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Beiträge von Dr. Reinhard Lahme
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Rezensionen verfasst von
Dr. Reinhard Lahme "t 43 t" (Borgwedel SH)
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Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde
Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde
von Friedrich Christian Delius
  Taschenbuch

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Fußballmesse im Pastorat, 9. Dezember 2007
"Aus! Aus! Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister, schlägt Ungarn mit drei zu zwei im Finale in Bern". Herbert Zimmermanns legendäre Rundfunkreportage ist ein Stück Fußballgeschichte geworden, damit auch ein Stück Lebensgeschichte meiner und der älteren Generation.

Ich war damals zehn Jahre alt. Mein Vater haute mit seinen Kartenbrüdern die Skatkasse beim Endspiel im Berner Wankdorfstadion auf den Kopf. Mutter entfloh der fast unerträglichen Spannung und ging spazieren. Ich hockte im Wohnzimmer vor dem Radio und schrie mir die Seele aus dem Leib. Und Oma saß im Ohrensessel, ganz still, die Tränen kullerten. Sepp Herbergers krasse Außenseitermannschaft hatte den haushohen Favoriten Ungarn bezwungen. Wir waren wieder wer. Es war Sonntag, der 04. Juli 1954.

Friedrich Christian Delius hat seine Lebenserfahrung mit diesem denkwürdigen Tag in die autobiographische Erzählung "Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde" umgesetzt. An jenem Tag gelingt dem Pastorensohn der Ausbruch aus den Zwängen seiner Kindheit: Verbote, Regeln sehr strenger Art, wortgewaltige Dominanz des Predigervaters, Gottesautorität überall - Herbert Zimmermanns Fußballgottesdienst, an dem der Autor im Amtszimmer seines Vaters allein am Radio teilnehmen darf, ist ein befreiendes Schlüsselerlebnis für den stotternden, von Hautallergien geplagten Knaben. Zimmermann erhebt Torwart Toni Turek zum "Fußballgott" und "betet" mit uns, auf daß der Schlußpfiff uns endlich erlöse. Der kleine Delius identifiziert sich mit den "Helden von Bern" - und beginnt, sich von seinen Eltern zu emanzipieren.

Das alles wird, bei allem Preisen des Fußbalidylls am Weltmeistersonntag, zur Parabel der Mehrbödigkeit jeder Sportfaszination. Delius ist ein virtuoser Schreibkünstler, der ein Stück seiner Kindheitsgeschichte mit ironischem Feinstrich festgehalten hat. Die älteren Leser werden an ihre eigene Lebensgeschichte erinnert; die jüngeren aber werden den Mythos der WM 1954 und damit ihre Eltern oder Großeltern besser verstehen lernen.


Salomo und die anderen
Salomo und die anderen
von Katja Behrens
  Gebundene Ausgabe

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Erzählerische Sonde zur Vergangenheit, 9. Dezember 2007
Rezension bezieht sich auf: Salomo und die anderen (Gebundene Ausgabe)
Viele Arbeiten von Katja Behrens (Jg. 1942) kreisen um zwei Themenkomplexe: Frauenschicksale als fremdbestimmtes Erleiden eines defizitären Lebens; die Erfahrung jüdischer Mitmenschen als innere Emigration, die bis in die Gegenwart reicht. Dabei ist ihr Schreiben stark von autobiographischen Impulsen geprägt.

