Fashion Sale Hier klicken Sport & Outdoor calendarGirl Cloud Drive Photos Sony Learn More madamet saison Hier klicken Fire Shop Kindle PrimeMusic Autorip Summer Sale 16
Profil für I.C. > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von I.C.
Top-Rezensenten Rang: 280
Hilfreiche Bewertungen: 1870

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
I.C.
(TOP 500 REZENSENT)   

Anzeigen:  
Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11-15
pixel
Maximilian I. (1459-1519): Herrscher und Mensch einer Zeitenwende (Urban-Taschenbücher)
Maximilian I. (1459-1519): Herrscher und Mensch einer Zeitenwende (Urban-Taschenbücher)
von Manfred Holleger
  Taschenbuch
Preis: EUR 18,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Maximilian I. und der Aufstieg des Hauses Habsburg zur europäischen Großmacht, 9. Juni 2016
Die deutschen Könige und Kaiser des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit sind - von wenigen Ausnahmen wie Karl V. abgesehen - im historischen Bewusstsein der Deutschen kaum präsent. Das gilt selbst für eine so faszinierende Figur wie Kaiser Maximilian I. (1459-1519). Maximilian war ein Herrscher von europäischem Format, aber heute weckt er außerhalb Österreichs kaum noch Interesse. Seit langem wird die Maximilian-Forschung von österreichischen Historikern dominiert. Hermann Wiesflecker veröffentlichte zwischen 1971 und 1986 eine monumentale fünfbändige Biographie des Kaisers. Eine einbändige Kurzfassung, gedacht für einen breiten nichtakademischen Leserkreis, erschien 1991. Die vorliegende Biographie stammt aus der Feder des Wiesflecker-Schülers Manfred Hollegger. Wie alle Urban-Taschenbücher aus dem Hause Kohlhammer richtet sie sich an Studierende und Fachleute, weniger an historisch interessierte Laien. Hollegger hat ein "typisches" Kohlhammer-Buch geschrieben: Seine Biographie ist inhaltlich solide, darstellerisch aber spröde und reizlos. Autor und Verlag haben sich keine Mühe gegeben, dem Text eine ansprechende Gestalt zu verleihen. Hollegger gehört leider zu jenen deutschsprachigen Historikern, die ihre Leser mit endlosen Bandwurm- und Schachtelsätzen quälen. Im ganzen Buch finden sich ausufernde Satzungetüme, die in Extremfällen bis zu 165 Wörter umfassen (für einige besonders schlimme Beispiele siehe S. 39, 198, 205, 214). Es kann kein Zufall sein, dass diese Rezension die erste Kundenrezension zu Holleggers Buch ist, das immerhin schon seit mehr als zehn Jahren auf dem Markt ist. Holleggers Buch teilt das Schicksal vieler Kohlhammer-Bände: Sie finden kaum Leser und Beachtung. Der Verlag scheint sich daran nicht zu stören.

Für Historiker ist es eine große Herausforderung, eine Biographie Maximilians I. zu schreiben. Der König und Kaiser war auf drei Ebenen tätig, in Österreich, im Deutschen Reich und in Europa. Daraus resultiert eine beträchtliche Komplexität des Stoffes, die auf den Historiker entmutigend und auf den Leser verwirrend wirken kann. Soll man Maximilians Leben und Herrschaft chronologisch schildern und analysieren, oder soll man eher thematisch vorgehen? Hollegger hat seiner Darstellung eine chronologische Grundstruktur gegeben, wechselt aber, wenn es notwendig ist, zwischen den Ereignissträngen bzw. Ebenen, auf denen Maximilian agierte. Er hat den Stoff so geordnet, dass der Leser den Überblick behalten kann. Das ist eine respektable Leistung. Maximilian war ein "hyperaktiver" Herrscher, der nahezu pausenlos Krieg führte, ausgedehnte Reisen unternahm, unzählige Reichstage durchführte und diplomatische Kontakte zu allen wichtigen Fürsten Europas pflegte. Sein Leben war reich an Dramatik, an spektakulären Erfolgen und demütigenden Niederlagen. Durchdrungen vom Glauben an die Auserwähltheit des Hauses Habsburg, betrieb Maximilian eine weit ausgreifende Machtpolitik, die ganz Europa umspannte. Der Kontrast zwischen hochfliegenden Plänen und begrenzten Ressourcen bot schon den Zeitgenossen Anlass für Häme und Spott. Viele seiner insgesamt 27 (!) Kriege und Feldzüge musste Maximilian vorzeitig abbrechen, weil ihm das Geld ausging. Unter den Monarchen, Päpsten und Diplomaten seiner Zeit genoss er wenig Ansehen. Seine Begabung als Politiker und Heerführer wurde gering eingeschätzt; er galt als unzuverlässiger Verbündeter und wirklichkeitsfremder Phantast, der unrealistische Pläne verfolgte. Auch viele Historiker des 19. und 20. Jahrhunderts waren Maximilian nicht wohlgesonnen.

Ähnlich wie sein Lehrer Wiesflecker bemüht sich Hollegger um eine differenzierte und ausgewogene Beurteilung Maximilians. Er attestiert dem Kaiser ein achtbares politisches Talent, betont Maximilians Offenheit für Neuerungen und Reformen, würdigt seine Aufgeschlossenheit für den Humanismus. Maximilian war so widersprüchlich wie die Umbruchs- und Übergangszeit, in der er lebte. Er begeisterte sich für die Ritterromantik des Mittelalters, war aber auch empfänglich für die aus Italien kommende Renaissance. Doch wie steht es um Maximilians politische Bilanz? Mit seiner Reichspolitik scheiterte der Kaiser. Daran lässt auch Hollegger keine Zweifel. Maximilians Pläne, die Zentralgewalt im Deutschen Reich zu stärken, ließen sich nicht umsetzen, denn sie widersprachen einem historischen Entwicklungsstand, der sich längst nicht mehr rückgängig machen ließ. Die Zeit eines starken König- und Kaisertums war ein für allemal vorbei. "Für die Dynastie Habsburg hat Maximilian Entscheidendes geleistet", stellt Hollegger fest (S. 269). In der Tat: Unter Maximilian begann der Aufstieg der Habsburger zur führenden Dynastie Europas. Durch seine Ehe mit Maria, der Tochter Karls des Kühnen von Burgund, sicherte Maximilian seinem Haus das burgundisch-niederländische Erbe. Mit der geschickten Verheiratung seiner Kinder und Enkelkinder bereitete er die Erbfälle in Kastilien und Aragon (1504/1516) und Böhmen-Ungarn (1526) vor. Wenige Jahre nach Maximilians Tod herrschten die Habsburger über ein Weltreich, in dem die Sonne nicht unterging. Aber war der Aufstieg der Habsburger zur Weltgeltung wirklich ein Segen - oder nicht eher ein Fluch, sowohl für die Dynastie selbst als auch für die von ihr regierten Länder? Diese Frage wird selten gestellt, wenn es um die Geschichte des Hauses Habsburg im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert geht.

Auffällig und frappierend sind die Parallelen zwischen Maximilian und seinem Enkel, Karl V., und seinem Urenkel, Philipp II. von Spanien. Die Geschichte dieser drei Herrscher ist eine Geschichte permanenter Überforderung und Überanstrengung, eine Geschichte titanischen Ringens und tragischen Scheiterns. Vieles, was sich an Maximilian beobachten lässt, kehrt bei Karl V. und Philipp II. wieder: Übersteigertes dynastisches Sendungsbewusstsein; der anachronistische Traum von der Universalmonarchie; die rücksichtslose Ausbeutung menschlicher und materieller Ressourcen im Dienste einer ehrgeizigen Großmachtpolitik. Unter Maximilian erfolgten Weichenstellungen, die den Habsburgern für mehrere Generationen Lasten aufbürdeten, wie sie selten ein Herrscherhaus schultern musste. Während sich Frankreich und England als Nationalstaaten konsolidierten, herrschte Karl V. über ein Konglomerat von Territorien, das kein Zentrum und keinen natürlichen Zusammenhang besaß. Als seine Kräfte nach jahrzehntelangem Kampf gegen Franzosen, Türken und Protestanten verbraucht waren, blieb Karl V. nur die Abdankung. Sein Sohn, Philipp II., trieb Spanien mehrfach in den Staatsbankrott. Die fatale Neigung, trotz unzureichender Ressourcen und widriger Umstände ambitionierte politische und militärische Ziele zu verfolgen, hatten Karl und Philipp mit Maximilian gemein. Alle drei waren Herrscher in einer Zeit, als konkurrierende dynastische Erbansprüche ganze Länder und Völker ins Unglück stürzen konnten. Wieviel Blut wurde vergossen, wieviel Geld wurde vergeudet in den Kriegen zwischen Habsburgern und Valois-Königen um das burgundische Erbe und das Herzogtum Mailand? Gewiss, es ist problematisch, Herrscher der Frühen Neuzeit mit unseren heutigen Maßstäben messen. Und dennoch wäre es gut gewesen, wenn Hollegger am Ende seines Buches eine kritischere Haltung zum Aufstieg der Habsburger eingenommen hätte.


Philip of Spain
Philip of Spain
von Henry Kamen
  Taschenbuch
Preis: EUR 18,40

4.0 von 5 Sternen Philipp II. von Spanien - ein Gefangener des Schicksals?, 6. Juni 2016
Rezension bezieht sich auf: Philip of Spain (Taschenbuch)
Henry Kamens Buch "Philip of Spain" steht in einer langen Ahnenreihe englischsprachiger Biographien des zweiten spanischen Königs aus dem Hause Habsburg. Waren viele ältere Werke aus der Feder englischer Historiker noch vom Zerrbild Philipps II. als Despot und religiöser Fanatiker geprägt, so setzte sich nach dem Zweiten Weltkrieg ein sachlicher und nüchterner Blick auf den König durch. Für die wissenschaftlich seriöse Auseinandersetzung mit Philipp II. stehen etwa die Biographien von Charles Petrie (1963) und Peter Pierson (1975), die seinerzeit auch auf Deutsch erschienen. Den von Petrie und Pierson eingeschlagenen Weg haben Geoffrey Parker und Patrick Williams konsequent weiterbeschritten. Ihre Bücher über Philipp II. (Parker 1978 und 2014, Williams 2001) sind unverzichtbare Standardwerke. Während es auf dem deutschen Buchmarkt bis heute keine umfassende Biographie des Königs auf der Höhe des aktuellen Forschungsstandes gibt, können britische und amerikanische Leser zusätzlich zu den Werken von Parker und Williams die Biographie von Henry Kamen heranziehen. Das Buch ist zwar bei Yale University Press erschienen, richtet sich aber nicht nur an Fachleute, sondern an einen breiten Leserkreis. Es ist sehr verständlich und ansprechend geschrieben.

