrieben würden.

Hingegen erteilt uns Marx fast eine religiös anmutende Absolution, indem er uns die Verantwortung nimmt und die (natürlichen) Gesetzmäßigkeiten des Marktes bzw. den Kapitalismus zum Schuldigen erklärt, der uns Menschen zwinge, ihr Eigeninteresse zu verfolgen, ob wir es wollen oder nicht.

Psychologisch und soziologisch ist unser Freiheitsanspruch immer auch ein Kampf zwischen unserem Eigensinn und damit unserer Willensfreiheit und unserer Handlungsfreiheit in einer Gemeinschaft. Denn

„Es geht immer um Freiheitsansprüche, die Menschen aneinander richten.“

Mit der Freiheit unseres Willens begibt man sich wiederum auf recht unsicheres Terrain. Denn zunehmend sprechen uns nicht nur Philosophen, sondern auch Psychologen sowie Neurowissenschaftler ab, über einen freien Willen zu verfügen. Unsere – damit nicht gänzlich selbst zu verantwortende – Willensschwäche führe dann zu asozialen, amoralischen oder zumindest unvernünftige Handlungen. Mich befremdet dieser Gedanken, denn er entmündigt uns, die wir uns für vernunftbegabte und damit selbstverantwortliche Wesen erachten. Ich denke, wer A sagt muss auch B sagen. Wenn ich Willensfreiheit beanspruche, dann muss ich auch die Verantwortung tragen, wenn mein Wille mich wider die Vernunft und besseres Wissen verleitet, asozial zu handeln.

Denn nur als solche können wir eine liberale Gesellschaft gestalten, die sich nach Lisa Herzog drei Fragen regelmäßig annehmen muss: die Fragen der Normen, des Ethos und der ungleichen Machtverteilung. Hier muss immer wieder neu justiert werden. Bei den Normen stellt sich u.a. die schöne Frage: „Verdient nicht jeder das, was er verdient?“

Bezüglich des Ethos, wünscht die Autorin sich mit Recht, dass man diesen Begriff wieder entstaube.„Ein gut funktionierendes Ethos hat gegenüber rein regel- und anreizbasierten Institutionen den großen Vorteil, dass es erlaubt, besser mit Komplexität umzugehen.“Dieser Gedanke ist auch sehr nah bei Niklas Luhmann, der erkannte, dass Vertrauen nun mal dazu dient, Komplexität im sozialen Umgang zu reduzieren.

Und Wachsam gegen Machtkonzentrationen zu sein, seien es Oligopole, Lobbys, politische und sonstige Eliten, darauf wies laut Herzog schon Adam Smith hin als er frotzelte, dass „Leute aus einer Branche selten zusammentreffen, ohne eine kleine Verschwörung gegen die Öffentlichkeit zu planen,...“

Am Ende des Diskurses kehrt die Autorin wieder zum Ausgang der Diskreditierung des Liberalismus zurück, zur Ökonomie. Es versteht sich von selbst, dass der Liberalismus keine Legitimation für das Verhalten von Gier und Maßlosigkeit bietet. Selbst der liberalste Philosoph, John Stuart Mill, setze ein Limit:

„dass der einzige Grund, aus dem die Menschheit, einzeln oder vereint, sich in die Handlungsfreiheit eines ihrer Mitglieder einzumischen befugt ist: sich selbst zu schützen. Dass der einzige Zweck, um dessentwillen man Zwang gegen den Willen eines Mitglieds einer zivilisierten Gesellschaft rechtmäßig ausüben darf: die Schädigung anderer zu verhüten.“

Schon diesem minimalen Anspruch eines gesellschaftlich verantwortlichen Liberalismus wurde und wird man in vielen Zentren der wirtschaftlichen Macht nicht gerecht. Hier muss der Staat, sofern er nicht Teil des Problems ist, regulierenden eingreifen. Da aber die Verflechtungen zwischen Politik und Wirtschaft heute zu stark geworden sind, um hier als Bürger noch zu vertrauen, ist des Bürgers Kontrolle besser. Da greift, wie man schon bei Kant „Zum ewigen Frieden“ nachlesen kann, die republikanische Freiheit, von der Lisa Herzog schreibt:

„Vielleicht ist es kein Zufall, dass in der philosophischen Debatte über den Begriff der Freiheit und des Liberalismus seit einiger Zeit eine dritte Konzeption wieder aufgelebt ist: die republikanische Freiheit. Freiheit wird hier über den Status des Einzelnen als freier Bürger definiert, als jemand, der darüber mitreden kann, was in seinem Staat entschieden wird.“

Ein Kernproblem des Marktes – unabhängig wie liberal er ist – muss dringend gesellschaftlich gelöst werden. Der große Fehler der Märkte ist aus volkswirtschaftlicher Sicht die unvollständige Preisfindung. Denn für viele Güter wird ein Preis gefunden, der die volkswirtschaftlichen Gesamtkosten nicht einbezieht. Ein großer Teil der Folgekosten von Gütern und Dienstleistungen, werden der gesamten Gesellschaft aufgebürdet.

Doch trotz aller Bedenken, die ein freier Welthandel erzeugt, muss man ihm eins zugute halten: er ist der stärkste Verbündete des Friedens. Schon vor über 200 Jahren galt die Globalisierung im philosophischem Weitblick von Kant, Montesquieu und Adam Smith als Garant für den zukünftigen Weltfrieden. Denn der Handel schweiße die Nationen so zusammen, dass kein Interesse mehr an Kriegen bestünde.

Mit einer Aufforderung von Kant, schließt Lisa Herzog ihr beeindruckendes Plädoyer ab, dem ich mich gerne anschließe:

„Frei nach Kant lässt sich sagen: Eine liberale Gesellschaft ist uns nicht gegeben, sondern aufgegeben.“


Robin Hood. Mit einem Vorwort von Daniel Bielenstein: Arena Kinderbuch-Klassiker
Robin Hood. Mit einem Vorwort von Daniel Bielenstein: Arena Kinderbuch-Klassiker
von Howard Pyle
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 7,99

5.0 von 5 Sternen Ein großer Idealist für Kleine, die es vielleicht auch mal werden wollen., 21. März 2014
Ich habe die herrliche Herausforderung, passenden Lesestoff für meinen sechsjährigen Sohn auszuwählen und kann dabei zugleich die literarischen Lücken meiner Kindheit schliessen. Der Stoff für Robin Hood geht auf Legenden und Balladen bis vor dem 14. Jahrhundert zurück. Diese Romanfassung von Howard Pyle, Autor und Illustrator, wurde erstmals 1883 veröffentlicht und ist vom Verlag sehr behutsam sprachlich der Neuzeit angepasst worden. Das gilt im übrigen auch für die anderen Klassikerausgaben in dieser Reihe, die ich bislang vorgelesen habe (Schatzinsel, Oliver Twist). Entsprechend fordern die Romane junge Zuhörer und Vorleser gleichermaßen heraus, doch letztlich waren sie bisher immer ein begeisterndes Papa/Sohn Leseerlebnis.

Wer Robin Hood bislang - wie ich - nur aus den Filmversionen kannte, entdeckt hier eine weit weniger martialische Geschichte. Denn es gibt kaum Tote. Robin Hood ist schon gleich zu Beginn geläutert, nach dem er aus Jähzorn einer königlichen Jäger tötet. Daraufhin wünscht er sich, niemals wieder mehr ein Menschenleben auf dem Gewissen zu haben. Dies beherzigt er auch im weiteren bei allen Kämpfen und Überfällen und einzig am Ende tötet er doch noch einmal aus Notwehr gegen einen gedungenen Mörder. Auch sonst verhält sich Robin recht vorbildlich und tugendhaft, was jedoch in einer Welt, die klar nur Gute oder Böse beherbergt, nicht gar so schwierig ist.

Die Geschichte wird in Anekdotenform erzählt. Das erleichtert es jungen Lesern zu folgen. Zudem verzichtet Pyle auf den weiblichen Part Marian. Es ist eine ruppig freundschaftliche Männerwelt, in der noch verlässliche Freundschaft und lebenslange Treue zählen. Also alles, was heranwachsende (männliche) Idealisten lieben.

Etwas Schwierigkeiten bereitet meinem Sohn noch der Humor Robin Hoods, der oft ironische Ansagen macht, die ihn etwas irritierten und die er in der Häufigkeit dann "nicht so toll" fand. Völlig akzeptabel fand er hingegen, dass es ein klassischen Romanausgang gab: am Ende stirbt der Held - und zwar durch die Hände einer hinterhältigen Frau.


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