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Rezensionen verfasst von
Christian Hopp (Nauheim)

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Kleine Geschichte der spanischen Aufklärungsliteratur (Narr Studienbücher)
Kleine Geschichte der spanischen Aufklärungsliteratur (Narr Studienbücher)
von Klaus-Dieter Ertler
  Taschenbuch
Preis: EUR 24,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Hervorragende Einführung in eine wenig beachtete Epoche, 10. November 2014
Keine Epoche der spanischen Literaturgeschichte wird so stiefmütterlich behandelt wie die Aufklärung und das 18. Jahrhundert. Daher kommt es, dass viele Studenten am Ende ihres Studiums im besten Fall Moratíns „El sí de las niñas“ gelesen haben, den Namen Jovellanos einmal gehört haben, und mit dem Gedanken, im katholischen Spanien habe die Aufklärung keine Chance gehabt, das 18. Jahrhundert als das unwichtigste und uninteressanteste Kapitel der spanischen Literaturgeschichte abstempeln. Dass dem nicht so ist und es zwischen dem Siglo de Oro und der Romantik sehr wohl einiges zu entdecken gibt, beweist diese glänzende Einführug in die spanische Aufklärungsliteratur des österreichischen Romanisten Klaus-Dieter Ertler.
Nicht nur erlebte dank Feijoo, Mayans und Jovellanos der stilvolle Essay im 18. Jahrhundert seine Blüte, sondern auch die herkömmlichen literarischen Genres wurden um zahlreiche immer noch lesenswerte Beiträge erweitert: Man denke nur an Montengóns monumentalen Roman „Eusebio“, an die Theaterstücke der Moratíns und an den Rokoko-Lyriker Juan Meléndez Valdés, um hier nur einige Beispiele zu nennen. Es ist reizvoll, zu sehen, wie in Spanien Moden aus anderen europäischen Ländern aufgegriffen wurden und wie auch die Antike im Neoklassizismus erneut in den Fokus geriet.

Ertler führt zunächst knapp und prägnant die wichtigsten aufklärerischen Tendenzen aus England, Frankreich und Deutschland aus und widmet sich dann der spanischen Aufklärung, ihrer historischen Gebundenheit und ihren verschiedenen Strömungen. Den weitaus größten Teil des Buches nehmen die Besprechungen der einzelnen Gattungen ein: vom Essay, über den Roman, Luzáns Regelpoetik, das Theater und die Lyrik schließlich hin zur Fabel und dem Journalismus. In jedem Kapitel stellt Ertler zunächst kurz die wesentlichen Charakteristika dar, bevor er sich dann den wichtigsten Vertretern zuwendet. Dabei widmet er wichtigen Werken oft mehrere Seiten und ermöglicht dem Leser, was sehr zu loben ist, durch kleinere Textpassagen auf Spanisch eine erste Begegnung mit Autor und Werk. Gedichte sind oftmals sogar komplett abgedruckt. Denjenigen, die noch nicht so versiert im Spanischen sind, helfen die Übersetzungen aller Zitate am Ende des Buchs. Hinzu kommt eine synoptische Tabelle, in der wichtige historische Ereignisse und im selben Zeitraum erschienene Werke (der Weltliteratur) nebeneinandergestellt werden.

Jedem Studenten, der einen guten Überblick über die spanische Literaturgeschichte haben will, ist Ertlers Buch unbedingt zu empfehlen. Es regt nicht nur zur weiteren Lektüre an, sondern zeigt auch auf, dass es entgegen dem teils immer noch gelehrten Stereotyp, in Spanien habe es keine Aufklärung gegeben, sehr wohl aufklärerische Tendenzen gab und eine Rezeption englischer, französischer und deutscher Autoren sehr wohl auch auf der iberischen Halbinsel stattgefunden hat.


Outlaws: Roman
Outlaws: Roman
von Javier Cercas
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

4.0 von 5 Sternen Cañas und der Zarco und das Aufeinanderprallen zweier Welten, 8. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Outlaws: Roman (Gebundene Ausgabe)
Gerona (Katalonien), 1978: Der 16-jährige aus einem gutbürgerlichen Elternhaus stammende Ignacio Cañas jobbt in den Sommerferien in einer Spielhalle. Cañas ist alles andere als ein Siegertyp. Er ist Brillenträger, hat keine echten Freunde, und in der Schule ist er das bevorzugte Mobbingopfer seines Mitschülers Batista. Sein Leben ändert sich schlagartig, als eines Tages der Zarco in der Spielhalle auftaucht. In seiner Begleitung ist die umwerfend schöne Tere, in die sich Cañas augenblicklich verguckt. Es verschlägt ihm die Sprache, dass Tere, die er für des Zarcos Freundin hält, gleich mit ihm auf die Toilette verschwindet, ihn oral befriedigt und ihn auffordert, am nächsten Tag zu der Spelunke La Font zu kommen, in der sich Zarcos Gang trifft.

