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Rezensionen verfasst von
Stefan Hetzel

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Gehaltsästhetik. Eine Kunstphilosophie
Gehaltsästhetik. Eine Kunstphilosophie
von Harry Lehmann
  Taschenbuch
Preis: EUR 19,90

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Brillant und provokativ, 1. März 2016
"'Gehaltsästhetik"' rekonstruiert die europäische Kunstgeschichte ab ovo mit gestaltpsychologischen und systemtheoretischen Mitteln und analysiert zentrale Werke der Bildenden Kunst der letzten Jahrzehnte von Ai Weiwei, Damien Hirst, Luc Tuymans u. a. gegen den Strich als '"gehaltsästhetisch"' (=post-formalistisch und auf soziokulturellen Impact hin optimiert). Weiterhin werden Bedingungen der Möglichkeit valider gehaltsästhetischer Kunst heute formuliert.

"Gehaltsästhetik" bietet allen an den Forderungen einer zeitgemäßen Ästhetik Interessierten ein ebenso anspruchsvolles wie nachhaltiges und darüber hinaus intellektuell ausgesprochen anregendes Leseerlebnis.


Die Netzwerk-Orange
Die Netzwerk-Orange
von Thomas Raab
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,20

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die kalten Schauer der Alternativlosigkeit, 10. August 2015
Rezension bezieht sich auf: Die Netzwerk-Orange (Gebundene Ausgabe)
“Die Netzwerk-Orange” ist der meiner Kenntnis nach erst zweite Roman des nun auch schon 47-jährigen österreichischen Autors Thomas Raab, dessen Schaffen ich seit geraumer Zeit mit großem Vergnügen verfolge, denn Raab ist kein normaler Schriftsteller.

Eher betreibt er Literatur als Spielart zeitgenössischer Kunst, allerdings nicht im Sinn des 20. oder gar 19. Jahrhunderts. “Die Netzwerk-Orange” ist also weder post-, noch retro-modern, weder avantgardistisch oder experimentell noch konservativ oder gar reaktionär (Gruß an Daniel Kehlmann an dieser Stelle). Es handelt sich auch nicht um ins Großartig-Literarische aufgeschäumte autofiction. – Aber was zum Teufel ist es dann? Das Problem ist, dass ich sehr wohl zu wissen glaube, was es ist, aber wie erkläre ich es der Leserin dieser Rezension, der ja evtl. tatsächlich weisgemacht wurde – und ich hoffe inständig, dass dem nicht so ist! –, D. Kehlmann repräsentiere den “Stand der Dinge” in der zeitgenössischen deutschsprachigen Belletristik?

Formal kommt “Die Netzwerk-Orange” (Anthony Burgess’ “Die Uhrwerk-Orange” von 1962 lässt grüßen) als Science Fiction-Roman daher, leicht wohlstandsverwahrloste SprößlingInnen saturierter “Unions-“(sprich: EU-)BeamtInnen bzw. UnternehmensberaterInnen in einer “lokalen Hauptstadt” (=Wien) rebellieren ein wenig gegen die vorformatiert und inauthentisch erscheinende Welt ihrer Eltern (wobei die “Dialektik der Aufklärung” von Horkheimer/Adorno als Empörungsfolklore eine gewisse Rolle spielt), ein Lehrbeauftragter für creative writing hat eine Affäre mit einer seiner Studentinnen, es kommt zum “Kommenden Aufstand“, aber am Schluss geht alles weiter wie bisher etc. – kann bzw. muss man aber alles selber lesen und zuviel spoilern will ich ja auch nicht :-)

Das eigentlich Faszinierende an dem Roman ist, wie es Raab schafft, sein elaboriertes soziokybernetisches Wissen (vgl. auch seine empfehlenswerten Sachbücher “Nachbrenner”, Suhrkamp 2005, und “Avantgarde-Routine”, Parodos 2008) immer wieder mal nonchalant in die Handlung einzubauen und gleichzeitig – rückkoppelnd sozusagen – den Plot als Illustration ebenjenes Wissens erscheinen zu lassen, ohne aus seinen ProtagonistInnen bloße PappkameradInnen zu machen (auf meine Weise habe ich vor einigen Jahren hier mal Ähnliches probiert, allerdings weit weniger kunstvoll :-( ). “Soziokybernetik” meint hier die Fähigkeit von staatlichen, wissenschaftlichen oder wirtschaftlichen Institutionen, gesellschaftliche Entwicklungen mit Hilfe von Big Data und potenter Algorithmen in erstaunlich präziser Weise zu antizipieren, ohne sie im herkömmlichen, philosophisch-hermeneutischen Sinn, zu verstehen bzw. verstehen zu wollen.

Exakt hier sind Raabs Gedanken anschlussfähig an Michael Seemanns Sachbuch “Das Neue Spiel” aus dem Jahr 2014 sowie einige Gedanken von Jaron Lanier, er hat aber weder, wie Seemann, die Brille des Kulturwissenschaftlers, noch, wie Lanier, die des Ingenieurs bzw. Nerds auf. Stattdessen findet er eine Reihe effektiver literarischer Mittel (wörtliche Wiederholungen spielen eine Rolle, Meta-Ironie auch, sowie der Einbau nur leicht angepasster diverser “unliterarischer” Textsorten wie technischer Protokolle, Marketing-Analysen etc.), um eine post-orwellianische, post-totalitäre, aber verblüffenderweise fast komplett gewaltfreie (ein großer Unterschied zu Burgess) Zivilisation zu skizzieren, die dem Individuum scheinbar alle Wahlfreiheiten lässt – und es gerade dadurch effizienter kontrolliert als jede stalinistische Erbmonarchie nordkoreanischer Provenienz. Diese sozial aufs äußerste segmentierte, aber eben gerade nicht individualdemokratische Massengesellschaft ist vom Autor der unsrigen so ähnlich nachgebildet, dass man beim Lesen ständig zurückprallt und zum Abgleich mit den eigenen Verhältnissen gezwungen wird, ohne jedoch den Eindruck zu haben, Raab wolle einen lediglich belehren.