Kamen möchte dem Herrscher und Menschen Philipp gleichermaßen gerecht werden. Das ist ihm hervorragend gelungen. Er hält in seinem Buch eine gute Balance zwischen dem Politischen und dem Privaten. Ähnlich wie Geoffrey Parker zeigt Kamen Philipp II. als Monarchen, der nicht allein für seine Herrscherpflichten lebte, sondern vielfältigen Interessen nachging und ein Leben neben der Politik besaß. Philipp II. war ein typischer Renaissance-Herrscher, ein leidenschaftlicher Bauherr, Sammler und Mäzen. Seine enorme Arbeitsbelastung hielt er nur aus, weil er sich Freiräume schuf, die ihm Entspannung und Zerstreuung ermöglichten. Im Vorwort erhebt Kamen den Anspruch, "ein radikal anderes Bild" von Philipp II. zu entwerfen als frühere Autoren. Das ist zu hoch gegriffen, wie sich bei der Lektüre des Buches zeigt. Kamen geht nicht über das hinaus, was Parker schon 1978 in seinem reizvollen biographischen Porträt des Königs bot. Kompetent und in gut lesbarer Form behandelt Kamen alle Aspekte und Themen, die für Philipps Innen- und Außenpolitik von Bedeutung sind. Beachtung verdient sein Hinweis, bei der Beurteilung von Philipps Leistungen als König den vormodernen Charakter der spanischen Monarchie nicht zu ignorieren. Das Spanien Philipps II. war kein Zentralstaat, und es wurde vom König auch nicht mit absolutistischer Machtfülle regiert. Es ist richtig und notwendig, die Grenzen monarchischer Macht im 16. Jahrhundert aufzuzeigen. Das darf aber nicht dazu führen, Philipp II. als einen Herrscher darzustellen, der keinen politischen Handlungs- und Gestaltungswillen besessen habe.

Kamen bezweifelt, dass Philipp II. eine kohärente Innen- und Außenpolitik betrieb. Er behauptet, der König und seine Minister hätten nur auf Ereignisse reagiert, aber kein übergeordnetes politisches Programm verfolgt (S. 218). Im Epilog spitzt Kamen seine Einschätzung, Philipp II. habe im Grunde nur Tagespolitik betrieben, zu einer provokanten These zu, die vollständig zitiert zu werden verdient: "Zu keinem Zeitpunkt übte Philipp eine adäquate Kontrolle über die Ereignisse oder seine Königreiche aus. Daraus folgt, dass er nur für einen kleinen Teil von dem verantwortlich war, was sich unter seiner Herrschaft zutrug. (...) Trotz seiner Macht konnte er nicht verhindern, dass seine Reiche in einen Strudel aus Krieg, Schulden und Verfall hineingezogen wurden [being sucked into a whirl of war, debt and decay]" (S. 320). In Anlehnung an Fernand Braudel sieht Kamen in Philipp einen "Gefangenen des Schicksals". Wer die Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten eines frühneuzeitlichen Monarchen für so begrenzt hält, der muss sich fragen lassen, ob der biographische Ansatz angesichts dieser Prämisse überhaupt noch sinnvoll ist. Die Formulierung, Spanien sei in Kriege "hineingezogen" worden, suggeriert, dass Philipp II. keinerlei Schuld an den Kriegen seiner Regierungszeit trug. Vollständiger Frieden herrschte im Spanischen Weltreich nur für ein halbes Jahr, von Februar bis September 1577. Davor und danach führte Philipp II. permanent Krieg. Die Verantwortung dafür kann man nicht ausschließlich bei Spaniens Gegnern oder gar gesichtslosen Schicksalsmächten suchen.

Der Leser ist gut beraten, Kamens verharmlosendes Bild des Machtpolitikers und Kriegsherrn Philipp mit den Einschätzungen von Geoffrey Parker und Patrick Williams abzugleichen. Diese beiden Historiker gelangen zu anderen Ergebnissen. Williams zeigt, dass sich Philipp II. in der zweiten Hälfte seiner Herrschaft durch den anschwellenden Zustrom amerikanischen Silbers zu einer offensiven und militanten Außenpolitik verleiten ließ, die zu zahlreichen Niederlagen führte. Dieser Zusammenhang taucht bei Kamen nirgends auf. Parker macht deutlich, dass die Beschlüsse und Entscheidungen des Königs sehr wohl den Lauf der Geschichte beeinflussten, oft zum Schlechten. Darüber hinaus benennt Parker religiös grundiertes Sendungsbewusstsein ("messianischer Imperialismus") und Selbstüberschätzung als Faktoren, die Philipps politisches Handeln bestimmten. Der König hielt sich für Gottes Werkzeug im Kampf gegen alle Feinde des Christentums bzw. der katholischen Kirche. Obgleich auch Kamen aus vielen Briefen und Papieren Philipps II. zitiert, dringt er nicht so tief in die Psyche und Gedankenwelt des Königs ein wie Parker. In Parkers quellensatter Darstellung wird eine obsessive Persönlichkeitsstruktur sichtbar, für die Kamen kein Gespür hat. Auch er erwähnt, dass Philipp II. im Laufe seines Lebens mehr als 7.400 Reliquien zusammentrug, lässt aber diese Tatsache, die viel über das Wesen des Königs sagt, unkommentiert (S. 189). Kamen bietet, das lässt sich nicht bestreiten, ein farbiges und facettenreiches Porträt Philipps II. In erzählerischer Hinsicht ist das Buch ein geglückter Wurf. Es ist aber nicht zu übersehen, dass Kamen blind ist für die abgründigen und problematischen Charakterzüge des Königs, die für die Geschicke Spaniens und des Spanischen Weltreiches von nicht zu unterschätzender Bedeutung waren.


Imprudent King: A New Life of Philip II
Imprudent King: A New Life of Philip II
von Geoffrey Parker
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 38,49

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Macht und Ohnmacht. Leben und Herrschaft Philipps II. von Spanien, 19. Mai 2016
Es geschieht nicht oft, dass ein Historiker im Abstand von mehreren Jahrzehnten zwei Bücher über ein und dasselbe Thema schreibt. Der Brite Geoffrey Parker (geb. 1943) gehört zu den besten Kennern der Geschichte Spaniens im 16. Jahrhundert. Mitte der 1960er Jahre, also noch zur Franco-Zeit, begann Parker als junger Doktorand mit seinen Archivrecherchen für eine Biographie Philipps II., des zweiten spanischen Königs aus dem Hause Habsburg. Mit bewundernswertem Fleiß arbeitete sich Parker durch Tausende von Briefen und Papieren, die der schreibwütige "Bürokratenkönig" hinterlassen hat. Nach mehr als zehnjährigem Quellenstudium veröffentlichte Parker 1977 ein biographisches Porträt Philipps II., das großen Anklang beim Lesepublikum fand und immer wieder neu aufgelegt wurde, zuletzt 2002. Der Text blieb bei jeder Neuauflage unverändert. Seit 1977 sind weitere wichtige Quellenbestände zugänglich geworden. Diese neuen Quellen und auch die seit 1977 erschienene Forschungsliteratur hat Parker in einer monumentalen Biographie Philipps II. verarbeitet, die 2010 auf Spanisch erschienen ist ("Felipe II. La biografía definitiva"). Für die vorliegende englische Ausgabe wurde das 1.400-seitige Werk drastisch gekürzt. Die englische Fassung ist mehr als eine leicht aktualisierte Neuauflage des Buches von 1977, wie man allein schon beim Vergleich der Seitenzahl feststellt: Gegenüber den 212 Textseiten des älteren Werkes bringt es die neue englische Biographie auf rund 380 Textseiten. Deshalb stellt sich die Frage: Welches neue Material präsentiert Parker, und wie hat er sein Bild Philipps II. im Vergleich zu 1977 weiterentwickelt?

Lässt sich das ältere Buch am ehesten als biographisches Porträt bezeichnen, das einen breiten Leserkreis ansprechen sollte, so handelt es sich bei dem neuen Werk um eine umfassende Biographie, die höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen genügt. Parker geht diesmal ausführlich auf Aspekte und Themen ein, die er 1977 nur knapp oder gar nicht behandelt hat. Das gilt etwa für Philipps Ehe mit Königin Maria von England, die Beziehungen zwischen Spanien und dem Heiligen Stuhl oder die Religiosität des Königs. Das Bild, das Parker von Philipp II. als Mensch und Herrscher zeichnet, ist noch facettenreicher und subtiler geworden. So etwas wie eine "perfekte" Biographie gibt es nicht, aber Parker kommt diesem Ideal sehr nahe. Eine Biographie, die ein noch plastischeres Bild von Philipp II. bietet, wird es nicht geben. Ein Historiker, der sich an dieser Aufgabe versuchen wollte, müsste in puncto Quellenkenntnis mit Parker mindestens gleichziehen, was kaum möglich ist. Parker präsentiert in seinem Buch die Früchte einer fast 50-jährigen Beschäftigung mit Philipp II. und der spanischen Geschichte im 16. Jahrhundert. Er hat Berge von unveröffentlichten Archivdokumenten ausgewertet. Es wird sich wohl kaum ein zweiter Historiker finden, der diese Sisyphos-Arbeit auf sich nimmt. Ähnlich wie in seinem Buch von 1977 lässt Parker auch diesmal den König so oft wie möglich selbst zu Wort kommen. Alles, was Parker über Persönlichkeit, Selbstbild, Gedankenwelt und Arbeitsweise des Monarchen schreibt, kann er mit Dutzenden von Quellen belegen. Allein schon diese Quellennähe macht das Buch zu einer historiographischen Meisterleistung.