So beginnt Cañas‘ krimineller Sommer. Zunächst knacken sie Autos, rauben Passanten aus, oder brechen in Villen ein. Das Diebesgut verkaufen sie an einen Hehler und den Erlös verprassen sie meist noch am selben Abend mit Drogen, Alkohol oder in Bordellen. Cañas fühlt sich immer mehr integriert in der Gang des Zarco, obgleich seine wahre Motivation, dabei zu sein, seine große Liebe zu Tere ist. Doch abgesehen von einer Nacht bleibt ihm das Liebesglück versagt. Stattdessen konfroniert ihn der Zarco damit, dass er nie einer der Ihren sein wird: Zu groß sind die Unterschiede zwischen Cañas und den anderen Mitgliedern der Jugendgang. Während er aus einer Familie der Oberschicht kommt, und bislang erfolgreich die Schule besucht hat, sind der Zarco und seine Freunde Outlaws aus zerrütteten Familien, wohnen in den Slums der Stadt, und haben die Schulbank so gut wie gar nicht gedrückt. Doch Cañas darf bei ihnen bleiben, nimmt an Banküberfällen teil und halsbrecherischen Fluchten vor der Polizei, bei denen schon einmal ein Bandenmitglied stirbt oder im Rollstuhl landet. Eines Tages wird der Zarco nach einem Banküberfall, über den die Polizei im Vorfeld informiert wurde, gefasst, und Cañas kann nur durch Glück entkommen. Sein Vater will zunächst mit ihm zur Polizei gehen, doch verstecken sie sich dann doch in der Villa seines Freundes Higinio Redondo. Am nächsten Tag schaut der Polizist Cuenca vorbei und es grenzt an ein Wunder, dass er ihn nicht abführt. So geht Cañas nach den Ferien weiter in die Schule. Seine Angst vor Batista hat er überwunden. Der legendäre Zarco hingegen sitzt fortan im Gefängnis und arbeitet von dort an seinem Mythos.
So viel zur Handlung des ersten Teils von Javier Cercas‘ (*1962) neuestem Roman, der nun bei Fischer in einer guten Übersetzung der renomierten Übersetzerin Susanne Lange vorliegt. Auf den ersten Blick wollte man meinen, der Plot sei nicht besonders originell. Hat man dies nicht schon oft genug gelesen? Ein Außenseiter entflieht seiner wohlbehüteten Jugend und schließt sich einer kriminellen Gruppe an, nimmt an Verbrechen teil und kehrt am Ende in seine normales Leben zurück. Man denke nur an Wolfgang Herrndorfs "Tschick". Doch Cercas‘ Roman lohnt dennoch die Lektüre. Obwohl Cañas tatsächlich nach seinem wilden Sommer wieder normal in die Schule geht, hat dieser Sommer sein Leben für immer verändert. 20 Jahre später ist Cañas erfolgreicher Rechtsanwalt, geschiedener Vater einer Tochter, und schließlich taucht Tere in seiner Kanzlei auf und bittet ihn, die Verteidigung des immer noch inhaftierten Zarcos zu übernehmen. Cañas sieht sich nun selbst mit seiner Vergangenheit konfrontiert und der quälenden Frage, ob nicht er es war, der in einem ungeschichten Moment ein Wort über den geplanten Banküberfall hat durchsickern lassen, der zur Verhaftung des Zarcos führte. Er findet Antworten auf viele ungeklärte Fragen von damals, auch über Tere und ihre Beziehung zu dem Zarco. Dieser zweite Teil ist der literarisch stärkere, da die Thematik weitaus weniger abgedroschen ist als die des ersten.

Interessant ist die Art und Weise, wie Cercas die Geschichte erzählt. Wir erfahren sie aus den Unterhaltungen, die ein alter ego von Javier Cercas mit seinen Gesprächspartnern führt, um Material für ein neues Buch über den Zarco zu sammeln. Die meisten und längsten Gespräche führt er in den ungeraden Kapiteln mit Cañas selbst, in den übrigen spricht er mit dem Inspektor Cuencas und dem Direktor des Gefängnisses, in dem der Zarco interniert war. So wird der Zarco und auch Cañas aus mehreren Blickwinkeln betrachtet, wodurch der Roman an Komplexität gewinnt.
Was am Ende bleibt, ist die Frage nach dem Mythos des Zarco und Vermutungen, warum er zu dem wurde, der er war. Hier zeigt sich Cercas‘ Sensibilität für die Problematik der spanischen Gesellschaft in der Zeit des Übergangs zur Demokratie. So ist der Titel der spanischen Originalausgabe „Las leyes de la frontera“, auf Deutsch „Die Gesetze der Grenze“, noch passender. Letztendlich sind nämlich Zarco und Cañas Antipoden aus verschiedenen semantischen Räumen und beide können in dem jeweils anderen Raum nicht bestehen. Die Kluft wird vielleicht in dem Moment am deutlichsten, in dem Cañas nach der Verhaftung des Zarco Tere in der Barackensiedlung besucht und dies zugleich sein allererster Besuch in diesem Elendsviertel ist. Später wird dieses Barackenviertel dem Erdboden gleich gemacht und es entsteht ein Luxuswohnviertiel, in dem Cañas selbst wohnen wird. Dies ist symptomatisch für den Umgang der spanischen Gesellschaft mit drängenden sozialen Problemen.
So ist es vielleicht gerade vor dem Hintergrund der gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage Spaniens mit seiner hohen Jugendarbeitslosigkeit und den darin verbundenen Gefahren für die soziale Stabilität, dass die Geschichte von dem Zarco und seiner Gang eine erschreckende Aktualität bekommt und diesen zwar unterhaltsamen, aber literarisch nicht überragenden Roman, dennoch lesenswert macht.


Die Schmuggler (SALTO)
Die Schmuggler (SALTO)
von Josep Pla
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Aus dem Alltag nach Nordkatalonien mit Josep Pla, 8. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Die Schmuggler (SALTO) (Gebundene Ausgabe)
Es ist ein großes Verdienst des Wagenbach-Verlags, dem deutschen Leser immer wieder Perlen fremdsprachiger Literaturen zugänglich zu machen, die nicht den Massengeschmack bedienen und nicht den aktuellen Trends hinterherrennen. So verhält es sich auch mit der 1954 erschienenen, stark autobiografisch gefärbten Erzählung „Die Schmuggler“ des großen Schriftstellers der katalanischen Sprache Josep Pla (1897-1981), die dank des erfahrenen Übersetzers und Pla-Kenners Eberhard Geisler nun erstmals auf Deutsch vorliegt.