“Die Netzwerk-Orange” schildert eine post-neoliberale (“post-neoliberal” soll hier eine Gesellschaft bezeichnen, die die Ökonomisierung aller Lebensbereiche, besonders aber von Bildung und Erziehung, bereits hinter sich und nun mit den teilweise unerwarteten Konsequenzen dieses Umbaus zu kämpfen hat), im Grunde grauenhaft langweilige, weil (scheinbar) vollkommen transparente und somit ultrastabile Gesellschaft, die ebenso leidenschaftslos wie subtil von einem Rhizom aus staatlichen und/oder privatwirtschaflichen behavioral economists analysiert und somit letztlich eigentlich auch geführt wird:

Raabs Roman interessiert sich konsequenterweise nicht besonders für die im herkömmlichen Sinn “psychologisch überzeugende” Schilderung von individuellem Erleben als vermeintlicher conditio sine qua non “belletristischer” Literatur – was ihm das Feuilleton vermutlich nicht verzeihen wird, es wird dem Buch “Abstraktheit” und “Kälte” vorwerfen – , sondern eher für die soziopsychologischen Alleinstellungsmerkmale seiner ProtagonistInnen. Letztere erscheinen dabei – ganz wie im richtigen Leben – durchaus in keinster Weise als fremdgesteuerte Automaten, sind aber dennoch in nahezu jedem Detail ihres konkreten Verhaltens für die erwähnten staatlich-wissenschaftlich-ökonomischen Institutionen berechenbar geworden. Bei Raab umfasst dieses komplett überraschungsfreie Individualverhalten nicht nur den Konsum von Waren, sondern ebenso den gesamten Karriereweg, private Liebesverhältnisse sowie sämtliche soziokulturellen Ansichten und Gedanken der jeweiligen Person, Weltanschauliches und Ästhetisches mit eingeschlossen. (Eine Analyse der zeitgenössischen bildenden Kunst unter diesem Aspekt findet sich in Raabs Sachbuch “Avantgarde-Routine”.)

Das Gemeine an dieser literarischen Konstruktion, für die die Bezeichnung “Satire” nicht wirklich passt, ist, dass man ihre Pointen immer nur so lange genießt, bis man sich in ihnen wiedererkannt hat. Das abendländische Individuum – so meine Interpretation von Raabs Dystopie – wurde also weder vom real existierenden Sozialismus, noch von der Dekonstruktion, sondern vom naturwissenschaftlich unterfütterten Marketing endgültig und nachhaltig seiner ein paar Jahrhunderte anhaltenden Vorrangstellung beraubt, indem es ihm ganz einfach erfolgreich weismachen konnte, Individualität lasse sich durch den Verbrauch käuflicher Güter erzeugen, bewahren, verteidigen und stärken.

Und selbst der standhafteste Konsumverweigerer entkommt dieser angeblich “ideologiefreien” Meta-Erzählung nicht, solange er sich ausschließlich über die Konsumverweigerung definiert. Die “Abschaffung des Außen” ist somit erreicht, jede denkbare Revolte wird früher oder später über soziokybernetische Feedback-Prozesse entschärft und die Welt stellt sich den gebildeten Ständen mehr und mehr als tatsächlich “alternativlos” (A. Merkel) dar.

Das Individuum ist zwar frei wie nie, aber politisch komplett bedeutungslos geworden, weil die Erzeugung seines wie auch immer gearteten Freiheitsgefühls (vom Straßenkampf über alternative soziokulturelle Zentren bis zum obsessiven Fahrradfahren ist hier alles denkbar) mittlerweile mit verhaltensökonomischer Expertise je nach Bedarf simuliert und dadurch gefahrlos “abgefackelt” werden kann. Dies entparadoxiert ganz gut eine der (für mich) irritierendsten Beobachtungen unserer Gegenwart: die Gleichzeitigkeit von zunehmender Individualisierung und zunehmender Homogenisierung der Gesellschaft. (Ausführliches zu diesem Thema inkl. jeder Menge kognitionswissenschaftlicher Expertise liefert Raabs Sachbuch “Nachbrenner”):

Am Wichtigsten erscheint mir jedoch – und hier ist Raab seinem oft hermetischen, stets ein writers’ writer gebliebenem Inspirator Oswald Wiener weit voraus – dass man diesen Roman auch ohne die von mir hier einigermaßen mühsam und einigermaßen erratisch geschilderten zivilisationsphilosophischen Hintergrundideen gut lesen kann, denn er ist ausgesprochen flott erzählt, reich an Pointen und zudem sprachlich sauber gearbeitet. Die kalten Schauer der Alternativlosigkeit werden einem trotzdem über den Rücken laufen.


Die Einzigen: Roman
Die Einzigen: Roman
von Norbert Niemann
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

4.0 von 5 Sternen Ein Gesellschaftsroman, der die Bezeichnung verdient, 10. August 2015
Rezension bezieht sich auf: Die Einzigen: Roman (Gebundene Ausgabe)
Nach einigen Jahren der Stille hat der von mir von Anfang an geschätzte und immer mal wieder brillante Romancier (altmodischer Begriff, hier aber zutreffend) Norbert Niemann gottseidank wieder zugeschlagen und mit “Die Einzigen” einen Gesellschaftsroman geschrieben, der diese Bezeichnung verdient. Warum?

Weil “Die Einzigen” wirklich ein Gesellschaftsroman ist und nicht nur so tut, wie etwa Krachts “Imperium” von 2011 oder Kraussers “Thanatos” von 1996. Was bei Kracht eher bildungsüberzuckert daherkommt und bei Krausser (leider!) oft narzisstisch verzerrt, kann sich unter Niemanns nüchternem Blick prächtig entfalten: die Milieustudie (auch dies ein schrecklich altmodischer Begriff, der aber nach meinem Dafürhalten weiterhin funktioniert).

Niemann hat sich für “Die Einzigen” im Wesentlichen das Soziotop “Neue Musik” (gut, ein wenig auch das Post-Punk-Milieu der 1980er Jahre) ausgesucht – und ist damit schon mal der erste überhaupt, der einen Roman verfasst hat (oder hab ich da was verpasst? Falls ja – bitte melden, danke :-)), in dem diese soziokulturelle Enklave (also die Neue Musik jetzt) eine tragende, d. h. die Hauptfigur antreibende, Rolle spielt.

Und Niemann weiß ganz offenbar, wovon er schreibt, er beschränkt sich nicht auf strategisches Namedropping (“Ja ja, Luigi Nono [seufz]”, “Mein Gott, das erinnert ja fast an Steve Reich!”, “Er war nun mal kein Conlon Nancarrow!” etc.), sondern lässt seine Hauptfigur Harry tatsächlich Erfahrungen mit Neuer Musik machen, die – und ich greife hier nicht zu hoch – dessen Leben verändern.

Ja potztausend, dachte ich da kurz während der Lektüre, jetzt wird doch nicht ein 1961 in Landau an der Isar geborener Schriftsteller ernsthaft plötzlich die nierentischförmige Nachkriegsutopie einer Transformation der Gesellschaft durch abstrakte Kunst aufköcheln wollen?

Aber nein – Niemann behält bei aller Begeisterung für sein Sujet stets den Überblick: Er schildert, wie die Erfahrung Neuer Musik ein – entsprechend geneigtes – Individuum durchaus bis heute (2014) erschüttern und “verwandeln” kann, ist sich aber im Klaren darüber, dass die Art und Weise dieser Erschütterung und Verwandlung dramatisch unterbestimmt bleibt (Im Falle seiner Figur “Harry” – und jetzt kommt ein kleiner Spoiler – dient sie bsp.weise letztlich betriebswirtschaftlicher Innovation, was jetzt – wieder bsp.weise – Conlon Nancarrow vermutlich zumindest verblüfft hätte).