In ihrem Prosaband "Salomo und die anderen" hat die Autorin sieben Geschichten versammelt, die von jüdischen Schicksalen erzählen. Sie richtet ihr Interesse dabei weniger auf die Vergangenheit als auf die Nachwirkungen in der Gegenwart. Es wird erschreckend deutlich, daß die Opfer nicht mit Mitgefühl, wohl aber die Täter mit Verständnis rechnen können. So berichtet Katja Behrens in der umfangreichsten Geschichte ("Arthur Maier oder das Schweigen") von ihren bitteren Erfahrungen, als sie in S. dem Leben eines sehr beliebten jüdischen Arztes, der in Auschwitz ermordet wurde, nachgehen wollte. Sie trifft auf eisiges Schweigen, sieht sich Anfeindungen ausgesetzt - erlebt aber auch mutige Hilfsbereitschaft. Die Honoratioren der Stadt setzen alles daran, die eigene Vergangenheit zugekleister zu belassen. In "Juliette" erinnert sie sich an die Begegnung mit einer jungen Frau in Israel. Juliette wurde in Holland von Nonnen vor den Nazis gerettet. Im Kloster aber jagte man sie in eine psychische Hölle, aus der sie sich bisher noch nicht befreien konnte. Die Nonnen verachteten sie als Jüdin, deren Volk Jesus ans Kreuz geschlagen habe.

Kernstück der Sammlung ist die Erzählung "Alles normal", in der die Autorin ihre Erfahrungen als Jüdin in Deutschland verarbeitet. Stets hat sie mit dem "Gefühl der Nichtzugehörigkeit" zu kämpfen. Das Gefeilsche, ob es wirklich 6 Millionen waren, die umgebracht wurden, oder doch ein paar weniger; der ständig auf den Boden gerichtete Blick der Mutter, die sich am liebsten eine Tarnkappe aufsetzen würde; die Unbekannte, die vorbeikommt, weil sie mal jemanden sehen möchte, "der im Kazett saß" - immer wieder springt sie das Gefühl an, untertauchen zu müssen. Als ihre Flucht nach Israel auch nicht hilft, entschließt sie sich, "der Vergangenheit ins Auge zu sehen". Sie sucht z.B. ihren alten Klassenlehrer auf, der ein überzeugter Nazi war, und muß erkennen, daß er nichts dazugelernt hat. Auch von ihm erlangt sie keine Befreiung zur "Normalität".

Katja Behrens will kein Mitleid. Sie lotet in nüchterner, präziser, unsentimentaler Sprache eine nach wie vor unbewältigte soziale Situation aus. Dabei beeindruckt ihre Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, wenn sie von ihren eigenen Abwehrreaktionen beim Zusammentreffen mit Opfern berichtet. Auch verschweigt sie nicht, daß die Getretenen sich nicht nur daüber schämen, Getretene zu sein, sondern mitunter auch zu tretenden Tätern geworden sind.

Diese "Jüdischen Geschichten" gehen uns alle an.


Das Kassandramal (Unionsverlag Taschenbücher)
Das Kassandramal (Unionsverlag Taschenbücher)
von Tschingis Aitmatow
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,90

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Letzte Chance für die Menschheit, 9. Dezember 2007
Robert Bork, weltberühmter amerikanischer Futurologe deutscher Abstammung, zieht die Quintessenz seines langen Forscherlebens. Die Menschheit hat nur noch eine einzige Überlebenschance, wenn sie sich endlich der tragischen Möglichkeit ihres selbstverursachten Untergangs bewußt wird und sich neu orientiert.

Als Bork von einem Kongreß in Deutschland nach Hause zurückkehrt, erwartet ihn ein Hexenkessel. Der Russe Andrej Krylzow, der sich "Mönch Filofej" nennt und einsam seinen Forschungen in der Orbitalstation FX nachgeht, hat der Menchheit eine sensationelle Entdeckung eröffnet. Durch Kontrollbestrahlungen wird ein Kennzeichen auf der Stirn schwangerer Frauen sichtbar, das er als Signal embryonalen Lebensboykotts deutet und daher "Kassandramal" benennt. Die Embryonen wissen, daß das Böse im Gedächtnis der Natur gespeichert wird und die Gene negativ verändert. Unter diesen Umständen bitten sie darum, nicht in die Welt eintreten zu müssen, bis die Menschheit sich auf den Sinn des menschlichen Lebens besonnen hat - die Lebensbewahrung.