Der Inhalt ist schnell erzählt: Ein Schriftsteller (und alter ego Josep Plas) hat sich gerade in dem beschaulichen katalonischen Küstenstädtchen Cadaqués niedergelassen, als er eines Abends vom Balkon sein ehemaliges Segelschiff in den Hafen einlaufen sieht, das er einst nach dem Nordnordwestwind auf den Namen ‚Mestral‘ getauft hat. So erhält er auch gleich Besuch von den beiden Seglern Saldet und Baldiri, dem er damals das in sorfältiger Handarbeit gebaute Schiff verkauft hat. Die beiden sind Schwager und dem Fischerberuf überdrüssig geworden. Sie laden den Erzähler ein, sie auf eine Reise nach Nordkatalonien (das französische Département Pyrénées-Orientales) zu begleiten. Sie wollen Olivenöl dorthin bringen und an der schwer zugänglichen Lagune de Salses Fahrradersatzteile entgegen nehmen, die sie dann nach Spanien schmuggeln wollen. Der Erzähler soll sich als der Schiffsbesitzer ausgeben und als „Herr und Meister“ die perfekte Ablenkung bieten.

Plas Erzählung liest sich wie der wunderschöne Bericht einer Reise, auf die der Erzähler seine Leser mitnimmt und bei der der eigentliche Zweck der Reise schnell in den Hintergrund tritt. Man taucht ein und versinkt in den Beschreibungen von verschlafenen nordkatalonischen Hafenstädtchen und ihren Bewohnern. Über allem hängt ein Mantel von Melancholie und Nostalgie: In Banyuls trifft der Erzähler am Brunnen ein siebzehnjähriges Mädchen, das in seiner Schönheit der Venus gleicht und dessen Bild ihn nicht mehr loslässt; in Port-Vendres erinnert er sich, wie er dort einst eine unüberbietbare Bouillabaisse gegessen hat, die er so aber nie mehr essen wird können, weil sich der Koch zur Ruhe gesetzt hat. Überhaupt beschreibt kaum ein anderer Schriftsteller so eindrücklich seine kulinarischen Erlebnisse wie Pla, ebenso die ungemein farbfrohen Eindrücke vom Wetter sowie von Tages- und Jahreszeiten: „In den letzten Septembertagen, wenn der sommerliche Dunst verschwunden war, nahmen die Berge von Pení die Farbe von Thymian an, zwischen violett, blau und malvenfarben. Vor diesem Hintergrund schien das Weiß der Häuser matter zu werden und eine sanfte Strohfarbe anzunehmen, ein helles Gold, einen blassen Braunton. Das Wasser in der Bucht färbte sich gegen Nachmittag in der Farbe jungen Roséweins.“

So ist Plas Erzählung eine Geschichte in leisen, aber intensiven Tönen, die vom Leser vor allem eines fordert: Ruhe. Wie es in dem lesenswerten Nachwort heißt, richtet sich das ganze Werk Josep Plas gegen das zielgerichtete Denken, das das abendländische Denken seit Platon bestimmt, und steht damit auch im Kontrast zu jeder Form von Narrativik, die auf Spannung und überraschende Auflösung von Konflikten setzt. Bei Pla lehrt der Text „das stille Glück des Vollzugs“, frei nach dem Motto „Der Weg ist das Ziel“. Und das ist Pla hervorragend gelungen. So reißt er seine Leser für einige Stunden aus dem von der Uhr diktierten Alltag heraus, lässt die Zeit still stehen und versetzt sie in ein Katalonien, das es heute so – leider – nicht mehr gibt.


Der König, die Sonne, der Tod: Mexikanische Trilogie
Der König, die Sonne, der Tod: Mexikanische Trilogie
von Yuri Herrera
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Originelle Geschichten aus der mexikanischen Gegenwart, 27. September 2014
Der 1970 geborene Yuri Herrera gehört zu den jungen Stars am mexikanischen Literaturhimmel. Dank Susanne Lange, einer der besten deutschen Übersetzerinnen von spanischsprachiger Literatur, liegen Herreras drei bislang erschienenen Romane nun in einem Band mit dem Titel „Der König, die Sonne, der Tod“ im Fischer-Verlag in einer hervorragenden Übersetzung vor. Herreras kurze Romane, die man jeweils bequem an einem Abend lesen kann, lenken alle den Blick auf die gegenwärtigen Probleme Mexikos: Drogen, Kriminalität, Emigration in die USA.

Der erste Roman, „Abgesang des Königs“, handelt von dem Jugendlichen Lobo, dem seine Eltern eines Tages ein Akkordeon in die Hand drücken, mit dem er fortan sein Geld als Kneipensänger verdienen soll. Ein mächtiger Drogenboss wird auf ihn aufmerksam und Lobo wird Hofsänger an seinem Königspalast. Er wird Zeuge von Intrigen und Verbrechen am Hof und verliebt sich in die Tochter des Königs. Schließlich vertraut ihm der König einen gefährlichen Auftrag an – mit gravierenden Folgen. Lobos Geschichte liest sich auch als ein Bildungsroman, denn er lernt u. a., dass seine Kunst größer ist als die Macht des Königs, dass „das Geschick, mit dem er die Wörter von den Dingen trennte und ein eigenständiges Gewebe, einen eigenständigen Körper schuf. Eine andere Wirklichkeit“ (S. 111). Der belesene Deutsche denkt da unweigerlich an den erhebenden Satz aus Schillers „Wallensteins Tod": „Es ist der Geist, der sich den Körper baut“ (III, 13).

Auf eine Odyssee, wie sie tausende Mexikaner jedes Jahr unternehmen, begibt sich Makina, die Protagonistin in „Zeichen, die vom Weltende künden“, dem spannendsten und auch sprachlich stärksten der drei Romane. Makina reist illegal nach „Drüben“ über den Rio Grande zu den „Nordlern“, um ihren Bruder zu finden, der vor einem Jahr dorthin aufbrach, um die Angelegenheiten um ein angeblich geerbtes Grundstück zu regeln. Eindringlich beschreibt Herrera aus Sicht des personalen Erzählers all das Grauen ihrer Reise mit Schleppern unter Todesgefahr sowie die Suche nach ihrem Bruder „drüben“. Obwohl er auf weniger als 100 Seiten viel erzählt, kommt auch die Sprache nicht zu kurz, wovon Bilder künden wie „Ach, immer die Schuld, deren strenger Zeitplan die Wirklichkeit auf die Größe einer Faust zusammenquetscht“ (S. 172) oder Vergleiche wie „Es war noch hell, aber der Himmel wurde schon dunkel wie eine riesige Blutlache, die austrocknet“ (S. 184). Auch Makina verändert sich im Laufe des Romans. Schnell fragt sich der Lesser: Wird sie nach Mexiko zurückkehren? Das Ende des Romans lässt den Leser nachdenklich zurück.