Und da wären wir auch schon bei einer zentralen Funktion des Gesellschaftsromans, die Niemanns Bücher (ja: – alle!) mustergültig erfüllen: Spiegelung. “Die Einzigen” erfindet realistische Kunstfiguren (ein Widerspruch in sich), mit denen sich die Leserin identifizieren kann (und sei es im Sinne von “Aber so bin ich ja ganz bestimmt nicht!”) und die ihr hilft, ihren Standort im komplexen Geschiebe des Jetzt zu bestimmen. Auch sehr gute Fernsehfilme schaffen das mitunter, ganz selten sogar Fernsehkrimis.

Was Niemann besser kann als alle mir bekannten deutschsprachigen Belletristen seiner Alterskohorte (die Katharina Hacker der “Habenichtse” ausdrücklich ausgenommen), ist die einfühlende, aber dennoch analytische Beschreibung der Innenwelten seiner Figuren. Er nimmt, wie das Belletristen ja wohl tun sollen, den Leser an der Hand und führt ihn ein in die Subjektivität seiner Figur (hier: “Harry”, alle anderen Figuren werden von außen beschrieben) – und zwar so, dass man mitgehen muss, dass es einen packt, dass man das Papier eben nicht rascheln hört. Gleichzeitig bleibt immer klar, dass es sich hier um ein Artefakt handelt.

Dennoch weigert sich Niemann beharrlich, seine Figuren – so inkonsistent und mitunter verachtenswert sie sich auch gelegentlich verhalten mögen – zu verraten (Ein weiterer Unterschied zu Kracht und Krausser: Krachts Hauptfigur in “Imperium” bleibt für mich ein – wenn auch ideengeschichtlich interessanter – Papiertiger, Kraussers Protagonisten sind eigentlich immer Soziopathen, d. h. Figuren, mit denen mitzufühlen uns der Autor geradezu verbietet).

Ich verstehe alle Leserinnen von Niemann-Romanen, die dessen Figuren kalt lassen, weil sie nun mal nicht deren Alterskohorte angehören – ihr Leben wurde und wird von anderen Faktoren geprägt. Sie wissen bsp.weise nicht, was “Post-Punk” heißen soll (dieser Sammelbegriff ist selbst innerhalb der Generation X nicht durchgehend bekannt, bzw. wird teilweise abgelehnt etc.), haben sich niemals mit Neuer Musik auseinandergesetzt etc. Das ist aber nicht Norbert Niemann anzulasten, der das einzige tut, was ein Romancier tun sollte, nämlich über das schreiben, was er kennt und persönlich erfahren hat. Gelungen ist ein Roman dann, wenn der Text die Zeitgebundenheit der geschilderten Ereignisse vergessen macht. Die Zeitgeschichte ist das Medium des Romans, nicht sein Inhalt (Kafka und Musil werden ja auch nicht deswegen heute noch gelesen, weil wir uns so brennend für das Prag bzw. das Wien des frühen 20. Jahrhunderts interessieren würden).

Was Niemann nicht so gut kann, ist Dramaturgie. Bei den “Einzigen” kommt er jedoch deren Ziel, einen erzählerischen Bogen zu schlagen, recht nahe. Für meine Begriffe versauen diesmal lediglich die letzten Sätze (hier werde ich jetzt nicht spoilern) dieses Unterfangen – dafür aber gründlich. Angesichts der Fülle an treffenden Beobachtungen und scharfsichtigen Alltagsanalysen, die vorhergehen, fällt das dann aber nicht mehr ganz so schwer ins Gewicht.


Die Autonomie des Klangs: Eine Philosophie der Musik (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
Die Autonomie des Klangs: Eine Philosophie der Musik (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
von Gunnar Hindrichs
  Taschenbuch
Preis: EUR 17,00

13 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Musiktheologie, 15. Mai 2015
Der 44-jährige Gunnar Hindrichs legt mit seiner Musikphilosophie "Die Autonomie des Klangs" ein postmodernes re-enactment der Heideggerschen Fundamentalontologie als seminaristisches Schreib-Exerzitium vor.

Das geht schon mal damit los, dass er die gesamte übergeordnete Begrifflichkeit ("Material", "Klang", "Zeit", "Raum", "Sinn", "Gedanke"), an der sich der Text entlanghangelt, einfach aus der abendländischen Philosophietradition (exklusive des 20. Jahrhunderts wohlgemerkt!) übernimmt. Der Autor hat - im Gegensatz etwa zu seinem musikphilosophischen Kollegen Harry Lehmann - offenbar keinerlei Ambition, neue, erklärungsmächtige musikphilosophische Begriffe zu entwickeln. Er begnügt sich damit, vorhandene Gedanken (z. B. Arnold Schönbergs) in, zugegeben, akademisch äußerst feinsinniger Weise wiederzugeben und auch - ein wenig - neu zu verknüpfen.

Davon kann mensch sich dann schon ganz hübsch einlullen lassen, vor allem, weil Hindrichs sich einer an Derrida erinnernden, ausgesprochen suggestiven écriture bedient, die als rhetorische Spachtelmasse die teilweise beträchtlichen Fugen zwischen den gesampelten Theorieblöcken effizient zum Verschwinden zu bringen weiß. Der Rezensent wollte diese - intuitiv rasch wahrgenommene - Strategie des Autors zunächst selbst nicht so recht wahrhaben, und so stellte ich einen fix verfassten Verriss der "Autonomie des Klangs" erst mal eine ganze lange Weile in die Ecke, um das Buch schließlich nochmals gründlich durchzuarbeiten. Doch erwies sich mein ursprünglicher Eindruck leider als korrekt. Ziemlich weit hinten im Buch wird Hindrichs dann explizit: "Um den musikalischen Sinn zu bestimmen, den Klänge im Bezug auf Außermusikalisches haben, muß daher ein Modell entwickelt werden, das den funktionalen Sinn als die Grundlage zu verstehen hilft, auf der die anderen Sinne entstehen können. (...) Das benötigte Modell ist das Modell des vierfachen Schriftsinnes. Es wurde von der Theologie zur Deutung der Bibel entwickelt." (S. 217)

Der Autor möchte also die Methodik traditioneller Bibel-Exegese auf die Interpretation von Musik übertragen. Die Partitur wird so zur "Heiligen Schrift", deren mehr oder minder hermetische Botschaft von musiktheologisch geschulten Experten auf ihre Bezüge zum "Außermusikalischen" (vulgo: der "Welt") hin abgeklopft werden muss.