Geht das neue Buch schon auf der rein faktischen Ebene über das ältere Werk hinaus, so bietet es auch in interpretatorischer Hinsicht viel Neues. Der Titel deutet bereits an, wie Parkers Urteil über Philipp II. ausfällt. Der spanische Historiker Juan de Herrera verlieh dem verstorbenen König 1599 den Beinamen "el Prudente", was so viel heißt wie "der Kluge, der Umsichtige". Mit dem provokanten Buchtitel "Imprudent King" gibt Parker zu verstehen, dass er den von Herrera gewählten Beinamen für unberechtigt hält. Er begründet dies mit dem Verweis auf die immense Kluft zwischen Philipps politischen Ambitionen und den enttäuschenden, ja sogar katastrophalen Resultaten seiner Politik. Philipp betrieb eine Großmachtpolitik, die sich auf lange Sicht als ruinös für Spanien erwies. Im Weltreich Philipps II. ging die Sonne niemals unter. Dieses Reich war durch dynastische Heiraten und Erbfälle entstanden; es wurde nur durch die Person des Monarchen zusammengehalten. Es gab keinen Präzedenzfall für die effiziente Regierung eines solchen Weltreiches. Daher musste Philipp II. genauso improvisieren wie vor ihm sein Vater, Kaiser Karl V. Von seinem Vater erbte Philipp II. zwei strukturelle Probleme, die "imperiale Überdehnung" (imperial overstretch) und die "Informationsüberlastung" (information overload). Der König schaffte es nie, dieser beiden strukturellen Probleme Herr zu werden. Besonders die Informationsüberlastung bekam er zeitlebens nicht in den Griff. Schuld daran war seine eigentümliche Arbeitsweise: Philipp II. war extrem detailversessen. Er konnte nicht zwischen Wichtigem und Unwichtigem unterscheiden, konnte nicht delegieren, wollte alles selbst entscheiden. Er verzettelte sich, verlor den Überblick, bearbeitete Woche für Woche hunderte von Papieren, in denen es um hundert verschiedene Sachverhalte ging. Philipp II. regierte nicht, er wurstelte sich durch.

Für sich genommen wäre diese Arbeitsweise vielleicht nicht besonders schädlich gewesen. Verschlimmert wurde sie durch das, was Parker Philipps "messianischen Imperialismus" (messianic imperialism) nennt. Wie sich anhand unzähliger Quellen zeigen lässt, sah sich der König als Instrument der göttlichen Vorsehung. Er wähnte sich von Gott mit der Mission beauftragt, alle Feinde der Christenheit und der katholischen Kirche zu bekämpfen, seien es die Türken, seien es seine eigenen protestantischen Untertanen in den Niederlanden. Die wahnwitzige Idee, England zum Katholizismus zurückzuführen, verleitete ihn zur Aussendung der Armada. Philipp betrieb keine "moderne" Großmachtpolitik im Stil des 19. und 20. Jahrhunderts, sondern eine religiös bzw. konfessionell grundierte Großmachtpolitik. Getrieben vom messianischen Imperialismus setzte sich Philipp II. Ziele, die er trotz seiner enormen Ressourcen nicht verwirklichen konnte. Ihm standen Machtmittel zu Gebote, von denen andere Monarchen seiner Zeit nur träumen konnte. Und dennoch gelang es Philipp nicht, seine Gegner zu bezwingen. Er hatte sich übernommen. Ihm fehlte das Bewusstsein für die Grenzen seiner Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten. Es war sein größter Fehler, dass er sich den komplizierten Verhältnissen, vor die er als Herrscher eines Weltreiches gestellt war, gewachsen fühlte. Bedenken und Einwände seiner Berater pflegte er mit dem Hinweis auf den Beistand, den Gott im Ernstfall gewähren werde, beiseite zu wischen. Philipp II. war unbelehrbar und uneinsichtig. Selbstzweifel plagten ihn seltener, als es Parker in den 1970er Jahre annahm. Parker glaubt bei seinem Protagonisten eine "obsessive Persönlichkeitsstruktur" (obsessional personality) zu erkennen. Auch das ist neu gegenüber dem Buch von 1977. In der Tat muten viele Züge Philipps II. zwanghaft an, nicht nur seine detailversessene Arbeitsweise, sondern auch seine übersteigerte Sammelleidenschaft. Im Laufe seines Lebens trug der fromme König mehr als 7.400 (!) Reliquien zusammen.

Parker lehnt die Auffassung seines Kollegen Henry Kamen ("Philip of Spain", 1997) ab, Philipp II. sei ein Gefangener seines Schicksals gewesen, habe den Gang der Ereignisse in seinem Weltreich kaum beeinflussen können. Parker beharrt darauf, dass der König ungeachtet komplexer und schwer durchschaubarer Verhältnisse immer Optionen besaß, Wahlmöglichkeiten. Er war Strukturen und Sachzwängen nicht hilflos ausgeliefert. Oft traf er Entscheidungen, die er für rational und gut begründet hielt, die sich aber in der Folge als fehlerhaft erwiesen und eine ohnehin schon schwierige Situation verschlimmerten (man denke nur an den Aufstand in den Niederlanden). Für die Rückschläge und Niederlagen, die er hinnehmen musste, war er weitgehend selbst verantwortlich. Deshalb hat Parker Recht, wenn er sein schon recht kritisches Verdikt von 1977 verschärft und Philipp II. als "unklugen" oder "unbedachten König" bezeichnet. Parker schafft das, was jeder gute Biograph leisten muss: Er beschreibt das Handeln einer historischen Person nicht nur, er erklärt es auch, macht es verständlich und nachvollziehbar. Das konnte ihm nur gelingen, weil er sich jahrzehntelang intensiv mit der schriftlichen Hinterlassenschaft Philipps II. beschäftigt hat. Auf diese Weise konnte er tief in das Wesen des Monarchen eindringen. Für jeden Leser mit einer Leidenschaft für historische Biographien ist Parkers Buch ein Genuss, ein beeindruckendes Lektüreerlebnis. In doppelter Hinsicht hat Parker ein Meisterwerk vorgelegt. Sein Buch ist nicht nur die beste verfügbare Biographie Philipps II.; es gehört auch zu den besten Werken über ein Mitglied des Hauses Habsburg, das die internationale Geschichtswissenschaft je hervorgebracht hat. Deshalb verdient es einen Ehrenplatz in der Büchersammlung eines jeden Habsburg-Enthusiasten. Leider deutet momentan nichts darauf hin, dass Parkers Buch in einer deutschen Ausgabe erscheinen wird.


Philip II (European History in Perspective)
Philip II (European History in Perspective)
von Patrick (Profesor of Spanish History, University of Portsmouth) Williams
  Taschenbuch
Preis: EUR 28,85

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Großmachtpolitik im 16. Jahrhundert. Philipp II. von Spanien, 19. Mai 2016
Wer sich im Rahmen eines Geschichtsstudiums oder als Fachhistoriker näher mit Philipp II. von Spanien beschäftigen möchte, der ist mit Patrick Williams' Buch sehr gut bedient. Wie alle Bände der Reihe "European History in Perspective" richtet sich das Buch an Studierende und Wissenschaftler, weniger an Leser jenseits der Wissenschaft. Reizvoll ist ein Vergleich von Williams' Buch mit der Biographie von Geoffrey Parker, die nach ihrer Erstveröffentlichung 1978 rasch zum englischsprachigen Standardwerk über Philipp II. avancierte und 2002 ein viertes Mal aufgelegt wurde, ein Jahr nach Erscheinen von Williams' Biographie. Parkers Buch ist erzählend und anekdotisch angelegt. Williams' Buch nimmt sich hingegen nüchtern und etwas spröde aus. Williams konzentriert sich ganz auf Philipp als Herrscher, während Privatleben und musische Interessen des Königs nur gestreift werden. Im Gegensatz zu Parker hat Williams wenig Gebrauch von den persönlichen Papieren Philipps II. gemacht, die zu Tausenden erhalten geblieben sind. Der König kommt nur ganz selten selbst zu Wort. Zitate aus Briefen und sonstigen Unterlagen Philipps II. verleihen Parkers Buch eine große Lebendigkeit und Anschaulichkeit. Diese Eigenschaft fehlt Williams' Biographie. Das ist aber kein Manko. Williams besticht durch die systematische Behandlung aller Aspekte und Themen, die für die Herrschaft Philipps II. relevant sind. Von besonderem Wert sind die Informationen über Entwicklung und Arbeitsweise der spanischen Regierungsbehörden unter Philipp II. Die beiden Autoren nähern sich dem König auf unterschiedlichen Wegen, was vollkommen legitim ist, und ihre Bücher ergänzen einander vortrefflich. Zu beanstanden gibt es an Williams' Buch nur zweierlei: Es fehlt eine Bibliographie, und in mehreren Kapiteln tauchen viele unwichtige Nebenfiguren auf (z.B. Amtsträger im Dienst der spanischen Krone), die nicht unbedingt namentlich hätten genannt werden müssen.