Ganz anders ist der dritte und längste Roman des Bandes, „Körperwanderung“. Während die Straßen der Stadt aufgrund einer von Mücken übertragenen Epidemie leer sind, verdingt sich der wenig gut aussehende und nicht gerade sympathisch wirkende Jurist Alfaki an den skrupellosen Delphin, dessen Familie eine Fehde mit den Castros führt, und deren Sohn Romeo verschwunden ist, was ebenfalls ein Verschwinden der Tochter der Castros zur Folge hat. Anstelle der schönen Bilder des zweiten Romans finden wir hier markante Charaktere wie den depressiven Businessman Neuandertal, der seit dem Tod seines Bruders erfolglos versucht, sich umzubringen: „Sein Pech wollte, dass in der Brusttasche eines der Kärtchen, mit denen er immer das Koks zerkleinerte, die Kugel ablenkte, die knapp am Herzen vorbei und am Rücken wieder hinausflog“ (S. 270). Die schonungslose Darstellung von Gewalt sowie der Slang erinnern hier an die Romane des Amerikaners Cormac McCarthy und an den Roman „Unter dieser furchterregenden Sonne" des Argentiniers Carlos Busqued.

Mit diesen drei Romanen hat Yuri Herrera ein authentisches Bild der mexikanischen Gegenwart entworfen. Obgleich Mexikos Probleme allseits bekannt sind und schon oft literarisch verarbeitet worden sind, gleitet Herrera nie in Stereotypen ab. Nicht zuletzt die Originalität der Figuren und Herreras souveräner, oft fast lyrischer Gebrauch der Sprache machen diese drei Romane zu großer Gegenwartsliteratur und lassen hoffen, bald mehr von ihm zu lesen.


Charles-Marie Widor: Orgelsinfonien Nr. 4 & 6 - gespielt an der Aristide Cavaillé-Coll-Orgel der Kirche Sainte-Trinité zu Paris
Charles-Marie Widor: Orgelsinfonien Nr. 4 & 6 - gespielt an der Aristide Cavaillé-Coll-Orgel der Kirche Sainte-Trinité zu Paris
Preis: EUR 15,47

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Absolute Referenz-Aufnahme der vierten und sechsten Symphonie; gespielt von der Grande Dame der französischen Orgelwelt, 9. August 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Nach dem Tod von Rolande Falcinelli (2006) und Marie-Claire Alain (2013) ist die Dupré-Schülerin Suzanne Chaisemartin (*1921) ohne jeden Zweifel die bedeutendste französische Organistin unserer Zeit. Alle ihre Einspielungen erhielten von der Fachpresse hervorragende Rezensionen und sind uneingeschränkt zu empfehlen. So ist auch diese Einspielung, die Suzanne Chaisemartin 1988 an der großartigen Cavaillé-Coll-Orgel der Église de la Sainte Trinité in Paris vornahm, ein "Must have" für alle Widor-Liebhaber. Dass ihr der damalige Titulaire Olivier Messiaen entgegen seiner Gewohnheiten für diese Einspielung "seine Orgel" zur Verfügung stellte, zeugt von dem außerordentlichen Respekt, den Suzanne Chaisemartin seit Ende der 1940er Jahre genießt. Dass sie zum Zeitpunkt der Aufnahme bereits 67 Jahre alt war, merkt man an keiner Stelle. Ich kenne keine andere Einspielung der sechsten Symphonie, in der der brutal schwere erste Satz derart zupackend gespielt wird und die enormen technischen Schwierigkeiten für den Interpreten schier nicht zu existieren scheinen. Doch auch in den lyrischen Sätzen überzeugt Madame Chaisemartin in allen Belangen. Sie singt regelrecht die schönen Melodien und auch in dem äußerst unbequem zu spielenden "Intermezzo" und dem "Scherzo" der vierten Symphonie verliert sie nie das Gefühl für das "Cantabile", das all diesen Sätzen innewohnt.
Kurzum: eine absolute Top-Aufnahme. Die Aufnahmequalität ist ebenfalls hervorragend.