Natürlich war ich neugierig, ob Hindrichs auch irgendwelche Kriterien liefert, welcher Art von Musik denn nun eine solch ehrfürchtige Behandlung zuteil werden soll. Schließlich behauptet er ja, eine Musikphilosophie, also eine universal anwendbare Betrachtungsweise vorgelegt zu haben. Leider aber schweigt er sich über diesen Punkt aus. Ich kann also nur indirekt - aus den Musikbeispielen, die er auswählt - auf den Gültigkeitsbereich seiner Gedanken schließen. Und da zeigt sich, wer hätte es gedacht, dass dieser wohl nur von Bach bis Lachenmann reicht (Cages mit dem Zufall arbeitende Kompositionen sind bereits Grenzfälle, über Petitessen wie Pop, Jazz oder Minimal music schweigt sich der Autor vornehm ganz aus). Erstaunlicherweise wird aber Kreidlers Neuer Konzeptualismus erwähnt, und zwar so: "Wie sein Vorbild, die Konzeptkunst der sechziger und siebziger Jahre, bindet er den Abschied vom Material mit dem Abschied vom Werk zusammen und erzwingt eine fröhliche Entdifferenzierung von Musikalischem und Außermusikalischem. Sein Schicksal ist jedoch das gleiche, das bereits John Cage erlitt: Was ihm gelingt, gelingt ihm einzig als Kontrast zum Werk. Erzeugnisse mit Eigengeltung hingegen ... beglaubigen sich nicht aus ihrem Konzept, sondern aus ihrem Umgang mit dem Material. Ansonsten wird vor der Differenziertheit des Musikalischen ihre Entdifferenzierung schal." (S. 71 - 72)

Der Neue Konzeptualismus ist also musiktheologischer Betrachtung nicht würdig, da er unter dem Radar des - im Sinne Hindrichs - autonom Werkhaften hindurchsegelt. Es ist also nicht einmal so, dass Hindrichs Kreidlers Arbeiten ablehnen würde, er bestreitet schlicht, dass es sich dabei überhaupt um Kompositionen handelt (und kann somit den Orchestermusikern bei der Stuttgarter Uraufführung von Kreidlers "-Bolero" tiefenentspannt die Hand reichen).

Stellt sich natürlich die Frage, ob die weitere Beschäftigung mit der "Autonomie des Klangs" überhaupt lohnt. Nun, diese Entscheidung wird mir schon dadurch aus der Hand genommen, mit welcher ungewöhnlichen Euphorie es akademische Kreise (Claus-Steffen Mahnkopf, Günter Figal) bereits rezipiert haben - allein deshalb wird es "relevant", ganz unabhängig davon, welch alteuropäisch exkludierenden Elitismus es auch transportieren mag.

In diesem Sinn ist Hindrichs Wälzer ein echtes Ärgernis und ich kann nicht umhin, ihn dann - leider - doch in eine Reihe mit paläokonservativen (sprich: erzreaktionären) Musikpublizisten wie Roger Scruton (auf dessen Gedanken Hindrichs auf den Seiten 95 - 98, 102, 215, 222 und 229 eingeht) und dem etwas gröber gestrickten John Borstlap (dessen Name bei Hindrichs natürlich nicht auftaucht, aber ich stelle Geistesverwandtschaft fest) zu stellen.

Und so reiht sich denn "Die Autonomie des Klangs" ein in die lange Reihe von "Retro-Utopien", an denen diese Jahre so überaus reich sind. Man spürt, dass der "Geist aus der Flasche" entwichen ist, entwickelt massive (Zukunfts-)Angst und beginnt, vermeintlich funktioniert habende vergangene Ordnungsmodelle aufwändig zu rekonstruieren bzw. zu re-formulieren. Es mag ja sein, dass dadurch subjektive Ängste erfolgreich niedergehalten werden, dass so aber komplexe Gemengelagen der Gegenwart angemessen beschrieben und analysiert werden können, mag ich nicht glauben.

Hindrichs ist ein äußerst ernst- und gewissenhafter, zudem ehrgeiziger intellektueller Arbeiter, das ist wohl kaum in Frage zu stellen. Schreiben kann er auch, das Buch hat zweifellos Stil und der Autor ist in der Lage, auch über längere Strecken Gedankenfäden auf abstrakter Ebene zu spinnen, die sogar - so man denn Spaß am Umgang mit Abstrakta hat und die Prämissen des Autors akzeptiert - eine deutliche Sogwirkung entfalten: eine echte Seltenheit! So gesehen, ist "Die Autonomie des Klangs" ein gut, ja sogar hervorragend gemachtes Buch. Aber mir sind nun mal Inhalte wichtiger als Form - und was die betrifft, hockt der Text im allerverstaubtesten Dachkämmerchen des Elfenbeinturms und wünscht sich zurück in eine heile Welt absoluter, metaphysisch legitimierter Autorität.

[Die Original-Rezension mit allen Links gibt's auf meinem Blog "Weltsicht aus der Nische"]


Die digitale Revolution der Musik: Eine Musikphilosophie (edition neue zeitschrift für musik)
Die digitale Revolution der Musik: Eine Musikphilosophie (edition neue zeitschrift für musik)
von Harry Lehmann
  Broschiert
Preis: EUR 19,95

7 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen McLuhan oder McKinsey?, 29. Januar 2013
Dicht, anspruchsvoll, durchdacht - Lehmanns Musikphilosophie wirft ein helles Licht auf die unübersichtliche Situation der zeitgenössischen Kunstmusik. Dabei erscheint der Autor durchaus janusköpfig: Einerseits entwirft er eine "Neue Musik 2.0", die sich durch intelligente Konzeptualisierung und reflektierte Adaption zeitgenössischer Musiktechnologie aus dem Elfenbeinturm gesellschaftlicher Randständigkeit befreien könnte, auf der anderen Seite unterzieht er die bisherige institutionelle Verfasstheit dieser Kunstform einer derart schonungslosen Kritik, dass es so manchem Akteur dieser Szene kalt den Rücken hinunterlaufen und um seinen Arbeitsplatz im Schoße des Dispositivs bangen lassen dürfte.

Wer sich für die Gemengelage der Kunstmusik im 21. Jahrhundert interessiert, kommt um Lehmanns ebenso schmales wie gewichtiges Buch nicht herum.