Während Parker Philipp II. als Menschen und Herrscher zeigt, der im Laufe seiner langen Regierung immer wieder Phasen der Entmutigung und Resignation durchlebte, entwirft Williams das Bild eines überaus energischen, tatkräftigen und zielstrebigen Königs, dem Selbstzweifel fremd waren. In diesem Punkt unterscheiden sich die beiden Darstellungen spürbar. Wie Williams zeigt, verfolgte Philipp II. über vier Jahrzehnte hinweg rastlos und unbeirrbar zwei große Ziele: Zum einen wollte er das von seinem Vater Karl V. geerbte Konglomerat von Königreichen und Herrschaftsgebieten (Spanien, Süditalien, Niederlande) ungeschmälert erhalten, auch wenn damit enorme logistische und organisatorische Schwierigkeiten verbunden waren. Zum anderen setzte Philipp II. die Politik seines Vaters auf dreierlei Gebieten fort: Kampf gegen die Häresie (vor allem in Spanien selbst); Abwehr der osmanischen Expansion im westlichen Mittelmeerraum; Schwächung des Rivalen Frankreich. Mit der Zeit kamen neue Herausforderungen dazu, etwa der Konflikt mit England. Philipp betrieb eine ambitionierte und kostspielige Großmachtpolitik, die langfristig nicht durchzuhalten war. Die permanente Überbeanspruchung aller Kräfte führte nach seinem Tod zum schleichenden Niedergang Spaniens als Großmacht. Williams arbeitet heraus, dass Philipp II. durch den Zustrom amerikanischen Silbers dazu verleitet wurde, eine offensive Außenpolitik zu betreiben und sich auf mehreren Schauplätzen gleichzeitig militärisch zu engagieren. Nach der Konsolidierung der spanischen Kolonialherrschaft in Mittel- und Südamerika gelangten in den 1570er und 1580er Jahren riesige Mengen Silber nach Spanien. Paradoxerweise vermochte es Philipp II. nicht, seine finanzielle Überlegenheit in militärische Siege über seine Gegner umzumünzen. Am Ende seines Lebens stand er vor einem Scherbenhaufen: England war nicht in die Knie gezwungen worden; Frankreich fand den Ausweg aus jahrzehntelangen Religionskriegen; der Abfall der nördlichen Niederlande ließ sich nicht rückgängig machen. In der Geschichte der europäischen Großmachtpolitik hat ein derart verschwenderischer Einsatz menschlicher und finanzieller Ressourcen selten zu solch dürftigen Ergebnissen geführt.

Als Philipp II. im September 1598 auf dem Sterbebett lag, ließ er sich das Kreuz bringen, das vierzig Jahre zuvor sein Vater Karl V. in der Todesstunde in den Händen gehalten hatte. Das sagt viel über Philipp als Menschen und König aus. Zeitlebens blieb Philipp der treue, folgsame und pietätvolle Sohn des großen Kaisers. Er strebte nie danach, sich von seinem Vater abzugrenzen; es kam ihm nie in den Sinn, die Innen- und Außenpolitik der spanischen Monarchie in andere Bahnen zu lenken. Er fühlte sich verpflichtet, ein Werk fortzusetzen, an dem sich schon Karl V. aufgerieben hatte. Philipp II. war der Gefangene seines Erbes. Die Aufgabe, die Länder der spanischen Monarchie in Europa und Übersee zusammenzuhalten, kam der Quadratur des Kreises gleich. Philipp glich einem Jongleur, der mit zu vielen Bällen jonglieren musste. Seine Prinzipientreue grenzte an Starrsinn. Er lebte und regierte länger, als es für Spanien und die Spanier gut war. Bis zum bitteren Ende klammerte er sich an die Macht. Eine Abdankung nach dem Vorbild des Vaters kam für ihn nicht in Frage. Nur keine Schwäche zeigen! Williams hat Recht: Philipp II. hätte als großer König in die Geschichte eingehen können, wenn er um 1580 gestorben wäre, vor den Rückschlägen seiner späten Regierungsjahre, bevor seine Politik Spanien in die Krise stürzte. Sein Tod war eine Befreiung für Spanien und Europa. Die Spannung zwischen frühen Triumphen (Lepanto) und späten Niederlagen (Armada) verleiht der langen Herrschaft Philipps II. tragische Züge. Darin liegt die Faszination begründet, die bis heute von diesem König ausgeht. Patrick Williams zeichnet zwar ein weniger vielschichtiges Bild von Philipps Persönlichkeit als Geoffrey Parker, aber dennoch verdient sein Buch die Aufmerksamkeit all derer, die sich für die Geschichte Spaniens im 16. Jahrhundert interessieren.


Philip II
Philip II
von Geoffrey Parker
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein zeitloser, unverwüstlicher Klassiker, 19. Mai 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Philip II (Taschenbuch)
Allen, die sich für die Geschichte Spaniens unter den Habsburgern interessieren, ist der Name Geoffrey Parker wohlvertraut. Parker (geb. 1943) gehört zusammen mit John Lynch, John Elliott, Robert Stradling, Henry Kamen und Patrick Williams zu einer Gruppe angelsächsischer Historiker, die viele bedeutende Arbeiten zur spanischen Geschichte des 16. und 17. Jahrhunderts vorgelegt hat. Zu den mittlerweile "klassischen" Werken dieser Gruppe gehört Parkers biographisches Porträt Philipps II., das zuerst 1978 erschienen ist, großen Anklang beim Publikum fand und daher immer wieder neu aufgelegt wurde, zuletzt 2002. Der Text blieb bei jeder Neuauflage unverändert. Mitte der 1960er Jahre begann Parker mit seinen Archivstudien zur Regierung Philipps II. Persönlichkeit und Herrschaft des zweiten spanischen Königs aus dem Hause Habsburg wurden zu seinem Lebensthema. Vor wenigen Jahren hat Parker seine jahrzehntelangen Forschungen zusammengefasst und auf Spanisch eine völlig neue, mit rund 1.400 Seiten Umfang geradezu monumentale Biographie Philipps II. veröffentlicht ("Felipe II. La biografía definitiva", Barcelona 2010). In der neuen Biographie hat Parker die seit 1978 erschienene Forschungsliteratur sowie neu erschlossenes Quellenmaterial verarbeitet. Eine stark gekürzte englische Fassung dieses Werkes erschien 2014 bei Yale University Press ("Imprudent King. A New Life of Philip II").

Wer Parkers biographisches Porträt Philipps II. von 1978 zur Hand nimmt, der erkennt schnell, warum das Buch so erfolgreich war und zum Standardwerk avancierte. In darstellerischer Hinsicht ist das Buch ein kleines Meisterwerk. Es verbindet einen handlichen Umfang (etwas mehr als 200 Seiten Text) mit großer Anschaulichkeit, Quellennähe und einem zwanglosen, beinahe plaudernden Tonfall. Das Buch ist keine umfassende Biographie, informiert den Leser aber dennoch über alle wichtigen Aspekte des persönlichen Lebens und der Herrschaft Philipps II. Innen- und Außenpolitik des Monarchen finden angemessene Berücksichtigung. Parker nähert sich dem König, der lange zu den umstrittensten Herrschergestalten der europäischen Geschichte zählte, fair und sachlich. Parker war vor allem daran interessiert, dem Menschen Philipp nahezukommen. Die überaus günstige Quellenlage kam ihm dabei entgegen. In mühevoller Arbeit wertete Parker in den 1960er und 1970er Jahren die sogenannten Altamira-Papiere aus, tausende von Briefen und Unterlagen aus dem privaten Archiv des arbeitswütigen "Bürokratenkönigs", der einen Großteil seines Lebens am Schreibtisch verbrachte und sein riesiges Weltreich auf dem Schriftwege regierte. Die persönlichen Papiere ermöglichen einen Einblick in die Gedankenwelt, Befindlichkeit und Arbeitsweise des Königs. Immer wieder lässt Parker den Monarchen selbst zu Wort kommen. Das ist eine der wesentlichen Stärken des Buches.

Parker zeigt Philipp II. nicht nur als Herrscher, sondern auch als Privatmann und Renaissance-Menschen. Von den Klischees und bösartigen Verzerrungen der älteren Literatur, die in Philipp nur einen grausamen Despoten und religiösen Fanatiker sah, ist bei Parker nichts mehr zu spüren. In vielerlei Hinsicht war der König ein "normaler" Mensch und Herrscher seiner Zeit. Er war gebildet und kunstsinnig, ein leidenschaftlicher Bauherr und Sammler. Im Laufe seines Lebens trug der König die größte Privatbibliothek Europas zusammen. Wie Parker mit vielen Quellenzitaten belegt, schwankte Philipp II. ständig zwischen Selbstbewusstsein und einem Gefühl der Überforderung. Niederlagen und Misserfolge, aber auch die komplexen Aufgaben, die mit der Regierung eines Weltreiches verbunden waren, stürzten ihn oft in Resignation und Verzweiflung. Dennoch kam er nie auf den Gedanken, dass der Ausweg aus seinem Dilemma in der Einschränkung seiner weltumspannenden Großmachtpolitik liegen könnte. Ein Verzicht auf Ansprüche und Herrschaftsrechte kam für Philipp II. nicht in Frage. Als Politiker war er starr und unflexibel. Auf Kompromisse ließ Philipp sich erst ein, wenn die Lage ausweglos war und keine andere Option blieb. Seine innen- und außenpolitische Bilanz fiel durchwachsen aus. Wie sich unter seinen Nachfolgern zeigte, konnte Spanien die ambitionierte Großmachtpolitik auf Dauer nicht durchhalten.

Da Parker seinerzeit ganz bewusst keine umfassende Biographie geschrieben hat, wäre es ungerecht, thematische Lücken zu beanstanden. Manches kommt in der Tat zu kurz, etwa Philipps Beziehungen zum österreichischen Zweig des Hauses Habsburg oder das heikle Verhältnis zwischen Spanien und dem Heiligen Stuhl. Über Philipps Ehe mit Königin Maria von England geht Parker mit wenigen Worten hinweg, obwohl diese Ehe keineswegs eine unbedeutende Episode war. Was das Buch an systematischer Analyse bestimmter Sachverhalte vermissen lässt, das macht es durch seine erzählend-anekdotische Anlage allemal wett. Immer wieder überrascht Parker den Leser mit unerwarteten Szenen und Momentaufnahmen: Als er 1592 eine Reise nach Valladolid unternahm, besuchte der König zusammen mit seiner Familie die Universität der Stadt. Er mischte sich unter die Studenten und lauschte der Vorlesung eines Professors (S. 175). Überhaupt lebte der König nicht als unnahbarer Einsiedler im Escorial. Auf Reisen durch sein Königreich verzichtete er erst, als das Alter ihn dazu zwang. Bis heute hat Parkers Buch nichts von seiner ursprünglichen Frische verloren. Es bewegt sich zwar nicht auf der Höhe des aktuellen Forschungsstandes, kann aber immer noch mit großem Gewinn gelesen werden. Das Buch ist ideal als Einstimmung auf eine vertiefte Beschäftigung mit Philipp II. von Spanien.