Robert Bork erkennt in Filofej den geistesverwandten Bruder und unterstützt dessen Botschaft durch einen großen Artikel in der Zeitschrift "Tribüne". Doch die Menschen sind (noch?) nicht bereit zu akzeptieren, daß sie durch ihr vorteilsbesessenes Verhalten sich selbst in den Abgrund schleudern. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf, als Oliver Ordok, amerikanischer Präsidentschaftskandidat und Populist, Bork und Filofej an den Pranger stellt und sich damit an die Spitze der Weltmeinung setzt...

Tschingis Aitmatow, berühmter kirgisischer Autor, dessen Werke inzwischen in 90 Sprachen übersetzt sind, hat seine Leserschaft seit "Der Richtplatz" (1988) lange warten lassen. Mit "Das Kassandramal" meldet er sich zurück. Er zeigt sich auf der Höhe seiner großen Erzählkunst, überrascht zugleich aber dadurch, daß er Science-fiction-Elemente verwendet und auf die Einbeziehung kirgisischer Tradition weitgehend verzichtet.

Aitmatow versteht es, seine und unsere Sorgen um die Bedrohung unserer Lebensgrundlagen durch uns selbst in einen fesselnden Roman umzusetzen. Zusätzlich rechnet er in einem umfangreichen "Epilog", in dem die Lebensgeschichte Filofejs nachgezeichnet wird, mit der stalinistischen Vergangenheit der Sowjetunion ab, die seiner Familie Schreckliches gebracht hat.

Ein großer Wurf.


Ein Fall mit Liebe: Ein Bella Block Roman
Ein Fall mit Liebe: Ein Bella Block Roman
von Doris Gercke
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein ruhiger Bella-Block-Krimi, 8. Dezember 2007
Nun schnüffelt sie endlich wieder! Bella Block, Ex-Kriminalkommissarin, die sich mit der Interpretation des Pergamonaltars als Darstellung des brutalen Geschlechterkampfes abmüht, benötigt dringend eine Pause von ihrem zu ruhig gewordenen Leben. Also begibt sie sich auf die Suche nach der seit Monaten vermißten Tochter einer Nazisse, wie sie gern eine alte Nazi-Anhängerin nennt. Die Suche führt Block an die Ostsee in die Ex-DDR. Da sie überzeugt ist, daß der Urgrund für die Fehlentwicklung der Welt in der Übernahme der Macht durch das männliche Geschlecht zu suchen ist und daß die Frauen sich immer noch nicht von der "erbärmlichen Rolle" als Fitmacherin der Männer gelöst haben, fällt es ihr nicht schwer, bald den Schlüssel zur Auflösung des Rätsels zu finden. Die Vermißte? Ermordet. Der Täter? Ein Mann. Warum? Das hat was mit der Vergangenheit zu tun, die bedrohlich in die Gegenwart hineinragt.

Doris Gerckes Stärken und Schwächen als Kriminalautorin werden auch in "Ein Fall mit Liebe" deutlich. Der Plot ist beinahe nachlässig-langweilig ausgedacht. Offenbar interessiert es die Autorin nicht weiter. Gelungen dagegen das Einfangen der profitveresessenen Aufbruchstimmung in den neuen Bundesländern, in denen der frische Wind allerdings noch längst nicht den Mief aus allen Stuben und Gehirnen weggeblasen hat. Klar, daß die Anständigen von den ewig Cleveren übers Ohr gehauen werden. Großartig gelungen sind die Zeichnungen einzelner Frauenfiguren wie Bella Block, Wodkatrinkerin mit altem Kult-Porsche und dem Drang, mit Männern zu schlafen, die nichts von ihr wollen; wie Mutter Olga, hoch in den 80ern, auf den Nerv trampelnde Alt-Kommunistin, die es versteht, flexibel auf Veränderungen zu reagieren, ohne die eigenen Prinzipien zu verraten; oder die alte Rentnerin, die sich im Hotel als Garderobiere ein paar Mark hinzuverdient und die das Geheimnis des Zeitbegriffs kennt. Und wo bleiben die Männer? Können vernachlässigt werden, allenfalls Staffage.