[Eine ausführlichere Besprechung und weiterführende Gedanken gibt's in meinem Blog stefanhetzel.wordpress.com]


Kosmas
Kosmas
von Wolfgang Müller
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,00

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Wolfgang Müller auf dem Weg, 23. Dezember 2012
Rezension bezieht sich auf: Kosmas (Gebundene Ausgabe)
“Wenn alle künstlerischen Positionen ihre Daseinsberechtigung haben, dazu kein Außen mehr existiert und der Markt letztlich den Wert bestimmt, dann wird Kritik zwangsläufig zur persönlichen, individuellen Angelegenheit.” – Eine der vielen klugen Beobachtungen zur gegenwärtigen Situation gegenwärtiger Kunst, die Wolfgang Müllers Prosa “Kosmas” enthält. Ich sage bewusst Prosa, denn der Begriff “Roman” taucht nur auf dem Klappentext auf, und um einen klassischen Roman handelt es sich hier auch sicherlich nicht. Eher um das wütende, trotzige, traurige, teils fassungslose Pamphlet eines enttäuschten Liebhabers. Seine Angebetete war (ist?) die “zeitgenössische Kunst” in ihrer sog. “radikalen” Ausprägung, also alles, was sich möglichst weit jenseits des traditionellen Kunstverständnisses bewegt. Jedoch stößt Müller nicht ins gleiche kulturpessimistische Horn wie Vittorio Sgarbi, Kurator des italienischen Pavillons bei der diesjährigen Kunstbiennale in Paris, dessen, so Monopol-Chefredakteur Holger Liebs “bodenloser Zynismus” allerdings “Meilen vom heutigen Kunstsystem entfernt” sei. Nein, Wolfgang Müller ist ja selber “avancierter” Künstler, Begründer und bekanntestes Mitglied des “Post-Punkgetriebes” “Die Tödliche Doris”. Da wird er doch nicht an dem Ast sägen … Tut er doch. Ein wenig zumindest. “Kosmas” will eine bittere, hellsichtige Satire über die Verkommenheit des Kunstbetriebs und die ästhetische Verbrauchtheit der auf ihm gehandelten Produkte sein. Dieser Anspruch wird nicht immer eingelöst: Manchmal schweift der Autor ab (z. B. wenn es um seinen Rausschmiss als Kolumnist bei der taz geht – da ist sie wieder, diese Bitterkeit!), ein anderes Mal bleibt er in nur halb witzigen Kalauern stecken, so dass ich mich nach der Lektüre frage, was denn das Ganze jetzt eigentlich sollte und worin der Erkenntnisgewinn dieses Buches liegt. Zeitgenössische Kunst ist zum Spekulationsobjekt teils banausischer Finanzeliten geworden. Ok, das wussten wir. Die ästhetische Sprengkraft der Nachkriegsmoderne hat sich abgenutzt und kann auch durch Strategien der Übertreibung, Parodie oder Rekonstruktion nicht mehr wiederbelebt werden. Ok, wussten wir auch. Der große Oswald Wiener hat das schon 1990 so formuliert: “Die Moderne mit ihrer Metaphysik, inklusive der ‘Postmoderne’, ist heute geistiger Besitz der Mittelklasse, und sie wird morgen den Massen angehören. Das geht so wie bei Kinderreimen, die ein Kind von anderen Kindern lernt. Das mag sich jenseits der Aufklärung durch die Zeiten fortpflanzen und ‘archetypische’ Erinnerung werden.” Genau diesen Fall spielt Müller am Ende des Buches durch, als er im Jahre 2576 einen Archäologen Comicfigur-Skulpturen von Jeff Koons ausgraben lässt. Die Menschen der Zukunft rätseln vergeblich über die kulturelle Signifikanz dieser Artefakte, sie erscheinen ihnen ebenso fremdartig wie uns heute die Moais auf der pazifischen Osterinsel. Wen wundert’s? “Verstehen” wir denn wirklich, was uns etwa die “Neidköpfe” auf mainfränkischen Renaissance-Rathäusern sagen wollen? – “Kosmas” beginnt sprachlich recht schleppend und stockend in einem etwas nervigen parataktischen Stil ohne rechten Fluss. Später wird es deutlich besser, doch nun nehmen die Tippfehler massiv zu, was das Lesevergnügen dämpft. Gegen Ende wird es auch inhaltlich ein wenig schludrig, als wären dem Autor die Ideen ausgegangen, als er das Buch unbedingt zu einem Ende bringen wollte. Mehrfach werden Handlungsentwicklungen einfach mit der, wohl ironisch gemeinten, Bemerkung abgebrochen, dass diese “den Rahmen dieses Buches sprengen würden”. Auch dies überzeugt nur halb: ich habe eher den Eindruck, dem Autor fehlte hier die schriftstellerische Kraft, das Erforderliche bündig auszudrücken. – Wer ist nun eigentich der Adressat dieses Buches? Für einen an zeitgenössischer Kunst nur durchschnittlich Interessierten enthält es zu viele Insider-Anspielungen, für einen etablierten Kunstbetriebler ist es eventuell zu respektlos und für den ausschließlich “literarisch” lesenden Leser (sic!) ist es sprachlich einfach zu dürftig. So wird “Kosmas”, trotz aller mitunter pointierter Gesellschaftsbeobachtungen und jeder Menge skurrilen Humors, vermutlich nicht auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis landen. Und auch nicht auf der Longlist. – Den Titel des Buches konnte ich nicht wirklich dekodieren, ich fand lediglich den Hinweis, das “Cosmas und Damian” zwei frühchristliche Märtyrer sind, die, sagt Wikipedia, “wegen ihres umfangreichen und selbstlosen Wirkens … noch heute verehrt” werden. Sollte das Buch vielleicht ursprünglich “Damien” (Hirst) heißen (immerhin gibt es ein Theaterstück von Rainald Goetz namens “Jeff Koons” aus dem Jahre 1998)?

Polemisches Postskript: Handelt es sich bei Wolfgang Müller gar um einen Wiedergänger des Dadaisten Hugo Ball, der in späteren Lebensjahren zum mystischen Katholizismus shiftete? Denn dieser erlöst ja ganz sicher vom “Neo-Individualliberalismus” (=Müllers Kampfbegriff für das Böse in dieser Welt) und erschafft eine Kultur, in der nur noch eine Kunstrichtung möglich, dann aber auch verbindlich und für jedermensch verständlich ist : es ist die religiöse.