Einführung in die Romanische Sprachwissenschaft: Französisch, Italienisch, Spanisch (Narr Studienbücher)
Einführung in die Romanische Sprachwissenschaft: Französisch, Italienisch, Spanisch (Narr Studienbücher)
von Anja Platz-Schliebs
  Broschiert
Preis: EUR 19,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Studienanfängern nicht zu empfehlen, 12. Juni 2012
Studierende einer romanischen Sprache haben gewöhnlich in einem ihrer ersten Semester zwei einführende sprachwissenschaftliche Lehrveranstaltungen: zum einen eine Einführung in die romanische Sprachwissenschaft im Allgemeinen, zum anderen eine Einführung in die Sprachwissenschaft der studierten Sprache. Bislang war es immer nötig, sich für jede der beiden Veranstaltungen ein separates Buch zu kaufen. Das frisch erschienene, optisch ansprechende Werk aus dem Narr-Verlag erhebt den Anspruch, eine '"all in one"'-Einführung zu liefern: sowohl in die verschiedenen Teilbereiche der Linguistik (z. B. Phonologie, Morphologie, Semantik, Syntax etc.) als auch in einzelne Aspekte sowie der Sprachgeschichte des Französischen, Italienischen und Spanischen.
Allerdings erfüllt das Buch genau diesen Anspruch nicht. Wohingegen die Einführungen in die einzelnen Teilbereiche der Linguistik mit Beispielen aus den romanischen Sprachen noch durchaus vertretbar sind, wird der Überblick über die Romania denkbar oberflächlich auf weniger als 50 (von 334 Seiten) abgehandelt. Weiterhin sind die Artikel zur Geschichte der einzelnen romanischen Sprachen viel zu oberflächlich: So wird z. B. der so wichtige Quantitätenkollaps nicht einmal erwähnt. Hinzu kommt eine völlige Verschiebung der Gewichtung der Schwerpunkte. Anstatt sich z. B. die Unterschiede zwischen lateinamerikanischem und peninsulärem Spanisch vorzunehmen, beschäftigen sich die Autorinnen mit marginalen Themen wie Jugendsprachen in der Romania. Doch wäre dies alles noch vertretbar, wenn die Darstellung überzeugen würde. Doch auch hier gibt es Mängel, insbesondere in der Präzision im Ausdruck. So wird die Lenisierung der intervokalischen Okklusive in der Westromania als Kriterium der Unterscheidung zur Ostromania wie folgt erklärt: '"Während sie im Ostromanischen erhalten bleiben, sind sie in der Westromania entweder verändert oder ganz verschwunden"' (S. 138). Eine schwammigere und unpräzisere Erklärung ist kaum möglich. Ferner wäre es schön gewesen, auch die anderen Sprachen der Romania (z. B. das Katalanische, Portugiesische und Rumänische) zumindest kurz zu behandeln. Doch was hilft hier die Gegenüberstellung von Artikel 3 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte in allen romanischen Sprachen, wenn der unerfahrene Leser sich nichts bezüglich der Aussprache vorstellen kann? Wie schön haben doch einst Pöckl et al. den Turmbau von Babel in allen romanischen Sprachen wiedergegeben und mit phonetischer Transkription versehen.
Doch was lässt sich über den Rest des Buches sagen? Auch in anderen Kapiteln fallen Schönheitsfehler ins Auge, über die man, würden sie allein vorkommen, noch milde hinwegsehen könnte, obgleich jedem Studenten massiver Punktabzug droht, würde er auch nur einen dieser Art in einer Hausarbeit begehen. So werden im Kapitel über Phonetik und Phonologie mal die Betonungszeichen bei den Transkriptionen gesetzt, mal nicht. Manchmal sind sie sogar falsch gesetzt (S. 70). Obwohl gleich drei Autorinnen mit diesem Kapitel betraut waren, werden einmal selbst die Klammern der einzelnen Transkriptionsarten verwechselt. Ebenso sind die Autorinnen im ganzen Buch inkonsequent bei der Setzung des Akzents auf griechischen Wörtern. Solche Fehler sind einfach nur peinlich. Die Häufung all dieser Fehler lässt den Eindruck entstehen, hier wurde mit der heißen Nadel gestrickt. Ein Lob gebührt daher der Ehrlichkeit des nicht genannten Verfassers des Vorworts, in dem es heißt, "Dr. Irme Kuchenbrandt habe sie 'praktisch in 'letzter Minute' mit detaillierten Kommentaren, v. a. zur Phonologie, unterstützt" (12).
Die Liste der Mängel in diesem Buch lässt sich fortsetzen: Es bliebe mir z. B. übrig zu bemerken, dass bei der oberflächlichen Behandlung der Morphologie nicht auf die so wichtige terminologische Unterscheidung zwischen französischer Schule (Matinet) und amerikanischem Deskriptivismus eingegangen wird oder dass Roman Jakobsons Aufsatz über 'Linguistik und Poetik' zwar in Ansätzen erklärt wird, er jedoch im Literaturverzeichnis vergeblich gesucht wird. Irgendwann stellt sich dem in der Romanistik vertrauten Leser die Frage: Welcher Eindruck wird hier einem Erstsemester von wissenschafltichem Arbeiten vermittelt?
Als Fazit halte ich darum fest, dass ein Erstsemester nicht daran vorbeikommen wird, sich weiterhin zwei Bücher zu kaufen: Ich empfehle hier nach wie vor Pöckel et al. "Einführung in die romanische Sprachwissenschaft" (Tübingen: Niemeyer 2007) und Geckelers jeweilige Einführung in die Einzelphilologien. Das hier vorgelegte Werk ersetzt keines davon. Studenten aus höheren Semestern werden noch das eine oder andere aus einem der Kapitel mitnehmen können, Erstsemester werden hingegen verwirrt und bekommen nicht das vermittelt, was sie brauchen. Dass hier z. B. Psycholinguistik, Neurolinguistik und Spracherwerb vertieften Eingang finden, ist schön. Allerdings kommt man immer noch gut durch das Studium, ohne irgendetwas davon zu wissen.


Rom, das bin ich: Marcus Tullius Cicero. Ein Leben
Rom, das bin ich: Marcus Tullius Cicero. Ein Leben
von Francisco Pina Polo
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,95

13 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Dem Althistoriker wie dem Studenten der klassischen Philologie und dem Latinums-Anwärter unbedingt zu empfehlen, 29. Dezember 2010
Dass das Schreiben einer Biografie über eine Persönlichkeit der Antike kein leichtes Unterfangen ist, dürfte jedem klar sein. Je weiter das Leben der zu beschreibenden Person zurückliegt, desto spärlicher sind die schriftlichen Zeugnisse über ihr Leben. Anders bei Cicero: Dank über 900 Briefe von ihm und an ihn sind wir über weite Teile seines Lebens bestens informiert, vorwiegend durch seinen über bestimmte Lebensabschnitte sogar täglichen Briefwechsel mit seinem Vertrauten Atticus. Dass diese Briefe überhaupt erhalten sind, ist Ciceros lebenslangem Sekretär Tiro zu verdanken, der ihn um Jahrzehnte überlebte und dem das Sammeln und Herausgeben der Werke seines einstigen Herrn zum Lebensinhalt wurde. Seine verschollene Biografie war eine der zentralen Quellen von Plutarch, der Cicero auch in seine Doppelbiografien mit aufnahm.