Doris Gercke vesteht es, dichte Atmosphäre zu erzeugen. Und doch hat sie einen merkwürdig "ruhigen" Krimi vorgelegt, der zu einer eher bedächtigen Lektüre einlädt.


Die Sache mit dem Hund: Aus den Tagebüchern und Briefen eines texanischen Konkursrichters Roman
Die Sache mit dem Hund: Aus den Tagebüchern und Briefen eines texanischen Konkursrichters Roman
von Lars Gustafsson
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Rätsel des Lebens, 8. Dezember 2007
Erwin Caldwell, Konkursrichter in Austin/Texas, führt ein geruhsames Leben. Seit 30 Jahren ist er mit Claire verheiratet, die Kinder haben das Haus am Colorado River verlassen. Partys, viele lockere Bekanntschaften, Ausflüge in die Umgebung, gelegentlich ein undramatischer Seitensprung bestimmen das Leben. Dies wird jedoch empfindlich gestört, als die Leiche von Caldwells verehrtem alten Philosophieprofessor Jan van de Rouwers im Fluß gefunden wird - zumal sich herausstellt, daß der Niederländer in seiner Jugend ein Nazi war, der sich in Amerika als Widerstandskämpfer ausgab. Hinzu kommt, daß der sonst so friedfertige Caldwell in einem Aggressionsanfall einen widerlichen, gelben, doggengroßen Köter mit dem Seitenschneider brutal getötet hat. Er gerät ins Grübeln. Immer intensiver springt ihn das Gefühl an, daß "Risse in der Mauer" seiner Existenz aufbrechen. Verunsichert denkt er über seine Vergangenheit nach und beobachtet sich in seinem gegenwärtigen Leben, um wieder einen Fixpunkt zu finden. Alles ist "so unvorhersehbar geworden". Was ist das Gute, was das Böse? Sicher ist jedenfalls, daß "die Grausamkeit unglaubliche Reserven hat".

Caldwell fallen viele erschreckende Ereignisse ein. Den Absturz in die Depression verhindert zum Glück Tom, sein sechsjähriger Enkel, der für erfrischenden Lebenswind sorgt. Wenn da nicht der Amerikaner mit dem höchsten Intelligenzquotienten wäre! Der Konkursrichter hat ihm das aufgeplusterte Selbstbewußtsein zerstört. Eines Tages wird der Amerikaner gefunden - ermordet ...

Lars Gustafsson (geb. 1936), Philosoph, Lyriker und Romancier, ist der international bekannteste schwedische Schriftsteller der Gegenwart. In seinem Roman "Die Sache mit dem Hund" verwendet er eine ausgefeilte Andeutungstechnik, mit der er gekonnt den Leser durch sein Werk zieht. Es gelingt ihm auf wunderbar leichte Weise, das muntere Fabulieren mit tiefsinnigen Gedanken zu verbinden. Gustafsson entläßt den Leser mit einigen Rätseln, die zum weiteren Nachdenken und zu überraschenden Entdeckungen führen können.

Es lohnt sich, sich auf Gustafsson einzulassen.


Ostpreussen Ade: Reise durch ein melancholisches Land
Ostpreussen Ade: Reise durch ein melancholisches Land
von Ralph Giordano
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Abschied vom Kindheitstraum, 8. Dezember 2007
Am Anfang stand ein großformatiges Photo masurischer Seen und Wälder. Die Neugier und Sehnsucht des Hamburger Jungen, der seine jüdische Mutter durch die Nazis verlor und nur in der Illegalität überleben konnte, war entzündet. Und nun, mit 70 Jahren, erfüllt sich Ralph Giordano seinen Kindheitstraum und durchstreift die polnischen und russischen Gebiete Ostpreußens.