Super Sad True Love Story
Super Sad True Love Story
von Gary Shteyngart
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Shteyngarts überaus traurige Wahrheiten, 23. Dezember 2012
Rezension bezieht sich auf: Super Sad True Love Story (Gebundene Ausgabe)
Der dritte Roman des 39-jährigen, in Leningrad (heute St. Petersburg) geborenen jüdischen US-Amerikaners Gary Shteyngart handelt vom Untergang der Vereinigten Staaten von Amerika. Dem “Bruch”, wie er im Buch genannt wird. Die Volksrepublik China, Norwegen und Saudi-Arabien übernehmen, eher widerwillig, die Verwaltung der schäbig und drittwelthaft gewordenen Reste des einstigen “Landes der Freien, Heimat der Tapferen”. Tapfer muss man auch sein, um sich bis zum Ende von Shteyngarts überaus bitterer Satire durchzuschlagen: Es gibt Durststrecken zu überwinden von schwer erträglicher jiddischer Sentimentalität, abgrundtiefem Selbstmitleid der Hauptfigur Lenny Abramov und in bewusster Minimalsprache gehaltenen Web-2.0-Posts der weiblichen Hauptfigur Eunice Park. Doch wiegen all diese Entbehrungen wenig im Vergleich zum Genuss an boshaftester Gegenwartssatire, die “Super Sad True Love Story” auch bietet, von der Allgegenwart des hier als “Äppärät” (Sic! Wie mag das Ding nur im amerikanischen Original heißen?) firmierenden Smartphones über die ätzende Geißelung des Jugendlichkeitswahns der globalen Mittel- und Oberschicht (unter Unsterblichkeit geht jetzt gar nichts mehr) bis hin zur orwellhaft finsteren, aber nüchternen Beschreibung eines New York nach dem “Bruch”, das mehr Ähnlichkeit mit Mogadischu hat als mit dem “Big Apple” des 20. Jahrhunderts: Privatarmeen kontrollieren die unsicher gewordenen Straßen, die zum Quasi-Genozid ausgeuferte Gentrifizierung macht auch vor jüdischen Altersheimen keinen Halt mehr, während die neuen Herren (und Herrinnen) der nun nicht mehr vereinigten Staaten in Palästen mit einer Deckenhöhe von 30 Metern am Hudson River indoor-Feuerwerk abzubrennen pflegen. – Die eigentliche “überaus traurige wahre Liebesgeschichte” zwischen Lenny (39, intellektuell, buchfixiert, depressiv, ungepflegt, unattraktiv) und der koreanisch-stämmigen Eunice (24, verwöhnt, konsumfixiert, verstört, gepflegt, von blendendem Äußeren) ließ mich eher kalt – zu absehbar, was hier abgeht (von zwanghafter Todesfurcht geplagter jüdischer Großstadt-Intellektueller verliebt sich unsterblich in vaterfixierte, desorientierte Kind-Frau mit ostasiatischem Migrationshintergrund, die ihn schlussendlich verlässt, um sich einem noch älteren, noch stärker von Todesfurcht geplagteren, aber wesentlich mächtigeren Mann zuzuwenden – Lennys Chef). Entschuldigung, aber es gelang mir hier nicht, nicht an Woody Allens Beziehung zu Soon-Yi Previn zu denken. – Shteyngarts Stärke liegt weniger im Lyrischen, Epischen und Poetischen als in der (über-)pointierten Schilderung zivilisatorischer Deformationen der Gegenwart, die er, gängige literarische Technik, in eine nahe Zukunft (10 – 20 Jahre) hin extrapoliert, wo sie zu übelsten sozialen, politischen und wirtschaftlichen Verwerfungen führen. Insoweit ist “S.S.T.L.S” vergleichbar mit dem ungleich umfangreicheren Roman “Unendlicher Spaß” des kürzlich von eigener Hand getöteten David Foster Wallace. Doch wo Wallaces Text sich dehnt, streckt, implodiert und schließlich selbst verschluckt, kommt Shteyngart weit weniger ambitioniert daher: seine Erzählweise ist chronologisch, der Text ist nahezu ausschließlich aus Tagebuchausrissen Lennys und Eunices posts auf einem social network namens GlobalTeens zusammengesetzt. So liest sich das Werk recht flüssig und eingängig, ohne dabei jedoch an inhaltlicher Schärfe einzubüßen. Das Schlusskapitel zeigt einen mittlerweile zum (Post-)Literatur-Star wider Willen avancierten Lenny Abramov, der sich jetzt “Larry Abraham” nennt, wie er im komfortablen toskanischen Landsitz italienischer Freunde von der bevorstehenden Verwandlung seiner Tagebücher in ein “Cinecittà-Videospray” erfährt (was zum Teufel ist ein “Videospray” – ein aufsprühbarer Video-Clip?). – Konnte ich angesichts der dezidierten nerd-Haftigkeit von Shteyngarts Humor zu Beginn der Lektüre noch (scheinbar) wissend schmunzeln oder gar manchmal laut auflachen, so durchlebte ich im Fortgang eine Phase deutlichen Angewidertseins, weil die Kritik des Autors an der Oberflächlichkeit der von ihm beschriebenen Konsumwelt ebenfalls ziemlich an der Oberfläche bleibt (im stoßseufzenden Stil von “Wenn die Menschen doch nur mehr Tschechov lesen würden, statt ständig Online-Shopping zu machen!”), schließlich aber wurde mir klar, dass dies nicht die Oberflächlichkeit des Autors, sondern die der larmoyanten Figur Lenny/Larry Abramov/Abraham ist. Ich hatte einen literaturkritischen Anfängerfehler begangen und Züge des Protagonisten auf den Autor projiziert! Mit etwas Abstand betrachtet, stellt “S.S.T.L.S” demzufolge eine endharte Gesellschaftssatire auf der Höhe der Zeit dar, die sich jedoch nur selten unangenehm moralinsauer über selbige (die Zeit jetzt) erhebt.

Postskript: Das Buch enthält den Kommentar eines fiktiven Literaturkritikers über Eunice Parks GlobalTeen-Posts, in dem ich, natürlich völlig mutwillig, strukturelle Parallelen zu Kommentaren namhafter deutscher Literaturkritiker zu Charlotte Roches “Schoßgebeten” lesen möchte: “Sie ist keine geborene Schriftstellerin, was man von jemandem aus einer mit Images und Konsum groß gewordenen Generation auch kaum erwarten kann, doch ihre Schreibe ist interessanter und lebendiger als alles andere, was ich aus dieser analphabetischen Epoche gelesen habe. Natürlich kann sie zickig sein, und natürlich spürt man auch die Patina einer Mittelschichts-Anspruchhaltung, doch vor allem tritt ein echtes Interesse an der Welt um sie herum zutage – der Versuch, mit dem heiklen Erbe ihrer Familie zurande zu kommen und ihre eigenen Ansichten zu Liebe, körperlicher Zuneigung, Kommerz und Freundschaft zu entwickeln, und das alles in einer Welt, deren Grausamkeiten mehr und mehr die ihrer eigenen Kindheit wiederspiegeln.”
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Cristos' Himmelfahrt
Cristos' Himmelfahrt
von Matthias Hahn
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,90

