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Rezensionen verfasst von
Werner Titz

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Die Schatten der Globalisierung
Die Schatten der Globalisierung
von Joseph Stiglitz
  Taschenbuch

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Warum soll man im Jahr 2016 noch eine Rezension schreiben….., 22. Januar 2016
Rezension bezieht sich auf: Die Schatten der Globalisierung (Taschenbuch)
….. über ein Buch das die Weltwirtschaft vor 15 Jahren behandelt?

Die Antwort: Weil dieses Buch heute aktueller ist als zur Zeit als es geschrieben wurde, oder anders gesagt: weil man erst heute sieht, wie die Politik und die Finanzwelt die Erfahrungen und die Empfehlungen des Nobelpreisträgers Joseph Stiglitz komplett ignoriert haben. Buchstäblich jede der Warnungen, die der Autor am Ende des Buches auf Grund seiner langjährigen Tätigkeit in höchsten Ämtern in aller Welt zusammenfasst, wurde ignoriert.

Stiglitz schrieb dieses Buch in den Jahren 2000 bis 2002. Die Ostasienkrise war gerade vorbei, die Dotcom-Blase war das nächste Warnzeichen, der NASDAQ-Index erreichte seinen Höhepunkt, und implodierte. Stiglitz erlebte die Krisen aus allernächster Nähe, als international tätiger Ökonom, als Berater im Team von Präsident Clinton, als Chefvolkswirt der Weltbank, als Professor an mehreren Universitäten und als vielseitiger Publizist.

Die Lawine war erst im Anrollen als Stiglitz Anfang unseres Jahrhunderts eine stärkere Regulierung der Finanzmärkte verlangte, aber niemand hörte ihn, so wenig wie die anderen Warner, bevor es zum großen Crash von 2008 kam. Gut, man könnte annehmen, zumindest nach dem Crash wäre die Elite aus Politik und Finanzen klüger geworden. Irrtum! Kein einziger Punkt der im Buch empfohlenen Do-to-Liste hat es geschafft, auf eine Agenda der EU-Gremien zu kommen.

In seinem Buch beschreibt Stiglitz auch die Entwicklung Russlands in den Jelzin-Jahren, wo von 1990 bis 1999 die Industrieproduktion um 60 % und das BIP um 54 % zurückging, wo 1990 2 % der Russen in Armut lebten, und 1999 schon ein Viertel der Bevölkerung verarmt war. Er schrieb diese Entwicklung zum Großteil dem IMF zu, dem nichts wichtiger war als die Privatisierung von Volksvermögen und die Durchführung seiner neoliberalen Agenda. Wer hätte damals gedacht, dass trotz der katastrophalen Ergebnisse, nicht nur in Russland, der IMF wenig später, im Zuge der ‚Griechenlandkrise‘ von der EU auf Empfehlung der deutschen Bundesregierung auch auf die Krisenländer der Eurozone angesetzt wird?

Ebenso warnte Stiglitz vor *Bailouts*, die *kein Problem lösen, sondern nur neue schaffen*, er verurteilte die Politik der *Konditionalität*, also die Vergabe von Krediten gegen Auflagen die direkt in wesentliche Entscheidungen demokratisch gewählter Regierungen eingreifen.
Die Gläubiger könnten nicht gleichzeitig Konkursrichter sein und dem Schuldnerland die Wirtschaftspolitik diktieren. Und grade das wurde und wird von der sogenannten Troika und den' Institutionen' an den Ländern der europäischen Peripherie exekutiert, und ‚Konditionalität‘ gehört heute wie selbstverständlich zum Vokabular diverser EU-Gremien.

Deutlich genug hat Stiglitz seine Meinung ja gesagt, daran kann es nicht liegen:

*Der IWF glaubt, per ‚Ordre de Mufti‘ in den Ländern eine neue Ära einzuläuten und es führt nur zum arroganten und zum Scheitern verurteilten Versuch von Bürokraten, die kaum etwas vom Land wissen, mit engstirnigen wirtschaftlichen Standardrezepten den Lauf der Geschichte zu ändern*.

Und an anderer Stelle:
* Die Empfehlungen des IWF hören sich an, als bräuchte die Volkswirtschaft lediglich ein gutes Abführmittel.*

Man muss jetzt nicht unbedingt eine daran anschließende Assoziation bemühen um zu beschreiben was mit dieser Politik bisher produziert worden ist.

Aber es ist doch erwähnenswert, dass ein Bestseller aus dem Beginn unseres Jahrhunderts, geschrieben von einem der fähigsten Köpfe seiner Zunft, derart folgenlos blieb, und dass die Erkenntnisse und Ratschläge des Autors nicht nur ignoriert, sondern auch noch ins Gegenteil gekehrt wurden.


Ballade vom Abendland
Ballade vom Abendland
von Èric Vuillard
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine neue Art, Epochen der Geschichte literarisch zu erfassen, 20. Januar 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Ballade vom Abendland (Gebundene Ausgabe)
Ein 'frischer, fröhlicher Krieg' hätte es werden sollen, so hatte Wilhelm II den Weltkrieg I jedenfalls angekündigt. Und zumindest in diesem Buch fängt das Jahr 2014 auch recht beschaulich an:
*Die Osterglocken hatten schon Mitte März geblüht. Dann war die Reihe an den Kirschbäumen, den Magnolien, all die weißen rosafarbenen Büschel, die verwaist auf schwarzen Ästen wachsen'.das milde Wetter hatte zu einem Aufblühen aller Blumen gleichzeitig geführt'*
Aber gegen Ende dieses Frühlings *knistert die Welt - schon gerät etwas ins Stottern und man produziert, was an Granaten und Kanonen gebraucht werden wird. Der Krieg ist ein Überraschung, die vorbereitet werden will*. Und dann die Ouvertüre zum Beginn des großen Schlachtens, die der Autor, in seinem typischen kompositorischen Muster, so beschreibt: *Der Rost ist fertig, die Kelle schabt über die Mauer, man wird das Fleisch brechen können wie Brot*.