Spanien im Goldenen Zeitalter (Geschichte Kompakt)
Spanien im Goldenen Zeitalter (Geschichte Kompakt)
von Mariano Delgado
  Broschiert
Preis: EUR 17,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Als Spanien eine Großmacht war, 8. Mai 2016
Die Geschichte der Iberischen Halbinsel fristet seit jeher ein Schattendasein in der deutschen Geschichtswissenschaft. An deutschen Universitäten gibt es kaum mehr als ein halbes Dutzend Lehrstühle, die explizit der Geschichte Spaniens gewidmet sind, von der Geschichte Portugals ganz zu schweigen. Der marginale Status der historischen Spanienforschung in Deutschland spiegelt sich in der Tatsache wider, dass die Geschichte Spaniens im universitären Lehrbetrieb kaum präsent ist und nur sehr wenige deutschsprachige Einführungs- und Überblicksdarstellungen zur spanischen Geschichte verfügbar sind. Mit hohen Erwartungen nimmt man als Leser Mariano Delgados Band "Das Spanische Jahrhundert" zur Hand, der in der bekannten Buchreihe "Geschichte kompakt" erschienen ist. Delgado lehrt Kirchengeschichte an der Universität Freiburg (Schweiz). Der chronologische Rahmen seines Buches deckt jenen Zeitraum ab, in dem Spanien den Rang einer europäischen Hegemonialmacht besaß. Mit der Eroberung des maurischen Königreiches Granada 1492 gelangte die Reconquista auf der Iberischen Halbinsel zum Abschluss. Im gleichen Jahr erfolgte mit der Entdeckung Amerikas der Auftakt zur spanischen Expansion in Übersee. Wenig später avancierte Spanien unter den Habsburgern zu einem Hauptakteur des europäischen Staaten- und Mächtesystems. Unter erheblichen Anstrengungen und Belastungen bewahrte es diesen Status bis Mitte des 17. Jahrhunderts. Der Pyrenäenfrieden von 1659 besiegelte schließlich Spaniens Abstieg als europäische Großmacht. Ohne Übertreibung kann man sagen, dass das 16. Jahrhundert und die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts den bedeutendsten Abschnitt in der Geschichte Spaniens darstellen. Welches Bild vom "Spanischen Jahrhundert" vermittelt Delgado seinen Lesern?

Leider entpuppt sich das Buch als Enttäuschung auf ganzer Linie. Für die erste Beschäftigung mit der spanischen Geschichte der Frühen Neuzeit ist der Band vollkommen ungeeignet. Delgado bietet weder einen Überblick zur politischen Geschichte bzw. Ereignisgeschichte, noch behandelt er die strukturgeschichtlichen Themen, die man als Leser in einer Einführungsdarstellung erwartet: Politisches System und Verwaltung; Zusammenspiel von Krone und Ständeversammlungen (Cortes); Sozialgefüge; demographische Entwicklung; Wirtschaft. Der Charakter Spaniens als "Komposit-Monarchie" wird nicht herausgearbeitet, und es fehlt eine Analyse der Rolle Spaniens im europäischen Mächtesystem und in den Konfessionskonflikten, die im Gefolge der Reformation ausbrachen. Was soll man von einem Buch zur Geschichte Spaniens im 16. und 17. Jahrhundert halten, in dem der achtzigjährige Befreiungskampf der Niederländer gegen die spanische Herrschaft mit keinem Wort erwähnt wird? Der Inhalt des Buches steht in klarem Widerspruch zur Zielsetzung der Reihe "Geschichte kompakt", historisches GRUNDLAGENWISSEN zu vermitteln. Delgado behandelt ein Potpourri von Themen, deren Auswahl nirgendwo begründet wird und daher rätselhaft bleibt (eine Einleitung, die diese Bezeichnung verdient, fehlt). Delgados beruflicher Hintergrund als Kirchenhistoriker erweist sich als Nachteil für das Buch. In zu vielen der insgesamt 14 Kapitel geht es um Aspekte der Kirchen-, Religions- und Theologiegeschichte. Immer wieder erliegt Delgado der Versuchung, sein theologisches Spezialwissen vor dem Leser auszubreiten. Manche Kapitel hätten komplett gestrichen werden können, etwa die Kapitel 8 bis 10, in denen es um Bibelübersetzungen ins Spanische, Entwicklungstendenzen der spanischen Theologie sowie Spiritualität und Mystik geht. Das sind Spezialthemen, die im Rahmen konventioneller geschichtswissenschaftlicher Lehrveranstaltungen schwerlich behandelt werden.

In etlichen Abschnitten fallen merkwürdige Schwerpunktsetzungen auf: Im Kapitel über die Inquisition geht es hauptsächlich um die Buchzensur, weniger um die Verfolgung religiöser Abweichler. Mehrere Kapitel (5, 11, 12) sind dem Kolonialreich in der Neuen Welt gewidmet. Wie es erobert und verwaltet wurde, darüber erfährt der Leser so gut wie nichts. Delgado konzentriert sich stattdessen auf die Missionierung der Indianer und ethnographische Studien. Alle Kapitel sind von knappem Umfang, was mitunter zu Oberflächlichkeit führt. Im 13. Kapitel behandelt Delgado im Schnelldurchlauf alle Kunst- und Literaturgattungen des "Goldenen Jahrhunderts" (Siglo de oro). Auf die Architektur entfällt eine halbe Seite; die Musik muss sich mit wenigen Zeilen begnügen. Nichts wirkt abschreckender auf Studierende als exzessives Name-Dropping. Doch überall im Buch wirft Delgado unbekümmert mit den Namen von Personen und den Titeln von theologischen und literarischen Werken um sich, die allenfalls Fachleuten geläufig sind, vor allem Kirchenhistorikern und Literaturwissenschaftlern. Die habsburgischen Herrscher von Karl V. bis zu Philipp IV. sowie ihre Minister müssen sich hingegen mit Nebenrollen begnügen. Aus Sicht von Studierenden und Dozenten des Faches Geschichte ist Delgados Band weitgehend unbrauchbar, streckenweise sogar unlesbar. Manche Sätze dürften bei der intendierten Leserschaft Verwirrung und Ratlosigkeit stiften: "Die joachimitische Tradition eines Endzeitkaisers ist spätestens seit den Schriften des Arnaldo de Vilanova um 1300 auch in Spanien präsent" (S. 4). Welcher Bachelor-Studierende weiß schon auf Anhieb, dass sich das Adjektiv "joachimitisch" auf Joachim von Fiore (gest. 1202) bezieht? Und was sollen Studierende mit dem Hinweis anfangen "Bei der Reform der Dominikaner ist der Einfluss der prophetischen Spiritualität Savonarolas nicht zu unterschätzen" (S. 16)?

Wer einen Einstieg in die spanische Geschichte des 16. und 17. Jahrhunderts sucht, der wird mit Delgados Buch keine Freude haben. Delgado hat sein Thema verfehlt; er schreibt an den Bedürfnissen seiner studentischen Leserschaft vorbei. Geeignet ist der Band eigentlich nur für Leser mit einem ausgeprägten Interesse an Kirchen-, Religions- und Geistesgeschichte.


Die Reformation (Geschichte Kompakt)
Die Reformation (Geschichte Kompakt)
von Volker Leppin
  Broschiert
Preis: EUR 17,95

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Europas Aufbruch in die Neuzeit - die Reformation, 3. Mai 2016
Obwohl ihr Beginn ein halbes Jahrtausend zurückliegt, prägt die Reformation unsere Welt bis heute. Nur wenige historische Phänomene besitzen eine Wirkkraft, die noch nach Jahrhunderten zu spüren ist. Ohne die Reformation wäre die Geschichte Europas seit dem 16. Jahrhundert anders verlaufen. Die Reformation gehört zu den komplexesten historischen Vorgängen überhaupt. Das ist mehreren Faktoren geschuldet: Ihrer zeitlichen Dauer, ihrer geographischen Ausdehnung, der Vielzahl ihrer politischen, sozialen, kulturellen und religiösen Aspekte. Die Reformation war nicht auf einen einzelnen Staat oder eine bestimmte Region begrenzt, sondern erfasste den Großteil Europas. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts war die Welt für die Europäer eine andere als noch um 1500. Die mittelalterliche Christenheit hatte sich in drei große Konfessionen aufgespalten (katholisch, evangelisch-lutherisch, reformiert). Seit langem markiert die Reformation im Verständnis von Wissenschaftlern und historisch interessierten Laien den Beginn der Neuzeit. Mit Büchern über die Reformation kann man mühelos ganze Bibliotheken füllen. Angesichts der über Jahrzehnte aufgetürmten wissenschaftlichen Studien über alle nur erdenklichen Facetten der Reformation ist es für Historiker schwierig, den heutigen Forschungsstand in Synthesen zusammenzufassen. Das ist aber zwingend notwendig, wenn einem Lesepublikum jenseits der Wissenschaft nahegebracht und verständlich gemacht werden soll, was die Reformation war und warum sie auch heute noch unser Interesse und unsere Aufmerksamkeit verdient. Viele historisch interessierte Laien, aber auch Geschichtsstudierende "fremdeln" mit der Frühen Neuzeit. Ein komplexes Phänomen wie die Reformation, das sich nicht mit wenigen Sätzen erklären lässt, wirkt auf Studierende und Nicht-Fachleute einschüchternd, wenn nicht gar abschreckend. Historiker, die eine Einführungs- oder Überblicksdarstellung über die Reformation schreiben, stehen vor einer doppelten Herausforderung: Sie müssen einerseits die Kirchen- und Religions-, die Politik- und Sozial-, die Mentalitäts- und Kulturgeschichte des 16. Jahrhunderts souverän überblicken, und sie müssen andererseits ihr Fachwissen so präsentieren, dass Nicht-Fachleute möglichst keine Verständnisprobleme haben. Eine Reformationsgeschichte, die beim Leser eher Verwirrung als Klarheit schafft, hätte ihren Zweck verfehlt.