Der spanische Althistoriker Francisco Pina Polo hat diese gewaltige Menge an Material durchgearbeitet und heraus kam die wohl bislang beste Cicero-Biografie. Auf nie langatmige Weise erzählt Pina Polo das Leben dieses beeindruckenden Staatsmanns, Redners und Philosophen, der die letzten Jahrzehnte der römischen Republik entscheidend geprägt hat und dessen Einfluss auf die Geistesgeschichte enorm ist. Pina Polos Cicero-Biografie ist keineswegs nur eine bloße Lebensbeschreibung, sondern gestattet auch profunde Einsichten sowohl in das philosophische Werk Ciceros als auch in seine politischen und rhetorischen Vorstellungen. Stets lässt Pina Polo Zitate, meist aus den Briefen, einfließen und eröffnet damit dem Leser die Möglichkeit, sich direkt in die Gedankenwelt Ciceros hineinzubegeben und gibt hervorragend Auskunft über Ciceros Beziehungen zu Männern wie Pompeius, Caesar, Brutus und vielen anderen. Nie kommt bei allem der Mensch Marcus Tullius Cicero zu kurz. Als Leser nimmt man Teil an Ciceros maßlosem Egozentrismus, an seiner grenzenlosen Euphorie nach der Aufdeckung der Verschwörung Catilinas, sieht ihn gleichsam vor sich um schwere Entscheidungen ringen und spürt fast schon selber seine tiefe Trauer um den Tod seiner geliebten, unglücklichen Tochter Tullia.

Jedem, der sich in irgendeiner Art und Weise mit Cicero beschäftigt, sei diese hervorragende Biografie wärmstens empfohlen: dem Althistoriker genauso wie dem Studenten der klassischen Philologie und dem Kämpfer um das Latinum. Man braucht nicht viele Vorkenntnisse, um das Werk zu verstehen. Äußerst hilfreich ist es, dass Pina Polo den politischen und gesellschaftlichen Hintergrund der Zeit des Untergangs der Republik bestens erklärt. Er beschwört die von erbarmungslosen Machtkämpfen gezeichnete Gesellschaft des ersten vorchristlichen Jahrhunderts zum Leben und gewährt Einblick in die vorherrschenden philosophischen und politischen Konzepte jener Zeit. Ein Anhang mit einer Zeittafel von Ciceros Leben und einer weiteren der römischen Geschichte jener Zeit sowie eine ausführliche Bibliografie runden die Biografie ab. Danach hat man nicht nur das Gefühl, endlich über das Leben Ciceros, einer der wichtigsten Gestalten der Antike überhaupt, Bescheid zu wissen, sondern hat auch ganz nebenbei die vielleicht interessanteste Phase der römischen Geschichte mit dieser spannenden Biografie kennengelernt.


Erinnerungen eines Davongekommenen (KiWi)
Erinnerungen eines Davongekommenen (KiWi)
von Ralph Giordano
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Rührendes Zeugnis eines außergewöhnlichen Lebens, 5. August 2008
Mit bewundernswertem Mut sprach sich Ralph Giordano (*1923) 2007 gegen den Bau einer Zentralmoschee in seinem Wohnort Köln aus. Seine Meinung, die Integration des Islams in die deutsche Gesellschaft sei gescheitert, stieß auf heftige Kritik, wie zutreffend seine Ansichten jedoch sind, zeigte sich auf zynische Art und Weise darin, dass er nun neben Tausenden Morddrohungen von Neonazis auch noch solche von radikalen Islamisten erhielt. Dem Streit ging die Veröffentlichung von Giordanos Autobiographie voraus, die nun im Taschenbuch-Format vorliegt.

Von Beginn an gewinnt er die Sympathie des Lesers für sich. Auf liebevolle Art und Weise erzählt der gebürtige Hamburger von seiner ungetrübten Kindheit im Stadtteil Barmbek, doch die Machtergreifung Hitlers wird sein Leben für immer verändern. Da seine Mutter Jüdin ist, wird er Zeuge zahlreicher antisemitischer Äußerungen: ein Freund will nicht mehr mit ihm spielen, bei den Sportwettkämpfen wird er als zweiter Sieger nicht einmal erwähnt, sein Latein- und Griechisch-Lehrer - von ihm nur noch "Speckrolle" enannt - macht ihn gnadenlos fertig und treibt ihn fast in den Selbstmord. Ralph bleibt sitzen und muss schließlich das Johanneum verlassen. Die Kriegsjahre werden ein Horror, die Angst vor der Deportation geht so weit, dass er darauf eingestellt ist, seine Mutter zu erschießen, um sie vor dem schlimmsten zu bewahren. Die letzten Monate verbringen die Giordanos in einem Keller versteckt, jederzeit in der Angst, entdeckt zu werden.
Wer allerdings meint, mit der Schilderung solch einer Jugend könne die Zeit nach der Befreiung nicht mithalten, der irrt. Das Buch fesselt weiter. Giordanos Beschreibung seiner Hinwendung zum Kommunismus und seiner desillusionierten Abkehr, seiner Karriere als Filmemacher, die ihn alle Teile der Welt bereisen lässt, liest sich spannend wie ein Kriminalroman. 1982 erfüllt er sich mit der Veröffentlichung seiner sehr stark autobiographisch gefärbten Familiensage "Die Bertinis", die zugleich einen zeitlosen Aufruf zur Zivilcourage darstellt, einen langen Traum. Doch das Trauma der Nazi-Diktatur holt Giordano immer wieder ein: Alpträume, Klaustrophobie und chronische Magenkrämpfe machen ihm das Leben schwer, doch immer wieder siegt seine unermüdliche Kreativität. Das Versagen der Bundesrepublik bei der Vergangenheitsbewältigung wird Dreh- und Angelpunkt seiner Bücher. Nichtsdestoweniger glückt das kaum zum glaubende: er kann verzeihen und findet seinen Frieden mit der Bundesrepublik, obwohl er sich im Krieg geschworen hatte, sie so schnell wie möglich zu verlassen. Die Kindheitsweisheit "Sei freundlich und man wird auch zu dir freundlich sein" und die "Große Kraft", Schwächere zu beschützen, wird Giordano sein ganzes Leben begleiten.
Ein einzigartiger literarischer Genuss sind die zahlreichen über das ganze Buch verteilten Anekdoten, sei es, wie Walter Jens ihn bei Mathematikklausuren abschreiben lässt, der über 60-Jährige sich schließlich als begeisterter Autofahrer den Jugendtraum eines Jaguars erfüllt, oder seine Liebe zu Eisenbahnen und den Wombats. Das Foto mit Wombat Rolph im Duisburger Zug kann man nicht lange genug ansehen.