Der Titel der deutschen Übersetzung des Buches «La bataille d'occident» des französischen Autors Eric Vuillard ist *Ballade vom Abendland*. Rhapsodie wäre vielleicht als Bezeichnung für diesen Text treffender, denn dieser Text ist zwar lyrisch, erzählt aber keine Geschichte, ist nicht chronologisch, sondern ein musikalischer Text mit Motiven und Assoziationen die lose miteinander verbunden sind, und die insgesamt doch das ganze Panorama des Grauens darstellen in dem Europa in diesen 4 Jahren versinkt.
Um alles zu erfassen, ändert der Autor ständig den Blickwinkel. Er beschreibt im Bullet-Time-Effekt wie die Kugel aus dem Revolver in den Kopf des französischen Sozialisten Jean Jauré trifft, als dieser während einer Rede gegen den Krieg erschossen wird. Er betrachtet aus der Vogelperspektive die Leichenfelder bei Ypern und das Vorrücken der deutschen Armee, *die sich über Frankreich auszubreiten schien wie ein sich ausrollender Teppich*.
Er kommentiert Originalaufnahmen, kleine Schwarz-Weiß-Fotos, die auch im Buch abgebildet sind. Wie durch einen alten Guckkasten sieht man da das ausgebleichte Portrait des obersten Strategen im deutschen Generalstab, Alfred Graf von Schlieffen, oder man blickt in das Gesicht des Attentäters Gavrilo Princip; oder in die groteske *Clownsgrimasse* eines Verwundeten.

Der Blick des Autors reicht bis nach Anatolien, wo Türken die Armenier in den Tod treiben, und nach Russland, wo die roten Soldaten die Weltordnung umstürzen und für ein Dekret für den Frieden stimmen, mit dem sie die Völker Europas auffordern, die Menschheit vom Schrecken des Krieges zu befreien.

Alle werden sie mit hineingerissen in diesen Krieg, die verstaubten Größen wie Nikolaus II und Georg V, die *Groschenromanmajestäten*, wie der Autor sie nennt, herausgerissen aus ihren Beschäftigungen, Nikolaus II vom Briefmarkensammeln, Georg V vom Tennisspielen.
So wie am Beginn schon Franz-Ferdinand mit seiner Sophie Chotek, die in Sarajevo eine Kugel in den Unterleib bekommt bevor es gleich danach ihren Gatten in den Hals trifft. Hätte er standesgemäß geheiratet, der Herr Thronfolger, hätte er einen seiner Bedeutung gemäßen Sicherheitsschutz bekommen. Aber weil er nur eine Hofdame heiratete, die bei diesem Attentat nur gräfliches, blaues, Blut verströmen kann, kam er nicht in den Genuss eines vollständigen Ordnungsdienstes wie es königlichem Blut zusteht.

Wenn man ein Jahrhundert später über den Ersten Weltkrieg schreibt, kann man dem Grauen vermutlich nur mit Wut und Sarkasmus Ausdruck geben wie es Eric Vuillard in diesem Buch meisterhaft tut. Schon aus Gründen der historischen Distanz ist kein 'Mitleiden' mit den Opfern angebracht, wohl aber ein genaues Hinsehen auf die Folgen des Krieges, wie es der Autor zum Beispiel bei der Beschreibung der Leichenfelder in den Ebenen Flanderns macht:

*All diese Fleischgerippe, diese Uniformen, das alles liefert Humus, Pilze, Nährstoffe. Alkali! Auch das Herz verwest langsam im wimmelnden Fleisch. Eine kalte Hand hindert es, zu schlagen und seinen Knochenkäfig zu heben. Die Arme verlassen den Körper, die Hoden quellen durch die Hauttasche, die Köpfe schneiden andere Grimassen. Ganz schnell sind diese jungen lebensvollen Leute nichts mehr als Elsternnester, Schnäbel picken sie an, Rüssel saugen sie aus, sie werden von Stacheln, von Würmern durchbohrt, eine winzig kleine gefräßige Bevölkerung*

Eric Vuillard begründete mit diesem Buch eine neue Art, Epochen der Geschichte literarisch zu erfassen, und führte sie in *KONGO*, seinem zweiten bisher in deutscher Sprache erschienen Buch, erfolgreich fort. Wer sich die Mühe macht, in dieses dichte literarische Geflecht aus Fakten und Assoziationen einzudringen, wird durch neue Einblicke in dunkle Zeiten belohnt, und mit Formulierungen, die wie Blitze die beschriebene Zeit erhellen.


Kritik der schwarzen Vernunft
Kritik der schwarzen Vernunft
von Achille Mbembe
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 28,00

31 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das menschliche Metall, die menschliche Ware, das menschliche Geld, 6. Januar 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
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Achille Mbembe ist Politikwissenschaftler und einer der wichtigsten Intellektuellen in der kritischen schwarzen Tradition.
Sein Buch ist keine Chronologie des Kolonialismus oder des Rassismus, wenn auch deren wichtigste Stationen behandelt werden, vom transatlantischen Sklavenhandel bis zur Kolonialisierung Afrikas, und bis zur Ideologie der Selektierung der Menschenarten auch in der heutigen Zeit, in der die Menschen immer noch auf einer Stufenleiter der Ungleichheit angeordnet werden.

Das Buch ist eher ein Essai, und eine Reflexion darüber, wie aus der Kritik der Vergangenheit eine Zukunft herzustellen wäre, die unlösbar mit der Vorstellung von Gerechtigkeit, Würde und Gemeinsamkeit aller Menschen verbunden ist. Mbembe verwendet bewusst und durchgehend das Stereotyp „Neger“ (ohne Anführungszeichen), denn: *Sobald man das Wort „Neger“ ausspricht, holt man die Abfälle unserer Welt ans Licht zurück*, heißt es im Buch.
Der Autor weist darauf hin, dass es auch eine Zeit gab, Anfang des 20. Jahrhunderts, als dieses Stereotyp bei vielen Weißen Ausdruck einer Verehrung war. Man sah Afrika positiv in seiner Andersartigkeit, als ein Reservoir an Mysterien und des Magischen. Und auf Seiten der Schwarzen wurde „Neger“ zeitweise ein Symbol der Schönheit und des Stolzes und zu einer radikalen Herausforderung oder zum Aufruf zur Rebellion.