Giordano sucht das Gespräch mit den wenigen Deutschen, die geblieben sind; mit zwangsumgesiedelten Russen, Ukrainern, Polen; auch mit Touristen aus Deutschland. Überall trifft er auf große Not, auf mutiges Beharren, aber auch auf heftige Zerstrittenheit innerhalb der Minderheiten. Gemeinsam ist all seinen Gesprächspartnern ein Gefühl der Isolation, denn sie leben zwar in der Heimat, nicht aber in ihrem Vaterland. Mit wenigen Ausnahmen stellt der Autor einen verinnerlichten Stillstand im Denken und Fühlen fest: Die polnischen und russischen Greuel sind in der Erinnerung minutiös präsent, die deutschen Untaten hingegen bleiben beharrlich ausgeblendet. Es wird keine Verbindung hergestellt zwischen dem eigenen und dem von Deutschen angerichteten Leid.

Neben den vielen Begegnungen mit den Menschen taucht Giordano tief in die noch ursprüngliche Natur und Landschaft ein, die er dem Leser in gestochen scharfen Wortbildern vor Augen führt. Er weiß, daß der Preis vielleicht zivilisatorische Rückständigkeit ist - "die aber wird nicht andauern". Der "Fortschritt" wird sein Werk mit Zwangsläufigkeit tun.

Ralph Giordano hat ein melancholisches Buch über ein melancholisches Land geschrieben. Trauer über den unwiederbringlichen Verlust und Zorm auf die Nazis, die dies verschuldet haben, wechseln einander ab. Grimmig wird der Autor, wenn er von deutschen Touristen berichtet, die vom Einkauf Ostpreußens mit harter deutscher Währung aggressiv schwätzen und träumen.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 13, 2009 1:23 PM MEST


Werkausgabe in Einzelbänden, 20 Bde., Bd.12, Die Auflehnung
Werkausgabe in Einzelbänden, 20 Bde., Bd.12, Die Auflehnung
von Siegfried Lenz
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 25,95

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Herbe Verluste, 8. Dezember 2007
Willy Wittmann übt den Beruf des Teekosters bei einer Hamburger Weltfirma aus. Als er die Fähigkeit verliert, sichere Geschmacksurteile abzugeben, kündigt er seine Stellung und zieht sich auf das ländliche Anwesen seines Bruders zurück. Hier sucht er neue Perspektiven für die Altersphase seines Lebens. Frank Wittmann hat die Teichwirtchaft vom Vater übernommen. Auch er ist von einem herben Verlust bedroht, der ihm und seiner Familie die ohnehin karge materielle Basis entziehen kann: Kormorane fressen ihm die Fische aus seinen Teichen.

Wider besseren Wissens hofft Willy, daß sich seine Geschmacksnerven regenerieren werden. Bald aber muß er einsehen, daß ihm der Verzicht auf seinen bisherigen Lebenssinn abverlangt wird. Er findet zu seiner Form des Aufbegehrens... Und Frank, ein oft bitterer Mann, holt seinen alten Karabiner hervor und nimmt den Kampf gegen die Kormorane auf. Da diese unter Naturschutz stehen, muß er mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Dennoch zögert er keine Sekunde ...

Siegfried Lenz hat auch in diesem Roman an seiner Schreibkonzeption der erinnernden Literatur festgehalten. Zwar gibt es eine ausgedörrte wie auch eine spröd-liebevolle Ehe, eine altersscheue Liebe, Liebesverrat, Vergewaltigung, schwere Unfälle auf hoher See, Schlägerei, Diebstahl, Brandstiftung, Fischvergiftung... Trotzdem hat Lenz seinen Stoff nicht im Gewusel des aktuellen Tagesgeschehens gesucht und zu Spannungshäppchen arrangiert. Bestimmend bleibt die Einbettung der Vorfälle in einen ruhigen, breiten Erzählstrom, der von einer genau recherchierten Detailtreue geprägt ist. Faszinierend die zahlreichen Naturbilder, die den Roman durchsetzen. Nur wer die Landschaft von Schleswig über Arnis und Kappeln bis zur Ostsee entlang der Schlei kennt, wird den Facetten-Reichtum des Werkes genau erfassen können.