4.0 von 5 Sternen Unschuldig wie ein Engel, 23. Dezember 2012
Rezension bezieht sich auf: Cristos' Himmelfahrt (Taschenbuch)
Man sollte sich vom leicht lieblichen, zwischen Rene Magritte und Wenders’ “Himmel über Berlin” changierenden Cover dieses Taschenbuchs nicht irritieren lassen: “Cristos’ (!) Himmelfahrt”, meines Wissen der erste publizierte Roman des 51-jährigen Würzburger Schriftstellers Matthias Hahn ist weder esoterisch noch kryptoreligiös, die “Generation Benedikt” wird hier keine rechte Erbauung finden, auch Fans von als Krimi getarnten populistischen Heimatschmonzetten (vulgo “Würzburg-Krimis”) werden nicht so recht auf ihre Kosten kommen. Wer allerdings Freude an einer gut gebauten, solide geschriebenen Science-Fiction-Satire zwischen Gary Shteyngart und Frank Schätzing hat, wird ordentlich bedient. Ok, Hahn erreicht nicht ganz die ätzende Schärfe von Shteyngarts Super Sad True Love Story (außerdem fehlt die Love Story und Würzburg ist nicht New York) und im Gegensatz zu Schätzing langweilt er den Leser nicht mit seitenlangen Wikipedia-Exzerpten und “lehrreichen” populärwissenschaftlichen Vorträgen. Dafür bekommt sie aber jede Menge gelungener Religions-Satire mit kräftigen Seitenhieben auf die Würzburger Glaubensbewegung “Universelles Leben”, a.k.a. “Heimholungswerk Jesu Christi” (ja, eine “Prophetin” taucht auf und illuminiert die Massen) – laut Eigenaussage des Autors ging es ihm aber gar nicht um eine Kritik an dieser speziellen Gruppierung, sondern eher um das Thema “Wirkmächtigkeit von Religion in Krisenzeiten” schlechthin. Nun, sei dem wie es sei: Es gibt Szenen in “Cristos’ Himmelfahrt”, die in ihrem entlarvenden Witz und ihrer das Zynische streifenden Schärfe an “Monty Python’s Life of Brian” heranreichen. Leider kommen dann auch schwächere Passagen, wo ich mich plötzlich in eines dieser bemühten Jugendbücher aus dem ebenfalls würzburgerischen “Arena”-Verlag versetzt fühle – zu simpel die Sätze, zu durchschaubar die Machart, zu absehbar das Geschehen. Aber immer wieder nimmt die Story erneut Fahrt auf, platzt, ganz familien-unfreundlich, ein Schädel und besudelt die Protagonistin mit Knochensplittern, segeln, politisch inkorrekt, dehydrierte Leichen entsorgter Rentner durch den Weltraum und verfangen sich in Raumschiffturbinen. Es ist diese Mischung aus Brav- und Bosheit, die den Eigen-Sinn dieses Textes ausmacht und ihn von der Masse thematisch ähnlicher Bücher abhebt.

Übrigens: Die Stadt Würzburg hat die Klimakriege als neues Las Vegas inmitten der zur Wüste gewordenen unterfränkischen Kulturlandschaft überlebt, ebenso die allseits bekannten lokalen Architekturwunder – letztere allerdings nur als plastinierte Repliken ihrer selbst, angestrahlt in gnadenlosen Bonbonfarben. Wer in diesen vorweihnachtlichen Tagen am frühen Abend durch die Domstraße streift, wird bemerken, dass die Zukunft bereits begonnen hat.

Lieblingszitat: “Die Welt ist voller schlechter Menschen, die auf ihre Entsorgung warten.”


Imperium: Roman
Imperium: Roman
von Christian Kracht
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,99

5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen “Ein Makake schrie elendig.”, 23. Dezember 2012
Rezension bezieht sich auf: Imperium: Roman (Gebundene Ausgabe)
Christian Kracht hat ein schönes Buch geschrieben. Punkt. Alles, was Georg Diez differenziert und ausführlich in seinem SPIEGEL-Artikel über den Autor ausgebreitet hat, den er für einen “Türsteher der rechten Gedanken” hält, der “antimodernes, demokratiefeindliches, totalitäres Denken” in den “Mainstream” tragen wolle, klang für mich plausibel – bis, ja bis ich dann eben Krachts Buch las. “Imperium” ist nicht mehr und nicht weniger als ein zwar etwas arg knapp ausgefallener, aber in sich wohl ausgewogener postmoderner Abenteuerroman. Doch in jedem Kapitel von (beispielsweise) Thomas Pynchons “V” findet sich mehr an antimodernem, demokratiefeindlichem, totalitärem Denken als auf allen 242 Seiten dieses schwungvollen, geistreichen, witzigen, ironischen Textes! Nur, dass meines Wissens bisher niemand auf die Idee kam, Pynchon deshalb als “rechts” zu bezeichnen. Es bleibt also im Dunkeln, was Diez ritt, Autor und Roman derart zu verunglimpfen. Es muss wohl an Krachts E-Mail-Verkehr mit diesem merkwürdigen Freak David Woodard liegen, der bei Diez das Nazometer so heftig ausschlagen ließ…

Aber bleiben wir beim Roman. Seine Sprache ahmt ohne viel Verrenkungen den Tonfall der Literatursprache des frühen 20. Jahrhunderts nach (Hermann Hesse? Franz Kafka? – Die/der GermanistIn mag forschen.). Kracht möbliert seine Sprache mit sorgsam er-lesenen Fundstücken der gewählten Epoche, ohne eine schlichte Retro-Strategie zu fahren: wir bleiben als Leser dann doch immer im 21. Jahrhundert, das mit einem Maximum an Empathie auf den Beginn des 20. zurückschaut. Gelegentlich werden dabei Vokabeln wie “Analepse” oder “somnifer” eingeflochten, vor denen selbst mein Fremdwörter-Duden streikt. Doch was ich in solch einem Fall einem Daniel Kehlmann als snobistisch ankreiden würde, stört mich bei dem Schweizer Autor in keinster Weise, so leicht und vor allem geschmackvoll setzt er seine Akzente.

Der Blick des immer etwas onkelhaften, altmodisch allwissenden Erzählers auf die Zeitläufte ist dabei alles andere als “totalitär”. Hitler, so der Erzähler, wäre “vielleicht lieber bei seiner Staffelei geblieben”, der Antisemitismus wird als irrationale Projektion von Modernisierungsverlierern beschrieben, “in der Existenz der Juden eine probate Ursache für jegliches erlittene Unbill zu sehen.” Soweit alles politically correct, oder? Kracht hätte ja durchaus die Freiheit gehabt, seinen Erzähler “rechts”, sprich: antimodern, demokratiefeindlich, totalitär daherschwadronieren zu lassen, die Konstruktion des Buchs hätte das durchaus hergegeben – aber er verzichtet darauf, präsentiert stattdessen einen illusionslosen Konservativen, der uns Leser durchaus verantwortungsvoll, wenn auch ironisch, an die Hand nimmt.