Mbembe sieht die Schwarzen, oder die Afrikaner allgemein, als Teil des Transformationsprozesses von Menschen in Ware und von Ware in Geld und findet dafür starke Metaphern wie die folgende:
*Das Substantiv „Neger“ ist ein Name, den man dem Produkt jenes Prozesses gibt, in dem die Menschen afrikanischer Herkunft in lebendes Erz verwandelt werden, aus dem man Metall gewinnt. Das ist seine zweifache metamorphe und ökonomische Dimension. Wenn zur Schlafenszeit Afrika der privilegierte Ort der Förderung und Ausbeutung dieses Erzes war, so war die Plantage in der neuen Welt der Ort, an dem man sie einschmolz, und Europa der Ort seiner Umwandlung in Geld. Dieser Übergang vom menschlichen Erz zum menschlichen Metall in menschliches Geld ist eine strukturierende Dimension des Frühkapitalismus*. Aus der Sicht der merkantilistischen Vernunft jener Zeit ist der Negersklave Objekt, Körper und Ware in einem. *Die Welt des transatlantischen Handels mit Negersklaven ist dieselbe wie die des Jagens, Fischens, und Sammelns, des Verkaufens und Kaufens*.

In der Epoche der Aufklärung und des Liberalismus erreicht der transatlantische Sklavenhandel seinen Höhepunkt. Rousseau und Voltaire erkennen auf philosophischem Wege die Schändlichkeit des Sklavenhandels allgemein, ignorieren aber den real existierenden Handel mit Menschen. Alexis de Tocqueville sieht die Afrikaner in den Vereinigten Staaten als unterwürfige Sklaven ohne Möglichkeit zur Emanzipation und setzt sich in Frankreich dafür ein, Algerien zu kolonialisieren und die Bevölkerung Algeriens als untergeordnete Diener zu behandeln.

Der Rassismus war besonders um die Wende zum 20. Jahrhundert *ein Eckstein bürgerlicher Sozialisation*. Da die Rassen mit dem Thema des Blutes verbunden wurden, das man früher bekanntlich zur Rechtfertigungen der Privilegien des Adels benutzt hatte, rechtfertigte das Bürgertum damit seine Privilegien gegenüber den kolonisierten Völkern. Der *Nationalkolonialismus* vereinte in Europa die sonst unterschiedlichen Parteien.

*Die Privatisierung der Welt unter der Ägide des Neoliberalismus, der den Anspruch erhebt, die Welt auf der Basis der Unternehmenslogik zu rationalisieren*, wie Mbembe unsere Gegenwart charakterisiert, ist natürlich auch nicht geeignet, den Kampf von Menschen afrikanischer Herkunft um die *Gleichheit der Anteile* zu unterstützen.

Das Ausmaß einschlägiger Literatur, das Mbembe zitiert, ist beachtlich und umfasst insbesondere die französische, englische und deutsche Philosophie und Soziologie. Zu Recht verweist er unter anderem auf die prägnanten Arbeiten von Joseph Vogl zur Frühzeit des Kapitalismus (siehe Josef Vogl: Das Gespenst des Kapitals, 2010, und Der Souveränitätseffekt, 2014). Selbstverständlich geht er ausführlich auf die Schriften von Aimé Césaire und Frantz Fanon ein, und in einem eigenen Kapitel auf Beispiele der Literatur afrikanischer Gegenwartsautoren.

Es geht Achille Mbembe in diesem Buch um das *Projekt des gemeinsamen Zuwachses an Menschlichkeit*. Von seiner Seite hat dieser afrikanische Denker dazu sehr überzeugend und mit seinem umfassenden Wissen beigetragen.
Man sollte sich auf darauf einlassen.


Der neue Klassenkampf: Die wahren Gründe für Flucht und Terror
Der neue Klassenkampf: Die wahren Gründe für Flucht und Terror
von Slavoj Žižek
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,00

32 von 37 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die wahren Gründe für Flucht und Terror, 28. Dezember 2015
-
Wenn Slavoy Zizek zur aktuellen Flüchtlingskrise sagt: *Unsere wahre Bestrebung sollte sein, die Basis der Gesellschaft weltweit so umzugestalten, dass keine verzweifelten Flüchtlinge mehr auf diesen Weg gezwungen werden* ... werden ihm wahrscheinlich alle, unabhängig von ihrer Weltanschauung, zustimmen. Wenn er dann hinzufügt: *Die Zurschaustellung altruistischer Tugenden hingegen verhindert letztlich die Umsetzung dieses Zieles*… werden sich manche um den Genuss ihres guten Gefühls der Mitmenschlichkeit betrogen sehen und sich lieber auf ihre Empathie beschränken. Wenn Zizek dann aber auch noch den globalen Klassenkampf als Perspektive für die Umsetzung dieses Zieles auf die Tagesordnung bringt, also die globale Solidarität mit den Ausgebeuteten und Unterdrückten, um ein menschenwürdiges Leben in möglichst allen Ländern zu gestalten, dann wird die Zustimmung sehr schnell schwinden.

Klassenkampf? Das eignet sich nicht als Buchtitel. Wenn überhaupt, wird das Wort nur mehr von Parteien und Unternehmern verwendet wenn sie zum Beispiel den Gewerkschaften angeblich überzogene Forderungen vorwerfen. Dann schon lieber Spenden ins Krisengebiet, Entwicklungshilfe, Freihandelsabkommen à la EPA und Hilfe bei der weiteren Implementierung der ‚westlichen Werte‘ im jeweiligen Land.
Mit den Machthabern legt es sich der Westen nicht an. Saudi Arabien und die Emirate sind, ökonomisch betrachtet, Außenposten des westlichen Kapitals, gänzlich abhängig von ihren Öleinnahmen hauptsächlich aus dem Westen. Die feudalen Kräfte in Pakistan und anderso sind die natürlichen Verbündeten der liberalen westlichen Demokratien, wie es auch die nordafrikanischen Diktaturen waren und noch sind.

Die wahre Bedrohung für unsere westliche Lebensweise, so Zizek, sind nicht die Immigranten, sondern es ist die Dynamik des globalen Kapitalismus. Flüchtlinge sind der Preis der globalen Wirtschaft und der kolonialen Expansion, die der Hauptmotor der neueren Geschichte war. Absurderweise führt der IS jetzt wieder zusammen, was nach dem Ersten Weltkrieg von den Kolonialherren aus England und Frankreich durch Grenzen getrennt wurde.

Wir sollten die vorherrschende linksliberale humanitäre Haltung verwerfen, rät Zizek.
Es hilft weder die Selbstgefälligkeit, mit der sich die westlichen Liberalen über die Fundamentalisten mokieren, die kein Verständnis für die Gleichstellung der Geschlechter haben; noch das Gegenteil: die pathetische Solidarität mit den Flüchtlingen; und auch nicht die Selbsterniedrigung von uns selbst, weil ‚wir‘ unsere Mitschuld an der Misere der Flüchtlinge eingestehen. Und schon gar nicht die einwanderungsfeindliche Brutalität. Wir sollten helfen, weil es unsere Pflicht ist, aber ohne Sentimentalitäten.