Der Stil dieses wunderschönen Buchs sucht in der gegenwärtigen autobiographischen Literatur seinesgleichen. Ich zumindest konnte es nicht lesen, ohne von dem Leben dieses wahrhaften Humanisten ergriffen zu sein, dem die Überzeugung der ungeteilten Humanitas und der allezeit notwendige Einspruch, zum Lebenselixier wurden. Nach der letzten Seite des Epigramms mochte ich am liebsten noch einmal ganz von vorne beginnen.


Friedrich Schiller: oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus
Friedrich Schiller: oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus
von Rüdiger Safranski
  Taschenbuch

41 von 45 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Vorbildliche Darstellung von Leben, Werk und Zeit Schillers, 21. Juni 2008
Er war Mediziner, Schriftsteller, Dramatiker, Philosoph, Journalist und Historiker. Spätestens der "Wallenstein" machte ihn zum deutschen Shakespeare, in Sachen literarischer Qualität kann seiner monumentalen Abhandlung über den 30-jährigen Krieg bis heute kein weiteres Geschichtswerk das Wasser reichen und seine Philosophie prägt bis heute elementar das Verständnis von Kunst. Kurz gesagt: Friedrich Schiller (1759-1805) ist die wichtigste Person der gesamten deutschen Literaturgeschichte (Goethe wird, so meine ich, insgesamt überschätzt), an ihm führt kein Weg vorbei.

Obwohl man den Markt, was Schiller-Biografien angeht, als gesättigt bezeichnen mag, hat sich Rüdiger Safranski Schiller vorgenommen und ein Buch geschrieben, das für jeden Schiller-Interessierten Pflicht sein sollte. Safranski beschränkt sich nicht darauf, dem Leser eine bloße Biografie im Sinne einer Abfolge von Ereignissen aus dem Leben des sympathischen, in seinem letzten Lebensjahrzehnt gesundheitlich schwer gezeichneten, 1,90 m großen Schwaben zu präsentieren (eine ausführliche Zeittafel sorgt für die notwendige Übersicht), sondern sehr wichtig ist ihm die Darstellung der Zeit, in der Schiller lebte sowie die Analyse der damals die Diskussion bestimmenden philosophischen Gedanken (z. B. Empirismus, Sensualismus, Materialismus) und ihre Bedeutung für Schillers Werke. Dazu gehört ferner die Beschreibung des literarischen Umfelds, nicht zuletzt seine Freundschaft zu Goethe. Ebenso sind die Erklärungen von Schillers Werken tiefgründig, ohne sich jedoch in Details zu verzetteln, immer sind sie in den biographischen Kontext eingebettet, auch ihre Rezeption wird ausführlich dargelegt. Sehr gut ist, dass neben dem obligatorischen Personenregister auch ein Werkregister im Anhang zu finden ist, welches einen schnell auf die richtigen Seiten verweist, sodass man Safranskis Buch auch nutzen kann, wenn man nur einmal schnell zu einem bestimmten Werk etwas nachlesen möchte, wie das nun z. B. mit der schönen Seele in "Maria Stuart" oder dem Republikanismus des Marquis Posa im "Don Karlos" war. Wie in allen seinen Sachbüchern überzeugen auch in diesem Safranskis leicht nachvollziehbare Erklärungen selbst von schwierigen Zusammenhängen, wie beispielweise der Schillerschen Ästhetik im Bezug zu Kant.

Beendet man die Lektüre (geht schneller als man zunächst denken mag, ich las mich unheimlich schnell fest), verbleibt beim Leser eine tiefe Bewunderung für die Person Schiller und die Ermutigung, sein Leben im Lichte seiner Philosophie zu leben, welche es unwahrscheinlich bereichert. Schillers Werke sind nämlich keineswegs von vorgestern, sondern sie haben nach wie vor eine hohe Aktualität und jeder, der sich in irgendeiner Form künstlerisch betätigt, sollte seine Kunstphilosophie kennen. Nicht umsonst heißt es in Schillers letztem vollendeten Werk, dem szenischen Gedicht "Die Huldigung der Künste": "Mich hält kein Band, mich fesselt keine Schranke, / Frei schwing ich mich durch alle Räume fort, / Mein unermeßlich Reich ist der Gedanke, / Und mein geflügelt Werkzeug ist das Wort", vor allem aber "der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt" (Über die ästhetische Erziehung des Menschen).


The Castle in the Forest
The Castle in the Forest
von Norman Mailer
  Taschenbuch

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Hitler als Einsatz des Teufels im Kampf gegen Gott - Norman Mailers Erklärung des Bösen in Hitler, 3. Juni 2008
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: The Castle in the Forest (Taschenbuch)
Norman Mailer gehört mit Sicherheit zu den wichtigsten amerikanischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Durch sein Erstlingswerk "The Naked and the Dead" wurde der 25-jährige Mailer 1948 mit einem Schlag berühmt und von vielen als zweiter Hemingway bezeichnet. Umso schwieriger war es für Mailer, den Anforderungen, die fortan an ihn gestellt wurden, gerecht zu werden. Böse Stimmen behaupteten sogar, keines seiner mehr als zwei Dutzend späteren Werke erreiche die Qualität seines Erstlingswerks.