Unter den deutschen Historikern der mittleren Generation ist Volker Leppin (geb. 1966) einer der besten Kenner des Reformationszeitalters. Leppin, der Geschichte und Theologie studiert hat, verbindet die Sachkenntnis des Historikers mit der eines evangelischen Theologen, was seinem Buch anzumerken ist. Der Band ist in der Reihe "Geschichte kompakt" erschienen, die von der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft eigens für den universitären Lehrbetrieb konzipiert wurde. Damit ist klar, was der Leser zu erwarten hat: Eine gedrängte, auf das Wesentliche konzentrierte Darstellung, die Studierenden als Einstiegslektüre und Ausgangspunkt für eine vertiefte Beschäftigung mit der Reformation dienen soll. Das Buch ist in sechs Teile gegliedert. Eingangs skizziert Leppin die von Krisensymptomen gekennzeichneten Verhältnisse in der spätmittelalterlichen katholischen Kirche. Daran schließen sich Ausführungen zum intellektuellen Werdegang und zur Kirchenkritik der beiden Männer an, die die Reformation im deutschsprachigen Raum "ins Rollen brachten" und zu Begründern der beiden reformatorischen Hauptströmungen wurden, Martin Luther und Huldrych Zwingli. In diesem ersten Teil des Buches liegt der Akzent auf komplizierten theologischen Fragen, die heutzutage für Atheisten, aber vielleicht auch für manche Christen schwer zu durchschauen sind. Diese theologischen Fragen müssen aber behandelt werden, weil sie den inneren Kern der Reformation ausmachen. Würde man sie nicht behandeln, um den Leser zu "schonen", so würde unklar bleiben, was den Anstoß zur Reformation gab. Leppin berührt auch philosophische Aspekte, die für das Verständnis der Reformation von Bedeutung sind, etwa das Spannungsverhältnis zwischen aristotelisch und platonisch beeinflusster Philosophie. Die Teile 2 bis 6 des Buches lesen sich leichter, da theologische Fragen nur noch gelegentlich auftauchen. Die Darstellung folgt einem vorhersehbaren Schema: Zunächst schildert Leppin die Ausbreitung der Reformation im städtischen Raum. In Teil 3 analysiert er, wie die Reformation während der Regierung Kaiser Karls V. zum Gegenstand der "hohen" Politik im Heiligen Römischen Reich avancierte. Leppin behandelt alle politik-, sozial- und kirchengeschichtlichen Aspekte, die mit der Reformation verbunden sind. Auf diese Weise entsteht das Bild eines Prozesses bzw. Vorganges, der die Gesellschaft umfassend durchdrang und veränderte. Leppin arbeitet die enorme Dynamik der Reformation heraus, die schon ab einem frühen Zeitpunkt nicht mehr aufzuhalten war, spätestens ab dem Moment, als sich etliche deutsche Landesherren (z.B. Kurfürst Johann von Sachsen, Landgraf Philipp von Hessen) auf die Seite der Reformer schlugen.

Im vierten Teil geht Leppin auf die europäischen Dimensionen der Reformation ein, die im Heiligen Römischen Reich begann, nach und nach aber auch viele europäische Staaten erfasste, vor allem im Westen und Norden. Mit knappen Strichen zeichnet Leppin ein Bild von den Besonderheiten der Reformation in Skandinavien, Frankreich und England. Ein eigenes Kapitel ist der reformierten (calvinistischen) Reformation gewidmet, die von Genf ihren Ausgang nahm. Im fünften Teil behandelt Leppin das Konzil von Trient (1545-1563) und den Beginn der katholischen Gegenreformation. Im sechsten und letzten Teil wendet sich Leppin erneut dem Geschehen im Heiligen Römischen Reich zu. Die Darstellung endet mit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555. Der Religionsfrieden markiert den Endpunkt des Kampfes um eine Eindämmung der Reformation. Der bikonfessionelle Charakter des Reiches - hier die Katholiken, dort die Evangelischen (Protestanten) - wurde offiziell anerkannt. Leider fehlt in der Reihe "Geschichte kompakt" ein Band, der in europäischer Gesamtschau das sogenannte "konfessionelle Zeitalter" behandelt und als Fortsetzung zu Leppins Buch dienen könnte. Die Folge- und Langzeitwirkungen der Reformation - man denke nur an die Religionskriege in Frankreich oder den Dreißigjährigen Krieg - bleiben bei Leppin außen vor. Volker Leppin hat seine Aufgabe gut gemeistert. Sein Buch ist nicht perfekt, was jedoch nicht dem Unvermögen des Autors, sondern dem schwer handhabbaren Thema geschuldet ist. Leppins nüchterne und schnörkellose Darstellung ist konventionell, sowohl in der Faktenvermittlung als auch in der Interpretation. Sie präsentiert gesichertes Wissen in kompakter Form. Mit nur vier Seiten fällt die kommentierte Bibliographie zu knapp aus (es wird beispielsweise kein einziger Titel zur Reformation in Frankreich genannt). Im Segment der Einführungs- und Überblicksdarstellungen zur Reformation wird das Buch sicher seinen festen Platz finden. Wer sich eine Reformationsgeschichte wünscht, die sich den Akteuren, Ereignissen und Prozessen explizit erzählend nähert, der muss anderswo suchen. Schon jetzt darf man gespannt sein, ob die absehbare Publikationsflut anlässlich des Reformationsjubiläums 2017 "große", d.h. erzählend angelegte Gesamtdarstellungen zur Reformation in Deutschland und Europa hervorbringen wird, die für ein breites Publikum geeignet sind.


Die Merowinger (Urban-Taschenbücher, Bd. 748)
Die Merowinger (Urban-Taschenbücher, Bd. 748)
von Sebastian Scholz
  Taschenbuch
Preis: EUR 28,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Die Merowinger. Ein Herrschergeschlecht zwischen Spätantike und Frühmittelalter, 28. April 2016
Die Merowinger gehören zu jenen Dynastien der europäischen Geschichte, die jeder historisch interessierte Mensch kennt, über die man aber wenig Konkretes zu sagen weiß. Man assoziiert mit den Merowingern die Übergangszeit zwischen Spätantike und Frühmittelalter. Die Geschichte dieses fränkischen Herrschergeschlechtes ist seit jeher ein schwieriger Gegenstand für Historiker. Das ist der dürftigen Quellenlage geschuldet. Nur wenige erzählende Quellen aus der Merowingerzeit sind erhalten geblieben, etwa die Geschichtswerke des Bischofs Gregor von Tours und des Fredegar. Die einzelnen merowingischen Könige werden als Individuen und Persönlichkeiten nicht greifbar. Historiker können kaum mehr tun, als ein rudimentäres Gerüst der Ereignisgeschichte zu rekonstruieren. Viele Aspekte der Geschichte des Frankenreiches unter den Merowingern sind auch heute noch unklar und schemenhaft. Der Topos vom "dunklen Mittelalter" hat im Falle der Merowinger immer noch eine gewisse Berechtigung, wenn man ihn auf die problematische Quellenlage bezieht. Einer Annäherung an die Geschichte des Frankenreiches zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert sind enge Grenzen gesetzt. Umso bemerkenswerter ist es, dass in jüngster Zeit etliche neue Gesamtdarstellungen zur Geschichte der Merowinger erschienen sind. Zu den älteren Darstellungen von Eugen Ewig und Patrick Geary sind die Bücher von Martina Hartmann und Matthias Becher hinzugekommen. Nun hat auch der Kohlhammer-Verlag ein neues Merowinger-Buch herausgebracht. Was der Verlag und der Autor, Sebastian Scholz, damit bezwecken, ist allerdings unklar. Erst vor vier Jahren erschien bei Kohlhammer der "Klassiker" von Eugen Ewig in sechster Auflage. Seit der Erstveröffentlichung 1988 war Ewigs Buch "Die Merowinger und das Frankenreich" das Standardwerk für alle, die sich einen Überblick über die Geschichte der Merowinger verschaffen wollten. Inhaltlich sind Ewigs und Scholz’ Bücher weitgehend deckungsgleich. Nun machen sie sich gegenseitig Konkurrenz - eine merkwürdige Situation.

Scholz bietet eine konventionelle Darstellung der Merowinger-Zeit. Er schlägt einen Bogen von der Ethnogenese des fränkischen Volkes und der Landnahme der Franken in Gallien über die schrittweise Errichtung des Frankenreiches bis hin zum allmählichen Niedergang der merowingischen Dynastie seit dem letzten Drittel des 7. Jahrhunderts. So wie die Franken aus dem Dunkel der Geschichte gekommen waren, so sanken die letzten Merowinger-Könige ins Dunkel der Geschichte zurück. Die letzten Vertreter der Dynastie besaßen keine Macht mehr. An ihrer Stelle regierten die sogenannten Hausmeier. Mitte des 8. Jahrhunderts erfolgte der Dynastiewechsel zu den Karolingern. Scholz behandelt alle wichtigen Aspekte, die zu einer Geschichte der Merowinger gehören: Das Verhältnis zwischen Franken und Gallorömern in der Spätantike; die fränkische Landnahme in Gallien und der Aufbau des Frankenreiches unter Chlodwig und seinen Nachfolgern; Auseinandersetzungen zwischen Franken und anderen Germanenreichen (Westgoten, Burgunder); die Beziehungen zu Byzanz; königliche Herrschaft und Rechtswesen; Kirche und Religion. Die Entwicklung der Kirche auf fränkischem Boden erfährt bei Scholz besondere Berücksichtigung. Ob gerade dieser Aspekt für Studierende und historisch interessierte Laien von vordringlichem Interesse ist, erscheint allerdings zweifelhaft. Die Schilderung von Bischofssynoden und das Referieren von Synodalbeschlüssen nehmen im Buch zu viel Raum ein. Ausführlich geht Scholz auf die innerdynastischen Zwistigkeiten der Merowinger ein. Die Machtkämpfe und Gewalttaten unter den Nachfolgern Chlodwigs waren im 19. Jahrhundert ein beliebtes Thema der Historienmalerei. Immer wieder kam es unter den Merowingern zu Erbteilungen, die zu Rivalitäten führten und sich destabilisierend auf das Reich auswirkten. Brüder kämpften gegen Brüder, Vettern gegen Vettern, Onkel gegen Neffen. Im Gewirr der endlosen Konflikte zwischen den Familienzweigen geht der Überblick schnell verloren. Die fremd klingenden Personennamen tun ein Übriges, um Verwirrung zu stiften. Auch aus diesem Grund ist die Geschichte der Merowinger kein besonders dankbarer Gegenstand für Historiker.