Was allgemein für den Begriff ‚Nachbar‘ gilt, gilt auch für Flüchtlinge. Gegen den Nachbarn, wie auch den Flüchtling, dessen für uns ungewohnte Handlungen wir nicht verstehen und dessen Verhalten unsere gewohnte Lebensweise durcheinanderbringt, hilft laut Zizek *nicht nur ein ‚Einander-Verstehen‘ sondern auch ein ‚Einander-aus-dem-Weg-gehen‘, ein angemessener Abstand, ein neuer Code der Diskretion*.

Als bevorzugte Art, einem Nachbarn, oder einem Flüchtling, zu begegnen, empfiehlt Zizek
*…nicht eine der Empathie oder des Verständigungsversuchs, sondern eine des respektlosen Lachens, das sich sowohl über den Anderen als auch über uns lustig macht, genauso wie über unseren beidseitigen Mangel an (Selbst-)Verständnis*.

Einen interessanten Hinweis gibt Zizek auf einen anderen Aspekt, der jenseits von mitfühlender Einsicht und moralsicher Pflicht zum Verständnis für den Fremden führt: In Konfrontation mit Fremden muss man sich plötzlich eingestehen, dass man sich selbst ein Fremder ist. Man ist sich selbst ein Fremder weil man merkt, dass man selbst nicht so ist wie ‚WIR (angeblich) sind‘.

Viel Stoff zum Nachdenken auf knapp 100 Seiten. Ein neuer Zizek im Kleinformat, wie schon der Vorgänger mit dem Titel ‚Blasphemische Gedanken: Islam und Moderne‘, der als Ergänzung zu diesem neuen pocket book zu empfehlen ist.
Beides Schnellschüsse, die das Thema genau treffen.


Das Kapital des Staates: Eine andere Geschichte von Innovation und Wachstum
Das Kapital des Staates: Eine andere Geschichte von Innovation und Wachstum
von Mariana Mazzucato
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wer, wenn nicht der Staat?, 3. Dezember 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Die gängige Lehre besagt, der Staat soll sich aus der Wirtschaft heraushalten, er soll nur die Rahmenbedingungen für wirtschaftliche Unternehmungen schaffen, und gelegentlich die Banken und Anleger vor dem Kollaps retten.

Die italienisch-amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Mariana Mazzucato ist da ganz anderer Ansicht: sie plädiert für einen aktiven, unternehmerischen Staat, einen Staat, der als Motor für Innovation und Wandel agiert, und der mutig vorangeht, klare und kühne Visionen hat - genau das Gegenteil des Bildes, das üblicherweise vom Staat gezeichnet wird.
Sie verweist auf die Grundlagenforschung, die sie als ‚öffentliches Gut‘ versteht, und für die nur der Staat die langfristige Perspektive, das Geld und die notwendige Vernetzung bieten kann die dafür erforderlich sind.

Nicht jener Staat ist erfolgreich, der Investoren mit niedrigen Steuern und billigen Arbeitskräften anlockt, sondern der Staat in dem die öffentliche Hand in neue Technologien investiert und den Unternehmen ein Netzwerk für die innovative Weiterentwicklung bieten kann.
*Das Wirtschaftswachstum in Italien ist seit 15 Jahren nicht deshalb so niedrig, weil der Staat zu viel ausgegeben, sondern weil er in Bereichen wie Bildung und F&E nicht genug ausgegeben hat*, heißt es beispielhaft an einer Stelle.

Umfangreiche und langfristige staatliche Investitionen seien die Triebkraft hinter nahezu jeder Basistechnologie im letzten Jahrhundert gewesen. Zum Beispiel ist das Internet aus einem kleinen Netzwerkprojekt des Verteidigungsministerium entstanden, bei dem es darum ging, ein Dutzend Forschunganlagen in den USA zu vernetzen. Silicon Valley verdankt seine gegenwärtige Struktur staatlicher Finanzierung. Die große Leistung von Steve Jobs und von Apple ist unbestritten, aber im iPhone steckt nicht eine einzige Technologie, die nicht staatlich finanziert wurde: Internet, GPS, Touchscreen-Displays, Mobilfunktechnik, Mikroprozessoren, Clickwheel, Lithium-Ionen-Akkus, Flüssigkristallbildschirm, und so weiter.
Der Algorithmus, dem Google seinen Unternehmenserfolg verdankt, wurde mit dem Geld der National Science Foundation entwickelt. Die Pharmaindustrie macht mit staatlichen Forschungsergebnissen große Gewinne.
Mit Sarkasmus, oder mit Wut, je nach Veranlagung, stellt man beim Lesen dieser großen Namen fest, dass es genau diese Namen sind, die man bei den größten Steuervermeidern wiederfindet. Würde Apple in Kalifornien, wo die Firma von staatlicher Forschung und von Steuergeldern profitiert hat, auch seine Steuern zahlen, und nicht in Irland, wäre Kalifornien nicht so verschuldet wie es heute ist.

Als gute Beispiele von aktiver staatlicher Innovation in anderen Ländern wird unter anderen die brasilianische Entwicklungsbank BNDES genannt, die deutsche staatliche Förderbank KfW, und die China Development Bank. Auch kleine Länder werden gewürdigt, wie Dänemark, für die aktive Rolle, die der dänische Staat für die Entwicklung des dänischen Konzerns Vestas spielte, der über Jahre hinweg der weltweit größte Hersteller von Windturbinen war.
Von Süd-Korea ist bekannt, dass es die staatlichen Initiativen waren, die in dem energiearmen Land dafür sorgten, dass sich eine breit aufgestellte Industrie etablieren konnte. Der koreanische Wirtschaftswissenschaftler Ha-Joon Chang hat darüber interessante Bücher geschrieben. China ist geradezu ein Paradebeispiel für die aktive Rolle des Staates bei der Entwicklung der Wirtschaft. Die Chinesen machten genau das Gegenteil von dem was IWF und WELTBANK den Ländern empfohlen hatten die noch heute unter diesen Empfehlungen leiden.