Mein Leben
Mein Leben
von Marlon Brando
  Broschiert

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Der Weg auf den Narrenhügel, 8. Dezember 2007
Rezension bezieht sich auf: Mein Leben (Broschiert)
Marlon Brandos deutscher Verlag spricht vollmundig von einer "Sensation", gar von einem "Buch, das Geschichte machen wird". Nun ja. Der Filmstar selbst sieht dies anders. In schöner Offenheit erzählt er, daß er "Mein Leben" seinem Freund Robert Lindsey diktiert habe, um möglichst viel Geld zu verdienen. Die Wahrheit liegt dazwischen. Brandos Lebenserinnerungen sind für jeden Bewunderer dieses exzellenten Schauspielers interessant zu lesen. Leider aber sind sie durch viel zu ausführlich dargestellte, fast beliebig austauschbare Klatsch-und Bettgeschichten voluminös aufgebläht.

Brando, 1924 in Omaha/Nebraska geboren, verlebte eine unglückliche Kindheit. Sein Vater, ein trinkfester Raufbold irischer Abstammung, hat ihn nie akzeptiert; die alkoholkranke Mutter verschwindet oft tagelang und kümmert sich kaum um ihren Jungen und seine beiden Schwestern. Die Folge: Marlon Brando stottert, wird ein aufsässiger Schüler, rebelliert gegen jede Autorität. Er jobt als Liftboy, Kellner, Taxifahrer, Sandwichverkäufer - und absolviert eine Schauspielausbildung am berühmten Actor's Studio. Damaliger Leiter war übrigens Erwin Piscator, gelernt hat er aber v.a. von Stella Adler und Elia Kazan - für Lee Strasberg dagegen findet er kein gutes Wort.

Nach ersten Erfolgen auf dem Theater beginnt seine Karriere als Filmschauspieler (Der Wilde, Der häßliche Amerikaner, Der Pate, Letzter Tango von Paris, Apocalypse Now ...). Dabei hat er sich nie von Hollywood vereinnahmen lassen, weil er schnell erkannte, daß der Ruhm unvermeidbar zum Fluch des falschen Lebens in der Öffentlichkeit führen muß. Geholfen hat ihm dabei, daß er kein Schauspieler aus Berufung war, sondern ein Mann, der seinen erlernten Beruf möglichst gut erledigen will, um mit wenig Arbeit möglichst viel Geld zu verdienen und sich (ab 1966) auf seine Privatinsel in der Südsee zurückziehen zu können. Wer mit einer kleinen Rolle in "Superman" für drei Wochen Arbeit 14 Millionen Dollar verdient, kann es sich leisten, fast zehn Jahre keine Rollen mehr anzunehmen.

Dennoch ist er nicht gefeit vor Nervenzusammenbrüchen, Depressionen und Freßsuchtanfällen. Beeindruckend sein engagierter Einsatz für Minderheiten wie die Indianer oder Afroamerikaner. Frauenverachtend dagegen seine pseudowissenschaftliche Erklärung der angeblichen Bindungs-und Beziehungslosigkeit zwishen den Geschlechtern, die seinen kläglichen Stolz auf die zahlreichen Minuteneroberungen kaschieren soll.

Es ist verständlich, daß Marlon Brando nichts über seine Ehefrauen und seine Kinder sagt, um ihre Privatheit zu wahren. Komisch dagegen wirkt es, wenn der vermögende Mime seufzt, daß das Leben doch ein "anstrengender Weg den Narrenhügel rauf" sei. Da müssen die meisten anderen Menschen im Vergleich doch wohl eher den Mount Everest erklimmen.