Fast 60 Jahre später, weniger als ein halbes Jahr vor seinem Tod im November 2007, erschien sein letzter Roman, der Roman, den er schon immer hatte schreiben wollen: Mailers Antwort auf die Frage, wodurch Hitler zu dem wurde, als den wir ihn alle kennen. Der Roman entfaltet das undurchsichtige inzestuöse Geflecht der Familie Hitler, das Leben von Hitlers Eltern und Großeltern, den Alltag bei Hitlers zu Hause in Gasthäusern, auf dem Land bei der Bienenzucht, in der Schule und bei Kriegsspielen des kleinen Adolfs mit seinen Geschwistern, die Schikanen durch den älteren Bruder sowie seine an dem jüngeren. Man erfährt die aufopferungsvolle Liebe der Mutter zu ihrem Sohn, die Konflikte mit dem Vater sowie Adolfs Kampf um Anerkennung.
Mailer kommt zu dem Schluss, dass der Teufel seine Finger im Spiel hatte. In Mailers Weltbild stehen der Teufel und Gott als gegeneinander kämpfende Mächte gegenüber, der Teufel verfolgt dabei erbarmungslos sein Ziel, die Welt von den Menschen zu befreien. "The Castle in the Forest" ist aus Sicht eines Assistenten des Teufels geschrieben, der, ohne jedoch vollständig in die Absichten seines Chefs eingeweiht zu sein, mit dem Fall Adolf Hitler beauftragt wurde, sich später in einem SS-Mann einnistet und im engsten Kreis um Himmler steht. Bereits bei der Zeugung war er zugegen und beeinflusste Adolfs Entwicklung u. a. durch "dream-etching". Doch die Wirkung des Teufels reicht weit darüber hinaus. Auch der Mord an Sissi geht auf seine Rechnung, genauso die Katastrophe auf dem Kodynskoe-Feld kurz nach der Krönung Zar Nikolaus II.. Mailer beschreibt diese Episode sehr ausführlich, aber dennoch wird die Erzählung nie langweilig. Gerade hier zeigt Mailer, welche Dimensionen der Kampf zwischen Gott und seinen Engeln (Cudgels) und dem Teufel und seinen Assistenten annimmt und wie bestimmte Menschen von ihnen befallen werden und zum Zankapfel zwischen dem "Maestro", wie er den Teufel nennt, und Gott (kurz D.K. für "Dummkopf") werden.

Die Stimmen zu "The Castle in the Forest" waren in Deutschland überwiegend negativ, Mailers Stil galt vielen als zu vulgär, seine ausführlichen Beschreibungen z. B. von Hitlers analer Phase als unerträglich. Letztendlich ist es aber so, dass Mailer sich sehr genau an die Fachliteratur, die Aussagen über Hitlers Jugend macht, gehalten halt. Die ausführliche Bibliographie am Ende des Buchs sowie ein Blick meinerseits in mehrere Hitler-Biographien belegen dies. Hitlers Vater war tatsächlich leidenschaftlicher Imker und wurde unzählige Male gestochen, Adolf benutzte tatsächlich sein Realschulzeugnis als Klopapierersatz und Kriegsspiele mit seinen Klassenkameraden hat er auch gespielt. Dort, wo keine Quellen eines besseren belehren können, greift Mailers Phantasie und seine wahre Kunst. Nichts ist komplett an den Haaren herbeigezogen, stets denkt man, so könne es durchaus gewesen sein. So klingt bei der belegten ungezügelten Sexualität von Hitlers Vater Mailers These, Adolfs Mutter sei zugleich seines Vaters Tochter, die dieser mit seiner Halbschwester gezeugt habe, gar nicht so abwegig. Genauso wenig ist die Möglichkeit, dass Adolf durch die Vorträge seines Vaters über die Bienenzucht und die in einem Bienenstock geltenden darwinistischen Prinzipien erste Ansätze seiner Rassenideologie entwickelte als unhaltbar von der Hand zu weisen. Die Meinung, der Teufel habe seine Finger im Spiel gehabt, ist ein Bestandteil Mailers synkretistischen Weltbilds, kann deswegen aber nicht apodiktisch als falsch verworfen werden. Sie liefert einen möglichen Interpretationsansatz zum Verständnis des elementar Bösen, obgleich Hitler keineswegs Sklave des Teufels ist, sondern sehr wohl Entscheidungsspielraum hat, sich aber dem Bösen schließlich ganz ergibt.

Im Jahre 1905, nach Hitlers Abbruch der Realschule, endet die Handlung. In seinen letzten Interviews sagte Mailer, es seien noch gut tausend weitere Seiten zu füllen, die Recherche über Hitlers weiteren Lebensweg sei abgeschlossen, sie müsse nur noch zu Papier gebracht werden. Doch sein Körper versagte ihm den Dienst.
Dennoch ist dieser Roman ein hochspannendes, in sich geschlossenes literarisches Werk von hoher literarischer Qualität, das einmal einen andern Blick auf die Person Hitlers wirft, zumal seine Jugend eine der wenigen Seiten seines Lebens ist, die noch nicht bis ins letzte Detail erforscht ist und noch Spielraum für Fantasie bereit hält. Nicht zuletzt überzeugte mich "The Castle in the Forest" dadurch, dass ich fortwährend das Gefühl hatte, mittendrin in der Handlung zu sein. Mailer hat ein letztes Mal gezeigt, dass er zu den ganz Großen der amerikanischen Literatur gehört.
Tipp: Unbedingt auf Englisch lesen!


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