In den USA wird offenbar auch eine aktivere staatliche Innovationspolitik betrieben als in Europa.
Als Beispiele werden das MRC (Medical Research Council), SBIR (Small Business Innovation Research), das sogar unter Reagan aufgebaut wurde, die DAPRA (Defence Advanced Research Projects Academy) die maßgebend am Internet beteiligt war, und zuletzt die NNI (National Nanotechnology Initiative).
Sicher, Die Vereinigten Staaten haben schon in den 1950er und 1960er Jahren mit großen staatlichen Forschungsprojekten begonnen, als in Europa gerade mal über die Gemeinschaft für Kohle und Stahl, die Montanunion, nachgedacht wurde. Aber auch heute, in der EU, scheinen die Chancen für eine aktive innovative Rolle der Staaten oder der Gemeinschaft nicht günstig zu sein, sei es aus Gründen der neoliberalen Ideologie, die den Staat nur als Retter bei Marktversagen akzeptiert, oder aufgrund der peniblen Sparpolitik in der EU, deren wirtschaftliches Blickfeld nur auf die schwarz Null beschränkt zu sein scheint, wie die Autorin meint.
Könnte die Lösung heißen: *Mehr Staat = mehr Privat*?


Die drei Leben der Antigone: Ein Theaterstück
Die drei Leben der Antigone: Ein Theaterstück
von Slavoj Žižek
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Neues von der Ödipus-Sippe, 1. November 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Geht er jetzt auch noch unter die Dichter, der philosophische Superstar Slavoy Zizek?
Der Kulturkritiker und Theoretiker der Psychoanalyse - jetzt auch noch als Stückeschreiber in der Nachfolge von Sophokles?

Nein, sagt Zizek im Vorwort zu seinem Theaterstück *Die drei Leben der Antigone*, das Stück erhebt nicht den Anspruch, ein Kunstwerk zu sein, sondern ist als ethisch-politische Übung zu sehen.
Die Handlung vollzieht sich bei Zizek gemäß der klassischen Vorlage, allerdings gestrafft auf das Wesentliche, um nach Ende der Originalversion, also nachdem sich Antigone erhängt hat und Kreon am Boden zerstört ist, dem Stück noch zwei weitere Enden anzuhängen.

Die verblüffendere dabei ist die dritte: beide, Antigone und Kreon müssen sterben, und zwar auf Befehl des Chors der alle bisherigen Varianten nur kommentiert hat und nun in eine aktive Rolle wechselt, in die der Bürgergemeinschaft, oder ‚des Volkes‘ wie man will. Er übernimmt als Kollektivorgan die Macht und lässt sowohl Antigone wie auch Kreon hinrichten. Als Begründung dient die Ansicht, dass der Konflikt innerhalb der Ödipus-Sippe nicht zu lösen sei und der Streit das Überleben der ganzen Stadt gefährdet.

*Wir sind es müde, im Schatten zu stehen und nur vortreten zu dürfen, um deine Taten zu kommentieren und dich mit hohlen Phrasen zu feiern*, sagt der Chor zu Kreon, und zu Antigone: *Wir sehen, wie sehr du dich deiner Sache hingibst und bereit bist, alles für sie zu opfern. Doch lehrt uns die Weisheit, dass, wenn man alles für eine Sache aufgibt, man manchmal die Sache selbst verliert und alle Opfer nutzlos waren*.

Die Idee, ein Stück mit verschiedenem Ausgang zu schreiben, stammt von Berthold Brechts Lehrstücken.
Brecht hatte jedoch für seine Antigone-Version für die ‚Kämpferin gegen die Mächtigen‘ noch das mehrstrophige Gedicht geschrieben: *Komm aus dem Dämmer und geh / Vor uns her eine Zeit / Freundliche, mit dem leichten Schritt / Der ganz Bestimmten, schrecklich / Den Schrecklichen. ….

Die neutrale Sicht, und gleichzeitig die schicksalhafte Unmöglichkeit, den Konflikt zu lösen, sah aber schon Hegel sehr deutlich, der in seinen *Vorlesungen über die Ästhetik* über Antigone und Kreon schrieb:
*So ist Beiden an ihnen selbst das immanent, wogegen sie sich wechselweise erheben, und sie werden an dem selber ergriffen und gebrochen, was zum Kreise ihres eigenen Daseyns gehört.*

Zizek folgt bei seinem Theaterentwurf inhaltlich der Geschichte des großen Sophokles, formal aber Brecht, philosophisch Hegel, und politisch seiner eigenen Ethik.


Das Elend des Kulturalismus: Antihumanistische Interventionen. Essays
Das Elend des Kulturalismus: Antihumanistische Interventionen. Essays
von Anne Hamilton
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,00

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kulturalismus – Von der Überbewertung des Kulturellen, 28. Oktober 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
In seinem Buch *Jenseits der Linie*, erschienen 2009, bezeichnet Rudolf Burger seine Arbeiten als *Orientierungsversuche nach dem Verdampfen geschichtsphilosophischer Illusionen, ja aller ontologischer Gewissheiten überhaupt in einer vom Nihilismus ausgeglühten Welt*.
Aus dieser klaren, ebenso rücksichts- wie illusionslosen Sicht behandelt Burger auch im vorliegenden Buch aktuelle Themen wie Bildung, Liberalismus, Kulturpolitik oder die *Willensfreiheit als semantischer Effekt*.

Den Liberalismus sieht Burger als empirische Stütze in den Institutionen des säkularen Verfassungsstaates westlichen Typs, der als heute dominierender Staatstyp keiner moralischen Letztbegründung mehr bedarf, oder keiner mehr zu bedürfen glaubt. Grundsätzlich geht es aber immer noch um den *Kampf zwischen der ‚rechten‘ und der ‚linken‘ Interpretation der Hegelschen Philosophie* also um das liberal-kapitalistische Prinzip, das seit 1989 den Kampf für sich entschieden hat, und das egalitär-kommunistische Prinzip, das sich derzeit ‚Auf verlorenem Posten‘ (so ein Buchtitel von Zizek) befindet.

In seinem Werk *Weniger als nichts – Hegel und der Schatten des historischen Materialismus*; erschienen 2014, unternimmt Slavoy Zizek übrigens genau diesen Versuch, den ‚linken‘ Hegel wieder für die Veränderung der Verhältnisse einzuspannen, da der ‚anachronistische‘ Hegel heute eher unser Zeitgenosse sei als Marx. Dies sei hier vermerkt ohne Burger eine Nähe zu Zizek anzudichten. Rudolf Burger ist nicht einzuordnen, außer dass er im deutschsprachigen Raum zu der Handvoll der bedeutendsten Intellektuellen zu zählen ist.