Das Buch endet, ohne dass Scholz eine Bilanz zieht. Übergeordnete Fragen interessieren ihn nicht. Welche Bedeutung für die Geschichte (West-)Europas kommt den Merowingern aus heutiger Sicht zu? Warum muss man sich heute noch mit ihnen beschäftigen? Sind Eroberungen, Machtkämpfe, Intrigen und Morde alles, was an ihnen erinnernswert ist? Das von Chlodwig begründete Frankenreich war, um Friedrich Prinz zu zitieren, "die Keimzelle Europas". Aus römischem und fränkischem Erbe entstanden neue Lebens- und Herrschaftsformen, die Europa für Jahrhunderte prägten. Eine Geschichte des Frankenreiches unter den Merowingern bietet die Gelegenheit, nach Kontinuitäten und Brüchen im Übergang von der Spätantike zum Frühmittelalter zu fragen. Scholz setzt sich nirgendwo explizit mit dieser Frage auseinander. Zwar macht er hier und da deutlich, dass der Untergang des Römischen Reiches nicht mit dem Verfall jeglicher Kultur und Zivilisation gleichzusetzen ist. Das Frankenreich mag "archaisch" und "primitiv" anmuten, aber man darf die Archaik nicht überzeichnen. Wie Scholz zeigt, griffen die Merowinger Elemente der römischen Verwaltungs- und Steuerpraxis auf. Das Frankenreich war in den internationalen Handel eingebunden. Eine schmale Elite kümmerte sich um die Pflege des antiken Bildungserbes. Es hätte nicht geschadet, wenn Scholz sich nicht nur auf die politische Geschichte und die Kirchengeschichte konzentriert, sondern abschließend auch die Frage nach der Bedeutung des merowingischen Frankenreiches für die weitere Geschichte Europas erörtert hätte. Bei anderen Autoren und Mediävisten (z.B. Friedrich Prinz, Arnold Angenendt) findet man dazu interessante Überlegungen. Scholz bietet dem Leser nichts, was eine Bevorzugung seines biederen und anspruchslosen Buches gegenüber anderen Werken über die Merowinger rechtfertigt.


Richelieu (Profiles In Power)
Richelieu (Profiles In Power)
Preis: EUR 29,81

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Eine immer noch lesenswerte Einführung in Leben und Politik des Kardinals Richelieu, 18. April 2016
Seit fast 30 Jahren erscheinen in der bekannten Buchreihe "Profiles in Power" knappe, eher analytisch als erzählend angelegte Biographien bedeutender Herrscher und Politiker der Weltgeschichte. Zu den frühen Bänden gehört die Studie des britischen Historikers Robert Knecht über Kardinal Richelieu. Das Buch ist 1991 erschienen und wurde mehrfach nachgedruckt. Auch heute ist es noch als Print-on-demand erhältlich. Im angelsächsischen Raum hat sich Knechts handliche Studie rasch als Standardwerk durchgesetzt. Sie eignet sich vorzüglich als Einstiegslektüre für all jene, die sich erstmals näher mit Richelieu beschäftigen wollen. Auch deutsche Leser können das Buch mit Gewinn lesen, und das umso mehr, als es hierzulande nach wie vor an brauchbaren Büchern über Richelieu fehlt, seien es Überblicksdarstellungen, seien es umfassende Biographien. Robert Knecht ist eigentlich ein Experte für die französische Geschichte des 16. Jahrhunderts. Das Richelieu-Buch ist sein einziger "Abstecher" ins 17. Jahrhundert. Zwar ist das Buch erschienen, bevor der britische Historiker Nicholas Henshall eine internationale geschichtswissenschaftliche Debatte über das Absolutismus-Konzept auslöste ("The Myth of Absolutism", 1992), aber das heißt nicht, dass Knechts Werk überholt wäre. Es empfiehlt sich, Knechts Buch zusammen mit David Sturdys Studie über die Kardinäle Richelieu und Mazarin zu lesen, die 2004 in der Buchreihe "European History in Perspective" erschienen ist. Beide Bände ergänzen einander sehr gut. Während Sturdy einen längeren Zeitraum behandelt und kräftig am traditionellen Bild von Richelieu als Schöpfer des Absolutismus rüttelt, geht Knecht in seinem Richelieu-Buch auf etliche Aspekte ein, die bei Sturdy aus Platzgründen nur gestreift werden oder gar nicht vorkommen.

Kardinal Richelieu war sowohl zu seinen Lebzeiten als auch nach seinem Tode eine äußerst umstrittene historische Figur. Voltaire nannte ihn den "roten Tyrannen". Romanciers und Historiker des 19. und frühen 20. Jahrhunderts verteufelten ihn als verschlagenen Ränkeschmied und herrschsüchtigen Despoten, der Frankreich unter seine Knute gezwungen und mit harter Hand regiert habe. Manche Historiker sahen in Richelieu den ersten Diktator der europäischen Geschichte. Der Kardinal zog aber auch immer wieder unkritische Bewunderung auf sich. Er wurde in anachronistischer Weise zum Schöpfer des modernen französischen Nationalstaates stilisiert. Robert Knecht schlägt einen Mittelweg zwischen Verdammung und Verklärung ein. Die einseitigen Urteile und Wertungen älterer Zeiten, sowohl positive als auch negative, lässt er hinter sich. Er arbeitet heraus, wie widersprüchlich Richelieu als Mensch und Politiker war. Angesichts dieser Widersprüchlichkeit verbietet sich jegliche Schwarz-Weiß-Malerei, jegliches Jonglieren mit simplen, griffigen Formeln. Knecht hat ein Gespür für Zwischentöne. Er benennt Stärken und Schwächen des Kardinals und zeichnet ein Bild von Richelieus Leistungen, das Erfolgen und Misserfolgen gleichermaßen gerecht wird. Knecht sieht in Richelieu kein politisches Genie, keinen visionären Staatsmann. Er macht deutlich, dass die Handlungs- und Gestaltungsspielräume des Kardinals begrenzt waren. Vielfältige strukturelle Zwänge und Hemmnisse behinderten Richelieu in der Innen- und Außenpolitik. Der Kardinal hatte ambitionierte Ziele (Stärkung der Krone; Verbesserung von Frankreichs Position im europäischen Mächtesystem durch Schwächung der Habsburger), doch nachhaltige innen- und außenpolitische Erfolge blieben ihm weitgehend versagt. Sein Werk, so man diesen Begriff verwenden möchte, war nicht vollendet, als er 1642 starb. Es fortzuführen und zu vollenden blieb seinem Nachfolger Kardinal Mazarin und Ludwig XIV. vorbehalten. Knecht verweist auf die enormen Kosten, die mit Richelieus Außenpolitik und Frankreichs Teilnahme am Dreißigjährigen Krieg verbunden waren. Die finanziellen Lasten des Krieges führten zu Unruhen und Revolten; drängende innenpolitische Reformen wurden den Erfordernissen des Krieges untergeordnet und aufgeschoben. Wenige Jahre nach Richelieus Tod geriet die Monarchie während der Fronde (1648-1653) in eine tiefe Krise.

Auf knapp 220 Seiten entwirft Knecht ein facettenreiches Porträt des Ministers und Kirchenfürsten Richelieu. Die ersten drei Kapitel sind chronologisch angelegt. Sie schildern Richelieus Weg in die Politik und seinen Aufstieg zum Ersten Minister Ludwigs XIII. Die restlichen Kapitel sind thematisch angelegt. Nacheinander behandelt Knecht alle wichtigen Aspekte von Richelieus Innen- und Außenpolitik: Konflikte mit dem Adel; Kampf gegen die Hugenotten; Teilnahme Frankreichs am Dreißigjährigen Krieg (erst verdeckt, ab 1635 offen); Finanz- und Steuerpolitik; Verhältnis zwischen Krone, Parlamenten (Gerichtshöfen) und Ständeversammlungen; Aufbau der Kriegsmarine sowie Maßnahmen zur Förderung von Schiffahrt und Handel; Kulturpolitik und Steuerung der öffentlichen Meinung. Zu guter letzt wirft Knecht erhellende Schlaglichter auf Richelieus Aktivitäten als Bauherr, Kunstsammler und Mäzen. Auch das Geschick, mit dem Richelieu ein riesiges Vermögen erwarb, wird gewürdigt. Der Kardinal war alles andere als ein selbstloser und uneigennütziger Diener der Krone. Er war durch und durch ein Politiker der Frühen Neuzeit, d.h. er nutzte alle erdenklichen Möglichkeiten, um Besitz und Prestige seiner Familie zu mehren. Knecht gehört zu jenen Historikern, die bezweifeln, dass Richelieu von der "modernen" Idee der Staatsräson geleitet wurde. Unter Verweis auf Richelieus "Politisches Testament" arbeitet er heraus, dass der Kardinal einem vormodernen, religiös geprägten Staats-, Gesellschafts- und Politikverständnis verhaftet war. Richelieu sah seine Hauptaufgabe darin, für die Stabilität der gottgewollten Ständegesellschaft zu sorgen und die ungeteilte Machtfülle des Königtums aufrechtzuerhalten. Moderne politische Konzepte und Vorstellungen mag Knecht bei Richelieu nicht erkennen.