Lamuv Taschenbücher, Bd.53, Mein Wald am Ufer des großen Flusses
Lamuv Taschenbücher, Bd.53, Mein Wald am Ufer des großen Flusses
von Sebastiao Bastos
  Broschiert

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Autobiographie, 7. Dezember 2007
Sebastiao Bastos ist der Sohn einer Mahari-Indianerin und eines Mestizen, der vor dem ersten Weltkrieg als Kautschuk-Plantagenbesitzer zu einigem Vermögen kam. Der junge Sebstiao wurde auf eine exklusive Privatschule in Freiburg/Schweiz geschickt.

In seiner Autobiographie "Mein Wald am Ufer des großen Flusses" erzählt er, wie er mit dem Aga Khan und Antoine de Saint-Exupéry die Schulbank drückte. Als seine Familie verarmt, kehrt er an den Amazonas zurück, um fortan in den Urwäldern längs des gewaltigen Stromes zu leben.

Der deutsche Leser taucht in eine für ihn exotische, gefahrvolle Dschungelwelt ein, in der er kaum einen Tag überleben würde. Zugleich ist Bastos faszinierendes Buch die beschämende Geschichte der Ausbeutung und Ausrottung zahlreicher Indianerstämme Brasiliens aus nackter Profitgier.


Baum. Stein. Beton: Reisen zwischen Ober- und Unterwelt
Baum. Stein. Beton: Reisen zwischen Ober- und Unterwelt
von Günter Kunert
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mitreisen im Kopf, 7. Dezember 2007
Wer nicht vermeiden kann, die "graue Jahreszeit" zu Hause verbringen zu müssen, sollte zu Günter Kunerts Buch "Baum. Stein. Beton. - Reisen zwischen Ober-und Unterwelt" greifen. Der Großmeister der kurzen Prosaform ist auch einer der wenigen modernen Schriftsteller deutscher Sprache, die noch die schwierige Kunst der Reiseliteratur beherrschen. Kunert lädt zu 23 Reisen im Kopf ein, die geeignet sind, den Leser aus seiner vertrauten Umgebung herauszuführen.

Wer Kunert kennt, weiß, daß ihn als Leser keineswegs nur farbenprächtige Landschafts-und Stimmungsbilder erwarten. Der kritische Blick des reisenden Intellktuellen nimmt die heutige Oberfläche wahr und durchstößt sie in Richtung Vergangenheiten mit Blick auf die gefährdete Zukunft der Menschen. Absurd, dem Autor eine "Rhetorik des Nekrologen" vorzuwerfen, der die Objekte seiner Reisebeschreibungen in das stets angestrebte "Begräbnis der Welt" einpasse. Die touristisch verwertbare Gefälligkeitsprosa vieler Reiseführer allerdings darf man hier nicht erwarten. Auch wird der in der Lektüre Mitreisende nicht immer mit den Erfahrungen des Autors einverstanden sein. Ich habe z.B. Prag zur gleichen Zeit wie Kunert nicht als kafkaesk bedrängende Welt, sondern als konspirativen Ort tiefer Freundschaft unter diktatorischer Bedrohung erfahren.

Kunerts Meisterschaft äußert sich gerade darin, daß er dem Leser dabei hilft, in der Übereinstimmung wie auch im Widerspruch die eigenen Erfahrungen zu formulieren. Er respektiert die Mündigkeit seiner Leser.

Eine für mich unverständliche Merkwürdigkeit: Günter Kunert meint, dem Geheimnis der Toskana auf der Spur zu sein. Sie sei "unbetretbar", da keine Wanderwege angelegt seien. Seit wann ist ein auf seiner Freiheit bedachter Geist angekettet, wenn er keine eingrenzenden Wegschienen vorfindet? Da streife ich doch lieber hügelauf, hügelab quer durch die weglose Toskana.


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