Wie genau und wie vorausschauend Burger Themen analysiert, sieht man an seiner Festrede auf der Auslandskulturtagung des Österreichischen Außenministeriums von 2007, die im Buch abgedruckt ist, und an die man sich besonders heute erinnern sollte, weil das Thema ‚europäische Leitkultur‘ nicht nur derzeit aufgrund der Flüchtlingsströme aktuell ist, sondern immer wieder für eine sogenannte Identitätsstiftung missbraucht wird:

*Will man kommende Kontinentalkonflikte entschärfen und die Europäische Union festigen als das, was sie ihrer ursprünglichen Idee nach ist und auch bleiben soll, nämlich eine politökonomische Rechtsgemeinschaft europäischer Staaten, so erscheint es geraten, im politischen Diskurs den Begriff Kultur möglichst zu devalorisieren. Mit dem Gerede von der gemeinsamen Kultur geht man den Leuten nur auf die Nerven, weckt über einen ‚Narzissmus der kleinen Differenz‘ (S. Freud) ihre nationalen und regionalen Idiosynkrasien und macht ihre Partialkulturen politisch virulent* Und an anderer Stelle: *Die Griechen, die immerhin das freie Denken erfanden und die Demokratie, haben einen Kulturbegriff überhaupt nicht gekannt .. aber sie waren das Kulturvolk par excellence. Wer Kultur hat, redet nicht davon*.

Ähnlich radikal, d.h. bei der Wurzel, packt Burger auch das Problem der „Willensfreiheit“ an. Ist dieses Phänomen überhaupt real existent oder nur eines das *kategorial erst durch Benennung entsteht?* Also ein Scheinproblem, bei dem das Problem eben dieser Schein selbst ist, oder genauer, der Anschein, dass wir uns als Subjekte frei empfinden, uns aber als Objekte determiniert wissen? Für Burger, gleichermaßen Naturwissenschaftler wie Philosoph, gibt es zwischen Natur- und Geisteswissenschaften keinen Graben. So wie die moderne Hirnforschung *den Determinismus aller Bewusstseinsphänomene als subjektive Korrelate objektiver physischer Hirnprozesse bestätigt*, so sieht er auch für die Freiheit des Willens , d.h. für *einen aus sich selbst entspringenden Schöpfungsakt einer absolut neuen Kausalkette, im geschlossen Ursachen-Wirkungs-Gewebe nirgends einen Platz*.

Es gibt derzeit unter den Intellektuellen wenige die nicht nur so klar denken sondern auch so klar schreiben können wie Rudolf Burger. Hier bleibt im Text kein Zwischenraum für eine Mehrdeutigkeit, hier trifft jedes Wort den Punkt (auch wenn ‚unsereins‘ die genaue Bedeutung mancher Worte erst nachschlagen muss), hier sind – um auf den Eingangssatz Bezug zu nehmen - die geschichtsphilosophischen Illusionen schon verdampft und das ethische Pathos längst verglüht. Umso klarer das Denken, und die Sicht.


Ärger im Paradies - Vom Ende der Geschichte zum Ende des Kapitalismus (Fischer Wissenschaft)
Ärger im Paradies - Vom Ende der Geschichte zum Ende des Kapitalismus (Fischer Wissenschaft)
von Slavoj Žižek
  Gebundene Ausgabe

27 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Über die neuen Helden und die alten Verhältnisse, 26. Oktober 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Das Wort Pyrrhussieg kommt in diesem Buch nicht vor, aber Slavoy Zizek verfügt über zahlreiche andere Analogien mit denen die Tatsache beschrieben wird, dass das liberal-kapitalistische Prinzip, das 1989 den Sieg für sich entschieden hat, sich zwar konkurrenzlos weltweit ausgebreitet hat, dabei aber immer anfälliger und schwächer geworden ist.

Die globale Überwachung durch die NSA ist so ein Beispiel für die Schwäche die zur Not wurde, und WikiLeaks liefert immer mehr Beweise dafür, dass das System sich mit Methoden gegen seine Anfälligkeit wehrt, die es immer weiter anfällig machen.
*Assange, Manning, Snowden sind die neuen Helden* sagt Zizek, denn *Wistleblower spielen eine Schlüsselrolle in der Aufrechterhaltung der öffentlichen Vernunft* .
*Assange ist der zeitgenössische D’Alembert, der Herausgeber dieser neuen Encyclopédie, der wahren Enzyklopädie des 21. Jahrhunderts. Das, was WikiLeaks macht, ist die Praxis des Kommunismus. WikiLeaks setzt Information als Gemeinschaftsbesitz um. Wir haben von Snowden oder von Manning nichts gelernt, was wir nicht schon längst geahnt hätten – aber es ist das eine, etwas allgemein zu wissen, und etwas anderes, konkrete Informationen zu bekommen*.
Zizek hat Assange in London besucht und ist deprimiert von den klaustrophobischen Bedingungen unter denen Assange in der ecuadorianischen Botschaft, bewacht von fast 50 britischen Beamten, seit Jahren leben muss.

In der Reihe S.Fischer Wissenschaft ist dies nun das 4. Buch in gleicher Aufmachung in dem Zizek in freier Assoziation die Ereignisse der Zeit kommentiert und sie auf die Möglichkeit abklopft, ob sie für die Änderung der bestehenden Verhältnisse hilfreich sind. Es sind oft Aufzeichnungen während seiner weitreichenden Reisen, Positionsbestimmungen im Spektrum der heutigen Kämpfe und Niederlagen der globalen linken Bewegungen und Reflexionen vor dem Hintergrund des desavouierten ehemaligen Sowjetsystems. Zizek legt Wert darauf, dass *der äußerste Horizont unserer emanzipatorischen Kämpfe der Begriff des Kommunismus* bleiben soll, beziehungsweise, dass er neu entdeckt und verstanden werden soll.