Robert Knechts Studie kann eine umfassende Richelieu-Biographie nicht ersetzen. Erzählerischen Schwung und unterhaltsame Anekdoten bietet das Buch nicht. Das ist der Konzeption der Reihe "Profiles in Power" geschuldet. Knechts gedrängte und zugespitzte Darstellung ist als Startpunkt für eine Beschäftigung mit Richelieu gedacht. Knecht weckt beim Leser ein Gespür für die Komplexität der Aufgaben, mit denen Richelieu als Politiker konfrontiert war. Zugleich bietet er einen faszinierenden Einblick in Richelieus Aktivitäten jenseits der Politik. Gerade die wahrhaft barocke Vielfalt seiner Interessen und Leidenschaften lässt den Kardinal als Staatsmann der Vormoderne erscheinen. Die kommentierte Bibliographie enthält eine Fülle von Hinweisen auf Spezialliteratur zu allen im Buch behandelten Themen. Angesichts seines Alters bewegt sich das Buch natürlich nicht auf der Höhe des Forschungsstandes. Neuere französische Richelieu-Biographien wie die von Roland Mousnier (1992) und Françoise Hildesheimer (2004) hat Knecht nicht verarbeiten können. Er benutzt den Absolutismus-Begriff unbefangener als David Sturdy, in dessen Buch die von Nicholas Henshall ausgelöste Debatte deutliche Spuren hinterlassen hat. Knechts Buch ist aber immer noch eine exzellente Überblicksdarstellung zum Werdegang und zur Innen- und Außenpolitik des Kardinals Richelieu. Man sollte es aber nicht isoliert lesen, sondern in Verbindung mit neueren Arbeiten. Kritisch anzumerken ist, dass Knecht an vielen Stellen zu viel Vorwissen beim Leser voraussetzt. Zu oft werden obskure Personen und Sachverhalte erwähnt, ohne dass eine angemessene (knappe) Erläuterung erfolgt, die dem Leser das Verständnis erleichtert. Bedauerlich ist auch, dass Knecht sowohl im Haupttext als auch im Epilog kaum ein Wort über Kardinal Mazarin verliert, der von Richelieu gezielt als Nachfolger aufgebaut wurde. Wer wissen will, wie Mazarin mit Richelieus schwierigem Erbe umging, der sollte David Sturdys Buch zu Rate ziehen.


Mr Churchill's Profession
Mr Churchill's Profession
von Peter Clarke
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 6,60

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Winston Churchill - Staatsmann und Schriftsteller, 31. März 2016
Rezension bezieht sich auf: Mr Churchill's Profession (Gebundene Ausgabe)
Winston Churchills lange, ereignisreiche und wechselvolle Karriere als Politiker lässt leicht vergessen, dass Churchill Zeit seines Lebens auch ein überaus produktiver Autor war. Die Gesamtausgabe seiner Werke - Bücher, Reden, Artikel - umfasst nicht weniger als 34 Bände. Im Jahr 1953 erhielt Churchill den Nobelpreis für Literatur. Doch von wenigen Ausnahmen abgesehen sind alle seine Werke in Vergessenheit geraten. Der Autor Churchill wird seit langem vom Staatsmann Churchill überschattet. Mit seinem Buch ruft der britische Historiker Peter Clarke in Erinnerung, dass Churchill für mehr als 50 Jahre zwei parallele Karrieren verfolgte, eine politische und eine schriftstellerische. Selbst als er Ministerposten bekleidete, nahm das Schreiben einen Großteil seiner Zeit in Anspruch. Clarke betont, dass Churchill nicht aus Spaß an der Freude oder zum bloßen Zeitvertreib schrieb, sondern weil er zwingend auf die Vorschüsse und Honorare angewiesen war, die seine britischen und amerikanischen Verlage ihm zahlten. Churchill war von Haus aus nicht vermögend. Ähnlich wie seine Eltern lebte er weit über seine Verhältnisse. Die Gehälter, die er als junger Kavallerie-Offizier und später als Minister bezog, reichten nicht aus, um den aufwändigen Lebensstil zu finanzieren, den Churchill pflegte. Clarke bietet faszinierende Einblicke in die Extravaganzen, die Churchill sich leistete. Alljährlich gab er ein kleines Vermögen für Wein, Spirituosen und Champagner aus. Der 1922 gekaufte Landsitz Chartwell erwies sich als Fass ohne Boden; Modernisierung und Unterhalt des Anwesens verschlangen Unsummen. Churchill hatte keine andere Wahl, als sein Ministergehalt durch Nebeneinkünfte aufzubessern. Von 1929 bis 1939, als er kein politisches Amt innehatte, waren die Honorare für Bücher, Vorträge und Artikel sogar seine einzige Einnahmequelle. Man kann nur darüber staunen, dass Churchill in diesem Jahrzehnt als Autor genug Geld verdiente, um nicht nur sich und seine Familie zu versorgen, sondern auch das Dienstpersonal in Chartwell und den Stab von Sekretärinnen und Assistenten zu entlohnen, der ihm zuarbeitete. Allerdings betrieb Churchill seine Schriftstellerei unter sehr günstigen Bedingungen. Schon vor dem Ersten Weltkrieg war er so prominent, dass er keine Probleme hatte, für seine Bücher Verleger und Käufer zu finden. Schon relativ früh konnte sich Churchill sicher sein, dass keines seiner Bücher ein Misserfolg werden würde.

In Churchills Nachlass bzw. Privatarchiv hat Clarke eine Vielzahl von Dokumenten gefunden, die wichtige Aspekte von Churchills schriftstellerischer Tätigkeit beleuchten: Verhandlungen mit Verlagen beiderseits des Atlantiks; Vorschuss- und Honorarzahlungen; die Arbeit an großen Buchprojekten mit einem Stab von Assistenten. Churchill war ein Autor, der zu epischer Breite und ungezügelter Weitschweifigkeit neigte. Seine Hauptwerke sind allesamt mehrbändig: Die Memoiren über den Ersten und Zweiten Weltkrieg; die Biographie seines Ahnherrn John Churchill, Herzog von Marlborough (1650-1722); die "History of the English-Speaking Peoples". Diese Projekte konnte Churchill nur bewältigen, weil ihm ein Team von Assistenten zur Seite stand. Erstmals griff Churchill in den 1920er Jahren auf einen Assistenten zurück, als er seine fünfbändigen Memoiren über den Ersten Weltkrieg schrieb. Clarke untersucht Churchills gesamte schriftstellerische Karriere. Schon mit Mitte 20 hatte Churchill mehrere Bücher über seine Erlebnisse als Offizier und Kriegsberichterstatter in Indien und Afrika veröffentlicht. Mit seiner Publikationstätigkeit verfolgte der junge Churchill zwei Ziele: Zum einen wollte er sich einen Namen machen und die Weichen für eine politische Karriere stellen; zum anderen wollte er seine bescheidenen Mittel durch Nebeneinkünfte aufbessern. Beides gelang ihm bravourös. Auch nach seinem Aufstieg zum Minister (1908) legte er die Feder nicht aus der Hand. Er verstand sich als professioneller Autor, nicht als Amateur- oder Gelegenheitsschriftsteller. Clarke behandelt alle wichtigen Buchprojekte, an denen Churchill im Laufe seines Lebens arbeitete, darunter auch die Biographie seines Vaters Randolph Churchill (1906). Um möglichst hohe Einnahmen zu erzielen, schrieb Churchill seine Bücher so, dass sie für ein großes Publikum geeignet waren. Auch hatte er stets den lukrativen amerikanischen Markt im Blick. Churchills staunenswerte Produktivität und eiserne Arbeitsdisziplin verdienen Bewunderung, ebenso die Chuzpe, mit der er seinen Verlegern stattliche Vorschüsse abrang. Bei den nach 1945 veröffentlichten Werken muss man in Rechnung stellen, dass sie sich quasi von selbst verkauften. Der Autor Churchill profitierte enorm vom Nimbus des Staatsmannes Churchill. Schon in den 1920er und 1930er Jahren einer der bestbezahlten Schriftsteller seiner Zeit, erzielte Churchill in hohem Alter dank exorbitanter Vorschüsse und Honorare Einkünfte, die sich - auf die heutige Zeit umgerechnet - auf mehrere Millionen Pfund beliefen.

Die Entstehung zweier Werke beleuchtet Clarke eingehender. In den 1930er Jahren arbeitete Churchill parallel an der Marlborough-Biographie und an der "History of the English-Speaking Peoples". Nur die Marlborough-Biographie kann heute noch mit Gewinn gelesen werden. Das ist umso bemerkenswerter, als Churchill kein Geschichtsstudium absolviert hatte und kein professioneller Historiker war. Die fehlende Fachkompetenz machte er wett durch intensive Nutzung des Archivs der Familie Spencer-Churchill auf Schloss Blenheim. Die "History of the English-Speaking Peoples" wurde in den frühen 1930er Jahren konzipiert. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges lag ein Rohmanuskript vor, das nach 1945 mehrfach von Historikern überarbeitet und schließlich von 1956 bis 1958 veröffentlicht wurde. Den Wert dieses letzten großen Werkes schätzt Clarke gering ein. Churchill war dem Geschichtsbild des 19. Jahrhunderts verhaftet, und seine "History of the English-Speaking Peoples" war in den 1950er Jahren methodisch und inhaltlich bereits hoffnungslos veraltet. Die Bearbeitung des Manuskripts durch Fachleute änderte daran nichts. Ganz im Sinne der sogenannten "Whig Interpretation of History" verstand Churchill die Geschichte der anglophonen Völker als Geschichte eines ruhmreichen Kampfes für Rechtsstaatlichkeit, Liberalismus und parlamentarische Demokratie. Der Zweite Weltkrieg bestärkte Churchill in der Überzeugung, es sei die historische Mission der angelsächsischen Völker, die Welt vor Tyrannei und Barbarei zu schützen. Churchills Bücher mögen heutigen Lesern nichts mehr zu sagen haben. Sie sind aber dennoch von Bedeutung, denn sie spiegeln Churchills Persönlichkeit wider, sein Denken und sein Geschichtsverständnis. Wer sich ernsthaft mit dem Menschen Churchill beschäftigt, der kann den Autor Churchill nicht ignorieren. Das Schreiben war eine der großen Leidenschaften in Churchills Leben, neben der Politik und der Malerei (die ein reines Hobby war und von Churchill niemals in kommerzieller Absicht betrieben wurde). Peter Clarkes Buch ist all jenen zu empfehlen, die sich nach der Lektüre einer konventionellen Churchill-Biographie näher mit dem Autor Churchill befassen wollen. Zu kritisieren gibt es an Clarkes Buch nur wenig: Es hätte nicht geschadet, wenn Clarke ausführlicher auf die zeitgenössische Rezeption von Churchills Büchern eingegangen wäre. Es ist viel von Verkaufszahlen und Honoraren die Rede, aber wenig davon, wie Presse und Öffentlichkeit Churchills Bücher aufnahmen. Ein grundsätzliches Problem des Buches besteht darin, dass Clarke über Werke schreibt, die heute kaum noch jemand kennt. Mehr Informationen zum Inhalt der behandelten Bücher wären daher hilfreich gewesen.


Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11-15