Das eigentliche Thema von “Imperium” scheint mir aber die “Freiheit” zu sein – und das durchaus im emphatischen, Gauckschen Sinn. Der neurasthenische Protagonist Engelhardt sucht, nach einer mystisch-intellektuellen Phase (Swedenborg wird gelesen, der unvermeidliche deutsche Philosoph, der mit “N” beginnt, natürlich sowieso, aber auch der Jude Henri Bergson), sein Seelenheil in Askese und einem “einfachen Leben” inmitten möglichst europaferner Natur. Sein eher unfreiwillig komischer als antimoderner “Kokovorismus” scheitert aber am introvertierten und unentschiedenen Wesen Engelhardts: einerseits langweilt er sich unsäglich in seiner selbstgewählten splendid isolation, andererseits weist er fast alle JüngerInnen ab, die sich ihm sinnsuchend aufdrängen wollen. Er taugt einfach nicht zum Bhagwan, ist wohl eher der Typus einzelgängerischer Schwarmgeist ohne großes Charisma. Nur der ebenfalls zivilisationsüberdrüssige Musiker Lützow hält es eine Weile mit dem Exzentriker aus, kehrt aber nach einer Weile dem schrägen Ritter der Kokosnuss wieder den Rücken, “ihm hat, so bemerkt er, ganz klar und offensichtlich das Mondäne gefehlt, das Zivilisationsritual, die Kristallgläser, die weißen Hosen mit der Bügelfalte, … es war ein Experiment, ja, ein Geglücktes, er kann es fast ein Jahr aushalten in der Askese, seine diversen Krankheiten sind geheilt, nun aber zurück nach Europa, … dessen komplexe Befindlichkeiten ja durchaus dienlich sind, sich selbst innerhalb einer Struktur zu verorten, in die man hineingeboren wurde – was nützt einem der Ausbruch, wenn man nicht zurückkehrt, um das Erlernte, das Erlebte anzuwenden?” Lützow bleibt, solange ihn der Autor leben lässt, die einzige glückliche Figur in “Imperium”.

Vielleicht überspanne ich hier der interpretatorischen Bogen, aber obigem Zitat zufolge hat das Buch ja sogar eine Botschaft (und das ist dann plötzlich angenehm post-postmodern): Wir haben selbstverständlich die Freiheit, uns beliebig weit von jeglichen weißen Hosen mit Bügelfalte zu entfernen, wir können natürlich Nudisten und Sonnenanbeter werden, können ohne Frage nach Belieben von rassistischen Arierkulten träumen, ja, wir können uns sogar zum, horribile dictu, Vegetarismus oder, alternativ, zur Anthropophagie als einzig authentischer Existenzform des Humanen bekennen – anything goes – aber irgendwann macht es dann doch wieder Spaß, “sich selbst innerhalb einer Struktur zu verorten, in die man hineingeboren wurde”.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 5, 2013 10:18 AM MEST


Johann Holtrop. Roman
Johann Holtrop. Roman
von Rainald Goetz
  Gebundene Ausgabe

8 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Business Punk Memories, 23. Dezember 2012
Rezension bezieht sich auf: Johann Holtrop. Roman (Gebundene Ausgabe)
Wolfgang Höbel (KulturSPIEGEL) empfindet den Text als “brutal seltsam”, in diesem Urteil den Sprachduktus Goetzens imitierend: eine Null-Aussage. Später kommt dann noch “sympathisch vergeigt” und schließlich “amüsantes Dokument”. Mehr Herablassung geht nicht.

Es kommt halt darauf an, wie tolerant man ist mit dem Begriff “Roman”. Ob man einen Roman nur “gelungen” finden kann, wenn der Autor brav, konventionell und folgsam einen unverrrückbaren Kanon an Vorschriften und Regeln abarbeitet (“psychologisch überzeugende” Figurenzeichnung, “Realismus”, “spannender Plot” etc.) oder ob man “Roman” lediglich als Hilfsbegriff eines Schriftstellers sieht, um seine eigenlich nur schwer in konventionelle Formen zu bringenden Gedanken möglichst fassbar an den Mann bzw. die Frau bringen zu können.

Letzteres ist bei Rainald Goetz der Fall. Schon immer gewesen. Er ist ein performer, der sich auch literarischer Mittel bedient, um sein obsessives Interesse an einer ebenso expressiven wie analytischen Beschreibung der Gegenwart zu befriedigen. Hat man das einmal verstanden und akzeptiert, ist “Johann Holtrop. Abriss der Gesellschaft. Roman.” ein großartiger, spannender Text voller differenzierter, konzis vorgetragener Einsichten über gesellschaftliche Wirkzusammenhänge (ich habe die prägnantesten überall im Blog verteilt, für eine Kompilation bitte hier klicken), geschrieben in einer Sprache, die ganz Goetzens “eigene” ist, aber dennoch immer aus dem Ethos des Sich-unbedingt-verständlich-machen-Wollens heraus entsteht.

Es ist ganz erstaunlich, dass es Goetz seit nunmehr fast 30 Jahren gelingt, unbeirrt an diesem Projekt festzuhalten. Immer wieder taucht er, darin (und nur darin) Günter Wallraff nicht unähnlich, dafür so tief wie möglich selbst, als reale Person, in hochspezifische soziale Milieus ein, versucht, sich dort wie ein Fisch im Wasser zu bewegen, bis er irgendwann das Gefühl hat, sich “auszukennen” – aber eben nicht im Sinne von “wissen” bzw. “checken”, sondern von “erfahren haben”. Goetzens Texte sind post-existenzialistische Literatur: das Pathos des “Authentischen” ist noch da, aber es ist durch Temporalisierung gebrochen. Der “Punk”-Goetz von 1983 war genauso authentisch wie der “Business Punk”-Goetz von 2012. Bzw. genauso künstlich.

Insofern realisiert Goetz, als Person wie als Künstler, ein Maximum an existenzieller Freiheit, wie es in der post-industriellen Gesellschaft, und nur dort, möglich geworden ist. Wer behauptet, Goetz würde lediglich “sein Fähnchen nach dem Winde drehen” und “einfach” immer “dem (jugendkulturellen) Trend” folgen (erst Punk, dann Techno, jetzt eben Wirtschaft), hat vermutlich nicht verstanden, dass er dies nur tut, um sich nicht ändern zu müssen.

SPIEGEL-Edelfeder Dirk Kurbjuweit scheint diese Dimension von “Johann Holtrop” komplett entgangen zu sein: “In erster Linie ist sein [Goetzens, S.H.] Buch eine gute Ergänzung zum Journalismus.”, sprich zu Kurbjuweits eigener Arbeit, meint Kurbjuweit. Über “Johann Holtrop” sagt das gar nichts, über Kurbjuweits Selbst- und, vor allem Literaturverständnis allerdings eine Menge.


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