In Anklang an sein Hauptwerk *Hegel und der dialektische Materialismus* heißt es auch in diesem Buch (das er zur selben Zeit geschrieben hat): *Wir müssen von Marx wieder zu Hegel zurückkehren, das heißt von der marxistischen revolutionären Eschatologie zu Hegels tragischer Vision einer Geschichte, die für immer radikal offen sein wird, da der historische Prozess unsere Aktionen immer in unerwartete Richtungen umlenkt*.
So unsicher und unvorhersehbar wie der Eintritt eines Ereignisses, das den Anstoß zu revolutionären Entwicklungen gibt, so unsicher ist der Ausgang dieser Entwicklung. Zizek erwähnt dazu eine Rede von Lenin vor Jungsozialisten in der Schweiz, in der Lenin den jungen Menschen sagt, dass sie vielleicht in ein paar Jahrzehnten die ersten sein werden, die in einem Land eine sozialistische Revolution erleben werden - das war ein paar Wochen vor Ausbruch der Oktoberrevolution, die ihn veranlasste, sofort nach Moskau zurückzukehren.

Mögen auch die Aussichten für linke Veränderungen bis auf weiteres nicht gerade vielversprechend sein, deprimierend ist das Nachdenken darüber bei Zizek nie. Auch wer seine Hoffnungen nicht teilt, wird von Zizek bei seinen Analysen und Assoziationen auf eine schwindelerregende Fahrt durch das Wissens-Universum eines manisch expressiven und extrovertierten Denkers mitgenommen, von der man bereichert zurückbleibt.

(Ja, auch Witze kommen wieder vor, einige ‚alte‘ die sich durch sein Werk ziehen, aber auch zwei ‚neue‘, die man nirgendwo veröffentlichen könnte als in einem Buch von Zizek und nur in dem Kontext in dem sie bei ihm stehen.)


Der Euro: Von der Friedensidee zum Zankapfel
Der Euro: Von der Friedensidee zum Zankapfel
von Hans-Werner Sinn
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

29 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Euro-Saga als Mahnruf oder Nachruf, 24. Oktober 2015
Da ist sie also, die große, schon lange erwartete *EURO-SAGA* von Hans-Werner Sinn, die Erzählung von den Rittern der Tafelrunde aus Politik und Finanzwirtschaft, die die europäischen Volksstämme mit dem Band einer gemeinsamen Währung einigen wollten, aber aus einem Friedensprojekt einen Zankapfel machten.

Das Verdikt des Autors ist deutlich:
*Die gemeinsame Währung hat sich mittlerweile in eine Falle für alle Eurostaaten verwandet. Die südeuropäischen Länder tappten in sie, weil der EURO eine inflationäre Kreditblase erzeugte, die sie sukzessive ihrer Wettbewerbsfähigkeit beraubte; die nordeuropäischen Länder tappten im Zuge der eingeschlagenen Rettungspolitik hinein, da sie sich nun in einer Haftungsspirale wiederfanden.*

Der Weg in diese Falle wird genau beschrieben und auch die guten Vorsätze mit denen der Weg gepflastert war. Die Akteure werden genannt; die Warner, die schon immer wussten was schieflaufen wird, die anderen, die dazugelernt haben, und die restlichen, die immer noch daran glauben. Jene, die wirklich daran glauben ‚müssen‘, also die Bevölkerung dieser Länder, die kommen kaum vor, es sei denn als Betroffene der ‚schmerzlichen Einschnitte‘ die in den jeweiligen Lohn- und Sozialsystemen ‚erforderlich wurden‘, damit die Anleger weiterhin einen guten Schnitt machten.

Der wichtigste Akteur der Euro-Saga, die EZB, spielt in dieser Geschichte eine zwielichtige Rolle, denn sie betreibt eine *abenteuerliche und chaotische Pfänderpolitik* , sie rechtfertigt ihr Handeln mit einer *gewagten Scholastik*, sie bietet den Anlegern kostenlosen Versicherungsschutz auf Kosten der europäischen Steuerzahler und mischt sich in Bereiche die den Marktgesetzen vorbehalten bleiben sollten.

Die Politiker kommen in dieser Chronik der noch laufenden Ereignisse nur als Randfiguren vor, in einer Art Screwball-Comedy, die sich abseits vom eigentlichen Geschehen auf sogenannten Krisengipfeln abspielt, wo die Teilnehmer ausharren bis die EZB als der weiße Ritter auftritt, der die Dinge auf seine Art regelt, egal ob es den allgemeinen Regeln entspricht oder nicht.

Die Länder sitzen inzwischen an getrennten Tafeln. Die eine Gruppe sitzt oben im Norden, das sind die sogenannten Geberländer, und die anderen unten im Süden, das sind die, die sich nicht an die Spielregeln des Nordens gehalten haben. Die müssen sich deshalb jetzt GIPSIZ nennen lassen, und waren früher eigenständige Länder wie Griechenland, Italien, Portugal, Spanien, Irland, Zypern.

Auch die Demokratie ist nicht mehr das was sie einmal war: *Nicht-demokratisch legitimierte Institutionen und Gremien präjudizieren demokratische Entscheidungen indem die fiskalischen Politikoptionen für die nationalen Parlamente eingeschränkt werden*, … oder, könnte man hinzufügen, indem diese Institutionen dem Volk, wie in Griechenland, gleich antizipativ vorschreiben welches Regierungsprogramm sie zu wählen haben.

Allerdings scheint auch der Autor selbst der Meinung zu sein, dass grundsätzlich „das permanente Plebiszit der globalen Märkte“ dem „Plebiszit der Wahlurne“ vorzuziehen sei, wie es ein ehemaliger Präsident der Bundesbank ausdrückte. Auch Hans-Werner Sinn, wirtschaftspolitisch mit der jeweiligen Führung der Bundesbank einig, scheint die globalen Finanzmärkte für eine Art permanent tagendes Weltgericht zu halten dem sich alle unterzuordnen haben. Das ist umso erstaunlicher, als er selbst einer der schärfsten Kritiker der Zustände in diesem virtuellen und globalen Tribunal ist. Markante Beispiele solcher Missstände sind auch in diesem Buch zu finden.

Das Buch ist ein großer Wurf, da gibt es nichts zu rütteln. Ein Sachbuch, geschrieben wie ein Roman. Ein Nachschlagwerk, das noch lange aktuell bleiben wird. Die Analyse wird kaum zu widerlegen sein, über die daraus zu ziehenden Konsequenzen kann man auf solidem Niveau diskutieren. Dass auch linke Keynesianer ähnliche Lösungsansätze aufzeigen, wird den Großmeister der Ordoliberalen nicht irritieren.

Wenn der Euro wirklich nicht überlebt, das heißt, wenn der Vorschlag eines neuen ‚atmenden Euros‘ (Näheres im Buch) wirkungslos verpufft, dann hat Hans-Werner Sinn dem Euro mit diesem Buch zumindest ein Denkmal gesetzt - oder ihm einen Nachruf geschrieben, wie immer man es sieht, ob man dem Euro dann nachtrauert, oder froh ist, dass man ihn los ist.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 7, 2016 2:06 PM MEST


Die Barbarei der anderen - Europäischer Universalismus
Die Barbarei der anderen - Europäischer Universalismus
von Immanuel Wallerstein
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,90

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die herrschenden Werte und die Werte der Herrschenden, 17. Oktober 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Mitte des 16. Jahrhunderts – die spanischen Konquistadoren hatten schon die Reiche der Azteken und der Inkas zerstört – kam es in Spanien zu einer Auseinandersetzung über die Behandlung der unterworfenen Bevölkerung in den Kolonien.

Bartolomé de Las Casas, ein Mitglied des Dominikanerordens und zeitweise als Bischof in den spanischen Kolonien in Amerika tätig, vertrat die Meinung, dass die Sieger nicht das Recht hätten, die lokale Bevölkerung der Zwangsarbeit zu unterwerfen und sie gewaltsam zu christianisieren.
Sein intellektueller Gegenspieler, Juan Ginés de Sepúlveda, ebenfalls Theologie, vertrat den Gegenstandpunkt mit dem Argument, dass die Spanier aufgrund des Naturrechts verpflichtet wären zu herrschen und dass die besiegten Völker auch mit Gewalt einer Umerziehung unterzogen und christianisiert werden müssten, schon um sie vom weiteren Götzendienst abzuhalten.

Diesen *Las Casas/Sepúlveda-Disput* nimmt Immanuel Wallerstein zum Ausgangspunkt für seine Analyse der nachfolgenden Interventionen und Unterwerfungen von ‚minder Zivilisierten‘ durch ‚wahre Zivilisierte‘.

In Spanien hatte sich die Ansicht Sepúlvedas durchgesetzt und in der Folge auch in der übrigen Welt, wenn man an die darauffolgende Ausbreitung des Kapitalismus denkt der innerhalb der folgenden Jahrhunderte in weite Gebiete der Erde expandierte und sich diese untertan machte. Noch im 19. Jahrhundert verkündeten europäische Mächte, sie hätten eine zivilisatorische Mission in der Kolonialwelt zu erfüllen und teilten ganze Erdteile nach ihren Interessensgebieten auf.

Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts galt die Sepúlveda-Doktrin, also die Rechtfertigung der Gewalt gegen ‚Barbaren‘ und die moralische Verpflichtung zur Mission. Nach der Deklaration der Menschenrechte 1948 und den antikolonialen Revolutionen gewann das moralische Recht der unterdrückten Völker, die paternalistische Aufsicht durch die selbsternannten zivilisierten Völker zurückzuweisen, immer mehr an Legitimität, womit die Haltung von Las Casas wieder zur Geltung kam.

Kritisch sieht der Autor allerdings die Auswirkung der sogenannten Helsinki-Schlussakte, (KSZE) und der ‚Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte‘, mit der das Recht verbunden wurde, zur Einhaltung dieser Rechte auch Druck und Einmischung auf andere Staaten oder Regierungen auszuüben. Wallerstein sieht hier ein Wiederbeleben der Ansicht von Sepúlveda und seines Arguments,
es müsse ein ‚Naturrecht‘ gegen die ‚Barbaren‘ verteidigt werden, und die Verteidiger dieses Naturrechts wären zur Intervention berechtigt, ja, verpflichtet. Wallerstein hat gegen diese Ansicht grundsätzliche Bedenken, wie die nachfolgenden Zitate zeigen, abgesehen davon, dass für dieses Sepúlveda-Prinzip Menschenrechte und Demokratie in den meisten Fällen nur eine Verschleierung der wahren (wirtschaftlichen oder imperialen) Interessen sind.

Er stellt nicht nur den ‚europäischen Universalismus‘ in Frage, sondern auch den Begriff ‚globale universelle Werte‘. Dies schon deshalb *weil es die herrschenden Schichten eines bestimmten Weltsystems sind, die diese universellen Werte gesellschaftlich erzeugen*.
Und weiter: *Der europäische Universalismus ist ein Satz von Doktrinen und ethischen Ansichten, die sich aus dem europäischen Kontext ableiten, aber sich als globale Werte ausgeben. Europäischer Universalismus rechtfertigt gleichermaßen die Verteidigung der Menschenrechte sogenannter Unschuldiger wie die materielle Ausbeutung durch die Starken. Er greift die Verbrechen einiger an und übergeht die Verbrechen anderer*. *Nichts ist so ethnozentrisch und partikularistisch wie die Behauptung des Universalismus* heißt es an anderer Stelle über die auf Selbstinteressen beruhenden moralischen Gewissheiten der Sepúlvedas dieser Welt.

Allerdings erwähnt Wallerstein nie die Europäische Union, die ja als einzige Institution als Trägerin und Verkünderin dieses europäischen Universalismus gelten kann, und spricht allgemein nur von den pan-europäischen Führern. Tatsächlich scheint es, dass der europäische Universalismus mit der EU gewachsen und zu einer Identität der EU werden soll, wenn nicht zu einem hegemonialen Anspruch.

Im Schulterschluss mit den USA tritt die EU global mit der Doktrin der *Westlichen Werte‘ auf und verteidigt ihren gemeinsamen Anspruch, die Menschenrechte und die Demokratie verbindlich zu interpretieren und zu verteidigen, sowie im ‚Kampf der Kulturen‘ immer auf der richtigen Seite zu stehen, zivilisierter zu sein als andere Zivilisationen und mit der Überlegenheit und angeblich naturgegebenen Dominanz der Marktgesetze universelle Werte zu vertreten die vom Rest der Welt zu akzeptieren sind.

Dieses Buch ist eine bearbeitete Fassung von Vorlesungen des Sozialwissenschaftlers und Historikers Immanuel Wallerstein.
Es macht Lust, sich mit dem Gesamtwerk Wallersteins zu beschäftigen, etwa dem Standardwerk *Das moderne Weltsystem*.


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